{"id":3830,"date":"2014-12-01T10:45:18","date_gmt":"2014-12-01T08:45:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3830"},"modified":"2014-12-01T10:45:18","modified_gmt":"2014-12-01T08:45:18","slug":"uhu-dame-querschnitt-oder-von-keun-bis-keilsonmannlichkeitskonzepte-in-den-zwanziger-jahrenvon-maren-lickhardt1-12-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/12\/01\/uhu-dame-querschnitt-oder-von-keun-bis-keilsonmannlichkeitskonzepte-in-den-zwanziger-jahrenvon-maren-lickhardt1-12-2014\/","title":{"rendered":"\u00bbUhu\u00ab, \u00bbDame\u00ab, \u00bbQuerschnitt\u00ab oder Von Keun bis KeilsonM\u00e4nnlichkeitskonzepte in den Zwanziger Jahrenvon Maren Lickhardt1.12.2014"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4nnerbilder in Mode- und Lifestylezeitschriften der 1920er Jahre<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Gregor Schuhen (Hg.): \u201eDer verfasste Mann. M\u00e4nnlichkeiten in der Literatur und Kultur um 1900\u201c. Bielefeld: transcript Verlag, 2014, S. 131-154]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Progressive Weiblichkeit vs. retrospektive M\u00e4nnlichkeit im R\u00fcckblick auf die Zwanziger Jahre<\/p>\n<p>Projektionen von Weiblichkeit in der Popul\u00e4rkultur und den Massenmedien der Zwanziger Jahre sind bestens vertraut: Es ist die Neue Frau in verschiedenen Varianten, wie das <em>girl<\/em>, der <em>flapper<\/em> oder hin und wieder die <em>gar\u00e7onne<\/em>,<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> die zeitgen\u00f6ssisch wie auch in der Forschung immer wieder als Umbruchsph\u00e4nomen zur Debatte steht:<\/p>\n<p>Die Neue Frau gilt als Zeichen des Aufbruchs im Rahmen eines neuerlichen gesellschaftlichen Modernisierungsschubs,<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> aber auch als fremdbestimmte, klischeebesetzte weibliche wie m\u00e4nnliche Wunschphantasie oder Schreckensvision,<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> au\u00dferdem als \u201ageistig obdachloses\u2018, konsumorientiertes Opfer der Unterhaltungsindustrie,<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> die sie auf ihrer Oberfl\u00e4che mit hervorgebracht oder kanalisiert hat.<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Gemeinsam ist allen Varianten die Verankerung in den Goldenen Zwanzigern: der Zeit der relativen wirtschaftlichen Stabilisierungsphase, aber auch noch der Weltwirtschaftskrise und deren Nachwehen. Nat\u00fcrlich entsprach die Neue Frau nicht eins zu eins der empirischen Realit\u00e4t und wo sie es tat, trat sie in den Zwanzigern nicht aus dem Nichts auf, aber ausgehend von dem popul\u00e4rkulturellen und massenmedialen Diskurs ist das, was aus heutiger Perspektive ins Auge f\u00e4llt und in der Forschung immer wieder betont wird, die Neuartigkeit dieser speziellen Weiblichkeitskonzeption in den Zwanziger Jahren \u2013 im Licht der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Aus popul\u00e4rkulturell-massenmedialer Perspektive ist die Neue Frau neu, weil sie nun im gro\u00dfen Rahmen ins Berufsleben tritt und damit als Produzentin und Konsumentin am Wirtschaftsleben teilhat, und weil sie nach Erhalt des Wahlrechts 1918 bei der Wahl zur deutschen Nationalversammlung 1919 erstmals politisch partizipiert. \u00d6ffentliche und \u00f6ffentlich ausgehandelte Weiblichkeitsentw\u00fcrfe sind in den Zwanziger Jahren geradezu notgedrungen neu und progressiv, also bejahend in die Zukunft gerichtet<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>, weil f\u00fcr die Frau in der \u00d6ffentlichkeit kaum alte Vorbilder existieren und somit auf breiter Basis kein R\u00fcckgriff m\u00f6glich ist.<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Schlie\u00dflich ist die Neue Frau schon deshalb neu, weil sie so hei\u00dft, weil es also einer zeitgen\u00f6ssischen Programmatik folgt, neu zu sein, mit Vorbildern und Traditionen zu brechen, um sich in der jungen Weimarer Kultur \u00f6ffentlich zu positionieren.<\/p>\n<p>Dagegen scheinen sich M\u00e4nner mit der neuen Zeit schwer zu tun. Kurt Pinthus\u2019 ber\u00fchmtes Diktum, die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik sei \u201am\u00e4nnlich\u2018,<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> skizziert auf den ersten Blick ein M\u00e4nnlichkeitsbild auf der H\u00f6he der Zeit: M\u00e4nnlichkeit wird in typisch anti-expressionistischer Manier mit einer positiv besetzten Rationalit\u00e4t, N\u00fcchternheit und k\u00fchlen Souver\u00e4nit\u00e4t gleichgesetzt. Aber selbst wenn ohnehin fraglich bleibt, ob dieses Ideal einholbar ist, artikulieren sich in diesem selbst schon Erm\u00e4chtigungsphantasien, die sich noch am Ersten Weltkrieg abarbeiten.<a title=\"\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Krieg mit dem expressionistischen Erbe gleichgesetzt wird und vehement abgeschnitten werden soll, bleibt die Wunde doch auch oder gerade in der Wegbewegung noch deutlich bestimmend f\u00fcr Pinthus; und nicht nur f\u00fcr Pinthus. Wo in der Weimarer Republik von Sachlichkeit die Rede ist, ist nicht selten ein Verlustgestus zu bemerken, der letztlich sogar in Sentimentalit\u00e4t umschl\u00e4gt, und zumeist den Ersten Weltkrieg im Blick hat:<\/p>\n<p>\u201eWir leben in einer <em>n\u00fcchternen, klareren und ehrlicheren Welt<\/em> und f\u00fchlen uns wohl darin. [\u2026] Die lebendigen Menschen der Zeit selbst suchen nach den St\u00fcrmen H\u00e4user zu bauen; sie wollen das Ma\u00df, die lebendige und klare Ordnung der Dinge.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Die \u201eklare Ordnung der Dinge\u201c setzt in m\u00e4nnlichen Beschreibungen der eigenen Zeit also \u201eSt\u00fcrme\u201c voraus. Und so werden auch in der Forschung zur Weimarer Republik von Klaus Theweleit bis Helmut Lethen vor allem soldatischer Heroismus und verwundete Kreat\u00fcrlichkeit<a title=\"\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> als das k\u00f6rperlich verankerte Spannungsfeld fokussiert, in dem eine gravierende Destabilisierung von M\u00e4nnlichkeit zum Ausdruck kommt und gleichzeitig um Restabilisierungen gerungen wird.<\/p>\n<p>Ein Einbruch der M\u00e4nnlichkeit, wie sie im Spiegel des Ersten Weltkrieges gesehen wird,<a title=\"\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> sowie Versuche der Bew\u00e4ltigung dieses Traumas durchziehen die kulturellen Selbstbeschreibungen und historischen Verortungen der Weimarer Republik. Wenn es um Projektionen von M\u00e4nnlichkeit geht, erscheint sie fast immer als Nachkriegszeit, also in einem retrospektiven Modus.<a title=\"\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Und bleibt vor allem der Erste Weltkrieg die Hintergrundfolie f\u00fcr m\u00e4nnliche Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe, ist es kein Wunder, dass k\u00f6rperliche Vitalit\u00e4t und mentale K\u00e4lte den Ma\u00dfstab f\u00fcr Souver\u00e4nit\u00e4t und Funktionalit\u00e4t bilden. Damit kann auch der neuen Bedrohung durch die Neue Frau begegnet werden, weil eine klischeehafte, biologistisch verankerte geschlechtliche Grenzziehung zementiert wird.<a title=\"\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Es ergeben sich in den Zwanziger Jahren aber ganz neue Chancen und Risiken f\u00fcr M\u00e4nnlichkeit, die im Folgenden er\u00f6rtert werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Gegenderte Korpusbildung<\/p>\n<p>Jenseits des Gegenstandes ist dazu auch die Beobachterperspektive unter dem Blickwinkel des Genders zu betrachten. An den eingangs skizzierten Konstruktionen von M\u00e4nnlichkeit sind Frauen kaum beteiligt. Weibliche wie m\u00e4nnliche Autoren oder Beobachterinnen arbeiten sich an der Neuen Frau ab, aber es scheinen vorwiegend m\u00e4nnliche Blickwinkel zu sein, die Anteil an Projektionen der M\u00e4nnerbilder haben, die heute in der Forschung zur Weimarer Republik beachtet werden und die ihrerseits auf m\u00e4nnlichen Selbstzuschreibungen in den Zwanzigern beruhen.<\/p>\n<p>Wenn nun im Folgenden die Konstruktion von M\u00e4nnlichkeit vor allem seitens einer eher weiblichen Perspektive in den Blick genommen wird, geht es aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht um Autorinnen, also Schreibende weiblichen Geschlechts, sondern unabh\u00e4ngig vom biologischen Geschlecht der Textproduzenten und -produzentinnen soll ein weiblich konnotierter Diskursraum in den Blick genommen werden: Es wird auf Beitr\u00e4ge aus den Mode- und Lifestylemagazinen <em>Die Dame<\/em> und der <em>Uhu<\/em> aus den Zwanziger Jahren eingegangen werden sowie auf den Feuilletonbeitrag <em>System des M\u00e4nnerfangs<\/em><a title=\"\" href=\"#_ftn15\">[15]<\/a> von Irmgard Keun aus dem <em>Querschnitt<\/em> von 1932.<\/p>\n<p>Mit der <em>Dame<\/em> und dem <em>Uhu<\/em> soll ein Korpus auf Konzepte von M\u00e4nnlichkeit hin befragt werden, das zwar nicht zwingend von Frauen produziert wird, aber entweder eher an Frauen adressiert ist \u2013 <em>Dame<\/em> \u2013 oder in der Forschung immer wieder zu Rate gezogen wird, um Frauenbilder zu extrahieren \u2013 <em>Uhu<\/em>.<\/p>\n<p>Das erscheint vor allem deshalb interessant, weil Verhandlungen von M\u00e4nnlichkeit in diesem eher \u201aweiblichen\u2018 Kontext nicht selbstverst\u00e4ndlich implizit mitgef\u00fchrt werden. Vielmehr stellt M\u00e4nnlichkeit eine deutlicher umgrenzte, fremde Sph\u00e4re dar. Ausgehend von diesem Blickwinkel soll abschlie\u00dfend auf Hans Keilsons neusachlichen Roman <em>Das Leben geht weiter<\/em> eingegangen werden. Dabei ist zu er\u00f6rtern, wie viel von der von Pinthus als k\u00fchl und stark beschworenen M\u00e4nnlichkeit, aber auch den ganz anderen, spezifisch \u201aweiblichen\u2018 Anforderungen an diese, am Ende der Weimarer Republik \u00fcbrig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">M\u00e4nnerbilder in den Magazinen <em>Uhu<\/em>, <em>Dame<\/em> und <em>Querschnitt<\/em><\/p>\n<p>Im <em>Querschnitt<\/em>, der nicht in dem im vorliegenden Kontext so bezeichneten \u201aweiblichen Diskursraum\u2018 anzusiedeln ist, scheint h\u00e4ufiger als in <em>Uhu<\/em> und <em>Dame<\/em> ein an k\u00f6rperlicher Kraft und Attraktivit\u00e4t orientiertes M\u00e4nnerkonzept verhandelt zu werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn16\">[16]<\/a> Skizzen und Bilder nackter M\u00e4nnerk\u00f6rper, die mehr enth\u00fcllen, als wir heute gewohnt sind, sind keine Seltenheit. Und diese K\u00f6rper sind muskul\u00f6s bzw. athletisch, was von sportlichen Posen unterstrichen wird und im Detail nachvollzogen werden kann.<a title=\"\" href=\"#_ftn17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Im Zuge der Weimarer Sportbegeisterung erscheinen zudem im <em>Querschnitt<\/em> sehr h\u00e4ufig die \u201akriegerischen\u2018 Varianten, also Box- oder Stierk\u00e4mpfe.<a title=\"\" href=\"#_ftn18\">[18]<\/a> Nat\u00fcrliche, biologisch-k\u00f6rperlich verankerte Vitalit\u00e4t und Virilit\u00e4t werden vielmals zur Schau gestellt. Aber auch das Spannungsfeld von Nat\u00fcrlichkeit und Kultiviertheit wird anhand m\u00e4nnlicher Figuren sogar im <em>Uhu<\/em> beispielsweise in einer Werbung f\u00fcr ein Verj\u00fcngungsmittel aufgegriffen, das vor kultureller Degeneration sch\u00fctzen soll.<a title=\"\" href=\"#_ftn19\">[19]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Lukultate.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3836\" title=\"Lukutate\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Lukultate-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"926\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Lukultate-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Lukultate-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Lukultate.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 1 Werbung Lukutate <em>Verj\u00fcngungs-Frucht<\/em> (1927)<\/p>\n<p>Der nackte, muskul\u00f6se Mann mit der Keule wird mit dem Anzug- und Aktentr\u00e4ger auf dem Weg zur B\u00fcroarbeit sowie dem Herrn in Frack und Hut bei der Tischgesellschaft entgegengestellt. Dabei bildet der \u00fcbergro\u00dfe \u201aNaturmensch\u2018 den Ma\u00dfstab, der den dekadenten und degenerierten Kulturmenschen unter die Lupe nimmt, ihn also erst vergr\u00f6\u00dfern muss, um ihn aus seinem Blickwinkel zu beobachten und sezieren. Im Spiegel kraftvoller M\u00e4nnlichkeit erscheint der zeitgen\u00f6ssische Mann klein und schwach und unter dem Anzug geradezu k\u00f6rperlos.<a title=\"\" href=\"#_ftn20\">[20]<\/a> Die moderne M\u00e4nnlichkeitskrise, wie sie im allgemeinen Diskurs der Zwanziger Jahre erscheint, rankt sich unter anderem um den Gegensatz von Natur und Kultur.<a title=\"\" href=\"#_ftn21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Dass dieser Gegensatz aber in den Zwanziger Jahren sehr wohl aufgehoben, ausgehebelt oder zumindest sehr stark umbewertet wurde, zeigen beispielsweise gerade der <em>Uhu<\/em> und vor allem <em>Die Dame<\/em>. In diesen Magazinen werden insgesamt ganz unterschiedliche M\u00e4nnlichkeitskonzepte thematisiert und abgebildet, die an die entsprechenden Mode-, Lifestyle- und Unterhaltungsthemen gebunden sind.<\/p>\n<p>Wesentlich ist, dass beide Magazine die Atmosph\u00e4re der Goldenen Zwanziger aufgreifen oder transportieren. M\u00e4nner aus kreativen oder b\u00fcrgerlichen Berufen oder mond\u00e4nen Gefilden sind zu diesem Zweck sehr beliebt. Es geht insgesamt sehr zivil zu, was auch die h\u00e4ufige Thematisierung von Tennis, Pferderennen, Golf und Autorennen als Sportarten zeigt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die M\u00e4nnertypen an die jeweils aufgegriffenen Themen gebunden, aber der Generaldirektor taucht in seiner boulevardesken Variante als M\u00e4nnertypus unabh\u00e4ngig von wirtschaftlichen Fragestellungen auf. Der Generaldirektor ist das m\u00e4nnliche Pendant zu und der Traum einer jeden Privatsekret\u00e4rin, die sich von einer Heirat mit ihrem Chef ein komfortables Leben verspricht. Im Mode-, Lifestyle- und Unterhaltungsbereich gilt als einpr\u00e4gsame Formel f\u00fcr eine positiv besetzte M\u00e4nnlichkeit: Generaldirektor statt General und Frack oder Anzug statt Milit\u00e4runiform.<a title=\"\" href=\"#_ftn22\">[22]<\/a><\/p>\n<p>In der Frauenmodezeitschrift <em>Dame<\/em> finden sich zahlreiche Abbildungen von eleganter Herrenmode.<a title=\"\" href=\"#_ftn23\">[23]<\/a> Aber auch Gem\u00e4lde von Georg Kirsta werden abgebildet, in denen der K\u00fcnstler M\u00e4nner in profanen Arbeitsanz\u00fcgen portr\u00e4tiert und die nach den Initialen der Herren benannt werden. Der nun im Anzug uniformierte Mann erh\u00e4lt auch keinen individualisierenden Namen mehr.<a title=\"\" href=\"#_ftn24\">[24]<\/a><\/p>\n<p>Jedoch schimmert keine Wehmut durch in dieser Reihe, die sich ganz dem durchschnittlichen Alltags-Mann widmet. Die Pose wirkt ebenso erhaben wie \u00e4hnliche Portr\u00e4ts in Roben oder Milit\u00e4runiform. Bei aller Verschiedenheit der M\u00e4nnerbilder, die in <em>Uhu<\/em> und <em>Dame<\/em> zu sehen sind, erscheint doch vorwiegend der kultivierte, bekleidete Mann, der die Frau auf Sport- und Abendveranstaltungen sowie auf Reisen begleiten kann.<\/p>\n<p>In der Werbung zeichnet sich am deutlichsten das aktuell kursierende Spektrum von M\u00e4nnlichkeitskonzepten ab, zumeist in der idealisierten Variante.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0<a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Dandy.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3835\" title=\"Dr. Dralle Dandy\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Dandy-1024x807.jpg\" alt=\"\" width=\"486\" height=\"383\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 2 Werbung Dr. Dralle <em>Dandy<\/em> (1926)<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0<a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Angestellter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3834\" title=\"Dr. Dralle Angestellter\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Angestellter-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"486\" height=\"648\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Angestellter-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Angestellter-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Dr.-Dralle-Angestellter.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 3 Werbung Dr. Dralle <em>Angestellter<\/em> (1927)<\/p>\n<p>Des metrosexuellen Manns der Zwanziger oder des Dandys \u201et\u00e4gliche Freude\u201c ist Dr. Dralle\u2019s Birken-Haarwasser<a title=\"\" href=\"#_ftn25\">[25]<\/a>, das aber an anderer Stelle ebenso dem einfachen Angestellten empfohlen wird,<a title=\"\" href=\"#_ftn26\">[26]<\/a> d.h. das gleiche Produkt richtet sich an zwei m\u00e4nnliche Leitbilder: den mond\u00e4nen Herrn, den man sich beim Freizeitvergn\u00fcgen vorstellen kann, und den Angestellten in seinem Arbeitsalltag.<\/p>\n<p>Beide M\u00e4nnerbilder, also sowohl die elegante als auch die durchschnittliche Variante, haben allerdings Anzug (hier ohne Jackett) oder Frack, also ein betont b\u00fcrgerliches und \u201aunk\u00f6rperliches\u2018 Auftreten gemeinsam, und beide sind \u00fcber die Tatsache hinaus, dass sie in der Werbung auftauchen, mit kommerziellen Momenten verkn\u00fcpft: Die Werbungen erz\u00e4hlen Geschichten von Geld haben, ausgeben oder verdienen.<\/p>\n<p>Gut und wohlhabend aussehende, elegant gekleidete Herren rauchen au\u00dferdem beispielsweise Halpaus Mocca<a title=\"\" href=\"#_ftn27\">[27]<\/a> oder Kolibri<a title=\"\" href=\"#_ftn28\">[28]<\/a> Zigaretten, und ein attraktiver Gentlemen in Smoking empfiehlt seinem j\u00fcngeren, seinen Kopf st\u00fctzenden Freund Satyrin, ein Mittel f\u00fcr den gesunden S\u00e4ure-Base-Haushalt.<a title=\"\" href=\"#_ftn29\">[29]<\/a> Dass ein aufw\u00e4ndiger und ungesunder Lebensstil diesen aus dem Tritt gebracht hat, klingt in der Abbildung an: Es ist leicht vorstellbar und soll evoziert werden, dass vornehmlich der Champagner die \u00dcbers\u00e4uerung verursacht hat, die nun mit Satyrin behoben werden soll.<\/p>\n<p>Berufst\u00e4tigkeit ist ein wesentliches Merkmal zahlreicher m\u00e4nnlicher Werbefiguren. So enth\u00fcllt ein erfahrener Gesch\u00e4ftsmann seinem j\u00fcngeren Kollegen in einer Kaffee Hag-Werbung als \u201eGeheimnis [s]eines Erfolges\u201c Ruhe und Gelassenheit dank des entkoffeinierten Kaffees.<a title=\"\" href=\"#_ftn30\">[30]<\/a> In einer Werbung f\u00fcr Mouson Zahncreme wird deren Gebrauch einem beruflichen Aufsteiger nahe gelegt. Eingeleitet wird die Werbung mit der M\u00e4rchen-Floskel: \u201eEs war einmal ein junger Mann\u2026 intelligent genug, um es zu etwas zu bringen [\u2026].\u201c Es wird sehr deutlich auf Aufstiegstr\u00e4ume als unhinterfragte m\u00e4nnliche W\u00fcnsche oder unhinterfragte Zuschreibungen an M\u00e4nnlichkeit verwiesen, die dann an die Verwendung der Zahncreme gebunden werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>Au\u00dferdem taucht der moderne, gepflegte, elegante Mann der Zwanziger h\u00e4ufig neben oder im Hintergrund von Damen auf. Gut gekleidete Paare \u2013 die M\u00e4nner also in Frack \u2013 finden sich in der Werbung von Kaloderma-Seife<a title=\"\" href=\"#_ftn32\">[32]<\/a>, Dulmin-Enthaarungs-Cr\u00e8me<a title=\"\" href=\"#_ftn33\">[33]<\/a>, Leichner-Compact-Puder<a title=\"\" href=\"#_ftn34\">[34]<\/a> und Riquet-Pralinen<a title=\"\" href=\"#_ftn35\">[35]<\/a>, aber auch Autos wie dem achtzylindrigen Audi usw. usf.<a title=\"\" href=\"#_ftn36\">[36]<\/a> Beruflicher Erfolg oder Eleganz und Kultiviertheit bilden die M\u00f6glichkeiten, als Mann attraktiv zu sein.<\/p>\n<p>Hierbei zeigt sich zun\u00e4chst weniger der Mann, mit dem sich M\u00e4nner identifizieren, als der Traummann f\u00fcr Frauen. Die Werbung selbst thematisiert die Tatsache, dass M\u00e4nner als derartige Objekte von und f\u00fcr Frauen eingesetzt werden. In der Reklame f\u00fcr Odol dient die Verwendung des Mundwassers der Steigerung der Attraktivit\u00e4t f\u00fcr die Frau: \u201eSchon wieder ein Korb \u2013 Tabakgeruch aus dem Munde des T\u00e4nzers schreckt jede Dame ab.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn37\">[37]<\/a> Eine Kupferberg Gold-Werbung bringt es in dem begleitenden, kommentierenden Text schlie\u00dflich auf den Punkt: \u201eWas denkt \u201asie\u2018 von Ihnen? Die Dame, welche Sie einladen, beobachtet Sie vielleicht genauer als Sie glauben.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn38\">[38]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Kupferberg-Gold.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3837\" title=\"Kupferberg Gold\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/11\/Kupferberg-Gold-758x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"938\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 4 Werbung <em>Kupferberg Gold<\/em> (1927)<\/p>\n<p>Die Werbung indiziert mit dem eleganten Herrn nicht nur ein g\u00e4ngiges, positiv bewertetes M\u00e4nnerbild, sondern auch, aus welcher Perspektive es projiziert wird, denn nicht nur die Dame in dieser Werbung beobachtet ihr m\u00e4nnliches Gegen\u00fcber, sondern auch die Zeitschrift <em>Die Dame<\/em> sondiert M\u00e4nnerbilder nach Verwendbarkeit f\u00fcr Frauen, aber erst Recht die Rezipientinnen tragen einiges zur Bewertung und Diffusion von M\u00e4nnlichkeitskonzepten in den Zwanziger Jahren bei. Sie wird zu einem Ma\u00dfstab f\u00fcr M\u00e4nnlichkeit, wie auch M\u00e4nner \u2013 das lehren die Women\u2019s Studies \u2013 die Definitionsmacht \u00fcber Weiblichkeitsimaginationen inne haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Taxonomien von M\u00e4nnlichkeit im \u201aweiblichen\u2018 Diskurs<\/p>\n<p>Das Beobachten und anschlie\u00dfende Bewerten war insgesamt ein wesentlicher Bestandteil der Weimarer Kultur. In der Wissenschaft und in popul\u00e4rwissenschaftlichen Publikationen, Ratgebern und Zeitschriften kursierten Orientierungshilfen, die auf allt\u00e4gliche Bereiche des Lebens Bezug nahmen.<a title=\"\" href=\"#_ftn39\">[39]<\/a> Auf Basis \u00e4u\u00dferlich-behavioristisch beobachtbarer Ph\u00e4nomene<a title=\"\" href=\"#_ftn40\">[40]<\/a> wurden zahlreiche Typologien entwickelt, in denen Bewegungsabl\u00e4ufe, Essgewohnheiten oder ein Kleidungsstil dazu dienten, Menschen zu klassifizieren oder normieren. Als entsprechende Objekte wurden immer wieder Frauen angef\u00fchrt und untersucht.<a title=\"\" href=\"#_ftn41\">[41]<\/a> Es kam allerdings auch vor, dass derartige Typologien umgekehrt werden: M\u00e4nner wurden von Frauen taxiert, kategorisiert und beurteilt.<\/p>\n<p>So kann sich die Frau den Mann in einem <em>Uhu<\/em>-Artikel selbst zusammensetzen, in dem viele Seiten mit Photographien von M\u00e4nnergesichtern in drei Teile zerschnitten sind, sodass beim Bl\u00e4ttern unz\u00e4hlige Kombinationsm\u00f6glichkeiten bleiben, ein m\u00e4nnliches Gesicht zu kreieren:<\/p>\n<p>\u201e500 M\u00e4nner nach Ihrer Wahl. Ein lustiges Zusammensetzspiel f\u00fcr die Damen oder: Der Mann, den Sie sich w\u00fcnschen. [\u2026] Kurz, spielen Sie ein wenig lieber Gott, und schaffen Sie sich den Mann nach Ihrem Wohlgefallen.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn42\">[42]<\/a><\/p>\n<p>Feste typische Merkmale und deren Variation und Kombination passen allzu gut in die auf visueller Basis wertende Weimarer Kultur. Schlie\u00dflich er\u00f6rtert die <em>Dame<\/em> die Frage \u201eWelcher Mann ist f\u00fcr die Frau kleidsam?\u201c und kommt zu folgendem Schluss:<\/p>\n<p>\u201eDie Wirkung einer Frau h\u00e4ngt im \u00f6ffentlichen Leben betr\u00e4chtlich von dem sie begleitenden Mann ab. [\u2026] Ihrer Kleidsamkeit wegen besonders beliebt sind: der tiefschwarze gelblich get\u00f6nte Exote, der breite untersetzte Mann mit der Intelligenzbrille, der magere, l\u00e4ssig schleichende Typ mit den ironischen Mundwinkeln, der feine alte Herr mit der Rosette im Knopfloch [\u2026]. F\u00fcr sachlich eingestellten Geschmack kommt noch hinzu: der korpulente Nabob mit dem ger\u00f6teten Gesicht und dem Stock mit Malachitkopf. Auf jeden Fall unkleidsam ist: der ungepflegte Mann mit der schlechten Haltung, der geckenhaft gekleidete Schaufensterj\u00fcngling.<a title=\"\" href=\"#_ftn43\">\u201c[43]<\/a><\/p>\n<p>Zwar steht auch der K\u00f6rperbau der M\u00e4nner zur Debatte, aber kleidsame M\u00e4nner sind in jedem Fall gut gekleidet und bewegen sich souver\u00e4n in der Gesellschaft. M\u00e4nner werden au\u00dferdem in ihrem Flirtverhalten auf das Genaueste beobachtet. Dabei werden die Rollen von Eroberer und Eroberter insofern umgekehrt, als die M\u00e4nner gerade aufgrund ihrer Aktivit\u00e4t leicht einer Taxierung zug\u00e4nglich sind. In dem Flirtspiel scheinen die Frauen also, so suggeriert es ein <em>Uhu<\/em>-Artikel, die Oberhand zu haben, weil sie die Klischees m\u00e4nnlichen Balzverhaltens l\u00e4ngst als solche durchschaut haben.<\/p>\n<p>\u201eSie [die Platte, M.L.] rollt bei jeder Frau wieder von vorn ab, mit denselben Wendungen und denselben Pausen, mit derselben Resignation und demselben Aufwand von Gef\u00fchl. Achten Sie darauf, ob sie bei Ihren Freunden eine Platte feststellen. Die Entdeckung wird sie sehr am\u00fcsieren und Ihnen von vornherein eine gro\u00dfe Ueberlegenheit sichern.<a title=\"\" href=\"#_ftn44\">\u201c[44]<\/a><\/p>\n<p>In Irmgard Keuns Feuilletonartikel <em>System des M\u00e4nnerfangs<\/em> kommt zum Beobachten noch die aktive Selektion und Eroberung von M\u00e4nnern hinzu. <em>System des M\u00e4nnerfangs<\/em> ist eine Anleitung f\u00fcr den M\u00e4nnerfang, die eine Systematik von M\u00e4nnertypen voraussetzt. Der Text selektiert und klassifiziert eroberungsw\u00fcrdige M\u00e4nner nach weiblichen Standards. Indem die Frau als Beobachtungssubjekt und Agens inszeniert wird, werden M\u00e4nner als Objekte weiblicher Fremdzuschreibung behandelt.<a title=\"\" href=\"#_ftn45\">[45]<\/a><\/p>\n<p>Aber: Um diese M\u00e4nner zu erobern, m\u00fcssen sie manipuliert werden. Dadurch werden Frauen zu Seismographen f\u00fcr mehr oder weniger heimliche m\u00e4nnliche Selbstbilder, denn diesen gilt es f\u00fcr einen erfolgreichen Beutezug zu schmeicheln. Am Ende ist daher nicht nur zu fragen, welche M\u00e4nnerbilder entworfen werden, sondern wer hier letztlich wirklich souver\u00e4n \u00fcber die ma\u00dfgebliche Beobachterperspektive verf\u00fcgt oder \u00fcberlegen ist.<\/p>\n<p>Unter r\u00f6misch I. lernt der Leser, vor allem aber die Leserin, schon einiges \u00fcber m\u00e4nnliche Selbstbilder und wie man ihnen entgegen kommt. Als \u201e[a]llgemeine Regeln\u201c formuliert Keun z.B.: \u201eder Eitelkeit des Mannes Futter geben\u201c (SM 138), oder sie stellt fest: \u201eJeder Mann legt Wert darauf, ein im Grunde \u201aeinsamer Mensch\u2018 zu sein. Man respektiere das. Ihn sentimental sein lassen. M\u00e4nner brauchen das \u2013 und k\u00f6nnen es nur bei einer Frau sein\u201c (SM 138).<\/p>\n<p>Die spezifischen Regeln f\u00fcr den \u201aM\u00e4nnerfang\u2018 sind gebunden an den als Ziel gew\u00e4hlten M\u00e4nnertyp, der nach Berufen klassifiziert wird, denen prinzipiell die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung beigemessen wird: \u201eDen Mann behandeln als Mann seines Berufes. Vor allem: Interesse f\u00fcr seinen Beruf\u201c (SM 139). Es wird eine m\u00e4nnliche Identifikation mit dem jeweiligen Beruf unterstellt, der es zu schmeicheln gilt. Hinter dieser Regel verbirgt sich aber keinesfalls Heuchelei, denn Frauen haben in der Tat Interesse f\u00fcr die Berufe der zur Debatte stehenden M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Unter A werden dann k\u00fcnstlerische Berufe wie Schauspieler, Maler, Schriftsteller und auch Redakteure aufgelistet. Unter B fallen \u201eb\u00fcrgerliche Berufe\u201c (SM 140), die Keun absteigend nach Sozialprestige und Einkommen ordnet. Hier finden sich in der genannten Reihenfolge \u00c4rzte, Rechtsanw\u00e4lte, Ingenieure, Kaufleute und Beamte. Kategorie r\u00f6misch II. gro\u00df B. klein d) in Keuns pseudo-wissenschaftlicher und den Objektstatus der M\u00e4nner zementierender Klassifikation bilden beispielsweise die Kaufleute, von denen Folgendes gesagt wird:<\/p>\n<p>\u201ed) <em>Kaufleute<\/em>. Kaufleute wollten eigentlich \u201awas andres werden\u2018, Kaufleute sind zuweilen gern lyrisch und haben ihren Beruf verfehlt. Was nicht hindert, da\u00df sie an ihrem Beruf h\u00e4ngen wie die Kletten. Man bewundere ihr Auto und bemerke nicht, wenn es geliehen ist.\u201c (SM 140f.)<\/p>\n<p>Von Kaufleuten wird, wie eigentlich von allen M\u00e4nnern, behauptet, dass sie an \u201eihrem Beruf h\u00e4ngen wie die Kletten\u201c. Das scheint auch auf dem finanziellen Ertrag des Berufs zu basieren, denn dem Kaufmann ist das Auto wichtig, das \u2013 ob zu Recht oder Unrecht \u2013 als sein Besitz, als ihm zugeh\u00f6rig angesehen werden soll. Materieller Besitz scheint also dem m\u00e4nnlichen Selbstwert zu dienen, und das ist es, was M\u00e4nner auch erst f\u00fcr Frauen interessant macht. Hier sind sich Frauen und M\u00e4nner bei der Fremd- und Selbstzuschreibung einig.<\/p>\n<p>\u00dcberlagert wird dies von der sehr ironischen Behauptung, dass der Kaufmann \u201ezuweilen gern lyrisch\u201c ist. W\u00e4hrend demzufolge gem\u00e4\u00df der m\u00e4nnlichen Selbsteinsch\u00e4tzung der eigentliche, wahre, innere Kern der m\u00e4nnlichen Identit\u00e4t etwas nicht n\u00e4her Bestimmbares ist, das als \u201elyrisch\u201c gefasst wird, vollzieht sich aus weiblicher Perspektive die Umkehrung, dass Frauen als oberfl\u00e4chliche Strategie \u201elyrisch\u201c verfahren m\u00fcssen, auch wenn es tief im Innersten eigentlich beiden um das Auto geht.<\/p>\n<p>Inszeniert wird der Gegensatz von m\u00e4nnlicher Sentimentalit\u00e4t und weiblichem Pragmatismus, aber materialistisch sind M\u00e4nner und Frauen Keuns Text zufolge am Ende gleicherma\u00dfen. Indem das \u201aLyrische\u2018 und das Auto hinsichtlich der Frage, was \u201aeigentlich\u2018 oder \u201atiefer\u2018 zu dem Mann geh\u00f6rt, vertauscht werden, dynamisieren sich Vorstellungen von Essenz und Akzidenz. Eine \u00e4hnliche, je nach Perspektive verschobene Zuordnung von Essenz und Akzidenz wird beispielsweise auch in Bezug auf die Nabobs diskutiert, die unter C. folgen.<\/p>\n<p>\u201eC. nabobs. (Gibt es noch welche?) Geld hat einem gleichg\u00fcltig zu sein, der Nabob auch \u2013 \u201aman will ihn gar nicht\u2018 \u2013. Nabobs sind mi\u00dftrauisch. Ein gutes Rezept: man tue, als halte man ihn f\u00fcr einen Hochstapler und armen Schlucker \u2013 und was man an ihm bewundert, sind seine rein m\u00e4nnlichen Reize und Vorz\u00fcge. Im ersten Stadium der Bekanntschaft weise man jedes Geschenk zur\u00fcck.\u201c (SM 141)<\/p>\n<p>Prim\u00e4r und essentiell m\u00e4nnlich aus m\u00e4nnlicher Sicht ist Geld gem\u00e4\u00df Keun hier zun\u00e4chst einmal nicht. Der Kaufmann verweist noch auf das \u201aLyrische\u2018, das aber schon ein wenig vorgeschoben wird; der neureiche Erfolgsmensch, der Nabob, will tats\u00e4chlich \u201aum seiner selbst Willen\u2018 oder \u201aan sich\u2018 begehrt werden, wenn man seine \u201erein m\u00e4nnlichen Reize\u201c bewundern, seinen Besitz also aus taktischen Gr\u00fcnden gering sch\u00e4tzen soll.<\/p>\n<p>Aus weiblicher Perspektive ist das nat\u00fcrlich nur der Auftakt: Der Mann ist entweder Mittel zum Zweck oder mit dem Geld, den Konsumartikeln oder Luxusg\u00fctern zu identifizieren. Es gibt aus dieser Perspektive keine tieferen, \u201areinen\u2018 metaphysischen Hinterwelten m\u00e4nnlicher Substanz mehr, die die Kaufm\u00e4nner und Nabobs doch gerne bem\u00fchen. Hierin zeigt sich die eingangs skizzierte Ungleichzeitigkeit m\u00e4nnlicher und weiblicher Perspektiven auf Anforderungen an M\u00e4nnlichkeit.<a title=\"\" href=\"#_ftn46\">[46]<\/a><\/p>\n<p>Das m\u00e4nnliche Selbstbild ist gem\u00e4\u00df Keun noch nicht ganz im Wirtschafts-, Konsum- und Unterhaltungsdiskurs der Zwanziger Jahre angekommen. Insgesamt impliziert die Weimarer oder Neue Sachlichkeit Sentimentalit\u00e4t, die Keun gerade M\u00e4nnern zuschreibt, denen in diesem Habitus von weiblicher Seite, wie bereits zitiert, entgegenzukommen ist (vgl. SM 138). Selbst unter der positiven Bedingung, die Erwartungen erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, changiert das m\u00e4nnliche Selbstbild zwischen Annahme und Ablehnung dieses M\u00e4nnlichkeitsbildes, und in Keuns Feuilletonbeitrag klingt als Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Ablehnung durch, dass das neue, sachliche \u201aweibliche\u2018 M\u00e4nnerbild der Zwanziger Jahre ein sicheres \u201aEigentliches\u2018 verwehrt.<\/p>\n<p>Es wird allzu offenbar, dass das, was zugeschrieben, auch wieder abgezogen werden kann. M\u00e4nnern werden nun offener kulturelle Konzepte zugewiesen, die als \u00e4u\u00dferliche Rolle in ihrer performativen Dimension durchschaubar werden. Die Grenze zwischen au\u00dfen und innen, die im Ersten Weltkrieg so klar war wie das soldatische M\u00e4nnlichkeitsbild, verschwimmt.<\/p>\n<p>Konstitution und Bedrohung der m\u00e4nnlichen Identit\u00e4t sind nun beide akzidentell, nicht mehr \u201asubstantiell\u2018 oder \u201anat\u00fcrlich\u2018. Ebenso handelt es sich nun bei den Anspr\u00fcchen an den Mann auch nicht mehr um die Forderung aus dem 19. Jahrhundert nach dem Versorger, der immerhin geheiratet hat, also auf Dauer als ganzer Mann wahrgenommen wird. Vielmehr ist der Mann nur noch Accessoire seines Geldes in unverbindlicheren Beziehungen oder Begegnungen, die so lange w\u00e4hren wie dieses Geld reicht.<\/p>\n<p>Aus weiblicher Perspektive scheint das zun\u00e4chst einmal kein Problem zu sein und wird zumindest in Keuns Artikel gnadenlos inszeniert: M\u00e4nner fallen ganz einfach aus der Kategorie Mann raus, wenn sie nicht \u00fcber finanzielle Potenz verf\u00fcgen \u2013 oder wenigstens noch K\u00fcnstler sind. Aber in der Hinsicht sei bemerkt, dass auch hier die Berufe z\u00e4hlen und dass nicht etwa der mittellose Bohemien mit dem K\u00fcnstler gleichgesetzt wird, sondern z.B. der Verleger, der nicht unbedingt zum Prekariat z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Geld wird auf diese Weise f\u00fcr Frauen, aber letztlich auch f\u00fcr M\u00e4nner selbst schon zu einem prim\u00e4ren Aspekt von M\u00e4nnlichkeit. Kein Wunder, dass der Hochstapler<a title=\"\" href=\"#_ftn47\">[47]<\/a> und der Heiratsschwindler<a title=\"\" href=\"#_ftn48\">[48]<\/a> Konjunktur haben, wobei man keineswegs den Umweg \u00fcber oder R\u00fcckgriff auf den Ersten Weltkrieg nehmen oder t\u00e4tigen muss, wie Helmut Lethen es tut, um deren Aufkommen zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dieses an Geld gekn\u00fcpfte M\u00e4nnerbild ist, auch wenn man dieses selbst nicht bereits als Symptom krisenhafter M\u00e4nnlichkeit auffasst, sehr anf\u00e4llig f\u00fcr oder abh\u00e4ngig von \u00e4u\u00dferlich bedingten Problemen. Das zeigt sich auch in Keuns Roman von 1932 <em>Das kunstseidene M\u00e4dchen<\/em>:<\/p>\n<p>\u201eUnd Therese riet mir zu Jonny Klotz, den wir kennen lernten in der Palastdiele \u2013 und riet das, weil er ein Auto hat [\u2026]. Ich sagte nur: du hast keinen Blick f\u00fcr M\u00e4nner und heutige Zeit Therese \u2013 was hei\u00dft Mann mit Auto, wo es doch nicht bezahlt ist? Wer heutzutage Geld hat, leistet sich Stra\u00dfenbahn, und 25 Pfennig bar sind ein solideres Zeichen als Auto und Benzin auf Pump.\u201c (KM 29)<\/p>\n<p>\u201eBlick f\u00fcr M\u00e4nner\u201c zu haben, bedeutet auch in dem Roman, sie im Hinblick auf ihren finanziellen Status taxieren zu k\u00f6nnen. Deutlicher als in Bezug auf den Kaufmann wird bei Jonny Klotz zu Vorsicht geraten. Das Auto k\u00f6nnte \u201eauf Pump\u201c sein, und dann bleibt fraglich, ob es \u00fcberhaupt zu einer Einladung zum Abendessen reicht. Auf dem Luxussektor unter den M\u00e4nnern hat ein Aussterben des Nabobs eingesetzt, von dem Keun ja in ihrem Feuilletonartikel fragt, ob es ihn noch gibt.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte im Hinblick auf das Zitat eingewendet werden, dass sich die Krise dabei in Grenzen h\u00e4lt. Nicht f\u00fcr die Gesellschaft, die Wirtschaft oder die politische Stabilit\u00e4t, aber f\u00fcr Projektionen auf M\u00e4nnlichkeit. Wohlstand ist relativ und weil 25 Pfennige zum Zeichen finanzieller Potenz werden k\u00f6nnen, besteht auch f\u00fcr die M\u00e4nnlichkeit ihres Besitzers immer noch eine Chance. Letztlich geht die Umkehrung der Perspektiven in dem Geschlechterspiel auch nicht ganz auf, denn mit der gleichen Sch\u00f6nheit und dem gleichen Wohlverhalten muss die Frau sich nun eine Stra\u00dfenbahnfahrt erarbeiten, wo zuvor noch ein Luxusurlaub zu erwarten gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Insgesamt wird eine \u00e4u\u00dferst prek\u00e4re Weiblichkeit beschworen, die sich selbst in Abh\u00e4ngigkeit von M\u00e4nnern inszeniert. Gerade im <em>Kunstseidenen M\u00e4dchen<\/em> erscheint die Ich-Erz\u00e4hlerin als Pikara,<a title=\"\" href=\"#_ftn49\">[49]<\/a> die sich selbst tats\u00e4chlich getrieben vom Hunger zur Dienerin vieler Herren macht, also sich mithilfe episodischer Prostitutionsverh\u00e4ltnisse \u00fcber Wasser h\u00e4lt. F\u00fcr sie ist jede lineare Entwicklung ausgeschlossen, die auf Bildung oder bildungsb\u00fcrgerlichen Ma\u00dfst\u00e4ben basiert. Dialektische Synthesen mit der Umwelt, die eine positive Entwicklung, Progression oder Fortschritt garantierten, w\u00e4ren unm\u00f6glich bzw. wirkten angesichts des Handlungsspielraums der Erz\u00e4hlerin verlogen, wie sie selbst in einem langen reflektierenden Monolog bekundet, der \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 als Replik auf Siegfried Kracauers Kritik an den \u201ekleinen Ladenm\u00e4dchen\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn50\">[50]<\/a> angelegt ist (KM 171-174).<\/p>\n<p>Angesichts der pikaresken Struktur, die die Prekarit\u00e4t der Erz\u00e4hlerin betont, mag es verwundern, den Roman im Kontext einer M\u00e4nnlichkeitskrise zu diskutieren. Selbstverst\u00e4ndlich muss von einer weiblichen Krise, einer Identit\u00e4tskrise sowie einer finanziellen oder materiellen Krise und ebenso von der sozialen Krise einer ganzen Schicht gesprochen werden, aber eben nicht von einer Krise der Weiblichkeit als Geschlechtsrolle, die durch die pikaresken Gaukelspiele<a title=\"\" href=\"#_ftn51\">[51]<\/a> der Erz\u00e4hlerin in keiner Weise getr\u00fcbt oder in Frage gestellt wird. Im Zuge der Wirtschaftskrise der Weimarer Republik ist es nicht Weiblichkeit, die als Erstes zur Debatte steht oder bedroht ist, auch wenn Frauen nat\u00fcrlich auch zu den Opfer geh\u00f6rten, sondern zun\u00e4chst sind M\u00e4nner nicht nur konkret, sondern in ihrer M\u00e4nnlichkeit zutiefst getroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">M\u00e4nnlichkeitskrise in Texten der Neuen Sachlichkeit<\/p>\n<p>Zahlreiche Selbstmorde im Zuge des B\u00f6rsenkrachs von 1929 zeugen davon, dass letztlich auch M\u00e4nner ihre Identit\u00e4t und Wertigkeit an ihr Verm\u00f6gen gekn\u00fcpft hatten, auch wenn das in den Zwanziger Jahren in gro\u00dfem Ma\u00df aus einer \u201aweiblichen\u2018 Perspektive in den Diskurs eingespeist wurde.<\/p>\n<p>ie Krise der M\u00e4nnlichkeit als Umbruchsph\u00e4nomen mit Risiken und Chancen, die sich zwischen substantiellen und offen performativen Geschlechterzuschreibungen sowie zwischen Erstem Weltkrieg und relativer wirtschaftlicher Stabilisierung auftut, wandelt sich mit dem Niedergang der Wirtschaft letztlich in eine Katastrophe, weil bei aller Sentimentalit\u00e4t und Nostalgie schlie\u00dflich doch die neue Herausforderung angenommen und in das m\u00e4nnliche Selbstbild integriert wird.<\/p>\n<p>Dem entsprechend ist der \u201aNeue Mann\u2018 der Zwanziger Jahre am Ende der doppelt geschw\u00e4chte Mann, weil sich zuerst sein Identit\u00e4tskonzept in der Abkehr vom Ersten Weltkrieg verfl\u00fcchtigt oder verfremdet, und es dann versagt oder sich als uneinholbar erwiesen hat. Ablesbar ist die Katastrophe (der M\u00e4nnlichkeit) auch an neusachlichen Romanen, in denen von K\u00e4lte, Dynamik und Souver\u00e4nit\u00e4t nichts zu sp\u00fcren ist. Vielmehr sind es die kleinen Buchhalter, Kaufleute und Werbetexter, die der neuen Welt aus ihrer ohnehin schon marginalen oder nischenhaften Perspektive nicht gewachsen sind und unter anderem vom Wirtschaftssystem in seiner Krise geradezu zermalmt werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn52\">[52]<\/a><\/p>\n<p>Hans Falladas Buchhalter Pinneberg aus <em>Kleiner Mann \u2013 was nun?<\/em> ist seiner Ehefrau und seiner Tochter treu ergeben. Der Leser oder die Leserin kann ihn dabei verfolgen, wie er r\u00fchrende Haushaltspl\u00e4ne aufstellt und sich seiner Verantwortung f\u00fcr die Familie stellt, aber am Ende des Romans muss die Familie in eine Gartenlaube ziehen und unter schlechtesten finanziellen Bedingungen leben.<\/p>\n<p>Erich K\u00e4stners Fabian aus dem gleichnamigen Roman bewegt sich passiv durch die Handlung. Positiv wird immer formuliert, er bilde dadurch die Sonde, die dem Erz\u00e4hler als Medium dient, um seine Zeit darzustellen. Aber eigentlich wird er vom Fluss der modernen Zeit getrieben, bis er am Ende ertrinkt, als er bezeichnenderweise als Nicht-Schwimmer einen Jungen aus einem Fluss rettet.<\/p>\n<p>Der zu Unrecht weniger bekannte Hans Keilson konstruiert in <em>Das Leben geht weiter<\/em> den anst\u00e4ndigen Kaufmann Seldersen, der in eine Kredit- bzw. Schuldenfalle ger\u00e4t. Herr Seldersen erkl\u00e4rt seinem Sohn ganz kleinschrittig das Prinzip:<\/p>\n<p>\u201e[\u2026] wenn der Arbeiter hier kein Geld hat, mu\u00df er eben borgen, denn die Ware mu\u00df er haben, er mu\u00df etwas auf dem Leibe tragen. Aber mir fehlt das Geld, und ich bleibe meinen Lieferanten die Zahlung schuldig, die die Ware vielleicht auch erst irgendwoher beziehen. So gibt es bis oben hinaus eine Stockung, bis zu den Fabriken, die die Ware herstellen, und den Banken, die die Kredite bewilligen. Sieger bleibt der, der die st\u00e4rkste Lunge hat, es am l\u00e4ngsten aushalten kann, gew\u00f6hnlich eben der, der Kapital hinter sich hat. Nur wer heute Kapital hinter sich hat, h\u00e4lt durch, die anderen werden zugrunde gehen.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn53\">[53]<\/a><\/p>\n<p>\u00dcberleben im neusachlich-kapitalistischen Wirtschaftssystem erscheint fast direkt als darwinistisches <em>survival of the fittest<\/em>, weil es die \u201est\u00e4rkste Lunge\u201c ist, die am Ende \u00fcbrig bleibt. So ganz geht es offenbar nicht ohne eine k\u00f6rperlich-biologische Verankerung, wenn der \u00dcberlebenskampf in der Weltwirtschaftskrise beschrieben werden soll. Derartige semantische \u00dcberlagerungen legen oft eine Naturalisierung und damit Legitimierung des Bildempf\u00e4ngers nahe. In diesem Fall ist die Erz\u00e4hlung aber auf der Seite der schwachen Lungen, also auch einem Protagonisten, dem die <em>fitness<\/em> fehlt. Das geht im Roman explizit mit Scham einher.<\/p>\n<p>\u201eZuerst war es Scham, Herr Seldersen sch\u00e4mte sich vor sich selbst, vor seiner Frau und den Kindern, vor allen \u00fcbrigen Menschen, da\u00df es so mit ihm stand. Was sollte er denn tun, er hatte alles getan, was in seiner Macht lag. Dennoch sch\u00e4mte er sich.\u201c (LW 89)<\/p>\n<p>Die Scham resultiert zumindest aus eigener Perspektive nicht aus einem aktiven Fehlverhalten oder einer Schuld \u2013 an anderer Stelle sagt er: \u201eMich trifft keine Schuld\u201c (LW 120).<a title=\"\" href=\"#_ftn54\">[54]<\/a> Die Scham indiziert vielmehr eine nach au\u00dfen als Gesichtsverlust oder nach innen als Identit\u00e4tsproblem wirksame Differenz zwischen der Realit\u00e4t und einem Ideal bzw. Wertma\u00dfstab, und sie setzt eine eigene und fremde Identifikation mit diesem Wertma\u00dfstab voraus,<a title=\"\" href=\"#_ftn55\">[55]<\/a> in diesem Fall also das Wirtschaftssystem, innerhalb dessen man sich als funktional erweisen, sich beweisen muss.<\/p>\n<p>Scham sagt im vorliegenden Kontext weit mehr aus als die Thematisierung einer konkreten Not, von der auch oder sogar viel mehr weibliche Figuren betroffen sind. Die Scham impliziert den wirtschaftlichen Erfolg als einen Aspekt des Selbstbildes, und damit erkennt sie an, dass die Wirtschaft zum Ma\u00dfstab f\u00fcr m\u00e4nnliche Identit\u00e4tskonzepte geworden ist.<\/p>\n<p>Das Versagen am Ende ist fatal genug, aber prinzipiell ist die Verstrickung mit einem Gegner dem\u00fctigend, der eine Freund-Feind-Unterscheidung nicht mehr zul\u00e4sst, der Aspekte der eigenen Identit\u00e4t oder deren Ideal formiert und gleichzeitig \u00e4u\u00dferlich und fremd unerbittlich gegen\u00fcber steht. Hat der Mann ein \u201amaterialistisches\u2018 Bild seiner selbst angenommen, kann er nur noch nach der Bedingung seines Gegners k\u00e4mpfen oder \u00fcberhaupt leben. Und dabei ist er nicht mehr eigenm\u00e4chtig seines Gl\u00fcckes Schmied wie versprochen oder erwartet, weil in der komplexen Konstellation praktisch kein Zusammenhang mehr zwischen der eigenen Handlung und den Folgen sichtbar wird.<\/p>\n<p>Das ist bei biologistischen M\u00e4nnlichkeitszuschreibungen meist noch anders. Aber ebenso wie sich M\u00e4nnlichkeitskonzepte in weiten Teilen des Weimarer Diskurses schon l\u00e4ngst vom soldatischen Heros gel\u00f6st hatten, bezieht sich auch die Scham als Epochensignatur im Gegensatz zu Lethens Beobachtungen sehr h\u00e4ufig nicht auf den Ersten Weltkrieg. Auch Seldersen hat den Krieg \u00fcberstanden: \u201e[S]eine Kraft war ungebrochen\u201c, \u201eer packte t\u00fcchtig mit an, \u00fcberall hie\u00df es eben wieder aufbauen\u201c (LW 15).<\/p>\n<p>Am Ende der Weimarer Republik sieht das anders aus. Es zeichnet sich ein Niedergang ab, der nur noch Scham l\u00e4sst. Und ganz am Ende ist auch die Scham ein Luxus, den sich Seldersen kaum noch leisten kann. In dem Gespr\u00e4ch mit seiner Frau, in der er dies enth\u00fcllt, konstatiert wiederum sie als weibliche Protagonistin: \u201eDu hast keine Kraft mehr. Er nickt traurig: \u201aNein\u2018. \u201aDu bist kein Mann mehr.\u2018 \u201aNein.\u2018 Schweigen\u201c (LW 173). Kraft bezieht sich hier auf Kapital, auf Zahlkraft und Kreditw\u00fcrdigkeit, an die f\u00fcr die Ehefrau das Mannsein gebunden ist.<\/p>\n<p>Die Ehefrau ist weniger besch\u00e4digt. Sie ist es auch, die Seldersen sp\u00e4ter davon abh\u00e4lt, sich zu erschie\u00dfen und die noch aktiv den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg aufzuhalten versucht. Auch die weiblichen Protagonisten leiden, wie bereits gesagt, an der Wirtschaftskrise, jedoch ohne diesen schamhaften Habitus. Der eigene wirtschaftliche Erfolg bildet auch nicht das Ideal der Weiblichkeit, und so k\u00f6nnen die Protagonistinnen oft noch spielerisch, kokett oder pragmatisch mit den Problemen umgehen, was zumindest der Weiblichkeit oder den Klischees von Weiblichkeit nicht den geringsten Abbruch tut. Die m\u00e4nnlichen Protagonisten sind die Versager, und zwar nicht nur, weil sie als beruflich Aktive konkret versagt haben, sondern weil es in den Zwanziger Jahren ganz forciert dem m\u00e4nnlichen Ideal oder der M\u00e4nnlichkeit entspricht, sich auf dem Wirtschaftssektor zu beweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Zusammenfassung<\/p>\n<p>In den Zwanziger Jahren werden aus zeitgen\u00f6ssischer weiblicher Perspektive M\u00e4nner oder Vorstellungen von M\u00e4nnlichkeit nicht in einem \u201anat\u00fcrlichen\u2018, sondern einem kulturellen bzw. kultivierten Koordinatensystem verankert. Wo die \u00f6ffentliche Frau androgyn wird und sich von biologischen Konstruktionen ihres Geschlechts l\u00f6st, ist aus weiblicher Sicht auch weniger Platz f\u00fcr ein solches M\u00e4nnerbild.<\/p>\n<p>Nun erstaunt es heute nicht, wenn von kulturellen Zuschreibungen zu einem Geschlecht die Rede ist. In der Weimarer Republik vollzieht sich damit aber ein krisenbesetzter Umbruch von essentiellen Geschlechterbildern zu performativen Kategorien. Im Kontext der Goldenen Zwanziger Jahre implizieren die besagten, im weiblichen Diskursraum entworfenen M\u00e4nnlichkeitskonzepte im Speziellen fast automatisch eine Abh\u00e4ngigkeit zum Wirtschaftssystem.<\/p>\n<p>Es ist sachlich, M\u00e4nner daran zu bemessen, was sie an materiellem Wohlstand einbringen. Selbstverst\u00e4ndlich liegen hierbei zahlreiche Abstufungen vor. W\u00e4hrend die Werbung kein Interesse an Ironie und Doppelb\u00f6digkeit haben kann, sondern Frauen materielle Anforderungen an M\u00e4nnern ganz ungebrochen aus Eigennutz souffliert, liegt beispielsweise in Keuns Artikel ein Bewusstsein f\u00fcr die Klischeehaftigkeit und Frechheit der Aussagen vor, die letztlich nur einem Minorit\u00e4tenbewusstsein entstammen k\u00f6nnen, wodurch fraglich bleibt, wie machtvoll der besagte \u201aweibliche\u2018 Diskurs letztlich wirklich ist oder ob nicht aus der Not eine Tugend gemacht und im Grunde nur m\u00e4nnliche Selbstbilder gespiegelt werden.<\/p>\n<p>Im Ergebnis l\u00e4uft die aufgezeigte kommunikative Dynamik allerdings auf das Gleiche hinaus: M\u00e4nnlichkeit bedeutet finanzielle Potenz, und diese Korrelation schafft ganz neue, ganz profane moderne m\u00e4nnliche Identit\u00e4ten und Probleme. M\u00e4nnlichkeit kann mit dem Aktienkurs fallen, wodurch sich eine m\u00e4nnliche Schamkultur ausbildet, die direkt in den Zwanziger Jahren wurzelt.<\/p>\n<p>Wie auch immer der \u201aweibliche\u2018 Anteil hinsichtlich seiner Eigenst\u00e4ndigkeit an der zeitgen\u00f6ssischen Konstruktion von M\u00e4nnlichkeit im Detail zu bewerten ist: es ist lohnend im Rahmen der Men\u2019s Studies und der Forschung zur Weimarer Republik diesen Diskursraum als Beobachterperspektive in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>M\u00e4nnlichkeit konstituiert sich in der wechselseitigen Projektion von Selbst- und Fremdbildern, also auch im Spiegel weiblicher Interessen. Zum einen wirkt sich dies schon in der zeitgen\u00f6ssischen Interaktion auf den Gegenstandsbereich aus bzw. konstituiert gerade die wechselseitige Perspektivierung erst den Gegenstand selbst \u2013 und zwar nicht nur M\u00e4nnlichkeit, sondern auch deren Krise: Die fremde, \u201aweibliche\u2018 Perspektive auf M\u00e4nner, aus der Zuschreibungen und Anforderungen kommen, kann allein schon als Krise bewertet werden.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es ja die gr\u00f6\u00dfte M\u00e4nnlichkeitskrise der Zwanziger Jahre, dass M\u00e4nner nun ganz ostentativ nicht die einzigen sind, die \u00fcber die Definitionsmacht von M\u00e4nnlichkeit verf\u00fcgen. Zum anderen kann in der Forschung ein weitaus gr\u00f6\u00dferes Korpus bzw. ein deutlich breiteres Spektrum zu Rate gezogen werden \u2013 dessen bisherige Ignoranz gerade im Kontext der Zwanziger Jahre ebenfalls unter gendertheoretischen Gesichtspunkten problematisiert und zum Reflexionsgegenstand erhoben werden m\u00fcsste: Es w\u00e4re innovativ, im Rahmen der Men\u2019s Studies M\u00e4nnlichkeit in ihrer Abh\u00e4ngigkeit von Weiblichkeit zu untersuchen. Immerhin nehmen die Women\u2019s Studies ja geradezu ihren Ausgangspunkt im fremden Blick auf die Frau.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte, wie schon mehrfach in dem vorliegenden Beitrag geschehen, einwenden, dass der Einsatz des m\u00e4nnlichen Blicks in den Women\u2019s Studies schlie\u00dflich mit konkreten Machtkonstellationen zusammen h\u00e4ngt, da der weibliche Blick auf den Mann m\u00f6glicherweise selbst bereits in Abh\u00e4ngigkeit von m\u00e4nnlichen Perspektiven eingestellt ist.<\/p>\n<p>Dennoch und bei aller anzuratenden Vorsicht, dabei nicht in geschlechtliche Essentialismen zu verfallen, ist es aber auch im Rahmen der Men\u2019s Studies fruchtbar, die weibliche Perspektive zu ber\u00fccksichtigen. Immerhin zeigt zumindest das vorliegende Beispiel neue Facetten von M\u00e4nnlichkeit in den Zwanziger Jahren, und gleichzeitig enth\u00fcllt sich der blinde Fleck der bisherigen Forschung, die M\u00e4nnlichkeit in dieser Zeit als Zwischen<em>kriegs<\/em>kategorie auf Basis eines nur \u201ahalben\u2018, n\u00e4mlich \u201am\u00e4nnlichen\u2018 Korpus festgeschrieben hat.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Anmerkungen<\/strong><\/div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Lynne Frame: \u201eGretchen, Girl, Gar\u00e7onne? Weimar Science and Popular Culture in Search of the Ideal New Woman\u201c, in: Katharina von Ankum (Hrsg.): Women in the Metropolis. Gender and Modernity in Weimar Culture, Berkeley 1997, S. 12-40.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Julia Bertschik: Mode und Moderne. Kleidung als Spiegel des Zeitgeistes in der deutschsprachigen Literatur, K\u00f6ln 2005, S. 181; Barbara Drescher: \u201eDie \u201aNeue Frau\u2018\u201c, in: Walter F\u00e4hnders\/Helga Karrenbrock (Hrsg.): Autorinnen der Weimarer Republik, Bielefeld 2003, S. 168, 172.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Renny Harrigan: \u201eDie emanzipierte Frau im deutschen Roman der Weimarer Republik\u201c, in: James Elliot\/J\u00fcrgen Pelzer\/Carol Poore (Hrsg.): Stereotyp und Vorurteil in der Literatur. Untersuchungen zu Autoren des 20. Jahrhunderts, G\u00f6ttingen 1978, S. 70; Hanne Loreck: \u201eAuch Greta Garbo ist einmal Verk\u00e4uferin gewesen. Das Kunstprodukt \u201aNeue Frau\u2019 in den zwanziger Jahren. Einige \u00dcberlegungen zu einer Photo- und Skulpturausstellung im Georg Kolbe Museum in Berlin\u201c, in: Frauen, Kunst, Wissenschaft 9\/10 (1990), S. 22f.; Frame: \u201eGretchen, Girl, Gar\u00e7onne?\u201c; Stefana Lefko: Female Pioneers and Social Mothers. Novels by Female Authors in the Weimar Republic and the Construction of the New Woman, Mass. 1998, S. 11f.; Vibeke R\u00fctzou Petersen: Women and Modernity in Weimar Germany. Reality and Representation in Popular Fiction, New York 2001, S. 136.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Siegfried Kracauer: \u201eAsyl f\u00fcr Obdachlose\u201c, in: ders.: Die Angestellten, Frankfurt\/M. 1971, S. 95.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Vgl. FN 3, au\u00dferdem bspw. Patrice Petro: Joyless Streets. Women and Melodramatic Representation in Weimar Germany, Princeton 1989, S. 79-139; Katharina Sykora u.a.: \u201eDie Neue Frau. Ein Alltagsmythos der Zwanziger Jahre\u201c, in: Katharina Sykora u.a. (Hrsg.): Die Neue Frau. Herausforderung f\u00fcr die Bildmedien der Zwanziger Jahre, Berlin 1993, S. 11; Katharina von Ankum: \u201eKarriere \u2013 Konsum \u2013 Kosmetik. Zur \u00c4sthetik des weiblichen Gesichts\u201c, in: Claudia Schm\u00f6lders\/Sander Gilman (Hrsg.): Gesichter der Weimarer Republik. Eine physiognomische Kulturgeschichte, K\u00f6ln 2000, S. 179f.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Wobei anzumerken ist, dass gerade nach Erhalt des Wahlrechts Zukunftsentw\u00fcrfe z.B. seitens der Frauenbewegung vage blieben, weil diese in ihrer b\u00fcrgerlichen Variante zun\u00e4chst einmal \u00fcber das erreichte Ziel hinaus keine Forderungen hatte (Friedrun Bastkowski\/Christa Lindner\/Ulrike Prokop: Frauenalltag und Frauenbewegung im 20. Jahrhundert. 1890-1933. Materialsammlung zu der Abteilung 20. Jahrhundert im Historischen Museum Frankfurt. Frankfurt\/M. 1980, S. II\/8). Vielleicht ist es also weniger der Zukunftsbezug als Gegenw\u00e4rtigkeit, die das Frauenbild der Zwanziger Jahre pr\u00e4gte. Zudem zeigt nat\u00fcrlich gerade die Geschichte der Frauenbewegung die historische Dimension der Neuen Frau, die aber als das Massenph\u00e4nomen, als das sie in den Zwanzigern galt, dennoch keine direkten Vorl\u00e4ufer hatte.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 In der Krise ganz am Ende der Weimarer Republik, nachdem also die hier zu behandelnde M\u00e4nnlichkeitskrise um sich gegriffen hatte, kommt es allerdings sehr wohl wieder zu Restaurierungen \u201a\u00e4lterer\u2018 Frauenbilder, d.h. es kann jederzeit wieder ein R\u00fcckgriff auf traditionelle Weiblichkeitskonzepte erfolgen, was die progressiven Weiblichkeitsimaginationen Mitte der Zwanziger Jahre umso mehr unterstreicht. \u201eDer Gar\u04abonnetyp ist als zukunftsfrohes Symbol der modernen, selbst\u00e4ndigen, versachlichten Frau begr\u00fc\u00dft oder abgelehnt worden. Ist es ein Zufall, da\u00df um 1930, zur Zeit der Krise, pl\u00f6tzlich wieder \u201aweiche Weiblichkeit\u2018, mit l\u00e4ngeren Haaren und R\u00f6cken, k\u00f6rpernahen Schnitten und betonter Taille gefragt ist?\u201c (Ausstellungskatalog: Frauenalltag und Frauenbewegung. 1890-1980, hrsg. v. Historischen Museum Frankfurt\/M. Basel, Frankfurt\/M. 1981, S. 57).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Kurt Pinthus: \u201eM\u00e4nnliche Literatur\u201c, in: Das Tage-Buch 10 (1929), Nr. 1, S. 903-911. Gleichwohl gesteht Pinthus einigen Schriftstellerinnen einen \u00e4hnlichen \u201aVerm\u00e4nnlichungsgrad\u2018 zu, weshalb Ulrike Baureithel davon spricht, dass sich geschlechtliche Zuschreibungen in dem Kontext schon von ihren \u201ebiologischen Tr\u00e4gern\u201c l\u00f6sen (Ulrike Baureithel: \u201eMasken der Virilit\u00e4t. Kulturtheoretische Strategien zur \u00dcberwindung des m\u00e4nnlichen Identit\u00e4tsverlustes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts\u201c, in: Die Philosophin 8 (1993): Paradigmen des M\u00e4nnlichen, S. 24-35). Dennoch bleibt es bei der Kategorie \u201am\u00e4nnlich\u2018 unabh\u00e4ngig von der Zuordnung der biologischen Geschlechter, die seitens m\u00e4nnlicher Autoren zum Leitbild der Sachlichkeit erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 \u201e[T]he myth of masculinity\u201c wurde nach beiden Weltkriegen gepflegt. Selbst wenn ein Bewusstsein f\u00fcr dessen Aufgesetztheit vorlag, bildete er durchaus den Ma\u00dfstab f\u00fcr Diskussionen um M\u00e4nnlichkeit nach den Weltkriegen (Vgl. Maragret Randolph Higonnet u.a.: \u201eIntroduction\u201c, in: dies. [Hrsg.]: Behind the Lines. Gender and the Two World Wars. New Haven\/London 1987, S. 11), sodass nicht zu Unrecht von einer speziellen \u201aNachkriegs-Virilit\u00e4t\u2018 gesprochen werden kann, wie es die Forschung zur Weimarer Republik unerm\u00fcdlich tut.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> \u00a0\u00a0 Erich Tro\u00df: \u201eDie neue Sachlichkeit\u201c, in: Frankfurter Zeitung vom 11.09.1925, abgedruckt in: Sabina, Becker: Die Neue Sachlichkeit. Bd. 2: Quellen und Dokumente, K\u00f6ln 2000, S. 27. Die Hervorhebungen liegen im Originaltext vor.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> \u00a0\u00a0 Helmut Lethen: Verhaltenslehren der K\u00e4lte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Frankfurt\/M. 1994. Klaus Theweleits Studie zu \u201aM\u00e4nnerphantasien\u2018 nimmt schon in Bezug auf die von M\u00e4nnern entworfenen Objekte als Basis und Ausgangspunkt das soldatische Subjekt (Klaus Theweleit: M\u00e4nnerphantasien. Bd. 1: Frauen, Fluten, K\u00f6rper, Geschichte, Frankfurt\/M. 1977). Sein zweiter Band <em>M\u00e4nnerk\u00f6rper. Zur Psychoanalyse des wei\u00dfen Terrors<\/em> war schlie\u00dflich diskursbildend f\u00fcr die Fokussierung auf das \u201eIch des soldatischen Mannes\u201c (Ders.: M\u00e4nnerphantasien. Bd 2: M\u00e4nnerk\u00f6rper. Zur Psychoanalyse des wei\u00dfen Terrors. [1977] M\u00fcnchen 1995, S. 206) in Bezug auf die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> \u00a0\u00a0 Annette Dorgerloh: \u201e\u201aSie wollen wohl Ideale klauen\u2026?\u2018 Pr\u00e4figurationen zu den Bildpr\u00e4gungen der \u201aNeuen Frau\u2018\u201c, in: Sykora u.a. (Hrsg.): Die Neue Frau, S. 25-50, S. 25: \u201eDas Kaiserreich mit seinen ger\u00fcsteten Helden war auf den Schlachtfeldern untergegangen, und mit den alten Institutionen hatten auch deren Symbole ihre Kraft eingeb\u00fc\u00dft. Angesichts der Schmach der besiegten Krieger und der entthronten Autorit\u00e4ten vermochten die alten Bilder m\u00e4nnlicher Macht f\u00fcr eine begrenzte Zeit nicht mehr integrierend wirken. [\u2026] Das Titelblatt der Neujahrsnummer [des <em>Simplicissimus<\/em>, M.L.] setzte eine Allegorie des Neuanfangs dagegen: Die \u201aHoffnung\u2018 ist eine junge Frau [\u2026].\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> \u00a0\u00a0 Ansonsten hat \u2013 bei einer groben Durchsicht von M\u00e4nnlichkeitstypen dieser Epoche \u2013 das Arsenal der Jahrhundertwende \u00fcberlebt: Es gibt den Bohemien und den Dandy noch, und aus Wiener Kaffeehausschriftstellern wurden Berliner Kneipenjournalisten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> \u00a0\u00a0 \u00c4hnliches konstatiert Hans Ulrich Gumbrecht in Bezug auf die popul\u00e4re Figur des Boxers (vgl. ders.: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit, Frankfurt\/M. 2001).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> \u00a0\u00a0 Irmgard Keun: \u201eSystem des M\u00e4nnerfangs\u201c, in: Stefanie Arend\/Ariane Martin: Irmgard Keun. 1905-2005. Deutungen und Dokumente, Bielefeld 2005, S. 138-141. K\u00fcnftig zitiert mit der Sigle SM und Seitenangabe.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> \u00a0\u00a0 Allerdings liegen im vorliegenden Kontext bis auf Irmgard Keuns Beitrag ausschlie\u00dflich Ausgaben aus den fr\u00fchen Zwanziger Jahren vor, w\u00e4hrend aus dem <em>Uhu<\/em> und der <em>Dame<\/em> auch sp\u00e4tere Ausgaben ber\u00fccksichtigt werden. Ein streng synchroner Vergleich w\u00fcrde zeitliche Verschiebungen als Drittvariable ausschlie\u00dfen, was bei einer quantitativen Analyse notwendig w\u00e4re.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> \u00a0\u00a0 Der Querschnitt durch 1922, hrsg. v. Alfred Flechtheim u.a. Berlin u.a. 1922, S. 37.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> \u00a0\u00a0 Ebd., S. 65 u. 124. Auch im <em>Uhu<\/em>, dessen Zielpublikum aus M\u00e4nnern und Frauen bestand, finden sich allerdings durchaus \u00e4hnliche Darstellungen (Uhu, Heft 1, 3. Jg. Oktober 1926, S. 68ff). Gumbrecht w\u00fcrde ganz im Gegensatz zur vorliegenden Analyse schon den Stierkampf als Ausdruck einer Destabilisierung der m\u00e4nnlichen Geschlechtsrolle in der Figur des Stierk\u00e4mpfers sehen, weil dieser mit dem \u201eAttribut der weiblichen Unterlegenheit verkn\u00fcpft\u201c ist (Gumbrecht 2001, S. 423)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref19\">[19]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 10, 3. Jg., Juli 1927, S. 133.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref20\">[20]<\/a> \u00a0\u00a0 Vgl. dazu auch den Beitrag von Barbara Vinken in diesem Band.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref21\">[21]<\/a> \u00a0\u00a0 Martin Lindner: Leben in der Krise. Zeitromane der Neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalit\u00e4t der klassischen Moderne, Stuttgart 1994.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref22\">[22]<\/a> \u00a0\u00a0 Vgl. z.B. verschiedene Bilder und Karikaturen des Generaldirektors in Ferber, Christian: Uhu. Das Magazin der 20er Jahre. Nachdruck der Erstver\u00f6ffentlichungen aus den Original-<em>UHU<\/em>-B\u00e4nden von 1924-1933. Frankfurt\/Main 1979, S. 17 u. 181; Uhu. Heft 9, Juni 1925, S. 81. So findet sich auch im <em>Uhu<\/em> auch die Erz\u00e4hlung <em>Herr Generaldirektor Woellermann entdeckt die Gymnastik<\/em> (Uhu. Heft 2, 6. Jg., November 1929, S. 74ff.). In Frauenzeitschriften wird sehr deutlich, dass die Zwanziger Jahre nicht mehr die Welt des Kaisers oder des Krieges ist, sondern des Kapitals und der Aktien. Dem wird in dem gegenwartszugewandten <em>Uhu<\/em> unter dem Titel <em>200 Worte Deutsch, die Sie vor zehn Jahren noch nicht kannten<\/em> Rechnung getragen. Der \u201eAltbesitz\u201c wird erl\u00e4utert als \u201eWertpapiere, die der Inhaber schon vor Kriegsende besa\u00df\u201c, \u201eAufwertung\u201c als \u201e[t]eilweise Entsch\u00e4digung f\u00fcr entwertete Papiermark-Forderungen\u201c (Ferber: Uhu, S. 230). All dies soll den Blick nicht darauf verstellen, dass in der Literatur auch von Frauen, so auch von Keun, Kriegsversehrte auftauchen, aber dieser stellt nur einen, und nicht den prominentesten neben zahlreichen M\u00e4nnertypen dar.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref23\">[23]<\/a> \u00a0\u00a0 Vgl. z.B. Die Dame. 2. Novemberheft, Heft 4, 54. Jg. 1927, S. 10\/11; Die Dame. 1. Aprilheft, Heft 14, 54. Jg. 1927, S. 6; Die Dame. 2. Aprilheft, Heft 15, 55. Jg. 1928, S. 6\/7; Die Dame. 3. Aprilheft, Heft 16, 53. Jg. 1926, S. 14\/15.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref24\">[24]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame. 1. Maiheft, Heft 16, 54. Jg. 1927, S. 14.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref25\">[25]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 2. Aprilheft, Heft 15, 53. Jg. 1926, S. 41.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref26\">[26]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 8, Mai 1927, S. 109.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref27\">[27]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 2. Januarheft, Heft 8, 54. Jg. 1927, Titelr\u00fcckseite.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref28\">[28]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 12, 6. Jg., September 1930, Umschlaginnenseite hinten. Vgl. auch Peri Rasier-Creme-Werbung in: Uhu, Heft 1, 6. Jg., Oktober 1929, S. 97.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref29\">[29]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 6, M\u00e4rz 1925, S. 130.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref30\">[30]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 7, 6. Jg., April 1930, S. 1.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref31\">[31]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 1. Aprilheft, Heft 14, 54. Jg. 1927, S. 47.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref32\">[32]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 1. Dezemberheft, Heft 5, 56. Jg. 1928, S. 65.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref33\">[33]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 2, 6. Jg., November 1929, S. 103.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref34\">[34]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 7, April 1925, S. 123.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref35\">[35]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 1, Oktober 1924, S. XIII.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref36\">[36]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, Automobil-Heft, 1. Novemberheft, Heft 3, 56. Jg. 1928, S. 55.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref37\">[37]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 2. Dezemberheft, Heft 6, 54. Jg. 1927, S. 35.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref38\">[38]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 2. Juliheft, Heft 21, 54. Jg. 1927, S. 45.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref39\">[39]<\/a> \u00a0\u00a0 Lethen: Verhaltenslehren der K\u00e4lte, S. 36.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref40\">[40]<\/a> \u00a0\u00a0 Ebd., S. 195.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref41\">[41]<\/a> \u00a0\u00a0 Frame: \u201eGretchen, Girl, Gar\u00e7onne?\u201d, S. 13-15; Uhu, Heft 4, 7. Jg., Januar 1931, S. 46-54: \u201eDie Frau, die zu Ihnen pa\u00dft \u2013 der Mann, der zu Ihnen pa\u00dft. Ein neues psychologisches Fragespiel f\u00fcr Verliebte, Verlobte, Verheiratete, Zufriedene und Unzufriedene. Vgl. auch den <em>Uhu<\/em>-Artikel: \u201eBlond oder br\u00fcnett? Von Franz Xaver Kappus. Mit Bildern\u201c (Uhu, Heft 1, Oktober 1925) oder: \u201eWelche Frau ist am begehrtesten? Eine Bilderreihe zu einem ewigen Problem. Von Vicki Baum\u201c (Uhu, Heft 1, 7. Jg., Oktober 1930, S. 64-74).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref42\">[42]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 11, August 1929, S. 52-60. Im <em>Uhu<\/em> findet sich z.B. eine Bilderstrecke mit dem Titel: \u201eDas fesselnde M\u00e4nner-Gesicht. Eine Sammlung von Charakterk\u00f6pfen. Wie eine Frau sie sieht\u201c (Uhu, Heft 6, 7. Jg., M\u00e4rz 1931, S. 9-16). Die \u201eCharakterk\u00f6pfe\u201c, die nicht nur Frauen faszinieren und ein Archiv von M\u00e4nnlichkeit seiner Zeit repr\u00e4sentieren, sind nicht unbedingt jung, attraktiv oder \u201am\u00e4nnlich\u2018.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref43\">[43]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Dame, 1. Aprilheft, Heft 14, 55. Jg. 1928, S. 7.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref44\">[44]<\/a> \u00a0\u00a0 Vgl. \u201eWas M\u00e4nner so reden\u2026 Zu jeder Frau dasselbe. Einige Sprechplatten von M\u00e4nnern aus der Sammlung einer jungen Frau\u201c, in: Uhu, 7. Jg., Januar 1931, Heft 4, S. 64-72.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref45\">[45]<\/a> \u00a0\u00a0 Stefanie Arend\/Ariane Martin: \u201eNachwort\u201c, in: Irmgard Keun: Das kunstseidene M\u00e4dchen, hrsg. v. Stefanie Arend u. Ariane Martin, Berlin 2005, S. 227. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KM und Seitenangabe.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref46\">[46]<\/a> \u00a0\u00a0 Keun beschreibt in ihrem Feuilletonbeitrag den Austausch von G\u00fctern, wie er in Bezug auf die Weimarer Republik bestens im Kontext der Women\u2019s Studies bekannt ist: Geld gegen Sch\u00f6nheit und Wohlverhalten. Nun ist es aber der Mann, der als Objekt seine Qualit\u00e4ten, also vor allem seinen materiellen Wert in die Waagschale zu legen hat. Damit die Frau souver\u00e4nes Beobachtersubjekt bleiben kann, folgt unter Punkt r\u00f6misch III. Keuns oberster Rat, sich nicht zu verlieben, weil man dann in dem Ringen um Macht unterliegt (SM 141). Allerdings stellt Keuns Text als Ganzes und in seinen einzelnen Beschreibungen von m\u00e4nnlichem und weiblichem Verhalten schon die Replik auf einen m\u00e4nnlichen Diskurs dar und macht dadurch m\u00f6glicherweise aus der Not eine Tugend. Ob es sich um eine genuin weibliche Perspektive auf den Spielgegner handelt, wenn m\u00e4nnliche Vorlagen existieren und erst eine m\u00e4nnliche Perspektive ermittelt und angelegt werden muss, bleibt letztlich fraglich.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref47\">[47]<\/a> \u00a0\u00a0 Lethen: Verhaltenslehren der K\u00e4lte, S. 150-162.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref48\">[48]<\/a> \u00a0\u00a0 Uhu, Heft 4, Januar 1925, S. 35 u. 139.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref49\">[49]<\/a> \u00a0\u00a0 Heinrich Detering: \u201eLes vagabondes. Le retour des h\u00e9ro\u00efnes picaresques dans le roman allemand\u201c, in: \u00c9tudes litt\u00e9raires 26 (1993\/94), H. 3, S. 29-43; Kerstin Barndt: Sentiment und Sachlichkeit. Der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik. K\u00f6ln 2003, S. 184-186.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref50\">[50]<\/a> \u00a0\u00a0 Siegfried Kracauer: \u201eDie kleinen Ladenm\u00e4dchen gehen ins Kino [1927]\u201c, in: ders.: Das Ornament der Masse, Frankfurt\/M. 1977, S. 279-294.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref51\">[51]<\/a> \u00a0\u00a0 Livia Wittmann: \u201eErfolgschancen eines Gaukelspiels. Vergleichende Beobachtungen zu <em>Gentlemen prefer Blondes<\/em> (Anita Loos) und <em>Das kunstseidene M\u00e4dchen<\/em> (Irmgard Keun)\u201c, in: Carleton Germanic Papers 11 (1983), S. 35-49.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref52\">[52]<\/a> \u00a0\u00a0 Dorothee Kimmich: \u201eMoralistik und Neue Sachlichkeit. Ein Kommentar zu Helmuth Plessners <em>Grenzen der Gemeinschaft<\/em>\u201c, in: Wolfgang E\u00dfbach\/Joachim Fischer\/Helmut Lethen (Hrsg.): Plessners <em>Grenzen der Gemeinschaft<\/em>, Frankfurt\/M. 2002, S. 160-182, hier S. 171, S. 180-182.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref53\">[53]<\/a> \u00a0\u00a0 Hans Keilson: Das Leben geht weiter [1933], Frankfurt\/M. 2011, S. 78. Im Folgenden zitiert mit der Sigle LW und Seitenangabe.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref54\">[54]<\/a> \u00a0\u00a0 Sighard Neckel unterscheidet Scham und Schuld anhand der internen oder externen Verankerung. Schuld resultiert demnach aus inneren moralischen oder existentiellen N\u00f6ten, w\u00e4hrend Scham von au\u00dfen evoziert werden kann und einen Mechanismus der sozialen Kontrolle darstellt (Sighard Neckel: \u201eAchtungsverlust und Scham\u201c, in: ders.: Die Macht der Unterscheidung. Essays zur Kultursoziologie der modernen Gesellschaft, Frankfurt\/M. 2000). Im vorliegenden Beispiel der M\u00e4nnlichkeitskonzepte zeigt sich, dass sich Scham zwar anhand von Ma\u00dfst\u00e4ben einstellt, die von au\u00dfen herangetragen werden, dass aber gerade deren Internalisierung, also eine Verbindung oder \u00dcberlagerung von Fremdzuschreibung und Selbstbild, fatal sind.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref55\">[55]<\/a> \u00a0\u00a0 Vgl. eine \u00e4hnliche Bestimmung der Scham bei Georg Simmel: \u201eZur Psychologie der Scham [1901]\u201c, in: ders.: Schriften zur Soziologie, Frankfurt\/M. 1986.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des transcript Verlags.<\/div>\n<div>\n<p title=\"verlagsseite nomos\">Weitere Hinweise zum Buch <a title=\"verlagsseite transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2793-0\/der-verfasste-mann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren wollen, benutzen Sie bitte die Buchfassung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lickhardt\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/lickhardt_maren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Vertretungsprofessorin f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4nnerbilder in Mode- und Lifestylezeitschriften der 1920er Jahre<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1053,1099,1435,1446,1503,1648,1652,1837,2602],"class_list":["post-3830","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-illustrierte","tag-irmgard-keun","tag-mannerbilder","tag-maren-lickhardt","tag-mens-studies","tag-neue-frau","tag-neue-sachlichkeit","tag-pop-zeitschrift-2","tag-zwanziger-jahre"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3830","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3830"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3830\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3830"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3830"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3830"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}