{"id":3687,"date":"2014-10-12T13:33:59","date_gmt":"2014-10-12T11:33:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3687"},"modified":"2014-10-12T13:33:59","modified_gmt":"2014-10-12T11:33:59","slug":"mode-oktobervon-sabina-muriale12-10-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/10\/12\/mode-oktobervon-sabina-muriale12-10-2014\/","title":{"rendered":"Mode Oktobervon Sabina Muriale12.10.2014"},"content":{"rendered":"<p>Feminism what?! <!--more mehr--><\/p>\n<p>Der Protestmarsch von Karl dem Gro\u00dfen und andere Widrigkeiten. Eine Twitter-R\u00fcckschau mit Aufregung.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen, w\u00e4hrend der <em>Ready To Wear<\/em>-Schauen in Paris, rannten die Augen hei\u00df vom st\u00e4ndigen Scrollen und Suchen nach den aktuellsten Fotos der angesagtesten ModekritikerInnen auf Twitter und Co. Manche der Auserw\u00e4hlten, die vor Ort mit dabei sein durften, machten allerdings erb\u00e4rmlich unscharfe Fotos. Vanessa Friedman (\u201eNew York Times\u201c) gewinnt dabei sicherlich den Ehrenpokal. Die Models waren wohl einfach zu schnell.<\/p>\n<p><a title=\"Abb. 1 Screenshot Twitter\" href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/Screenshot_Twitter.png\" rel=\"lightbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/Screenshot_Twitter.png\" alt=\"\" width=\"396\" height=\"395\" \/><\/a><\/p>\n<p>Robin Givhan von der \u201eWashington Post\u201c machte zwar auch so manch unscharfes Foto, daf\u00fcr waren ihre Tweets umso klarer. Sie kommentierte Karl Lagerfelds Chanel-Show mit den ironischen Worten: \u201eWhat is a feminist? Whatever she is, she wears #Chanel. Says Lagerfeld.\u201c<\/p>\n<p><a title=\"Abb. 2 Screenshot Twitter\" href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/Screenshot_Twitter_2.png\" rel=\"lightbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/Screenshot_Twitter_2.png\" alt=\"\" width=\"415\" height=\"490\" \/><\/a><\/p>\n<p>Karl feierte sich im Finale seiner Fr\u00fchling-Sommer 2015 Show als Bewunderer und Bef\u00fcrworter der emanzipierten Frau, die f\u00fcr ihre Rechte selbstbewusst auf die Stra\u00dfe geht. Daf\u00fcr lie\u00df er sogar extra im <em>Grand Palais<\/em> einen Boulevard in <em>Trompe-l\u2019\u0153il<\/em>-Optik bauen \u2013 mitsamt Pf\u00fctzen und Zebrastreifen sowie einen Gehsteig f\u00fcr das Volk!<\/p>\n<p>Mode ist sicherlich ein bedeutendes soziokulturelles Ph\u00e4nomen mit betr\u00e4chtlicher visueller Wirkung. Aber Karls Spektakel als das neue Bild der feministischen Frau zu feiern w\u00e4re dann doch etwas zu weit gegriffen. Dieser Model-Aufmarsch war alles andere als ein feministischer oder gar demokratischer Protestmarsch. Die von Strassendemos inspirierte Show war rein auf deren \u00c4u\u00dferlichkeit reduziert. #Appropriation <em>de luxe<\/em>. Sauber und akurat f\u00fcr die Konsumentinnen aus der reichen wei\u00dfen Oberschicht. Gerade mal zw\u00f6lf <em>models of colour<\/em> von insgesamt 85 stolzierten auf Lagerfelds Stra\u00dfe. Aber daf\u00fcr alle mit einem schwindend geringen BMI und in Kleidern im Wert von mehreren Tausend \u20ac.<\/p>\n<p><a title=\"Abb. 3 Quelle www.fabulousmuses.net\" href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/boulevar_chanel_.jpg\" rel=\"lightbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/10\/boulevar_chanel_.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"399\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die auf dem Boulevard der Eitelkeiten hochgehaltenen Schilder mit den Slogans wie \u201eTweed is Better Than Tweet, Be Different\u201c, \u201eLadies First\u201c oder \u201eMake Fashion Not War\u201c schienen in Anbetracht der aktuellen Proteste in Hongkong wie eine Farce. Givhans Kollege Stuart Emmrich bemerkte zumindest diesen Zusammenhang in einem seiner <a href=\"https:\/\/twitter.com\/StuartEmmrichNY\/status\/516893944773627904\" target=\"_blank\">Tweets<\/a>. Leere Parolen, die keinen tieferen Sinn ergeben. Vor allem im R\u00fcckblick auf Lagerfelds <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/fashion\/fashion-blog\/2012\/feb\/08\/karl-lagerfeld-adele\" target=\"_blank\"><em>fat bashing<\/em><\/a>-\u00c4u\u00dferungen erkennt man, dass sein politischer Tiefgang zum Thema Feminismus seichter als seicht ist.<\/p>\n<p>Doch auch wenn man diese Show kritisch sieht, im Gro\u00dfen und Ganzen war sie f\u00fcr Chanel ein gelungener Coup. Im sicheren Hafen des <em>Grand Palais<\/em> und mit Hilfe von Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Twitter entwickelte sich dieser Luxus-Riot zu einem emotional gesteuerten Werbetr\u00e4ger.<\/p>\n<p>An der Spitze des Spektakels und den Models voranschreitend: Karls neue Muse Cara Delevingne mit Megafon und nat\u00fcrlich Karl-himself, der neue K\u00f6nig dieser streitbaren, meist wei\u00dfen, jungen und sehr d\u00fcnnen Frauen im Luxusgewand. Im Twitter-Himmel regnete es Lobeshymnen, aber zum Gl\u00fcck auch gerechtfertigte Kritik. Minh-ha T. Pham, Mitbegr\u00fcnderin des lesenswerten Blogs <a href=\"http:\/\/iheartthreadbared.wordpress.com\" target=\"_blank\"><em>Iheartthreadbared<\/em><\/a>, hatte schon vor einiger Zeit vorausgesagt, dass sich die Modeindustrie immer mehr dem <em>social consumerism <\/em>zuwenden werde \u2013 vor allem durch die Aufmerksamkeit erheischenden Modenschauen oder Werbestrecken, die sich in irgendeiner Form \u201akritisch\u2018 mit den Ph\u00e4nomenen <em>race, gender <\/em>oder <em>class <\/em>auseinandersetzen. Hier werden auf Seiten der BetrachterInnen bzw. KonsumentInnen Emotionen hervorgerufen, die sich im besten Fall positiv auf die beworbene Marke auswirken. Man soll dann diese Kleidung bewusst kaufen, weil sie den eigenen ethischen Anspr\u00fcchen, zumindest in ihrer Pr\u00e4sentation, entspricht. Ein klarer Fall von Imagebildung mit offensichtlichem Zweck: <em>social consumerism<\/em> generiert ganz einfach \u201akaufen, kaufen, kaufen\u2018.<\/p>\n<p>Jean Paul Gaultiers glorreicher Abgang seiner <em>Ready To Wear<\/em>-Linie war im Unterschied dazu zumindest eine gro\u00dfe Party. Mit dabei waren Models jeglicher Couleur, Plus-Size-Models, aber auch \u00e4ltere sowie transgender Models \u2013 alle vereint in einer gro\u00dfen Manege. Seine Hommage an bekannte Modekritikerinnen rundete die Ode an sich selbst und an die Frauen im Allgemeinen ab.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;\/\/www.youtube.com\/embed\/VvORtNKouFM&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<br \/>\nDennoch w\u00fcrde ich auch hier nicht alles auf die politisch motivierte Waage legen. Ich gehe nicht ganz mit der Meinung des <a href=\"http:\/\/www.businessoffashion.com\/2014\/10\/fashion-credible-platform-protest.html\" target=\"_blank\">Business of Fashion-Teams<\/a> einher, dass Mode eine ehrliche Plattform f\u00fcr Protest und politische Meinungsbildung sein kann. Mode, bzw. das Business an sich, geht mal H\u00fc, mal Hott mit den momentanen Lifestyle-Trends und platziert diese als Heilsbotschaft in ihren Pr\u00e4sentationen. Und der Trend ist eben derzeit, dass Menschen und Marken sich sauber und politisch korrekt pr\u00e4sentieren wollen oder eben wie Chanel politischen Tiefgang suggerieren: \u201eIch konsumiere die Guten, also bin ich selbst gut.\u201c Das ist nicht mehr als ein konsumorientierter Ablasshandel. Dass aber die gute Botschaft von Freiheit und Gleichheit in der eigentlichen Praxis noch lange nicht angekommen ist, sieht man zuweilen immer noch in der Modebranche selbst.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.undercoverism.com\" target=\"_blank\">Undercovers<\/a> j\u00fcngste Modenschau Fr\u00fchling\/Sommer 2015 ist dabei ein trauriges Beispiel f\u00fcr <em>racial exclusion<\/em>.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;\/\/player.vimeo.com\/video\/107536961&#8243; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Obwohl Jun Takahashis Label durch und durch japanisch ist, gibt es \u00a0auf dem Pariser Laufsteg kein einziges asiatisches Model zu sehen. Ein Umstand, der keineswegs ein Einzelfall ist. Unter anderem hatte der amerikanische Frauen-Blog <a href=\"http:\/\/jezebel.com\/5985110\/new-york-fashion-weeks-models-are-getting-whiter\" target=\"_blank\">Jezebel<\/a> schon 2013 auf die Schieflage der <em>New York Fashion Weeks <\/em>aufmerksam gemacht und aufgezeigt, wie verschwindend gering die Pr\u00e4senz von <em>asian <\/em>oder <em>black models<\/em> im Gegensatz zu <em>white models<\/em> ist. Im Endeffekt handelt es sich um ein globales Problem, das sich an der Privilegierung wei\u00dfer Haut festmachen l\u00e4sst. Dass Jun Takahashi von KritikerInnen immer noch als Querdenker und radikaler Geist gelobt wird, sieht f\u00fcr mich durch die Brille einer aufgekl\u00e4rten Modebeobachterin eher wie ein Irrtum aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sabina Muriale ist Kulturanthropologin, Lehrende an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste Wien im Fachbereich Moden und Styles. Dar\u00fcber hinaus ist sie Teil des kreativen Teams des Modelabels Edwina H\u00f6rl (Tokio).<\/p>\n<p>J\u00fcngste Ver\u00f6ffentlichung zusammen mit Elke Gaugele u.a.: <a href=\"http:\/\/www.sternberg-press.com\/index.php?pageId=1531&amp;l=en&amp;bookId=425&amp;sort=year\" target=\"_blank\">Aesthetic Politics in Fashion<\/a>.<\/p>\n<p>Getwittert wird \u00fcbrigens auch: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/sabinatext\" target=\"_blank\">https:\/\/twitter.com\/sabinatext<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feminism what?!<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[426,733,1199,1541,1838,1841,2046],"class_list":["post-3687","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-chanel","tag-feminismus","tag-karl-lagerfeld","tag-mode","tag-pop-zeitschrift-de","tag-pop-kultur-und-kritik","tag-sabina-muriale"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3687"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3687\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}