{"id":2971,"date":"2014-03-20T11:10:51","date_gmt":"2014-03-20T09:10:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2971"},"modified":"2014-03-20T11:10:51","modified_gmt":"2014-03-20T09:10:51","slug":"deutsche-gegenwartsliteratur-eine-weitere-streitschriftvon-sven-gringmuth20-3-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/03\/20\/deutsche-gegenwartsliteratur-eine-weitere-streitschriftvon-sven-gringmuth20-3-2014\/","title":{"rendered":"Deutsche Gegenwartsliteratur: eine weitere Streitschriftvon Sven Gringmuth20.3.2014"},"content":{"rendered":"<p>Neue alte Schule: Marx und Rimbaud<!--more--><\/p>\n<p>Ende Januar diesen Jahres kommentierte Florian Kessler das brav-konformistische Treiben der jungen Arzts\u00f6hne im deutschen Literaturbetrieb f\u00fcr die <a title=\"artikel kessler\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/04\/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbZeit<\/a>\u00ab. Etwas \u00fcber eine Woche sp\u00e4ter antwortete Christoph Schr\u00f6der in der <a title=\"artikel kessler\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/04\/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bb<\/a><a title=\"artikel schr\u00f6der\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2014-01\/gegenwartsliteratur-debatte-replik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeit<\/a>\u00ab auf den Beitrag und warf Kessler und seinen Unterst\u00fctzern Unkenntnis und Selbstinszenierung vor. Das deutsche Feuilleton reagierte eilig \u2013 von \u00bbtaz\u00ab bis \u00bbFAZ\u00ab zogen Kommentatoren nach. Lesenswert ist da eigentlich nicht viel, die prominentesten Beitr\u00e4ge stammen wohl aus den Federn von Maxim Biller (wiederum in der <a title=\"artikel kessler\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/04\/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bb<\/a><a title=\"artikel biller\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/09\/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeit<\/a>\u00ab), der die These aufstellt, der Literaturbetrieb in Deutschland leide vor allem darunter, dass Autoren mit Migrationshintergrund nicht wahrgenommen oder abgedr\u00e4ngt werden, und Dietmar Dath (in der <a title=\"artikel faz\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/dietmar-dath-antwortet-auf-maxim-biller-wenn-weissbrote-wie-wir-erzaehlen-12812701.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbFAZ<\/a>\u00ab), der ihm so energisch wie polemisch widerspricht.<\/p>\n<p>Das Schl\u00fcsselwerk in der gegenw\u00e4rtigen Auseinandersetzung: Enno Stahls hervorragendes Buch \u00bbDiskurspogo. \u00dcber Literatur und Gesellschaft\u00ab (Verbrecher Verlag; Berlin, 2013). Auch Stahls Beitr\u00e4ge zur Debatte f\u00fcr die \u00bbtaz\u00ab im <a title=\"artikel stahl\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=me&amp;dig=2014\/01\/23\/a0154\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Januar<\/a> und <a title=\"artikel stahl\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=tz&amp;dig=2014%2F02%2F10%2Fa0101\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Februar<\/a> verweisen auf den, in \u00bbDiskurspogo\u00ab ausgiebig behandelten, wichtigen Zusammenhang von neuen Arbeitsorganisationsformen und der expliziten Nicht-Wahrnehmung und -Thematisierung dieser Verschiebungen in der Gegenwartsliteratur. Stahl in der \u00bbtaz\u00ab:<\/p>\n<p>\u00bb(\u2026) die Stromlinienf\u00f6rmigkeit der jungen deutschen Gegenwartsliteratur liegt nicht allein in der Erfolgsorientiertheit ihrer Verfasserinnen und Verfasser begr\u00fcndet. Sie ist Ergebnis ihres schichtenspezifischen Horizonts (\u2026) Literatur wird hierzulande von Menschen produziert, vermarktet und rezipiert, die aus gut situierten Verh\u00e4ltnissen stammen\u00ab.<\/p>\n<p>Dass die Debatte um das, was Literatur\/Kunst kann oder soll, freilich schon sehr viel \u00e4lter ist, ist kaum der Rede wert. Dennoch \u2013 an dieser Stelle eine (ebenso polemische wie durchaus politische) Erinnerung an zwei Texte, die die derzeitige Auseinandersetzung gewiss bereichern k\u00f6nnten, w\u00fcrde man sich ihrer erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Know your enemy<\/p>\n<p>Martin Walser schrieb, als er sich noch als Marxist (wenn auch in einem eingeschr\u00e4nkten Sinne) verstand und in DKP-Kreisen herumtrieb, hier und da f\u00fcr Enzensbergers \u00bbKursbuch\u00ab. Dort erschien der Essay \u00bb\u00dcber die Neueste Stimmung im Westen\u00ab im Jahre 1970. Volker Braun hielt am 4. Mai 1984 in Mainz, vor der \u203aAkademie der Wissenschaften und der Literatur\u2039, einen Vortrag mit dem Titel \u00bbRimbaud. Ein Psalm der Aktualit\u00e4t\u00ab. Der Vortrag erschien 1985 im Verlag ebenjener Akademie und wurde als \u00bbRimbaud-Essay\u00ab in Ost und West bekannt.<\/p>\n<p>Worin besteht die Gemeinsamkeit dieser Schriften? Beide sind Kampfschriften, haben Manifest-Charakter und richten sich gegen ein und denselben Feind: den romantischen Antikapitalismus und seine \u00e4sthetischen Auspr\u00e4gungen. Im Westen: Leslie A. Fiedler, Peter Handke, Rolf-Dieter Brinkmann und die Hippies. Im Osten: Sascha Anderson, Durs Gr\u00fcnbein und die Existentialisten der Prenzlauer-Berg-Szene.<\/p>\n<p>Beiden Texten gemein ist zudem, dass sie (verfolgt man also die Debatte um den Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur) aktueller denn je sind und sich ganz hervorragend als scharfe Waffe gegen ausschlie\u00dflich selbstreferentielle Heulsusen-Literatur (ich schlie\u00dfe Songtexte ein) in Stellung bringen lassen, die sich als subkulturelle Bescheidwisser-Attit\u00fcde tarnt und in Wirklichkeit nur der letzte \u00e4sthetische Schrei kleinb\u00fcrgerlicher Fluchtbewegungen (nach innen) ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Drau\u00dfen ist feindlich<\/p>\n<p>Flucht wovor? Flucht doch nur vor den sich stetig verschlechternden gesellschaftlichen Bedingungen im immer sp\u00e4ter werdenden Sp\u00e4tkapitalismus, die einem jeden noch mehr Flexibilit\u00e4t, Leistungssteigerung, Mobilit\u00e4t und Unterwerfung abverlangen und antrainieren. Nach dem weltweiten Sieg des Imperialismus gibt es keinen R\u00fcckzugsort au\u00dferhalb mehr. Der Kapitalismus ist allumfassende Totalit\u00e4t im geographischen Sinne geworden. Nowhere to run. Entfremdung und Verdinglichung von Kapstadt bis Reykjavik, von Wladiwostok bis Haight Ashbury.<\/p>\n<p>Der Weg nach innen ist der letzte verbliebene, den die Fl\u00fcchtenden sehen. Ein romantischer Antikapitalismus, der die Generation Neon durch die Nacht bringen soll \u2013 noch mehr Tr\u00e4ume, Utopien, Drogen, Kryptisches. Ideologie ist im gleichen Ma\u00dfe verfemt, in dem die Postmoderne lehrte, dass es keine Wahrheit gibt. Alles Intrigen, alles L\u00fcge wohin man sich wendet (kein Wunder, dass die Verschw\u00f6rungstheorienindustrie boomt\u2026).<\/p>\n<p>\u00bbDas System erzeugt zwar Unwissenheit \u00fcber sich selbst\u00ab schrieb Walser, \u00bbaber es produziert gerade durch die F\u00fclle der in ihm konkurrierenden Meinungen bei den meisten auch ein Gef\u00fchl der Unwissenheit, der Inkompetenz, der Unsicherheit und Angst. Davon leben dann wieder andere, privilegierte Meinungsmacher: sogenannte Experten\u00ab.<\/p>\n<p>Und denen wird das Feld komplett \u00fcberlassen. Jedem seine Sache: Den \u203aExpertenregierungen\u2039 die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in Europa, den Stark\u00f6chen die Rezepte, den Hochglanz-Magazinen die Ideen f\u00fcr die Innenausstattung der gemeinsamen P\u00e4rchen-Wohnung, den Beziehungsberatern das Fixieren des gemeinsamen Gl\u00fccks, dem \u00bbStern\u00ab \u00a0oder \u00bbSpiegel\u00ab die eigene Meinung. Ich \u00fcbergebe mich (im umfassenden Sinne).<\/p>\n<p>\u00bbEine der am besten ern\u00e4hrten Meinungen besagt, dass in diesem System keine einzelne Meinung und nicht die Meinung eines Einzelnen den Ausschlag gebe, sondern da\u00df gehandelt werde nach der Meinung einer Majorit\u00e4t. Diese Meinung wird von denen verbreitet, die die einflu\u00dfreichsten Apparate zur Verbreitung ihrer Meinung haben\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ich-Maschine<\/p>\n<p>Was also tun? Nichts. Sich sehnen \u2013 nach sich Selbst und anderen, besseren Zeiten (\u2026klingt gut). Der Banksy an der Wand und die \u00bbLondon Calling\u00ab auf dem Plattenteller bescheinigen die Sehnsucht und machen Desengagement \u00bbzur letzten noch m\u00f6glichen Tugend\u00ab. Was ist das \u00e4sthetische Endergebnis? Ein Literaturmarkt, der Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Sarah Kuttner oder Helene Hegemann\u00a0 f\u00fcr Schriftsteller ausgeben kann, eine Kunstindustrie, die Jonathan Meese f\u00fcr einen Maler achtet und eine Musiklandschaft, die sich in Capser, Kraftklub und Kettcar spiegelt.<\/p>\n<p>\u00bbHistorische und streng gesellschaftliche Bedingungen werden bei diesen Blo\u00dflegungen nicht enth\u00fcllt. Sie geh\u00f6ren nicht zum Arbeitsprogramm. Soziale Notwendigkeit ist \u00fcberholt. (\u2026) Wenn du leben kannst vom Verkauf deiner abenteuerlichen Selbstbeobachtungen oder pers\u00f6nlichen Sprach-Erlebnisse, hast du keine sp\u00fcrbare gesellschaftliche Funktion mehr. Du wirst immer mehr der Einzige, den es gibt f\u00fcr dich. Die dadurch entstehende Asozialisierung sch\u00e4rft wiederum deine Empfindlichkeit f\u00fcr die Gemeinheiten des Meinungsmarktes, steigert deine Verletzlichkeit und liefert dir immer weiter den Kummer, der wiederum zum Anla\u00df weiterer Selbsterforschung und Sprachpr\u00fcfungen wird\u00ab.<\/p>\n<p>Also zuschauen. Oder doch was \u00e4ndern? An sich arbeiten? Offener werden? Es gibt Substanzen, Hilfsmittel. \u00bbWenn man glaubt, es werde jetzt immer komplizierter etwas zu erkennen, dann zieht man sich entweder auf sich selbst zur\u00fcck oder versucht noch sich Hilfsmittel zu beschaffen, die man selber nicht machen kann. Die Hilfsmittel sind nicht willk\u00fcrlich w\u00e4hlbar. Man sucht sich das, was mit den eigenen Erfahrungen vermittelt werden kann\u00ab. Im Klartext: Jedem seine Droge. Du musst wissen, was dich durch den Tag und die Nacht bringt. Und trotzdem: Du bleibst ein Rad im Uhrwerk \u2013 niemand steigt aus! Nicht auf dem Biobauernhof, nicht in der Fixerstube, nicht im Studierst\u00fcbchen und nicht auf dem Backpacker-Selbsterfahrungstrip in S\u00fcdostasien. \u00bbEs gibt keinen theoretischen Standpunkt. Auch das Zuschauen ist gesellschaftlich bedingte Praxis. Die Bedingung einer Bedingung ist wieder eine Bedingung\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Yolo!<\/p>\n<p>Und trotzdem \u2013 engagierte Kunst ist verd\u00e4chtig. Engagement riecht nach schlechtem Essen und klingt wie noch schlechterer Sex. Der Weg nach innen ist zudem angenehm gepflastert mit alten Bekannten (Brecht raus aus dem Regal!) und &#8211; \u00bbhier \u00fcberrascht Hermann Hesse \u00fcberhaupt nicht. Indischer und schw\u00e4bischer Weg nach innen werden EINE Stra\u00dfe der Erleuchtung. Und nat\u00fcrlich klingt das momentan viel besser als der gesellschafskritische Cant, der bei uns selbst den \u00e4rgsten Ministern leicht vom Munde geht. Das ist eine Reaktion auf linke und rechte Heuchelei. Nur: diese Heuchelei hat es offenbar geschafft, Identifikation \u00fcberhaupt verd\u00e4chtig erscheinen zu lassen. Jeder wird zur\u00fcckgeworfen auf sich selbst (\u2026) und so wird er sich in einer Reihe von Revolten und Reinigungen ersch\u00f6pfen, ohne dem, wogegen er revoltiert, \u00fcberhaupt gef\u00e4hrlich geworden zu sein\u00ab.<\/p>\n<p>Vor Jahren warb Charlotte Roche f\u00fcr den Fernsehsender \u00bbViva\u00ab mit dem Slogan \u00bbRadikalisiert das Leben\u00ab. Ich denke, besser als durch dieses Beispiel kann man die vollkommene Sinn-Entleerung nicht anschaulich machen. Die Fragen \u00bbWof\u00fcr\/Wogegen?\u00ab sind von vorneherein hinf\u00e4llig und werden einem fatalistischen \u00bbJetzt erst recht!\u00ab geopfert, dass f\u00fcr eine Radikalisierung des Lebens vermutlich gar in Second-Hand-Klamotten \u00fcber bunte Blumenwiesen tollen w\u00fcrde. Einmal was riskieren, wild und gef\u00e4hrlich leben: Abends Aronal, morgens Elmex. Yolo!<\/p>\n<p>\u00bbAlso produziert das System eine Ertr\u00e4glichmachung des Unertr\u00e4glichen durch eine neue Stufe der Verinnerlichung: Jeder fange bei sich selber an, dann wird die Welt sich schon \u00e4ndern; nicht mehr scheinheilig Gesellschaftskritik \u00fcben, sondern sich selber \u00e4ndern\u2026\u00ab.<\/p>\n<p>Die Alternativen, die artikuliert werden sind: Gesundes Essen, fair-gehandelte Klamotten, religi\u00f6se\/ethnische\/sexuelle Offenheit und Toleranz in urban-mildem Klima und Almosen f\u00fcr die Armen der Welt. \u00bbAber man fragt sich auch, wie jemand nach der t\u00e4glich zu machenden Erfahrung sich noch in solche Vorschl\u00e4ge fl\u00fcchten kann. Warum diese Verteiler- und Weihnachtsphilanthropie? Warum macht man nicht den Vorschlag, dass die Arbeitenden sich ihre Produktionsmittel aneignen\u00ab? Ja, warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Publikumsbeschimpfung. Es gibt keine Software!<\/p>\n<p>Alternativlos ist das alles doch, so hei\u00dft es: T.i.n.a (There is no alternative!). Und wird etwas kritisiert, dann sogleich der Reflex: Nur konstruktive Kritik, bitte! Der Sound dazu: \u00bbDann sag doch mal, was du willst\u00ab und \u00bbWas ist denn dein Vorschlag\u00ab? Peter Handke schrieb: \u00bbEin engagierter Schriftsteller kann ich nicht sein, weil ich keine politische Alternative wei\u00df zu dem was ist, hier und woanders (\u2026)\u00ab Walser entgegnete:<\/p>\n<p>\u00bbWas hei\u00dft das \u203azu dem was ist\u2039? Ist denn was ein f\u00fcr alle Mal? Das ver\u00e4ndert sich doch andauernd und nimmt eine Richtung an und man selbst hat gar keine Chance, sich etwa bewegungslos und nicht-wissend zu stellen. Selbst wenn ich keine Rechtfertigung finde und schon gar keine anzubieten habe, selbst wenn meine Arbeit wieder und wieder die erw\u00fcnschte Identifikation nicht liefert, kann ich dann wie ein Import-Buddha sitzen ohne Rechtfertigung und etwa davon absehen, da\u00df ich auf jeden Fall identifiziert werde mit etwas, zum Beispiel mit einem gesellschaftlichen Zustand und einem System? Gen\u00fcgt es, sich aus methodischer Keuschheit nicht einzulassen mit dem Proze\u00df, der auf jeden Fall im Gange ist? Jeder Autor ist sein Gegenstand, das ist klar. Und er kann nur noch mit sich selber was anfangen. Und Mitteilungen machen nur noch von sich selbst. Aber er ist ja keine Puppe auf einer Nadelspitze, sondern Kreuzungspunkt und Produkt alles Gesellschaftlichen\u00ab.<\/p>\n<p>Mit geborgten, Kittler\u02bcschen Worten: Es gibt keine Software! Ein elementarer Punkt in einer (wieder) zu fassenden \u00e4sthetischen Realismus-Konzeption: Die Realisierung der Tatsache, selbst nicht au\u00dferhalb zu stehen oder zu einem vermeintlich \u203anat\u00fcrlichen\u2039 Zustand \u00fcbergehen\/zur\u00fcckgehen zu k\u00f6nnen. Menschen sind Produkte des Gesellschaftlichen und ihr Schaffen ebenso. Schlimm genug, dass marxistische Binsenweisheiten heute wieder Offenbarungscharakter bekommen! Und was Literatur\/Kunst wieder werden muss: \u00bbEin Mittel zur Ausbildung eines kritischen und zur Ver\u00e4nderung dr\u00e4ngenden Bewu\u00dftseins von gesellschaftlichem Zustand\u00ab oder eben auch \u00bbAusdruckspraxis, die die Welt mit Hilfe kritischer Abbilder korrigieren\u00ab will.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">damaged goods<\/p>\n<p>An \u00c4hnlichem arbeitete Volker Braun mit seinem Mainzer Vortrag, auch wenn er als Ausgangspunkt eine Person, Artur Rimbaud, w\u00e4hlte. Rimbaud, der franz\u00f6sische Lyriker, der mit 19 Lebensjahren sein Werk vollendete und sp\u00e4t die Anerkennung erfuhr, die ihm zu Lebzeiten versagt blieb. Er hob die franz\u00f6sische Gossensprache (lange vor L.F. Celin\u00e9) auf h\u00f6chste H\u00f6hen und wird bis heute oft (zu Unrecht) mit Villon oder (wesentlich \u00e4rger) Baudelaire in einem Atemzug genannt. Denn seine Sache war \u00bbnicht Flauberts \u203aennui\u2039 oder Baudelaires \u203aspleen\u2039, jener unbestimmte \u00dcberdru\u00df des Kleinb\u00fcrgers, dem am Tische unwohl wird, an dem er morgen wieder fressen m\u00f6chte. Rimbaud hatte nicht Lust, Platz zu nehmen. Der ganze Stall schien ihm l\u00e4cherlich und hinf\u00e4llig\u00ab.<\/p>\n<p>Rimbauds Bezugspunkt war und blieb das Gesellschaftliche. Er fieberte mit der Pariser Commune und litt an ihrer Niederschlagung 1871 so sehr, dass er w\u00fcnschte, den Besatzern \u00bbmeine Z\u00e4hne noch im Verrecken tief in die Kolben ihrer Gewehre zu schlagen\u00ab. Er schuf eine Poesie der Materialit\u00e4t, eine \u00c4sthetik der N\u00fctzlichkeit und des Forcierten. Ich lasse an dieser Stelle Volker Braun das Wort \u2013 er schreibt ein so herrliches Deutsch, wie es nicht vielen zu Gebote steht:<\/p>\n<p>\u00bbDas Unsichtbare sehen, und es in seiner Form oder Formlosigkeit wiedergeben: jedes Wort ein Gedanke. Das hei\u00dft alles gewohnte Material wegkippen, womit die subjektive Poesie spielte, das sie breittrat, allen Zierrat und die metrische Haltung kappen. Sprache, ganz aktuell und sinnlich: der Duft, der Ton, die Farbe und der Gedanke, der dem Gedanken folgt. \u00c4u\u00dferste Entzauberung und vollkommen Funktionalit\u00e4t \u2013 materialistisch, wie die Zukunft um die es ausgesprochen geht. (\u2026) Poesie sieht durch in die Schrecken\/Freuden der Verwandlung. Sie ist nicht zu brauchen, wo man die vortrefflichen Verh\u00e4ltnisse nicht \u00e4ndern will. Nicht die Einsamkeit des Rasierspiegels: das Brennglas der sozialen Erfahrungen\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbWir lernen\u00ab sagt die Lehrerin in Brechts \u00bbTage der Commune\u00ab. In der Tat! \u00bbIch spreche nicht von dir und mir, ich sage \u203awir\u2039. Wir, das sind mehr als du und ich\u00ab. Die gemeinsamen Erfahrungen betonen, die Prozesse schildern. Doch blo\u00df keine bruchlosen Utopien liefern, keine stumpfen Messer, keine Bilder ohne Text! \u00bbErn\u00fcchterung ist die Arbeit unserer Literatur. Arbeit gegen die Deckgebirge der Verhei\u00dfungen (\u2026) subversiv. Wir wissen, worauf wir uns eingelassen haben\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Letzte Warnung<\/p>\n<p>Doch ist es nicht eher \u00bbdas Eigentliche\u2026 wo die Tr\u00e4ume sich abspielen\u00ab von dem Kunst handeln soll, das ganze romantische Programm? \u00bbUnsere vermeintlichen Neut\u00f6ner (\u2026) in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich f\u00fchren) sind wohl gute Anschaffer, die flei\u00dfig auf den Putz hauen. Hucker, nicht Maurer. (\u2026) Tats\u00e4chlich die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe. Und wenn der Gebrauchswert gegen Null strebt, wird Dichten Besch\u00e4ftigungstherapie\u00ab. In der Tat. In der \u00bbt\u00f6richten Kinderstube der Moderne\u00ab weilt heute nichts als das G\u00e4hnen von vorgestern. Was im Hier und Jetzt ist, das verlangt \u00bbradikalere S\u00e4tzlein\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbWenn der Dichter nicht l\u00e4nger f\u00fcr die Gesellschaft, sondern nur f\u00fcr sich selbst sprechen kann, befinden wir uns im letzten Sch\u00fctzengraben\u00ab, so Braun. Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen. Wo dereinst schon die \u00bbTristesse Royale\u00ab-Besatzung koksbeschleunigt von einem neuen 1914 tr\u00e4umte (und im Jahre 2014 die Gegenwart die Vergangenheit allenthalben beschworen wird), sollte es gar nicht wundern, wenn aus dem metaphorischen Sch\u00fctzengraben noch einmal der reale wird und die Franz Marcs und August Stramms tats\u00e4chlich wieder fallen. Der R\u00fcckzug ins Innere war h\u00e4ufiger schon ein blo\u00df kurzer Zwischenstopp im Viehwagen &#8211; auf dem Weg zur Front. \u00bbEine solche Gesellschaft ist nicht schwer zu haben. In ihr stirbt mit jedem Anflug ins Innere eine demokratische M\u00f6glichkeit ab und die M\u00f6glichkeit zum Gegenteil \u2013 und das hei\u00dft Faschismus \u2013 nimmt zu. Jeder lutscht dann an seinem Mythos und h\u00e4lt sich seine Freizeit lang im Inneren auf\u2026\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">High Definition<\/p>\n<p>Was aber ist dann das Programm? Um welchen Preis und wie konkret w\u00e4re ein Gegenentwurf zu dem was ist zu haben? Nun, zun\u00e4chst hie\u00dfe es, dahin zu gehen, wo es wehtut. Wo man sich nicht so masochistisch gerne aufh\u00e4lt wie im eigenen Inneren: Ins Innere des Landes. Zu denen die, fast keine Hoffnung mehr haben. Keine Flucht(en) mehr, sondern Realismus. \u00bbIn den Schmutz der Strukturen, in den Dreck der Ungleichheit\u00ab m\u00fcsste es gehen, aber dies hie\u00dfe einen radikalen Bruch herbeif\u00fchren und \u00bbkeine Gesten mehr. Wenden wir uns um in unser Ungl\u00fcck. Gehen wir wieder in das alte Land hinein. Keine Ausfl\u00fcchte; wir m\u00fcssen ins Innere gehen. Das ist ein schrecklicher Gang: in das Ende der Schrecken (&#8230;) Wir werden den Kontinent nicht verlassen. (\u2026) Die Paradiese nicht noch die H\u00f6lle: der Aufenthalt auf Erden. Realismus. Er wird uns ins innerste Afrika f\u00fchren\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Appendix. Der Traum<\/p>\n<p>\u00bbAber\u00ab, klingt die bange Frage der besorgten Kunst-Freunde nicht erst seit Luk\u00e1cs eiserner Realismus-Doktrin, \u00bbbei aller steten R\u00fcckbindung an Gesellschaft und Produktion, muss die Kunst nicht auch die Tr\u00e4ume zulassen, muss der Mensch nicht auch tr\u00e4umen d\u00fcrfen\u00ab? Wer w\u00fcrde da widersprechen wollen und so m\u00f6chte ich mit Ernst Bloch schlie\u00dfen; er zitierte in seinem \u00bbPrinzip Hoffnung\u00ab Lenin folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>\u00bbDer Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht sch\u00e4dlich, wenn nur der Tr\u00e4umende ernstlich an seinen Traum glaubt, wenn er das Leben aufmerksam beobachtet, seine Beobachtungen mit seinen Luftschl\u00f6ssern vergleicht und \u00fcberhaupt gewissenhaft an der Realisierung seines Traumgebildes arbeitet. Gibt es nur irgendeinen Ber\u00fchrungspunkt zwischen Traum und Leben, dann ist alles in bester Ordnung. Tr\u00e4ume solcher Art gibt es leider (\u2026) allzu wenig\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website gringmuth\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/gringmuth_sven\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sven Gringmuth<\/a> ist Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue alte Schule: Marx und Rimbaud<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[643,1396,1467,1837,2266,2477],"class_list":["post-2971","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-enno-stahl","tag-literaturdebatte","tag-martin-walser","tag-pop-zeitschrift-2","tag-sven-gringmuth","tag-volker-braun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2971"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2971\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}