{"id":3773,"date":"2014-11-09T10:21:23","date_gmt":"2014-11-09T08:21:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3773"},"modified":"2014-11-09T10:21:23","modified_gmt":"2014-11-09T08:21:23","slug":"die-wilde-zeit-rezension-zu-hans-magnus-enzensberger-tumultvon-sven-gringmuth9-11-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/11\/09\/die-wilde-zeit-rezension-zu-hans-magnus-enzensberger-tumultvon-sven-gringmuth9-11-2014\/","title":{"rendered":"Die wilde Zeit Rezension zu Hans Magnus Enzensberger, \u00bbTumult\u00abvon Sven Gringmuth9.11.2014"},"content":{"rendered":"<p>Halbirren<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbAch, ist das Klaus Kinski auf dem Cover\u00ab?, fragt mich die Buchh\u00e4ndlerin freundlich-interessiert. Ich bin drauf und dran zu antworten: \u00bbEin wenig, ja\u00ab. Dann aber entscheide ich mich f\u00fcr ein schlichtes \u00bbNein, nein\u00ab und ein nettes L\u00e4cheln. Beim Verlassen der Buchhandlung schaue ich nochmal genau hin. Ein wenig Kinski steckt schon in diesem Bild. Enzensberger ungek\u00e4mmt, mit halblangem blondem Wuschelhaar, die Kippe l\u00e4ssig zwischen die Lippen geklemmt, undefinierbarer Blick aus einigen mitteltiefen Gesichtsfurchen, Mantelkragen halb hochgeklappt, die Faust geballt. Dandy, Bohemien, \u00bbangry young man\u00ab, Maoist, Linksintellektueller, Zyniker, Universalgelehrter. Was wurde ihm nicht alles nachgesagt \u2013 zuvor und seither.<\/p>\n<p>Es gibt also allen Grund, sich mit den Lebenserinnerungen des hans magnus enzensberger, wie er sich in konsequenter Kleinschreibung in seinen fr\u00fchen Jahren auswies, der Jahre 1968 ff. zu besch\u00e4ftigen. Doch: Was erf\u00e4hrt man wirklich dort \u00fcber die Rolle Enzensbergers, der Beizeiten als die (!) graue Eminenz hinter den Umtrieben von SDS und APO gehandelt wurde, f\u00f6rmlich als Drahtzieher jenes \u203aTumults\u2039, den er hier zu beschreiben vorhat.<\/p>\n<p>Wie sich der Altmeister durch Norwegen, Russland, Frankreich, Kuba und Deutschland v\u00f6gelt, hat freilich seine ganz eigene Dramatik und wird auch entsprechend aufgeladen. So ist die Aff\u00e4re mit seiner sp\u00e4teren zweiten Ehefrau Maria \u2013 genannt Mascha \u2013 mindestens sein \u00bbrussischer Roman\u00ab, seine Liebesabenteuer mit N., \u00bbhalb Brasilianerin, halb Franz\u00f6sin, ohne Beruf\u00ab, wachsen sich aus zum \u00bbZauber einer Frau, die frei ist vom Mundgeruch der Sentimentalit\u00e4t\u00ab, aber \u00bbin der Liebe tierhaft stark\u00ab und ohne die \u00bbL\u00fcgen (\u2026) die ihr die Zivilisation zumutet\u00ab (Emanzipation etc.) auskommt. Freilegungen jenseits der Befriedigung rein voyeuristischer Triebe sind von den Erinnerungen dieser Art freilich kaum zu erwarten.<\/p>\n<p>Best\u00e4ndig fragt man sich auch: Wer spricht eigentlich da? Der Jet-Set-Linksintellektuelle in seinen Midlife-Jahren oder der 85-J\u00e4hrige mit der Retro-Erektion? Die Sache bleibt (bis zum Ende) unentschieden, denn, so gerne man die unkommentierten Aufzeichnungen aus den Jahren des \u203aTumults\u2039 gelesen h\u00e4tte, man bekommt \u00fcber weite Strecken lediglich ein fiktives Interview, dass der alte mit dem jungen Enzensberger f\u00fchrt. \u00bbDialog mit einem Doppelg\u00e4nger\u00ab nennt Enzensberger das selbst und stellenweise nervt dieser Dialog doch sehr durch zwanghaft eingeschobene Nachfragen, Unterstellungen, moralische Wertung(en) und m\u00fcde Wortwitze.<\/p>\n<p>R\u00fccksichtnahme auf irgendwen (inklusive sich selbst) ist dabei in diesem Erinnerungsprogramm nicht vorgesehen, und muss es ja auch nicht sein! Das Formprinzip der Schrift ist weitgehend schonungslose Offenheit \u2013 erfrischend genug im ewig langweilig auf kleiner Flamme dahin siedenden deutschen Medien- und Literaturbetrieb (nur niemanden verbr\u00fchen und nichts zu hei\u00df servieren!).<\/p>\n<p>Dennoch hat man das alles schon einmal geh\u00f6rt. Egal ob es um die Kommune I und den Mit-Kommunarden und Enzensberger-Bruder Ulrich (\u00bbWirrk\u00f6pfe\u2026 ein H\u00e4uflein von gescheiterten K\u00fcnstlern\u2026 mit ihren karnevalistischen Einf\u00e4llen. Nur die Medien waren begeistert\u2026 Ihre Bildregie war durchaus professionell\u00ab), Uwe Johnsons Part im Enzensberger-Spiel jener Jahre (\u00bbJohnson war boshaft\u00ab) oder um Ulrike Meinhof und ihren Anhang geht, die sich mit Enzensberger in einer konspirativen Wohnung in Hamburg verabreden (\u00bbAuch die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, die sich in eine Waffen- und Klamottenfetischistin verwandelt hatte, war anwesend. Unbestrittener Chef dieser Gespensterarmee war der abscheuliche Andreas Baader, ein fl\u00fcchtiger Ganove, der als Photomodell f\u00fcr ein Schwulenmagazin gearbeitet hatte und au\u00dfer sich selbst vor allem schnelle Autos liebte. Die Frauen hatten sich ihm bedingungslos unterworfen. Er trat ihnen gegen\u00fcber als Zuh\u00e4lter auf\u00ab) \u2013 man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man das alles schon einmal gelesen und geh\u00f6rt hat. Bei der RAF-Anekdote frage ich mich beispielsweise: Was oder wer spricht da aus Enzensberger? Seine\u00a0 authentische Erinnerung an die Situation oder Stefan Aust?<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Das Namensregister am Ende des 287-seitigen Bandes macht Sinn, mag man dar\u00fcber zun\u00e4chst auch schmunzeln. Will hei\u00dfen: Enzensberger kennt sie alle und alle sind sie ihm begegnet. Stil und Ton des Understatements (die sich ewig wiederholende Suada: \u203aIch war nur ein &#8211; und nicht der wichtigste! &#8211; Protagonist des Tumults\u2039) wenden sich ins ironisch-satirische, wenn der Meister dann aber zuf\u00e4llig mit Salvador Allende und den letzten \u00dcberlebenden von Che Guevaras Bolivien-Armee in einem alten Holzhaus abseits des Flughafens Tahiti zusammentrifft und er mit dem k\u00fcnftigen chilenischen Pr\u00e4sidenten, der am Folgetag Taxi zum Flughafen f\u00fcr ihn spielt, die Weltlage kl\u00e4rt. Wenn er Fidel Castro nachts, mit einigen wenigen geladenen kubanischen Politfunktion\u00e4ren, beim Basketballspiel zuschauen darf. Wenn er \u00a0in Rom, unweit der amerikanischen Botschaft, die im selben Moment mit Steinen angegriffen und von der Polizei mit Tr\u00e4nengas verteidigt wird, mit Ingeborg Bachmann (\u00bbdie ein glitzerndes Paillettenkleid trug\u00ab) tanzt. Wenn er gar Ernst J\u00fcngers Sohn im Flugzeug begegnet (darunter geht es nicht; ein Nicht-Prominenter als Sitznachbar w\u00e4re gewiss zu viel verlangt). Man kann das alles dort nachlesen \u2013 nach und nach dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf: \u00bbDie Selbstkritik hat viel f\u00fcr sich. Gesetz den Fall, ich tadle mich, so hab ich erstens den Gewinn, dass ich so h\u00fcbsch bescheiden bin\u2026\u00ab (Wilhelm Busch).<\/p>\n<p>Und: Sollten die Umstrukturierungen bei Suhrkamp oder etwa der Respekt vor dem gro\u00dfen E. dort etwa so weit gehen, dass man sich ein kritisches Lektorat erspart hat? Nicht etwa, das Enzensberger nicht schreiben kann! Er schreibt ein wunderbares Deutsch, wie es nicht vielen zu Gebote steht \u2013 aber, ein Beispiel: Wer ist der immer wieder erw\u00e4hnte \u203aJosef Baumann\u2039? In Enzensbergers Erinnerung der Attent\u00e4ter Rudi Dutschkes. Hinweis: In der zweiten Auflage bitte durch \u203aBachmann\u2039 ersetzen, ebenso das Dutschke \u00bbneun Jahre sp\u00e4ter in D\u00e4nemark in der Badewanne ertrunken ist\u00ab, es waren beinahe zw\u00f6lf Jahre seit dem Attentat vergangen, als Dutschke an den Sp\u00e4tfolgen dort starb.<\/p>\n<p>Das Beste kommt aber, wie im Sprichwort, zum Schluss und vers\u00f6hnt mich &#8211; als gro\u00dfen Freund des fr\u00fchen Enzensberger, dies sei nicht verschwiegen &#8211; letztlich doch noch halbwegs mit den \u203aTumult\u2039-Memoiren: Das letzte Kapitel tr\u00e4gt den unscheinbaren Titel\u00a0 \u00bbDanach (1970 ff.)\u00ab und offenbart zum Ende die geistige Sch\u00e4rfe und den wunderbar abstrakten Grad, zu denen Enzensberger in seinen Beobachtungen f\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Versammelt sind, so lese ich es heraus, sp\u00e4tere Einlassungen, Notizen, Epigramme, Miniaturen zu den Jahren des \u203aTumults\u2039 und einigen Handelnden. Hier lese ich (ab Seite 243) das, was ich zuvor gerne gelesen h\u00e4tte \u2013 darunter sehr treffende Einlassungen zur Neuen Linken und ihrer Politik nach 1968, so zu einigen Kids, die zun\u00e4chst LSD schlucken und schlie\u00dflich als unerbittliche Tscheka-Kommunisten einer K-Gruppe enden (\u00bbDie Arbeiter haben keinen Grund, vor ihnen zu erschrecken. Das ist erfreulich; denn wenn eine Revolution auf dem Plan st\u00fcnde, und solche netten Halbirren h\u00e4tten dabei irgend etwas zu sagen, so bliebe dem Volk nur eines \u00fcbrig: sich schreiend vor so viel Verblendung in Sicherheit zu bringen\u00ab) oder auch zum Milieu der Alternativen jener Jahre (\u00bbDer Klatsch gibt genauer \u00fcber die Berliner Linke Auskunft als jede Imperialismus-Analyse. Auf die R\u00e4tselfrage, warum jemand sich freiwillig einer derart zwangsneurotischen Umgebung ausliefert, gibt es keine schl\u00fcssige Antwort\u00ab).<\/p>\n<p>Am Ende steht auch eine sehr realistisch-materialistische Einsch\u00e4tzung, was den Kern der Jahre der Revolte betrifft: \u00bbDie au\u00dferparlamentarische Opposition und ihre Ausl\u00e4ufer haben der Sozialdemokratie, die sie bek\u00e4mpfen wollten, in Deutschland zum Sieg verholfen. Die Marxisten-Leninisten machten mit ihrer Agitation die Gewerkschaften auf ihre gef\u00e4hrlichsten Fehler im Produktionsablauf aufmerksam. Die Roten Zellen trieben die \u00fcberf\u00e4llige Strukturreform an den Universit\u00e4ten voran. Die Kinderl\u00e4den probierten neue Formen aus, von denen die P\u00e4dagogen nichts wissen wollten. Die Systemopposition ist auf diese Weise zum blo\u00dfen Relais der Modernisierung geworden. Sie hat den Lernproze\u00df der kapitalistischen Gesellschaft entschiedener vorangetrieben als ihre Verteidiger. Die militante Linke reagierte darauf, indem sie sich weiter radikalisierte. Auf l\u00e4ngere Sicht verhalf sie damit dem Regime, das sie zu bek\u00e4mpfen glaubte, zu einer immer besseren Anpassung an die Gegebenheiten der Globalisierung\u00ab.<\/p>\n<p>Solche S\u00e4tze finden sich in den verschriftlichten Erinnerungen der 68er-Generation \u00a0viel zu selten. \u00bbMit Widerwillen bl\u00e4ttere ich in den Memoiren meiner Zeitgenossen\u00ab &#8211; zu Recht. Auch und gerade deshalb bleibt Enzensberger wichtig. Und der \u203aTumult\u2039 im Grunde lesenswert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nHans Magnus Enzensberger<br \/>\nTumult<br \/>\nBerlin 2014<br \/>\nSuhrkamp Verlag<br \/>\nISBN: 978-3-518-42464-3<br \/>\n287 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website gringmuth\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/gringmuth_sven\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sven Gringmuth<\/a> arbeitet als Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cLinksalternative Geschichte, H\u00f6hepunkt bundesdeutscher Subkultur&lt;br \/&gt; Rezension zu Sven Reichardt, \u00bbAuthentizit\u00e4t und Gemeinschaft\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Martin Seeliger&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;10.10.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=3680&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halbirren<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90107,648,1837,2398],"class_list":["post-3773","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-90107","tag-enzensberger","tag-pop-zeitschrift-2","tag-tumult"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3773","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3773"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3773\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}