{"id":3529,"date":"2014-08-24T19:54:04","date_gmt":"2014-08-24T17:54:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3529"},"modified":"2014-08-24T19:54:04","modified_gmt":"2014-08-24T17:54:04","slug":"metakrise-rezension-zu-eva-horn-zukunft-als-katastrophevon-julia-diekamper24-8-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/08\/24\/metakrise-rezension-zu-eva-horn-zukunft-als-katastrophevon-julia-diekamper24-8-2014\/","title":{"rendered":"Metakrise Rezension zu Eva Horn, \u00bbZukunft als Katastrophe\u00abvon Julia Diek\u00e4mper24.8.2014"},"content":{"rendered":"<p>Politische Analyse auf kulturwissenschaftliche Art: Filme schauen<!--more--><\/p>\n<p>Ebola ist zur\u00fcck. Die Krankheit greift in Westafrika um sich, etliche Menschen fallen ihr im Sommer 2014 zum Opfer. Angesichts des Schreckens davon zu sprechen, dass die Nachrichtenbilder bekannt seien, ist ohne Frage zynisch. Und dennoch scheint das Sprechen \u00fcber die Folgen der infekti\u00f6sen Krankheit aus einem bekannten Fundus zu sch\u00f6pfen. \u201eSie ist so furchtbar\u201c, hei\u00dft es beispielsweise in der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c, \u201edass man glauben k\u00f6nnte, ein Autor von Gruselschockern habe sie erfunden. Doch es ist umgekehrt: Hollywood nutzt diese Inszenierungen der Natur besonders gerne f\u00fcr seine Zwecke und h\u00e4lt die Angst vor der afrikanischen Seuche auch auf der Nordhalbkugel wach.\u201c<\/p>\n<p>Diese Beobachtung l\u00e4sst sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive in zwei Richtungen fruchtbar machen: Offensichtlich existiert zum einen ein Speicher kollektiver zeitspezifischer, massenkulturell verf\u00fcgbarer Bilder von Katastrophen. Zum anderen erlebt die Auseinandersetzung mit Katastrophen gegenw\u00e4rtig eine besondere Konjunktur. Die Vielfalt an \u00dcberlebens-Websites, Blockbuster-Filmen und Ratgebern n\u00e4hrt diese Diagnose. Die Auseinandersetzung mit Katastrophenvorstellungen ist aufschlussreich, weil sie unterschiedliche Str\u00f6mungen aufgreift und dabei mehr enth\u00e4lt als nur die Dimension des antizipierten Grauens.<\/p>\n<p>Eva Horn widmet sich dem Ph\u00e4nomen der Katastrophe r\u00fcckblickend gegenwartsdiagnostisch. Mit Erinnerungen an die Zukunft schreibt sie eine luzide Geschichte der Gegenwart. F\u00fcr eine Zeit von 1816 bis 2006, von der Romantik bis in die Gegenwart, analysiert sie, wie das Imagin\u00e4re k\u00fcnftiger Katastrophen die kollektive Wirklichkeit strukturiert (30). Horn setzt mit der Vorstellung vom Weltuntergang als s\u00e4kularer Katastrophe ein, einem Katastrophenbewusstsein, das an die Stelle der Vorstellung von der Apokalypse als g\u00f6ttlichem Strafgericht trat; es entstand durch die Selbsterm\u00e4chtigung des neuzeitlichen Menschen<\/p>\n<p>Dass \u2013 wie etwa in Lord Byrons Gedicht \u201eDarkness\u201c \u2013 der Mensch in Katastrophen auf sich selbst gestellt ist und dabei von einem Horrorszenario in das n\u00e4chste st\u00fcrzt, wird insbesondere in der Romantik des 19. Jahrhundert zur \u00e4tzenden Kritik an den lichten, hoffnungsfrohen Fortschrittsvisionen der Aufkl\u00e4rung genutzt. Besonders konkret wurden die Weltuntergangsvorstellungen dann im Atomzeitalter und im Kalten Krieg. In dieser Zeit wird die Katastrophe als Option menschlichen Handelns denkbar (81). Zukunft wird als endliche gedacht, als Zeit bis zum Atomschlag des Feindes, der eine dunkle, verstrahlte Welt zur\u00fcckl\u00e4sst. Katastrophen haben hier noch einen Akteur, eine Ursache im Handeln der Menschen. Gewisserma\u00dfen ein Foucault\u2019scher Souver\u00e4n, der die Macht hat, leben zu lassen und sterben zu machen.<\/p>\n<p>In unserer postatomaren Gegenwart mit ihren Umwelt- und Klimakatastrophen entdeckt Horn ein neues Katastrophenbewusstsein: Katastrophen ohne Katastrophen. Nicht bestimmte Ereignisse sind die Ausl\u00f6ser des Untergangs, sondern die latenten Prozesse des ganz normalen allt\u00e4glichen Lebens, in dem Energie verbraucht, Mobilit\u00e4t zelebriert wird. F\u00fcr Eva Horn ist in diesen Katastrophenszenarien ein scharfes Bewusstsein f\u00fcr die politischen, sozialen und epistemologischen Dimensionen einer Zukunft enthalten (111f).<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Kalten Krieg sind diese Katastrophenerwartungen unerwartbarer und diffuser. Sie f\u00fchren gleichsam in eine Metakrise, die uns angesichts der latenten, nicht zu stoppenden Entwicklungen zwingt, uns dauernd mit Pr\u00e4ventionsm\u00f6glichkeiten zu befassen. Denn Zukunft als Katastrophe zu denken impliziert gleichzeitig, diese handelnd verhindern zu wollen oder wenigstens auf die Folgen von Katastrophen vorbereitet zu sein.<\/p>\n<p>Das, was Horn in diesem Buch beobachtet und apokalyptische Fantasien nennt, entdeckt sie im Kino ebenso wie in naturwissenschaftlichen Ausf\u00fchrungen, in der Philosophie und im Sachbuch (12). In der Konsequenz erschlie\u00dft sie einen Fundus, der von Lord Byron bis Cormac McCarthy reicht, der Malthus oder den Club of Rome genauso ber\u00fccksichtigt wie den Film \u201eMinority Report\u201c und auch Haupt- und Nebenwege des Universit\u00e4ren und des Popul\u00e4ren abschreitet, ohne hierbei von (Gattungs-)Grenzen gebremst zu werden.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein beeindruckendes, kenntnis- und facettenreiches Kompendium massenkultureller Ph\u00e4nomene, das auf den ersten Blick befremdliche Nachbarschaften stiftet. Was in diesem Kontext genauer \u201avielschichtig\u2018 bedeutet, k\u00f6nnen die Ausf\u00fchrungen zur Pariser Enzyklop\u00e4die der Eisenbahn und Dampfmaschine aus dem 19. Jahrhundert nur andeuten (273). Sie sind Indizien einer Detailliebe, die in ihrer Ver\u00e4stelung Hauptschneisen zu \u00fcberwuchern droht.<\/p>\n<p>Zentral ist f\u00fcr die Analyse aber vor allem die Rolle, die den popul\u00e4ren zeitgen\u00f6ssischen Fiktionen dieser neuen Untergangsvisionen zukommt. Horn wird dabei nicht m\u00fcde, den spezifischen Erkenntniswert von Fiktionen zu unterstreichen. Im Chaos der Weltlage mit all ihrer Ununterscheidbarkeit seien wir auf Fiktionen schlicht angewiesen. Diese erf\u00fcllen n\u00e4mlich drei Funktionen: Sie alarmieren, sie entlasten und sie besitzen analytische Kraft (381f.).<\/p>\n<p>Letzteres hat die Autorin prim\u00e4r im Blick, ohne die anderen Funktionen aus den Augen zu verlieren. Alarmierend sind Katastrophenblockbuster, weil sie zeigen, dass es f\u00fcr eine Katastrophe ausreicht, einfach so weiter zu leben. Entlastend sind gegenw\u00e4rtige massenkulturelle Katastrophenfiktionen, weil sie \u2013 wie etwa der Film \u201eI am Legend\u201c, der ein postapokalyptisches Manhattan als Naturidyll zeigt \u2013 der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Natur in der Zeit \u201enach\u201c dem Menschen all die Lebensr\u00e4ume, aus denen sie verdr\u00e4ngt war, zur\u00fcck erobert. Analytisch schlie\u00dflich ist die ver\u00e4nderte Zeitperspektive. Denn hier wird eine Zukunft als eine ohne den Menschen gedacht. So er\u00f6ffnet Horn durch die Popul\u00e4rkultur hindurch einen Blick auf ein sehr zeitgen\u00f6ssisches Denken, das radikal gegen ein anthropozentrisches Weltbild vorgeht.<\/p>\n<p>Derlei Narrative leisten, so Horn, \u201edie heuristische Annahme einer Position, die aus der Zukunft auf die Gegenwart zur\u00fcckblickt.\u201c (375) Der so er\u00f6ffnete Raum der fiktiven Bilder ist nicht nur in besonders pr\u00e4gnanter Weise Ausdruck eines spezifischen Zukunftsverh\u00e4ltnisses, sondern diese fiktiven Bilder bestimmen und formatieren allererst das Verh\u00e4ltnis, das wir zur Zukunft einnehmen:<\/p>\n<p>\u201eGeteilte Vorstellungen, Zuschreibungen, Narrative, Bilder, Metaphern sind Modi, in der moderne Gesellschaften sich nicht nur \u00fcber sich selbst, ihre unterliegenden Codes und moralischen Normen verst\u00e4ndigen, sondern grunds\u00e4tzlicher noch, das fassen, was sie als \u201eWirklichkeit\u201c anerkennen: ein fundamentales Element, das die Spezifik eines historischen Lebens- und Existenzstils ebenso pr\u00e4gt, wie das System der Bedeutungen, das Sagbare und Unsagbare, das Verh\u00e4ltnis zwischen unterschiedlichen Teilsystemen der Gesellschaft.\u201c (22)<\/p>\n<p>Mit einer solchen Herangehensweise unterscheidet die Methode von Eva Horn sich entschieden von klassischen Formen des Geschichte(n)-Erz\u00e4hlens. Insofern geht es nicht darum, ob das im Action-Film Dargestellte \u201ewahr\u201c im empirisch \u00fcberpr\u00fcfbaren Sinne ist. Stattdessen stellt der Kassenerfolg f\u00fcr Horn die Frage, was das Erz\u00e4hlte konsumierbar macht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gegenwart gehe es nicht mehr um reine Katastrophenvorbereitung, sondern die F\u00e4higkeit, von Katastrophen nicht so schwer betroffen zu sein, ihr Ausma\u00df gering zu halten oder sich schnell wieder von ihnen zu erholen (187). Das hei\u00dft: Vorderhand ein Zugewinn an Handlungsmacht, indem sich Zukunft pr\u00e4ventiv gestalten l\u00e4sst. Als deren Kehrseite greift aber nat\u00fcrlich das, was man als Selbsttechnologien bezeichnet. Das Wissen \u00fcber die Potenzialit\u00e4t der Zukunft er\u00f6ffnet nicht nur Handlungsr\u00e4ume, es verpflichtet auch, die so gebotene Offerte anzunehmen. Davon spricht nicht nur der eigene Schutzraum, der dem Traum von einem g\u00e4nzlich autarken Individuum verpflichtet ist, sondern auch die Frage nach den Formen von Gemeinschaften im Katastrophenfall (189).<\/p>\n<p>Die Katastrophen machen etwas sichtbar, was sich im Raum intakter Zivilisation, verl\u00e4sslicher Versorgung und funktionst\u00fcchtiger Infrastrukturen nicht erkennen l\u00e4sst: ihre Katastrophentauglichkeit (191). Horn gelangt in ihrer Analyse zu dem auf den ersten Blick befremdlichen Schluss: In der Katastrophe z\u00e4hlen nicht mehr Freundschaft oder Mitmenschlichkeit, sondern nur noch Verwandtschaftsgrade (195). Damit gelangt eine Institution an Bedeutung, deren Abgesang bereits mehrfach angestimmt wurde: die der Familie. Diese avanciert in Horns Interpretation zum \u201ebiopolitisch Allerheiligsten\u201c (213).<\/p>\n<p>Mit R\u00fcckgriff auf das Konzept der Biopolitik bringt Horn etwas ins Spiel, das f\u00fcr die Wahrnehmung von Katastrophen eine entscheidende Rolle spielt: die Bev\u00f6lkerung. Sie ist, in der Moderne, ihr Dreh- und Angelpunkt. Das illustriert Horn etwa auch am Szenario der \u00dcberbev\u00f6lkerung. Was hier allerdings unerw\u00e4hnt bleibt, ist das gegenteilige Szenario: Jene demographische Angst \u201eDie Deutschen sterben aus\u201c, die gleichfalls Gegenma\u00dfnahmen kennt. Etwa die staatlicher Finanzierungsprogramme f\u00fcr Behandlungen gegen Unfruchtbarkeit. Und die, das hat etwa Judith Butler trefflich beleuchtet, in ihrer Konsequenz an Fragen der Nation gekoppelt sind.<\/p>\n<p>Aber vielleicht wirkt ja, was gerne auch die \u201edemographische Katastrophe\u201c genannt wird, angesichts all der Untergangsszenarien, denen sich Eva Horn f\u00fcr ihr Buch ausgesetzt hat, allzu putzig. Es f\u00e4llt leichter, sich eine Welt ohne Deutsche vorzustellen, ohne Italiener, Spanier oder Finnen, als eine Welt ohne Menschen zu imaginieren. Letzteres aber ist \u2013 solange es uns, die Kinoleinwand und genmanipuliertes Popcorn gibt \u2013 ungleich faszinierender.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nEva Horn<br \/>\nZukunft als Katastrophe<br \/>\nFrankfurt am Main 2014<br \/>\nS. Fischer<br \/>\nISBN: 978-3-1001-6803-0<br \/>\n480 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Julia Diek\u00e4mper (Dr.phil.) ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte und Autorin.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cHauptstrom II&lt;br \/&gt; Rezension zu Sarah Baker et al. (Hg.), \u00bbRedefining Mainstream Popular Music\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;25.7.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3418&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Analyse auf kulturwissenschaftliche Art: Filme schauen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[688,1015,1175,1204,1616,1837,1993],"class_list":["post-3529","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-eva-horn","tag-hollywood","tag-julia-diekamper","tag-katastrophenfilme","tag-narrative","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3529\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}