{"id":3944,"date":"2015-01-05T15:06:57","date_gmt":"2015-01-05T13:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=3944"},"modified":"2015-01-05T15:06:57","modified_gmt":"2015-01-05T13:06:57","slug":"konsumrezension-januarvon-daniel-hornuff5-1-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/01\/05\/konsumrezension-januarvon-daniel-hornuff5-1-2015\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Januarvon Daniel Hornuff5.1.2015"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">B\u00f6llerismus<\/p>\n<p><!--more mehr--><\/p>\n<p align=\"left\">Als herrsche zwischen den Jahren kalter B\u00fcrgerkrieg: Allenthalben wird aufger\u00fcstet. Bislang Unbescholtene fallen in Discounter und Baum\u00e4rkte ein, um diese bis an die Z\u00e4hne bewaffnet wieder zu verlassen. Die Lust am Pyrotechnischen verm\u00e4hlt sich mit der Vorfreude auf Enthemmung: Silvester ist die Inszenierung einer Z\u00e4sur, sie soll den Moment der Ausnahme bringen, ein St\u00fcck Entgrenzung, das dem wohltemperierten Alltag fehlt. Den \u201ebesten Rutsch ins Neue Jahr\u201c gibt es nur bei katapultartiger Anfeuerung.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3946\" title=\"Abb. 1\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-1-1024x798.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"541\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">Die Milit\u00e4rmetaphorik kommt nicht von ungef\u00e4hr. Sie ist das bestimmende Merkmal popul\u00e4rer Feuerwerksprodukte. So werden diese als \u201eHigh Professional Verbundbatterien\u201c oder, nostalgischer, als \u201eKanonenschl\u00e4ge\u201c etikettiert, sie verf\u00fcgen \u00fcber \u201emehr als 1000 g Explosivmasse\u201c, aus denen sich bei einem \u201eKaliber bis 20 mm\u201c im Idealfall \u201e220 Schuss\u201c l\u00f6sen. Ein anderes Produkt \u201efeuert ca. 140 Sek.\u201c, weist eine noch gr\u00f6\u00dfere \u201eEffekth\u00f6he\u201c auf und belohnt bei richtiger Platzierung mit Triumphgef\u00fchlen: \u201eJetzt sieht der Nachbar Sterne\u201c.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3947\" title=\"Abb. 2\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-2-1024x724.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"491\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">Dies mag Anlass zum moralischen Einwand sein: Braucht ein Jahr, das stark im Zeichen milit\u00e4rischer Konflikte stand und von vielen als neue Stufe kriegerischer Brutalisierung wahrgenommen wurde, eine finale Eventisierung des Schie\u00dfens und Feuerns? An \u201eBrot statt B\u00f6ller\u201c mag ja schon niemand mehr erinnern, und den politisch allumfassend korrekten Kracher wird es ohnehin nicht geben. Doch wirkt es nicht befremdlich, wenn vor dem Hintergrund steigender Kriegsfl\u00fcchtlinge in Knallerlaune und schampustrunken Krieg gespielt wird? Anders gefragt: Dr\u00fcckt sich im \u201eFreaky Fire\u201c und seinen \u201e16 Raketen mit ausgeflippten Power-Effekten\u201c nicht die ganze Arroganz mitteleurop\u00e4ischer Selbstgen\u00fcgsamkeiten aus?<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3948\" title=\"Abb. 3\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-3-1024x719.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"487\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">Eine eindeutige Antwort wird es darauf ebenso wenig geben wie etwa auf die Frage, ob Ego-Shooter-Games zur Veredelung oder Verrohung jugendlicher Sitten beitragen. Was f\u00fcr die einen \u00e4sthetisches Ventil und artifizielle Kultivierung bedeutet, stellt sich f\u00fcr die anderen als gezieltes Anzapfen und folgenreiches Freisetzen niederer Instinkte dar. Nicht willk\u00fcrlich erscheint ein solcher Vergleich, da die Bewerbung von Feuerwerksk\u00f6rpern dem Verpackungsdesign vieler PC-Spiele frappierend \u00e4hnelt. In beiden F\u00e4llen wird die Aussicht auf \u00fcberallt\u00e4gliche Erlebnisse geboten, wird suggeriert, man habe es mit Erfahrungen zu tun, die angemessen nur im Modus des Superlativs zu fassen seien.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3949\" title=\"Abb. 4\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-4-1024x902.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"612\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3950\" title=\"Abb. 5\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5-1024x640.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5-1024x640.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5-300x188.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5-768x480.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-5.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">Die Kriegsmetaphorik wird fiktional aufgebrochen und in eine Art Gegen- oder Unterwelt verlagert. Als besonders beliebtes Motiv hat sich der Drachen als allzeit feuerspeiendes, vernichtungsw\u00fctiges, medusenartiges Monstrum etabliert. Dieses dient wohl als Signum urzeitlicher Grausamkeit, als quasi-mythisches Pop-Wesen, das einen Flair von Orientalismus, Vorgeschichtlichkeit und Legendenbildung verstr\u00f6mt. Umso unwahrscheinlicher aber sind negative Zuschreibungen: Niemand wird auf die Idee kommen, im Knaller-Set \u201eDragon Head\u201c oder im Spiel \u201eDragon Age II\u201c kriegsverherrlichende Produkte zu sehen. Wer \u201eKnisterkometen, Knattersterne, farbige Sternenbuketts, Crackling-Pfeifen und Silberwirbel mit prachtvollem Knatter-Finale\u201c entz\u00fcndet oder sich via Bildschirm die Rolle des \u201eDrachent\u00f6ters\u201c zulegt, d\u00fcrfte allenfalls unter Regressionsverdacht geraten.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3951\" title=\"Abb. 6\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-6-1024x659.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"447\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-6-1024x659.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-6-300x193.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-6-768x495.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">Doch hat der Vergleich zwischen Feuerwerk und Spiel Grenzen, die durch die soziale Situation der jeweiligen Produktverwendungen gekennzeichnet sind. Der Silvesterkracher ist eingebettet in ein Gemeinschaftserlebnis, ja notwendig auf eine Gesellschaft des Spektakels angewiesen: Nichts d\u00fcrfte deprimierender sein, als die \u201eSpeed of Light Batterie\u201c einsam, ohne den Kreis johlender Claqueure abzufackeln. Umgekehrt ist der R\u00fcckzug in die zeitweise Einsamkeit die performative Grundbedingung des Gamers.<\/p>\n<p align=\"left\">Zus\u00e4tzlich muss dieser sich \u00fcber eine relative Dauer hinweg \u00fcbend beweisen, um sich spielerisch in Form bringen zu k\u00f6nnen. Der Feuerwerker wiederum bejubelt den Augenblick einer entstehenden Verg\u00e4nglichkeit: Im Knall vollendet sich und vergeht die Rakete zugleich. Sie fordert weder strategische Kompetenzen noch taktisches Geschick, ben\u00f6tigt Handlungsagilit\u00e4t ebenso wenig wie Reaktionsschnelligkeit, setzt also kein K\u00f6nnen voraus, das erfahrene Spieler erfolgreich macht. Feuerwerksk\u00f6rper ersch\u00f6pfen sich im glitzernden Bumm, und fraglich ist \u00fcberhaupt, ob man in ihnen, wie Adorno es tat, ein \u201eBild\u201c, gar \u201edie perfekteste Form des Kunstwerks\u201c sehen muss.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3952\" title=\"Abb. 7\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/01\/Abb.-7-859x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"828\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\">\u00dcberdies f\u00e4llt auf, wie sehr sich die Produzenten vom vorgeblichen Sensationscharakter des Feuerwerks treiben lassen. Die durchg\u00e4ngige Aktivierung einer Lexik der \u00dcberbietung, der dauernde Flirt mit Kriegs- und Milit\u00e4ranleihen und die immergleiche Ankn\u00fcpfung an sagenhafte Fabelwesen unterbinden Variantenvielfalt. Dabei b\u00f6te der Sektor Feuerwerk durchaus M\u00f6glichkeiten der Umgestaltung, die nicht automatisch in die Schwundstufe des v\u00f6llig peinlich wirkenden Tischfeuerwerks m\u00fcnden m\u00fcssten.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht reizvoll, Feuerwerke f\u00fcr Konsumenten zu entwickeln, die am Jahresende zwar auch eine Z\u00e4sur setzen wollen \u2013 dabei aber von keinen Vollendungs-, Avantgarde- oder \u00dcberbietungsgef\u00fchlen heimgesucht werden? Was w\u00e4re, wenn Ende 2015 das erste negative Feuerwerk auf den Markt k\u00e4me? Eine Implosionsbatterie, eine Art kontemplative Rakete, die nicht mehr exaltiert nach au\u00dfen b\u00f6llerte, sondern sich in sich selbst vollendete? W\u00e4re sie damit nicht viel zeitgem\u00e4\u00dfer als die \u201eExcentric Verbundbatterie\u201c mit ihrem \u201e30 mm Kaliber\u201c? Eine \u00d6kologie und \u00d6konomie des Krachers \u2013 das w\u00e4re doch die wahre Silvestersensation!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"hornuff homepage\" href=\"http:\/\/kunstwissenschaft.hfg-karlsruhe.de\/users\/daniel-hornuff\" target=\"_blank\">Daniel Hornuff<\/a> ist akademischer Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00f6llerismus<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[497,1244,1270,1837,1924,2270,2379,2523],"class_list":["post-3944","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-daniel-hornuff","tag-knaller","tag-konsum","tag-pop-zeitschrift-2","tag-pyrotechnik","tag-sylvester","tag-transgression","tag-werbung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3944"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3944\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}