{"id":374,"date":"2012-09-09T13:41:29","date_gmt":"2012-09-09T11:41:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wp11048986.wp305.webpack.hosteurope.de\/?p=374"},"modified":"2012-09-09T13:41:29","modified_gmt":"2012-09-09T11:41:29","slug":"rezensionsessay-zu-neuerscheinungen-deutscher-popliteratur-201112von-moritz-basler-und-heinz-drugh10-9-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/09\/09\/rezensionsessay-zu-neuerscheinungen-deutscher-popliteratur-201112von-moritz-basler-und-heinz-drugh10-9-2012\/","title":{"rendered":"Rezensionsessay zu Neuerscheinungen deutscher Popliteratur 2011\/12von Moritz Ba\u00dfler und  Heinz Dr\u00fcgh10.9.2012"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">Paralogisch<!--more--><small>[dies ist eine erweiterte Fassung des Artikels: Moritz Ba\u00dfler \/ Heinz Dr\u00fcgh: Schimmernder Dunst. Konsumrealismus und die paralogischen Pop-Potenziale, in: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 1, September 2012, S. 60-65.]<\/small><\/p>\n<p>Schon weil bis heute niemand, auch wir nicht, so genau sagen kann, was Popliteratur eigentlich ist, w\u00e4re es \u2013 darauf hat Eckhard Schumacher in seiner \u00bbFortsetzungsgeschichte\u00ab \u00bbDas Ende der Popliteratur\u00ab hingewiesen \u2013 jenseits medienaktueller Kursschwankungen wenig \u00fcberzeugend, sie totzusagen. Versteht man darunter zun\u00e4chst schlicht jene Literatur, die wei\u00df, dass unsere dominante Kultur \u00fcber Markt und Medien organisiert ist, und dies weder kaschiert noch sich selbst davon ausgenommen w\u00e4hnt, so k\u00f6nnte man unseretwegen auch einfach von \u203aLiteratur\u2039 sprechen, g\u00e4be es nicht nach wie vor ein breites Schrifttum, f\u00fcr das dies eben nicht zutrifft und das sich gerade deshalb im emphatischen Sinne f\u00fcr \u203aLiteratur\u2039 h\u00e4lt und von Teilen des sogenannten Literaturbetriebs in dieser Auffassung best\u00e4tigt wird. Immerhin ist mit der letzten explizit so bezeichneten Welle von Popliteratur in der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre die Grenze zwischen Popkultur und literarischem Text allgemein sehr viel durchl\u00e4ssiger geworden. \u00bbKonsumg\u00fcter definieren die Charaktere\u00ab, lautet ein Grundsatz von Jan Brandts \u00bbManischem Realismus\u00ab, \u00bbMedien werden als Teil der Wirklichkeit wahrgenommen\u00ab ein anderer \u2013 hier haben wir eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner. Heute spricht auch ein gut bildungsb\u00fcrgerlicher Roman wie Anna Katharina Hahns Am \u00bbSchwarzen Berg\u00ab ganz selbstverst\u00e4ndlich von Abba, Orangina und TKKG \u2013 die Katalogtexturen der Neunziger haben ihren historischen Zweck erf\u00fcllt, die Bresche ist geschlagen.<\/p>\n<p>Anders als g\u00e4ngige Einsch\u00e4tzungen in den Feuilletons es suggerieren, hat die Popliteratur den Kapitalismus und seine Kultur ja nie blo\u00df breitbeinig affirmiert. Sie hat nur die Lebensumst\u00e4nde in westlichen \u00dcberflussgesellschaften als Bedingung zeitgen\u00f6ssischer Existenz anerkannt und in ihrem Funktionieren \u00e4sthetisch in den Blick ger\u00fcckt, und zwar ebenso in ihren begl\u00fcckenden wie in ihren deprimierenden Facetten. Den Erz\u00e4hler von Rolf Dieter Brinkmanns Roman \u00bbKeiner wei\u00df mehr\u00ab zieht es ebenso manisch in die Kaufh\u00e4user, wie er Waren und Kunden, laut seiner ber\u00fchmten Tirade, \u00bbzusammenficken\u00ab m\u00f6chte, er empfindet die Rolling Stones oder die Doors als fulminante \u00e4sthetische Erfahrung, aber Roy Black widert ihn an. Und der Held von Christian Krachts Roman \u00bbFaserland\u00ab ist bekanntlich nicht blo\u00df ein Konsumknecht oder Markenfetischist, sondern auch ein deprimierter Wohlstandsverwahrloster mit betr\u00e4chtlicher Neigung zum Erbrechen.<\/p>\n<p>L\u00e4sst man sich von der nicht sehr erhellenden Debatte um seinen vermeintlichen Protofaschismus den Blick auf Krachts j\u00fcngsten Roman \u00bbImperium\u00ab nicht g\u00e4nzlich verstellen, so bemerkt man, dass dieser Text neben vielem anderen auch eine Geschichte dar\u00fcber erz\u00e4hlt, wie wir (als Konsumenten) geworden sind, was wir sind. Mit der Figur des esoterischen Vegetariers, genauer Frukti-, noch genauer Kokovoren August Engelhardt taucht der Text, vergleichbar T.C. Boyles heiterem Roman \u00bbThe Road to Wellville\u00ab \u00fcber den Lebensreformer und Gr\u00fcnder der Firmendynastie Kellogg, in die Fr\u00fchgeschichte einer auch heute noch bedeutsamen naturbewussten Ern\u00e4hrungsweise ein. Auch wenn die Zeit der Listen und Markenkaskaden in der Popliteratur pass\u00e9 zu sein scheint, verzichtet \u00bbImperium\u00ab nicht darauf, Produkte wie Palmin-Kochfett oder den ber\u00fcchtigten Brotaufstrich Vegemite beim Namen zu nennen sowie \u2013 und dieser Zusatz ist entscheidend &#8211; kulturpoetisch mit der vorherrschenden Kolonialpolitik und Rassenideologie zu verkn\u00fcpfen. Ebenso witzig wie melancholisch wirkt das Ende des Romans, in dem das mal auf liebenswert-skurrile, mal auf d\u00e4monische Weise irrationalistische Europa als Vormacht durch die moderne, in ihrer technischen Effizienz durchaus zuckrig-s\u00fc\u00df und keineswegs unangenehm daherkommende Zentralmacht Amerika abgel\u00f6st wird: \u00bbSchwarze GIs\u00ab geben dem alt und vergessen auf seiner Insel in den Wahnsinn wegged\u00e4mmerten Engelhardt, \u00bbaus einer h\u00fcbschen, sich in der Mitte leicht verj\u00fcngenden Glasflasche eine dunkelbraune, zuckrige, \u00fcberaus wohlschmeckende Fl\u00fcssigkeit zu trinken\u00ab \u2013 wobei es sich nat\u00fcrlich um nichts anderes handelt als um das Symbol des amerikanischen Imperiums: Coca-Cola. Aus dem portablen Radio eines Soldaten (in der Perspektive des Insel-Einsiedlers: eine \u00bbkleine, perforierte Metallschachtel\u00ab) h\u00f6rt Engelhardt eine \u00bbenigmatische, stark rhythmische, doch \u00fcberhaupt nicht unangenehm klingende Musik\u00ab, und in Gestalt eines Hot Dog, d.h. eines \u00bbmit quietschbunten So\u00dfen bestrichene[n] W\u00fcrstchen[s], welches in einem daunenkissenweichen, l\u00e4nglichen Brotbett liegt\u00ab, verspeist Engelhardt \u00bbzum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert ein St\u00fcck tierisches Fleisch\u00ab \u2013 sieht man einmal von seinen kannibalistischen Eskapaden auf seiner Insel Kabakon ab.<\/p>\n<p>Ins Coca-Cola-Country h\u00f6chstselbst, hier \u00bbCobyCounty\u00ab genannt, springt Leif Randts j\u00fcngster Roman, der sich wie \u00bbFaserland\u00ab auf Soma liest, wie ein totalit\u00e4r gewordener \u203apursuit of happiness\u2039. In Randts fiktivem Szenario liegt die Beteiligung an B\u00fcrgermeister-Wahlen, an welche die Protagonisten vor allem die Erwartung haben, dass sich m\u00f6glichst wenig \u00e4ndern m\u00f6ge, dennoch bei sagenhaften 96 Prozent, das Wetter ist meist wunderbar, an den Anbruch \u00bbdes besten Fr\u00fchling[s] aller Zeiten\u00ab kn\u00fcpfen sich manche Erwartungen, die Stadt ist ein Magnet f\u00fcr Kreative und Selbst\u00e4ndige, kurz: alle \u00bbleben [\u2026] gerne hier\u00ab. Selbst sich zu \u00fcbergeben, unterl\u00e4uft einem anders als in \u00bbFaserland\u00ab nicht einfach, wenn man es mit dem Konsum \u00fcbertreibt, sondern wird als \u00bbrebellische Geste\u00ab semantisiert und damit wieder in den pastellfarbenen Kapitalismus des County eingemeindet. Wim, der Erz\u00e4hler, hegt gar \u00bbeine gewisse Vorfreude\u00ab auf seine Konvulsionen, glaubt er dabei doch in sch\u00f6nstem Werbesprech \u00bbirgendwie ganz bei mir und maximal ehrlich zu mir selbst zu sein\u00ab. Werbung selbst scheint sich indes nach Auffassung des Erz\u00e4hlers \u00bberledigt\u00ab zu haben. Denn \u00bbdie meisten wissen jetzt wohl, dass die Shampoos von Colemen@Aura einfach die besten sind\u00ab \u2013 Benjamin-Leser freuen sich \u00fcber die zweite Komponente des Firmennamens genauso wie \u00fcber die Selbstbezeichnung des Helden, der einen Gutteil seiner Kindheit in Malls verbracht hat, als \u00bbPassagenkind\u00ab.<\/p>\n<p>Randts Text gibt sich wie eine romanhafte Verhandlung zentraler soziologischer Thesen \u00fcber den neuen Kapitalismus: etwa Eva Illouz\u2019 Rede von den \u00bbGef\u00fchlen in Zeiten des Kapitalismus\u00ab als einer steten \u00dcberschreibung emotionaler Stimmungslagen mit \u00f6konomischen Motiven, insbesondere in Bezug auf die Verquickung von Liebe und Konsum. \u00bbHarmlose Konsumentscheidungen\u00ab dominieren in CobyCounty \u00bbgro\u00dfe Teile des Alltags\u00ab, \u00bbnach dem Sex\u00ab ger\u00e4t man gerne mal \u00bbin eine Kuchenstimmung\u00ab, der ein \u00bbBakeryExpress-Service\u00ab rasch Abhilfe schaffen kann: \u00bbWenn Carla und ich miteinander Zeit verbringen\u00ab, notiert der Erz\u00e4hler mit beflissener Naivit\u00e4t, \u00bbessen wir fast immer Backwaren\u00ab. Markiert wird auch Luc Boltanskis und \u00c8ve Chiapellos These \u00fcber die F\u00e4higkeit des postautorit\u00e4ren, flexiblen Netzwerkkapitalismus, sich Kritik zu eigen zu machen und ihr dadurch den Stachel zu nehmen. \u00bbSchimmernder Dunst \u00fcber CobyCounty\u00ab ist in der Diegese der Titel eines \u00bbkritische[n] Dokumentarfilm[s]\u00ab \u00fcber den Schauplatz der Handlung, der den \u00bbSpezialpreis beim Festival von Cannes\u00ab gewonnen hat und \u00bbin europ\u00e4ischen Programmkinos\u00ab gezeigt wird \u2013 mit dem Effekt, dass \u00bbnoch mehr attraktive Touristen im Fr\u00fchling\u00ab kommen.<\/p>\n<p>Randts Roman behandelt also den soziokulturellen Background der kapitalistischen \u00dcberflussgesellschaft und damit den Hintergrund des Pop. Er tut dies freilich nicht in Form einer \u203athird person\u2039-Argumentation, der zufolge es immer nur die Anderen sind, die dummen Konsumenten, die Lemminge des Konsumkapitalismus, die dessen vielf\u00e4ltigen Lockungen erliegen. Die naiv wirkende, im Duktus an \u00bbFaserland\u00ab erinnernde Rollenprosa wirft die Frage auf, ob es den Ort jenseits dieser total(it\u00e4r) gewordenen Utopie bzw. Dystopie CobyCounty \u00fcberhaupt gibt bzw. ein solcher angesichts der Segnungen des Kapitalismus \u00fcberhaupt erw\u00fcnscht ist (am Ende k\u00f6nnte dies ja auch eine von Kokovoren bev\u00f6lkerte Insel sein).<\/p>\n<p>\u00bbMitnichten ein Nachl\u00e4ufer der Pop-Literatur\u00ab sei Randts Roman, schrieb Thomas Assheuer in der \u00bbZeit\u00ab, \u00bbdaf\u00fcr\u00ab sei er \u00bbviel zu raffiniert\u00ab. Die Gegenthese lautet: Das kultursensible, kritische Potenzial, das Pop in seiner Einl\u00e4sslichkeit f\u00fcr die Konsumkultur immer schon gehabt hat \u2013 gem\u00e4\u00df dem Motto \u00bbWe\u00b4ve got to get in to get out\u00ab \u2013 ist mit einem Roman wie Leif Randts \u00bbSchimmernder Dunst \u00fcber Coby County\u00ab erkennbar in der Mitte der Literatur angekommen, und zwar mit deutlich gr\u00f6\u00dferem Gef\u00fchl der Gegenw\u00e4rtigkeit als die vielen Nachk\u00f6mmlinge eines immer noch von Heidegger inspirierten Lobs provinziellen Landlebens. Die Welt der Warenfetische ist nun einmal, mit allen Ambivalenzen, unsere \u203aconditio\u2039, das Afrika in uns, wie Hartmut B\u00f6hme in seinem gro\u00dfen Buch \u00fcber \u00bbFetischismus und Kultur\u00ab schreibt, und ob wir wollen oder nicht das \u00bbkreative Zentrum\u00ab kultureller Bedeutungsproduktion.<\/p>\n<p>Als \u00bbEnergiezentrum\u00ab werden die \u00bbgro\u00dfe[n] Verbraucherm\u00e4rkte\u00ab im \u00dcbrigen auch in Michel Houellebecqs mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman \u00bbKarte und Gebiet\u00ab bezeichnet. Darunter nichts als eine jener vom Autor so gerne angebrachten Zynismen zu verstehen, griffe zu kurz, h\u00e4lt man sich die j\u00fcngste Konjunktur des Supermarktsujets vor Augen. So er\u00f6ffnet ein Autor wie David Wagner seinen Roman \u00bbVier \u00c4pfel\u00ab ganz im Geiste Prousts: \u00bbLange Zeit bin ich gar nicht gern in Superm\u00e4rkte gegangen\u00ab. Er spekuliert dabei aber nicht blo\u00df auf die durch die Fallh\u00f6he von Combray zu REWE verursachte Kontrastkomik. Der Supermarkt wird vielmehr in Wagners kultureller Ph\u00e4nomenologie zu einem \u00bbMuseum der Dinge und Marken\u00ab, ja zum \u00bbzeitgen\u00f6ssischsten Ausstellungsraum \u00fcberhaupt\u00ab: \u00bbdenn hier steht und liegt ja das, womit und wovon wir leben\u00ab. Es \u00fcberrascht vergleichsweise weniger, wenn auch der popaffine Rocko Schamoni den Helden des Romans \u00bbSternstunden der Bedeutungslosigkeit\u00ab mit Anthropologengestus in einen Lidl-Supermarkt sendet: \u00bbTats\u00e4chlich f\u00fchre ich zu Hause eine Liste, in der ich alphabetisch sortiert die Produkte, ihre Geschm\u00e4cker, Preise, Vor- und Nachteile eintrage [&#8230;]. Ich m\u00f6chte so allm\u00e4hlich zu einem Wissen \u00fcber die Standardproduktpalette kommen, die einem durchschnittlichen mitteleurop\u00e4ischen \u00dcberfl\u00fcssigen wie mir zur Verf\u00fcgung steht\u00ab. Bemerkenswert bleibt indessen, dass solche Streifz\u00fcge durch die Welt der K\u00e4uflichkeit heute keineswegs mehr ein irgendwie im selbst k\u00e4uflichen Pop angesiedeltes Nischenph\u00e4nomen sind, sondern umgekehrt, durch das \u00c4sthetisch-Salonf\u00e4hig-Werden des Pop nun auch in \u203ader Literatur\u2039 angekommen sind. Dass man Ph\u00e4nomene der Massen- und Popul\u00e4rkultur f\u00fcr literaturf\u00e4hig h\u00e4lt, ist in vieler Hinsicht Verdienst und Erbe jener nicht besch\u00f6nigenden literarischen Realismen, in deren Reihe auch die Pop-\u00c4sthetik geh\u00f6rt. Dass dies Formen der Kritik nicht ausschlie\u00dft, sondern erst legitimiert, wird bei Houellebecq geradezu emblematisch deutlich in jenem vom Protagonisten, dem K\u00fcnstler Jed Martin, schlie\u00dflich zerst\u00f6rten Gem\u00e4lde \u00bbDamien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf\u00ab, das zwei Hauptakteure jener von Isabelle Graw kritisierten Drift der Gegenwartskunst zum Markt wie zur Celebrity-Kultur zeigt.<\/p>\n<p>Anstatt sich von einer so verstandenen Popliteratur zum Zwecke b\u00fcrgerlichen Distinktionsgewinns immer noch reflexhaft zu distanzieren (ihr die k\u00fcnstlerische Seriosit\u00e4t abzusprechen, im Zweifel auf internationale Produktion hinzuweisen, die viel Bedeutenderes hervorbringe etc.), w\u00e4ren Literaturkritik und -wissenschaften also zun\u00e4chst einmal aufgefordert, das in ihr manifeste Verh\u00e4ltnis von Konsum und Literatur auf der H\u00f6he seiner Komplexit\u00e4t zu erfassen; denn eine relevante Arbeit am Literaturbegriff unter Gegenwartsbedingungen, wie Dirk Knipphals sie j\u00fcngst forderte, wird ja nicht zuletzt in der Literatur selbst geleistet.<\/p>\n<p>Wim in \u00bbSchimmernder Dunst\u00ab etwa arbeitet als Literaturagent. \u00bbUnter den Jungautoren, die wir vertreten\u00ab, so bemerkt er, \u00bbgibt es einen Trend zur Erinnerungsprosa, zur sinnlichen Nostalgie.\u00ab Was f\u00fcr CobyCounty gesagt wird, gilt auch f\u00fcr unser Coca-Cola-Hinterland: In der Tat geht es \u2013 im Gegensatz zum urbanen \u203aGerade Eben Jetzt\u2039 der Neunziger \u2013 in vielen Gegenwartstexten um die Rekonstruktion einer Popsozialisation, die in Deutschland immer noch vorrangig in der Provinz erfolgt; \u00bbDu tr\u00e4gst dein Dorf immer mit dir rum\u00ab (wie es im Hit aus der \u00bbDorfpunks\u00ab-Inszenierung von Studio Braun hie\u00df). Gro\u00df angelegte Roman-Projekte wie das Gesamtwerk von Frank Schulz, Gerhard Henschels Romane und neuerdings Jan Brandts ostfriesische 900-Seiten-Saga \u00bbGegen die Welt\u00ab w\u00e4ren hier zu nennen. Wenn die Literatur der Neunziger sich (und uns) eine globale Popenzyklop\u00e4die im Modus meta-ironischer Sophistication erschlossen hatte, dann wird Pop jetzt und hier historisch und als \u203alocal knowledge\u2039 erfasst. Wobei \u203ahistorisch\u2039 vor allem eine (auto\u2011)biografische Pr\u00e4gung bezeichnet, in der die Helden in ihrer \u00e4sthetischen Selbstpositionierung l\u00e4ngst nicht mehr so frei erscheinen wie ihre Vorg\u00e4nger der \u00bbTristesse Royale\u00ab \u2013 tats\u00e4chlich hat man in der sensiblen Phase eben wohl doch eher Sweet, AC\/DC oder Heavy Metal geh\u00f6rt als Devo, Pulp oder TripHop. Selbst unsere Poptheorie entstand ja weitgehend auf Schulh\u00f6fen, woraus bereits Dietmar Daths Brief-Essay-Roman \u00bbDie salzwei\u00dfen Augen\u00ab erz\u00e4hltechnische Konsequenzen gezogen hatte. Und wo es kein Dorf ist, da ist es der Kiez, in dem die Helden von Rocko Schamoni und Heinz Strunk, die Partymacher in Tino Hanekamps \u00bbSo was von da\u00ab oder Frank Schulz\u2019 neuerfundene Detektivfigur (\u00bbOnno Viets und der Irre vom Kiez\u00ab) die Freuden und Probleme einer in die L\u00e4nge gezogenen Post-Adoleszenz ausleben. Denn Pop-Existenz und erwachsenes Erwerbs- und Familienleben \u2013 das geht nach wie vor nicht zusammen. \u00bbOhne die Werkt\u00e4tigen\u00ab, lautet die T-Shirt-reife Einsicht bei Hanekamp, \u00bbw\u00e4ren wir selber welche.\u00ab \u203aRien ne sert d\u2019\u00eatre vivant, le temps qu\u2019on travaille\u2039.<\/p>\n<p>\u00bbIn der internationalen Presse kursiert seit Jahren die Ansicht, dass die Texte aus CobyCounty stilistisch zwar perfekt seien, dass ihnen jedoch der Bezug zur existenziellen Not fehle.\u00ab Das kann man von den Pop-Sozialisations-Romanen nun allerdings auch nicht behaupten, vielmehr lauern unter der Popoberfl\u00e4che hier doch auff\u00e4llig h\u00e4ufig t\u00f6rle\u00dfke Gewalt, sozial prek\u00e4re Verwahrlosung, pathologische Borderline-Zust\u00e4nde und sogar AIDS und Krebs. Die Popliteratur der 1990er Jahre hatte diese Art schwerer Zeichen weitgehend vermieden und sich damit wohltuend vom zur selben Zeit propagierten \u203aneuen\u2039 realistischen Erz\u00e4hlen unterschieden. Tappt die neueste Variante der Popliteratur, indem sie den Pop in der Lebenswirklichkeit erdet, erneut in die Realismusfalle?<\/p>\n<p>In Thomas Melles \u00bbSickster\u00ab sind die Protagonisten immerhin schon ins neoliberale Arbeitsleben vorgedrungen (\u00bbManche m\u00f6gen\u2019s erwachsen.\u00ab), ihre T\u00e4tigkeit als \u00bbnerv\u00f6se Supertasker\u00ab im Marketing m\u00fcndet allerdings unmittelbar in Alkoholismus und Psychosen: \u00bbIhr naht euch wieder, krankende Gewalten.\u00ab Doch haben diese nicht das letzte Wort des Romans: Just aus der psychiatrischen Anstalt heraus wird hier ein \u203apractical joke\u2039, ein situationistischer Erstschlag gegen die etablierte Ordnung inszeniert, der das literarische Spiel gegen\u00fcber dem vermeintlichen Ernst des Lebens rehabilitiert. Im fiktionalen Entwurf eines Grenzbereichs von Pop zur Lebenskunst gelingt es dabei, wie prototypisch bereits in den \u00bbHartmut\u00ab-Romanen von Oliver Uschmann oder auch bei Schamoni, die Verfestigung der aufgerufenen Problembereiche zu schweren Sinnankern der Eigentlichkeit zu vermeiden. Das ist dann zumindest nicht mehr jener beflissene Realismus, den Ekkehard Kn\u00f6rer zu Recht als \u00bbdie naivste bildpolitische Variante\u00ab bezeichnet hat.<\/p>\n<p>Vielleicht ist Pop, mit einem Wort von Melles Figur Magnus Taue, einfach \u00bbzu sch\u00f6n, um ihn mit den Donnerwolken der Faktenlage zu verd\u00fcstern.\u00ab Wenn PeterLicht singen kann: \u00bbDer Kapitalismus, der alte Schlawiner, jetzt ist er endlich vorbei\u00ab (\u00bbLied vom Ende des Kapitalismus\u00ab) und Tarantino die nationalsozialistische Elite durch eine J\u00fcdin in einem Pariser Kino verbrennen l\u00e4sst (\u00bbInglourious Basterds\u00ab), dann blitzt hier ein paralogisches Potential von Pop auf, das doch gerade in Erz\u00e4hlliteratur seinen Ort finden m\u00fcsste. In ihren avancierteren Formen, bei Kracht, Randt, auch Herrndorf, tendiert diese denn auch \u00fcber eine wie auch immer reflektierte Wiedergabe unserer Lebenswelt hinaus. Krachts dritter Roman (\u00bbIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten\u00ab) hat ja explizit die Form eines parahistorischen Romans, in \u00bbImperium\u00ab, so hat die Kritik schnell festgestellt, stimmt kaum ein historisches Faktum genau \u2013 wenn man 1995 \u00bbFaserland\u00ab, den Ausl\u00f6ser des Popliteratur-Booms, etwas genauer gelesen h\u00e4tte, so h\u00e4tte einem auch dort schon die Poetologie eines Erz\u00e4hlens \u203aan der Baumgrenze\u2039 auffallen k\u00f6nnen, das sich der Protagonist ertr\u00e4umt: \u00bbund ich k\u00f6nnte so tun, als w\u00fcrde ich alles wissen. Ich k\u00f6nnte [\u2026] alles erkl\u00e4ren, und die Kinder k\u00f6nnten niemanden fragen, ob es denn wirklich so sei, weil sonst niemand da oben w\u00e4re. Ich h\u00e4tte immer Recht. Alles, was ich erz\u00e4hlen w\u00fcrde, w\u00e4re wahr.\u00ab Der Traum eines paralogischen Erz\u00e4hlens, das sich nicht st\u00e4ndig gegen\u00fcber irgendwelchen historischen Wahrheiten zu rechtfertigen h\u00e4tte und trotzdem wahr w\u00e4re, D\u00f6blins Traum, \u00bbdem Wissen und der Wissenschaft zum Trotz mit der Realit\u00e4t zu spielen\u00ab und dabei Welten zu erschaffen, in denen wir uns mit Lust und intellektuellem Gewinn aufhalten \u2013 das ist das genaue Gegenteil eines Literaturbegriffs, der eine politische Einsch\u00e4tzung zur Lage Israels in linksb\u00fcndige Zeilen packt und das f\u00fcr ein Gedicht h\u00e4lt. Statt immer noch oder schon wieder nach einem Realen zu suchen, das vermeintlich wirklicher ist als die Simulakren unserer Medienkultur, statt (kunst\u2011)religi\u00f6se Transzendenzen, magische Hinterwelten und dabei immer wieder aufs Neue die schweren Zeichen von Auschwitz bis Securitate, von Golgatha bis zur Atomrakete zu bem\u00fchen, legt unsere Literatur einen schimmernden Dunst \u00fcber CobyCounty, in dem wir uns trotzdem, oder gerade deshalb, viel besser erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Erz\u00e4hlliteratur<\/strong><\/p>\n<p>Jan Brandt: Gegen die Welt. K\u00f6ln: Dumont 2011.<br \/>\nAnna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg. Berlin: Suhrkamp 2012.<br \/>\nTino Hanekamp: So was von da. K\u00f6ln: KiWi 2011.<br \/>\nMichel Houellebecq: Karte und Gebiet. Aus dem Franz\u00f6sischen von Uli Wittmann. K\u00f6ln: Dumont 2011.<br \/>\nChristian Kracht: Imperium. K\u00f6ln: KiWi 2012.<br \/>\nThomas Melle: Sickster. Berlin: Rowohlt 2011.<br \/>\nLeif Randt: Schimmernder Dunst \u00fcber Coby County. Berlin: Berlin Vlg. 2011.<br \/>\nRocko Schamoni: Tag der geschlossenen T\u00fcr. M\u00fcnchen: Piper 2011.<br \/>\nFrank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Berlin: Galiani 2012.<br \/>\nDavid Wagner: Vier \u00c4pfel. Berlin: Rowohlt 2009.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Andere Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Hartmut B\u00f6hme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek 2006.<br \/>\nLuc Boltanski, \u00c8ve Chiapello: Die Arbeit der Kritik und der normative Wandel. In: Kreation und Depression. Freiheit im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus. Hg. von Christoph Menke und Juliane Rebentisch. Berlin 2011, S. 18-37.<br \/>\nJan Brandt: Manischer Realismus. www.gegendiewelt.de\/jericho\/?page_id=81 (17.4.12)<br \/>\nIsabelle Graw: Der gro\u00dfe Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur. K\u00f6ln 2008.<br \/>\nEva Illouz: Gef\u00fchle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2004. Frankfurt\/M. 2007.<br \/>\nEva Illouz: Warum Liebe wehtut. Eine soziologische Erkl\u00e4rung. Berlin 2011.<br \/>\nDirk Knipphals: Das wilde Leben darf drau\u00dfen bleiben. Vor der Buchmesse: Einige Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb und verschiedenen Ans\u00e4tzen, ihn zu kritisieren. In: taz, 12.3.2012, S. 15.<br \/>\nEkkehard Kn\u00f6rer: Jedes Bild liegt auf der Goldwaage. In: taz, 16.9.2009, S. 16.<br \/>\nEckhard Schumacher: Das Ende der Popliteratur. Eine Fortsetzungsgeschichte (Teil 2). In: Poetik der Oberfl\u00e4che. Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre. Hg. v. Olaf Grabienski u.a. Berlin\/Boston 2011, S. 53-67.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paralogisch<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[293,597,970,1309,1315,1562,1816,1846,1993,2589],"class_list":["post-374","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-basler","tag-drugh","tag-heinz","tag-kritik","tag-kultur","tag-moritz","tag-pop","tag-popliteratur","tag-rezension","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=374"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}