{"id":3047,"date":"2014-04-13T09:53:25","date_gmt":"2014-04-13T07:53:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3047"},"modified":"2014-04-13T09:53:25","modified_gmt":"2014-04-13T07:53:25","slug":"high-trash-und-das-avantgardeskewarum-rhetorik-und-habitus-der-postmoderne-heute-bereits-anachronistisch-wirkenvon-jorg-scheller13-4-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/04\/13\/high-trash-und-das-avantgardeskewarum-rhetorik-und-habitus-der-postmoderne-heute-bereits-anachronistisch-wirkenvon-jorg-scheller13-4-2014\/","title":{"rendered":"High Trash und das AvantgardeskeWarum Rhetorik und Habitus der Postmoderne heute bereits anachronistisch wirkenvon J\u00f6rg Scheller13.4.2014"},"content":{"rendered":"<section id=\"text-section\">Aus Avantgarde ist das Avantgardeske geworden<\/p>\n<\/section>\n<p><!--more--><\/p>\n<section id=\"text-section\">\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Johannes M. Hedinger\/Torsten Meyer (Hg.): What\u2019s Next? Kunst nach der Krise, Kulturverlag Kadmos, Berlin 2013]<\/p>\n<p>In der guten alten Postmoderne \u2013 Gott ist tot, hab sie selig \u2013 war es \u00fcblich, in der Begegnung von <em>high culture<\/em> mit <em>low culture<\/em> eine M\u00f6glichkeit posthistorischen Fortschritts jenseits von verblasenen modernistischen Visionen zu erkennen. Wenn Postmoderne bedeutete, dass es \u201eweiter voran, aber nicht [mehr] hinauf\u201c<sup>1<\/sup> gehen sollte, so musste die Progression eben in der Horizontalen erfolgen, durch die Neukombination alles Bestehenden. Bodybuilder posierten in der Oper, Rockkonzerte dr\u00f6hnten durch Museen, die Kunst flirtete mit der Werbung und die Werbung mit der Kunst, der Porno befruchtete das Mainstreamkino. Das Allt\u00e4gliche in der Kunst galt als <em>cool<\/em> und <em>chic<\/em>.<\/p>\n<p>Die britische Independent Group bezeichnete die Massenwaren von Konzernen wie Chrysler schon in den 1950er Jahren als <em>pop art<\/em>.<sup>2<\/sup> Den kanonischen Text zur angloamerikanisch gepr\u00e4gten Entgrenzungs\u00e4sthetik der Nachkriegszeit lieferte Leslie A. Fiedler mit <em>Cross the Border, Close the Gap<\/em>! (1969), Andy Warhol pr\u00e4gte den<em> lifestyle<\/em> des Hybriden, indem er sowohl banalen, kommerziellen Projekten nachging und hagiographische Dienstleistungen f\u00fcr Autokraten erbrachte als auch zur Galionsfigur der sub-, camp- und queer-culture avancierte. Figuren wie Madonna und Schwarzenegger verwursteten die Greatest Hits der Postmoderne \u2013 Pluralit\u00e4t, Individualit\u00e4t, Diskontinuit\u00e4t, Simultaneit\u00e4t, Kult der Oberfl\u00e4che, Ethik des Nicht-Ausschlie\u00dflichen \u2013 zu Medleys f\u00fcr Millionenm\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Wenn auch konservative Kulturkritiker das <em>anything goes<\/em> der Postmoderne als blo\u00dfe Beliebigkeit gei\u00dfelten, so besa\u00df sie doch eine nicht zu leugnende kritische, emanzipatorische Kraft.<sup>3<\/sup> Sie facettierte Identit\u00e4tsbegriffe und erm\u00f6glichte Lebensentw\u00fcrfe jenseits von Traditionalismus und Dogmatismus. Bedingung daf\u00fcr war die Voraussetzung zweier Pole \u2013 eben <em>high<\/em> und <em>low<\/em> \u2013, zwischen denen ein Transfer und letztlich eine Angleichung stattfinden sollte und tats\u00e4chlich stattfand.<\/p>\n<p>Solange die Postmoderne ein <em>Prozess<\/em> war, blieb ihre kritische Seite stark. Hippies <em>wurden<\/em> Manager, Manager <em>wurden<\/em> Hippies. Trash <em>wurde<\/em> Kunst, Kunst <em>wurde<\/em> Trash. High-low stand f\u00fcr soziale Mobilit\u00e4t, f\u00fcr die Dynamik und Vitalit\u00e4t des Westens. Genau mit dieser kritischen Kraft als Prozess ist es seit grob zwei Dekaden vorbei, sprich: seit dem Erfolg der polnischen Solidarno\u015b\u0107-Bewegung, dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Aus zwei Polen ist einer geworden. Oben ist unten und umgekehrt.<\/p>\n<p>Um es ein wenig populistisch zu formulieren: Wenn die M\u00e4chtigen heute mit dem Subalternen, der Gegenkultur oder dem Habitus der Avantgarden flirten, ist es schwer zu unterscheiden, ob tats\u00e4chlich Wille zur Differenz oder blo\u00dfe Affirmation durch Verbr\u00e4mung dahinter stecken.<\/p>\n<p>Als die liberale Demokratie und der Kapitalismus ihren Erzfeind Kommunismus verloren, verloren sie die Negativfolie, vor der sie ihre postmodernen Tugenden zu konturieren gelernt hatten. In ihrem Freudentaumel wurden sie selbstgerecht, wie Francis Fukuyamas Bestseller <em>The End of History or the Last Man<\/em> zeigte \u2013 wobei hinzugef\u00fcgt werden sollte, dass das Buch weitaus differenzierter formuliert ist, als seine neokonservative Gefolgschaft vermuten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Unsere im Kern k\u00fcnstlichen, ja virtuellen Finanz-, Wirtschafts- und Politikkrisen, die uns wie Murmeltiere t\u00e4glich gr\u00fc\u00dfen, sind Symptome dieses Referenzverlusts.<sup>4<\/sup> Der Kommunismus fungierte als Metaphysik des Kapitalismus <em>ex negativo<\/em> \u2013 das Andere, das Au\u00dfen, der <em>Grund<\/em>, von dem es sich abzusto\u00dfen galt. Nun st\u00f6\u00dft sich der ehemalige Westen von sich selbst ab, w\u00e4hrend vor seinen Toren das S\u00e4belrasseln der ewig gestrigen Essentialisten lauter wird.<\/p>\n<p>Was bedeutet diese Entwicklung f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Kunstproduktion und -rezeption? Mit der Selbstl\u00e4ufigwerdung postmoderner Leitmotive ist der \u00e4sthetische Begleiter des ehemaligen Westens, das Kunstsystem, ebenfalls selbstl\u00e4ufig geworden. Peter Sloterdijk, auch er der blo\u00df rhetorischen Kritik nicht unverd\u00e4chtig, hat die j\u00fcngere Kunstproduktion einmal im Zusammenhang mit der in Nietzsches Moralkritik \u201elatent enthaltene[n] thymotische[n] \u00d6konomie\u201c mit dem pauschalisierenden Begriff \u201eSonntagsgesicht der Gier\u201c<sup>5<\/sup> bezeichnet.<\/p>\n<p>Interpretiert man seine Polemik im Sinne von G\u00fcnther Anders jedoch als \u201e\u00dcbertreibung in Richtung Wahrheit\u201c, so offenbart sich darin die tiefe Desillusionierung eines K\u00fcnstlerdenkers, der sich auch die Soziologen Luc Boltanski und \u00c8ve Chiapello anschlie\u00dfen: \u201eWir haben die Kritik [im Buch Der neue Geist des Kapitalismus, Anm. J. S.] zu einem der wirkungsm\u00e4chtigsten Motoren des Kapitalismus erkl\u00e4rt. Indem die Kritik ihn dazu zwingt, sich zu rechtfertigen, zwingt sie ihn zu einer St\u00e4rkung seiner Gerechtigkeitsstrukturen und zur Einbeziehung spezifischer Formen des Allgemeinwohls, in dessen Dienst er sich vorgeblich stellt.\u201c<sup>6<\/sup><\/p>\n<p>Tolerierte oder sogar subventionierte Kritik als Systemstabilisator \u2013 gewisserma\u00dfen <em>embedded critique<\/em> \u2013 ist eine Erfindung des ehemaligen Westens. Sie erzeugt turnusm\u00e4\u00dfig Krisen <em>en miniature<\/em> und erh\u00e4lt auf diese Weise den Anpassungs- und Innovationsdruck auf System und Systemteilnehmer aufrecht. Nicht zuletzt deshalb ist es unsinnig, von <em>dem<\/em> Kapitalismus zu sprechen, wie es die Linke noch immer gerne tut, und in dem Kapitalismus pauschal den Quell allen \u00dcbels zu erkennen.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat so viele Gesichter wie Graf Dracula und Lady Gaga zusammen.<sup>7<\/sup> Mal tritt er in autorit\u00e4rer, mal in demokratischer, mal in kommunistischer Form auf, wie im gegenw\u00e4rtigen China. Er ist ein Joker im Poker ums Gl\u00fcck, was hier durchaus positiv verstanden wird. Seinen globalen Erfolg verdankt er nicht Exklusivit\u00e4t, Arroganz, Einseitigkeit, sondern Wandelbarkeit, Anpassungsf\u00e4higkeit und dem universalistischen Drang zu Inklusion. Seine Glanzzeiten erlebte er als <em>sidekick<\/em> der liberalen Demokratien. Wann h\u00e4tte man je von Auswanderungswellen aus liberaldemokratischen, kapitalistischen Staaten nach Nordkorea geh\u00f6rt? Im Inneren der Komfortzellen f\u00e4llt Systemkritik leicht. Fukuyama hat schon Recht, wenn er betont: \u201ePeople vote with their feet.\u201c<sup>8<\/sup><\/p>\n<p>Die hier skizzierten Entwicklungen haben zur Folge, dass wir einige liebgewonnene Gewohnheiten im Umgang mit der Kunst aufgeben und gerade auch unsere kunstwissenschaftlichen Methoden neu gestalten sollten. Die Postmoderne hat ihren Zenit \u00fcberschritten. Doch die k\u00fcnstlerischen und diskursiven Instrumente dieser \u00c4ra werden weiter eifrig benutzt. Reflexhaft ist von high-low-Transfers die Rede, als handele es sich um der Kritik letzter Schluss. Es mutet nachgerade r\u00fchrend an, wenn sich K\u00fcnstler heute, da selbst in Vorstandsetagen das Warhol\u2018sche Prinzip <em>commodify your dissent<\/em><sup>9<\/sup> gepflegt wird und die Popkultur sich auch ohne museale Hilfe selbst zu dekonstruieren gelernt hat<sup>10<\/sup>, Qualit\u00e4ten wie \u201esprengt Grenzen\u201c oder \u201estellt Konventionen infrage\u201c auf Leib und Werk schneidern lassen.<sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Tapfer verteidigt die Kunstb\u00fcrokratie die Avantgarde gegen den Alltag. Doch es besteht kein Zweifel: Der post-postmoderne Alltag hat die Kunst derma\u00dfen erfolgreich kopiert, dass sie, was Reflexion, Transparenz und Kritik betrifft, schlicht \u00fcberfl\u00fcssig geworden ist. Was nicht hei\u00dfen soll, dass die Kunst <em>als solche<\/em> \u00fcberfl\u00fcssig geworden sei. Im Gegenteil. Differenz statt Wiederholung ist eine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung denn je. Doch auch eine schwierigere denn je.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Die alte Aufgabenteilung zwischen moderner Kunst und modernem Leben war wie folgt: Das moderne Leben \u2013 mithin Politik, Industrie, Kapital, B\u00fcrokratie \u2013 war daf\u00fcr zust\u00e4ndig, dass irgendwelche Angelegenheiten ethisch aus dem Ruder liefen und das Entfremdungsbarometer min\u00fctlich anstieg. Dann trat die moderne Kunst auf den Plan, enth\u00fcllte auf nicht-instrumentelle Weise die Entfremdung, schuf vordergr\u00fcndig zweckfreie Gegenwelten und zeigte dort all das durch \u201eMimesis ans Verh\u00e4rtete\u201c (Adorno) auf, was den konsumistischen H\u00f6hlenbewohnern im Alltag verborgen blieb.<\/p>\n<p>So ging das in einem fort, wie in einem <em>slapstick movie<\/em>. Der narzisstische Brummkreisel Salvador Dal\u00ed und sein geistiger Ziehsohn Andy Warhol unterbrachen in der Postmoderne dieses kuriose Pingpong-Spiel, indem sie das Geldverdienen glorifizierten, Transzendenz und Esoterik zum Spektakel machten und sich nicht darum scherten, ob in ihrem Bekannten- und Auftraggeberkreis Diktatoren und Nazi-Bildhauer oder eben Linke, Renegaten, Junkies und Transvestiten verkehrten.<\/p>\n<p>Wie oben beschrieben, war diesem Affront gegen den elit\u00e4ren, mitunter totalit\u00e4ren Avantgarde- und Modernismus-Habitus eine implizit \u2013 nicht explizit \u2013 kritische Kraft eigen, weil er die Dinge in Bewegung brachte und neue Existenzverh\u00e4ltnisse modellierte. Aber nur, solange die alten high-low-Konventionen noch latent virulent waren. Mit post-postmodernen Kunststars wie Jeff Koons, Takashi Murakami oder Damien Hirst triumphiert das Prinzip Dal\u00ed \u00fcber das Prinzip Andr\u00e9 Breton, Dal\u00eds F\u00fcrsprecher Ende der 1920er und sein Gegenspieler ab Mitte der 1930er Jahre. In Bewegung ger\u00e4t dadurch nichts mehr. Aus Avantgarde \u2013 die postmodernen high-low-Experimente seien hier noch der Avantgarde zugeschlagen \u2013 ist das Avantgardeske geworden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist zeitgen\u00f6ssische Kunst nicht gleichbedeutend mit Murakami &amp; Co. Doch wer sich die M\u00fche macht, Galeriefaltbl\u00e4tter, Pressetexte oder Katalogaufs\u00e4tze jeglicher<em> couleur<\/em> aufmerksam zu lesen, dem wird es scheinen, als h\u00e4tten der von Dal\u00ed initiierte Umschwung hin zur Affirmation des Allerlei und die freundliche \u00dcbernahme der Avantgarde durch den Alltag schlicht nicht stattgefunden. Wir brauchen die Kunst, so der bis heute g\u00e4ngige Tenor eines signifikanten Anteils der Kunstpublikationen, um \u00fcberhaupt der problematischen, krisenhaften Verfasstheit unserer Umwelt gewahr werden zu k\u00f6nnen, in der wir ansonsten wie Radieschen blind und stumm wurzeln.<\/p>\n<p>Dieses Narrativ wurde in Alteuropa mit bemerkenswerter Hartn\u00e4ckigkeit sogar zur Aufwertung der Pop Art eingesetzt. Als Merksatz galt: Pop ist oberfl\u00e4chlich: Pop Art enth\u00fcllt, dass Pop oberfl\u00e4chlich ist. Vielfach wurde versucht, in Warhol einen konsumkritischen Neo-Avantgardisten zu erkennen und seinen Kult der Oberfl\u00e4che als faustische Tiefenbohrung mit paradoxalen Instrumenten zu deuten.<\/p>\n<p>Nun ist es nicht nur so, dass die meisten international erfolgreichen zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler grunds\u00e4tzlich einverstanden mit den Gesetzen des Betriebs sind, brav lange Listen mit Studienorten und Auszeichnungen auf ihre Homepages stellen und das verbindliche Jump\u2019n\u2019Run-Game mit Levels wie Kunstpreisen, Stipendien und Biennalen mitzocken. Es hat sich auch ergeben \u2013 wie oben bereits angedeutet \u2013, dass die Konsumkultur und mithin das globale Designimperium all jene Techniken und Strategien appropriiert haben, welche einst die Avantgarden und Neo-Avantgarden zu anderen Zwecken entwickelten.<\/p>\n<p>Selbstreferentialit\u00e4t ist heute im Splatterfilm ebenso verbreitet wie im Abstrakten Expressionismus. Explikation der Gemachtheit des Kunstwerks begegnet uns sogar im Gonzo Porno, wo antiillusion\u00e4re <em>making ofs<\/em> mittlerweile zum guten Ton geh\u00f6ren. Entsemantisierung durch Serialit\u00e4t, die Kunsthistoriker etwa in Monets Heuhaufen oder in Warhols Siebdrucken diagnostizieren, steckt in jedem beliebigen Internet-Mem. Traumartige, surrealistische Tendenzen sind in der Werbung keine Seltenheit, seit Unternehmen auf Ergebnisse der Neuropsychologie zur\u00fcckgreifen. Apokalyptik beherrschen die Medien besser als ihr apokalyptischer Kritiker Paul Virilio. Fragmenthaftigkeit und Diskontinuit\u00e4t, von Walter Benjamin unter dem Begriff der Allegorie verbucht<sup>12<\/sup>, sind mitnichten der avantgardistischen Kunstproduktion vorbehalten, sondern kennzeichnen auch Kleidungsst\u00fccke wie die sogenannte \u201eUmland-Hose\u201c (Cord-Jeans-Riss-Gemisch) und den urbanen Lebenslauf <em>per se<\/em>.<\/p>\n<p>Die Provokation ist zum Volkssport mutiert und frisst nun ihre Kinder \u2013 als verhaltensauff\u00e4llig gilt, wer weiterhin \u00fcber signifikante Schamhaarbest\u00e4nde verf\u00fcgt und beim \u00dcbergang von der dritten zur vierten Scheidung aus der Puste ger\u00e4t. Das Verfassen esoterischer Prosa, utopischer Manifeste und metaphysischer Spekulationen ist auch unter den \u00d6konomen aus Chicago und St. Gallen verbreitet, die selbst in postmetaphysischen Zeiten allerorten Mirakul\u00f6ses wie beispielsweise unsichtbare H\u00e4nde am Werke sehen. Die in der abstrakten Kunst kultivierte Praxis, auf den ersten Blick redundante Objekte mit bedeutungsschwangeren Titeln zu versehen, ist den Komponisten von Techno-Tracks nicht fremd. Kurzum, es gibt nichts, was die Kunst dem Leben noch erz\u00e4hlen k\u00f6nnte, was das Leben nicht selbst \u00fcber sich erz\u00e4hlen w\u00fcrde, vor aller Augen und f\u00fcr alle Ohren, im Kino, auf YouTube, im Einkaufszentrum.<\/p>\n<p>Leitmotive der Postmoderne wie \u201eDie zeitgen\u00f6ssische Kunst bedient sich aus dem Alltag und enth\u00fcllt so dessen problematischen Zustand\u201c oder \u201eDer K\u00fcnstler kombiniert Widerspr\u00fcchliches und ersch\u00fcttert damit unsere Wahrnehmungsgewohnheiten\u201c sollten deshalb aufgegeben werden. In den post-postmodernen liberalen Wohlstandskulturen \u2013 und nur von diesen ist hier die Rede \u2013 bedient sich vielmehr das Leben aus der Kunst und enth\u00fcllt deren problematischen Zustand: Die Warenwelten quellen \u00fcber vor Kombinationen des vermeintlich Unkombinierbaren.<\/p>\n<p>Die Kunst t\u00e4te gut daran, sich nicht l\u00e4nger in einen Schleier des Avantgardesken zu h\u00fcllen, sowohl in der Praxis, aber mehr noch in ihrer Rhetorik. Sie kann kaum mehr Konventionen brechen, da diese von den Agenten der instrumentellen Vernunft nun h\u00f6chstpers\u00f6nlich gebrochen werden \u2013 wie w\u00e4re es also zur Abwechslung einmal damit, neue Konventionen<em> zu schaffen<\/em>?<\/p>\n<p>Ob arts based research in diesem Zusammenhang ein gangbarer Weg sein kann, wird die Zukunft zeigen. Bislang scheint es eher, als habe <em>arts based<\/em> research einzig durch den Bologna-Prozess an Relevanz gewonnen \u2013 neue F\u00f6rdert\u00f6pfe sind gefragt. Dekadente<em> l\u2018art pour l\u2018art<\/em> wird nicht l\u00e4nger unterst\u00fctzt. Der post-postmoderne K\u00fcnstler soll sich als nutzbringendes Mitglied der Gesellschaft erweisen. \u201eBildende Kunst\u201c wird nun etymologisch auf \u201eBildung\u201c zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Kunstwissenschaft wiederum darf nicht l\u00e4nger das Kunstsystem als vorrangigen Referenzpunkt nehmen und jeden Oligarchenulk und jedes Pseudoforschungsprojekt, die es irgendwie in den White Cube, auf die Biennale oder ins Auktionshaus schaffen, untert\u00e4nig als \u201eKunst\u201c verbuchen, \u00e4sthetisch eindr\u00fcckliche Ph\u00e4nomene und intellektuell gewitzte Produkte, die au\u00dferhalb des Systems kursieren, jedoch epistemologische Minderwertigkeit attestieren. Es gibt keine Selbstverst\u00e4ndlichkeiten mehr, die eine solche Blasiertheit erlaubten.<\/p>\n<p>Auch Zwecklosigkeit ohne Zweck ist ein Charakteristikum selbstl\u00e4ufiger Gesellschaften als solcher. Postfunktional und selbstreferentiell sind viele Produkte der Kulturindustrie ohnehin, ihre \u00e4sthetischen Innovationen \u00fcbertreffen h\u00e4ufig die \u00e4sthetische Kraft der Bildenden Kunst. Dass auch das geheiligte \u201eOriginal\u201c kein Kriterium f\u00fcr eine Unterscheidung zwischen Kunst und Nicht-Kunst \u2013 sprich: Reproduktionen \u2013 darstellt, legt Wolfgang Ullrich in seinem Buch \u201eRaffinierte Kunst. \u00dcbung vor Reproduktionen\u201c nahe. Ich schlie\u00dfe mich seinen Thesen gerne an.<\/p>\n<p>Somit muss die Kunstwissenschaft die Kunsthaftigkeit des Alltags \u2013 wohlgemerkt: nicht den Alltag als solchen \u2013 auf bevorzugte und g\u00e4nzlich unironische Weise studieren, die Michelangelos der Massenkultur wie Lady Gaga, Matt Groening, Alan Moore, Madonna oder Arnold Schwarzenegger als offizielle Hofk\u00fcnstler anerkennen, die Werbung als privilegierten Hort der Metaphysik begreifen und die Kultur der Reproduktion als Erf\u00fcllung eines genuin avantgardistischen Anspruchs bewerten: Wer nicht aufs Ganze zielt, zielt daneben.<\/p>\n<p>Die Kunst selbst ist gut beraten, sich nicht l\u00e4nger als high-low-Hermes und Kammerj\u00e4gerin gegen Konventionen zu gerieren. Neue Konventionen, neue Verbindlichkeiten sind gefragt. Was sonst wollte man dem frivolen, vorgeblich nach allen Seiten offenen Imperium des High Trash und des Avantgardesken entgegensetzen, wo Louis Vuitton Edelhandtaschen in M\u00fcllsackform designt, spie\u00dfige Konzernchefs vor revolution\u00e4rer abstrakter Kunst posieren, altehrw\u00fcrdige Kunstbiennalen mit nackten Porno-Stars als Humanskulpturen er\u00f6ffnen und Bunga-Bunga-Gurus wie Silvio Berlusconi der Korruption ein Clownsgesicht verleihen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>1.) Peter Sloterdijk, \u201eNach der Geschichte\u201c, in: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne: Schl\u00fcsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Reihe Acta Humaniora, Weinheim: VCH, 1988, S. 263.<br \/>\n2.) Vgl. Thomas Hecken, Pop: Geschichte eines Konzepts 1955\u20132009, Bielefeld: transcript, 2009, S. 60\u201367.<br \/>\n3.) Vgl. u. a. Gianni Vattimo, Das Ende der Moderne, Stuttgart: Reclam, 1990 [i. O. 1985], S. 33: \u201eDie Vermassung und \u201aMediatisierung\u2018 \u2013 aber auch die S\u00e4kularisierung, Entwurzelung, usw. \u2013 der sp\u00e4tmodernen Existenz ist nicht notwendigerweise eine Akzentuierung der Entfremdung bzw. der Enteignung im Sinne der total organisierten Gesellschaft. Die \u201aEntwirklichung\u2018 der Welt kann nicht nur in Richtung der Starrheit des Imagin\u00e4ren, der Etablierung neuer \u201ah\u00f6chster Werte\u2018 gehen, sondern sich statt dessen auch der Beweglichkeit des Symbolischen zuwenden.\u201c<br \/>\n4.) Vgl. meinen Essay \u201eDiese Krise taugte nichts. Kein K\u00f6rper, kein Fleisch, nur Nullen, die fehlen: 2009 \u2013 eine Krisenkritik\u201c, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 51\/2009, S. 29.<br \/>\n5.) Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2006, S. 59.<br \/>\n6.) Luc Boltanski\/\u00c8ve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK, 2006, S. 86.<br \/>\n7.) Vgl. hierzu u. a. Marc Jongen (Hg.), Der g\u00f6ttliche Kapitalismus. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Geld, Konsum, Kunst und Zerst\u00f6rung mit Boris Groys, Jochen H\u00f6risch, Thomas Macho, Peter Sloterdijk und Peter Weibel, M\u00fcnchen: Wilhelm Fink, 2007.<br \/>\n8.) Vgl. Francis Fukuyama, \u201eAfter the End of History\u201c, 2006, auf: <a href=\"http:\/\/www.opendemocracy.net\/democracy-fukuyama\/revisited_3496.jsp\">http:\/\/www.opendemocracy.net\/democracy-fukuyama\/revisited_3496.jsp<\/a>, letzter Zugriff: 22.11.2012: \u201eEconomic development produces increases in living standards that are universally desirable. The proof of this, in my opinion, is simply the way people \u201avote with their feet.\u2018 Every year millions of people in poor, less-developed societies seek to move to western Europe, to the United States, to Japan, or to other developed countries, because they see that the possibilities for human happiness are much greater in a wealthy society than in a poor one. Despite a number of Rousseauian dreamers who imagine that they would be happier living in a hunter-gatherer or agrarian society than in, say, contemporary Los Angeles, there are scarcely a handful of people who actually decide to do so.\u201c<br \/>\n9.) Vgl. Thomas Frank\/Matt Weiland (Hg.), Commodify your Dissent: Salvos from The Baffler, New York: W. W. Norton 1997.<br \/>\n10.) Vgl. Thomas Hecken, Avant-Pop. Von Susan Sontag \u00fcber Prada und Sonic Youth bis Lady Gaga und zur\u00fcck, Berlin: Posth Verlag, 2012.<br \/>\n11.) Zur zweifelhaften Avantgarde-Rhetorik in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst vgl. v. a. Christian Demand, Die Besch\u00e4mung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte, Springe: zu Klampen, 2003.<br \/>\n12.) Vgl. hierzu u. a. Peter B\u00fcrger, Theorie der Avantgarde, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974, S. 92\u201398.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrliche Angaben zur Buchpublikation des Kadmos Verlags, der dieser Aufsatz entnommen ist, gibt es auf der Internetseite <a title=\"website what's next\" href=\"http:\/\/whtsnxt.net\/000\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>, die auch viele weitere Aufs\u00e4tze des Bandes dokumentiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage scheller\" href=\"http:\/\/www.joergscheller.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Scheller<\/a> ist Dozent an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste.<\/p>\n<\/section>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cWelcome to Slavery&lt;br \/&gt;Liebe als Vampirismus&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Martina Zerovnik&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;1.4.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2998&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Avantgarde ist das Avantgardeske geworden<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[339,1159,1197,1309,1608,1817,1837,1877,2257,2379,2382],"class_list":["post-3047","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bildende-kunst","tag-jorg-scheller","tag-kapitalismus","tag-kritik","tag-nachpostmoderne","tag-pop-art","tag-pop-zeitschrift-2","tag-postmoderne","tag-subversion","tag-transgression","tag-trash"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3047"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3047\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}