{"id":3043,"date":"2014-04-12T20:38:49","date_gmt":"2014-04-12T18:38:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3043"},"modified":"2014-04-12T20:38:49","modified_gmt":"2014-04-12T18:38:49","slug":"bob-stanley-pop-obsessive-rezension-zu-bob-stanley-yeah-yeah-yeahvon-stephan-dietrich12-4-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/04\/12\/bob-stanley-pop-obsessive-rezension-zu-bob-stanley-yeah-yeah-yeahvon-stephan-dietrich12-4-2014\/","title":{"rendered":"Bob Stanley \u2013 \u00bbpop obsessive\u00ab Rezension zu Bob Stanley: \u00bbYeah Yeah Yeah\u00abvon Stephan Dietrich12.4.2014"},"content":{"rendered":"<p>\u203aFunktionieren\u2039 meint in \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab, ob ein Sound die Teenager der jeweiligen Zeit \u00fcberzeugt<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 4, Fr\u00fchling 2014, S. 84-87]<\/p>\n<p>Eine der treffendsten Definitionen dessen, was Popmusik uns bedeutet, wird Martin Scorcese zugeschrieben: \u00bbPopular music formed the soundtrack of my life.\u00ab Was das hei\u00dft, wei\u00df jeder, der sich an die wirklich bedeutsamen Momente in seinem Leben erinnert \u2013 die meisten dieser Erinnerungen sind fest und f\u00fcr immer mit Songs oder Platten verkn\u00fcpft. W\u00e4hrend sich das eigene Leben noch entfaltet, ist man allerdings wenig daran interessiert, wie dieser Soundtrack eigentlich funktioniert und sich entwickelt.<\/p>\n<p>Darum ist Geschichtsschreibung in der Popmusik im identifikatorischen Sinne ein \u00fcberfl\u00fcssiges Unterfangen. Andererseits kennen wir seit der Mitte des 20. Jahrhunderts kein anderes kulturelles Ph\u00e4nomen, das eine solche Breitenwirkung erreicht hat wie die Popmusik \u2013 und da wundert es denn doch, dass der Pop weitaus seltener Gegenstand umfassender historischer Darstellungen geworden ist als z.B. der Film.<\/p>\n<p>Nach langer Zeit liegt nun einmal wieder ein ausf\u00fchrlicher Versuch dazu vor. Zugetraut hat ihn sich Bob Stanley, Jg. 1964, der als DJ, Labelchef, Musikjournalist und Mitglied der Band Saint Etienne so ziemlich alle Aspekte des Business aus der N\u00e4he kennt. Zuerst und vor allem aber ist er ein \u00bbpop obsessive\u00ab (Stanley \u00fcber Stanley in seinem Blog \u00bbCroydon Municipal\u00ab). Die Aufgabe, die Geschichte der Popmusik in ihrer Gesamtheit zu schreiben, ist gewaltig und der Autor zeigt sich ihr gewachsen \u2013 nicht zuletzt aufgrund seines stupenden, enzyklop\u00e4dischen Detailwissens, aber auch weil er sehr bewusst einige Vorentscheidungen trifft, die der Komplexit\u00e4tsreduktion dienen und die nachvollziehen muss, wer die Leistung des Buchs angemessen w\u00fcrdigen will.<\/p>\n<p>Neben der Sortierung der nahezu unendlichen Materialf\u00fclle und der Etablierung eines systematischen Rahmens zu ihrer Interpretation liegt eine der wesentlichen Herausforderungen des Unternehmens im Umgang mit den Dichotomien der diversifizierten Popwelt, die stets auch eine Geschmacksentscheidung fordern: Rock vs. Pop, Authentizit\u00e4t vs. Artifizialit\u00e4t, Simplizit\u00e4t vs. Intellekt, uncool vs. cool usw.<\/p>\n<p>Stanley hebelt diese Schwierigkeit mit einer charmanten These aus (\u00bbThe energy and insight of pop comes from juggling its contradictions rather than purging them\u00ab, S. xiv), verzichtet auf eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Intellektualisierung des Pop (schreibt also letztlich im Modus des Fans) und begrenzt seinen Gegenstand definitorisch wie folgt: S\u00e4mtliche Musik, die auf Tontr\u00e4ger gepresst wird und in Hitparaden erfasst werden kann, ist Pop.<\/p>\n<p>Und so beginnt er seine Geschichte im Jahr 1952, an dessen Ende in Gro\u00dfbritannien binnen weniger Wochen die Einf\u00fchrung der 45rpm-Vinyl Single, der Abdruck der ersten verkaufsbasierten Hitparade und die Patentierung des ersten transportablen Plattenspielers erfolgte. Aus diesem Anfangspunkt ergibt sich zwangsl\u00e4ufig auch der Schlusspunkt von Stanleys Buch \u2013 es ist der Beginn des digitalen Zeitalters der Popmusik um das Jahr 2000, mit dem zwar der moderne Pop nicht an sein Ende kommt, das aber zumindest mit den physischen Tontr\u00e4gern auch die nationalen Hitparaden der Bedeutungslosigkeit preisgegeben hat. All diese Voraussetzungen sind auf ihre Weise anfechtbar, doch geben sie der mit 800 gro\u00dfformatigen Seiten gewichtigen Pophistorie, die Stanley vorlegt, die n\u00f6tige Struktur und Richtung.<\/p>\n<p>Nachdem Stanley das Feld solcherma\u00dfen abgesteckt hat, macht er sich an die Kartierung. In 65 kurzen Kapiteln, die zumeist entweder ein Subgenre oder einen K\u00fcnstler zum Mittelpunkt machen, werden 50 Jahre Pop-Panorama entfaltet: vom Jump Blues \u00fcber Soft Soul und Glamrock bis hin zu Shoegaze; von Bill Haley \u00fcber die Monkees und Marc Bolan bis hin zu Suede. Die Funktionsprinzipien der Darstellung sind simpel: Die Chronologie sorgt f\u00fcr die Makrostruktur, die Analogie f\u00fcr die Mikrostruktur \u2013 eine gerade Entwicklungslinie durch den Pop zu ziehen, ist das erkl\u00e4rte Ziel des Buchs.<\/p>\n<p>Dies gelingt vor allem, weil der Autor neben den evidenten Zusammenh\u00e4ngen immer wieder auch \u00fcberraschende aufdeckt und er neben den Genres, deren Wichtigkeit Konsens ist (Punk etwa), eben auch die Sackgassen und obskuren Subgenres des Pop wie den britischen Folk Rock der 70er Jahre w\u00fcrdigt. Fast zwangsl\u00e4ufig ergibt sich daraus aber auch ein wesentlicher Nachteil des Buchs \u2013 der deiktische Gestus wird nur selten verlassen, um einer These Raum zu geben, die \u00fcber die Grenzen der Popmusik hinausweisen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was Stanley eigentlich tut, ist Namen zu einer MindMap zu gruppieren und die Zwischenr\u00e4ume mit Anekdoten und gut zitierbaren Einzeilern anzureichern. Das aber kann er exzellent, und der Effekt ist eine faszinierende Reichhaltigkeit und suggestive Sogkraft seiner Popgeschichte. Die Linie, die Stanley durch den Pop zieht, mag zwar konstruiert und zu gerade sein, aber sie ist breit, unterhaltsam und bringt die Punkte, die sie touchiert, zum Funkeln!<\/p>\n<p>Stanleys Bonmots sind insbesondere dort stark, wo er aus seinem Missfallen am Gegenstand keinen Hehl macht: Die Boomtown Rats \u00bblooked rather like Showaddywaddy on their way to a swingers party\u00ab (S. 453), die mittleren Whitesnake reduzieren sich auf \u00bbpoodle-haired eye candy for the girls\u00ab (S. 575). Der Autor ist nach Erscheinen des Buchs vor allem daran gemessen worden, welche Vorlieben er in seiner Auswahl offenbart. Dieser Zugang erscheint unproduktiv, weil durch ihn nur best\u00e4tigt wird, was man ohnehin voraussetzen konnte \u2013 wer einmal eine Platte von Saint Etienne geh\u00f6rt hat, der wird nicht erwarten, dass Stanley M\u00f6tley Cr\u00fce im Zentrum des Pop-Universums verortet.<\/p>\n<p>Gleicherma\u00dfen m\u00fc\u00dfig ist eine Debatte der einzelnen Wertungen, die das Buch vornimmt; selbstverst\u00e4ndlich sind sie subjektiv, doch das tut nichts zur Sache. Die Antwort auf die Frage, ob \u00bbNew Morning\u00ab wirklich die beste Dylan-Platte ist (S. 172), schm\u00e4lert weder Leistung noch Bedeutung von \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab. Im Text selbst entlarvt sich die Beliebigkeit solcher Wertungen gar unfreiwillig, wenn zun\u00e4chst (S. 562) \u00bbLike A Prayer\u00ab, keine anderthalb Seiten darauf jedoch \u00bbErotica\u00ab zum unzweifelhaft besten Madonna-Album erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Durchaus wesentlich ist hingegen der Einwand, dass Stanley seiner eigenen Vorgabe, den Kontext ins Zentrum zu stellen (\u00bbContext is everything\u00ab, S. xiii), nur in sehr eingeschr\u00e4nktem Ma\u00dfe gerecht wird \u2013 kaum je werden ihm n\u00e4mlich kulturelle, gesellschaftliche oder technologische Kontexte zu den treibenden Kr\u00e4ften im Pop. Stattdessen f\u00fchrt sein Entwicklungsschema immer wieder den kommerziellen Erfolg als Motor ins Feld. Die zentrale Denkfigur von einer Entwicklungsstufe zur n\u00e4chsten lautet: Etwas funktioniert, bis es nicht mehr funktioniert, und dann geht es weiter.<\/p>\n<p>\u203aFunktionieren\u2039 aber meint in \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab lediglich, ob ein Sound die Teenager der jeweiligen Zeit \u00fcberzeugt und es daher auf hohe Hitparadenpositionen schafft. Als Folge davon wird auch die Reflexion der Diskontinuit\u00e4ten dieser Entwicklungen, die eigentlich Gleichzeitigkeiten sind, nahezu unm\u00f6glich. Warum New Wave, Disco und die Bee Gees zur selben Zeit stattfinden, wird nicht zum Gegenstand einer \u00dcberlegung \u2013 sie finden sich in drei aufeinanderfolgenden Kapiteln, die monolithisch gegeneinander abgegrenzt sind.<\/p>\n<p>In Summe handelt es sich bei \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab um den nostalgischen Abgesang auf ein Zeitalter, in dem Popmusik \u00fcber das Radio oder Zeitschriften entdeckt, archiviert, kombiniert, weitergegeben wurde, etwas sehr Privates, Pers\u00f6nliches, eine Religion war. Ob dieses Zeitalter wirklich zu Ende ist, darf bezweifelt werden. Ironischerweise jedenfalls ist gerade die als sein Totengr\u00e4ber identifizierte Digitalisierung daf\u00fcr verantwortlich, dass Stanleys Darstellung mit Spa\u00df und Gewinn konsumiert werden kann: Vor 20 Jahren h\u00e4tte man die immerhin k\u00fchne These, \u00bbIt\u2019s Almost Tomorrow\u00ab von den Dreamweavers aus dem Jahre 1956 sei die erste Indieplatte in der Geschichte des Pop gewesen (S. 578), nur hinnehmen k\u00f6nnen. Heute kann man sie binnen weniger Sekunden \u00fcber YouTube am H\u00f6rbeispiel mit den eigenen Vorstellungen abgleichen.<\/p>\n<p>So funktioniert das Buch am besten \u2013 nicht als Geschichte einer Epoche, die man von vorn nach hinten und Wort f\u00fcr Wort mit gro\u00dfem Erkenntnisgewinn liest. Aber man greife sich ein beliebiges Kapitel heraus und h\u00f6re w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre die verschiedenen Songs nach, die Stanley miteinander ins Gespr\u00e4ch bringt. Dann wird man mit reichhaltigen, \u00fcberraschenden Evidenzen belohnt, die auch noch einmal die eigentliche St\u00e4rke dieser Geschichte des Pop deutlich machen:<\/p>\n<p>Selbst wenn der Autor leugnet, dass er eine Enzyklop\u00e4die vorlegen wollte, liegt der Hauptwert von \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab gerade darin \u2013 es ist ein Nachschlagewerk, in dem man zu wirklich allen K\u00fcnstlern, die auch nur einigerma\u00dfen relevant in der Geschichte des Pop waren, zumindest ein paar interessante S\u00e4tze und Verbindungslinien zu anderen K\u00fcnstlern finden kann. Zu allen, mit einer einzigen Ausnahme: Einen Hinweis auf Stanleys eigene Band Saint Etienne sucht man vergebens. Britisches Understatement in einem Werk von beachtlicher Gr\u00f6\u00dfe und Reichweite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis<\/strong>:<br \/>\nBob Stanley<br \/>\nYeah Yeah Yeah. The Story of Modern Pop<br \/>\nLondon 2013<br \/>\nFaber and Faber<br \/>\nISBN 978-0571281978<br \/>\n776 Seiten<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cEffektiv, kreativ, verkunstet, \u00e4sthetisiert: aber immer noch keine Kunst!&lt;br \/&gt; Rezension zu Hartmut St\u00f6ckl (Hg.): \u00bbWerbung \u2013 Kunst oder keine Kunst?\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Melanie Horn&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;9.3.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2917&amp;action=edit\"><strong>\u00a0<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u203aFunktionieren\u2039 meint in \u00bbYeah Yeah Yeah\u00ab, ob ein Sound die Teenager der jeweiligen Zeit \u00fcberzeugt<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[360,391,1837,1844,1848,2231],"class_list":["post-3043","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bob-stanley","tag-buchrezension","tag-pop-zeitschrift-2","tag-popgeschichte","tag-popmusik","tag-stephan-dietrich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3043"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3043\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}