{"id":3221,"date":"2014-06-09T18:08:53","date_gmt":"2014-06-09T16:08:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3221"},"modified":"2014-06-09T18:08:53","modified_gmt":"2014-06-09T16:08:53","slug":"europa-teil-4-zivilreligionvon-thomas-hecken9-6-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/06\/09\/europa-teil-4-zivilreligionvon-thomas-hecken9-6-2014\/","title":{"rendered":"Europa Teil 4: Zivilreligion?von Thomas Hecken9.6.2014"},"content":{"rendered":"<p>Ist die amerikanische civil religion das m\u00f6gliche Vorbild einer europ\u00e4ischen Einigung?<!--more mehr--> Da h\u00e4ufig mehr europ\u00e4ische Leidenschaft gew\u00fcnscht wird (dazu\u00a0<a title=\"europa teil 2\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/05\/25\/europa-teil-2-einfalt-durch-vielfaltvon-thomas-hecken25-5-2014\/\" target=\"_blank\">Teil 2<\/a> dieser kleinen Artikelreihe), ist der Ruf von Roland Benedikter und Georg G\u00f6schl (<a title=\"europa teil 1\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/05\/18\/europa-teil-1-aufklarung-gegen-kulturvon-thomas-hecken18-5-2014\/\" target=\"_blank\">Teil 1<\/a>) nach einer europ\u00e4ischen Zivilreligion nicht abwegig.<\/p>\n<p>US-amerikanisches Freiheits- und Demokratiepathos verbindet sich oft mit der \u00dcberzeugung \u2013 und wird von ihr vorangetrieben \u2013, mit Gott im Bunde zu stehen, wie Robert N. Bellah eindrucksvoll u.a. am Beispiel der B\u00fcrgerkriegs-Rede Lincolns zur Aufhebung der Sklaverei gezeigt hat (<a title=\"europa teil 3\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/06\/03\/europa-teil-3-civil-religionvon-thomas-hecken3-6-2014\/\" target=\"_blank\">Teil 3<\/a>).<\/p>\n<p>Das ist nicht der Gott einer speziellen Religion, sondern eine allgemeine g\u00f6ttliche Instanz. Das ist andererseits nicht nur die An- und Ausrufung der Freiheit und Gleichheit im Namen h\u00f6chster Macht, sondern zugleich nicht selten die Bekr\u00e4ftigung der Auffassung, die USA seien die auserw\u00e4hlte Nation.<\/p>\n<p>Diese politische Religion ist zwar konfessionell nicht gebunden, sie ruht aber nat\u00fcrlich auf einer religi\u00f6sen Gewissheit. Und anders als die demokratische Ausrichtung, die m\u00f6glicherweise in einem Land verwirklicht werden kann, ist selbstverst\u00e4ndlich die nationale Erhebung vollkommen gegenstandslos, nicht mehr als ein tr\u00e4umerisches, weitgehend folgenloses Gebilde, wenn es sich nur um ein kleines, schwaches Land handelt.<\/p>\n<p>Darum ist es verst\u00e4ndlich, wenn Benedikter\/G\u00f6schl \u2013 auch um u.a. amerikanischen Interessen eine ann\u00e4hernd machtvolle Politik mitunter entgegensetzen zu k\u00f6nnen \u2013 auf ein zivilreligi\u00f6s geeintes Europa bauen.<\/p>\n<p>Zu Recht weisen sie aber darauf hin, in welch starkem Ma\u00dfe solcher Einigung kulturelle Unterschiede entgegenstehen \u2013 und, sollte man erg\u00e4nzen, viele nationalstaatlich-politische Interessen, die dazu f\u00fchren, dass die Europa-Politik der Austragungsort nationaler Vorherrschaftspl\u00e4ne ist, notd\u00fcrftig mit dem Mantel gemeinsamen Wohls bedeckt.<\/p>\n<p>So behindern nicht nur die Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten das europ\u00e4ische Projekt \u2013 auch der allerorten erteilte langj\u00e4hrige Englischunterricht \u00e4ndert nichts daran, dass die meisten EU-B\u00fcrger nicht miteinander reden k\u00f6nnen (geschweige denn, dass sie fremdsprachige Zeitungen lesen) \u2013, sondern auch vielf\u00e4ltige historische, hochgetriebene und rein imaginierte kulturelle Identit\u00e4tssetzungen und damit einhergehende Abgrenzungen.<\/p>\n<p>Entscheidend ist dabei, dass diese kulturellen Unterschiede, die ja zumindest teilweise alle Staaten mitsamt regionalen Konflikten durchziehen, nationales Gepr\u00e4ge annehmen und politisch zum Wettbewerb, Streit oder Krieg zwischen verschiedenen Nationen genutzt werden \u2013 Konflikte, die nicht nur die F\u00fchrungsschichten betreffen, sondern auch und manchmal gerade von den Subalternen und Lohnabh\u00e4ngigen (obwohl die ja eigentlich kein Vaterland, sondern einzig der Internationale verpflichtet sein sollten) mit Leben gef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Benedikter\/G\u00f6schl m\u00f6chten nun ihre Konzeption einer europ\u00e4ischen Zivilreligion dagegen setzen \u2013 realistischerweise verbunden und befestigt durch eine (erfolgreich stattfindende) Volksabstimmung \u00fcber eine \u201eFinanz-, Steuer- und Sozialunion\u201c.<\/p>\n<p>Unter europ\u00e4ischer Zivilreligion erkennen sie im besten Falle ein \u201eDemokratieverst\u00e4ndnis, welches nicht nur aus der kulturellen Vergangenheit heraus entsteht, sondern in s\u00e4kular-humanistischem Geist den nationen\u00fcbergreifenden Nenner eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Ged\u00e4chtnisses der Zukunft bilden kann\u201c, mit einem Wort: die \u201e\u201aabendl\u00e4ndisch-westliche Tradition\u2018\u201c der Demokratie (Benedikter\/G\u00f6schl in\u00a0 <a title=\"hinweise heft 4\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/03\/18\/das-vierte-heft-von-pop-kultur-und-kritik18-3-2014\/\" target=\"_blank\">Heft 4<\/a> von \u201ePop. Kultur und Kritik\u201c).<\/p>\n<p>Wie stehen nun die Chancen dieses Projekts? Kurz gesagt: Sie stehen genauso gut oder schlecht, wie sich das bereits jetzt ohne ihren Vorschlag darstellt.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur USA fehlt sowohl die religi\u00f6se Durchdringung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung und der F\u00fchrungsschichten als auch die Gr\u00f6\u00dfe des Landes und der historische Status als Einwandererstaat. All dies sind wichtige Voraussetzungen, die ein blo\u00dfer Aufruf zur \u201aZivilreligion\u2018 keinesfalls ersetzen oder vergessen machen kann.<\/p>\n<p>Zweitens ist der demokratische \u201eGeist\u201c zwar tats\u00e4chlich kein Gespenst, sondern in fast allen europ\u00e4ischen Nationen bereits in das Rechtssystem und den Wertekanon der F\u00fchrungsschichten in hohem Ma\u00dfe eingegangen. Dennoch ist dar\u00fcber die nationalistisch-kulturalistische Position \u2013 wenn sie auch verglichen mit der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zum Gl\u00fcck abgenommen hat \u2013 keineswegs vergangen. Die Berufung auf den \u201eGeist\u201c ist darum kein sonderlich erfolgstr\u00e4chtiger Versuch, schon gar nicht, wenn dieser zivilreligi\u00f6se Versuch mit der \u00fcblichen Zusage an \u201ekulturelle wie sprachliche Vielfalt\u201c einhergeht.<\/p>\n<p>Soweit meine skeptische Einsch\u00e4tzung der Erfolgschancen. Im letzten Teil dann allgemeine Anmerkungen und Bewertungen von Popul\u00e4rkultur, Zivilreligion, Europaprojekt.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cEuropa&lt;br \/&gt; Teil 3: civil religion&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;3.6.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3187&amp;action=edit\"><br \/>\n<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist die amerikanische civil religion das m\u00f6gliche Vorbild einer europ\u00e4ischen Einigung?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[685,1316,1625,1837,2337,2598],"class_list":["post-3221","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-europa","tag-kulturalismus","tag-nationalismus","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thomas-hecken","tag-zivilreligion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3221"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3221\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}