{"id":3059,"date":"2014-04-15T10:14:13","date_gmt":"2014-04-15T08:14:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3059"},"modified":"2014-04-15T10:14:13","modified_gmt":"2014-04-15T08:14:13","slug":"konsumrezension-aprilvon-daniel-hornuff15-4-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/04\/15\/konsumrezension-aprilvon-daniel-hornuff15-4-2014\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Aprilvon Daniel Hornuff15.4.2014"},"content":{"rendered":"<p>Grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen: Welches Vorgehen ist sinnvoll, wenn man Konsumprodukte rezensiert?<!--more mehr--><\/p>\n<p align=\"left\">Eigentlich sollte an dieser Stelle eine neue Konsumrezension erscheinen. Doch bei Durchsicht der bisher verfassten Beitr\u00e4ge fiel mir ein verbindendes Merkmal auf: Die Suche nach dem methodischen Rahmen. Die wenigen Texte enthalten bereits etliche Reflexionen \u00fcber ihr eigenes Format. Sie artikulieren damit ein Bed\u00fcrfnis nach Selbst\u00fcberpr\u00fcfung, und dies, wie ich meine, aus guten Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p align=\"left\">Denn was kann, was sollte eine Konsumrezension eigentlich leisten? Was sind ihre Werkzeuge, und wie sind diese einzusetzen? Nach welchen Kriterien gelangt eine Konsumrezension zu Urteilen, und worauf werden diese Urteile gest\u00fctzt? Kurzum: Welche speziellen Anforderungen ergeben sich aus der Markierung \u201aRezension\u2018? Dar\u00fcber weiter nachzudenken erschien mir reizvoll, und so muss die n\u00e4chste Rezension noch einen Monat warten.<\/p>\n<p align=\"left\">Fragen der Methodik m\u00f6gen zu den sperrig-unbeliebten geh\u00f6ren und mit dem Ruch akademischer Trocken\u00fcbungen behaftet sein. Doch ihre Geringsch\u00e4tzung greift zu kurz. Denn wer Methodenfragen f\u00fcr zweitrangig erkl\u00e4rt oder erst gar nicht ber\u00fccksichtigt, entzieht den Formaten, auf die sie angewendet werden sollen, M\u00f6glichkeiten der Erkenntnisstiftung. Selbstbeobachtung ist Voraussetzung zur St\u00e4rkung der \u00dcberzeugungskraft.<\/p>\n<p align=\"left\">In versch\u00e4rfter Weise d\u00fcrfte dies auf die Entwicklung eines neuen Formats wie diesem hier zutreffen. Sollen ihm Profil und Pr\u00e4gnanz verliehen werden, braucht es besonderer Anstrengung in Sachen Methodendefinition. \u00c4hnlich einem Sportler, der sich in Kraftr\u00e4umen die ben\u00f6tigte Konditions- oder Schnellkraft erarbeitet, sind auch Konsumrezensionen auf Grundlagen\u00fcbungen angewiesen. F\u00fcr Sportler wie Texte gilt: Erst in Form gebracht, steigt ihre Chance auf Konkurrenzf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p align=\"left\">Bezieht man dies auf den Begriff \u201aRezension\u2018, f\u00e4llt allerdings Gegenteiliges ins Auge, n\u00e4mlich ihr semantisch erschlaffter, geradezu erb\u00e4rmlich ausgepowerter Zustand. Die \u201aRezension\u2018 wurde, wie viele andere Begriffe auch, durch \u00fcberaus gel\u00e4ufige Verwendung regelrecht aufgerieben. Allenthalben wird rezensiert, nahezu jede \u00f6ffentliche Beurteilung etikettiert sich als Rezension. Rezensiert werden nicht nur B\u00fccher, Schauspiel-, Opern- und Tanzauff\u00fchrungen, Ausstellungen und Museumsprojekte, CDs und Filme, sondern ebenso Reisen und Hotels, fast alle auf Amazon erh\u00e4ltlichen Produkte, Bordellbesuche und Mittelaltertreffen. Und so erinnert die \u201aRezension\u2018 erneut an Sportler \u2013 allerdings an solche, die \u00fcberspielt wirken und daher kaum mehr gewinnbringend einzusetzen sind<\/p>\n<p align=\"left\">Wird Sportlern in solchen Situationen Abstand zum laufenden Spielbetrieb empfohlen, so ist auch dem Begriff der \u201aRezension\u2018 ein Augenblick des Sich-Sammelns zu g\u00f6nnen. Zu nutzen ist die Pause f\u00fcr eine etymologische R\u00fcckbesinnung \u2013 m\u00f6ge sie zur Wiederaufladung der Kr\u00e4fte beitragen. (Wenngleich damit weiterhin unber\u00fccksichtigt bleibt, was hier mit dem Begriff \u201aKonsum\u2018 genau gemeint ist; und ob es sich bei den bisherigen Texten nicht eher um <em>Produkt<\/em>rezensionen handelt, da Konsum doch weitaus mehr, prinzipiell die gesamte soziale, kulturelle und historische Verwendung von Dingen umfassen kann).<\/p>\n<p align=\"left\">Dem lateinischen \u201arec\u0113ns\u0113re\u2018 entlehnt, steht Rezension seinem Wortursprung nach f\u00fcr Musterung. Der Musterung wiederum war die Bedeutung des Durchz\u00e4hlens eingeschrieben \u2013 und zwar im quantitativen wie im qualitativen Sinn: Eine Musterung bezeichnete einerseits ein Abz\u00e4hlen, wobei dieses Abz\u00e4hlen als eines \u201ader Reihe nach\u2018 gemeint war, woraus sich wiederum die uns heute gel\u00e4ufige, milit\u00e4risch-strenge T\u00f6nung gebildet hat. Zugleich verwies Musterung auf eine St\u00fcck-f\u00fcr-St\u00fcck-Begutachtung, mithin auf das systematische Inspizieren aller Teile eines Ganzen. Folglich sind mit einer Rezension zwei Formen des Taxierens angesprochen: Einerseits die Pr\u00fcfung einer Menge, andererseits die Wertung der G\u00fcte.<\/p>\n<p align=\"left\">Diese Doppelfunktion ist f\u00fcr das Projekt einer Konsumrezension nicht unerheblich. Immerhin widmet sie sich Dingen, die nur deshalb zu mustern sind, weil sie durch die H\u00f6he ihres Absatzes (noch) existieren. Stoischem \u201aAbz\u00e4hlen\u2018 verdanken sie ihr Dasein. Zugleich aber sind diese Dinge auch Ausdruck getroffener G\u00fcteentscheidungen, lassen sich also auch qualitativ begutachten, auf ihre funktionalen Wirkungen wie \u00e4sthetischen Implikationen hin pr\u00fcfen, ein Zugang, dem sich die bisher verfassten Konsumrezensionen auch bedienten.<\/p>\n<p align=\"left\">Was aber hei\u00dft das konkret: Wie soll die Quantit\u00e4t eines Konsumprodukts, die Zahl seiner Verk\u00e4ufe etwa, produktiv auf seine Gebrauchs- und Inszenierungsdimensionen bezogen werden? Sollen nun statistische Daten mit qualitativen Untersuchungen gekoppelt werden? Was lie\u00dfe sich damit genau beurteilen?<\/p>\n<p align=\"left\">Die Gefahr einer Kopplung von quantitativem und qualitativem Taxieren liegt im Aufstellen einer erkenntnistheoretischen Hierarchie: Ein besonders erfolgreich verkauftes Produkt wird wom\u00f6glich dann nur noch darauf untersucht, welche \u00e4sthetischen Codes f\u00fcr seinen Erfolg verantwortlich sein k\u00f6nnten. Umgekehrt tendiert man dazu, absatzschwache Produkte als stilistische oder inszenatorische Fehlleistungen einzustufen. Ebenso zahlengl\u00e4ubig pr\u00e4sentieren sich dann aber auch Rezensenten, die ausschlie\u00dflich konterkarierend argumentieren und nur noch darauf schielen, wo Erfolgsprodukte bisher unentdeckte Schwachstellen \u00fcbert\u00fcnchen und warum Nischenprodukte \u00fcber bislang unentdeckte, nun aber endlich zu w\u00fcrdigende Qualit\u00e4tsvorz\u00fcge verf\u00fcgen.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Parallelf\u00fchrung von Mengendaten und Eigenschaften ist also generell problematisch, beg\u00fcnstigt sie doch eine Urteilskultur, in der der Urteilende entweder als Anwalt oder als Ankl\u00e4ger der Zahlen erscheint, er in jedem Fall also seinen Blick stark auf sie ausrichtet. F\u00fcr eine Konsumrezension, die sich dem Wortursprung verpflichtet f\u00fchlt, m\u00fcssten also andere Varianten der In-Beziehung-Setzung von Bezifferung und Beurteilung gefunden werden.<\/p>\n<p align=\"left\">Eine M\u00f6glichkeit k\u00f6nnte darin liegen, auch die Verkaufszahl eines Produkts als Teil seiner Gestaltungsmasse zu werten. Wie inszenieren Unternehmen die quantitative Potenz ihrer Produkte? Spielt die Zahl bisher verkaufter Produkte in der Marketingkommunikation eine Rolle? Oder wird sie totgeschwiegen (Beispiel <a href=\"http:\/\/www.20min.ch\/digital\/news\/story\/24883322\">Samsung<\/a>)? K\u00f6nnen Abverkaufszahlen als Autorit\u00e4tszertifikate dienen (Beispiel <a href=\"http:\/\/www.microsoft.com\/germany\/visualstudio\/aktuell\/news\/show.aspx?id=msdn_de_51977\">Microsoft<\/a>)? Und in welchem Licht soll ein Produkt umgekehrt erscheinen, wenn seine Marktstellung durch limitierte Auflagen gefestigt werden soll (Beispiel <a href=\"http:\/\/wickelkinder.de\/manduca\/newdesigns\/manducalimitededitions.htm\">manduca<\/a>)?<\/p>\n<p align=\"left\">Eine andere Variante l\u00e4ge darin, die quantitative Dimension eines Produkts nicht nur auf seinen Markterfolg zu beziehen, sondern (auch) zu ermitteln, wie \u201aMenge\u2018 durch das Produkt selbst als Designelement eingesetzt wird (Beispiel <a href=\"http:\/\/shop.kaufhaus-xl.com\/drogerie\/dalli-color-waschmittel-xxl-packung-ca-100-waeschen-7kg\/a-4877\/\">dalli<\/a>). So w\u00fcrde man wohl der urspr\u00fcnglichen Begriffsbestimmung des \u201arec\u0113ns\u0113re\u2018 noch n\u00e4her kommen, bliebe es doch bei einer konzentrierten Musterung des gew\u00e4hlten Gegenstandes, ohne dabei die beiden Elemente Abz\u00e4hlen und G\u00fcteermittlung aufgeben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p align=\"left\">Eine dritte M\u00f6glichkeit hat bereits Simon Bieling eingebracht, indem er daran erinnerte, Produkte im Plural zu rezensieren. Man w\u00fcrde als Rezensent also selbst als Gestalter von Mengenkonstellationen einwirken, eine \u2013 durch pers\u00f6nliches Interesse gest\u00fctzte \u2013 Auswahl treffen, um durch Kontrastierung die wesentlichen Qualit\u00e4tsst\u00e4rken und -schw\u00e4chen ermitteln zu k\u00f6nnen (als Anregung: <a href=\"http:\/\/img.dooyoo.de\/DE_DE\/orig\/2\/2\/0\/2\/2\/2202291.jpg\">Rasenm\u00e4her<\/a> versus <a href=\"http:\/\/di3-4.shoppingshadow.com\/pi\/i.ebayimg.com\/18\/!!d5rKL!BmM~$(KGrHqYH-CgEqu!U6SwdBKuVBygmGg~~_32-300x300-0-0.jpg?rqid=p6.e2fb85a39eac17e00647&amp;rqt=SRS&amp;a=2&amp;c=1&amp;l=8071320&amp;r=1&amp;pr=1&amp;pid=23677800&amp;lks=0&amp;fks=0\">Kinderwagen<\/a>). Damit w\u00e4re auch wieder ein Element in die Rezension eingef\u00fchrt, das f\u00fcr ihren derzeitigen Etikettierungsboom mitverantwortlich sein d\u00fcrfte: Eine Rezension ist vom Versprechen aufgeladen, ihren Autor als Subjekt der Bewertung kenntlich zu machen und ihn damit als Regisseur einer Bewertungsinszenierung auszuweisen.<\/p>\n<p align=\"left\">Der Rezensent als Souver\u00e4n einer Urteilsfindung st\u00fcnde demnach auch wieder in einer dichteren Bedeutungsn\u00e4he zur urspr\u00fcnglich gemeinten \u201aMusterung\u2018. Eine Musterung, zur\u00fcckzuf\u00fchren auf das lateinische \u201amonstrare\u2018, ist semantisch verschwistert mit dem Zeigen, und, \u00fcbertragen auf eine Konsumrezension, mit Aufzeigen und Kenntlichmachen. Eine so verstandene Konsumrezension tr\u00fcge demnach nicht nur ein Urteil \u00fcber eines oder mehrere Produkte vor, sondern zugleich auch zu einer Schule des Schauens, Beobachtens und Wahrnehmens bei. Indem der subjektiv musternde Blick des Rezensenten ein subjektives Taxieren quantitativer und qualitativer Dimensionen vorlegt, l\u00e4dt er zu Zustimmung oder Widerspruch, zu Korrekturen und Einw\u00e4nden, zu Erg\u00e4nzungen und Erweiterungen ein.<\/p>\n<p align=\"left\">So w\u00e4re die durchaus autorit\u00e4re Geste einer Rezension, die sich \u00f6ffentlich ihr eigenes Urteil erlaubt, durch ihre individuelle Note wieder relativiert und als eingesponnen in ein Netz aus Vorannahmen und Nachbemerkungen ausgewiesen. In jedem Fall k\u00f6nnte eine pr\u00e4zisere R\u00fcckbesinnung auf den eigentlichen Sinngehalt einer Rezension zur weiteren Effektst\u00e4rkung von Konsumrezensionen beitragen.<\/p>\n<p align=\"left\">Denn auch die besten Sportler brauchen nur kurze Verschnaufpause, um in alter oder sogar noch besserer Form zur\u00fcckzukehren. Sie erweisen sich damit nicht als Nostalgiker ehemals erbrachter Leistungen, sondern als besonnen genug, um \u00fcber die Gewinnwirkung der eigenen Zur\u00fccknahme Bescheid zu wissen. Dass die bisherigen Konsumrezensionen erkennbar aus diesem Geist heraus entstanden sind, ist neben ihrer Methodensuche ihr weiteres verbindendes Merkmal. Beiden Charakteristika ist ein Wiederaufleben in zuk\u00fcnftigen Beitr\u00e4gen zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"hornuff homepage\" href=\"http:\/\/kunstwissenschaft.hfg-karlsruhe.de\/users\/daniel-hornuff\" target=\"_blank\">Daniel Hornuff<\/a> ist akademischer Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen: Welches Vorgehen ist sinnvoll, wenn man Konsumprodukte rezensiert?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[497,1270,1309,1815],"class_list":["post-3059","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-daniel-hornuff","tag-konsum","tag-kritik","tag-poo-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3059"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3059\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}