{"id":3609,"date":"2014-09-23T09:42:53","date_gmt":"2014-09-23T07:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3609"},"modified":"2014-09-23T09:42:53","modified_gmt":"2014-09-23T07:42:53","slug":"buzz-osborne-melvins-im-gesprach-us-amerikanischer-klassischer-liberalismusvon-jorg-scheller23-9-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/09\/23\/buzz-osborne-melvins-im-gesprach-us-amerikanischer-klassischer-liberalismusvon-jorg-scheller23-9-2014\/","title":{"rendered":"Buzz Osborne (Melvins) im Gespr\u00e4ch: US-amerikanischer \u00bbklassischer Liberalismus\u00abvon J\u00f6rg Scheller23.9.2014"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Melvins-Mastermind Buzz Osborne \u00fcber Liberalismus, Woody Guthrie, Thomas Sowell und die neue Musikgattung \u00bbMolk\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Die 1983 gegr\u00fcndete US-amerikanische Band The Melvins bildet eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen Pop und Avantgarde. Mit den Alben <em>Houdini <\/em>(1993) und <em>Stoner Witch<\/em> (1994) zeigten Buzz Osborne aka King Buzzo (Gitarre\/Gesang), Dale Crover (Schlagzeug) und Jeff Pinkus (Bass)<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> auf dem Gipfel des Nirvana-Hypes, dass Grunge nicht nur weinerliche Seelenstripteases, sondern auch eigensinnige Experimente zu bieten hatte.<\/p>\n<p>Das karg-zerdehnte Album <em>Lysol<\/em> (1992), das karnevalesk-verspulte <em>Hostile Ambient Takeover <\/em>(2002) oder das eklektische <em>The Crybaby <\/em>(2000) zeugen vom Talent der Band, einerseits keine Konzessionen an den Mehrheitsgeschmack zu machen und ihm andererseits mit wohldosierten Hooks und (teil)tanzbaren Riffs zu schmeicheln.<\/p>\n<p>Seit Ende der 1990er Jahre ver\u00f6ffentlichen The Melvins ihre Alben vorwiegend auf Mike Pattons Label Ipecac Recordingsund reihen sich damit in die Schar derjeniger Popmusiker ein, die das Erbe von Grenzg\u00e4ngern wie The Residents, Frank Zappa, King Crimson, John Zorn oder Brian Eno aktualisiert. Melvins-Kopf Buzz Osborne tritt jedoch nicht nur als Musiker in Erscheinung \u2013 vor kurzem hat er sein Soloalbum <em>This Machine Kills Artists <\/em>ver\u00f6ffentlicht \u2013, sondern auch als angriffslustiger Zeitkritiker und hintersinniger Provokateur.<\/p>\n<p>Entgegen der gel\u00e4ufigen Assoziierung des Alternative Rock mit linken oder linksliberalen Haltungen, positioniert sich Buzzo bewusst rechts. Nicht im Sinne dumpfer konservativer oder gar faschistischer Reaktion, sondern als Stachel im Fleische selbstgen\u00fcgsamer Salonlinker, One-World-Utopisten und bequemlicher Pauschaltoleranter. Buzzo bezeichnet sich selbst als &#8222;Classic Liberal&#8220;, auch das Gespr\u00e4ch ist ein Dokument des typisch US-amerikanischen Credos der Selbstverantwortung, Eigeninitiative, individuellen Freiheit und Marktfreiheit. Das Interview fand am 11. September 2014 in Z\u00fcrich in der Linken-Hochburg Rote Fabrik statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">JS: King Buzzo, sch\u00f6n dass es klappt! Deine Vorg\u00e4nger auf dem Diktierger\u00e4t sind Arnold Schwarzenegger und Lemmy Kilmister. Zufrieden mit der Nachbarschaft?<\/span><\/p>\n<p>BO: Wer soll das sein? Nie von ihnen geh\u00f6rt. (grinst in sich hinein)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Nun, \u00e4h, beide sind wie Du im Entertainment-Sektor t\u00e4tig&#8230;<\/span><\/p>\n<p>Sagt mir \u00fcberhaupt nichts. (grinst tiefer in sich hinein)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Naja, wie dem auch sei: Der Typ namens Lemmy \u2013 ein schrulliger Brite \u2013 bezeichnet sich selbst als Anarchisten. Dabei ist er ziemlich konservativ. Ist das nicht ein Widerspruch?<\/span><\/p>\n<p>Konservatismus und Anarchismus sind nicht grundverschieden. Aber wenn es so etwas gibt wie &#8222;konservativen Anarchismus&#8220;, w\u00fcrde ich das eher &#8222;Classic Liberalism&#8220; nennen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Bestens, genau dar\u00fcber wollte ich mich mit Dir unterhalten.<\/span><\/p>\n<p>Ich kann schon etwas dazu sagen. Aber ich mag es nicht, allzuviel \u00fcber Politik zu sprechen. Denn die Leute hassen meine Meinung dazu. Du kannst mich nat\u00fcrlich fragen, was Du m\u00f6chtest \u2013 aber ich werde darauf antworten, was ich m\u00f6chte. (lacht)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Ok, beginnen wir besser mit einer politikfernen Frage: Was ist die Vorgeschichte zu Deinem neuen Solo-Album <em>This Machine Kills Artists?<\/em><\/span><\/p>\n<p>Ich hatte schon seit langer Zeit geplant, ein Akustik-Album aufnehmen. Ich war mir nur nicht sicher, wie ich es anstellen sollte. Dann kam vor mehr als einem Jahr die Firma Ernie Ball<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> auf mich zu. In einer Veranstaltungsreihe l\u00e4dt sie Musiker dazu ein, einen Song unverst\u00e4rkt in einem ihrer L\u00e4den zu spielen. Also habe ich einen Song gew\u00e4hlt, ihn live ausprobiert, Ernie Ball hat den Mitschnitt online gestellt, alles hat gut geklappt \u2013 da dachte ich mir, ok, schreibe ich doch mal ein paar Akustik-Songs. Ich schrieb vier und nahm zus\u00e4tzlich zwei Melvins-Songs auf einer 10-Inch-Platte auf. Diese EP wurde in einer Auflage von 500 Exemplaren ver\u00f6ffentlicht und kam gut an. Ich beschloss also, es mit einer Tournee zu versuchen und gab zun\u00e4chst 19 Konzerte an kleinen Veranstaltungsorten in den Vereinigten Staaten. Auch das lief gut. Also habe ich eine gro\u00dfe Tour organisiert und im Juni dieses Jahres <em>This Machine Kills Artists <\/em>ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Du hast daf\u00fcr einen neuen Stilbegriff erfunden \u2013 &#8222;Molk&#8220;. Was hat es damit auf sich?<\/span><\/p>\n<p>&#8222;Molk&#8220; bedeutet &#8222;Heavy Metal Folk&#8220;. Ich wei\u00df nicht, ob irgendjemand sonst etwas Vergleichbares macht. Mein Job ist es jedenfalls, den Leuten zu zeigen, dass Molk m\u00f6glich ist. Auf dem Papier liest es sich ja nicht so, als k\u00f6nne es gelingen. Die meisten Rockmusiker spielen Akustikgitarre so (verzieht das Gesicht und imitiert kraftlose Schrammelbewegungen): N\u00e4-n\u00e4-n\u00e4-n\u00e4-n\u00e4-n\u00e4. Furchtbar, dieser Singer-Songwriter-M\u00fcll. Oder sie verlegen sich auf Country. Ich wollte etwas Neues, etwas Anderes machen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Was steckt hinter dem Albumtitel? Du hast ihn, leicht ver\u00e4ndert, von Woody Guthrie entlehnt.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\"><span style=\"text-decoration: underline\">[3]<\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p>Nun, der Titel ist in erster Linie lustig. Das ist die Hauptsache.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Geht es wirklich nur um Humor? Steckt nicht mehr dahinter?<\/span><\/p>\n<p>Ohne ins Detail gehen zu wollen: Woody Guthrie war Sozialist und Antifaschist. Also frage ich mich: Wie definierte er den Faschismus? Faschismus ist doch die Basis des Sozialismus! Wenn Guthrie gegen den Faschismus war, h\u00e4tte er eigentlich f\u00fcr den freien Markt sein m\u00fcssen. Faschismus bedeutet, dass die Regierung die Wirtschaft (<em>all business<\/em>) kontrolliert. Was wiederum das ist, was die Kommunisten gemacht haben<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Kommunismus und Faschismus sind f\u00fcr dich die zwei Seiten einer Medaille? Das ist eine typisch angloamerikanische Sicht. Hier sieht man sie eher als konkurrierende Systeme.<\/span><\/p>\n<p>In Wahrheit gibt es keinen wirklichen Kommunismus. Das Kommunistische Manifest ist doch absurd! Ich begreife nicht, wie irgendjemand das jemals hat ernst nehmen k\u00f6nnen. Sollte ich wirklich glauben, dass ein Typ, der irgendwelche Gr\u00e4ben aushebt, das gleiche Gehalt bekommt wie ein Typ, der Medizin studiert und Hirnchirurg wird? Das f\u00fchrt doch dazu, dass ich mich nicht anstrenge, nicht h\u00e4rter arbeite als die Anderen. Wer den Profit als Antrieb verleugnet, erreicht gar nichts. Warum sollte er auch. Was mich alles in allem zu dem Schluss f\u00fchrt, dass Woody Guthrie keine Ahnung hatte, was der Faschismus ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Womit wir doch bei der Politik sind. Wie definierst du also den &#8222;Classic Liberalism&#8220;, der ja offenkundig deine favorisierte politische Haltung ist?<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr mich bedeutet &#8222;Classic Liberalism&#8220;, dass ich mich nicht darum schere, was <em>du<\/em> tust. Du kannst machen, was immer du m\u00f6chtest. Wenn du Tequila und Feuerzeugbenzin trinken und dazu <em>twinkies<\/em> essen m\u00f6chtest, ist das deine Sache. Erst wenn du eine Linie \u00fcberschreitest und anderen damit schadest, ist es nicht mehr hinnehmbar. Aber dir zu erz\u00e4hlen, was du tun und lassen sollst? Das nenne ich Wahnsinn. Wenn du an der Stra\u00dfenecke sitzt und Heroin spritzt, was geht es mich an? Wenn du hingegen an der Stra\u00dfenecke sitzt und dich in jemandes Angelegenheiten einmischt, ist das ein Eingriff in dessen Rechte. Damit bin ich nicht einverstanden. Die Stra\u00dfe geh\u00f6rt allen. Niemand hat das Recht, das zu \u00e4ndern. Und wenn jemand auf die Stra\u00dfe geht und protestiert, hei\u00dft das nicht, dass er mehr Ahnung h\u00e4tte als die Leute, die es nicht tun. Die Politiker wissen nur zu gut, dass solche Proteste ohne Bedeutung sind. Deshalb lassen sie sie ja zu. Man schadet seinen Anliegen nur, wenn man sich auff\u00fchrt wie ein <em>fucking animal<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Nun sitzen wir gerade in der Roten Fabrik, einer der letzten linken Bastionen in Z\u00fcrich. Es ist schon ironisch, dass Du gerade hier, nun ja, ziemlich antilinke Positionen vertrittst.<\/span><\/p>\n<p>An diesem Ort [der Roten Fabrik] gibt es mehr Regeln als irgendwo sonst. Es ist wie mit den Atheisten \u2013 sie reden die ganze Zeit \u00fcber Gott!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Manche Atheisten versuchen sogar, uns zu \u00fcberzeugen, dass Gott nicht existiert&#8230;<\/span><\/p>\n<p>Genau! (lacht) Um auf die Regeln zur\u00fcckzukommen: Bei mir verh\u00e4lt es sich so, dass ich oft gar nicht wei\u00df, dass ich etwas nicht tun will, bis man mir sagt, dass ich es tun soll. (lacht schallend)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Du und The Melvins seid, ungeachtet eures Avantgarde-Rufs, ein Teil der Popindustrie. Sind deren Vertreter nicht mehrheitlich linksliberal? Gerade im alternativen Bereich?<\/span><\/p>\n<p>Ja, und das ist ziemlich einseitig. Genau deshalb rede ich ja \u00fcber all das! <em>Ich <\/em>bin ein Klassischer Liberaler. <em>Sie<\/em> hingegen sind Faschisten, Hardcore-Faschisten! Sie wollen Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Du musst Dich mit dieser extremen Haltung im Popbetrieb ziemlich einsam f\u00fchlen&#8230;<\/span><\/p>\n<p>Absolut einsam! Es gibt kaum jemanden, der die wirkliche Bedeutung des Wortes &#8222;liberal&#8220; kennt. Denk an die Franz\u00f6sische Revolution. Ich bin zwar \u00fcberhaupt kein Experte f\u00fcr dieses Thema. Aber hat die Revolution nicht 40&#8217;000 Menschen den Kopf gekostet, und zwar in einem einzigen Sommer? Und waren nicht 70 Prozent dieser Menschen einfache Bauern? Die nichts weiter getan hatten, als Nahrungsmittel zu horten? Die wurden daf\u00fcr gek\u00f6pft! So begann der &#8218;Liberalismus&#8216;! (lacht teuflisch) Und er endete damit, dass sich Napoleon zum Kaiser kr\u00f6nen lie\u00df! (lacht noch teuflischer) Edmund Burke schrieb, wie wahnsinnig das sei. Und er hatte Recht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Am\u00fcsant also, dass man Burke f\u00fcr einen &#8222;Konservativen&#8220; h\u00e4lt.<\/span><\/p>\n<p>Klar war er ein Konservativer. Aber f\u00fcr mich bedeutet Konservatismus, dass alles so lange beim Alten bleiben soll, bis es bessere Alternativen gibt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Konservatismus und Progressivismus schlie\u00dfen einander also nicht aus? In Bayern pr\u00e4gte ein Politiker daf\u00fcr einst den Slogan &#8222;Laptop und Lederhose&#8220;.<\/span><\/p>\n<p>Keine Ahnung, was in Bayern passiert. Die amerikanischen Progressivisten jedenfalls glaubten an &#8222;geneology&#8220;.<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Darauf gr\u00fcndete auch das Dritte Reich. Typen wie der fr\u00fchere Pr\u00e4sident Woodrow Wilson meinten, dass es einen Unterschied mache, welcher Rasse man angeh\u00f6re. Ohne dieses Denken h\u00e4tte es das Dritte Reich nicht geben k\u00f6nnen. Aber wie gesagt: Ich bin kein Experte f\u00fcr diese geschichtlichen Themen. Mein Expertengebiet ist die Musik. Verlasse ich dieses Gebiet, wird es schnell absurd. Aber! Das Gleiche kann man zum Beispiel \u00fcber Noam Chomsky sagen. Er ist eigentlich Linguist. Warum sollte man sich um seine politische Meinung scheren? Die Leute, die das, was er sagt, guthei\u00dfen, h\u00f6ren darin nur die Antworten, die sie h\u00f6ren wollen. Sie suchen gar nicht erst weiter. Und das wei\u00df er. Dabei hat sich dieser vermeintliche Pentagonkritiker sogar vom Pentagon bezahlen lassen!<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> F\u00fcr mich ist er ein Scharlatan. Das Gleiche gilt f\u00fcr Howard Zinn und Saul Alinsky. Ich glaube nichts von diesem ganzen Schwachsinn!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Dabei bist du kein Antiintellektueller. Die B\u00fccher von Thomas Sowell<\/span><span style=\"text-decoration: underline\"> sch\u00e4tzt Du.<\/span><\/p>\n<p>Ich verehre Sowell sogar. F\u00fcr mich ist er der gr\u00f6\u00dfte Philosoph unserer Zeit.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Hierzulande ist er kaum bekannt.<\/span><\/p>\n<p>Auch in Amerika ist er weitgehend unbekannt. Ich war von seinen B\u00fcchern fasziniert, lange bevor ich wusste, dass er ein Schwarzer ist. Er ist Philosoph, hat aber auch einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Was fasziniert Dich so an Sowell?<\/span><\/p>\n<p>Tja, er war einmal Marxist \u2013 bis er begann, f\u00fcr die Regierung zu arbeiten. Da haben wir&#8217;s. Die Regierung ist dem privaten Sektor auf keinem Gebiet \u00fcberlegen. Naja, vielleicht auf dem milit\u00e4rischen. Aber das war&#8217;s. Das habe ich von Sowell, der \u00fcbrigens bei Milton Friedman studierte, gelernt. Diese beiden Denker haben mir gezeigt, dass nicht etwa die Regierung Verantwortung hat. <em>Du<\/em> hast Verantwortung. <em>Ich<\/em> habe Verantwortung. Das Geb\u00e4ude, in dem wir sitzen, hat keine Verantwortung. Die Regierung ist nicht daf\u00fcr verantwortlich, jemanden durchzuf\u00fcttern oder ihm ein Dach \u00fcber dem Kopf zu verschaffen. <em>Ich<\/em> bin daf\u00fcr verantwortlich. <em>Du<\/em> bist daf\u00fcr verantwortlich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Leichter gesagt, als getan. Ich jedenfalls kann keine D\u00e4cher bauen. Was du sagst, kommt dem nahe, was Margret Thatcher in ihrem ber\u00fchmten Interview von 1987 behauptete: &#8222;And who is society? <\/span><span style=\"text-decoration: underline\">There is no such thing. There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people\u2026&#8220;<\/span><\/p>\n<p>Ich hatte einmal eine interessante Konversation mit der Frau eines ber\u00fchmten und reichen Rockstars. Ich nenne keine Namen. Ich sagte ihr, dass der Wohlfahrtsstaat in den Vereinigten Staaten <em>bullshit<\/em> sei. Sie reagierte entsetzt: Ohne staatliche Wohlfahrt m\u00fcsse ihr Vater auf der Stra\u00dfe leben! Sie quasselte immer weiter, da unterbrach ich sie und fragte: Du w\u00fcrdest es wirklich zulassen, dass dein Vater auf der Stra\u00dfe leben m\u00fcsste? Liegt es nicht in deiner Verantwortung, dich um deinen Vater zu k\u00fcmmern? Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte sie dar\u00fcber noch nie nachgedacht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Der Staat soll sich also aus allem heraushalten?<\/span><\/p>\n<p>Warum sollte es in Ordnung sein, dass einem die Regierung Geld aus der Tasche zieht f\u00fcr Angelegenheiten, mit denen man nichts zu tun hat? Nein, das ist nicht in Ordnung. Im Gegenteil: Das ist Diebstahl! Und damit einher geht unausweichlich massive Korruption. Deswegen bin ich ein entschiedener Gegner von staatlicher Kunst- und Kulturf\u00f6rderung. Andererseits bin ich nicht reich. Also nehme ich, was kommt. Ich bin nicht in der Position, F\u00f6rdermittel abzulehnen. Aber wenn ich mehr Geld h\u00e4tte, als ich br\u00e4uchte, w\u00fcrde ich niemals Kulturf\u00f6rderung akzeptieren. Niemals. Wenn es nach mir ginge, sollte damit Schluss sein. Die Entscheidung dar\u00fcber, wer F\u00f6rdermittel bekommt und wer nicht, ist doch willk\u00fcrlich. Und stets folgt die Korruption auf dem Fu\u00dfe. Dieser Ort hier wird vom Staat gesponsert. Aber der Staat gibt nicht nur Geld, er gibt auch Regeln vor.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Die Rote Fabrik wurde 1980 nach massivem Druck der Linken, die nach Freir\u00e4umen verlangten, er\u00f6ffnet. Heute ist sie tats\u00e4chlich ein subventionierter Bestandteil der Z\u00fcrcher Stadtkultur. Andererseits wird sie durch die <em>IG Rote Fabrik<\/em> basisdemokratisch verwaltet. Es gibt hier also durchaus eigene Regeln, trotz staatlicher Subventionen.<\/span><\/p>\n<p>Naja, alles in allem ist das doch Anarchie mit staatlichem Plazet. Aber nat\u00fcrlich bin ich kein Schweizer und spreche nur f\u00fcr die Vereinigten Staaten. Und mit Blick auf diese bleibe ich dabei: Ich bin absolut gegen Kunst- und Kulturf\u00f6rderung. Sie ist ganz einfach ungerecht. Denn es gibt Leute, die dagegen sind. Und die trotzdem daf\u00fcr zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Gleichwohl bist Du ein Patriot, wie aus zahlreichen Interviews hervorgeht. Gibt es ein Land, das du den Vereinigten Staaten vorziehen w\u00fcrdest? K\u00f6nntest du anderswo leben?<\/span><\/p>\n<p>Nein. Es ist modisch geworden, das Land, in dem man lebt, zu verachten. Gerade im Westen. Nat\u00fcrlich gibt es eine lange Liste mit Dingen, die mir an den Vereinigten Staaten nicht gefallen. Aber auch eine lange List mit Dingen, die mir gefallen. Zum Beispiel, dass das Land noch immer sehr viele Chancen bietet. Wir sind ein junges Land, wir arbeiten noch an uns. Wir haben einen schwarzen Pr\u00e4sidenten und f\u00fchlen uns ziemlich fortschrittlich \u2013 in anderen Teilen der Welt nimmt man uns jedoch ganz anders wahr. Aber es wird so schnell keinen schwarzen Pr\u00e4sidenten in der Schweiz geben. Nicht in England. Nicht in Frankreich. Nicht in Deutschland. Nicht in Japan. Nicht in Australien. Ob zum Besseren oder zum Schlechteren \u2013 wir sind den Anderen weit voraus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Der Rassismus in den Vereinigten Staaten ist aber mitnichten ein Thema von gestern, siehe die aktuellen Vorkommnisse in Ferguson.<\/span><\/p>\n<p>Das stimmt. Doch da ist noch eine andere Seite. In den Vereinigten Staaten sind manche Rassismuskritiker sehr darauf bedacht, dass der Rassismus weiter besteht. Denn sie haben ihre Karrieren darauf aufgebaut, zu beklagen, wie rassistisch alles sei. Damit verdienen sie ihr Geld. Dabei ist es nun mal so: In den Vereinigten Staaten kann ein Schwarzer Pr\u00e4sident werden. Die Debatte ist vorbei! Es ist ganz einfach m\u00f6glich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Auch hier sp\u00fcre ich den Einfluss Sowells. In seiner <em>Real History of Slavery<\/em> pl\u00e4diert er daf\u00fcr, die Sklaverei, welche in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcberwiegend mit der Geschichte der Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht wird, im internationalen historischen Kontext zu sehen. Das, so Sowell, relativiere die Schwere der Schuld des Westens.<\/span><\/p>\n<p>Ich bin Realist. Schauen wir auf den heutigen Mittleren Osten. Da ist massiver Rassismus an der Tagesordnung. F\u00fcr die haben wir keinen Schwarzen, sondern einen <em>Nigger <\/em>als Pr\u00e4sidenten. Man respektiert dort nicht einmal Frauen! Auch Sklaverei ist bis heute weit verbreitet. Dass man Ethnien aus fernen Gegenden der Welt versklavte, war ein relativ neues Ph\u00e4nomen. F\u00fcr gew\u00f6hnlich hat man seine eigenen Leute versklavt. Schon die Mayas und Azteken hatten Sklavenarbeit, aber die Sklaven stammten aus der N\u00e4he.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Du hast einmal gesagt, dass man nicht gerade Entertainer befragen solle, wenn es um Politik geht. Nun sitzen wir schon eine halbe Stunde hier, wollten eigentlich nicht \u00fcber Politik reden und reden fast nur \u2013 \u00fcber Politik! Sind Entertainer nicht doch oft heimliche Politiker? Der Autor Georg See\u00dflen hat einmal den klugen Satz gesagt: &#8222;\u00dcber der Frage, wie viel Showbusiness die Politik enth\u00e4lt, wird leicht diejenige danach vergessen, wie viel Politik das Showbusiness enth\u00e4lt.&#8220;<\/span><\/p>\n<p>Oh nein, nein, nein. Es ist immer dasselbe. Wenn ich \u00fcber Politik rede, missverstehen die Leute, was ich sage. Dann hei\u00dft es (fl\u00fcstert): Oha, Buzz Osborne ist ein Rechter! Aber das Rechts-Links-Schema existiert nicht mehr. George W. Bush und Obama sind einander \u00e4hnlicher, als man denkt. Was sage ich: Obama ist zehn Mal schlimmer als Bush! Denn er w\u00e4hnt sich auf der Seite der moralisch \u00dcberlegenen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">F\u00fcr dich hat die Wahl Obamas also keine historische Bedeutung?<\/span><\/p>\n<p>Thomas Sowell hat es auf den Punkt gebracht. Er sagte, es sei ihm egal, dass man einen Schwarzen zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt habe. Er w\u00fcnsche sich einen <em>guten<\/em> Pr\u00e4sidenten. Der erste Schwarze, die erste Frau \u2013 <em>who gives a shit<\/em>. Mir hilft das nicht weiter. Und wird sich der Mittlere Osten dar\u00fcber freuen, wenn wir dereinst eine Frau als Pr\u00e4sidentin haben? Sicherlich nicht. George W. Bush war so dumm zu glauben, dass eine schwarze <em>secretary of state<\/em><a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> im Mittleren Osten Geh\u00f6r finden w\u00fcrde. Wie naiv kann man sein! Und dann verstehe ich nicht, warum Frauenrechtlerinnen zum Islam schweigen. Kein Wort! <em>Fuck that<\/em>! Alleine schon die Art und Weise, wie die islamische Welt mit Frauen umgeht, empfinde ich als barbarisch. Wie k\u00f6nnen wir in den Begriffen der <em>political correctness <\/em>\u00fcber totale Barbarei sprechen? Ich jedenfalls kann es nicht. <em>Fuck that<\/em>! Wenn wir es tats\u00e4chlich mit einer friedfertigen Religion zu tun haben, dann soll <em>sie<\/em> Frieden schaffen. Und wenn innerhalb dieser ansonsten friedfertigen Religion ein paar Anh\u00e4nger durchgeknallt sind, sollte sich <em>die Religion<\/em> darum k\u00fcmmern und das Problem l\u00f6sen. Warum passiert das nicht? Weil viele heimlich mit den Durchgeknallten sympathisieren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Geht es hier nur um den Islam \u2013 oder um ein Beispiel f\u00fcr Religionen im Allgemeinen?<\/span><\/p>\n<p>Ich hasse die Religion als solche. Wenn Du auch nur <em>eine<\/em> deiner politischen Ideen auf eine spezielle Religion gr\u00fcndest, bist Du, wenn es nach mir geht, ein <em>fucking idiot<\/em>. Das gilt auch f\u00fcr das Christentum. Aber um die Christen mache ich mir gerade weniger Sorgen&#8230;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Heutige Besetzung. 1993 bedienten Lori Black und Mark Deutrom den Bass. F\u00fcr das kommende Album <em>Hold it in <\/em>verpflichteten The Melvins Paul Leary (Butthole Surfers).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Hersteller von Gitarrensaiten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Woody Guthries Gitarre trug die Aufschrift &#8222;This Machine Kills Fascists&#8220;.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> King Buzzo gebraucht den mir unbekannten Begriff &#8222;geneology&#8220;. Gemeint ist wohl Eugenik.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> King Buzzo bezieht sich auf eine Debatte \u00fcber die Finanzierung von Chomskys Forschungen durch das Pentagon, siehe u.a.: www.libcom.org\/history\/noam-chomsky-politics-or-science<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Gemeint ist Condoleezza\u00a0 Rice.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage scheller\" href=\"http:\/\/www.joergscheller.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Scheller<\/a> ist Dozent an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cWelcome to Slavery&lt;br \/&gt;Liebe als Vampirismus&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Martina Zerovnik&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;1.4.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2998&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cKonsumrezension September&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Simon Bieling&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;21.9.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3602&amp;action=edit\"><strong>\u00a0<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Melvins-Mastermind Buzz Osborne \u00fcber Liberalismus, Woody Guthrie, Thomas Sowell und die neue Musikgattung \u00bbMolk\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[404,1159,1233,1369,1499,1837,2341,2560],"class_list":["post-3609","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-buzz-osborne","tag-jorg-scheller","tag-klassischer-liberalismus","tag-liberalismus","tag-melvins","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thomas-sowell","tag-woody-guthrie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3609"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3609\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}