{"id":3095,"date":"2014-05-02T15:41:51","date_gmt":"2014-05-02T13:41:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3095"},"modified":"2014-05-02T15:41:51","modified_gmt":"2014-05-02T13:41:51","slug":"qualitats-fernsehen-rezension-zu-michael-z-newmanelana-levine-legitimating-televisionvon-thomas-hecken2-5-2014-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/05\/02\/qualitats-fernsehen-rezension-zu-michael-z-newmanelana-levine-legitimating-televisionvon-thomas-hecken2-5-2014-2\/","title":{"rendered":"Qualit\u00e4ts-Fernsehen Rezension zu Michael Z. Newman\/Elana Levine, \u00bbLegitimating Television\u00abvon Thomas Hecken2.5.2014"},"content":{"rendered":"<p>Welche Qualit\u00e4t?<!--more--><\/p>\n<p>Seinen Artikel zu \u00bbTV-Serien-Analysen\u00ab begann Heinz Dr\u00fcgh auf diesen Seiten mit den Worten: \u00bbAlle, aber auch alle schauen sie an, jene derzeit so popul\u00e4ren Serien des sogenannten \u203aQualit\u00e4ts-TVs\u2039. Angesichts des Konsenskartells w\u00e4re es durchaus reizvoll, wider den Stachel zu l\u00f6cken und nicht ein weiteres Mal mit rotwangiger Begeisterung zu verk\u00fcnden, wie unfassbar komplex doch die \u203aSopranos\u2039, wie nie dagewesen realistisch \u203aThe Wire\u2039 ist.\u00ab (<a title=\"artikel dr\u00fcgh\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/09\/25\/tv-serien-analysenvon-heinz-drugh25-9-2013\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">pop-zeitschrift.de<\/a>, September 2013)<\/p>\n<p>Nun, das kann er haben, zumindest indirekt. Michael Z. Newman und Elana Levine kritisieren zwar nicht die genannten Sendungen, wohl aber die Begr\u00fcndungen, mit denen sie zum Qualit\u00e4ts-TV geadelt werden. Um dies zu tun, zeigen sie zuerst an reichem empirischen Material auf, welche Argumente und Strategien gebraucht wurden, um in den Zeiten von Pay-TV, DVD, Streaming bestimmte Serien als Beispiele des neuen Qualit\u00e4tsfernsehens auszugeben.<\/p>\n<p>Als besonders bedeutungsvoll erachten sie f\u00fcr die erfolgreiche Hochwertung besagter Serien im US-amerikanischen Feuilleton, in wissenschaftlichen Studien, in der Selbstreflexion von TV-Machern, in der Werbung bestimmter Kabelsender, in den Auswahlgremien von TV-Preisen:<\/p>\n<p>1. Die Herausstellung des \u00bbshowrunners\u00ab (des Produzenten\/Ideengebers) als Werksch\u00f6pfer \u2013 analog zur bereits mehrere Jahrzehnte fr\u00fcher durchgesetzten Privilegierung des Regisseurs im \u00e4hnlich hochgradig arbeitsteiligen Film zum Autor. 2. Die Favorisierung des kinematografischen \u00bbsingle-camera-style\u00ab gegen\u00fcber der gleichzeitigen Aufnahme einer Szene durch mehrere Kameras. 3. Die Absetzung von einem als \u203amassenhaft\u2039 und \u203afeminin\u2039 typologisierten Fernsehprogramm und seinen Zuschauern.<\/p>\n<p>Als entscheidende Distinktion daf\u00fcr sehen sie die Abgrenzung von der soap opera an: \u00bbthrough an emphasis on the crucial place of a narrative conclusion, through persistent efforts to \u203acheat\u2039 the degree of serialization in favor of more episodic storytelling, or through a resistance to soap-like subject matter\u00ab (S. 99).<\/p>\n<p>Diese Gro\u00dfbefunde lassen sich nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Nachzeichnung von Grenzziehungen nutzen, die konkrete Wertsetzungen zwischen verschiedenen Serien betreffen, ebenso f\u00fcr die Charakterisierung einzelner Serien. Zu den \u00bbSopranos\u00ab f\u00fchren Newman und Levine etwa aus: \u00bbTony\u2019s tale offers a metaphor for the ways cinema itself has been felled by television, as well as the ways that the masculinized world has been hobbled by the increasing presence and power of the feminine. Tony is at once an object of ridicule and a site of identification for the masculinized viewing subject, to be mocked but also pitied for his failure to live up to the masculine ideal of the cinematic gangster\u00ab (S. 95).<\/p>\n<p>Das gut lesbare und nachvollziehbar analysierende Buch bietet nicht nur eine wissenschaftliche Untersuchung, sondern verh\u00e4lt sich auch kritisch zu den festgestellten Befunden. Angeleitet vom Soziologen Pierre Bourdieu und einigen Ans\u00e4tzen der Cultural Studies verstehen sich die Autoren offenkundig nicht nur als Wissenschaftler, sondern als kritische Wissenschaftler. Den von den Verfechtern des Quality TV favorisierten Sendungen k\u00f6nnen sie zwar selbst oftmals einiges abgewinnen, dennoch findet der aus ihrer Sicht \u203aelit\u00e4re\u2039 und antifeminine Zug dieser \u00bbdiscourses of cultural uplift\u00ab keineswegs ihre Zustimmung.<\/p>\n<p>Ihr Fazit lautet klar und deutlich: \u00bbWe love television. But legitimizing that love at such a cost? Paying for the legitimation of the medium through a perpetuation of hierarchies and cultural value and inequalities of class and gender? No.\u00ab (S. 171)<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass man Pr\u00e4ferenzen gar nicht anders als durch Hierarchisierungen artikulieren kann, leisten aber die Autoren vor allem eines nicht: Sie begr\u00fcnden und zeigen nicht, wie man die \u203aLiebe zum Fernsehen\u2039, zu der sie sich bekennen, auf eine Weise manifestieren kann, die nicht zu einer Aufrechterhaltung von Chauvinismus und sozialer Ungleichheit beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wenn man schon meint, Wissenschaft solle nicht nur richtige von falschen Aussagen scheiden und \u00fcberpr\u00fcfbare Ergebnisse historischer Untersuchungen liefern, sondern sich auch im Namen einer besseren Gegenwart und Zukunft kritisch zu solchen historischen Tatsachen verhalten, dann w\u00e4re es wohl nicht verkehrt, diesen Ansatz n\u00e4her auszubuchstabieren.<\/p>\n<p>Sicher, dass die aus der Bevorzugung m\u00e4nnlicher Kraft und Tiefe erfolgende Ablehnung als \u203afeminin\u2039 gelabelter Genderattribute schlecht und die \u00dcberwindung der Klassenspaltung gut ist, steht f\u00fcr die Autoren von selbst fest, da sehen sie wahrscheinlich gar keine weitere \u00c4u\u00dferungsnotwendigkeit \u2013 und es gibt ja auch mehr als genug an Schriften dazu. Zumindest aus letzterem Grund mag man den Autoren ihr Schweigen nachsehen.<\/p>\n<p>Anders jedoch beim Punkt der Begr\u00fcndung \u00e4sthetischer Wertsetzungen. \u00bbWe love television\u00ab, das meint bei ihnen ja: Wir lieben auch (oder gerade?) soap operas! Aber weshalb? Weil sie vermehrt von Frauen und \u203aeffeminierten\u2039 M\u00e4nnern gesehen werden und weil die Quality-Highbrows entsprechenden Sendungen abf\u00e4llig nachsagen, von den \u203aMassen\u2039, dem \u203aMainstream\u2039, den \u203aUnterschichten\u2039 gesehen zu werden? \u00c4ndert sich durch die Kritik an solchen kultur-elit\u00e4ren und chauvinistischen Aussagen etwas an der Lage von Frauen und Unterschichtsangeh\u00f6rigen? Reicht es nicht schon (im Guten wie im Schlechten mehr als) aus, dass solche soaps in gro\u00dfer Zahl produziert und ausgestrahlt werden? Und wenn das nicht so w\u00e4re, wie s\u00e4hen dann die \u00e4sthetischen Bekundungen aus, die soap operas auf kulturell wie sozial zutr\u00e4gliche Weise lobten?<\/p>\n<p>Nichts an solchen \u00dcberlegungen im Buch. Von den Autoren wird nicht ein einziges Urteil vorgebracht oder zitiert, das z.B. zum Lob von \u00bbGossip Girl\u00ab oder dem Chic und dem Design (nicht der bem\u00fchten Psychologie) von \u00bbMad Men\u00ab ansetzt, als g\u00e4be es solche Formen der Pop-Affirmation innerhalb der journalistischen, wissenschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Welt \u00fcberhaupt nicht. Wie das vorliegende Buch aber zumindest selbst ex negativo \u2013 durch seine verst\u00e4ndliche Kritik der Quality-TV-Begr\u00fcndungen und durch seine damit verbundene Kritik der Soap-Denunzierungen \u2013 belegt, ist dies nicht der Fall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nMichael Z. Newman\/Elana Levine<br \/>\nLegitimating Television. Media Convergence and Cultural Status<br \/>\nNew York und London 2012<br \/>\nRoutledge<br \/>\nISBN: 978-0-415-88025-1<br \/>\n217 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Qualit\u00e4t?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[621,1358,1416,1527,1837,1929,2176,2337],"class_list":["post-3095","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-elana-levine","tag-legitimating-television","tag-mad-men","tag-michael-z-newman","tag-pop-zeitschrift-2","tag-quality-tv","tag-sopranos","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3095"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3095\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}