{"id":3739,"date":"2014-10-29T13:27:22","date_gmt":"2014-10-29T11:27:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3739"},"modified":"2014-10-29T13:27:22","modified_gmt":"2014-10-29T11:27:22","slug":"zur-strukturlogik-des-tourismusvon-robert-schafer29-10-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/10\/29\/zur-strukturlogik-des-tourismusvon-robert-schafer29-10-2014\/","title":{"rendered":"Zur Strukturlogik des Tourismusvon Robert Sch\u00e4fer29.10.2014"},"content":{"rendered":"<p>Kritische Anmerkungen zu Urs St\u00e4helis und Annika St\u00e4hles \u00bbInfrastrukturen des Tourismus\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>In der September-Ausgabe von \u201ePop. Kultur und Kritik\u201c (Heft 5, 2014; auch <a title=\"aufsatz st\u00e4heli\/st\u00e4hle\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/09\/17\/infrastrukturen-des-tourismusvon-urs-staheli-annika-stahle17-9-2014\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> als Netzver\u00f6ffentlichung) haben Urs St\u00e4heli und Annika St\u00e4hle die \u201eeinfachen Schablonen\u201c der Tourismuskritik der Cultural Studies kritisiert, die sich darin gefalle, \u201eideologiekritisch auf machtvolle Verzerrungen hin[zu]weisen\u201c, die \u201eExotisierung der Fremde\u201c und die Reproduktion \u201egeschlechtsspezifische[r] Klischees\u201c aufzudecken sowie die \u201everkl\u00e4rten Vorstellungen der Natur\u201c zu entlarven.<\/p>\n<p>Diese kritische Sto\u00dfrichtung gr\u00fcnde, so St\u00e4heli\/St\u00e4hle, in einem \u00fcberzogenen \u201eInteresse am Au\u00dferallt\u00e4glichen\u201c, das sie auch dem Touristen unterstelle, um so schlie\u00dflich in der \u201eAnalyse von Eskapismus\u201c feststellen zu k\u00f6nnen, wie dieser \u201ein eine tragische Steigerungsspirale ger\u00e4t\u201c, \u201ebegierig eine Sensation durch die n\u00e4chste ersetzen will\u201c und nach immer neuen \u201eexotischen Bildern d\u00fcrstet, um der eigenen Alltagstristesse zu entkommen\u201c.<\/p>\n<p>Diese kompensationstheoretisch inspirierte Karikatur eines unaufh\u00f6rlich Getriebenen, der als Tourist verzweifelt sucht, was er als Alltagsmensch nicht haben kann, der das Fremde als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr seine verdr\u00e4ngten Fantasien und Sehns\u00fcchte ben\u00fctzt und verh\u00e4ngnisvollerweise zerst\u00f6rt, was er sucht, im Moment, da er es findet, ist freilich viel zu simpel.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Dass sich, wie die AutorInnen anschlie\u00dfend notieren, die Erforschung touristischer Institutionen und Praktiken nun zunehmend von diesen unterkomplexen Denktraditionen l\u00f6se und stattdessen versucht, ihren Gegenstand mit der distanzierten Sachlichkeit zu erfassen, die jeder wissenschaftlichen Analyse geboten ist, ist deshalb fraglos zu begr\u00fc\u00dfen, wenn es auch fraglich ist, ob das tats\u00e4chlich zutrifft.<\/p>\n<p>Wenn auch den AutorInnen in ihrer Kritik prinzipiell zuzustimmen ist, so ist es doch fragw\u00fcrdig, inwiefern dem tourismologischen Erkenntnisinteresse damit gedient ist, den Blick vom Au\u00dferallt\u00e4glichen abzuziehen und sich stattdessen den \u201ebanal erscheinenden Infrastrukturen\u201c von Transport und Beherbergung sowie allgemein \u201elogistische[n] Themen\u201c zuzuwenden; statt den \u201esensationellen Highlights\u201c also die Allt\u00e4glichkeiten der ganz gew\u00f6hnlichen Urlaubsreise ins Zentrum des Interesses zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel sind Busfahrpl\u00e4ne, Zugverbindungen, Hotelzimmer, Flugh\u00e4fen, Toiletten usw. unaufl\u00f6sbar mit dem touristischen Reisen verbunden, und die These, dass die eigenen Freunde, nach dem Urlaub gefragt, \u201emit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit [\u2026] von Transport- und Beherbergungsinfrastrukturen\u201c und eben nicht von den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sehensw\u00fcrdigkeiten berichten w\u00fcrden, erscheint zwar gewagt, entbehrt aber durchaus nicht einer gewissen Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Touristen, so behaupten St\u00e4heli\/St\u00e4hle mit Bezug auf eine Untersuchung Bruners, w\u00fcrden sich gar nicht so sehr f\u00fcr die spektakul\u00e4ren \u201aMust-Sees\u2018 interessieren, sondern f\u00fcr das Ganz-Gew\u00f6hnliche, f\u00fcr die \u201aProsa des touristischen Alltagslebens\u2018 und nicht f\u00fcr die jeweils gebotenen Extraordinarit\u00e4ten. Diese Tatsache habe die wissenschaftliche Forschung ihrerseits ernst zu nehmen und sie solle das \u201eInteresse f\u00fcr Transportinfrastrukturen nicht als blo\u00dfe Verlegenheitserz\u00e4hlung abtun\u201c.<\/p>\n<p>Dem ist nicht zu widersprechen, es besteht aber die Gefahr, dass durch diesen Perspektivenwechsel das eigentlich Touristische der touristischen Reise aus dem Blick ger\u00e4t, da Transport- und Beherbungsinfrastrukturen f\u00fcr alle Formen des Reisens von Bedeutung sind, auch f\u00fcr Gesch\u00e4ftsreisen, Verwandtschaftsbesuche, religi\u00f6s motivierte Pilgerreisen und Fluchtbewegungen. Mit dem Tourismus verbunden sind sie als Bedingung der M\u00f6glichkeit, ein genuin <em>touristischer<\/em> Charakter kommt ihnen deswegen nicht zu. Dieses Argument sei kurz erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Den Tourismus als sozialen Tatbestand zu erfassen, setzt voraus, das Spezifische dieser Reiseform zu verstehen, das sie von anderen Formen unterscheidbar macht. Das Entscheidende ist zun\u00e4chst weniger die Bewegung im Raum, sondern die temporalstrukturelle Rahmung. Touristisches Reisen ist <em>m\u00fc\u00dfiges<\/em> Reisen. Man k\u00f6nnte auch zu Hause bleiben. Die Formel daf\u00fcr w\u00e4re etwa: Reisen um des Reisens willen, was direkt anschlie\u00dfbar ist an die \u201ematerialistische Wendung\u201c des Slogans vom Weg als Ziel, wie St\u00e4heli\/St\u00e4hle sie \u00fcberzeugend durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Mu\u00dfe bedeutet aber nicht nur einfache Nicht-Notwendigkeit bzw. die L\u00f6sung aus allt\u00e4glichen Mittel-Zweck-Konstellationen, sondern \u2013 zumindest potentiell \u2013 auch die Freiheit, sich dem Fremden und Unbekannten zu \u00f6ffnen, es wahrzunehmen und zu erfahren, ohne es sogleich zweckgerichtet klassifizieren zu m\u00fcssen. Touristische Erfahrungen gr\u00fcnden in zwanglos produzierten Krisen durch m\u00fc\u00dfige Konfrontation mit Fremdem, wodurch ihnen wesentlich ein \u00e4sthetischer Charakter zukommt.<\/p>\n<p>M\u00fc\u00dfige Praxis ist stets au\u00dferallt\u00e4glich, sie konstituiert sich durch ihren Gegensatz zum Alltag. Der Alltag erfordert die routinehafte Erledigung zweckbestimmter Handlungen: man muss waschen, einkaufen, arbeiten usw. Mu\u00dfe bedeutet dagegen, sich vor\u00fcbergehend aus diesen Handlungszusammenh\u00e4ngen zu l\u00f6sen und eine gewisse Praxisentlastung herzustellen. Sie liegt also in der widerspr\u00fcchlichen Einheit einer in sich un-praktischen Praxis. Mu\u00dfe ergibt sich selten einfach so und von allein, sondern muss eigens eingerichtet und auch abgesichert werden, sie bedarf der raum-zeitlichen Rahmung, d.h. der Abgrenzung zum Bereich des Allt\u00e4glichen.<\/p>\n<p>Wie Durkheim es in seiner Religionssoziologie beschrieben hat, kennt jede Gesellschaft die Unterscheidung zwischen dem Allt\u00e4glichen (profan) und dem Au\u00dferallt\u00e4glichen (sakral), und es ist deshalb f\u00fcr die Soziologie von einiger Wichtigkeit, diese temporalstrukturellen Differenzierungen zu erfassen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, nicht einfach ein schematisches Entweder-Oder zu beschreiben, sondern die \u00dcberg\u00e4nge und dialektischen Verwicklungen zu studieren. Ein bekanntes Modell daf\u00fcr ist etwa Max Webers charismatheoretisches Konzept der \u201aVerallt\u00e4glichung des Au\u00dferallt\u00e4glichen\u2018.<\/p>\n<p>Der Tourismus (wie der gesamte Bereich der Kulturindustrie) ist eine soziale Institution, die sich auf die Organisation \u2013 also gewisserma\u00dfen: Verallt\u00e4glichung \u2013 von Au\u00dferallt\u00e4glichkeit spezialisiert hat, und eignet sich deshalb besonders gut f\u00fcr das Studium dieser Zusammenh\u00e4nge. Es ist freilich einseitig und mangelhaft, sich nur auf das Spektakul\u00e4re und Extraordin\u00e4re zu konzentrieren. Ebenso einseitig ist es aber, sich auf die andere Seite zu schlagen und nur das Banale und Gew\u00f6hnliche zu thematisieren. Von ihrem Engagement f\u00fcr das Allt\u00e4gliche zwar etwas verdeckt, scheinen die AutorInnen das allerdings auch \u00e4hnlich zu sehen, ihnen geht es ja um das \u201e<em>Changieren<\/em> zwischen banalster Infrastruktur und dem Sich-Einlassen auf ungewohnte und unkontrollierbare Kontexte\u201c, um die Wechselseitigkeit also von Allt\u00e4glichem und Au\u00dferallt\u00e4glichen.<\/p>\n<p>Sie setzen sich daf\u00fcr ein, die Akteure ernst zu nehmen und ihnen \u201egut zu[zu]h\u00f6ren], wenn sie von ihrem Urlaub erz\u00e4hlen\u201c. Das ist tats\u00e4chlich sehr wichtig, eine gute M\u00f6glichkeit ist die Analyse von Reiseberichten, wie sie sich im Internet in gro\u00dfer Zahl finden (dazu demn\u00e4chst mein Buch \u201e<a title=\"verlagshinweis tourismus authentizit\u00e4t\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2744-2\/tourismus-und-authentizitaet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tourismus und Authentizit\u00e4t<\/a>\u201c).<\/p>\n<p>Allerdings ist dabei unbedingt zu vermeiden, die Selbstbeschreibungen der Akteure einfach zu \u00fcbernehmen und sich mit wenig aufschlussreichen Paraphrasen zufrieden zu geben. Touristisches Reisen ist <em>strukturell<\/em> au\u00dferallt\u00e4glich, unabh\u00e4ngig davon, wie die Akteure es <em>inhaltlich<\/em> beschreiben. Dass nicht von Sehensw\u00fcrdigkeiten erz\u00e4hlt wird, sondern von den logistischen Schwierigkeiten, die auf der Reise aufgetreten sind, ist nicht einfach festzustellen und zu wiederholen, sondern zu verstehen und zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es, wenn Touristen sich w\u00e4hrend ihrer Urlaubszeit \u2013 temporalstrukturell also im Bereich der Au\u00dferallt\u00e4glichkeit \u2013 vor allem mit Allt\u00e4glichkeiten befassen? Und au\u00dferdem: wie allt\u00e4glich sind die \u00fcberhaupt? Es geht auch in den Beispielen, die die AutorInnen aufz\u00e4hlen, nicht um das Selbstverst\u00e4ndliche und Gew\u00f6hnliche, sondern um Erlebnisse, die in der Erfahrung von Krisen gr\u00fcnden. Erz\u00e4hlt werde \u201evon unkomfortablen Fl\u00fcgen, von schwierig erreichbaren Busstationen\u201c, nicht einfach vom Fliegen und vom Busfahren. Es gehe um \u201eVersp\u00e4tungen, geplatzte Reifen oder ausfallende Klimaanlagen\u201c, um Probleme und Schwierigkeiten und wie diese gel\u00f6st wurden. So wird das, was eigentlich allt\u00e4glich, gew\u00f6hnlich oder banal sein sollte und der Routine zugerechnet wird, zum Ereignis, zur Krise und zum (mehr oder weniger) au\u00dferallt\u00e4glichen Abenteuer.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber trifft, wie es St\u00e4heli\/St\u00e4hle auch beobachtet haben, die empirische Erforschung von Reiseberichten sehr rasch auf ein erstaunliches Interesse an der vermeintlichen Banalit\u00e4t logistischer und sanit\u00e4rer Infrastrukturen. Ein gutes Beispiel mag daf\u00fcr die Thematisierung von Toiletten sein und den allt\u00e4glich-leiblichen Prozessen, die damit verbunden sind, wie sie in Reiseberichten h\u00e4ufig zu finden sind.<\/p>\n<p>Dabei werden Toiletten nicht nur diskursiv thematisiert, sie werden auch fotografiert, selbst wenn sie nicht irgendwie au\u00dfergew\u00f6hnlich sind. Wie ist das zu erkl\u00e4ren? Wie ist zu verstehen, dass neben dem Bild vom Kolosseum quasi gleichberechtigt ein Bild einer ganz normalen Toilette publiziert wird? Manifestiert sich darin nicht genau das Interesse am Banalen, das von den AutorInnen betont wird?<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens hier wird deutlich, dass die schematische Gegen\u00fcberstellung von spektakul\u00e4ren \u201aTop-Sights\u2018 einerseits, banaler Infrastruktur andererseits nicht so viel bringt und einige Pr\u00e4zisierungen erforderlich macht. Zun\u00e4chst ist es hilfreich, zwischen der Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit der Objekte und der der Erfahrungen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung erm\u00f6glicht die Beobachtung, dass auch ganz gew\u00f6hnliche Dinge, entsprechend gerahmt, in einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Modus erfahren werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Kunst gibt daf\u00fcr Duchamps \u201aFountain\u2018 (1917), ein gew\u00f6hnliches Urinal, rechtwinklig gekippt, das Modell ab. Mit dem touristischen Interesse an sanit\u00e4ren Infrastrukturen verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich wie mit dieser Kunst-Toilette: das Allergew\u00f6hnlichste wird au\u00dfergew\u00f6hnlich erfahren, im Modus m\u00fc\u00dfiger Wahrnehmung. Das Interessante am touristischen Interesse an Toiletten ist ja, dass es sich im Alltag nicht in diesem Ma\u00dfe finden l\u00e4sst. Im Alltag werden Toiletten gesucht, betreten, benutzt und wieder verlassen. Sie haben schlicht einen Zweck zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Auf der touristischen Reise, d.h. innerhalb des zeitlichen Rahmens der Mu\u00dfe und der gesteigerten Zweckfreiheit indessen, ist es m\u00f6glich, solch zweckm\u00e4\u00dfigen Objekten \u00e4sthetisch zu begegnen. Das hei\u00dft keineswegs, dass ihre Sch\u00f6nheit bewundert wird, \u00e4sthetische Wahrnehmung kann sich auch auf das H\u00e4ssliche richten. Es hei\u00dft aber, dass Toiletten dann nicht mehr nur als Mittel-zum-Zweck wahrgenommen werden, sondern sich eine selbstgen\u00fcgsame Wahrnehmung einstellen kann, eine Wahrnehmung um ihrer selbst willen und gar eine Wahrnehmung der Wahrnehmung, also eine reflexive Rezeption.<\/p>\n<p>Man nimmt dann nicht mehr nur wahr, wie man es st\u00e4ndig tut (auch im Schlaf sind ja nur die Augen geschlossen, die anderen Sinneskan\u00e4le aber weiterhin \u201aoffen\u2018), sondern nimmt auch noch wahr, dass man wahrnimmt. Diese Selbstbez\u00fcglichkeit der Wahrnehmung und ihr Charakter der M\u00fc\u00dfigkeit dr\u00fccken sich schon in der blo\u00dfen Tatsache des Fotografierens aus. Daf\u00fcr muss man Zeit haben, einen passenden Ausschnitt w\u00e4hlen, sich mit Lichtverh\u00e4ltnissen auseinandersetzen etc. Es ist eine \u00e4sthetische Praxis, d.h. eine m\u00fc\u00dfige und darum: au\u00dferallt\u00e4gliche Praxis, und das touristische Reisen ein Format, in dem solche \u00e4sthetische Praktiken verdichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel, das St\u00e4heli\/St\u00e4hle anf\u00fchren, ist das Interesse an Busfahrpl\u00e4nen, Zugverbindungen und Flugzeugsitzen. Woher kommt es und wie ist es zu erkl\u00e4ren? Reicht daf\u00fcr der Verweis auf die \u201eUnentrinnbarkeit von Transportinfrastrukturen\u201c, auf die blo\u00dfe Tatsache, dass man ihnen sich nicht entziehen kann, dass sie sich auf Reisen zwingend aufdr\u00e4ngen, w\u00e4hrend man die Sightseeingtour auch bleiben lassen kann?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt ihrem Zwangscharakter einige Bedeutung zu, aber das hat wiederum nichts spezifisch Touristisches. Auch im B\u00fcro erz\u00e4hlt man sich vom Stau, in den man auf dem Arbeitsweg geraten ist oder von der versp\u00e4teten Bahn. Touristisch wird diese Erfahrung jedoch erst, wenn sie die Selbstbez\u00fcglichkeit m\u00fc\u00dfiger Praxis annimmt.<\/p>\n<p>Ein illustratives Beispiel erw\u00e4hnen die AutorInnen selbst: die Kreuzfahrt. Hier w\u00fcrden die Infrastrukturen nicht nur \u201eals blo\u00dfe Mittler fungieren\u201c, sondern \u201eeine eigene Faszinationskraft entfalten\u201c \u2013 \u201eInfrastruktur wird reflexiv, Infrastruktur wird Urlaub\u201c. Hier ist dann tats\u00e4chlich der Weg das Ziel, es geht nicht ums Ankommen, sondern ums Unterwegssein. Und damit nat\u00fcrlich auch um die Infrastrukturen, die dieses Unterwegssein erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Darin unterscheidet sich eine touristische Kreuzfahrt von einer nicht-touristischen Schifffahrt mit dem Ziel, m\u00f6glichst rasch von A nach B zu kommen. Sie ist m\u00fc\u00dfig und das bedeutet: au\u00dferallt\u00e4glich. Der \u201eFaszinationskraft\u201c sich hingeben zu k\u00f6nnen, also der M\u00f6glichkeit, sich von diesen Infrastrukturen quasi-magisch \u201abehexen\u2018 zu lassen, ist allerdings auch wieder nur denen m\u00f6glich, die touristisch unterwegs sind und nicht im Maschinenraum arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die soziologische Untersuchung touristischer Institutionen und Praktiken ist es zentral, sich mit der Dialektik von Alltag und Au\u00dferalltaglichkeit auseinanderzusetzen. Innerhalb des Bereichs des Au\u00dferallt\u00e4glichen kann diese Unterscheidung dann wieder eingef\u00fchrt werden: auch w\u00e4hrend des Urlaubs, der sich strukturell durch die Unterscheidung vom Berufs-Alltag konstituiert, gibt es Allt\u00e4gliches und Au\u00dferallt\u00e4gliches.<\/p>\n<p>Das Allt\u00e4gliche und Gew\u00f6hnliche kann dann aber als solches wahrgenommen und somit auch seiner Selbstverst\u00e4ndlichkeit entkleidet werden. Man hat dann die Mu\u00dfe, sich mit Dingen zu befassen, die im Alltag einfach funktionieren m\u00fcssen. Dadurch l\u00e4sst sich das Vertraute mit neuen Augen wahrnehmen, l\u00e4sst sich das Ganz-Gew\u00f6hnliche in einer au\u00dfergew\u00f6hnlicher Art und Weise erfahren.<\/p>\n<p>Diese strukturelle Au\u00dferallt\u00e4glichkeit ist es, die den Tourismus ausmacht, unabh\u00e4ngig davon, ob sie von den Touristen selbst so beschrieben wird oder nicht. Und vor allem unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um \u201eEskapismus\u201c handelt, der wom\u00f6glich ideologiekritisch zu durchschauen w\u00e4re. Der Fokus auf das Au\u00dferallt\u00e4gliche erfordert das in keiner Weise, und es kann die gesellschaftliche Organisation von Au\u00dferallt\u00e4glichkeit wertneutral studiert werden, ohne aus der Tatsache, dass w\u00e4hrend des Urlaubs versucht wird, \u201adem Alltag zu entkommen\u2018, gleich eine Kritik an kapitalistischen Ausbeutungskonstellationen und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen zu konstruieren. L\u00e4sst man diese konstitutive Au\u00dferallt\u00e4glichkeit aber au\u00dfer Acht, wie es St\u00e4heli\/St\u00e4hle an einigen Stellen zu fordern scheinen, verliert man das Touristische des Tourismus aus dem Blick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. als klassische Referenz daf\u00fcr: Hans Magnus Enzensberger, \u201eEine Theorie des Tourismus\u201c, S. 147-168 in: Einzelheiten. Frankfurt a. M., Suhrkamp 1962.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Die Dialektik von Au\u00dferallt\u00e4glichkeit und Alltag ist \u00a0\u00fcberhaupt eng angelehnt an die von Routine und Krise, wie sie Ulrich Oevermann formuliert hat. Vgl. dazu etwa Oevermanns <a title=\"oevermann vorlesung\" href=\"http:\/\/www.ihsk.de\/publikationen\/Ulrich-Oevermann_Abschiedsvorlesung_Universitaet-Frankfurt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abschiedsvorlesung<\/a> 2008.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische Anmerkungen zu Urs St\u00e4helis und Annika St\u00e4hles \u00bbInfrastrukturen des Tourismus\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[698,1073,2373],"class_list":["post-3739","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-extraordinaritatstheoretische-perspektive","tag-infrastrukturen","tag-tourismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3739"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3739\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}