{"id":3192,"date":"2014-06-01T10:15:09","date_gmt":"2014-06-01T08:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3192"},"modified":"2014-06-01T10:15:09","modified_gmt":"2014-06-01T08:15:09","slug":"meinungsfrei-rezension-zu-tilo-sarrazin-der-neue-tugendterror-u-a-von-martin-seeliger1-6-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/06\/01\/meinungsfrei-rezension-zu-tilo-sarrazin-der-neue-tugendterror-u-a-von-martin-seeliger1-6-2014\/","title":{"rendered":"Meinungsfrei Rezension zu Thilo Sarrazin, \u00bbDer neue Tugendterror\u00ab u.a.von Martin Seeliger1.6.2014"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beitrag der Medienklasse<!--more--><\/p>\n<p>Viele verkaufte B\u00fccher, wenig Anerkennung in der eigenen Peer-Group, in intellektuellen Kreisen \u2013 dieser Widerspruch weckte sofort mein Interesse. Nachdem die Auseinandersetzungen um \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c und das nachfolgende Euro-Buch nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch die Gef\u00fchle vieler linksalternativer Gesinnungsgenossen verletzt hatten, konnte ich mich au\u00dferdem einer gewissen Sensationslust nicht erwehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\" align=\"center\">Um die aktuelle Diskussion richtig verstehen zu k\u00f6nnen, ist es m.E. zuerst unerl\u00e4sslich, die Debatte um Thilo Sarrazins \u00c4u\u00dferungen als \u00f6ffentliche Person wenigstens in Ans\u00e4tzen nachzuzeichnen. Der n\u00e4chste Abschnitt stellt diese Geschichte anhand seiner letzten drei B\u00fccher und ihrer \u00f6ffentlichen Wahrnehmung dar. In einem weiteren Schritt soll die Argumentation seines dritten Buches zum Tugendterror, welches gleichzeitig eine Meta-Auseinandersetzung Sarrazins mit den Reaktionen auf die beiden ersten B\u00fccher darstellt, genauer vorgestellt werden. In einem dritten Teil versuche ich mich an einer kritischen Auseinandersetzung mit seinem Argumentationsgang, bevor ein abschlie\u00dfendes Fazit M\u00f6glichkeiten eines R\u00fcckschlusses auf die gesellschaftliche Konstellation ausloten will, die sich aus einer Auseinandersetzung mit Sarrazins B\u00fcchern ergeben. Die pers\u00f6nliche Bewertung von Sarrazins Text m\u00f6chte ich mir hierbei, soweit eben m\u00f6glich, f\u00fcr die letzten beiden Abschnitte aufheben<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Wer ist (und was will) Thilo Sarrazin (mit seinen letzten drei B\u00fcchern)?<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich wohl mit einiger Sicherheit sagen, dass die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit den Diskussionsbeitr\u00e4gen Thilo Sarrazins zu den wichtigsten (internen) Kontroversen der deutschsprachigen \u00d6ffentlichkeit z\u00e4hlt. Als wesentlicher Indikator kann hierbei einerseits die Beteiligung zahlreicher Journalisten, Publizisten und Wissenschaftler gelten. Dass die Diskussion immer wieder gro\u00dfe Aufmerksamkeit auf sich zog, lag zum anderen aber auch an ihren thematischen Schwerpunkten, den Themen der Integrations- und Bev\u00f6lkerungspolitik sowie des europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsraums, die im Blickpunkt der \u00f6ffentlichen Meinung im Allgemeinen stehen.<\/p>\n<p>Zwar haftete Sarrazin bereits in seinem Amt als Berliner Finanzsenator der Ruf eines Querulanten an. Politisch richtig auff\u00e4llig wurde er (nachdem er sich mit vorherigen K\u00fcrzungs- und Aktivierungspl\u00e4doyers noch einigerma\u00dfen inkognito im sozialdemokratischen Modernisierungsspektrum bewegen konnte) aber erst, als er im Jahr 2008 Ern\u00e4hrungshinweise f\u00fcr Hartz IV-Empf\u00e4nger ausgab. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits die Ver\u00f6ffentlichung seines Buches geplant haben muss, ist es gut denkbar, dass hierin ein gewisses Kalk\u00fcl steckte \u2013 der Skandal sollte sein wichtigstes Promotion-Tool werden. Im Folgenden stelle ich kurz die drei letzten Monographien Sarrazins als Meilensteine seiner Profilierungsgeschichte vor.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzungen um Sarrazins erstes Buch \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c (2010) ergaben sich keineswegs aus dem Nichts. Das Genre einer <em>integrationskritischen<\/em> Berichterstattung geh\u00f6rt schon seit Jahrzehnten zum Kanon der deutschen Medien und Publizistik (Gei\u00dfler\/P\u00f6ttker 2005).<\/p>\n<p>Dass entsprechende Darstellungsformen nicht nur in erh\u00f6hter H\u00e4ufigkeit, sondern auch mit einer immer st\u00e4rker wahrnehmbaren Systematik hervortraten (\u201awestliche und \u00f6stliche Kulturen sind inkompatibel; das Zusammenleben ihrer Angeh\u00f6rigen ist per se problematisch\u2018), verst\u00e4rkte sich seit dem Karikaturenstreit des Jahres 2005. Eine zunehmende Berichterstattung nicht nur von Seiten der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen (Springer etc.), sondern auch durch vermeintliche Qualit\u00e4tsver\u00f6ffentlichungen wie den \u201eSpiegel\u201c \u00fcbertrug die von Huntington (2002) unter dem Oberbegriff eines \u201aKampfs der Kulturen\u2018 bem\u00fchte Konfliktlinie in eine alltagsmediale Erscheinung.<\/p>\n<p>Auch im Genre des integrationskritischen Sachbuches steht \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c nicht alleine \u2013 siehe etwa die Ver\u00f6ffentlichungen der ehemaligen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig (2010) oder des Neuk\u00f6llner Bezirksb\u00fcrgermeisters Heinz Buschkowsky (2012). Allgemein gesprochen zeichnen sich die Publikationen aus dieser Literaturgattung durch eine sehr plastische Form der Darstellung der durch sie adressierten Probleme aus. So zitiert etwa Buschkowsky (ebd.: 225) einen Berliner Polizeibeamten, um die Gefahr des abweichenden Verhaltens (post-)migrantischer Jugendlicher zu illustrieren: \u201eWer zeigen will, dass er ein vollwertiger Mann ist, muss jemanden mit einem Messer verletzt haben.\u201c<\/p>\n<p>Der Bezug auf hegemoniale (westlich-mehrheitsgesellschaftliche) Institutionen wie Polizei oder Schule (siehe z.B. die ebenfalls von Buschkowsky bem\u00fchten Morddrohungen gegen eine Kopftuch-kritische Lehrerin) dienen zur Untermauerung der politischen Dringlichkeit einer \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung. Dass Angeh\u00f6rige vermeintlicher Problemgruppen in den Publikationen des Genres nicht zu Wort kommen, wird nicht weiter problematisiert.<\/p>\n<p>Neben der (mehr oder weniger) latenten Darstellung zu integrierender (Post-)Migranten als Problemgruppe zeichnen sich die Texte in aller Regel dadurch aus, dass die Thematisierten selbst nicht zu Wort kommen. Was Jugendrichterin Heisig, Finanzsenator a.D. Sarrazin oder Bezirksb\u00fcrgermeister Buschkowsky denken, gilt erst mal als gesetzt. M\u00f6glicherweise kommt noch eine Schulleiterin zu Wort, die von Morddrohungen gegen ihre Person berichten kann. Insgesamt geht es aber in erster Linie darum, was die Amtstr\u00e4ger \u00fcber ihre Klienten (bzw. W\u00e4hler) denken, nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Der Begriff der Integration birgt in diesen Darstellungen \u201estets eine negative Diagnose\u201c (Terkessidis 2010: 9): \u201eEs gibt Probleme, und die werden verursacht durch die Defizite von bestimmten Personen, die wiederum bestimmten Gruppen angeh\u00f6ren\u201c (ebd.). Es ist zu vermuten, dass hierin zu einem wesentlichen Teil der Reiz liegt, der f\u00fcr viele Rezipienten von der Lekt\u00fcre (oder mindestens der Anschaffung) der B\u00fccher ausgeht.<\/p>\n<p>Dass die hier skizzierten Argumentationen nicht so richtig abwechslungsreich sind (Politiker rechts von Sarrazin bringen sie praktisch unabl\u00e4ssig vor), kompensiert Sarrazin durch einige scharfe \u00c4u\u00dferungen im Vorfeld. Besondere \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erzielt er mit dem folgenden Zitat in \u201eLettre International\u201c: \u201eIch muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, f\u00fcr die Ausbildung seiner Kinder nicht vern\u00fcnftig sorgt und st\u00e4ndig neue kleine Kopftuchm\u00e4dchen produziert.\u201c<\/p>\n<p>Den geringeren Erfolg von Sarrazins folgendem Euro-Buch erkl\u00e4rt zum Teil sicher, dass die Problemanalyse nicht auf eine gleicherma\u00dfen klare Abgrenzung zwischen Freund und Feind aufgebaut werden konnte. \u00c4hnlich wie in den anderen beiden B\u00fcchern zeichnen sich zwar seine Ausf\u00fchrungen zum Euro durch argumentative und sprachliche Aggressivit\u00e4t aus. Analytische Verfehlungen wie die (vermutlich unbewusste) Adaption eines Kulturbegriffs, der in seinem Holismus an Herder erinnert, bringen Sarrazin zu einer Reihe kulturalistisch-rassistischer Implikationen \u2013 er nennt das \u201eMentalit\u00e4ten der V\u00f6lker\u201c. Anders als von verschiedenen Kritikern angemerkt, findet sich ein offener Nationalismus im Buch jedoch nicht und es wird \u2013 anders als der Titel das suggeriert und undifferenzierte Rezensionen des Buches dies unterstellten \u2013 auch keine Aufl\u00f6sung der Eurozone gefordert (vgl. H\u00f6pner 2012).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Sarrazins Argumentationsgang im \u201eNeuen Tugendterror\u201c<\/p>\n<p>Die spezifische Bedeutung des Tugendterror-Buches erschlie\u00dft sich vor dem Hintergrund der seit kurz vor \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c entbrannten Diskussion um die Person und \u00c4u\u00dferungen Sarrazins. Ausgangspunkt seiner Kritik stellt ein B\u00fcndel seiner Ansicht nach so weit verbreiteter wie problematischer Auffassungen dar, die er im Rahmen der Kontroverse wahrgenommen hat. In Verbindung mit der allgemeinen Akzeptanz gegen\u00fcber gesellschaftlichen Zust\u00e4nden, die von ihm in vorherigen Ver\u00f6ffentlichungen als inakzeptabel identifiziert worden sind, problematisiert Sarrazin (2014: 15f) einen allgemein verbreiteten Mangel an Bereitschaft, entsprechende Zust\u00e4nde in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber stellt der Autor selbst sich in einen neo-aufkl\u00e4rerischen Zusammenhang, in dem es darum geht, den abendl\u00e4ndischen Kulturkreis zu derjenigen \u201eFreiheit des Denkens und Forschens\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren, \u201edie seit der fr\u00fchen Renaissance auf allen Gebieten um sich griff\u201c (ebd.: 24). Dass er \u2013 der eigenen Behauptung gem\u00e4\u00df \u2013 selbst zur Zielscheibe r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter Attacken geworden ist, kommt der Darstellung insofern zugute, als so gen\u00fcgend Anschauungsmaterial zur Illustration seiner Argumente zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Neben der Funktionsweise der Massenmedien analysiert Sarrazin au\u00dferdem deren Verbindung zu einer Reihe von Grundwerten, die von Seiten der \u201eMedienklasse\u201c (und einer nicht n\u00e4her spezifizierten Lobby von Politikern und anderen) offensiv vertreten werden. Als kleinsten gemeinsamen Nenner der von ihm identifizierten Auspr\u00e4gungen dieser \u201epolitisch korrekten\u201c Grundwerte beschreibt Sarrazin das Gleichheitspostulat als zentralen Bezugspunkt zur Gestaltung sozialer Ordnung. In seiner Allgemeing\u00fcltigkeit bedinge die Forderung nach sozialer Gleichheit nicht nur gesellschaftliche Dysfunktionen, sondern sei oftmals schlichtweg ungerecht (und kritisieren k\u00f6nne man sie auch nicht ungestraft).<\/p>\n<p>Medienherrschaft, Denkverbote, Infragestellung der Grundwerte der westlichen Zivilisation und Ideologiekritik \u2013 das alles klingt vermutlich erst mal ziemlich spannend. Aber doch auch ziemlich abstrakt oder? Nein keineswegs! In seinem Anliegen beschr\u00e4nkt sich der ehemalige SPD-Politiker nicht auf die sophistische Reflexion, sondern beabsichtigt einen praktischen Beitrag zur L\u00f6sung einer festgefahrenen Konstellation. Weil Deutschland (und westliche Gesellschaften im Allgemeinen) viele Probleme h\u00e4tten, die sie auf Grund verzerrter Wahrnehmungen nicht l\u00f6sen k\u00f6nnten, m\u00f6chte Sarrazin einen Denkansto\u00df geben.<\/p>\n<p>Wie schon J\u00fcrgen Habermas (2011: 271) bemerkt, ergibt sich die Legitimit\u00e4t sozialer Ordnung \u201eaus dem Legitimationspotential verf\u00fcgbarer Ideen und Weltbilder.\u201c Mit seiner Ausgangsfrage nach der wahrgenommenen Berechtigung politischer Argumente im \u00f6ffentlichen Diskurs bewegt Sarrazin sich auf dem Terrain des mediensoziologischen Kerngesch\u00e4ftes. Eine wesentliche Bedeutung medial vermittelter Diskussionen liegt demnach darin, \u201emittels moralischer Kriterien und Beobachtungsweisen die Gesellschaft (\u00fcber sich selbst) [zu] <em>alarmieren<\/em>\u201c (Ziemann 2012: 72).<\/p>\n<p>Richtig ist hier auch Sarrazins (2014: 27) Beobachtung, nach der unterschiedliche Sprecherpositionen mit unterschiedlichen Beeinflussungspotenzialen gegen\u00fcber dem Verlauf dieser Diskussionen versehen sind. In der Nutzung dieser Potenziale erkennt er nun \u201eeine eigene Weltsicht und daraus folgende Agenda, die durchweg deutlich links vom Publikum angesiedelt ist\u201c (ebd.: 154). Hieraus ergebe sich die Gefahr, \u201edass die gesellschaftliche Diskussion und insbesondere die ver\u00f6ffentlichte Meinung Fragestellungen verk\u00fcrzen und einschr\u00e4nken bzw. bestimmte Fragen und mit ihnen verbundene Antworten unter ein Tabu stellen\u201c (ebd.: 14).<\/p>\n<p>Unter dem semantischen Diktat linker Meinungsmacher erscheine im \u00f6ffentlichen Diskurs nun nicht das objektiv Richtige, sondern vielmehr das sozial Angemessene als Wahrheit. Dass dies die vern\u00fcnftige Diskussion sozialer Probleme (inklusive unangenehmer Sachverhalte) verunm\u00f6gliche, versucht der Autor nun anhand der Reaktionen auf seine Beitr\u00e4ge zu den politischen Debatten der letzten Zeit zu belegen. Aufbauend auf Schilderungen vermeintlich absichtlicher Falschdarstellungen (wie z.B. durch suggestive Schnitte in der ZDF-Sendung \u201eAspekte\u201c, vgl. ebd.: 105) stilisiert Sarrazin sich zum subversiven Underdog der deutschsprachigen Publizistik.<\/p>\n<p>Nachdem Sarrazin im Einklang mit dem allgemein bekannten Sinnspruch einer bekannten deutschen Tageszeitung (\u201eJede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht\u201c) wichtige politische Probleme adressiert hatte, erschien es also nur als eine Frage der Zeit, bis die linksalternative Journalistenzunft sich zur Abwehrformation zusammenf\u00fcgte \u2013 \u201edas Gleichheits-Imperium schlug zur\u00fcck\u201c (ebd.: 341).<\/p>\n<p>Zur Illustration seines Au\u00dfenseiterstatus bem\u00fcht Sarrazin eine Reihe historischer Referenzen, vom griechischen Philosophen Sokrates, der vor einem attischen Gericht zum Verzehr eines t\u00f6dlichen Gifts aus dem sog. \u201aSchierlingsbecher\u2018 verurteilt wurde (ebd.: 32), \u00fcber subversive Elemente in der Wehrmacht und Regimekritiker in der DDR (ebd.: 50), die Zensur durch die katholische Kirche im Mittelalter (ebd.: 51) bis hin (wenn auch nicht historisch-empirisch, sondern fiktional) zur ersten der beiden Star-Wars-Trilogien (341).<\/p>\n<p>Solcherlei Darstellungen m\u00f6gen nun \u00fcberzogen wirken. V\u00f6llig aus der Luft gegriffen sind sie \u2013 meiner Meinung nach \u2013 jedoch nicht. Anhand des Echos auf Sarrazins \u201eTugendterror\u201c l\u00e4sst sich dies beispielsweise durch die Reaktion Jakob Augsteins illustrieren, der hier auch vor aggressiven Psychologisierungen nicht zur\u00fcckschreckt. Bei der Selbstdarstellung Sarrazins handele es sich demnach um die \u201eEntfaltung einer narzisstischen Pers\u00f6nlichkeit\u201c (Augstein 2014). Und es l\u00e4sst sich sicherlich fragen, ob der Verleger und anerkannte Sohn Rudolf Augsteins nicht einer D\u00e4monisierung des Finanzministers a.D. das Wort redet, wenn er ihn in seiner Kritik als \u201eb\u00f6se[n] Geist der sozialen K\u00e4lte\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund derartiger Reaktionen l\u00e4sst sich nun fragen, inwiefern die polemischen Attacken Sarrazins nicht vor allem als Versuche interpretiert werden sollten, eine \u00f6ffentliche Kr\u00e4nkung zu kompensieren. Das ist gut m\u00f6glich (aber m\u00f6glicherweise auch falsch). Worauf ich mich im Folgenden konzentrieren m\u00f6chte, ist in erster Linie die unmittelbar politische Dimension von Sarrazins Selbst-Stilisierung. Wenn Berichterstattung im Wege der Massenmedien also, wie Sarrazin unterstellt, einer politischen Schlagseite unterliegt, so l\u00e4sst sich aus einem demokratietheoretischen Blickwinkel hier ein Elitenproblem (empirisch \u00fcbrigens best\u00e4tigt von Hartmann 2013), feststellen.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Indem sich Sarrazin nun in die \u2013 von ihm eigens zu diesem Zweck ins Skript geschriebene \u2013 Rolle des unbequemen Kritikers begibt, erweckt er den Eindruck, er verleihe lediglich dem Ausdruck, was ohnehin die meisten d\u00e4chten. Und diese Einsch\u00e4tzung wird dann auch gleich theoretisch untermauert. \u201eDie Medienklasse glaubt mehrheitlich, sie sei aufgekl\u00e4rter und politisch reifer als der gemeine B\u00fcrger, und der typische Politiker glaubt dies im Grund auch\u201c (Sarrazin 2014: 28).<\/p>\n<p>Die Meinungsmacher aus Presse und Rundfunk sind demnach nicht nur deutungsm\u00e4chtig, sondern auch vollkommen entr\u00fcckt. Abbilden tun sie nur das, was sie selbst f\u00fcr richtig halten. Und weil sie eben so entr\u00fcckt sind, stimmt dies meist nicht mit dem \u00fcberein, was der kleine Mann auf der Stra\u00dfe (welcher von Sarrazin \u00fcbrigens an keiner Stelle so bezeichnet wird; sic!), denkt.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf der einen Seite Vertreter der \u201aMedienklasse\u2018 nun denjenigen Politikern, die brennende gesellschaftliche Probleme lediglich verwalten, anstatt sie zu l\u00f6sen, einen diskursiven Persilschein ausstellen, sieht Sarrazin nicht tatenlos zu. Gnadenlos legt er deren Schaffen offen und erkennt in seiner pointierten Kritik das \u201eWeltbild der Verharmloser und Sch\u00f6nf\u00e4rber im harmoniefreudigen M\u00fcsli-Milieu\u201c (ebd.: 99).<\/p>\n<p>Die Konstellation ist also klar benannt. Sarrazin wei\u00df, was die Leute denken, Politiker wissen es nicht (oder wollen ihr demokratisches Mandat zumindest in keine entsprechende politische Praxis \u00fcberf\u00fchren). Und da Sarrazin die diskursive Sch\u00f6nf\u00e4rberei durchschaut und ausspricht, was ohnehin schon fast alle denken, hat er ja auch den ganzen \u00c4rger mit den Journalisten und Politikern, die sich von ihm nat\u00fcrlich nicht entlarven lassen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Dass die Konfliktlinie hierbei nicht unbedingt entlang etablierter politischer Lager verl\u00e4uft, zeigt u.a. die Kritik, die Sarrazin etwa an der Berichterstattung des \u201eSpiegel\u201c (ebd.: 56) \u00fcber ihn \u00e4u\u00dfert. Mit seinen Titelstories \u00fcber die \u201eStille Islamisierung Deutschlands\u201c (13\/2007) oder die \u201eMigration der Gewalt\u201c (2\/2008) hat das Hamburger Blatt in der Vergangenheit ja mehrfach bewiesen, dass es einem integrationskritischen Populismus nicht abgeneigt ist. Dass \u201eDer Spiegel\u201c als B\u00fcndnispartner f\u00fcr Sarrazin nicht in Frage zu kommen scheint, illustriert seinen zwanghaften Abgrenzungsbedarf, der zum Zwecke seiner dichotomen Rahmenerz\u00e4hlung (Wahrheitsfinder vs. verharmlosungsinteressierter Journalisten-Politiker-Kl\u00fcngel) unbedingt gedeckt werden muss.<\/p>\n<p>Da er sich in seinem Text gegen die sinnstiftende Kraft hegemonialer Deutungsschemata (abstrakt) richtet, welche durch eine Koalition zwischen Angeh\u00f6rigen der \u201eMedienklasse\u201c (ebd.: 35) und f\u00fchrenden Politikern (konkret) aufrechterhalten w\u00fcrden, l\u00e4sst sich in Sarrazins Text eine ideologiekritische Absicht identifizieren. Eine besondere Kraft soll diese Ideologiekritik deshalb entfalten, weil sie \u2013 laut Sarrazin \u2013 werturteilsfrei erdacht und vorgetragen worden sei (vgl. ebd.: 116).<\/p>\n<p>Dass dieser Eindruck vor allem zu Anfang der Debatte um \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c entstanden sein mag, h\u00e4ngt sicherlich nicht zuletzt mit einer entsprechenden Berichterstattung zusammen \u2013 Magazine wie \u201eDer Spiegel\u201c stellten Sarrazin hier in der Rolle des leidenschafts-, aber auch schonungslosen Aufkl\u00e4rers dar. Da der Inhalt von Sarrazins \u00c4u\u00dferungen nun wenig Anlass zur Best\u00e4tigung seiner Neutralit\u00e4t gibt (siehe die ausf\u00fchrlichere Darstellung weiter unten), wendet er zwei verschiedene Strategien an, um den Tatsachen einen gegens\u00e4tzlichen Anschein zu geben:<\/p>\n<p>Zum einen sind das rhetorische Spielereien, wie das von Arthur Koestler geborgte Bonmot der \u201e\u00dcberlegenheit eines sch\u00f6nen Irrtums \u00fcber eine sch\u00e4bige Wahrheit\u201c (ebd.: 189). Seine (subjektiver Eindruck: teilweise sogar ganz gute) Polemik tr\u00e4gt ihn hier \u00fcber die inhaltlichen Untiefen seiner Argumentation (hierauf m\u00f6chte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen). Die zweite Strategie ist die Zuschreibung inhaltlicher Voreingenommenheit an seine Gegner. Sarrazins Hauptargumentation resultiert aus seiner Kritik eines rhetorischen Regulativs, welches er im von ihm identifizierten Komplex der Political Correctness erkennt.<\/p>\n<p>Die Haltung der Political Correctness erwachse, so Sarrazin (ebd.: 36), aus dem \u201eGrundimpuls, Einstellungen und Werthaltungen zu \u00e4chten, die man als moralisch verwerflich oder gesellschaftssch\u00e4dlich empfindet.\u201c Als umfassende Ideologie (wobei nicht ganz klar wird, wie umfassend sie eigentlich ist, Sarrazin zum Beispiel durchschaut sie ja) regelt sie \u201emit impliziter oder expliziter Verbindlichkeit den Kreis des Sagbaren und die dabei zu w\u00e4hlende Ausdrucksweise\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>Als wesentliches Problem der Political Correctness gilt Sarrazin \u2013 neben ihrer Meinungsfreiheit beschr\u00e4nkenden Wirkung \u2013 ein von ihm diagnostizierter Mangel an inhaltlicher Absicherung und eine tendenzi\u00f6se Kanalisierung \u00f6ffentlicher Diskussionen. Gradmesser ist hier nicht empirische Wahrheit, sondern eine gesellschaftliche \u00dcbereinkunft dar\u00fcber, welche \u00c4u\u00dferungen angemessen sind (und welche eben nicht), laut Sarrazin (ebd.: 35) \u201eein recht hermetischer Code des Guten, Wahren und Korrekten, der gro\u00dfe Teile der Medienklasse dominiert.\u201c<\/p>\n<p>Nun wiese die Haltung der Political Correctness zwar deutliche inhaltliche Konturen auf, w\u00e4re aber in der Praxis wohl weniger relevant, wenn sie sich auf eine Ansammlung ideeller Komponenten beschr\u00e4nken w\u00fcrde \u2013 da sich ja niemand gern den Mund verbieten l\u00e4sst, w\u00fcrde die Auffassung allein nicht gen\u00fcgen, um ungeliebte Zeitgeistkritiker wie Sarrazin zum Schweigen zu bringen. Aus seiner Sicht liegen die Dinge daher etwas komplizierter: Es sei n\u00e4mlich so, dass die \u201eMedienklasse\u201c ihre Deutungsmacht zur Sanktionierung von \u00c4u\u00dferungen nutze, die von der herrschenden, politisch korrekten Meinung abwichen.<\/p>\n<p>Neben einer Einschr\u00e4nkung von Rede- und Gedankenfreiheit beklagt Sarrazin auch die Schwere der entsprechenden Sanktionen. Der manipulative und sanktionierende Einfluss der Medien verdichte sich zu einem Regime des \u201eMeinungsterrors\u201c (ebd.: 42). F\u00fcr abweichende \u00c4u\u00dferung g\u00e4lten gleichsam \u201edie emotionalen Gesetze einer vormodernen Stammesgesellschaft\u201c (ebd.: 31). Diese Sanktionierung spielt er im Verlauf des Textes immer wieder an seinem eigenen Fall durch. Vermeintlich ungerechtfertigte Vorw\u00fcrfe von Rassismus und Biologismus h\u00e4tten Kritikern zahlreiche Anl\u00e4sse zu ungerechtfertigter und personalisierter Kritik gegeben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend solche Sanktionen zwar einen Teil des beschriebenen Terrorregimes ausmachen, funktioniert die \u00f6ffentliche Meinungsmache dem Autoren zufolge subtiler. Zur Veranschaulichung der sinnstiftenden Kraft bem\u00fcht Sarrazin die Parallele zu George Orwells Roman \u201e1984\u201c, in dem die handelnden Mitglieder einer totalit\u00e4ren Gesellschaft mit einer neuen Sprache (\u201eNewspeak\u201c) gef\u00fcgig gemacht werden sollen. Entsprechende Tendenzen sieht Sarrazin auch in der Gegenwart: Zigeuner w\u00fcrden heute Sinti und Roma genannt, Schwarze in Kinderb\u00fcchern nicht mehr als Neger bezeichnet, und das, was gemeinhin als \u201ageschlechtergerechte Sprache\u2018 bekannt ist, sei auch irgendwie problematisch.<\/p>\n<p>Worin genau diese Problematik besteht, ist mir leider nicht ganz klar geworden. M\u00f6glicherweise geht es Sarrazin um eine vermeintliche Verharmlosung der politischen Konsequenzen, die sich seiner Meinung nach aus dem Verhalten bestimmter gesellschaftlicher Gruppen (Migranten, Post-Migranten, Frauen und Schwarze?) ergeben. In diesem Sinne beschreibt jedenfalls Sarrazins Gesinnungs- und Parteigenosse Heinz Buschkowsky (2012: 12) in seinem Buch \u201eNeuk\u00f6lln ist \u00dcberall\u201c die Political Correctness als \u201emeist nur ein Alibi f\u00fcr die professionelle Tatenlosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Abschnitt sollen die Argumente etwas genauer unter die Lupe genommen und mit \u00e4hnlichen oder abweichenden Positionen kontrastiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Beurteilung der Argumentation<\/p>\n<p>Dass sich an Sarrazins Argumentation eine Menge aussetzen l\u00e4sst, zeigte eine Vielzahl von Repliken, Rezensionen und sonstigen Kommentaren, deren Echo in der Regel negativ ausfiel.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> W\u00e4hrend die Kritik hier zwar stellenweise recht pointiert, allerdings eben meist nur auf einzelne Aspekte hin zugespitzt vorgetragen wurde, l\u00e4sst sich das verbreitete Unbehagen gegen\u00fcber Sarrazins \u201eTugendterror\u201c auf einen Komplex von vier grunds\u00e4tzlichen Problemen in seiner Argumentation zur\u00fcckf\u00fchren:<\/p>\n<p>Aufbauend auf einer tendenzi\u00f6sen Ausdrucksweise (1) und der systematischen Verf\u00e4lschung von Tatsachen (2) etabliert Sarrazin die Kritik der Political Correctness (3) als Kernst\u00fcck seiner Argumentation, die er schlie\u00dflich durch eine Reihe verk\u00fcrzter (oder ausgedachter) theoretischer Analogien aus dem Fundus des Geistes- und Sozialwissenschaften (diesmal keine Biologie) abzusichern versucht (4).<\/p>\n<p>Die Sprache ist also das wichtigste Werkzeug Sarrazins. Schwungvoll und in deutlichen Worten l\u00e4sst er keinen Zweifel daran, worum es ihm geht. Schonungslos benennt er Angelegenheiten, die er als Missst\u00e4nde identifiziert, und schreckt dabei auch vor f\u00fcrchterlichen Witzen nicht zur\u00fcck (z.B. die Verballhornung \u201eMensch\/innen\u201c als politisch korrekt ge-genderte Form von \u201eMenschen\u201c; Sarrazin 2014: 44). Die Alliteration im Titel veranschaulicht deutlich, auf welchem Niveau sich das in der Regel abspielt.<\/p>\n<p>Nicht nur gelingt es Sarrazin auf diese Weise, politische Zusammenh\u00e4nge wesentlich weniger komplex darzustellen, als sie es tats\u00e4chlich sind. Gleichzeitig suggeriert er auch eine Form der Bodenst\u00e4ndigkeit, die ihm im Vergleich mit den entr\u00fcckten Politikern \u201ada oben\u2018 glaubw\u00fcrdig erscheinen l\u00e4sst. Sarrazin besch\u00e4ftigen wesentlichere Probleme als geschlechtergerechte Sprache. Das sind idealistische Kopfgeburten. \u201eTatsache ist, dass man als Deutscher in Neuk\u00f6lln nicht mehr auf die Stra\u00dfe\u2026\u201c, \u201eWer in Deutschland nur [\u2026], ist gleich ein [\u2026]\u201c (usw. usf.).<\/p>\n<p>Eine besondere Note gewinnen Sarrazins Sprachspielereien bei den Exkursionen, die er in sein technokratisches Traumland unternimmt (hier w\u00e4re die Welt wieder in Ordnung). Jenseits leidenschaftlicher Verirrungen, die das Tagesgesch\u00e4ft deutscher Sozialpolitik gegenw\u00e4rtig bestimmen, werden Entscheidungen hier mit Augenma\u00df getroffen. Beispiel gef\u00e4llig? \u201eDer Wirtschaftsfl\u00fcchtling muss weder idealisiert noch verteufelt werden, er muss aus Sicht deutscher Interessen schlichtweg verhindert werden. Das geht aber nur, wenn man das Ph\u00e4nomen erkennt, benennt und quantifiziert\u201c (ebd.: 2014: 182). Naja, idealisieren tut er ihn nicht. Verteufeln aber schon eher. Und dass die Holocaust-Analogie unabsichtlich gew\u00e4hlt wurde, glaube ich pers\u00f6nlich auch nicht. Aber aus der Tatsache, dass so etwas eben nicht beweisbar ist, ergibt sich genau die Grauzone, die Sarrazin f\u00fcr seine immergleichen Provokationen nutzt.<\/p>\n<p>Rhetorische \u00dcberspitzung ist also ein zentrales Merkmal der Sarrazin\u02bcschen Argumentationsweise. Was dabei mitunter auf der Strecke bleibt, ist die inhaltliche Richtigkeit seiner Aussagen. Zur Veranschaulichung nutzt Sarrazin h\u00e4ufig Analogien. Das Problem ist nur, dass der bezeichnete Sachverhalt von der bildhaften Darstellung nur unzureichend abgebildet wird (vgl. etwa ebd.: 171; 181). W\u00e4hrend Sarrazin zwar (wenigstens offenkundig) nichts grunds\u00e4tzlich Falsches behauptet (\u201eAlle Ausl\u00e4nder sind kriminell\u201c), dienen viele kleine Fehldarstellungen einer entsprechenden Suggestion.<\/p>\n<p>Im Interview mit dem Nachrichtensender N-TV behauptet Sarrazin beispielsweise, \u201edie Genderforschung\u201c streite Unterschiede zwischen den Geschlechtern grunds\u00e4tzlich ab. Angestrebte Reaktion: \u201aJa, sind die denn bescheuert, die Feministinnen? Klar gibt es Unterschiede, das wei\u00df jeder!\u2018 Auf diese Weise gelingen Sarrazin nun zwei Dinge: Die mit der Genderforschung assoziierte Position der Geschlechtergerechtigkeit wird ins L\u00e4cherliche gezogen und die Vertreter des Wissenschaftszweiges als Sprecher diskreditiert. Ein besonderes Kunstst\u00fcck ist Sarrazin hiermit insofern gelungen, als die Verneinung von Unterschieden zwischen \u201eden Geschlechtern\u201c keineswegs als einhelliger Befund der Geschlechterforschung gelten kann (Becker\/Kortendiek 2010).<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Als weiteres wesentliches Werkzeug im Repertoire des Berufsprovokateurs nutzt Sarrazin schlie\u00dflich die Strategie einer Relativierung der eigenen Aussagen, die er im selben Interview als teilweise \u201ezugespitzt und ironieges\u00e4ttigt\u201c bezeichnet (ebenfalls ein Bestandteil der oben vorgestellten Grauzone).<\/p>\n<p>Als Kern seiner Kritik am Tugendterror-Regime setzt Sarrazin sich mit der \u201aHaltung\u2018<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> politischer Korrektheit auseinander. Das ist mir pers\u00f6nlich erst mal sympathisch, denn ich glaube auch an die Existenz rhetorischer Regulative, durch die mitbestimmt wird, welche Angelegenheiten auf welche Weise thematisiert werden (k\u00f6nnen). Meine Absicht einer wohlwollenden Auseinandersetzung mache ich an dieser Stelle also ganz offiziell und transparent. Und bis hierhin erscheint mir das Ganze auch noch relativ unspektakul\u00e4r \u2013 kein vern\u00fcnftiger Mensch w\u00fcrde die Existenz solcher Regeln bestreiten. Abstrakt gesprochen w\u00fcrde wohl auch jeder der grunds\u00e4tzlichen Aussage beipflichten, dass eine Moralisierung sachliche Diskussionen h\u00e4ufig erschwert.<\/p>\n<p>Aber was ergibt sich daraus? Mindestens genau so skeptisch sollte man meiner Meinung nach reagieren, wenn jemand wie Sarrazin vorgibt, sachliche von moralisierenden Diskurselementen trennen zu k\u00f6nnen. Das ist wahrscheinlich mindestens Quatsch und je nach politischer Salienz des Themas gef\u00e4hrlich. Gegen die Darstellung der Funktionsweise des PC-Komplexes nach Sarrazin lassen sich also eine Reihe verschiedener Einw\u00e4nde formulieren:<\/p>\n<p>In Sarrazins Darstellung ist politische Korrektheit ein externer Handlungszwang. W\u00e4hrend er zwar \u2013 das muss man ihm zugutehalten \u2013 an verschiedenen Stellen auf die manipulative Wirkung medialer Darstellungen eingeht, unterstellt er der Aufrechterhaltung politisch korrekter Sprachregeln in der \u00d6ffentlichkeit einen Zwangscharakter,<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> den er unter Verweis auf den Einfluss der US-amerikanischen Frauenbewegung erl\u00e4utert: \u201eIn vielen amerikanischen Sachb\u00fcchern wechseln Autoren mittlerweile regelm\u00e4\u00dfig das Geschlecht des Subjekts, um sich nicht aus der feministischen Ecke angreifbar zu machen\u201c (ebd. 172).<\/p>\n<p>Ob das so richtig ist, ist wenigstens anzuzweifeln (nein, halt, es ist BL\u00d6DSINN!). M\u00f6glicherweise sind ja doch keine Verschw\u00f6rer am Werk, sondern Leute m\u00f6chten freiwillig auf die Verwendung sprachlicher Elemente verzichten, durch die andere sich \u2013 ihrer eigenen Aussage gem\u00e4\u00df (vgl. etwa Sow 2009) \u2013 angegriffen f\u00fchlen. Hier w\u00fcrde Sarrazin nun vermutlich entgegnen, dass es ja wohl eindeutig dem \u201eMoralin-getr\u00e4nkten Diskurs\u201c (bzw. irgendeine andere typische Sarrazin-Formulierung) zu Lasten ginge, wenn die Leute so d\u00e4chten. Das kann nat\u00fcrlich durchaus sein, w\u00e4re aber dann ein anderes Argument, dass man der logischen Stringenz halber nicht mit dem hier referierten vermischen sollte.<\/p>\n<p>Interessant erscheint weiterhin die Frage, wie jemand, der feindselig von Kopftuchm\u00e4dchen und Gem\u00fcseh\u00e4ndlern schreibt, f\u00fcr sich berechtigterweise nicht nur Absolution von anti-rassistischer Kritik, sondern gleichzeitig auch den Status eines wertfreien Beobachters einfordern kann (die Antwort ist einfach: gar nicht). Die Dichotomisierung moralischer und leidenschaftsloser Diskussion ist dar\u00fcber hinaus falsch auf mehreren Ebenen: Zwar ist es richtig, dass Moralisierung (mir ist immer noch nicht klar, was das genau sein soll) Diskussionen schwieriger macht. Was ethisch angemessen ist und was nicht, sehen viele Leute unterschiedlich. Eine Entmoralisierung (was ist das nun wieder? Und fordert Sarrazin die eigentlich wirklich?) w\u00fcrde entsprechende Diskussionen jedoch ebenso erschweren, h\u00e4ufig sogar verunm\u00f6glichen. Formal-juristisch k\u00f6nnte man z.B. nicht \u00fcber Abschiebungen diskutieren, weil dies eine pauschale Reifizierung und Entschuldigung b\u00fcrgerlichen Rechts bedeuten w\u00fcrde.<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Ist also alles schlecht an Sarrazins Ausf\u00fchrungen? Ich finde nicht. Dass die Sprache das Haus des Seins ist, gilt in Kulturphilosophie und Wissenssoziologie nicht umsonst als gefl\u00fcgeltes Wort. Dass sprachlichen Bezugssystemen eine Tendenz zum Euphemismus innewohnen (und sogar induziert werden) kann, haben schon andere, kl\u00fcgere Fachvertreter herausgefunden.<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> Auch die Tatsache, dass der Umgang mit von rhetorischen Regeln Abweichenden hart und ungerecht sein kann, ist nicht wirklich neu (obwohl der eine oder andere evtl. hier m\u00f6glicherweise \u00fcberrascht reagieren mag). Kritik an Sarrazin ist billig zu haben und kann vor allem im linken Spektrum ein g\u00fcnstiges Identifikationsangebot darstellen. So richtig skandal\u00f6s finde ich das allerdings nicht.<\/p>\n<p>Kommen wir schlie\u00dflich zur sozialtheoretischen Einordnung von Sarrazins Argumenten. Verglichen mit den anderen beiden B\u00fcchern bedient sich der Autor f\u00fcr seine Kritik des Tugendterrors im Repertoire der Sozial- und Kulturwissenschaft. Das ist erst mal gut, beruht sein Vorhaben doch ganz grunds\u00e4tzlich auf einer Fragestellung, die man in \u00e4hnlicher Form in den Arbeiten zahlreicher Fachvertreter wiederfinden kann. Auch in kulturkritischer Absicht \u00fcbers Ziel hinaus zu schie\u00dfen ist schon anderen Kollegen passiert. Seine passionierte T\u00e4tigkeit als Hobby-Sozialwissenschaftler kann man also durchaus sch\u00e4tzen. Dass er auf diese Weise mehrere Millionen B\u00fccher verkaufen konnte, muss man zumindest anerkennen.<\/p>\n<p>Besonders erscheint mir aber die Frage nach einem impliziten gesellschaftlichen Konsens und seiner Gestaltung als Objekt machtpolitischer Ambitionen einer W\u00fcrdigung wert (\u00e4hnlich grunds\u00e4tzliche Auseinandersetzungen finden sich etwa bei Antonio Gramsci). Dass Sarrazin den Rahmen f\u00fcr seine Theorie der Meinungsbildung durch Medien unter Bezug auf Lippmann, Freud, Luhmann, Goethe, de Tocqueville und Machiavelli (um nur mal einige zu nennen) entwickelt, verdeutlicht einmal mehr, dass sich hier jemand nicht scheut, ein ganz gro\u00dfes Fass anzustechen.<\/p>\n<p>Was folgt, ist dann aber bestenfalls abenteuerlich: Eine Irrfahrt durch die Kultur- und Gesellschaftstheorie, auf der hier und da mal angehalten wird (etwa um Freud mit Einsichten der Verhaltens\u00f6konomik zu mischen, vgl. ebd. Kapitel 3 und S. 145), ohne dass sich ein koh\u00e4renter Ansatz erkennen lie\u00dfe.<a title=\"\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> Unangenehm sticht z.B. auch Sarrazins Kritik an Luhmann hervor. Dieser \u00fcbergehe \u201edie Frage, ob die Gesetze der Mediengesellschaft so sind, dass auch die \u201arichtigen\u2018 Themen auf die Tagesordnung kommen und gesellschaftlich verhandelt werden\u201c (ebd. 2014: 138). Abgesehen von dem Kontrast, in dem die vermeintlich wertfreie Herangehensweise Sarrazins zu diesem Einwand steht, liegt dieser Einsch\u00e4tzung eine eklatante Fehl-Rezeption Luhmanns zu Grunde.<\/p>\n<p>Abgesehen von solchen grunds\u00e4tzlichen Verfehlungen zeichnet sich Sarrazins Argument insgesamt durch seine Unklarheit aus. Das ist wohl im Konzept so angelegt, denn es ist gerade die begriffliche Unsch\u00e4rfe, die seine Argumentation erm\u00f6glicht.<a title=\"\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a> Wer genau ist die Medienklasse? Wie genau nimmt sie Einfluss? Wie verlaufen Rezeptionsprozesse im Wechselverh\u00e4ltnis zwischen Adressaten und Sender? Das alles bleibt leider offen.<\/p>\n<p>Insgesamt hat man es bei der Arbeit Sarrazins also nicht mit einer Theorie im wissenschaftlichen Sinne zu tun. Als Genrebezeichnung eignet sich meiner Meinung nach eher etwas zwischen \u201atendenzi\u00f6se Beschreibung\u2018 und \u201aKampfschrift\u2018. Das ist nat\u00fcrlich legitim, entspricht nur eben nicht den Prinzipien des Kritischen Rationalismus, mit dessen Tugenden Sarrazin so gern kokettiert. Auch der Charme liberaler Herrschafts- und Totalitarismus-Kritik, den er sich offenkundig von Poppers \u201eOffener Gesellschaft\u201c abgeschaut hat, soll wohl den R\u00fcckschluss auf Sarrazin als Freigeist nahelegen.<a title=\"\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> Das ist pers\u00f6nlich unangenehm und inhaltlich falsch.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte jetzt noch weiter schreiben und erw\u00e4hnen, dass Sarrazins Ausgangsannahme, deutsche Medien unterl\u00e4gen bei der Berichterstattung \u00fcber Integration von Migranten einem politischen Linksdrall, nicht richtig ist.<a title=\"\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> Auch die These, dass Medienvertreter in der Mehrzahl Germanistik und Politikwissenschaft studiert h\u00e4tten und daher zur praxisorientierten Bearbeitung sozialer Probleme nicht im Stande w\u00e4ren (ebd.: 26), verdient in der kritischen Auseinandersetzung eigentlich mehr Aufmerksamkeit.<a title=\"\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> Und auch diese Aufz\u00e4hlung hier k\u00f6nnte im Prinzip noch weiter gef\u00fchrt werden. Stattdessen lassen wir es aber gut sein und kommen zum Fazit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Fazit<\/p>\n<p>Nachdem nun die Argumentation Sarrazins im \u201eNeuen Tugendterror\u201c im Zusammenhang der Debatte um ihn und seine letzten drei B\u00fccher vorgestellt, im Detail nachvollzogen und auf vier zentrale Punkte hin zugespitzt kritisiert wurde, m\u00f6chte ich in diesem letzten Abschnitt einige Schlussfolgerungen anstellen.<\/p>\n<p>Zuallererst ist mir wichtig zu betonen, dass der Kommentar zu Sarrazins Buch nicht nur ver\u00e4chtlich gemeint war. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass ich weder Sarrazin noch seine Texte besonders sch\u00e4tze. Das hei\u00dft aber nicht, dass ich alles, was er schreibt, f\u00fcr Schwachsinn halte. Das Gegenteil ist der Fall. Die Frage, wie Argumente im \u00f6ffentlichen Diskurs ihre Legitimit\u00e4t gewinnen (oder auch nicht), und welche Themen dabei auf welche Art diskutierbar werden (oder auch nicht), ist f\u00fcr die Sozialwissenschaft (und hierzu z\u00e4hle ich in diesem Fall auch Ethik und politische Philosophie) von besonderer Bedeutung.<\/p>\n<p>Auch stimme ich mit Sarrazin darin \u00fcberein, dass es abstrakte Dynamiken (und auch konkret benennbare politische Projekte) gibt, die auch in westlichen Gesellschaften auf eine aggressive (mitunter gewaltf\u00f6rmige) Art und Weise die \u00f6ffentliche Meinungsbildung beeinflussen wollen (die Verhinderung von Sarrazins Lesungen w\u00e4re hierf\u00fcr ein Beispiel).<\/p>\n<p>Politisch l\u00e4sst sich das Ganze nicht so leicht einordnen. Seine Klagen \u00fcber mangelnde Demokratief\u00e4higkeit der Medienklasse verleihen Sarrazin mitunter den Anschein eines besorgten Liberalen. Und wenn er etwa den Mangel an individueller Meinungsst\u00e4rke zeitdiagnostisch als Zeichen eines allgemeinen Tugendverfalls deutlich macht (Sarrazin 2014: 15f), ist man sogar geneigt, ihm das abzunehmen. Das wesentliche Problem liegt bei Sarrazin allerdings darin, dass er auf die von ihm aufgeworfenen Fragen keine guten Antworten zu geben wei\u00df.<\/p>\n<p>Was sagt ein Buch wie \u201eTugendterror\u201c und der damit verbundene Diskussions- und Publikationskomplex nun \u00fcber die Gesellschaft, in der sie stattfinden? Um Sarrazins Erfolg richtig zu verstehen, ist neben der interethnischen Konfliktlinie, deren Profil in den vorherigen Jahren durch medial aufbereitete Skandale im Anschluss an die Ereignisse des 11. September 2001 sicherlich wesentlich gesch\u00e4rft worden ist, noch eine weitere Dimension von Bedeutung: Wie eine Reihe von Studien belegt, f\u00e4llt die Zunahme an Fremdenfeindlichkeit, die auch in der Sarrazin-Debatte zu Tage tritt, zusammen mit einer fortschreitenden Aufl\u00f6sung vormals abgesicherter Lebensarrangements. Eine erste Deutungsm\u00f6glichkeit sehe ich also unter Bezug auf die Versch\u00e4rfung sozialer Verteilungskonflikte, wie sie sich aktuell vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Erosion der Mittelschichten ereignet (Berger\/Burzan 2010).<\/p>\n<p>So bezeichnet etwa Stephan Lessenich Hartz IV als \u201eChiffre f\u00fcr die Abstiegs\u00e4ngste der Deutschen\u201c, und sein Kollege Steffen Mau (2012: 178) res\u00fcmiert: \u201eWenn die Verh\u00e4ltnisse un\u00fcbersichtlich, ja bedrohlich erscheinen, dann werden gesellschaftliche Probleme oft an leicht identifizierbaren und klar abgrenzbaren Gruppen festgemacht: Konflikte brechen auf, Desintegration droht.\u201c Die Klage \u00fcber die integrationsunwilligen Einwanderer(nachkommen) l\u00e4sst aus dieser Perspektive also auch Z\u00fcge einer Kompensation der Angst vor Statusverlust erkennen.<\/p>\n<p>Abstrakt beschreibt diesen Umstand auch Sighard Neckel (2008: 159): \u201eModerne Gesellschaften sind notorisch von Konflikten durchzogen und daher in all ihren Bereichen h\u00f6chst anf\u00e4llig f\u00fcr die Risiken der Gewinner\/Verlierer-Konstellation.\u201c<\/p>\n<p>Eine weitere Interpretationslinie l\u00e4sst sich kn\u00fcpfen, wenn man Sarrazins Anliegen unter dem Aspekt einer kritischen M\u00e4nnlichkeitsforschung unter die Lupe nimmt. So erkennt etwa di Blasi (2013: 76) in der Situation wei\u00dfer M\u00e4nner, \u201edass sie von allen Seiten unter Druck stehen, ihre Unmarkiertheit und daraus erwachsende naive Universalit\u00e4tsanspr\u00fcche abzustreifen und sich im Chor der Partikularit\u00e4ten einzureihen; dass aber gleichzeitig Versuche, sich als Gruppe neben anderen zu positionieren, auf Misstrauen, Unverst\u00e4ndnis und Widerstand sto\u00dfen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p>Sarrazins Argumentation f\u00fcr eine leidenschaftslose Analyse dr\u00fcckender gesellschaftlicher Probleme, an deren Ende \u201azuf\u00e4llig\u2018 die berechtigte Anklage feministisch orientierter Frauen und orientalischer Zuwanderer sowie deren Nachkommen steht, w\u00e4re folglich als Reaktion auf den von di Blasi bemerkten Verlust von Hegemonieanspr\u00fcchen anzusehen.<\/p>\n<p>Vor dem Euro-Buch dachte ich, dass Sarrazins n\u00e4chste Ver\u00f6ffentlichung Kritik am Patriarchat und Homosexualit\u00e4t zum Thema haben wird (so etwas wie \u201eHomo-Herrschaft\u201c oder \u201eBundesrepublik Merkel?! Wie Frauen die Macht \u00fcbernehmen\u201c k\u00f6nnte passen). Das h\u00e4tte auch mit seinem Engagement bei der Leipziger Compact-Konferenz \u00fcbereingestimmt, auf der er sich gemeinsam mit Eva Herman und Peter Scholl-Latour (beide sagten allerdings kurz vorher ab) zu Demographie und Familienpolitik \u00e4u\u00dfern durfte! Als weiterer geeigneter Themenkomplex w\u00fcrde sich u.U. auch der Nahostkonflikt anbieten. Vielleicht haben wir aber auch Gl\u00fcck, und er \u00e4u\u00dfert sich gar nicht mehr \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Ob die politische Tendenz hier tats\u00e4chlich der Diagnose Sarrazins entspricht, darf bezweifelt werden (s.u.). Basisdemokratische Impulse wie die Kommentarfunktion auf den Online-Portalen deutscher Nachrichtenanbieter lassen jedoch h\u00e4ufig eine \u2013 wie auch immer geartete \u2013 Diskrepanz sichtbar werden: Der Inhalt des Artikels stellt oft nicht die Sichtweise dar, die man kennenlernt, wenn man weiter herunterscrollt (vgl. <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/news\/ausland\/tierquaelerei\/chinesische-touristen-quaelen-sterbenden-delphin-30895904.bild.html\">http:\/\/www.bild.de\/news\/ausland\/tierquaelerei\/chinesische-touristen-quaelen-sterbenden-delphin-30895904.bild.html<\/a> ).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> So ein Vorgehen muss nat\u00fcrlich nicht unbedingt negativ sein, nat\u00fcrlich k\u00f6nnen solche Impulse auch deliberativ und fortschrittlich gewendet werden. Man stelle sich z.B. vor, Organe wie \u201eDie Zeit\u201c oder die \u201eS\u00fcddeutsche\u201c h\u00e4tten im Anschluss an den Steuerbetrug von Uli Hoene\u00df \u00f6ffentliche Enteignungsforderungen stark gemacht. Da h\u00e4tten sicher viele inspiriert zugestimmt! Dass das nicht geschehen ist, h\u00e4ngt sicherlich mit einem bestimmten ethischen Meinungskodex zusammen, der unter Vertretern der journalistischen Profession gegeben ist. Insofern beschreibt Sarrazin hier wohl etwas Richtiges.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> F\u00fcr einen ersten \u00dcberblick siehe den folgenden, subjektiv-willk\u00fcrlich zusammengestellten Querschnitt an Reaktionen auf das Tugendterror-Buch:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/buecher-der-woche\/thilo-sarrazins-tugendterror-der-ungleichheitsapostel-12817000.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/buecher-der-woche\/thilo-sarrazins-tugendterror-der-ungleichheitsapostel-12817000.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2014-02\/thilo-sarrazin-tugendterror-meinungsfreiheit\">http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2014-02\/thilo-sarrazin-tugendterror-meinungsfreiheit<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/jakob-augstein-zum-neuen-buch-von-thilo-sarrazin-a-955247.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/jakob-augstein-zum-neuen-buch-von-thilo-sarrazin-a-955247.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/fleischhauer-kolumne-sarrazin-beklagt-tugendterror-a-953184.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/fleischhauer-kolumne-sarrazin-beklagt-tugendterror-a-953184.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Dafuer-muss-ich-nicht-die-Emma-lesen-article12375666.html\">http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Dafuer-muss-ich-nicht-die-Emma-lesen-article12375666.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sarrazin-buch-der-neue-tugendterror-kuehler-kopf-kaltes-herz-1.1897350\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sarrazin-buch-der-neue-tugendterror-kuehler-kopf-kaltes-herz-1.1897350<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2014\/02\/24\/thilo-sarrazin-der-neue-tugendterror-rezension-klaus-bade-welt-ungerecht\/\">http:\/\/www.migazin.de\/2014\/02\/24\/thilo-sarrazin-der-neue-tugendterror-rezension-klaus-bade-welt-ungerecht\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/sarrazin-debatte-es-gibt-keine-integrationsmisere-in-deutschland-a-715730.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/sarrazin-debatte-es-gibt-keine-integrationsmisere-in-deutschland-a-715730.html<\/a><\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Ein weiterer heikler Punkt liegt in der Tatsache, dass der beteiligte N-TV-Journalist hierauf nicht anders zu reagieren wei\u00df, als den Hinweis anzubringen, die Geschlechterforschung erreiche \u201eeher nicht die Menschen auf der Stra\u00dfe\u201c. Auch Medienvertretern mangelt es scheinbar mitunter an Medienkompetenz. <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Dafuer-muss-ich-nicht-die-Emma-lesen-article12375666.html\">http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Dafuer-muss-ich-nicht-die-Emma-lesen-article12375666.html<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Haltung steht in Anf\u00fchrungsstrichen, weil ich den Ausdruck nicht ganz zutreffend finde. Jenseits individueller Beschaffenheit stellt politische Korrektheit laut Sarrazin auch eine Verhaltensnorm dar (Abweichungen werden sanktioniert). Sie ist au\u00dferdem ein \u201aRegime\u2018, wobei auch hier unklar bleibt, was genau damit gemeint sein soll. Am zutreffendsten erschiene mir die Bezeichnung Bezugssystem, weil sie recht allgemein das abbildet, wor\u00fcber auch Sarrazin spricht. Sieht man von den durch Sarrazin transportierten Ressentiments ab, ist sie au\u00dferdem \u00e4hnlich nichtssagend.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> \u201eSoweit sprachliche Regeln politischer Korrektheit Geltung finden, ist dies Ausdruck eines angewandten Gruppenzwangs\u201c (Sarrazin 2014: 156).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> N\u00e4hme man die Menschenrechte und irgendein Postulat nach nationalstaatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t hinzu, h\u00e4tte man wenigstens zwei m\u00f6glicherweise konkurrierende ethische Strukturprinzipien. Aber das w\u00e4re dann nicht mehr Moral-frei.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> In Bezug auf eine Ausdrucksweise, die Verwerfungen und Probleme europ\u00e4ischer Integration im Sinne der europ\u00e4ischen Institutionen rationalisiere, tat dies beispielsweise Richard Hyman (2011) mit dem Begriff des \u201eEurospeak\u201c, interessanterweise \u00fcbrigens sowohl thematisch als auch in Bezug auf die gew\u00e4hlte Orwell-Analogie \u00e4hnlich wie Sarrazin.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Hierin spiegelt sich die bereits von Klaus Bade und anderen in Bezug auf die Empirie aus \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c ge\u00e4u\u00dferte Kritik des Eklektizismus \u2013 Theorien werden konsultiert, wenn sie gerade passen. Ansonsten eben nicht.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Was passiert, wenn man seine Argumentation z.B. an dem empirischen Material misst, das er verwendet, hat Klaus Bade f\u00fcr \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c gezeigt \u2013 sie f\u00e4llt in sich zusammen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Er kann froh sein, dass Karl Popper und Ralf Dahrendorf nicht mehr leben, mit beider Einsch\u00e4tzungen dem eigenen Schaffen gegen\u00fcber w\u00e4re er sicher nicht zufrieden.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Zur Falsifikation siehe etwa die diskursanalytischen Arbeiten des Duisburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung, siehe http:\/\/www.diss-duisburg.de\/.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Besonders interessant erscheint dies vor dem Hintergrund, dass Sarrazin als Volkswirt derjenigen Profession angeh\u00f6rt, die gerade die schwerste Finanzkrise der letzten knapp hundert Jahre verpennt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Augstein, Jakob (2014): S.P.O.N. &#8211; Im Zweifel links: B\u00f6ser Geist der sozialen K\u00e4lte. Spiegel-Online; Quelle: http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/jakob-augstein-zum-neuen-buch-von-thilo-sarrazin-a-955247.html<\/p>\n<p>Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hg.) (2010): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS<\/p>\n<p>Berger, Peter; Burzan, Nicole (Hg.) (2010): Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte.. Wiesbaden: VS<\/p>\n<p>Buschkowsky, Heinz (2012): Neuk\u00f6lln ist \u00dcberall. Berlin: Ullstein Buchverlage<\/p>\n<p>Butler, Judith (1990): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Di Blasi, Luca (2013): Der wei\u00dfe Mann. Ein Anti-Manifest. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Gei\u00dfler, Rainer; P\u00f6ttker, Horst (Hg.) (2005): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland: Problemaufriss &#8211; Forschungsstand \u2013 Bibliographie. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Habermas, J\u00fcrgen (2011): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1. Berlin: SuhrkampHartmann, Michael (2013): Soziale Ungleichheit. Kein Thema f\u00fcr die Eliten? Frankfurt a.M.: Campus<\/p>\n<p>Heisig, Kirsten (2010): Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewaltt\u00e4ter. Freiburg: Herder<\/p>\n<p>H\u00f6pner, Martin (2012): Rezension zu Thilo Sarrazin, Europa bracht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise gef\u00fchrt hat. M\u00fcnchen: DVA. In: Politischer Vierteljahreszeitschrift 4\/2012, 729-731<\/p>\n<p>Huntington, Samuel (2002): Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. M\u00fcnchen: Goldmann<\/p>\n<p>Hyman, Richard (2011): Trade Unions, Lisbon and Europe 2020: From Dream to Nightmare. Quelle: http:\/\/www.globallabour.info\/en\/2011\/11\/trade_unions_lisbon_and_europe.html<\/p>\n<p>Mau, Steffen (2012): Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht? Berlin: Suhrkamp<\/p>\n<p>M\u00fcller, Andreas (2013): Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz. Freiburg: Herder<\/p>\n<div>Neckel, Sighard (2008): Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft. Frankfurt a.M.: Campus<\/p>\n<\/div>\n<div>Sarrazin, Thilo (2010): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. M\u00fcnchen: Deutsche Verlags-Anstalt<\/p>\n<\/div>\n<div>Sarrazin, Thilo (2014): Der neue Tugendterror. \u00dcber die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. M\u00fcnchen: Deutsche Verlags-Anstalt<\/p>\n<\/div>\n<div>Sarrazin, Thilo (2012): Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise gef\u00fchrt hat. M\u00fcnchen: Deutsche Verlags-Anstalt<\/p>\n<\/div>\n<div>Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz und Wei\u00df. Der allt\u00e4gliche Rassismus. M\u00fcnchen: Goldmann<\/div>\n<div>Terkessidis, Mark (2010): Interkultur. Berlin: SuhrkampZiemann, Andreas (2012): Soziologie der Medien. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>Ziemann, Andreas (2012): Soziologie der Medien. Bielefeld: Transcript<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>F\u00fcr Unterst\u00fctzung bei Konzeptionierung und Bearbeitung des Textes bedanke ich mich bei Kimey Pfl\u00fccke.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><a title=\"homepage seeliger\" href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/forschung\/wissdetails_de.asp?MitarbID=606\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Seeliger<\/a> ist Doktorand am Max-Planck-Institut f\u00fcr Gesellschaftsforschung, K\u00f6ln.<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag der Medienklasse<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1466,1699,1804,1837,2334],"class_list":["post-3192","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-martin-seeliger","tag-offentliche-meinung","tag-politische-korrektheit","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thilo-sarrazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3192"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3192\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}