{"id":3680,"date":"2014-10-10T20:07:53","date_gmt":"2014-10-10T18:07:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3680"},"modified":"2014-10-10T20:07:53","modified_gmt":"2014-10-10T18:07:53","slug":"linksalternative-geschichte-hohepunkt-bundesdeutscher-subkultur-rezension-zu-sven-reichardt-authentizitat-und-gemeinschaft-u-a-von-martin-seeliger10-10-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/10\/10\/linksalternative-geschichte-hohepunkt-bundesdeutscher-subkultur-rezension-zu-sven-reichardt-authentizitat-und-gemeinschaft-u-a-von-martin-seeliger10-10-2014\/","title":{"rendered":"Linksalternative Geschichte, H\u00f6hepunkt bundesdeutscher Subkultur Rezension zu Sven Reichardt, \u00bbAuthentizit\u00e4t und Gemeinschaft\u00abvon Martin Seeliger10.10.2014"},"content":{"rendered":"<p>Politisierte Selbstverwirklichung<!--more--><\/p>\n<p>Die Schlacht am Fraenkelufer, autonome Heldengeschichten \u00fcber das legend\u00e4re Slime-Konzert im SO 36 mit der Hundertschaft unter der B\u00fchne, der Rauchhaus-Song von Ton, Steine, Scherben \u2013 der Berliner Stadtteil Kreuzberg stellt von jeher eine der Hochburgen des alternativen Milieus in Deutschland dar.<\/p>\n<p>Dass ich Ende August 2014 (kurz bevor ich die Lekt\u00fcre der Studie von Sven Reichardt abschloss) in einer Kneipe des heutigen \u201aSzenebezirks\u2018 auf Bernd \u2013 einen 52-j\u00e4hrigen (ehemaligen?) Autonomen \u2013 traf, erscheint als nicht besonders gro\u00dfer Zufall. Nicht nur aus den genannten Gr\u00fcnden war Bernd f\u00fcr mich ein sehr interessanter Gespr\u00e4chspartner. Denn Bernd erz\u00e4hlte gerne von fr\u00fcher, und meistens freut man sich ja, Leuten gerecht werden zu k\u00f6nnen. Bei aller Geselligkeit und Liebe zum folkloristischen Detail hatte die Situation mit Bernd aber auch etwas Tragisches. Und diese Tragik schien mir darin zu liegen, dass Bernd mit seinen nach wie vor aufrichtig vorgetragenen Hasstiraden gegen Staat und B\u00fcrgertum nicht nur politisch, sondern zwischen den anderen Besuchern der Gastst\u00e4tte auch habituell etwas aus der Zeit gefallen schien.<\/p>\n<p>Ohne festen Job (von einer fr\u00fchzeitig abgeschlossenen Rentenversicherung ganz zu schweigen) oder nennenswerte famili\u00e4re Bindungen erschienen auch seine weiteren Zukunftsperspektiven nicht sehr vielversprechend. Und besonders pikant \u2013 dies zeigt die sch\u00f6ne Studie von Reichardt anschaulich \u2013 erscheint dieser Umstand im Kontrast zur heutigen Kreuzberger Umgebung, in der sich immer mehr angesagte Kreativunternehmer romantisch-prek\u00e4r mit eben denjenigen Tugenden des Alternativmilieus (i.d.R. komplementiert aus einem breiten Repertoire kulturindustriell vermittelten Chiques) zu profilieren trachten. Aber nun zur Buchbesprechung:<\/p>\n<p>Sven Reichardt schreibt eine Kulturgeschichte der Linken in gesellschaftstheoretischer Absicht. Indem er die \u201esoziokulturellen Gemeinsamkeiten und kulturellen Verbindungen [\u2026], die das Alternativmilieu in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren \u00fcber die ideologischen Differenzen hinweg zusammenhielten\u201c, untersucht, soll \u201eer\u00f6rtert werden, inwieweit die Revolutionsvorstellungen der historischen Akteure mit der Lebenspraxis verbunden wurden\u201c (15). Als weiteres Ziel gibt der Autor an,<\/p>\n<p>\u201ejenseits der konkreten Protestziele, -h\u00e4ufigkeiten und -formen der Neuen sozialen Bewegungen \u2013 die \u00fcbergreifenden soziokulturellen Gemeinsamkeiten, das Verhaltensrepertoire und den Habitus der Protestierenden zu erkunden\u201c (ebd.).<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Seitdem vor allem seit 2008 eine Reihe (oftmals autobiografisch gef\u00e4rbter; vgl. etwa Schneider 2008 oder Aly 2009) Berichte zum \u201aWie war das damals?\u2018 der 68er-Bewegung erschienen sind, scheint dem Thema in den letzten Jahren eine besondere Aufmerksamkeit zuteil zu werden. Diesen Forschungsstand stellt der Autor recht knapp (aber m.E. zureichend) dar.<\/p>\n<p>Der Hauptteil des Buches ist in drei Abschnitte (Politik und Selbstreflexion, Lebensr\u00e4ume, K\u00f6rper und Seele) gegliedert, welche sich wiederum aus acht Kapiteln zusammensetzen. Der erste Abschnitt dient der Einf\u00fchrung ins Thema sowie der Offenlegung von theoretisch-methodologischen Pr\u00e4missen sowie der Operationalisierung der Studie. Und am Ende steht nat\u00fcrlich ein Fazit. F\u00fcr seine \u00fcber 1.000 Seiten ist das Buch relativ d\u00fcnn, das ist angenehm. Man kommt au\u00dferdem schnell durch, weil der Autor nicht nur einen zug\u00e4nglichen Schreibstil verfolgt, sondern die Angaben zur Literatur in Fu\u00dfnoten macht (der Text wird so zwar l\u00e4nger, aber man hat eben auch das Gef\u00fchl, schneller zu lesen; mitunter f\u00fchlt sich das sehr schmeichelhaft an und man entwickelt ein positives Verh\u00e4ltnis zum Buch!).<\/p>\n<p>Gegen Ende der 1970er Jahre stand das Alternativmilieu mit ca. 1,8 Mio. AktivistInnen im Bereich der Sozialen Bewegungen laut Reichardt \u201ezweifellos in seiner Bl\u00fctezeit\u201c (35). Eine vom Autor angef\u00fchrte repr\u00e4sentative Untersuchung \u00fcber die politische Einstellung von Studenten rechnet in Berlin 13,5% und in Frankfurt 20,1% der Alternativkultur zu (29).<\/p>\n<p>Mit der Skizzierung eines \u201elinksalternativen Habitus\u201c unterbreitet der Autor eine Heuristik zum Verst\u00e4ndnis spezifischer Kulturelemente des alternativen Milieus. Die Lebensweise zeichnete sich ihm zu Folge durch eine Reihe spezifischer \u201eDenk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen aus\u201c (55).<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die identit\u00e4re (Selbst-)Definition des alternativen Milieus vollzog sich hierbei einerseits intergenerational (d.h. gegen\u00fcber den \u00c4lteren) und andererseits in Abgrenzung zur staatlichen B\u00fcrokratie. Indem man \u2013 durchaus im Einklang mit der Frankfurter Diagnose einer \u201aVerwalteten Welt\u2018 (Adorno 1951) \u2013 dem staatlichen Apparat eine \u00dcbergriffigkeit gegen\u00fcber dem Einzelnen zuschrieb, etablierte man den Ma\u00dfstab erstrebenswerter Unmittelbarkeit und \u201aAuthentizit\u00e4t\u2018 (s.u.):<\/p>\n<p>\u201eDie als autorit\u00e4r, allgegenw\u00e4rtig und kalt empfundene Staatsmaschinerie avancierte zum Inbegriff der \u201aRepression\u2018 \u2013 ein Lieblingsterminus des linksalternativen Milieus der als Gegen- und Kampfbegriff den Freiheits- und Selbstbestimmungsbed\u00fcrfnissen Gestalt verlieh\u201c (52).<\/p>\n<p>Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft sind demnach zwei Konstitutionsprinzipien des alternativen Milieus, und bei ihnen setzt Reichardt mit seiner Studie an. Aus soziologischer Sicht beschreibt Authentizit\u00e4t nat\u00fcrlich keine objektive Eigenschaft. Dinge sind aus sich selbst heraus aufrichtig und unmittelbar, sie werden lediglich so erlebt (oder auch nicht). Diesem Konstruktionscharakter tr\u00e4gt der Autor mit der Frage Rechnung, \u201ewann und wozu der Begriff Authentizit\u00e4t von wem genutzt wurde\u201c (67). Auf diese Weise gelingt es ihm, zu zeigen, wie die konkreten Auspr\u00e4gungen des Authentizit\u00e4ts-Ideals menschliche Verhaltensweisen als Leitorientierung beeinflussen (sie begr\u00fcnden Hierarchien, Zielsetzungen, Sanktionen, etc.).<\/p>\n<p>Zur Operationalisierung der Studie: Als forschungsleitenden Rahmen etabliert Reichhardt eine Perspektive auf \u201ealltagsweltliche Probleme und lebensweltliche Erfahrungen\u201c (877) der Angeh\u00f6rigen des alternativen Milieus. Die Analyse der zusammengestellten Materialien dient der Rekonstruktion dieser Erfahrungen aus drei komplement\u00e4ren Sichtweisen, erstens auf die \u201eWechselwirkung zwischen medialer Au\u00dfenbeschreibung und den Selbstbildern im Milieu\u201c, zweitens auf die \u201eVerbindung zwischen den Selbsttechniken von Authentizit\u00e4t, Selbstverwirklichung, Erfahrung und Sensibilit\u00e4t im Alternativmilieu und der Individualisierung in der Gesellschaft insgesamt\u201c (wie stellen sich die Milieuangeh\u00f6rigen selbst und anderen gegen\u00fcber dar?) und drittens auf eine \u201eEbene der sozialen Praxis\u201c (d.h. er beschreibt, was die Angeh\u00f6rigen des Milieus so machen).<\/p>\n<p>Die Datenbasis der Studie ergibt sich aus der Recherche in verschiedenen Archiven, der Sekund\u00e4ranalyse einer Vielzahl von Studien sowie der (Oral-History-inspirierten) Auswertung von 36 Videointerviews.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Wesentliche Elemente des empirischen Bezugsrahmens ergeben sich weiterhin aus der Auswertung \u201eunz\u00e4hlige[r] gedruckte[r] Interviews, Gespr\u00e4chen oder Diskussionen in den Szenepublikationen der siebziger Jahre\u201c (92f). Ein besonderer (aber nicht exklusiver) regionaler Fokus liegt hierbei auf den St\u00e4dten Frankfurt, Berlin und Heidelberg.<\/p>\n<p>Das zweite Kapitel zur \u201a[P]olitische[n] Theorie und organisatorische[n] Praxis\u2018 widmet sich der Vorstellung verschiedener Spektren des Alternativmilieus. Die analytische Segmentierung erfolgt hierbei nicht etwa nach Alter, Haarfarbe, Schulabschluss oder sonstigen Merkmalen, sondern entlang der Linien politischer Spektrenbildung.<\/p>\n<p>Das mag insofern \u00fcberraschend erscheinen, als \u2013 so die eingangs explizierte Absicht \u2013 eben nicht der unmittelbare Einfluss auf die kollektive Willensbildung innerhalb des politischen Systems, sondern die lebensweltliche Allt\u00e4glichkeit des Milieus untersucht werden sollten. Wie der Autor anhand der Vorstellung verschiedener Bereiche (68er-Bewegung, Spontis, Frauenbewegung, Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung, die Friedensbewegung und die Partei die Gr\u00fcnen, sowie die Autonomen der fr\u00fchen 1980er Jahre) zu zeigen vermag, ergibt diese Gliederung deswegen Sinn, weil sich (individuelle und gemeinschaftliche) Identit\u00e4tsstiftung hier \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit zu den Spektren ergab.<\/p>\n<p>Indem dem Leser ein Eindruck der lebensweltlichen Vorg\u00e4nge verschafft wird, bietet die Darstellung sozialer Dynamiken innerhalb und zwischen diesen Bereichen f\u00fcr den weiteren Argumentationsverlauf eine substanzielle Grundlage. Vor dem Hintergrund des um 2008 recht intensiv thematisierten Spektrums der Studentenbewegung erscheint hier vor allem die \u201eAuseinandersetzung von Teilen der 68er mit dem linksalternativen Milieu\u201c (128) interessant.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend \u2013 wie der ehemalige Vorsitzende des Kommunistischen Bund Westdeutschland Gerd Koenen (2011) in seiner autobiografischen Aufarbeitung der Aktivit\u00e4ten seiner Organisation berichtet \u2013 Teile des 68er Spektrums eine autorit\u00e4re politische Linie<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> verfolgten, unterschied sich die Sponti-Bewegung durch eine weniger strenge, eher individualistische Herangehensweise. Parolen wie \u201eWir haben keine B\u00f6cke auf Dogmas\u201c oder \u201eStatt hammern und sicheln \u2013 jammern und picheln\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> brachten hier ein Politikverst\u00e4ndnis zum Ausdruck, wie es sich in den Folgejahren \u00e4hnlich individualistisch (und teilweise \u00e4hnlich kontemplativ) etwa auch unter frauenbewegten und autonomen AktivistInnen fand. Trotz ihrer unterschiedlichen (und teilweise auch widerspr\u00fcchlichen) politischen Ausrichtungen verbindet die Str\u00f6mungen das Projekt einer (vorwiegend, aber nicht nur komplement\u00e4ren) Etablierung einer \u201ekonkreten Lebenswelt in einer \u201aGegengesellschaft\u2018\u201c (220) \u2013 dem alternativen Milieu.<\/p>\n<p>Im dritten Kapitel stellt Reichhardt Entwicklung und Bedeutung der seit Mitte der 1970er an Bedeutung gewinnenden Alternativmedien dar. Sollten diese nominell \u201eder Sichtbarmachung, Stabilisierung und Mobilisierung nach innen\u201c (233) dienen, wurden diese mittelfristig aber auch zum wesentlichen Wirtschaftssegment und Transmitter alternativer Ideen in die Gesellschaft. So existierten 1980 390 linksalternative Zeitschriften, von denen monatlich 1,6 Mio. Exemplare erschienen.<\/p>\n<p>Inhaltlich zeichneten sich diese Ver\u00f6ffentlichungen einerseits durch die Vermittlung \u201e\u201aunterdr\u00fcckte[r] Nachrichten\u2018 aus der partikularen Welt des Alternativmilieus\u201c, aber auch durch einen \u201ewechselseitigen Kommunikationsprozess zwischen Redakteuren und Lesern\u201c (237) aus. Weiterhin folgte die Arbeitsorganisation (wenigstens der Idee nach) basisdemokratischen und unkommerziellen Prinzipien (Wie viel \u201aAusdiskutieren\u2018 ist m\u00f6glich, wenn t\u00e4glich eine neue Ausgabe erscheinen soll?). Im Hinblick auf die vom Autor untersuchten Authentifizierungstechniken, kommt den Alternativmedien eine besondere Bedeutung zu, da in ihnen die \u201eVerwobenheit von Allt\u00e4glichkeit mit Politik\u201c (313) als lebensweltlicher Bestandteil plausibilisiert wurde.<\/p>\n<p>Doch die Wirtschaftsaktivit\u00e4ten des alternativen Milieus erstreckten sich weit \u00fcber die Medienwelt hinaus (Kapitel 3): \u201eDer Kern des alternativen Milieus best\u00e4tige sich in den Arbeitskollektiven, die von der Kfz-, Fahrrad- und Elektrowerkstatt \u00fcber die Tischlerei-, Taxi-, Transport- und Entr\u00fcmpelungskollektive bis zu \u00f6kologisch orientierten Lebensmittell\u00e4den, Druckereien, Buchl\u00e4den, Kneipen und Caf\u00e9s sowie Kinderl\u00e4den, Stadtteilarbeitsgruppen oder Jugendzentrumsprojekten reichten\u201c (323).<\/p>\n<p>Karriereambitionen waren kein wesentliches Motiv f\u00fcr das Engagement in Alternativprojekten (332), stattdessen begr\u00fcndeten postmaterielle Wertbez\u00fcge und der Wunsch nach homosozialen Kontakten h\u00e4ufig ein Engagement in der Alternativ\u00f6konomie. Indem \u201esolidarische Kooperation und Selbstverwirklichung\u201c in den Mittelpunkt wirtschaftlicher Kooperation im Alternativmilieu ger\u00fcckt wurden, leistete man hier \u2013 so die These Reichardts \u2013 wesentliche Pionierarbeit f\u00fcr einen wirtschaftlichen Strukturwandel hin zum Netzwerkkapitalismus. W\u00e4hrend ungen\u00fcgende Profitabilit\u00e4t den langfristigen Fortbestand alternativ\u00f6konomischer Wirtschaftseinheiten zwar verhinderte, leben \u2013 so die These \u2013 ihre Strukturprinzipien teilweise fort. Alternative Tugenden diffundierten.<\/p>\n<p>Unter dem Oberbegriff alternativen Wohnens r\u00fcckt das folgende Kapitel neue Formen des Zusammenlebens in den Mittelpunkt, durch die sich das alternative Milieu auszeichnete. Mit Wohngemeinschaften, Landkommunen und Hausbesetzungen werden drei Formen mikrosozialer Vergemeinschaftung einerseits im Hinblick auf ihre praktische Durchf\u00fchrung und andererseits bez\u00fcglich ihrer symbolischen Bedeutung analysiert. So waren diese Umgebungen einerseits soziale Laboratorien zur Erprobung und Entwicklung alternativer Lebensentw\u00fcrfe, andererseits aber auch Symboltr\u00e4ger kulturellen Wandels (z.B. war die Kommune I nicht nur Wohnort, sondern auch Identit\u00e4tsangebot und \u00f6ffentliche Provokation). Abgesehen von den terroristischen Gruppen konzentrierte sich um die Hausbesetzungen herum weiterhin das Gewaltpotenzial der alternativen Szene.<\/p>\n<p>Vergemeinschaftungsorte wie die linken Szenekneipen, Buchl\u00e4den oder Frauenr\u00e4ume werden in Kapitel Sechs dargestellt. Hierbei stehen vor allem die lokalen Praktiken im Vordergrund. Diese \u00d6ffentlichkeit der linken Subkultur diente ebenfalls als wesentliche Sozialisationsagentur, aber wiederum auch als gesellschaftlicher Transmitter auf der Ebene der kulturellen Repr\u00e4sentationen. Der allgemein recht angenehme Formulierungsstil tritt in diesem Kapitel besonders hervor, wenn Reichhardt linksalternative Umgebungen beschreibt.<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Indem die lebensweltliche Seite der Alternativ\u00f6konomie nochmal gesondert dargestellt wird, gelingt es, ihre besondere \u201e(politische) Vergemeinschaftungsfunktion\u201c herauszustellen: \u201eArbeit war nicht blo\u00df Mittel zum Broterwerb, sondern stand in einem unmittelbar politischen Kontext\u201c (625).<\/p>\n<p>Der letzte Abschnitt \u201aK\u00f6rper und Seele\u2018 des Buches umfasst schlie\u00dflich drei weitere Kapitel. Erstens wird unter der \u00dcberschrift \u201aK\u00f6rper und Sexualit\u00e4t\u2018 beschrieben, wie linksalternative Aufrichtigkeits- und Verwirklichungsideale in einer Praxis der (Wieder-)Aneignung dieser beiden Dimensionen \u00fcbertragen wurde. Neben der identit\u00e4ts- und koh\u00e4sionsstiftenden Bedeutung von Kleidung und Accessoires und der Darstellung neuer Muster des Begehrens (z.B. jenseits der monogamen Zweierbeziehung) beinhaltet das Kapitel au\u00dferdem einen eigenen Abschnitt \u00fcber \u201aM\u00e4nnlichkeiten\u2018.<\/p>\n<p>Dies erscheint auch insofern bemerkenswert, als es einen komplement\u00e4ren Abschnitt \u00fcber Weiblichkeiten nicht gibt. Frauen werden im Buch spezifisch haupts\u00e4chlich als Protagnostinnen der Neuen Frauenbewegungen behandelt. Etwas seltsam mutet Reichardts Typologisierung von \u201evier Hauptformen der alternativen Linken\u201c (639) an. (\u201ePrimat der Lockerheit, Nat\u00fcrlichkeit und \u201aIndividualit\u00e4t\u2018\u201c, \u201eBild von der verbissenen Spa\u00dfbremse mit Vollbart\u201c, ein \u201eeigener Stil\u201c der Frauenbewegung sowie der \u201eRevoluzzer aus Zeiten der 68er-Bewegung\u201c). Wie genau diese Typologie gemeint ist, bzw. was sie darstellen oder erkl\u00e4ren soll, habe ich nicht verstanden.<\/p>\n<p>Kapitel acht beschreibt die Erarbeitung der Theorie sowie die praktische Umsetzung von antiautorit\u00e4rer Erziehung und Kinderladenbewegung. Der Einfluss des alternativen Milieus auf allgemeine Verkehrsformen in der Gegenwart wird hier besonders deutlich. Hier und auch im darauffolgenden (letzten empirischen Kapitel zum Thema \u201aBewusstseinserweiterungen\u2018) zeigt sich einmal mehr, dass Selbsttechniken und Verkehrsformen des Alternativmilieus, historisch betrachtet, weit in die Gesellschaft hinein gewirkt haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Diffusion entsprechender Ideen im Bereich der P\u00e4dagogik sich \u2013 im Einklang mit den Befunden neo-institutionalistischer Organisationsforschung \u2013 \u00fcber die Vermittlung entsprechender Professionsgruppen vollzog, erkennt Reichhardt im Bereich der Selbsterfahrungen drei Kommerzialisierungsbewegungen. Aus den autonomen Selbsterfahrungsgruppen entwickeln sich mit der Zeit therapeutische Behandlungszentren, der Drogenhandel folgt in seinen Strukturprinzipien dem Einfluss organisierter Kriminalit\u00e4t und der vereinzelte Spiritualismus einiger Alternativer verdichtet sich zu einem \u201eReligionsmarkt\u201c (869).<\/p>\n<p>Indem Reichardt das Alternative Milieu mit seinen spezifischen kulturellen Repr\u00e4sentationen, Selbsttechniken und Praktiken untersucht, leistet er aber nicht nur einen Beitrag zur empirischen Rekonstruktion einer Lebensweise. Vor dem Hintergrund der Darstellung des umfangreichen Materials zieht der Autor eine hochinteressante gesellschaftstheoretische Schlussfolgerung. Anders als dies etwa in der zeitgen\u00f6ssischen sozialen Bewegungsforschung oder der Politikwissenschaft \u00fcblich ist, werden die kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Wandels untersucht.<\/p>\n<p>Die anhand des umfangreichen Materials belegte Kernthese des Buches liegt n\u00e4mlich darin, dass gesellschaftlicher (d.h. kultureller, politischer und \u00f6konomischer) Wandel in der Hauptsache nicht etwa als unmittelbares Resultat politischer Einflussnahme (etwa in Form von Demonstrationen oder des \u201aMarsches durch die Institutionen\u2018, vgl. Seeliger 2012) zu verstehen ist.<\/p>\n<p>In (nicht immer explizierter) Anlehnung an die Beck\u02bcsche (1986) Individualisierungsthese, gelangt der Autor zu dem Schluss, \u201edie Geschichte des linksalternativen Milieus [f\u00fcge] sich letztlich ein in eine historische Periode der Freisetzung des \u201apostmodernen Selbst\u2018\u201c (888) ein. Die Grundbegriffe \u201aGemeinschaft\u2018 und \u201aAuthentizit\u00e4t\u2018 dienen ihm hier zur Illustration der Dynamik, die diese Individualisierungsentwicklung absicherte.<\/p>\n<p>\u201eDie Anrufung des autonomen Selbst und des solidarischen Gemeinschaftswesens, das Streben nach Selbstkontrolle wie nach Gruppenbindung verliefen gewisserma\u00dfen parallel zueinander und gerieten zum Balanceakt\u201c (873).<\/p>\n<p>Aus einer (evtl. leicht funktionalistisch eingef\u00e4rbten?) Perspektive wird so erkennbar, dass es die gemeinschaftliche Plausibilisierung war, die die gesellschaftliche Diffusion vormals linksalternativer Tugenden erm\u00f6glichte. Was in den Soziallaboratorien und Mikrokosmen von Berliner WG-K\u00fcchen, Schleswig-Holsteiner Landkommunen und Konstanzer Kneipenkollektiven erprobt und entwickelt wurde, pr\u00e4gte in den Folgejahren die Entwicklung westlicher Gesellschaften insgesamt.<\/p>\n<p>Anders als in der orthodox-marxistischen Geschichtsschreibung bestimmt hier allerdings nicht das Sein das Bewusstsein, vielmehr sind es die alternativen Ideen, deren Umsetzung in der Etablierung neuer Vergesellschaftungsformen (erst inner- und dann auch au\u00dferhalb des Milieus) m\u00fcndet. Die \u201aPolitik der ersten Person\u2018 (\u00fcbrigens eine Wortsch\u00f6pfung des zeitweise in Bochum lehrenden Soziologen Urs Jaeggi, welche sp\u00e4ter ins Selbstverst\u00e4ndnis der Berliner Autonomen-Szene aufgenommen wurde) wurde im Netzwerkkapitalismus dahingehend gewendet, dass \u201aUnternehmerische Selbste\u2018 (Br\u00f6ckling 2007) \u201aK\u00fcnstlerkritiken\u2018 (Boltanski\/Chiapello 2003) \u00e4u\u00dfern, und so letztlich (?) einen Wandel kapitalistischer Vergesellschaftung bedingen, der weder fr\u00fchzeitig geplant noch sonstwie antizipiert worden w\u00e4re (Bell 1978).<\/p>\n<p>Die hier zu Tage tretende Ambivalenz arbeitet der Autor wunderbar heraus. Was als Gegenbewegung zur Verdinglichung begonnen hatte, manifestierte sich schlie\u00dflich als Vorlage neoliberaler Ideologie-Diffusion. Entsprechende Ankn\u00fcpfungspunkte zu den drei Jenaer Grundbegriffen Aktivierung, Beschleunigung und mit Abstrichen auch Landnahme finden sich im Buch haufen- wenn nicht gar bergeweise:<\/p>\n<p>Die Etablierung der Norm individueller Selbstverwirklichung als Austritt aus der verpflichtenden Inklusion in tradierte Bindungen (Rosa 2013) l\u00e4sst sich aus Reichardts Darstellungen genauso ablesen wie die aktivierungspolitische Wendung solcher Individualisierungsentwicklungen (Lessenich 2013). Dass der Bereich \u00f6ffentlicher (d.h. letztlich individueller) Gesundheit an der Schwelle zum 21. Jahrhundert als wohlfahrtsstaatliches Politikfeld etabliert wird, geht gleichzeitig einher mit dem Zwang zum Selbstzwang, wie er durch die Selbstverwirklicher der 1970er auf den Weg gebracht wurde. Mit ein bisschen Phantasie lassen sich auch gewerkschaftlicher Mitgliederverlust oder zunehmende Verbetrieblichung tarifpolitischer Auseinandersetzungen (Bispinck\/Schulten 2010) als Wegbereiter kapitalistischer Landnahme (D\u00f6rre 2009) in Teilen auf die im Buch beschriebenen Entwicklungen zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Ich gelange zu dem Fazit, dass sowohl die Operationalisierung der Studie als auch die Darstellung ihrer Ergebnisse \u00e4u\u00dferst gelungen sind. Die F\u00fclle des Materials wird gut und \u00fcbersichtlich dargestellt (ein positives Zeichen scheint mir zu sein, dass ich beim Lesen nicht den \u00dcberblick verloren habe). Angenehm erschien mir hierbei auch, wie der Autor sich an manchen Stellen kommentierend und\/oder erkl\u00e4rend einbringt, und an anderen eben nicht. Auf diese Weise gelingt es ihm z.B., auf m\u00f6gliche Widerspr\u00fcche und Diskrepanzen im Selbstverst\u00e4ndnis der Milieuangeh\u00f6rigen aufmerksam zu machen, ohne entsprechende Verweise auf die Spitze zu treiben. Stattdessen l\u00e4sst er das zusammengestellte Material weitgehend f\u00fcr sich selbst sprechen (vgl. 109). Auch das Wechselspiel zwischen den Analyseebenen (vgl. 75) erscheint nicht nur konzeptionell gut ausgedacht, sondern wird auch in der Forschungs- und Darstellungspraxis der Studie sauber umgesetzt.<\/p>\n<p>Das Buch ist sehr kenntnisreich geschrieben, das ist beeindruckend. H\u00e4ufig ist es so, dass eine entsprechende Sachkenntnis bei Forschern mit einem pers\u00f6nlichen Engagement einhergeht (vgl. etwa Lenz 2008). Einen solchen Hintergrund suche man \u2013 so \u00e4u\u00dfert sich der Autor im Radiointerview<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> \u2013 bei ihm vergeblich. Im Einklang mit seiner eigenen Argumentation bewahrt ihn dies (wahrscheinlich) vor einer \u00dcberidentifikation mit dem Gegenstand. Andererseits fehlt es ihm m\u00f6glicherweise an subjektivem Praxiswissen, welches an manchen Stellen andere Nuancen in der Darstellung hervorgebracht h\u00e4tte.<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> Aber das st\u00f6rt wohl keinen gro\u00dfen Geist. Weiterhin gespannt bin ich, inwiefern die Studie auch im englischen Sprachraum rezipierbar werden wird. Folgeuntersuchungen in international vergleichender Absicht erschienen mir ebenfalls erstrebenswert.<\/p>\n<p>Ein normatives Fazit sucht man, jedenfalls an der Oberfl\u00e4che der Argumentation, vergeblich. Hier und da schimmern jedoch einige eindeutig normative Implikationen hervor. Zwang erscheint ihm (etwa im Rahmen der linksalternativen Selbsterfahrungsgruppen) als per se negativ. Andererseits erscheint die Darstellung der oben skizzierten Ambivalenzen gesellschaftlichen Wandels prinzipiell gut geeignet als Grundlage zeitgen\u00f6ssischer Kapitalismuskritik (und ich vermute, das ist Absicht).<\/p>\n<p>Mit seinem Ansatz, der die kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Wandels (bzw. das Wechselspiel zwischen beiden) untersucht, befindet sich Reichardt in unmittelbarer N\u00e4he zu den Klassikern der Sozialtheorie.<a title=\"\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> Da ihm dies vermutlich klar sein wird, l\u00e4sst sich die Abwesenheit gro\u00dfspuriger Verweise in der Darstellung des Forschungsvorhabens als sympathisches Understatement deuten. Als historisch interessierten Soziologen f\u00fchrt mich diese Beobachtung abschlie\u00dfend zu einer aktuellen Diskussion \u00fcber die Rolle von Geschichtswissenschaft in der gesellschaftswissenschaftlichen Theoriebildung.<\/p>\n<p>Wenn ich in der Interpretation der Befunde (gezeigt werden nicht nur das Alternativmilieu und die dortige Bedeutung von Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft, sondern ein Wandel der kulturellen Grundlage kapitalistischer Vergesellschaftung) richtig liege, stellt sich m.E. die Anschlussfrage, warum dies nicht expliziter herausgestellt wurde. Ausgehend von der doppelten Grundannahme, dass ich die Absicht des Autors weder falsch gedeutet noch die Darstellung der entsprechenden Befunde schlichtweg \u00fcbersehen habe, vermute ich die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr in einem disziplin\u00e4ren Unterschied zwischen Geschichts- und Sozialwissenschaft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Teile ihrer Protagonisten die zeitgen\u00f6ssische Sozialwissenschaft mehr und mehr einem Paradigma verschreiben wollen, welches die kumulative Entwicklung eines immer allgemeing\u00fcltigeren Forschungsstandes durch die systematische Schlie\u00dfung von zu Anfang des Forschungsprozesses zu identifizierenden Forschungsl\u00fccken vorantreiben m\u00f6chte, folgt der Wissenserwerb in der Geschichtswissenschaft einem weniger deutlich strukturierten, scheinbar intuitiven (und vermutlich realistischerem) Organisationsprinzip.<\/p>\n<p>Ein entsprechendes Understatement vertritt der Autor der Studie, indem er als Forschungsbeitrag eingangs eine deskriptive Darstellung der Verkehrsformen des Alternativmilieus (kulturelle Repr\u00e4sentationen, Selbsttechniken und Praktiken) in den 1970er und 1980er Jahren herausstellt. Mit seinen st\u00e4ndigen Bez\u00fcgen auf Literaturkorpora \u2013 als Spitze eines Eisbergs theoretischer Referenzen ragt z.B. immer mal wieder Br\u00f6cklings (2007) Studie zum \u201aUnternehmerischen Selbst\u2018 \u00fcber die Darstellungsoberfl\u00e4che hinaus \u2013 lie\u00dfe sich die Arbeit allerdings genauso gut dem (etwas weiter gefassten) Kontext der Sozialgeschichte der Bielefelder Schule zuordnen, dem von Hitzer und Welskopp (2010: 20) eben jene \u201edemonstrative Theorieorientierung\u201c attestiert wird, die sich auch bei Reichardt findet.<\/p>\n<p>Ein ebensolches Postulat von Theoriebildung auf Basis praxeologisch-hermeneutischer Untersuchungen von L\u00e4ngsschnitt-Entwicklungen findet sich auch bei William H. Sewell Jr. (2005 369) \u2013 dem Sohn des Historikers William Sewell und einem der wichtigsten Geschichtstheoretiker der Gegenwart:<\/p>\n<p>\u201eOur goal must be understood as the dereification of social life \u2013 revealing how apparently blind social forces and dumb social coercions are actually intelligible as products of semiotically generated action.\u201c<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund erscheint es mir keineswegs \u00fcbertrieben, Reichardts Untersuchung in einem sozialhistorischen Spektrum zu verorten, in dem Vertreter wie Eric Hobsbawm oder Edward Palmer Thompson \u201eassumed that popular entities, identities, and interests formed more or less automatically in the course of social change, then constituted observable realities\u201c (Tilly 2002: 5).<\/p>\n<p>Wie ebenfalls von Sewell herausgestellt, besteht zur Etablierung einer tragf\u00e4higen Gesellschaftstheorie die unbedingte Notwendigkeit geschichtswissenschaftlicher Analysen:<\/p>\n<p>\u201eOnly if historians enter the fray and develop systematic critiques and reformulations of the theories we borrow from social scientists can we expect to build social theories adequate for grasping the ever-changing world that is our common object\u201c (Sewell 2005: 6).<\/p>\n<p>Leider, und das bemerkt Sewell in seinem Text (ebd.: 12) ebenfalls, neigen Sozialwissenschaftler zu einem gr\u00f6\u00dferen Selbstbewusstsein (und vielleicht auch zu einer st\u00e4rker ausgepr\u00e4gten Systematik in der Darstellungsform). Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass sich dieses in Zukunft \u00e4ndert!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Inwieweit der Forschungsbeitrag der Studie durch diese Beschreibung abgedeckt ist, erscheint mir fraglich. Dies soll daher weiter unten noch genauer er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Namentlich \u201e\u201aPolitik in der ersten Person\u2018 und \u201aBetroffenheit\u2018\u201c (1), \u201e\u201aW\u00e4rme\u2018 der Vergemeinschaftung\u201c (2), \u201eBasisdemokratie und Antihierarchie\u201c (3), \u201eB\u00fcrokratie- und Technologieskepsis\u201c (4), Verbindung von Spontaneit\u00e4t und \u201aneuer Unmittelbarkeit\u2018\u201c (5), \u201eGanzheitliches Leben\u201c (6), \u201eUnverf\u00e4lschtheit\u201c (7), \u201eProvokation und aggressiver Humor in der \u00f6ffentlichen Kommunikation\u201c (8) sowie \u201eExpressivit\u00e4t, Unkonventionalit\u00e4t und Kreativit\u00e4t\u201c (9).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Lobenswert hervorzuheben erscheint, dass Erinnerungen der Protagonisten hier als (m\u00f6glicherweise glorifizierende) Quelle durchaus kritisch gesehen werden (92f).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Zur \u00dcberbr\u00fcckung post-revolution\u00e4rer Versorgungsengp\u00e4sse plante man z.B. die Einrichtung von Zuchtanlagen f\u00fcr eiwei\u00dfreiche Karpfen oder sah vor, Abweichler aus den eigenen Reihen zur Umerziehung als Arbeitskr\u00e4fte in Cuxhavener Fischmehlfabriken einzusetzen (vgl. Koenen 2011). The Empire Strikes Back.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Als zeitgen\u00f6ssischen Ausl\u00e4ufer siehe hierzu auch das Werk der Berliner Elektropunk-Gruppe Egotronic: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Fz2Y6xZJFKs<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> \u201eBei reichlich Bier und Zigaretten setzte man sich im d\u00e4mmrigen Kerzenlicht an altem Tr\u00f6del und ausrangiertem Mobiliat zusammen\u201c (576). Und vom Subkultur Konstanzer Kneipenkollektiv \u201aCaf\u00e9 Chaos\u2018 berichtet er Folgendes: \u201eDie wenig solventen Sch\u00fcler, Studenten, Auszubildenden und Punker handelten in der damals ohnehin schon billigsten Kneipe der Konstanzer Szene nochmals Sondertarife f\u00fcr Kaffee, Kuchen, Bier und die kleinen Tellergerichte raus\u201c (574). Die akribische Sichtung einer Vielzahl von Studien versetzt Reichhardt au\u00dferdem in die Position, Detailwissen wie den Anteil der Raucher unter den linksalternativen M\u00e4nnern und Frauen prozentual in Drehtabak- und Filterzigarettennutzer zu untergliedern (vgl. 577).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> http:\/\/www.wdr5.de\/sendungen\/neugiergenuegt\/redezeit\/reichardt100.html<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Die Punks der 1980er k\u00f6nnte man z.B. viel st\u00e4rker in der Tradition der Sponti-Bewegung interpretieren. Das w\u00fcrde m.E. auch helfen, deren politische Bissigkeit besser w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Siehe z.B. \u00c9mile Durkheims (1992) Analyse der moralischen Vorbedingung der Vertragsschlie\u00dfung oder Max Webers (1986) Arbeit zur Protestantischen Ethik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Aly, G\u00f6tz (2009): Unser Kampf. 1968 &#8211; Ein irritierter Blick zur\u00fcck. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch<\/p>\n<p>Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Bell, Daniel (1978): The Cultural Contradictions of Capitalism. New York: Basic Books<\/p>\n<p>Bispinck, Reinhard; Schulten, Thorsten (Hg.) (2010): Zukunft der Tarifautonomie. 60 Jahre Tarifvertragsgesetz: Bilanz und Ausblick. Hamburg: VSA<\/p>\n<p>Boltanski, Luc; Chiapello, \u00c9ve (1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK<\/p>\n<p>Br\u00f6ckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>D\u00f6rre, Klaus (2009): Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In: D\u00f6rre, Klaus et al. (Hg.): Soziologie \u2013 Kapitalismus \u2013 Kritik. Eine Debatte. Frankfurt a.M., 21-86<\/p>\n<p>Durkheim, \u00c9mile (1992): ber soziale Arbeitsteilung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Hitzer, Bettina; Welskopp, Thomas (2010): Die \u201aBielefelder Schule\u2018 der westdeutschen Sozialgeschichte. Karriere eines geplanten Paradigmas? In: Dies. (Hg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen. Bielefeld: Transcript, 13-31<\/p>\n<p>Koenen, Gerd (2011): Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. M\u00fcnchen: Fischer<\/p>\n<p>Lessenich, Stephan (2013): Die Neuerfindung des Sozialen: Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Rosa, Hartmut (2013): Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie sp\u00e4tmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp<\/p>\n<p>Schneider, Peter (2008): Rebellion und Wahn. Mein \u00b468. K\u00f6ln: Kiepenheuer und Witsch<\/p>\n<p>Seeliger, Martin (2012): Gr\u00fcne Politik unter Bedingungen neuer Komplexit\u00e4t<strong>.<\/strong> Der Moderne Staat 5, 1, 229-239<\/p>\n<p>Sewell, William H. (2005): Logics of History. Social Theory and Social Transformation. Chicago: Chicago University Press<\/p>\n<p>Tilly, Charles (2002): Stories, Identities and Political Change. New York: Rowman &amp; Littlefield<\/p>\n<p>Weber, Max (1986): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. T\u00fcbingen: Mohr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nSven Reichardt<br \/>\nAuthentizit\u00e4t und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren<br \/>\nBerlin 2014<br \/>\nSuhrkamp Verlag<br \/>\nISBN 978-3518296752<br \/>\n1013 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage seeliger\" href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/forschung\/wissdetails_de.asp?MitarbID=606\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Seeliger<\/a> ist Doktorand am Max-Planck-Institut f\u00fcr Gesellschaftsforschung, K\u00f6ln.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong><a title=\"\u201cMeinungsfrei&lt;br \/&gt; Rezension zu Thilo Sarrazin, \u00bbDer neue Tugendterror\u00ab u.a.&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Martin Seeliger&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;1.6.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3192&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politisierte Selbstverwirklichung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90387,108709,997,1256,1389,1466,1839,2267],"class_list":["post-3680","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-1970er-jahre","tag-alternativbewegung","tag-hippies","tag-kommune","tag-linksalternative-szene","tag-martin-seeliger","tag-pop-zeitschtigz","tag-sven-reichardt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3680","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3680"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3680\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3680"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3680"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3680"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}