{"id":379,"date":"2012-09-09T13:51:46","date_gmt":"2012-09-09T11:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wp11048986.wp305.webpack.hosteurope.de\/?p=379"},"modified":"2012-09-09T13:51:46","modified_gmt":"2012-09-09T11:51:46","slug":"das-feelgood-movie-als-moralisches-uberlebensmittelvon-georg-seeslen10-9-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/09\/09\/das-feelgood-movie-als-moralisches-uberlebensmittelvon-georg-seeslen10-9-2012\/","title":{"rendered":"Das Feelgood Movie als moralisches \u00dcberlebensmittelvon Georg See\u00dflen10.9.2012"},"content":{"rendered":"<p>Geschlossenes System<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><small>[dies ist die erweiterte Version eines Artikels der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 1, September 2012, S. 15-20]<\/small><\/p>\n<p>Im Kino gibt es einerseits die gro\u00dfen Blockbuster, die mit Millionen, Stars und digitalen Effekten nach ihren Zuschauern schreien, billige und b\u00f6se Horrorfilme, die gelegentlich Medienp\u00e4dagogen, Moralphilosophen und Soziologen ins Gr\u00fcbeln bringen, und transgressive Kom\u00f6dien, die ein offensichtlich ewiges Bed\u00fcrfnis nach Furzen, Sex-Missgeschicken und anderen Peinlichkeiten befriedigen. Mittendrin d\u00fcrfen alte Meister und junge Wilde gelegentlich eigenwillige und vom Feuilleton nachdenklich begr\u00fc\u00dfte Werke vorstellen. F\u00fcr den Kino-Abend zu zweit sorgen \u203aRomantic Comedies\u2039, und sp\u00e4testens am Wochenende ist Zeit f\u00fcr \u203aFamily Entertainment\u2039, Filme also, die das Kunstst\u00fcck fertig bringen, Vater, Mutter und Kinder gleich gut zu unterhalten, wenn auch mit unterschiedlichen Zutaten.<\/p>\n<p>Diese Ordnung des Kinos ist weitgehend akzeptiert und vermessen, man hat seine Fan-Foren und Spezialzeitschriften, und man wei\u00df, was man als Produzent produzieren muss, damit der Verbraucher im Kino verbrauchen kann, was er gebrauchen kann.<\/p>\n<p>Aber dann gibt es eine weitere cineastische Formel, die man gern bel\u00e4chelt und diskursiv beiseiteschiebt und die deswegen immer f\u00fcr gewaltige \u00dcberraschungen sorgt, an den Kinokassen und in der Psychosoziographie des Kinopublikums. Man hat ihr den Namen \u203aFeelgood Movie\u2039 gegeben. Und bei jedem Sensationserfolg eines Feelgood Movie reibt sich die Kritik kurz die Augen. Filme f\u00fcr den braven, gutmeinenden, trosts\u00fcchtigen, bescheidenen und politisch korrekten Mainstream geben nicht wirklich viel her.<\/p>\n<p>Gerade war es einmal wieder so weit: Ein eigentlich eher \u203akleiner\u2039 Film aus Frankreich mit einer einfachen, menschlichen und irgendwie herzerw\u00e4rmenden Geschichte um einen nach einem Unfall schwer behinderten Mann aus der Elite-Klasse, der durch seinen afrikanischen Betreuer neuen Lebensmut erh\u00e4lt, \u00bbZiemlich beste Freunde\u00ab, schl\u00e4gt an den Kinokassen alle m\u00f6glichen Blockbuster und Star-Vehikel. Das passiert immer einmal wieder.<\/p>\n<p>Gute Feelgood Movies kommen zur rechten Zeit; \u00bbIntouchables\u00ab, wie \u00bbZiemlich beste Freunde\u00ab von Eric Toledano und Olivier Nakache im Original hei\u00dft, ist nicht nur ein Buddie-Film und ein Behinderten-Film, zwei Formeln zum Wohlf\u00fchlen im Kino seit langem, sondern konterkariert auch eine wachsende soziale Spannung, jene Stimmung, auf der Rechtspopulisten und Neonazis ihre Suppen kochen. So wird der Kinobesuch auch zu einem niederschwelligen, gut belohnten und wenig kostenden politisch-moralischen Statement. Das positive Feelgood Movie will immer auch humanistisches Bekenntnis sein. Es hilft nicht nur dem einzelnen Zuschauer beim Sich-gut-F\u00fchlen, sondern auch dem Mittelstand beim Gut-Sein.<\/p>\n<p>Niemand l\u00e4sst sich gern in einem Feelgood Movie erwischen. Sie haben wohl die Erbschaft dessen angetreten, was man fr\u00fcher \u203aKitsch\u2039 nannte. Sehr spezifisch war das auch damals nicht. Welche Meisterwerke mussten sp\u00e4ter aus der Kitsch-Zone befreit werden, man denke nur an die Melodramen von Douglas Sirk. Es gibt derzeit wahrscheinlich kein Film-Format, was so viel Spott auf sich zieht und was so viel Erfolg hat. Das ist das Kino, in das der Lehrer seine Sch\u00fcler schickt und Menschen mit Gesundheitssandalen und Wolljacken nicht weiter auffallen. Oder Menschen, die \u203asonst\u2039 eher nicht ins Kino gehen, so wie es mittlerweile ist. Wenn es keine Feelgood Movies g\u00e4be, h\u00e4tte vermutlich die Mehrzahl der Programmkinos und Arthouse-Abteilungen in den Multiplexen l\u00e4ngst die Pforten geschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Aber was zum Teufel ist ein Feelgood Movie?<\/p>\n<p>Es beschreibt menschliche Probleme, die man in der einen oder anderen Form kennt, wenn auch nicht immer in der geballten Weise, die das Kino uns vorh\u00e4lt. Es geht, schlicht gesagt, um die Ungerechtigkeit, ja die Grausamkeit des Lebens. Gewiss gibt es religi\u00f6se Feelgood Movies, aber selbst in ihnen m\u00fcssen die Menschen ohne die Hilfe der G\u00f6tter auskommen. Mit Tapferkeit, Willen, Humor und Solidarit\u00e4t zum Beispiel.<\/p>\n<p>In einem Feelgood Movie kommen Konflikte zu einer L\u00f6sung, erweisen sich Menschen als lernf\u00e4hig, trotzen andere, die von der Gesellschaft schon aufgegeben worden sind, dem Leben noch Liebe und Gl\u00fcck ab. Es geht nicht darum, die Welt zu verbessern, sondern darum, die Inseln des Guten anzusteuern.<\/p>\n<p>Ein Feelgood Movie l\u00e4sst den Zuschauer sich selbst als besseren Menschen erleben, er imitiert gewisserma\u00dfen einen sozialen Akt des Sich-K\u00fcmmerns. Je brutaler die Lebenspraxis in einer Gesellschaft, desto gr\u00f6\u00dfer das Bed\u00fcrfnis nach Feelgood Movies. Die Protagonisten und die Zuschauer tauschen symbolische Module von Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck aus. Es ist, mit anderen Worten, ein in Fiktion verpacktes Ritual von Geben und Nehmen, Opfer und Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Feelgood Movies d\u00fcrfen sich eine sehr genau bemessene Portion von Frechheit leisten. Es geht an den Rand dessen, was gute B\u00fcrger sich an Sex &amp; Drugs &amp; Rock\u2019n\u2019Roll leisten oder es wenigstens anderen zubilligen.<\/p>\n<p>Das Feelgood Movie bleibt in der Regel in der Sph\u00e4re der Realit\u00e4t, die Grenze zur White Fantasy, wo Engel und Geister bem\u00fcht werden m\u00fcssen, um ein Menschenschicksal einzurenken, bleibt gewahrt. Man muss wenigstens die Illusion mitnehmen k\u00f6nnen, einen Teil der Botschaft des Films im wirklichen Leben praktiziert zu erleben.<\/p>\n<p>Das Feelgood Movie ist immer ein wenig appellativ. Es l\u00e4sst sich lesen als Appell zur Mitmenschlichkeit, ein Manifest, das man durch den Erl\u00f6s der Kinokarte unterzeichnet.<\/p>\n<p>Das Feelgood Movie, obwohl es eine gewisse Aura der Peinlichkeit des Intimen aufweist, schwei\u00dft das Publikum zusammen, erzeugt ein wohliges Wir-Gef\u00fchl. So ist ein Fernseh-Feelgood Movie schon etwas anderes, auch wenn dort das Genre nicht minder verbreitet ist. Im deutschen Fernsehen nennt man es denn auch \u203aWohlf\u00fchl-Film\u2039, und entsprechend schert man sich nicht nur um die Grenze zum Kitsch nicht, sondern auch nicht um die Grenzen <em>im<\/em> Kitsch. Das gute Kino-Feelgood-Movie steuert auf den entscheidenden Satz in der Kritik zu: Es sei, soll da stehen, frei sein von Kitsch und Klischee.<\/p>\n<p>Feelgood Movies handeln nicht von Menschen wie du und ich, sondern von Menschen, die schw\u00e4cher, behinderter, ungl\u00fccklicher sind. Die Filme leben von dem Wissen um diesen Abstand; sie handeln von Kranken, Behinderten, Ausgesto\u00dfenen, Ungl\u00fccklichen; deren Rebellion gegen das Ungl\u00fcck bleibt individuell und famili\u00e4r. So wie der Zuschauer im Horrorfilm im Sicheren bleibt, wenn die K\u00f6rper zerfetzt werden, so bleibt er im Feelgood Movie im Sicheren, wenn es um das Ungl\u00fcck geht, das gleichsam durch die gemeinsame Anstrengung von Protagonist und Zuschauer ertragen und gemildert wird.<\/p>\n<p>Das Feelgood Movie feiert die verlorenen \u203aWerte\u2039: Freundschaft, Verst\u00e4ndnis, Respekt, Kreativit\u00e4t&#8230; Es entdeckt das Gute im Menschen. Feelgood Movies sind gegen die falschen Institutionen, die falschen Autorit\u00e4ten, die falschen Ziele (vor allem sind sie gegen Geld).<\/p>\n<p>Feelgood Movies behandeln zwar soziale und \u00f6konomische Probleme, sie werden aber auf einer Ebene des \u203aMenschlichen\u2039 abgehandelt; wenn sie \u00fcberhaupt an eine konkrete historische Situation gebunden sind, dann wird diese vor allem als B\u00fchne der Metapher verwendet. Feelgood Movies sind f\u00fcr die Schwachen, aber sie sind nicht parteilich.<\/p>\n<p>Feelgood Movies werden von Schauspielern getragen, vor allem sie sind es, die die Grenze zum Kitsch bestimmen. Diese Schauspieler sind entweder \u203abetroffene\u2039 Laien, einf\u00fchlsame und wandlungsf\u00e4hige Profis oder, derzeit besonders beliebt, Kollektive von \u203aSchauspieler-Legenden\u2039. In Feelgood Movies muss man N\u00e4he f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Vom Feelgood Movie strikt zu unterscheiden ist das klassische Melodrama, das nicht am Leitfaden des Gl\u00fccks, sondern an dem der Moral erz\u00e4hlt, des Weiteren die sozialen Dramen, die statt eine (mehr oder weniger m\u00e4rchenhafte) L\u00f6sung anzubieten, der Anklage bis zum bitteren Ende folgen, unterschieden auch von den romantischen Kom\u00f6dien (in denen nur Scheinprobleme behandelt werden) und nat\u00fcrlich von jenen Schenkelklopfern, die Vorurteile und komische Formen des unerkl\u00e4rten B\u00fcrgerkriegs am Ende sentimental aufl\u00f6sen (wie, sagen wir, \u00bbNichts zu verzollen\u00ab, der in seiner Boshaftigkeit anders als sein Vorg\u00e4nger, \u00bbWillkommen bei den Sch\u2019tis\u00ab, die Grenze des Feelgood Movies weit \u00fcberschreitet).<\/p>\n<p>Diese Grenzen sind nat\u00fcrlich weithin flie\u00dfend. In den Filmen von Mike Leigh, wie \u00bbAll or Nothing\u00ab (2002), wo eine Familie aus der Unterschicht, Kassiererin und Taxifahrer, durch den Herzinfarkt des Sohnes aus der Lethargie des Alltags gerissen wird, oder von Robert Gu\u00e9diguian (wie j\u00fcngst \u00bbLes neiges du Kilimandjaro\u00ab \u2013 Der Schnee am Kilimandscharo \u2013 2011) mischen sich immer wieder Elemente des Feelgood Movie in den sozialen Realismus, vor allem wenn es darum geht, Liebe, Freundschaft, Solidarit\u00e4t als Waffe der \u203akleinen Leute\u2039 gegen die Bosse und Konzerne und Korruptionen des Alltags zu feiern. Mit \u00bbLe Havre\u00ab \u00fcbrigens gelang Aki Kaurism\u00e4ki wohl zugleich die Apotheose und die perfekte Parodie eines Feelgood Movies. Und auch \u00bbLe gamin au v\u00e9lo\u00ab (\u00bbDer Junge mit dem Fahrrad\u00ab) von den Gebr\u00fcdern Dardenne lebt von dem unersch\u00fctterlichen Glauben daran, dass die Verh\u00e4ltnisse zu verbessern sind. Diese \u203alinken\u2039 Feelgood Movies glauben nicht an Wunder, aber sie glauben an die Menschen, vor allem an die Menschen, die am unteren Ende der Hierarchien Solidarit\u00e4t und Achtsamkeit untereinander gelernt haben.<\/p>\n<p>Jede Klasse, jedes Geschlecht, jede Generation bekommt das Feelgood Movie, das es verdient. Selbst die gestresste doppelbelastete Frau im Haifischbecken des Finanzkapitalismus bekommt ihr Feelgood Movie, etwa in \u00bbI Don\u2019t Know How She Does It\u00ab (Der ganz normale Wahnsinn \u2013 2011 \u2013 Regie: Douglas McGrath), wo Sarah Jessica Parker eine Investmentmanagerin ist, die so ihre Schwierigkeiten hat, auch noch Kuchen f\u00fcr die Kindergartenparty ihrer Tochter backt, sich mit To-Do-Listen behilft, sich gegen die Vorzeigem\u00fctter behaupten muss und gl\u00fccklicherweise einen derma\u00dfen netten und verst\u00e4ndnisvollen Mann mit eigenen Karrierepl\u00e4nen hat. Der Film behauptet zwar, Powerfrau und gute Mutter sei am Ende doch unter einen Hut zu bekommen, aber nur indem er alle wirklichen Probleme dabei ausblendet (und auch von Geld wird eigentlich nicht gesprochen).<\/p>\n<p>Generell lassen sich wohl \u203alinke\u2039 von \u203arechten\u2039 Feelgood Movies unterscheiden, also solche, die von der Kraft des Widerstands und der Gemeinschaft handeln, und solche, die von der Aura des Einzelnen und der Familie als L\u00f6sung handeln. Wirklich erfolgreich sind indes jene Feelgood Movies, denen es gelingt, auch noch die Spannung innerhalb einer Gesellschaft zu heilen (womit wir wieder bei \u00bbZiemlich beste Freunde\u00ab w\u00e4ren).<\/p>\n<p>Eines der Subgenres des Feelgood Movie handelt von der \u203aErl\u00f6sung\u2039 der b\u00fcrgerlich-urbanen Welt, mit ihrem Materialismus und sinnlichen Verklemmung, durch das Land, durch die \u203amediterrane\u2039 Leichtigkeit, durch \u203adas Volk\u2039, das mittlerweile in den Industriegesellschaften selber nicht mehr zu finden ist und darum durch Menschen \u203amit Migrationshintergrund\u2039 ersetzt werden muss. In \u00bbLes femmes du 6\u00e8me \u00e9tage\u00ab (Nur f\u00fcr Personal \u2013 2010 \u2013 Regie: Philippe Le Guay) geht es an die Wurzeln dieser \u203aErl\u00f6sung\u2039 in den 1960er Jahren in der Geschichte eines Anlageberaters und eines spanischen Dienstm\u00e4dchens.<\/p>\n<p>Ansonsten gibt es f\u00fcr die Feelgood Movies einige todsichere Themen, wie zum Beispiel \u203aSeniorenfreundschaften\u2039. Die Alten, die noch einmal Gl\u00fcck und Abenteuer finden, wie in \u00bbBest Exotic Marigold Hotel\u00ab (2011 \u2013 Regie: John Madden), noch dazu in einer \u203afremden\u2039, der indischen Kultur in diesem Fall, wo Respekt und W\u00fcrde gro\u00df geschrieben werden (wiederum nat\u00fcrlich mit Hilfe einer beachtlichen Schauspielerriege von Judy Dench bis Bill Nighy). \u00bbEt si on vivait ensemble?\u00ab (Und wenn wir alle zusammenziehen? \u2013 2011 \u2013 Regie: St\u00e9phane Robelin) erz\u00e4hlt von einer Alters-WG um f\u00fcnf alte Menschen, und die Schauspieler wie Geraldine Chaplin, Jane Fonda, Claude Rich oder Pierre Richard geben der Kom\u00f6die eben das, was ein gutes von einem schlechten Feelgood Movie unterscheidet, eine Seele. Zun\u00e4chst wird Claude (Claude Rich) aus dem Altersheim entf\u00fchrt, in das ihn der Sohn nach der Herzattacke (nach dem Besuch einer Prostituierten) gesteckt hat, und schlie\u00dflich ist man zu f\u00fcnft in der bislang nur von Jean (Guy Bedos) und Annie (Geraldine Chaplin) bewohnten Wohnung. Doch in das Idyll f\u00e4llt auch der Schatten des Todes mit dem Krebstod von Alberts (Jean Richard) Frau Jeanne (Jane Fonda), der das Drehbuch allerdings auch noch eine Romanze mit einem jungen Mann, dem Studenten Dirk (Daniel Br\u00fchl), zuschreibt. Ein filmisches Denkmal des Alterns, das die positive Seite des Feelgood Movie erf\u00fcllt: den hoffnungsfrohen Realismus. Den Schleier der Barmherzigkeit wollen wir in diesem Zusammenhang \u00fcber die Senioren-Wohlf\u00fchlfilme des deutschen Fernsehens legen.<\/p>\n<p>Die \u203aMultikultikom\u00f6die\u2039. Dazu geh\u00f6ren hierzulande etwa \u00bbRussendisko\u00ab (2012 \u2013 Regie: Oliver Ziegenbalg), ein Film, der, nach Wladimir Kaminers Erfolgsbuch, ausgesprochen harmlos und unspezifisch mit den verschiedenen nationalen und religi\u00f6sen Identit\u00e4ten umgeht, oder \u00bbT\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger\u00ab (2012 \u2013 Regie: Bora Dagtekin), wo sich nach einer Flugzeugnotlandung ein deutsches M\u00e4dchen, ein junge T\u00fcrke und seine strenggl\u00e4ubige Schwester und ein (stotternder) Grieche auf einer einsamen Insel wiederfinden. \u00bbDreiviertelmond\u00ab (2011 \u2013 Regie: Christian Z\u00fcbert) erz\u00e4hlt von einem grantigen Taxler (Elmar Wepper), der noch menschenfeindlicher wird, nachdem ihn seine Frau verlassen hat; auf einer Fahrt zum Flughafen transportiert er eine T\u00fcrkin und deren kleine Tochter, die einen Urlaub bei der Gro\u00dfmutter verbringen soll. Als die jedoch ins Koma f\u00e4llt (und die Mutter schon wieder bei ihrem Job auf hoher See ist), h\u00e4ngt sich Hayat, die kein Wort deutsch spricht und in N\u00fcrnberg au\u00dfer dem unfreundlichen Taxifahrer niemanden kennt, an ihn. Wir kennen das Motiv von Heidi und dem menschenfeindlichen Alm-\u00d6hi&#8230;<\/p>\n<p>Was direkt zu einem Sonderfall des deutschen Feelgood Movie f\u00fchrt, zur \u203aHeimatkom\u00f6die\u2039. Sie darf, grenzg\u00e4ngerisch immerhin, auch mal etwas schr\u00e4ger sein wie in \u00bbWas weg is, is weg\u00ab (2012 \u2013 Regie: Christian Lerch), der von drei einander entfremdeten Br\u00fcdern erz\u00e4hlt, die sich in den 1980er Jahren nach einem Unfall auf dem elterlichen Hof wiedertreffen. Nicht immer muss es sich das Feelgood Movie leicht machen bei seinem Vers\u00f6hnungswerk \u2013 in diesem Zusammenhang sei auch daran erinnert, dass es keine schlechten und guten Genres gibt, sondern nur schlechte und gute Filme.<\/p>\n<p>Politischer wird es mit den \u203aFriedenskom\u00f6dien\u2039. \u00bbEt maintenant, on va o\u00f9?\u00ab (Wer weiss, wohin? \u2013 2011 \u2013 Regie: Nadine Labaki) erz\u00e4hlt von einem Dorf, in dem es zwischen Christen und Moslems einen heftigen Konflikt gibt, den schlie\u00dflich die Frauen mit unorthodoxen Mitteln beilegen. Sie engagieren ausgerechnet einen Bus voll ukrainischer Stripperinnen. Es ist die Balance zwischen m\u00e4rchenhafter Hoffnung, Ironie und dem Wissen um den ernsten, tragischen Hintergrund, die die Harmonie eines gelungenen Feelgood Movie ausmacht. Menschlichkeit ist st\u00e4rker als alles, so lautet seine Botschaft. Man kann sie unterschreiben, ohne dass sich viel \u00e4ndert. Und es gilt das etwas desillusionierende Motiv: Je weiter der Ursprungsort eines Feelgood Movie von der eigenen Lebenswirklichkeit entfernt ist, desto unkritischer wird es gesehen. Deswegen geh\u00f6ren zu den Feelgood Movies auch Reise- und M\u00e4rchenfilme, die von Menschen hinter sieben Bergen erz\u00e4hlen, die noch ganzheitlich, lebensgl\u00fccklich und \u00f6kologisch leben.<\/p>\n<p>Auch das \u203aFamily Entertainment\u2039 nimmt Z\u00fcge des Feelgood Movie an, wo es das Fantastische eher als Vorwand nimmt und es vor allem um die Neuordnung famili\u00e4rer Rollenverteilungen und Verhaltensweisen geht wie in den Sams-Filmen nach Paul Maar: \u00bbSams im Gl\u00fcck\u00ab (2012 \u2013 Peter Gersina) ist der dritte Film nach der Jugendbuch-Serie: Das Wunschwesen Sams und der verklemmte Herr Taschenbier beginnen so nach und nach die Eigenschaften zu vertauschen. Ein Kapitel in der Befreiung des verklemmten Kleinb\u00fcrgers.<\/p>\n<p>Wie in \u00bbLes \u00e9motifs anonyms\u00ab (Die anonymen Romantiker \u2013 2010 \u2013 Regie: Jean-Pierre Am\u00e9ris) geht es um berufliches und pers\u00f6nliches Gl\u00fcck, hier projiziert in die Geschichte einer sch\u00fcchternen, aber genialen Chocolati\u00e8re. \u00bbMa part du gateau\u00ab (Mein St\u00fcck vom Kuchen \u2013 2011 \u2013 Regie: C\u00e9dric Klapisch) erz\u00e4hlt die Liebesgeschichte zwischen einer geschassten Angestellten, die drei T\u00f6chter zu versorgen hat, und einem B\u00f6rsenmakler, bei dem sie sich als Putzfrau verdingt und der f\u00fcr das berufliche Dilemma verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Nostalgische Verkl\u00e4rung, auch und gerade der \u203abitteren Zeiten\u2039, ist ein wesentlicher Bestandteil des Genres. Auch in \u00bbLa guerre des boutons\u00ab (Der Krieg der Kn\u00f6pfe &#8211; 2011 \u2013 Regie: Christophe Barratier), der Neuauflage eines veritablen Klassikers des Genres, wird, wie in der milden Verfilmung von Semp\u00e9s \u00bbDer kleine Nick\u00bb, eine Kindheit beschworen, die es so nicht mehr gibt. Stattdessen freilich wird in diesem Film versucht, in den K\u00e4mpfen der Kinder die der Erwachsenen zu spiegeln \u2013 es ist die Zeit der deutschen Besatzung, und aus dem Spiel wird rasch Ernst. Einmal mehr setzt Barratier nach \u00bbDie Kinder des Monsieur Mathieu\u00ab und \u00bbParis, Paris\u00ab auf eine Mischung aus Warmherzigkeit und Hoffnung.<\/p>\n<p>Zu den Standards des Feelgood Movie geh\u00f6ren die gegl\u00fcckten Schulexperimente und Au\u00dfenseitergeschichten wie die von \u00bbMonsieur Lazhar\u00ab (2011 \u2013 Regie: Philippe Falardeau) aus Kanada, die Geschichte eines vom islamistischen Terror gezeichneten Mannes (Mohamed Fellag), der sich als Lehrer in eine Schule schmuggelt, aus Liebe zur Literatur und zu den Kindern. Ein starres soziales System wie die Schule reagiert dabei auf eine emotionale Katastrophe, den Selbstmord einer Lehrerin. Aber letztlich geht es darum, wie Lehrer und Sch\u00fcler sich gegenseitig Trost spenden in einer Institution, die nicht zu retten ist. F\u00fcr ein echtes Feelgood Movie lassen Filme wie dieser vielleicht zu viele Fragen offen. Aber das Hauptkriterium, die L\u00f6sung der gesellschaftlichen Probleme durch die Akkumulation des Menschlichen, wird in jedem Fall erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Behinderten und Kranken spielen eine gro\u00dfe Rolle im Feelgood Movie. In \u00bbEin Tick anders\u00ab (2011 \u2013 Regie: Andi Rogenhagen) geht es um ein M\u00e4dchen mit Tourette-Syndrom, das mit ihren Eltern und der Gro\u00dfmutter beschaulich auf dem Land lebt. Aber der Vater bekommt einen neuen Job in Berlin, und sie versucht alles, um in ihrem Dorf bleiben zu k\u00f6nnen. In \u00bbDie Zeit, die man Leben nennt\u00ab (2007 \u2013 Regie: Sharon von Wietersheim) wird der Pianist Luca (Kostja Ullmann) durch einen Unfall aller Karrierehoffnungen beraubt und leidet an Depressionen; in der Reha-Klinik trifft er auf Roderick (Hinnerl Sch\u00f6nemann), der todkrank ist und trotzdem voll Lebensmut steckt. Im Feelgood Movie wird Krankheit offen zur Metapher. In den Schw\u00e4chen des Leinwand-Charakters sieht der Zuschauer seine relative St\u00e4rke ebenso wie seine eigenen relativen Schw\u00e4chen; das Mitleid, das er der Leinwand-Persona gegen\u00fcber aufbringt, meint immer auch sich selbst.<\/p>\n<p>Bis zu einem gewissen Grad kann man dieses Spiel auch unterlaufen; auch das Feelgood Movie ist schon ins Stadium der Selbstreflexion getreten. Das gilt nat\u00fcrlich vor allem f\u00fcr Filme, die sich an realen Personen und F\u00e4llen orientieren. \u00bbYo tambi\u00e9n\u00ab (Me Too \u2013 Wer will schon normal sein? \u2013 2009 \u2013 Regie: Antonio Naharro) erz\u00e4hlt von dem 34-j\u00e4hrigen Daniel (Pablo Pineda) mit Down-Syndrom, der als erster in Spanien die Lehrerpr\u00fcfung schafft und sich im B\u00fcro der Behindertenbeh\u00f6rde in Laura (Lola Duenas) verliebt. \u00bbThe Music Never Stopped\u00ab (2011 \u2013 Regie: Jim Kohlberg) handelt von den Selbstfindungsprozessen eines jungen Mannes in den 50er Jahren, seiner sp\u00e4ten Vers\u00f6hnung mit der Familie und von der Musiktherapie, die ihm hilft, Erinnerungen zur\u00fcckzuholen, die er wegen eines Gehirntumors verloren hat. All das wird im Film in eine geschickte mythische Einheit gebracht.<\/p>\n<p>\u00bbWhen Did You Last See Your Father?\u00ab (Die Zeit, die uns noch bleibt \u2013 2007 \u2013 Regie: Anand Tucker) ist die Geschichte (nach einem Roman von Blake Morrison) eines Vaters, der sich \u00bbaus allem rausreden konnte\u00ab, und seines Sohnes. Die Aussprache, die erhofft wird, findet nicht statt, aber es gibt die erlaubte Trauer nach dem Krebstod des Vaters. Das Feelgood Movie \u2013 in der Variante: Vater\/Sohn- oder auch Mutter\/Tochter-Geschichten mit einer Vers\u00f6hnung vor dem Tod \u2013 arbeitet sich an den Tod heran und von ihm fort.<\/p>\n<p>Im deutschen \u203aWohlf\u00fchlfilm\u2039 des Fernsehens geht das nat\u00fcrlich anders, da gelingt die Vers\u00f6hnung, und umso besser wenn gleich Vater und Sohn, Howard und Wayne Carpendale, die Hauptrollen spielen: \u00bbLebe dein Leben\u00ab (2011 \u2013 Regie: Peter S\u00e4mann), wo es, wie immer im deutschen Film, neben der Familie selber auch gleich um die Rettung des Familienunternehmens geht. Wenn es kritischer wird wie in \u00bbKomm, sch\u00f6ner Tod\u00ab (2011 \u2013 Regie: Friedemann Fromm), wo es um ein Sterbehilfe-Institut geht und eine Seniorin (Katharina Matz), die wegen ihrer Demenz als erste modellhaft freiwillig in den Tod gehen will, da versteckt man (hier das ZDF) den Film gern im Nachtprogramm (auch wenn man noch gen\u00fcgend Elemente der Senioren-Feelgood-Kom\u00f6die eingebaut hat). Der Abend dagegen geh\u00f6rt der Schmonzette. Und dem bedingungslosen \u203aJa zum Leben\u2039 \u00e0 la \u00bbManche m\u00f6gen\u2019s gl\u00fccklich\u00ab (2011 \u2013 Regie: Florian G\u00e4rtner), wo der \u00fcbliche verbitterte Witwer (Stephan Luca) von der lebenslustigen Frau (Juli Brendler) \u203aerl\u00f6st\u2039 wird. Ein klassisches Feelgood Movie etwa ist \u00bbFischer fischt Frau\u00ab (Regie: Lars Jessen) aus diesem Jahr (2012), das von den N\u00f6ten der Krabbenfischer in Ostfriesland und den Modernisierungs- und Globalisierungskrisen erz\u00e4hlt. Der Krabbenfischer Hein (Heinrich Brix) wird von seiner Frau verlassen, sein Kutter streikt, und so f\u00e4hrt er mit einem Freund nach Marokko, um eine neue Frau zu suchen, doch statt der willf\u00e4hrigen und unterw\u00fcrfigen Fatima findet er (ohne dass diese Beziehung recht eigentlich erkl\u00e4rt wird) eine selbstbewusste junge Frau namens Mona, die dort dr\u00fcben das Gesch\u00e4ft des Krabbenpuhlens besorgen muss, f\u00fcr das einst Heins Mutter zust\u00e4ndig war. Eine weitere Seniorenkom\u00f6die, \u00bbDas Gl\u00fcck ist ein Kaktus\u00ab (2011 \u2013 Regie: Stephan Meyer), handelt von einem Neuanfang zweier \u00e4lterer Damen (Christiane H\u00f6rbiger, Heidelinde Weis) auf Mallorca, wo sie ein Restaurant gegen alle Widerst\u00e4nde errichten. Was diese Filme im Trostangebot haben, ist vor allem eine \u00f6konomische Form des Gl\u00fccks. Wider besseres Wissen, nebenbei.<\/p>\n<p>Ein gutes Feelgood Movie darf sehr vieles, Verst\u00f6\u00dfe gegen Logik, \u00c4sthetik und Koh\u00e4renz eingeschlossen. Doch eines darf es nicht: l\u00fcgen. Nur ein bisschen schummeln, etwa in Bezug auf die Beziehung von Mainstream und Au\u00dfenseiter. In \u00bbOur Idiot Brother\u00ab (2011 \u2013 Regie: Jesse Peretz) spielt Paul Rudd den einf\u00e4ltigen Hippie Ned, der mit seiner Arglosigkeit immer wieder in Bredouille ger\u00e4t, etwa weil er einem Polizisten Gras verkauft hat. Danach sucht er Unterschlupf bei seinen drei Schwestern, die ihrerseits Klischees ausf\u00fcllen: die Karrieristin, das Hausm\u00fctterchen und die Rebellin. Durch seine Art bringt er deren Leben durcheinander, aber die tiefe Nettigkeit des Hippies wird dann doch akzeptiert, ohne dass irgendetwas tiefer in Frage gestellt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Feelgood Movies gestatten sich eine Portion Melancholie und Rebellion, bleiben aber im Kern immer optimistisch. Entscheidend ist, dass sie ein geschlossenes System bilden. L\u00f6sungen werden immer in der Geschichte selbst geliefert, der Zuschauer wird entlassen mit einer Aussage und Botschaft, an der nichts zweifelhaft bleibt (auch wenn sie durchaus vage formuliert sein kann). Der Zuschauer eines Feelgood Movie verl\u00e4sst das Kino mit einem L\u00e4cheln, vielleicht. In aller Regel verschwindet es, sobald er wieder in die Wirklichkeit eintaucht. Ein sehr gutes Feelgood Movie erkennt man daran, dass es ein wenig l\u00e4nger bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschlossenes System<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[727,845,1309,1315,1571,1816,2096,2589],"class_list":["post-379","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-feelgood","tag-georg","tag-kritik","tag-kultur","tag-movies","tag-pop","tag-seeslen","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=379"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=379"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=379"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=379"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}