{"id":3126,"date":"2014-05-18T13:26:18","date_gmt":"2014-05-18T11:26:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3126"},"modified":"2014-05-18T13:26:18","modified_gmt":"2014-05-18T11:26:18","slug":"sport-nach-dem-bild-der-popkulturvon-thomas-hecken18-5-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/05\/18\/sport-nach-dem-bild-der-popkulturvon-thomas-hecken18-5-2014\/","title":{"rendered":"Sport nach dem Bild der Popkulturvon Thomas Hecken18.5.2014"},"content":{"rendered":"<p>Sportfotografie im Sinne von Pop<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[leicht \u00fcberarbeitete Version des Aufsatzes aus: \u201eSportBilder. Fotografien der Bewegung\u201c, hg. v. J\u00fcrgen M\u00fcller, Felicitas Rhan und Josefine Kroll in Zusammenarbeit mit Jens Bove, Leiter der Deutschen Fotothek, Dresden 2014, S. 28-35 (ein Band zur <a title=\"hinweis ausstellung\" href=\"http:\/\/www.altana-galerie-dresden.de\/ausstellungen\/sportbilder-fotografien-der-bewegung\/start\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausstellung SportBilder<\/a> in der Technischen Universit\u00e4t Dresden, Universit\u00e4tssammlungen, Kunst und Technik, Altana Galerie, 12.5.-12.7.2014)]<\/p>\n<p>In der t\u00e4glichen Berichterstattung auf den \u00fcberregionalen Sportseiten dominieren Bilder professioneller Athleten. Zwar sind es von Nation zu Nation oder von Kontinent zu Kontinent unterschiedliche Sportarten, die heutzutage Publizit\u00e4t erfahren \u2013 was dem einen der Fu\u00dfball, ist dem anderen der Football \u2013, als gro\u00dfe Gemeinsamkeit bleibt aber: Au\u00dfer Profis ist dort niemand zu sehen. Manchmal gibt es noch Fotos von Fans, die in begeisterter, trauriger oder aggressiver Pose gezeigt werden.<\/p>\n<p>Von adeligen Amateuren oder Absolventen herrschaftlicher Universit\u00e4ten, die sich in fairem, interesselosem Wettkampf messen, keine Spur mehr. Aber auch von Volksert\u00fcchtigung ist in den Netz- oder Zeitungsver\u00f6ffentlichungen der Sportredaktionen fast nichts zu sehen, es sei denn, man z\u00e4hlt schon das Singen, Trinken und gelegentliche Raufen der Fangruppen dazu, die mit ihrem expressiven, aufdringlichen Gebaren unentgeltlich dankbare Fotomotive liefern.<\/p>\n<p>Von der traditionellen Volkskultur scheint der Sport \u2013 und mit ihm die Sportfotografie \u2013 weit entfernt. Popkultur (oder wenn einem das Wort \u201aKultur\u2018 in diesem Zusammenhang missf\u00e4llt: Pop) st\u00fcnde dann geradezu im Gegensatz zur Volkskultur. Pop m\u00fcsste man identifizieren mit professionell gemanagten Stars auf der einen und passiv zuschauenden, unsportlichen Massen auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Doch ganz so (einfach) ist es nicht. Erstens sollte man Popkultur nicht synonym mit Massenkultur setzen. Wenn es nur um die Beschreibung ginge, dass kulturindustriell hergestellte Dinge und Events gro\u00dfe, sogar schichten\u00fcbergreifende Publikumsmengen erreichten, br\u00e4uchte man den neueren Begriff \u201aPop\u2018 nicht, sondern k\u00f6nnte beim \u00e4lteren Massendiskurs bleiben. Zweitens trifft der Aspekt der Kommerzialisierung zwar oft auf Pop-Ph\u00e4nomene zu. Da aber heutzutage sehr viele Kulturgegenst\u00e4nde in Warenform vertrieben werden, bringt die Identifizierung von Pop mit Kommerz nicht viel. Besser gesagt: Sie bringt zu viel, denn folgte man der Gleichsetzung, m\u00fcsste man auch Kafka-Taschenbuchausgaben, Mahler-Einspielungen, Gem\u00e4ldeauktionen etc. unter \u201aPop\u2018 fallen lassen. Das w\u00e4re kaum sinnvoll.<\/p>\n<p>Eine Gleichsetzung von Pop- und Volkskultur verbietet sich schon aus den gerade genannten Gr\u00fcnden, auch wenn z.B. die Kommerzialisierung des Sports viel fr\u00fcher beginnt, als man gemeinhin annimmt (bereits im 18. Jahrhundert gab es in London und Umgebung f\u00fcr Boxen und Kricket einen beachtlichen Markt). Insgesamt stimmt aber, dass die Konstellation von zuschauendem, zahlendem Publikum und professionellen Sportlern in dieser Zeit wesentlich weniger h\u00e4ufig anzutreffen war als heute. Dass ganze Sippen oder D\u00f6rfer an (Rauf-)Spielen teilnehmen und dadurch ihre Gemeinschaft bekr\u00e4ftigen, kommt umgekehrt in der Gegenwart nur noch selten vor.<\/p>\n<p>Das Bem\u00fchen, die kleineren, \u00f6rtlich begrenzten, \u00fcberschaubaren Gemeinschaften ins Nationale hin\u00fcberzuretten und gewaltsam zu steigern, konnte sich auf l\u00e4ngere Sicht im liberalkapitalistischen Westen auch nicht durchsetzen. Leibes\u00fcbungen als Ert\u00fcchtigung und einigendes Band der nationalen Demokratie, zur \u00dcberwindung st\u00e4ndischer Unterschiede, nicht aber zur Best\u00e4tigung eines kosmopolitischen K\u00f6rpers \u2013 solche v\u00f6lkischen Anl\u00e4ufe, die ihren Charakter als \u201eKriegs\u00fcbungen\u201c (Turnvater Jahn) gar nicht verleugnen wollen, gibt es nur noch in einigen Diktaturen.<\/p>\n<p>In den westlichen Staaten hat sich die Bedeutung des Sports als Ausdrucksform und Motor des Nationalismus und Patriotismus in volksm\u00e4\u00dfig umfassender Form nur auf der Zuschauerseite erhalten. Bei ausgew\u00e4hlten Sportarten, in Europa in erster Linie dem Fu\u00dfball, dienen Turniere zwischen Nationalmannschaften oder einzelnen Vertretern nationaler Verb\u00e4nde f\u00fcr die Zuschauer dem Zweck, im jeweiligen Team und ihren erfolgreichsten Mitgliedern die eigene Nation zu erkennen und zu feiern. Das Ziel der \u00dcbung wird heutzutage auch noch in hohem Ma\u00dfe erreicht, selbst wenn die Sportler in den langen Jahren zwischen solchen Wettbewerben als Individualk\u00e4mpfer und Kleinunternehmer in allen m\u00f6glichen internationalen Zusammenh\u00e4ngen ihr Geld verdienen.<\/p>\n<p>Im letzten Punkt gleichen sie mittlerweile den Protagonisten der Popmusik und des Hollywoodfilms, des Pop-Lifestyles und Pop-Mode. Mit der eben beschriebenen Ausnahme der Welt- und Europameisterschaften sowie der Olympiaden, f\u00fcr die es in Musik, Kunst und Mode kein \u00c4quivalent gibt, tritt die Kulturgemeinschaft im Pop-Zeitalter auch im Sportsektor in einzelne Aktive und verstreute Zuschauer- und Zuh\u00f6rermengen auseinander.<\/p>\n<p>U.a. wegen dieser Trennung liegt es sp\u00e4testens seit der Pop-Art und der englischen Mod-Bewegung Anfang der 1960er Jahre nahe \u2013 und oft genug ist seitdem ja auch so verfahren worden \u2013, Pop nicht kategorisch in der Volks- bzw. Popul\u00e4rkultur mit ihren Merkmalen wie Einfachheit, Urspr\u00fcnglichkeit, Ungek\u00fcnsteltheit, Gemeinsinn, Verwurzelung im Regionalen oder im Alltagsleben der kleinen Leute aufgehen zu lassen. Es w\u00e4re mehr als erstaunlich, wenn dies abseits gewisser Orte des Amateursports nicht auch f\u00fcr Fu\u00dfball, Leichtathletik, Autorennen etc. gelten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Pop-Bestimmung muss also mindestens um andere Gesichtspunkte erweitert werden. Besonders von Bedeutung sind die Gesichtspunkte K\u00fcnstlichkeit, \u00c4u\u00dferlichkeit, Oberfl\u00e4chlichkeit, Stilverbund, Konsumismus. Allgemein und ausf\u00fchrlich habe ich sie in meinem Aufsatz \u00bb<a title=\"aufsatz hecken pop-konzepte\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/03\/14\/pop-konzepte-der-gegenwartvon-thomas-hecken14-3-2013\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pop-Konzepte der Gegenwart<\/a>\u00ab in der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a title=\"hinweis heft 1\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/03\/08\/pop-kultur-und-kritik-heft-1-herbst-2012inhaltsverzeichnis-und-weitere-hinweise8-3-2014\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heft 1<\/a>, 2012, vorgestellt. Hier sollen sie in verknappter Form helfen, um f\u00fcr den Zusammenhang von Sport, Pop und Fotografie interessante und heute geltende Prinzipien und Details aufzuweisen.<\/p>\n<p><em>K\u00fcnstlichkeit<\/em>. Im Gegensatz zur Popul\u00e4rkultur steht vor allem, dass Pop mit dem Nat\u00fcrlichen nichts anfangen kann, au\u00dfer es zu elektrifizieren und zu bearbeiten. Plastik, Aufnahme- und Abspielger\u00e4te, Schneideraum, Photoshop, Syntheziser- und Sampler-Software z\u00e4hlen zu den wichtigsten Instrumenten und Materialien des Pop. Die enge Verbindung von K\u00fcnstlichkeit und technischen Neuerungen macht es m\u00f6glich, dass der Popkonsum \u2013 selbst bei gro\u00dfem Bem\u00fchen um Distinktion \u2013 kein Luxuskonsum sein muss. Poster, Haarspray, synthetische Stoffe, bedruckte T-Shirts, Illustrierte, billige Fernseher und Laptops, Flatrates reichen aus, um f\u00fcr Glamour und modische Abwechslung zu sorgen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die sportliche Aktivit\u00e4t scheint es zuerst, dass Pop hier nicht greifen k\u00f6nne. Der menschliche K\u00f6rper, somit unsere eigene menschliche Natur, \u00fcber die wir uns trotz aller Aufschw\u00fcnge des Geistes nie ganz erheben k\u00f6nnen, steht im Mittelpunkt des Sports. Nach Jahrzehnten peinlichen Schweigens wei\u00df nun aber gegenw\u00e4rtig jeder, in welch hohem, fl\u00e4chendeckendem Ma\u00dfe die Profisportler (und in manchen Disziplinen sogar die Amateure) mit k\u00fcnstlichen Substanzen arbeiten. Die chemischen Labore der Dopinghersteller sind den Kontrollen zuverl\u00e4ssig um einen oder mehrere Schritte voraus, deshalb besitzen aktuelle Statistiken \u00fcber die geringe Zahl \u00fcberf\u00fchrter Doper keine Bedeutung. Die tats\u00e4chlich viel h\u00f6here Anzahl weist auch den Sportbereich als Reich des K\u00fcnstlichen aus. Im Gegensatz zu Musik und Mode reichen wegen der stark vergr\u00f6\u00dferten Anstrengungen der Dopingkontrollen billige Mittel aber zumeist nicht mehr aus. Der Profisportler ist heute bei Dopingmitteln auf teure Konsumtion verwiesen.<\/p>\n<p>Der Fotografie bleibt dies notwendigerweise verborgen, da sie nicht ins Innere des K\u00f6rpers eindringt. Sie kann allenfalls missgl\u00fccktes Doping an k\u00f6rperlichen Deformationen oder anderen \u00e4u\u00dferlichen Zeichen dokumentieren oder in Reportagen Sportler beim Doping zeigen. Dennoch war die Fotografie von Beginn an der K\u00fcnstlichkeit des Sports auf der Spur oder trug sogar zu ihrer Forcierung bei. Es gibt schon fr\u00fch nicht wenige Fotografien, die den K\u00f6rper des Sportlers zerlegen, sich auf Einzelteile konzentrieren. Durch Komposition, Fokus und Ausschnitt, die alle ein Gegengewicht zur diffuseren, holistischeren optischen Wahrnehmung des menschlichen Betrachters bilden, hat die Fotografie ihren Beitrag zur Modellierung bestimmter Funktionen und K\u00f6rperteile geleistet. Der ganze, nat\u00fcrliche Mensch dankt ab zugunsten von Muskelpartien, R\u00fcmpfen, Sehnenstr\u00e4ngen, optimierten Torsi.<\/p>\n<p>Im Rahmen des K\u00fcnstlichen kann er mitunter wieder als vollst\u00e4ndiger Leib auferstehen, wenn im Studio die gelungene Anpassung des Sportlers an die Umwelt simuliert und geprobt wird. Das Studio ist dann nicht das des Fotografen, sondern das der Sporthochschule, eines Leistungszentrums oder einer naturwissenschaftlich-technischen Einrichtung. Der Fotograf kann hier ins Bild setzen, dass es nicht auf die Lebendigkeit des Sportlers ankommt, sondern auf sein Verm\u00f6gen, Teil einer Maschine oder der Anforderungen der Wettkampfst\u00e4tte zu werden.<\/p>\n<p><em>\u00c4u\u00dferlichkeit<\/em>. Pop h\u00e4lt sich an das sinnlich Gegebene. In den Augen erkennen Pop-Anh\u00e4nger einen sch\u00f6nen Glanz, nicht die Seele.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, die Fotografie sei die selbstverst\u00e4ndliche Verb\u00fcndete dieses Pop-Ansatzes. Legionen an Kommentaren von K\u00fcnstlern, Feuilletonisten, Rezipienten aller Art haben einen jedoch eines Besseren belehrt. Der vorz\u00fcgliche Fotograf fange in seinen Portr\u00e4ts das Wesen des Portr\u00e4tierten ein, nicht blo\u00df sein Aussehen, er bringe auf geheimnisvolle Weise eine Tiefe hinter der Oberfl\u00e4che zum Vorschein, hei\u00dft es bei ihnen unerm\u00fcdlich. Die Aufdeckung dieses Geheimnisses wollen diese Kunstbetrachter nicht durch eine Inspektion ihrer eigenen psychologischen Zuschreibungen bewerkstelligen. Im Gegenteil, sie wehren jede Aufkl\u00e4rung ab und \u00fcbersetzen sich das \u201aGeheimnis\u2018 mit der unfassbaren Gr\u00f6\u00dfe und Begabung des Fotografen.<\/p>\n<p>Die Sportfotografie steht dem nicht nur bei ihrer gelegentlichen Dekomponierung des Athleten in seine K\u00f6rperteile entgegen. Ihre gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Ablichtung von Bewegungen und Handlungen r\u00fcckt den K\u00f6rper in den Blick, privilegiert nicht das Gesicht, in dem ohnehin die Spuren der Anstrengung beim Training oder im Wettbewerb zu Disproportionen f\u00fchren, zu geschlossenen oder aufgerissenen Augen, verzerrten M\u00fcndern usf. Um im Modus des Portr\u00e4ts die Behauptung offenbarter Innerlichkeit und Tiefe auch beim Sportler zur\u00fcckzugewinnen, muss er stillgestellt werden. Er muss eine Pose einnehmen, die einen Moment aus einer Bewegungsabfolge herausgreift, ohne dass die Bewegung durchgef\u00fchrt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die andere M\u00f6glichkeit besteht darin, den Sportler nicht im Wettkampf oder beim Training zu fotografieren, sondern ihn aufs Bild zu bannen, ohne dass er Bewegungen ausf\u00fchrt oder andeutet. Zum Privatmann wird der Sportler dabei jedoch nur selten. Zu den Konventionen der Sportfotografie geh\u00f6rt es, ihn im Trikot zu zeigen. So ist er ganz auf seine Rolle festgelegt, das erschwert den Aufstieg zur Pers\u00f6nlichkeit, wenn auch nicht notwendigerweise den zum Star.<\/p>\n<p><em>Oberfl\u00e4chlichkeit<\/em>. Pop wendet sich gegen moderne, n\u00fcchterne Prinzipien. Die \u00dcberzeugung, dass die Form dem praktischen Zweck des Gegenstands dienen m\u00fcsse, wird nicht geteilt. Eine auff\u00e4llige Oberfl\u00e4che, die in keinem Zusammenhang zum Nutzen von technischen Ger\u00e4ten, H\u00e4usern, M\u00f6beln steht, markiert das Pop-Design. Die dekorative Verpackung von G\u00fctern weitet das Oberfl\u00e4chen-Prinzip \u00fcber solche Objekte entscheidend aus; die Abl\u00f6sung des braunen Umschlags durch das Schallplattencover ist ein bedeutsames Beispiel daf\u00fcr. Dennoch ist Pop der modernen, asketischen Auffassung \u201aweniger ist mehr\u2018 nicht vollkommen untreu. Die Oberfl\u00e4chen des Pop sind vorzugsweise geschlossen, selten verl\u00e4uft oder vermischt sich etwas. In der Pop-Werbung wie in der Pop-Art sind die Farben nicht nur bunt, sondern vor allem unmoduliert und weisen harte Grenzen zueinander auf.<\/p>\n<p>Zumindest Letzteres hat die Sportlertrikots lange ausgezeichnet. Dem Funktionalismus stark entsagen kann die Sportmode im Profibereich selbstverst\u00e4ndlich nicht, die notwendigen Bewegungsabl\u00e4ufe muss sie f\u00f6rdern, wenigstens darf sie sie nicht behindern. Um dennoch weitgehend poppig zu wirken, bedurfte es der Durchsetzung des Kommerzialismus. Der erfolgreiche Sportler als Werbetr\u00e4ger \u2013 ihn kennzeichnet im buchst\u00e4blichen Sinne der Aufdruck, das Signet, das Logo der Firma, die \u00fcber ihn an seine Fans als K\u00e4ufer herankommen m\u00f6chte. Die Sportfotografie hat sich dem lange entziehen wollen, um nicht wider k\u00fcnstlerische Absichten und auch noch unentgeltlich zum Marketing beizutragen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Umweg der Modefotografie ist das Pop-Prinzip jedoch in die Bildk\u00fcnste eingewandert. Nicht nur die Sportler, auch ihre Fans sind mittlerweile von auff\u00e4lligen Farben und Schriftz\u00fcgen \u00fcberdeckt. Bis weit in die 1960er Jahre hinein waren die Zuschauer in den Stadien kaum als Anh\u00e4nger eines bestimmten Vereins kenntlich. Sie machten auch durch ihren Dress klar, dass sie selber keine Sportler sind, sondern die Spieler blo\u00df anschauen wollten.<\/p>\n<p>Diese Trennung ist besonders bei Mannschaftssportarten, etwa beim Fu\u00dfball und Basketball, heute weitgehend beseitigt. Die Fans sehen aus wie die Spieler, sie pr\u00e4sentieren dieselben Trikots, in denen unten auf dem Spielfeld auch die eigentlichen Akteure herumlaufen, dazu tragen sie diverse andere Insignien ihres Vereins. Dieser geballten Macht und Pr\u00e4senz der leicht lesbaren Formen, Farben und Zeichen kann sich der Sportfotograf, selbst wenn er es aus Abneigung gegen Marketing und Kommerzialismus wollte, nur schwerlich entziehen.<\/p>\n<p><em>Stilverbund<\/em>. Ein Pop-Gegenstand kommt niemals allein. Nicht nur geh\u00f6ren zum Pop-Objekt der Aufdruck und die Verpackung bindend dazu, ein spezieller Gegenstand steht auch in einer Reihe mit Dingen aus anderen Bereichen. Der Musikstil ist mit einer Frisur, einer Hose, einem Auto, einer Attit\u00fcde verbunden, und das nicht auf spielerische, gar beliebige Art und Weise, sondern unter der Annahme seiner Verfechter, eines passe zum anderen, ja sei mit ihm notwendig verbunden.<\/p>\n<p>Der Sport ist diesem Prinzip lange Zeit nur auf popul\u00e4re Weise verpflichtet gewesen. Namen, Farben, Wappen der Vereine verdankten sich mitunter der Annahme, diese gingen bindend aus der Tradition des Landstrichs, der St\u00e4dte oder Stadtteile hervor, in denen sie gegr\u00fcndet wurden. Modische Abwechslung ist dann nicht gefragt. Zur Pop-Mode geh\u00f6rt aber nicht allein die Abwechslung, sondern, wie eben gesagt, der Glaube, das momentan Durchgesetzte passe \u00fcber und durch verschiedene Gattungen zusammen. Dies konnte f\u00fcr den Sportbereich erst G\u00fcltigkeit bekommen, als seine Zeichen aus ihm den Weg herausfanden.<\/p>\n<p>Der entscheidende Moment daf\u00fcr ist leicht anzugeben. Es ist der Augenblick, in dem die Sportkleidung au\u00dferhalb der Stadien und nicht nur von Fans getragen wird. Die Verbreitung der Sportkleidung \u00fcber Mannschaft und Betreuer hinaus reicht also nicht aus. Erst die noch j\u00fcngere Adaption der Sportoutfits durch Musiker, Modeleute, subkulturelle Kr\u00e4fte gibt hier den Ausschlag. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist die Prominenz von Sportschuhen und bestimmten Sportbekleidungsmarken im fr\u00fchen Hip-Hop. Auch hier hat die Sportfotografie in Werbung und Illustrierten anf\u00e4nglich blo\u00df Hilfestellung geleistet, diese Verkn\u00fcpfung nicht eigens inszeniert. Ein Problem insgesamt war das nicht, mehr als gen\u00fcgend Fotografen, die f\u00fcr Musikzeitschriften, Trendbl\u00e4tter, kleine Plattenfirmen und Galerien arbeiteten, standen zum Ausgleich bereit.<\/p>\n<p><em>Konsumismus<\/em>. Pop tritt daf\u00fcr ein, dass nicht nur dem t\u00e4tigen Leben ein hoher Rang zukommt. Sich berieseln, erregen, unterhalten lassen steht ebenso hoch im Kurs. Konsumieren, also verzehren, ist zudem ein Pop-Kennzeichen, weil es den Gegensatz dazu bildet, sich verzehren zu lassen. Bewusstseinsverlust, Aus-Sich-Selbst-Heraustreten, Rausch z\u00e4hlen allenfalls vor\u00fcbergehend einmal zur Pop-Welt \u2013 als Samstagnachtph\u00e4nomen. Die Grundhaltung von Pop ist anti-ekstatisch.<\/p>\n<p>Diesem Prinzip arbeitet die Fotografie grunds\u00e4tzlich zu. Mag sie im Sportbereich noch so sehr darauf aus sein, den entscheidenden Augenblick des Erfolgs sowie den Moment gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccks bei der spontanen Feier des Erfolgs festzuhalten, tut sie dies nat\u00fcrlich auf mehrfach distanzierte und distanzierende Art. Der Fotograf selber muss k\u00fchl bleiben, auf den Gebrauch seiner Apparatur fixiert. Noch wichtiger: der Betrachter, f\u00fcr den die Aufnahmen angefertigt werden, sieht sie mehr oder minder unbeteiligt an, zumindest in einigem Abstand zum Siegestreffer, Finallauf, zur Jubelfeier, Ehrenrunde.<\/p>\n<p>Das gilt jedoch f\u00fcr alle Ereignisse und viele Repr\u00e4sentationen, unabh\u00e4ngig von Sport, Pop, Fotografie, ist darum nicht besonders der Rede wert. Ein Spezifikum in dieser Konstellation kann man allerdings verzeichnen. Gemeint ist das Sammelbildchen. Die Brustbilder der Sportler dementieren bereits durch ihr kleines Format jede Aura. Expressiv oder sinnf\u00e4llig stilisiert sind sie nicht, auf Tiefe zielen sie nicht einmal im Ansatz. Sie stehen an einem der Kunstfotografie am st\u00e4rksten entgegengesetzten Punkte (da die Gegens\u00e4tze sich bekanntlich ber\u00fchren, kann die strenge, serielle Fotografie freilich von ihr wieder profitieren).<\/p>\n<p>Aber auch diejenigen, die Sammelbilder kaufen, um sie in Alben zu sammeln und auf dem Weg zur Vollst\u00e4ndigkeit mit anderen zu tauschen, befinden sich an einem Pol, der fernab der \u00fcblichen Fanpraxis liegt, die auf N\u00e4he, K\u00f6rperkontakt, Momente ausgelassener Freude, geselliges Zusammensein, alkoholischen Taumel, laute Bekundungen, Anwesenheit im Stadion, Wirkungshoffnungen (Anfeuern, Auspfeifen) ausgerichtet ist, nicht auf mediatisierte Formen und Praktiken.<\/p>\n<p>Oft im Pop-Bereich sind die ekstatischen Momente so beschaffen, dass der K\u00f6rper und der gemeinschaftliche Ort f\u00fcr sie eine gro\u00dfe Bedeutung besitzen: Live-Konzert, Tanzen und Drogennehmen in der Diskothek, auf Partys. Kein Wunder, dass in Pop-Magazinen und auf Pop-Covern gerne Extremsportarten pr\u00e4sentiert werden und die Verbundenheit, die in diesen Szenen angeblich vorherrscht.<\/p>\n<p>Trotzdem sorgen die ekstatischen Augenblicke im Pop-Bereich nicht f\u00fcr einen entscheidenden Bruch mit der \u00fcbrigen Zeit. Wichtiger noch f\u00fcr den Pop-Bereich ist die m\u00fc\u00dfig, gleichm\u00e4\u00dfig verbrachte Zeit im Kinder- und Wohnzimmer oder am mobilen Netzger\u00e4t, ist das H\u00f6ren, Videoschauen zu Hause oder unterwegs, das Dekorieren, Anprobieren in den eigenen vier W\u00e4nden. Abstrakter gesagt: Der Alltag wird durch Pop nicht aufgesprengt, sondern von ihm \u00fcberformt. Die Aktivit\u00e4ten, die ihn pr\u00e4gen, sind meist keine originellen, kreativen Handlungen, sondern sekund\u00e4re Praktiken, die an den Leistungen anderer ansetzen und sich mit dem besch\u00e4ftigen, was anderswo stattgefunden hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Reiz des Nicht-Pr\u00e4senten steht die Fotografie allgemein\u00a0 \u2013 und die Sportfotografie beweist mit ihrem gro\u00dfen Ma\u00df an Publizit\u00e4t, in welch hohem Ma\u00dfe es interessant sein kann, das t\u00e4tige und siegreiche Leben nicht selbst anzustrengen, sondern es blo\u00df zu betrachten. Besonders die Praxis der Sportbildchen-Sammelei zeigt, dass es auch ganz ohne k\u00f6rperliche Anstrengung, individuell zelebrierte Erfolge und gemeinschaftliche Erlebnisse geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cKleine Artikelrevue April 2014&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;30.4.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3083&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sportfotografie im Sinne von Pop<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[779,1837,2053,2205,2206,2207,2337],"class_list":["post-3126","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-fotografie","tag-pop-zeitschrift-2","tag-sammelbildchen","tag-sport","tag-sportideologie","tag-sportmode","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3126\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}