{"id":3460,"date":"2014-08-14T09:47:18","date_gmt":"2014-08-14T07:47:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3460"},"modified":"2014-08-14T09:47:18","modified_gmt":"2014-08-14T07:47:18","slug":"widerstand-und-einkaufszone-kleine-deutsche-pop-bilanzvon-thomas-hecken14-8-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/08\/14\/widerstand-und-einkaufszone-kleine-deutsche-pop-bilanzvon-thomas-hecken14-8-2014\/","title":{"rendered":"Widerstand und Einkaufszone Kleine deutsche Pop-Bilanzvon Thomas Hecken14.8.2014"},"content":{"rendered":"<p>Kling-Klang<!--more--><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Chance f\u00fcr Pop in Westdeutschland ist nie erkannt worden: die Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Die Zwangsmodernisierung nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs wird bis heute st\u00e4ndig beklagt, alten Kirchen und Schl\u00f6ssern, organisch gewachsenen Stadtkernen nachgetrauert. Selbst die Anh\u00e4nger des International Style bleiben in ihrem Verlangen nach moderner Erhabenheit unbefriedigt: Nicht einmal die weiten Glas- und Betonfl\u00e4chen der Banken-Pal\u00e4ste weisen die Innenst\u00e4dte zwischen Hannover und Berlin im Regelfall auf.<\/p>\n<p>Mit der Ansammlung von niedrig h\u00e4ngenden Leuchtreklamen, Schaufenstern, Boutiquen, vergleichsweise \u00fcberschaubaren Stra\u00dfen bieten sie aber eine sehr gute Voraussetzung f\u00fcr Pop: Funky Chartssound in den Teenagerl\u00e4den, zeitgen\u00f6ssischer Muzak in den Kaufh\u00e4usern. Allgemein die Atmosph\u00e4re von g\u00fcnstiger Mode und kommerziellem Gebrauch: Pr\u00e4sentation und Zurschaustellung der Massenwaren in den Gesch\u00e4ften und deren sogleich vorgef\u00fchrte Adaption und Kombination durch die Kunden und Passanten. Abends dann Disco in Clubs in den Passagen oder Flirt auf den Plastikst\u00fchlen vor den Kneipen.<\/p>\n<p>Dass diese Pop-Karte nie richtig ausgespielt wurde, liegt keineswegs nur am Internetversand und an der Musikabstinenz der gro\u00dfen Kleidungsketten unserer Tage. Ob in Westdeutschland oder im Deutschland nach der Wiedervereinigung \u2013 die tonangebenden Talente hat es immer aus der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hinausgezogen. Keineswegs nur in der Hippie-Zeit der 70er Jahre \u2013 hinaus aufs Land, in die Kommunen und Tonstudios des Rheinlands und Schleswig-Holsteins \u2013, nein auch in jeder anderen Mini-Epoche: Hinaus auf die Stra\u00dfe, ins Jugendzentrum in der Vorstadt, den Bunker, die stillgelegte Fabrik, das derangierte E-Werk, da wo es vielleicht gef\u00e4hrlich ist, unkommerziell, jedenfalls romantisch und sch\u00e4big.<\/p>\n<p>Und wenn sie blieben, dann als trotziges, punkiges Fanal der Kaputtheit gegen den kommerziellen Pop der Innenstadt. Sicher auch ein Gender-Ding, so m\u00e4nnlich wie in Deutschland d\u00fcrfte Pop kaum ein zweites Mal sein. Zivilisation? Lieber nat\u00fcrlich das Widerst\u00e4ndige, die Kultur, das Unmodische, das Tiefe. Wenn \u00fcberhaupt Zivilisation, dann die Feier der Maschine oder des Maschinellen als rohe oder unabl\u00e4ssige, bezwingende Kraft, als unreiner Klang oder endlos repetitives Muster, selten als Erleichterung und glatter Sound. Ob D.A.F. oder Kraftwerk, also die international anerkanntesten deutschen Gruppen, ob Berlin-Techno als die bekannteste deutsche \u201aMarke\u2018, darin kommen sie alle \u00fcberein. Es h\u00e4tte gar nicht der \u00c4u\u00dferungen von Kraftwerk-Musikern, sie wollten ein modernisiertes deutsches Volkslied schaffen, gebraucht, um in dieser Pop-Kultur eine deutsche Vorliebe zu erkennen.<\/p>\n<p>In einer Hinsicht ist die Frage nach dem Stellenwert von deutschem Pop freilich bedeutungslos: Es gibt immer gen\u00fcgend andere L\u00e4nder und Orte \u2013 Jamaika, Stockholm, Nashville\u2026 \u2013, die etwas zu bieten haben. Da Pop alles M\u00f6gliche ist, nur nicht deutschen Ursprungs, muss auch niemand Klagelieder anstimmen und Verfallsgeschichten erz\u00e4hlen. Im Gegenteil, f\u00fcr viele aus der Generation der 68er und Babyboomer war das der Clou der Popmusik: Sie kam aus Memphis, Chicago oder Liverpool und hatte mit deutscher Klassik, deutschem Schlager, deutscher Volksmusik zum Gl\u00fcck rein gar nichts zu tun.<\/p>\n<p>Selbst wenn \u201aPop\u2018 nur als Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201apopul\u00e4r\u2018 steht, schwingt in der Aussprache hierzulande jenes \u201aVolk\u2018 nie mit, das in England, USA, Italien, Lateinamerika stets mitgeh\u00f6rt wird. Popkultur erinnert in Deutschland niemanden (au\u00dferhalb von Kraftwerks Klingklang-Studio) an Volkskultur (auch eine erfolgreiche Vergangenheits-\u201aBew\u00e4ltigung\u2018). Darum setzten in der BRD viele gegenkulturelle Kr\u00e4fte stark auf Pop, selbst wenn die Abneigung gegen\u00fcber der Kulturindustrie und dem Kommerz eigentlich anderes verlangt h\u00e4tte. Sogar die Underground-Literatur wurde in Westdeutschland \u2013 weltexklusiv \u2013 Ende der 60er Jahre mitunter Popliteratur genannt, bevor dann Rock, progressive Musik, Hardcore und Indie den diskreditierten Pop im Sprachspiel l\u00e4ngere Zeit abl\u00f6sten.<\/p>\n<p>Ausgerechnet in Deutschland verdankt sich die vom Feuilleton viel beachtete und zum Teil bereits kanonisierte Popmusik stets Gesten des Widerstands. Hier ist schon vieles herausgehoben worden, mit gemischten Gef\u00fchlen bei den Berliner Aggro-Rapper um 2005, euphorisch angesichts der anarchischen Techno-Szene zu der Zeit, als Berlin Mitte nach dem Mauerfall eine herrschaftsfreie Zone war. Gerne genannt werden ebenfalls die antideutschen Muttersprachler von Blumfeld und Tocotronic, nicht zu vergessen jene Hippies Anfang\/Mitte der 1970er Jahre, die Genregrenzen von Rock, Jazz, elektronischer, minimalistischer Musik, Popsong (Neu!, Can) missachteten. Einen festen Platz im Geschichtsbuch besitzen auch die New Waver Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre (von den Einst\u00fcrzenden Neubauten bis zu Der Plan) mit ihren halbwegs punkigen, halbwegs poppigen Bezugnahmen auf Dada und Fluxus.<\/p>\n<p>Mit dem heutigen Pop-Begriff kann man das alles wohl fassen, zu ihrer Zeit h\u00e4tten sich die meisten der genannten Musiker und ihre Anh\u00e4nger allerdings kaum unter \u201aPop\u2018 einordnen lassen wollen. Tats\u00e4chlich stehen sie auf ihre Weise fast alle gegen den oberfl\u00e4chlichen, k\u00fcnstlichen, hedonistisch-liberalen, eing\u00e4ngigen, tanzbaren oder unterhaltenden Pop.<\/p>\n<p>Das ist zweifellos nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, in den meisten anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und in den USA sind zur jeweils gleichen Zeit \u00e4hnliche, sich alternativ verstehende Szenen zu beobachten. Bemerkenswert ist aber, dass es so wenig nennenswerte deutsche Chart-Erfolge gibt, die in den Pop-L\u00e4ndern England und USA Anerkennung finden. (Munich) Disco geht auf das Konto von Zugereisten und Durchreisenden (Giorgio Moroder, Donna Summer); die Frankfurter Snap!-Producer konnten ihre Hit-Serie nur kurz halten; andere erfolgreiche deutsche Produzenten von Farian bis Bohlen arbeiteten viel st\u00e4rker mit Schlager-Kl\u00e4ngen und -Harmonien als mit Popsounds; schlie\u00dflich die gut anhebende Neue Deutsche Welle der 80er Jahre, auch sie scheiterte rasch an der altbekannten deutschen Malaise, das kindlich Lustige und Am\u00fcsante mit dem Schrill-Albernen zu verwechseln.<\/p>\n<p>Bis heute hat sich daran nichts ge\u00e4ndert. Zwar gibt es vereinzelt erstaunliche Gruppen \u2013 etwa Deichkind, die von der Gegenkultur\/Dada-Position aus Karneval-Pop machen (ihr WM-Song kommt nicht nur mit einpr\u00e4gsamem Slogan und Refrain, \u201eVerbrenne deine Fahne\u201c, sondern auch einem Panini-Sammelbildchen-Video daher) \u2013, aufs Ganze gesehen bleibt aber Deutschland das Land nicht der Pop-, sondern der Popul\u00e4rkultur. Anders gesagt: Es bleibt bei den deutschen Erfolgstiteln das Land der Stadthallen, Fan-Meilen, Fernsehshows und Gemeinschaftsbeschw\u00f6rungen, wie nicht nur die Wiederbelebung des deutschen Schlagers eindrucksvoll belegt: \u201eMelodie\u201c \u2013 \u201eAuf uns\u201c.<\/p>\n<p>Pop in der Einkaufszone: \u201eTransient (short-term solution) \/ Expendable (easily forgotten) \/ Low cost \/ Mass produced \/ Young (aimed at youth) \/ Witty \/ Sexy \/ Gimmicky \/ Glamorous \/ Big business\u201d (so Richard Hamiltons Definition bereits 1957) \u2013 das ist den meisten Deutschen bis heute fremd geblieben, den K\u00fcnstlern wie den K\u00e4ufern, den Biederen wie den Hippen. Mit dem Siegeszug der \u00e4rmlichen Ein-Euro-L\u00e4den in den Innenst\u00e4dten ist das Kapitel ohnehin vorerst abgeschlossen. Dadurch bekommt der deutsche Pop wieder eine Chance, die ihm liegt: Trash, sei es in der kaputten, sei es in der \u201aKult\u2018-Version, da kennt er sich aus, da f\u00fchlt er sich wohler.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cEuropa&lt;br \/&gt; Teil 5 und Schluss: Der Popul\u00e4rkultur- und Pop-Standpunkt&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;24.7.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3403&amp;action=edit\"><strong>\u00a0<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kling-Klang<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[427,534,537,827,1816,1837,2337,2481],"class_list":["post-3460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-charts","tag-deutsche-popmusik","tag-deutschland","tag-gegenkultur","tag-pop","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thomas-hecken","tag-volkskultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3460"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3460\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}