{"id":4133,"date":"2015-03-04T15:35:47","date_gmt":"2015-03-04T13:35:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4133"},"modified":"2015-03-04T15:35:47","modified_gmt":"2015-03-04T13:35:47","slug":"reichtum-und-popkulturvon-thomas-hecken4-3-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/03\/04\/reichtum-und-popkulturvon-thomas-hecken4-3-2015\/","title":{"rendered":"Reichtum und Popkulturvon Thomas Hecken4.3.2015"},"content":{"rendered":"<p>Demonstrative Konsumenten<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 5, Herbst 2014, S. 98-120]<\/p>\n<p>Mary Quant schreibt in ihrer Autobiografie: \u00bbOnce only the rich, the Establishment, set the fashion. Now it is the inexpensive little dress seen on the girls in the High Street.\u00ab Das Buch \u00bbQuant by Quant\u00ab ist 1966 erschienen, dem Jahr, in dem sie den Order of the British Empire im Buckingham Palace verliehen bekam. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass sie sich nun selbst auf dem Weg zum Reichtum befand oder das Ziel bereits erreicht hatte.<\/p>\n<p>Dennoch ist ihre Aussage nicht falsch oder heuchlerisch. Tats\u00e4chlich hat sie 1955 mit einer kleinen Boutique auf der Londoner King\u02bcs Road angefangen, richtig ist auch, dass sie zu den ersten geh\u00f6rte, die sich auf Jugendmoden spezialisierten, unbestritten ebenfalls ihre Vorreiterschaft bei der Einf\u00fchrung des Minirocks.<\/p>\n<p>In Modeb\u00fcchern und -artikeln wird gerne Quants Aussage zitiert, es seien jene jungen Frauen, die auf der King\u02bcs Road einkauften und vor den Schaufenstern spazieren gingen, in ihrem Drang nach Bewegungsfreiheit gewesen, die den Minirock erfunden h\u00e4tten. Wie \u00fcblich in den zeitgen\u00f6ssischen Kulturgeschichten wird dennoch Quant gerne als Urheberin dieser Mode ausgegeben.<\/p>\n<p>Sie muss dabei zwar manchmal mit anderen Namen konkurrieren \u2013 denen von Courr\u00e8ges und John Bates \u2013, nicht aber mit den \u00bbgirls\u00ab von der King\u02bcs Road. Die bleiben anonym, ein zerstreutes Kollektiv von gr\u00f6\u00dferer Zahl, darum schadet es Quant in ihrer Designer\/Autor-Eigenschaft nicht, auf sie als Inspirationsquelle zu verweisen.<\/p>\n<p>Es stimmt ja auch: Nach ihren Vorgaben haben N\u00e4herinnen und Schneiderinnen kurze R\u00f6cke angefertigt. Auch wenn Quant anekdotisch erz\u00e4hlt, die jungen Kundinnen h\u00e4tten ihr zugerufen, sie solle die R\u00f6cke k\u00fcrzer und wieder k\u00fcrzer machen, \u00e4ndert sich daran nichts \u2013 auf ihre Anweisung erfolgte der Zuschnitt. In \u00f6konomische Begriffe gebracht: Auf ihren Auftrag hin, auf ihre Zahlungsf\u00e4higkeit und Kreditw\u00fcrdigkeit hin, wurde die Produktion aufgenommen; Mitte der 1960er Jahre fertigten bereits \u00fcber zehn Firmen der Textilindustrie f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Als Unternehmerin geb\u00fchrt Quant in der Marktwirtschaft der Privateigent\u00fcmer demnach ebenfalls der Vorrang, den Minir\u00f6cken ihren Stempel aufdr\u00fccken bzw. ihr Namensetikett ann\u00e4hen zu lassen. Wenn das Unternehmen nicht auf ihren b\u00fcrgerlichen Namen h\u00f6ren w\u00fcrde, sondern einen anderen, erdachten Firmennamen bes\u00e4\u00dfe, bliebe f\u00fcr sie immerhin noch der Vorzug, \u00fcber den Gewinn der Produktion frei verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. Mit solchem Reichtum kann man sich wiederum einen Namen machen.<\/p>\n<p>Obligatorisch ist an dieser Stelle der Hinweis, dass sie als Unternehmerin ebenso das Risiko des Verlusts tr\u00e4gt; aber auch die Arbeiterinnen leiden unter der fehlgeschlagenen Investition, falls es keine weiteren Auftr\u00e4ge gibt. Unternehmerisches Scheitern, Insolvenz, pers\u00f6nliche Haftung auf der einen, Lohnabh\u00e4ngigkeit, Notwendigkeit sparsamer Lebensf\u00fchrung und M\u00f6glichkeit der Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Im Falle der Textilindustrie mit einer besonders scharfen Pointe: Aus Profitgr\u00fcnden ist sie im Bereich der Massenproduktion mittlerweile fast ganz aus Westeuropa abgewandert. In diesem Zweig der massenhaften Fertigung beruht der Reichtum einiger Eigent\u00fcmer tats\u00e4chlich auf der Armut in immer neuen Regionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Massenproduktion<\/p>\n<p>\u203aMassenproduktion\u2039, im Popbereich ist das die entscheidende Kategorie, wenn es um unternehmerisch erworbenen Reichtum geht. Die Pop-Waren sind zu billig, um einzeln oder in kleinen Serien die Hersteller reich zu machen. Ohne den Verkauf hoher St\u00fcckzahlen kein hoher Profit. Ausnahmen gibt es nur in der bildenden Kunst; mit dem Verkauf einiger Pop-Art-Bilder kann man gro\u00dfe Profite erzielen, wenn man sie selbst nur fr\u00fch genug gekauft hat, als die Taxen noch vergleichsweise niedrig lagen.<\/p>\n<p>Im November 2013 versteigerte Sotheby\u2019s in New York Warhols \u00bbSilver Car Crash (Double Disaster)\u00ab f\u00fcr 105 Millionen Dollar an eine unbenannte Privatperson, nachdem es \u00fcber zwanzig Jahre lang im Besitz eines ebenfalls unbekannten Sammlers war. In den Jahrzehnten zuvor geh\u00f6rte es zeitweise zum Bestand von Gunter Sachs, sp\u00e4ter von Charles Saatchi. Die Liste der Eigent\u00fcmer von \u00bbDisaster\u00ab kommt einer Liste prominenter Reicher gleich. Die Zeitung, der Warhol das Autowrackfoto als Vorlage f\u00fcr seinen Siebdruck entnommen hat, d\u00fcrfte einige Cents gekostet haben.<\/p>\n<p>Sicher ist es sinnvoll, Pop- und Massenkultur erst einmal voneinander zu trennen. Vieles im Popbereich, von unz\u00e4hligen Tontr\u00e4gern \u00fcber T-Shirts bis zu Streaming-Angeboten aller Art, wird entweder von vornherein in kleiner Auflage produziert oder am Ende blo\u00df von wenigen erworben. Im Hinblick auf Reichtum geh\u00f6ren beide aber zwingend zusammen. Ohne profitabel verkaufte gro\u00dfe Einheiten an Waren kann man mit Popobjekten keine Millionenrenditen erzielen. Zu den Reichen im Popsektor z\u00e4hlen nur diejenigen, deren Produkte viele erwerben.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr die Firmen und Manager, zu einem kleineren Teil mittlerweile auch f\u00fcr Musiker, Schauspieler, Softwareentwickler etc., die sich als Urheber oder Performer in Vertr\u00e4gen bedeutende Anteile an den Verkaufserl\u00f6sen oder gar vorab immense Garantiesummen zusichern lassen. Solche Abschl\u00fcsse gelingen ihnen allerdings fast nur in einem sp\u00e4ten Stadium ihrer Karriere, nachdem sie bereits nachgewiesen haben, Massen an K\u00e4ufern zu besitzen \u2013 oder Massen an Rezipienten, die zwar bei vielen Fernsehausstrahlungen oder f\u00fcr den Besuch von Online-Seiten direkt nichts zahlen, aber attraktiv sind f\u00fcr Werbetreibende, welche wiederum die TV-Sender und Internetseiten daf\u00fcr entlohnen, dass sie ihnen Werbeplatz bzw. die Zeit ihrer Rezipienten zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Nach massenhaft verkauften DVDs, Merchandisingartikeln, Eintrittskarten usf. ergeben sich f\u00fcr die Stars oftmals M\u00f6glichkeiten, sich zu enormen Gagen an einzelne Reiche zu verkaufen. F\u00fcr Firmenempf\u00e4nge, Feste superreicher Unternehmer und Potentaten stehen sie gerne zur Verf\u00fcgung. Die buchen sie aber nur, nachdem sie bereits bei einem Massenpublikum Erfolg hatten. Sie zahlen den Popstars f\u00fcr eine kleine Show in einem Ballsaal dann die Gage, die sie bekommen h\u00e4tten, wenn sie in einem Stadion aufgetreten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Finanzkraft einzelner muss an die Stelle der Ausgaben zehntausender Empf\u00e4nger mittlerer Einkommen treten oder sie \u00fcbertreffen. Wenn die Stars sonst nur auftreten, wenn sich Massen zusammenfinden, um ihnen Millionensummen einzubringen, geben sie sich auch mit einem kleinen Publikum zufrieden, falls es verm\u00f6gend genug ist, ihnen vergleichbare Summen zu garantieren.<\/p>\n<p>In dem Fall nimmt \u203aMassenproduktion\u2039 eine andere Bedeutung an: Der Zuspruch der Massen stellt den Anreiz f\u00fcr Reiche her, sich der Pr\u00e4senz der Stars unter Ausschluss gro\u00dfer Menschenmengen zu versichern. Im f\u00fcr sie besten Fall reicht bereits ihre eigene Prominenz aus, damit Popstars auf ihre Partys gehen, hohe Geldsummen sorgen aber wesentlich zuverl\u00e4ssiger f\u00fcr Anwesenheit und Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Ganz exklusiv geraten solche Auftritte, wenn nicht einmal ausgew\u00e4hlte Journalisten an ihnen teilnehmen d\u00fcrfen. Dann werden sogar die Massen vor den Bildschirmen vom Ereignis ausgesperrt und die Reichen \u2013 die Popstars sowie die Investmentbanker, Oligarchen, Herrscherkinder \u2013 bleiben unter sich. Selbst die Bilder und Videos fertigen sie selbst an und lassen sie nachtr\u00e4glich nur unter ihresgleichen zirkulieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Verrat<\/p>\n<p>Mary Quant hatte aber nicht davon gesprochen, dass die Reichen gar keinen Zugriff mehr auf Pop bek\u00e4men. Den Bruch mit ihrer Vorherrschaft erkannte sie vielmehr im Feld der Geschmacksbildung. Den Ablauf, die gestrige Mode der Reichen sei die heutige der Mittellosen, sah sie au\u00dfer Kraft gesetzt. Nun pr\u00e4gten die Leute von der Stra\u00dfe, genauer gesagt die \u00bbgirls\u00ab von der \u00bbHigh Street\u00ab, die Trends. Kein \u203atrickle down\u2039 mehr, sondern ein rasches Vordringen nach oben.<\/p>\n<p>Mit viel Schwung macht Tom Wolfe in den 1960er Jahren aus dieser Beobachtung eine kleine Theorie und gro\u00dfe Zeitgeist-These. Die zentrale Botschaft der Reportagen Wolfes, die in den B\u00fcchern \u00bbThe Pump House Gang\u00ab und \u00bbThe Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby\u00ab gesammelt vorliegen, lautet: Seit dem Zweiten Weltkrieg, verst\u00e4rkt seit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gebe es eine bedeutende \u00c4nderung im sozialen Gef\u00fcge. Der allgemein gestiegene Wohlstand erlaube es nun auch den Arbeitern und Angestellten, sich in ihrer Freizeit eigene Welten zu erschaffen. Teenager-Szenen, seien es die Londoner Mods oder die kalifornischen Surfer, portr\u00e4tiert Wolfe gerne als ihre Vorreiter. Ihr auff\u00e4lliges Gebaren und Aussehen zeige nicht ihren beruflichen oder \u00f6konomischen Status an, sondern verk\u00f6rpere einen aufregenden Lebensstil.<\/p>\n<p>Wie Quant betont Wolfe, dass diese Stile nicht Szene- oder Schichtenmoden blieben. Auch die herrschende Klasse \u00f6ffne sich nun den Moden weitab von Haute Couture und \u00fcberkommener Etikette. Der \u00bbhigh style\u00ab entstamme nicht l\u00e4nger den Zentren der Macht, sondern \u00bblow places\u00ab. Zu diesem Untergrund rechnet Wolfe nicht allein die Boheme und Teenager-Subkulturen, sondern ebenfalls Werbeleute, Fotografen und \u00bbcamp culturati\u00ab.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff der \u00bbPop Society\u00ab belegt er diese Verbreitung der vormals als ordin\u00e4r abgestempelten Ph\u00e4nomene in der oberen Gesellschaftsschicht: \u00bbSocialites in New York today seem to have no natural, aristocratic styles of their own\u00ab, stellt Wolfe fest, \u00bbthey are taking all their styles from \u203apop\u2039 groups, which stands for popular, or \u203avulgar\u2039 or \u203abohemian\u2039 groups\u00ab.<\/p>\n<p>Mindestens genauso wichtig: Wolfe nimmt in das Tableau der neuen Lebensstil-K\u00fcnstler mehr als nur trendige Teenager und Pop-Bohemiens auf. Auch Teile der vormals mehr oder minder unsichtbaren Schichten der Kleinb\u00fcrger und Arbeiter, die sich jetzt in ihrer Freizeit eigene Kunstwelten erschaffen, z\u00e4hlt er dazu. Wolfes Beispiel daf\u00fcr ist das der Hot-Rod-Fans, die ihre Autos fantasievoll und stilfixiert umgestalten. In der Kombination von Geld (materiellen M\u00f6glichkeiten) und ausgepr\u00e4gtem Formbewusstsein erkennt Wolfe eine Kombination, die bislang der hohen, stilisierten Kunst zugrunde gelegen habe und nun den Klassen weit unterhalb der (Geld-)Aristokratie erstmals offen stehe.<\/p>\n<p>Folgerichtig feiert Wolfe die gewonnenen Freiheitsspielr\u00e4ume materieller und geschmacklicher Art, die M\u00f6glichkeiten der Teenager wie der Kleinb\u00fcrger, ihre eigenen \u00bbstatuspheres\u00ab und Stilr\u00e4ume zu schaffen und durchzusetzen. Unter dem Zeichen von Pop bietet sich Wolfe darum selbst 1968 nicht das Bild einer Rebellion, sondern das der \u00bbHappiness Explosion\u00ab.<\/p>\n<p>Bekanntlich war er ungef\u00e4hr der einzige, der das zu dieser Zeit so gesehen hat. \u203aKonsumismus\u2039 und \u203aEskapismus\u2039, solche Vokabeln lagen angesichts der Freizeitvergn\u00fcgungen und kleinen Fluchten \u00fcblicherweise zur Hand, nicht \u203aGl\u00fccksexplosion\u2039 und egalit\u00e4re \u203aPop-Gesellschaft\u2039. Dass die Reichen Gesten und Gewohnheiten anderer Klassen und Szenen annehmen, bewies f\u00fcr die Neuen Linken und f\u00fcr die Gegenkultur-Anh\u00e4nger nur, in welch starkem Ma\u00dfe die adaptierten Pop- oder Underground-Ph\u00e4nomene von vornherein verfehlt gewesen seien.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Thema war das aber nicht, viel st\u00e4rker wurde von ihnen beachtet, ob etwas \u203akommerzialisiert\u2039 und vom \u203aMainstream vereinnahmt\u2039 wurde. Das galt als der entscheidende Indikator des Falschen. Nicht die Wahrnehmung und gef\u00e4llige Aneignung durch Reiche, sondern die durch unpolitische oder liberale und konservative Arbeiter, Angestellte, Jugendliche fasste man als gef\u00e4hrliches Anzeichen auf.<\/p>\n<p>Das war nur konsequent, schlie\u00dflich setzte man auf sie als m\u00f6gliche Subjekte und Objekte des Widerstands. Sie wollte man politisieren und mit Hilfe von unb\u00fcrgerlicher, entgrenzter Kunst \u2013 aus den Institutionen befreit, auf die Stra\u00dfe, ins \u203aLeben\u2039 gelangt \u2013 zu antiautorit\u00e4rem Verhalten bewegen. Dass die Reichen von ihren Privilegien, von ihrer Macht nicht lassen w\u00fcrden, setzte man zum einen teilweise voraus; zum anderen verhinderte es der radikaldemokratische Anspruch der Linksalternativen durchg\u00e4ngig, sich auf die westliche Elite und ihre Kinder als potenzielle Agenten des Umbruchs zu konzentrieren.<\/p>\n<p>N\u00f6tig war diese Differenzierung Ende der 1960er und bis weit in die 1970er Jahre hinein \u00fcberhaupt nicht, denn die libert\u00e4re Rock- und Soulmusik erreichte sie alle, Angeh\u00f6rige der Mittelschicht und Erben der Oberschicht. Sinnvoll war die Sto\u00dfrichtung \u203aAntikommerzialismus\u2039 und \u203aKleinb\u00fcrger\u2039-Kritik gleichwohl bzw. gerade deswegen. Denn der Erfolg der progressiven Pop- und Rockmusik f\u00fchrte auf ein Problem: Wenn sie sich \u00fcberall durchsetzt und die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse sich trotzdem nicht grundlegend \u00e4ndern, sondern \u203ablo\u00df\u2039 ein liberales Gepr\u00e4ge bekommen, steht der eigene Ansatz \u2013 die Hoffnung auf den politisch subversiven Zug kultureller Formen \u2013 in Frage.<\/p>\n<p>Der Hinweis auf den Warencharakter der Rockmoden und -erzeugnisse nun h\u00e4lt die \u00dcberzeugung von der Bedeutung antiautorit\u00e4rer, kultureller (nicht parteipolitischer, gewerkschaftlicher) Aktionen intakt: Die massenhafte Aneignung sei gar kein Erfolg, sondern wegen der Kommerzialisierung der verbreiteten Produkte von vornherein h\u00f6chst zweifelhaft. Wenn man sich freilich die Platten von Jimi Hendrix oder Grateful Dead anh\u00f6rt, die Filme von Jean-Luc Godard oder Bernardo Bertolucci ansieht, ist diese These insgesamt keineswegs zutreffend; die gro\u00dfen Medienunternehmen, die deren Produktionen finanzierten, trugen offenkundig nicht zu einer \u203aVerw\u00e4sserung\u2039 ihrer Integrit\u00e4t und Radikalit\u00e4t bei.<\/p>\n<p>Auch der \u00bbStreet Fighting Man\u00ab der Rolling Stones erschien im August 1968 auf einem gro\u00dfen Label, Decca, nicht im Stra\u00dfenvertrieb. Von einem firmeninternen Kampf um die Ver\u00f6ffentlichung ist nichts bekannt, auch wenn kurzfristig Anlass zu \u00f6konomischer Sorge bestand: In den USA kam das St\u00fcck nur auf Platz 48 der Charts, weil viele Radiostationen sich weigerten, den angeblich staatsfeindlichen Song zu spielen, mittelfristig war das seinem Erfolg aber nicht abtr\u00e4glich. Sch\u00e4dlich f\u00fcr Decca wirkte sich im Gegenteil aus, dass die Stones zwei Jahre sp\u00e4ter die Plattenfirma verlie\u00dfen, um mehr Geld mit ihren Kompositionen und Ver\u00f6ffentlichungen erzielen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit diesem Schritt ging die Verlegung ihres Steuersitzes von England nach Frankreich einher, wo weniger Abgaben an den Staat zu entrichten waren. Selbst von da an kann aber von einer ver\u00e4nderten, weil kommerzialisierten Musik kaum eine Rede sein, weiter erklingt, fast unbeeinflusst von allen Moden der jeweiligen Jahre und Jahrzehnte, der Stones-Bluesrock. Jagger und Richards werden dar\u00fcber zu hundertfachen Million\u00e4ren.<\/p>\n<p>Deshalb findet die Reichen-Kritik, nicht immer nur die Kommerz-Kritik, mitunter doch einen Platz im Pop- und Rocksektor. Die Stars k\u00f6nnen sp\u00e4testens seit Ende der 1960er Jahre enorme Verm\u00f6gen ansammeln, sie fahren teure Autos, besitzen gro\u00dfe Villen, reisen in eigenen Flugzeugen. Gerade weil sie so viel Zuspruch von den K\u00e4ufermassen erfahren, entfernen sie sich unvermeidlich von ihnen.<\/p>\n<p>Sie versuchen das nicht selten auszugleichen, indem sie in Interviews Wert auf Bodenst\u00e4ndigkeit und Schlichtheit legen. Ihre Lebensweise spricht aber zumeist eine andere Sprache. Als sei es eine Art Gesetz, f\u00e4llt ihnen auch nichts Besseres ein, als ihr Geld f\u00fcr viele Clubrunden, Limousinen, H\u00e4user auszugeben. Darum unterliegen sie regelm\u00e4\u00dfig den Verd\u00e4chtigungen einiger ihrer Anh\u00e4nger, sie seien Verr\u00e4ter an der urspr\u00fcnglich guten Sache.<\/p>\n<p>Der Verdacht trifft nat\u00fcrlich die Rock- h\u00e4ufiger als die Popstars, besteht doch der Sinn der Unterscheidung von Pop und Rock h\u00e4ufig darin, die Popseite von vornherein abzuwerten oder in ein ambivalentes, frivoles Licht zu r\u00fccken. Dass ihre Stars, zu Geld gekommen, es wie alle anderen Neureichen auch verwenden oder verschwenden, ist dann keine \u00dcberraschung und kaum Anlass zu emp\u00f6rter Anklage. Anders bei Rock-Gr\u00f6\u00dfen, denen man gerne mehr antib\u00fcrgerliches oder beseelteres Verhalten zugesteht; umso tiefer die Entt\u00e4uschung, wenn der Street Fighting Man sich als Klassenk\u00e4mpfer von oben erweist.<\/p>\n<p>Der Verdacht oder die Entt\u00e4uschung sind aber insofern grunds\u00e4tzlich unangemessen, als der Rockstar seine Legitimation nicht zuletzt aus seinem Werk bezieht. Im Gegensatz zum Popstar ist er es oftmals selbst, der die Songs komponiert und dichtet, was ihm von den Rockfans, die als Anh\u00e4nger des kreativen, pers\u00f6nlichen Ausdrucks auf die geklonten, ferngesteuerten Pop-Sternchen herabsehen, hoch angesehen wird.<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00e4tzung wird vom b\u00fcrgerlichen Recht geteilt: Nach dem Urheberrecht ist der Rockstar der Eigent\u00fcmer der St\u00fccke \u2013 und dass es sich in der freien Marktwirtschaft materiell auszahlt, \u00fcber Eigentum zu verf\u00fcgen, braucht man wohl nicht besonders betonen. Als Werksch\u00f6pfer ist man auch Wertsch\u00f6pfer. Wie oft das seit 50 Jahren gelungen ist, kann man an der gro\u00dfen Zahl der Rockmillion\u00e4re ablesen.<\/p>\n<p>Ihr Reichtum ist auch als Konsequenz erfolgreicher Auseinandersetzungen mit Musikverlagen, Managern, Plattenfirmen anzusehen; der Vorwurf des Verrats, der von den Freunden der Kreativit\u00e4t und Originalit\u00e4t stammt, also \u00fcbertrieben bzw. mit einem blinden Fleck ausgestattet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Billige Ger\u00e4te, teure Sch\u00f6nheit<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist der Vorwurf nur verst\u00e4ndlich, wenn man auf die Bedingungen gelungener Werksch\u00f6pfung blickt. Billige Instrumente, ein paar Riffs, kurze Slogans aus dem Rhetorik-Lehrbuch, die eigene Physis, g\u00fcnstige Jugendmode, kostenfreie Internetseiten k\u00f6nnen ausreichen, damit der K\u00fcnstler zum Erfolg gelangt. Da liegt es nahe, ihm abzuverlangen, weiter auf den eigenen K\u00f6rper, das massenhaft hergestellte Instrument, \u00fcberall verf\u00fcgbare Outfits zu vertrauen und sich nicht mit teuren Apparaten, Schmuckst\u00fccken und Immobilien zu umgeben oder gar mit und hinter ihnen Gefahr zu laufen, den eigenen Appeal zum Verschwinden zu bringen.<\/p>\n<p>Bei dem Punkt gibt es auch keinen Unterschied zwischen Pop und Rock. Beide beruhen h\u00e4ufig auf massenhaft verf\u00fcgbaren Technologien wie auf k\u00f6rperlichen Posen und Lebendigkeitsspuren. Unterscheiden von Rock kann man Pop hier nur, wenn man festh\u00e4lt, dass Pop weniger darauf achtet, im Zusammenhang mit der dritten oder vierten \u203aNatur\u2039 Individuelles und Expressives zu behaupten.<\/p>\n<p>Nicht nur Aufnahme- und Abspielger\u00e4te, Schneideraum, Synthesizer- und Sampler-Software, sondern auch Plastik, Schminke, Silikon, Dildos, Photoshop z\u00e4hlen offen zu den Bestandteilen des Pop. Die enge Verbindung von K\u00fcnstlichkeit und technischen Neuerungen macht es m\u00f6glich, dass der Popkonsum \u2013 selbst bei gro\u00dfem Bem\u00fchen um Distinktion \u2013 kein Luxuskonsum sein muss.<\/p>\n<p>Poster, Haarspray, synthetische Stoffe, elektrische N\u00e4hmaschinen, Bleichmittel, bedruckte T-Shirts, Illustrierte, billige Fernseher und Laptops, Flatrates reichen aus, um f\u00fcr Glamour und modische Abwechslung zu sorgen. Im Gegensatz zur Popul\u00e4rkultur kann Pop mit dem Nat\u00fcrlichen nichts anfangen, au\u00dfer es zu elektrifizieren, im Studio bewusst aufzusplitten, digital zu modellieren. Auch solche Hervorbringungen, Synthesen, Wiederaufnahmen, Montagen sorgen regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Preisverfall.<\/p>\n<p>Darum ist es bemerkenswert, dass diejenigen, die mit dem Verkauf derart hergestellter Produkte reich werden, ihr Geld privat zumeist in ganz andere Dinge stecken \u2013 in Hervorbringungen einzelner Schmuckhandwerker, in teure Naturstoffe, bildende, unreproduzierte Kunst, in H\u00e4user, Autos, M\u00f6bel, die ganz oder teilweise Unikate sind. Bei diesen Vorlieben unterscheiden sich Pop- wie Rockstars von allen anderen Reichen nicht.<\/p>\n<p>Als Kompensationsversuch zu dieser \u00dcbereinstimmung, die vor allem Rockfans bedenklich stimmt, setzen einige der Stars auf die Karte des Exzesses. Drogen, permanente Partys und Gl\u00fccksspiele sind bew\u00e4hrte Mittel und Verfahren, das Geld auf unb\u00fcrgerliche Art auszugeben. Solche Verausgabung st\u00f6\u00dft in Rockszenen h\u00e4ufig auf offene oder verhohlene Zustimmung. Verschwenden ist glamour\u00f6ser als teilen. Auch anarchisch und avantgardistisch gesinnte Linke, denen das sozialdemokratische, sozialistische oder \u00f6kologische Ma\u00dfhalten und Gleichheitsdenken spie\u00dfig oder autorit\u00e4r vorkommt, k\u00f6nnen sich davon nicht freimachen.<\/p>\n<p>Deshalb finden einige Reiche stets Zugang zu Boheme-Kreisen, sind in Gro\u00dfst\u00e4dten fast obligatorischer Teil derselben. Meist handelt es sich um reiche Erben, um Eigent\u00fcmer, die das Gesch\u00e4ft ganz in die H\u00e4nde von Angestellten gegeben haben, oder um Angeh\u00f6rige aus Branchen wie dem Derivategesch\u00e4ft, in denen das Eingehen hoher Risiken Kontinuit\u00e4t zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Mit den K\u00fcnstlern, Tagedieben, zwielichtigen Existenzen teilen sie die Abneigung gegen die geregelte Arbeit und das Verlangen nach intensivem oder kreativem Leben. Zudem stimmen sie in der Verachtung des Geldes \u00fcberein \u2013 die einen, weil sie materiellem Besitz mehr oder minder freiwillig entsagen, ihn aus politischen oder idealistischen Gr\u00fcnden ablehnen, die anderen, weil sie zu viel davon haben.<\/p>\n<p>Es macht aber nat\u00fcrlich einen bedeutenden Unterschied, ob man reglementierte Arbeit und Privatbesitz ablehnt, ohne \u00fcber sie zu verf\u00fcgen, oder ob man sie gering sch\u00e4tzt, weil man gen\u00fcgend Geld hat, um \u00fcber sie nicht mehr nachdenken zu m\u00fcssen. In Zeiten einer starken Politisierung bricht in Bohemekreisen der Konflikt wieder auf, dann reicht es nicht mehr, auf Ordentlichkeit und N\u00fctzlichkeitsdenken herabzuschauen, w\u00e4hrend man gleichzeitig \u00fcber hohe Summen und G\u00fcter aller Art verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Ebenso bleibt es f\u00fcr den Rockfan oft problematisch, wenn seine Idole zwar Gesten der Verschwendung vollf\u00fchren und viele Zeichen des intensiven Lebens bieten, aber ihre gro\u00dfen Besitzt\u00fcmer behalten, sorgsam pflegen lassen und mit der fortw\u00e4hrenden Produktion neuer Produkte sicherstellen, dass sich an diesem Zustand auch in Zukunft nichts \u00e4ndert. Die \u00dcbereinstimmung mit den konventionelleren Reichen k\u00f6nnen auch die exzessiver lebenden Rockstars nicht verdecken.<\/p>\n<p>Noch eine weitere Gemeinsamkeit teilen sie mit vielen Reichen: die Liebe zu sch\u00f6nen, reizvollen Frauen. Wie noch \u00fcberall in der Sph\u00e4re der Macht, ist auch die reiche eine vorwiegend m\u00e4nnliche Schicht. Au\u00dferhalb des Personals tauchen Frauen blo\u00df als Familienmitglieder auf. \u00dcbernimmt der \u00e4ltere kapitalistische Reichtum die Gewohnheit des Adels, das Machtgebiet durch Heiraten mit anderen H\u00e4usern zu sichern und auszuweiten, regiert bei den liberalen Reichen das Begehren. H\u00e4sslichkeit oder Biederkeit kann f\u00fcr sie nicht dadurch wettgemacht werden, dass die schlecht oder mittelm\u00e4\u00dfig aussehende Kandidatin einer anderen (einfluss-)reichen Familie entstammt.<\/p>\n<p>Wie die alte steht deshalb die neue Verbindung stets unter dem Verdacht, nicht aus romantischen Gr\u00fcnden zustande gekommen zu sein. Keineswegs handele es sich beim reichen Mann um Liebe \u2013 sondern um \u00e4sthetisch-erotisches Verlangen \u2013, aber auch nicht bei der sch\u00f6nen Frau, dem Mannequin, der Film-Schauspielerin, der TV-Moderatorin, die lediglich dem Luxus nachstrebe, den ihr der (zuk\u00fcnftige) Gatte bieten kann.<\/p>\n<p>Die Frau ist ein Schmuckst\u00fcck wie ein Juwel oder eine Yacht, ein Schmuckst\u00fcck, das f\u00fcr einen hohen Preis einen Besitzer sucht, aber im Unterschied zu den toten Gegenst\u00e4nden nach Vertragsabschluss nicht auf ewig das Eigentum des Reichen bleiben muss, so er es nur will. Paradoxerweise steigt der Preis der Frau im Falle der Scheidung auf den H\u00f6chststand. Dieses Risiko kann auf Seiten des Reichen immerhin als \u00c4quivalent der Liebe gelten, sofern kein f\u00fcr ihn g\u00fcnstiger Ehevertrag besteht.<\/p>\n<p>Die gerade gemachten Angaben zu den Berufen der sch\u00f6nen, von Reichen begehrten Frauen f\u00fchren nicht zuf\u00e4llig in den Popsektor hinein. Er taucht damit im letzten Absatz gleich zweimal auf. Die sch\u00f6nen, von Reichen begehrten Frauen entstammen ihm h\u00e4ufig; zu den Reichen, die solche Frauen besitzen wollen, z\u00e4hlen wiederum oftmals Pop- und Rockstars. Als Ableitung bietet sich hier die Beobachtung an, dass nicht selten liberale Reiche Pop- und Rockstars als Bekannte oder zumindest Partyg\u00e4ste sch\u00e4tzen, weil sie an deren Lebendigkeit und Glamour teilhaben wollen. Ihr Faible f\u00fcr sie entspricht genau ihrer Vorliebe f\u00fcr sch\u00f6ne Frauen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den anderen Reichen, sollte man meinen, sind verm\u00f6gende Popstars kaum dem Verdacht ausgesetzt, sich solche Sch\u00f6nheit und Lebendigkeit kaufen zu m\u00fcssen, um an sie gelangen zu k\u00f6nnen. Dies trifft aber nur zu, wenn ungef\u00e4hre Altersgleichheit gewahrt ist. Da selbst j\u00fcngere Popstars fast nie gleichaltrige Freundinnen oder Frauen haben, bleiben auch sie von der Einsch\u00e4tzung selten verschont, nicht ihre eigene Vitalit\u00e4t sei es, die ihnen die sch\u00f6nen jungen Frauen verschaffe, sondern blo\u00df die Potenz ihres Verm\u00f6gens.<\/p>\n<p>Wenn nicht nur die Reichen aus der Finanzbranche, aus den Gro\u00dfunternehmen, aus dem landbesitzenden Adel das Urteil trifft, mit ihrem Verm\u00f6gen Jugend einkaufen zu wollen, dann begegnen sie sich mit den Pop- und Rockstars tats\u00e4chlich auf gleicher H\u00f6he \u2013 dann gibt es wirklich keinen Grund mehr f\u00fcr sie, die Stars aus der Unterhaltungsbranche f\u00fcr ihre Pr\u00e4senz auf ihren Festen zu bezahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Luxuri\u00f6se und sublimierte Zurschaustellung<\/p>\n<p>Der Verdacht, ihren urspr\u00fcnglichen Impetus verloren oder preisgegeben zu haben, trifft die zu Geld gekommenen Pop- und Rockstars auf doppelte Weise: Zuerst sagt man ihnen nach, durch ihren Eintritt in die Welt der Reichen ihre Kreativit\u00e4t und k\u00fcnstlerische Integrit\u00e4t zu verlieren, dann bezweifelt man auch noch ihren Charme, ihren Geschmack sowie ihr Verm\u00f6gen, unabh\u00e4ngig von materiellen Gratifikationen erotisch zu wirken.<\/p>\n<p>Dieser Malus stiftet jedoch kaum jemanden an, seine Millionen still aufs Konto zu legen oder einfach wegzugeben. Die Vorteile \u00fcberwiegen f\u00fcr die reichen Unterhaltungsstars offenkundig die beschriebenen Nachteile. Sie h\u00e4ngen mit ihrem Verhalten der ber\u00fchmten These Thorstein Veblens aus dem Jahr 1899 an: Es reiche nicht aus, \u00fcber viel Geld zu verf\u00fcgen, um Anerkennung zu erlangen. Man m\u00fcsse unter Beweis stellen, dass man zu den Reichen z\u00e4hle: Die anderen, \u00e4rmeren Menschen m\u00fcssen sofort sehen k\u00f6nnen, wie reich man ist, damit sie einem Wertsch\u00e4tzung zollen, h\u00e4lt Veblen in seiner \u00bbTheory of the Leisure Class\u00ab fest.<\/p>\n<p>Angesagt sei \u00bbconspicuous consumption\u00ab. Der Luxuskonsum beweist jedem schlagend die H\u00f6he des Reichtums. Anders als bei edler Haltung, feiner Sitte, geistreicher Sprache braucht man angesichts luxuri\u00f6ser G\u00fcter f\u00fcr die Feststellung, dass jemand verm\u00f6gend ist und nicht eigene H\u00e4nde zur Arbeit bem\u00fchen muss, keine Zeit und vertraute Kenntnis. Besonders in den anonymen, gro\u00dfen St\u00e4dten und wegen der Dominanz der Bildmedien besitzen verschwenderische Ausgaben f\u00fcr sichtbare und leicht sch\u00e4tzbare Gegenst\u00e4nde den Vorteil unmittelbarer Deutlichkeit.<\/p>\n<p>Heute gilt jedoch Veblens Gesetz nicht mehr allgemein. Aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden vollzieht die Gesamtheit der Reichen, anders als die gro\u00dfe Mehrheit der Pop- und Rockstars, keineswegs Akte \u00f6ffentlich angezeigter Verschwendung. Die Abneigung, sich prunkvoll darzustellen, hat sicher etwas mit einem b\u00fcrgerlichen Arbeits- und Askeseethos zu tun, das selbst einige Superreiche noch beherrscht, wenn sie keinen Flei\u00df mehr n\u00f6tig haben. Auch die Sorge vor Teilen der \u00f6ffentlichen Meinung h\u00e4lt manchen Wohlhabenden davon ab, prachtvoll aufzutreten; stattdessen pr\u00e4sentiert man sich als Stifter und Spender kultureller und humanit\u00e4rer Gaben, um Aufmerksamkeit und Respekt zu erlangen.<\/p>\n<p>Wer aus Gr\u00fcnden der Moral oder Steuerersparnis einen Gutteil seines Verm\u00f6gens f\u00fcr religi\u00f6se und philanthropische Organisationen oder f\u00fcr Museen, Symphonieorchester und Universit\u00e4ten stiftet, ergeht sich auf sublimierte Art der \u00bbconspicuous consumption\u00ab \u2013 vorausgesetzt, die Stiftung wird \u00f6ffentlich gemacht und der Stifter beh\u00e4lt genug an Geld f\u00fcr sich selbst zur\u00fcck. Fast alle Philanthropen beherzigen das selbstverst\u00e4ndlich, trotz Spendent\u00e4tigkeit bleiben sie Reiche, wenn auch nicht glanzvolle Reiche im w\u00f6rtlichen Sinne.<\/p>\n<p>In einer Hinsicht tr\u00e4gt sogar die Bedeutung der Pop- und Rockkultur f\u00fcr j\u00fcngere Reiche ebenfalls zum R\u00fcckgang des prunkvollen Luxusstils bei: Unter denjenigen, die z.B. durch die B\u00f6rseng\u00e4nge ihrer Internet-Firmen zu frischem Geld gekommen sind, gibt es einige, f\u00fcr die z.B. bei der Bekleidung bereits Jeans und T-Shirt das H\u00f6chstma\u00df an Verfeinerung bilden, soweit geht ihre Bequemlichkeit und ihr Misstrauen gegen\u00fcber dem konservativen Geldadel.<\/p>\n<p>All das sind gute Indizien daf\u00fcr, Veblens Gesetz abzuschw\u00e4chen. Status, den Veblen noch an die Zurschaustellung des Reichtums gekn\u00fcpft sah, versuchen manche Reiche umgekehrt dadurch zu erwerben, dass sie ihn nicht demonstrativ herzeigen, sondern in den eigenen vier W\u00e4nden oder speziellen Clubs und Resorts halten.<\/p>\n<p>Wenn die modernen Eigent\u00fcmer sich selbst der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren, dann oftmals nicht mehr in ihren Villen, sondern in Firmengeb\u00e4uden und in Mehrzweckhallen, in denen Jahreshauptversammlungen und Kongresse abgehalten werden \u2013 oder in Theatern und Museen, in denen sie recht bescheiden, in ma\u00dfvollem Aufzug der Kunst und Bildung zu dienen vorgeben.<\/p>\n<p>Als Vorl\u00e4ufer der \u00bbconspicuous consumption\u00ab beschrieb Veblen unter dem Titel \u00bbconspicuous leisure\u00ab eine Tradition, die bei den griechischen Philosophen ihren Ausgang nahm: Den Erwerb von Anerkennung durch den Abstand zur Arbeit. Reich und\/oder ehrenhaft ist, wer sich um die t\u00e4glichen Verrichtungen nicht k\u00fcmmern braucht. Belohnt werde damit nicht der Faule, sondern all diejenigen, die ihre Zeit auf nicht-produktive Weise verzehrten, die keine G\u00fcter hervorbr\u00e4chten oder Dienste verrichteten \u2013 der Gentleman und der Krieger, der Denker und die politische Klasse. In der Gegenwart ist davon \u00fcbrig geblieben, dass sich Reiche als Stifter f\u00fcr jene Institutionen hervortun, die Werke der Denker archivieren, auswerten und verwalten, Bibliotheken, Akademien, Universit\u00e4ten, Museen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Freizeit und Indiskretion<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit zeigt durchaus Interesse an den gemeinn\u00fctzigen, kulturbeflissenen Stiftungen der Reichen. Vom Feuilleton bis hin zu den bunten Bl\u00e4ttern spannt sich der Bogen der Berichterstattung, in der man das Lob der G\u00f6nner singt, mal vornehm zur\u00fcckhaltend, mal kitschig andachtsvoll, die einen mit Blick auf Kunstsammlungen, die anderen anl\u00e4sslich von Charity-Feiern. Popul\u00e4rer sind aber Berichte, in denen es um weniger hochkulturelle oder feierliche Ereignisse geht. Homestorys und Skand\u00e4lchen, Prachtentfaltung und Famili\u00e4res, Zwischenmenschliches und Verwerfliches bilden eine lukrative Grundlage f\u00fcr unz\u00e4hlige Medien und Themen der Popul\u00e4rkultur.<\/p>\n<p>Wie weit das mittlerweile geht, kann man gut an einem historischen Vergleichspunkt ablesen: Egon Erwin Kischs Reportage \u00fcber \u00bbDas Nest der Kanonenk\u00f6nige: Essen\u00ab aus den 1920er Jahren, die sich dem Reich der Krupps widmet. Zu Beginn kontrastiert Kisch Ahnungen \u00fcber den \u00bbvornehmen\u00ab, \u00bbgoldenen Westen\u00ab der Stadt mit der grauen Wirklichkeit des Krupp-Gel\u00e4ndes: \u00bbNackte, kahle, ru\u00dfige Ziegelmauern unendlicher Fabriken und unendlicher Arbeitsh\u00f6fe\u00ab, weiter und weiter gehe \u00bbman durch diese l\u00e4rmende \u00d6de westw\u00e4rts.\u00ab<\/p>\n<p>Inmitten der industriellen W\u00fcste stehe auch, wie der Reporter schlie\u00dflich notiert, das Stammhaus der Krupps, \u00bbahnenstolz konserviert\u00ab, aber vom Gepr\u00e4ge \u00bbschlicht\u00ab. Kisch nutzt die Angabe, um einen Gegensatz aufzubauen, hier das schlichte Stammhaus, dort Denkm\u00e4ler, die sich sp\u00e4tere Angeh\u00f6rige der Krupp-Familie haben errichten lassen. Vor allem das Standbild von Friedrich Alfred Krupp emp\u00f6rt ihn, es sei \u00bb\u00fcberlebensgro\u00df und geschmacklos\u00ab. Absto\u00dfend erscheint ihm, dass dem Monument Krupps rechts und links vier muskul\u00f6se Arbeitergestalten beigegeben sind, die dem Unternehmenslenker huldigen.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte nat\u00fcrlich auch eine Fotografie leicht zeigen, die Skulptur will es ja unbedingt. Nicht durch eine fotografische Aufnahme gezeigt werden kann allerdings der Kontrast von Denkmal und Fabriken, f\u00fcr diesen Kontrasteffekt braucht es das Papier des Reporters. Gleiches gilt f\u00fcr Fabriken und Familiensitz. Im Gegensatz zum Stammhaus, einem unscheinbaren Geb\u00e4ude, der prek\u00e4ren Situation der kleinen Firma angemessen, liegt die Villa H\u00fcgel, das Wohn- und Repr\u00e4sentationshaus des rasch gro\u00df gewordenen Konzerns, nicht in unmittelbarer N\u00e4he des Firmengel\u00e4ndes, sondern auf einer gr\u00fcnen Anh\u00f6he \u00fcber einem See.<\/p>\n<p>Das hielten manche Eigent\u00fcmer der Stahlfirmen im 19. Jahrhundert noch anders. Sie bauten ihre gro\u00dfen Villen in Sichtweite ihrer Fabrik. Weder wollten sich diese Firmeninhaber den Anblick der grauen Arbeitsgeb\u00e4ude ersparen noch hatten sie Sorge davor, unmittelbar in der Nachbarschaft der von ihnen besch\u00e4ftigten Lohnarbeiter und ihrer kargen Behausungen zu residieren.<\/p>\n<p>Um die Krupps als reiche Kapitalisten zu portr\u00e4tieren und zugleich zu denunzieren, greift Kisch aber nicht auf die Beschreibung der riesenhaften, luxuri\u00f6s ausgestatteten Villa mit ihren Tennispl\u00e4tzen und Reitanlagen zur\u00fcck. Er kolportiert stattdessen ein Ger\u00fccht, das kurz vor dem \u00bbSelbstmord\u00ab Friedrich Alfred Krupps (wie Kisch entgegen der offiziellen Todesursache \u203aGehirnschlag\u2039 schreibt) von der sozialdemokratischen Zeitung \u00bbVorw\u00e4rts\u00ab gedruckt worden war, einerseits im Sinne der Agitation f\u00fcr die Streichung des deutschen Strafrechtsparagrafen wider die Homosexualit\u00e4t, andererseits wohl als Denunziation eines Mitglieds der dekadenten herrschenden Klasse: Dieser Krupp feiere in Capri \u00bbhomosexuelle Orgien\u00ab \u2013 er sei, malt Kisch weiter aus, der \u00bbfreudlosen Stadt\u00ab Essen mit ihren \u00bbausgemergelten Menschen\u00ab in den S\u00fcden entflohen, \u00bbwo eine frohlockende Sonne auf Korallen und gesunde Knabenk\u00f6rper leuchtet, die nackt in das Wasser vor der Blauen Grotte springen.\u00ab<\/p>\n<p>Das klingt dem Thema nach modern, zumindest auf dem Papier. Heute w\u00fcrden aber selbstverst\u00e4ndlich gro\u00dfe Anstrengungen unternommen, um an ein Foto zu gelangen, das Krupp zusammen mit sch\u00f6nen jungen M\u00e4nnern im italienischen S\u00fcden zeigte. Auf die Einbildungskraft eines Journalisten w\u00fcrde man sich nur ungern verlassen, Paparazzi m\u00fcssten an seine Stelle treten. Der letzte Spross der Krupp-Eigent\u00fcmer, Arndt von Bohlen und Halbach, der nicht mehr in der Firma, sondern im Jet-Set hervortrat, konnte davon bereits in den 1970er Jahren ein recht trauriges Lied singen; manchmal pr\u00e4sentierte er sich den Verfolgern und gab ihnen, was sie haben wollten \u2013 ein Bild von ihm mit einem Goldzepter in der Hand.<\/p>\n<p>Erstaunlicher ist aber, dass die Berichterstattung \u00fcber Reiche insgesamt zugenommen hat, nicht blo\u00df auf Fotostrecken. Wieso man dar\u00fcber staunen darf, rechtfertigt der historische Vergleich: Sozialistische Motive spielen in den westlichen Medien keine Rolle mehr, und das Strafgesetzbuch ermuntert heute zumindest bei sexuellen Fragen weniger zu Nachforschungen.<\/p>\n<p>Darum kann es schon verwundern, dass die Reichen derart stark im Mittelpunkt einer zwielichtigen Aufmerksamkeit stehen. Zwielichtig \u2013 denn um eine unzweideutige Feier kapitalistischer Leistungstr\u00e4ger handelt es sich kaum einmal. Die \u00f6ffentliche Bewunderung und fortgesetzte Aufmerksamkeit m\u00fcssen sie st\u00e4ndig bezahlen \u2013 mit kleinlichen Nachforschungen zu ihrer moralischen Haltung.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb von Rock-Bl\u00e4ttern und Pop-Lifestyleseiten, die kleinere und gr\u00f6\u00dfere Eskapaden ihrer Stars aus alternativen Gr\u00fcnden zumeist positiv honorieren, herrscht st\u00e4ndig eine Mischung aus Anerkennung, Schaulust, Neid und peinlicher Inspektion. Die Reichen, \u00fcber die man spricht, sollen zugleich entfernte Luxus-Gestalten und spie\u00dfige Nachbarn sein.<\/p>\n<p>Gar nicht erstaunlich ist es darum, wie viele Reiche versuchen, sich der \u00d6ffentlichkeit zu entziehen, und ihre abgeschotteten Grundst\u00fccke oder Viertel allenfalls Illustrierten wie \u00bbHouse &amp; Garden\u00ab \u00f6ffnen und nicht den Berichterstattern anderer Bl\u00e4tter, die sich st\u00e4rker ums \u203aPers\u00f6nliche\u2039 k\u00fcmmern. Die Vorteile der \u00bbconspicuous consumption\u00ab in der anonymer gewordenen Welt sind f\u00fcr sie Nachteile, wenn die Anerkennung des Reichtums nicht bei der Bewunderung des hergezeigten Luxus stehen bleibt. Dann werden die Luxusgegenst\u00e4nde zum Ausgangspunkt f\u00fcr Indiskretionen und Skandalisierungen. Die Pr\u00e4sentation des Luxus behalten viele Reiche daher nur noch ihresgleichen vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Show-Konsum<\/p>\n<p>Umso wichtiger f\u00fcr die mediale \u00d6ffentlichkeit ist deshalb die Pr\u00e4senz der despektierlich \u203aneureich\u2039 genannten Stars, Manager und Eigent\u00fcmer. Neben Oligarchen, Investmentbankern, Baul\u00f6wen finden sich viele Namen der Unterhaltungsbranche. Da die Pop- und Rockstars oft aus Familien stammen, die nie verm\u00f6gend waren, ist das Zeigebed\u00fcrfnis bei ihnen h\u00e4ufig besonders stark ausgepr\u00e4gt. Wenn die Stars aus Schichten kommen, deren einziger h\u00e4ufig betretener legaler Weg zum Reichtum darin besteht, als Show-Act, als Sportler, Schauspieler oder S\u00e4nger, bekannt zu werden, kann der ostentative Luxuskonsum, das Herzeigen von Sportwagen, Goldschmuck, Pelzen, nicht nur als pers\u00f6nliches, sondern mitunter sogar als politisches Anliegen verbucht werden.<\/p>\n<p>Aber auch Mittelschichts-Spr\u00f6sslinge unter den Popstars als \u203ademonstrative Konsumenten\u2039 anzutreffen ist keine \u00dcberraschung, bieten sie doch zumeist schon in ihren Shows und Videos viel auf, um attraktiv und beeindruckend zu wirken. Ihr luxuri\u00f6ses Privatleben im Scheinwerfer der \u00d6ffentlichkeit ist darum gar keins, sondern blo\u00df die Verl\u00e4ngerung ihrer Arbeit in jener Aufmerksamkeits\u00f6konomie, die noch unter Veblens Gesetz steht.<\/p>\n<p>Pop geht aber nicht vollst\u00e4ndig in der Tradition der gro\u00dfen Glitzerschauen und spektakul\u00e4ren Ausstattungsrevuen auf. Wie bereits erw\u00e4hnt, sind f\u00fcr Pop wie Rock der eigene K\u00f6rper, Gesten, einfache Materialien, Second-Hand-Moden, selbstentworfene Frisuren etc. mindestens genauso wichtig.<\/p>\n<p>Auch die bew\u00e4hrte Methode der Minderbemittelten, Luxus zu simulieren, indem man eine F\u00fclle an billigen Pl\u00fcsch- und Ziergegenst\u00e4nden sowie kosteng\u00fcnstige Talmi- und Glitzerwaren auf beengtem Raum zusammendr\u00e4ngt, \u00fcbernimmt man im Popbereich vorzugsweise in der Camp- und Trash-Version, nimmt also den Effekt des Billigen bewusst an und versucht, ihn nicht in einem Akt des Selbstbetrugs zu \u00fcbersehen. Deshalb kommt \u2013 anders als etwa bei Showstars wie Siegfried und Roy \u2013 ein mitunter starker Kontrast zwischen den Popauspr\u00e4gungen und dem luxuri\u00f6sen Leben der jeweils erfolgreichsten Protagonisten solcher Popmoden zustande.<\/p>\n<p>Wie um den Kontrast bewusst zu verkleinern, erh\u00f6hen viele der reich gewordenen Popstars nicht allein das Budget f\u00fcr Marketing und Hallenmieten, sondern steigern auch den Aufwand f\u00fcr Begleitprogramm und Dekoration enorm, stellen sich selbst ein Heer an T\u00e4nzern, Chors\u00e4ngern, Musikern zur Seite. Fast erwecken sie den Eindruck, sie glaubten nicht mehr an ihre eigene Attraktivit\u00e4t, an die besondere Lebendigkeit ihrer Bewegungen und Worte.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb der B\u00fchne werden die Kosten im Laufe der Karriere oftmals immens gesteigert, dann reicht auf einmal nicht mehr ein Studio und ein Produzent \u2013 eine un\u00fcberschaubare Menge an Orten und Dienstleistern muss es nun auch im Arbeits-, nicht nur im Privatleben sein. Als wollten sie zur eigenen Rechtfertigung sagen: Wer so viel ausgibt, um ein Unterhaltungsprodukt zu erstellen, der darf auch gro\u00dfen Aufwand bei H\u00e4usern, Schmuck und Autos treiben \u2013 als sei es nach einem nicht niedergeschriebenen Richtspruch der Entertainment-Moral unanst\u00e4ndig, seinen Reichtum auf einen H\u00fcftschwung oder eine Haarstr\u00e4hne zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Um besagten Kontrast zu verkleinern, steht aber auch mittlerweile eine ganz andere L\u00f6sung bereit. Sie f\u00fchrt zur\u00fcck zu Mary Quants Beobachtung, dass die Mode der Reichen nun stark von Stilpr\u00e4gungen des Popalltags bestimmt werde. Mittlerweile haben sich einfache Formen der Hosen- und Rockbekleidung, die mit der Popkultur historisch verbunden sind, sowie bestimmte Muster und Schnitte aus den Stilen von Mod bis Rave derart durchgesetzt, dass sie nicht nur von gro\u00dfen Modeh\u00e4usern in ihren Schauen vereinzelt zitiert werden, sondern viele Hochpreiskollektionen pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Marken wie Gucci und Saint-Laurent liefern einem heutzutage h\u00e4ufig die M\u00f6glichkeit, unterschiedliche Auspr\u00e4gungen eher minimalistisch angelegter Popstile zu einem Kostenpunkt zu kaufen, der sonst vorwiegend opulenten Modellen vorbehalten ist, die mit Raffinessen der Verarbeitung und des Stoffs ihren Preis halbwegs rechtfertigen wollen.<\/p>\n<p>Wegen der Ausbreitung der Popmode verzichtet man jetzt h\u00e4ufig auf solche versch\u00e4mten, handwerklich-b\u00fcrgerlichen Legitimationsbem\u00fchungen. Aus dem Billigen kann nun schnell das sehr Teure werden. Ausgesprochen billig soll das zwar in seiner teuren Variante nicht aussehen, dieser Anspruch richtet sich aber viel st\u00e4rker gegen einen unterstellten (neu-)reichen schlechten Geschmack als gegen die Verwendung wenig luxuri\u00f6ser Stoffe und Verarbeitungstechniken. Die Abgrenzung von verspieltem, \u00fcberbordendem Luxus soll die Quelle des Werts sein, ein \u00e4sthetischer und moralischer Anspruch, der sich hier zugleich in hohen, diskreten Preisziffern ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Im minimalistisch ausgerichteten Popsektor wie in dem um Nat\u00fcrlichkeit bem\u00fchten Rocksektor trifft dieser Affekt wider die dekadenten, prunkenden Neureichen kaum auf Ablehnung. Es versteht sich aber nicht von selbst, dass man mit dieser Haltung auf der richtigen Seite steht \u2013 und die Showgr\u00f6\u00dfen und -fans mit ihrer Vorliebe f\u00fcrs \u00dcberladene, Ausgreifende, Glitzernde und sichtbar Teure automatisch auf der falschen.<\/p>\n<p>Denn immerhin wird mit der Zurschaustellung solchen Reichtums nicht nur Geldmacht und Vorherrschaft demonstriert, sondern auch \u2013 wenigstens mit einem Abglanz \u2013 angezeigt, dass es noch anderes gibt als Notwendigkeit, M\u00fche und Zwangscharakter. Diesen Eindruck nur dem \u00bbinexpensive little dress seen on the girls in the High Street\u00ab zu \u00fcberlassen privilegiert Jugendlichkeit und Lebendigkeit dann doch zu stark.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige Jahre konnten solche Diskussionen der gro\u00dfen Menge an Leuten, die \u00fcber kein ausgepr\u00e4gtes Machtstreben verf\u00fcgen und sich mit ihrer mittelm\u00e4\u00dfigen oder bescheidenen Position rasch abfinden, ziemlich egal sein. Mit \u203aeinigen Jahren\u2039 ist die Zeit gemeint, die Tom Wolfe als \u00bbHappiness Explosion\u00ab ansehen wollte. Er \u00fcbersah dabei zwar geflissentlich die schlechte Lage nicht weniger Frauen, Einwanderer und Kranker, traf aber mit seinem Schlagwort ganz gut eine Situation, in der sehr viele Gewissheit oder immerhin begr\u00fcndete Hoffnung hatten, nicht l\u00e4nger unter dem Druck materieller Not leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Pop stand daf\u00fcr ein, auch ohne gro\u00dfes Verm\u00f6gen sich sch\u00f6ne, zeitgem\u00e4\u00dfe Dinge leisten zu k\u00f6nnen, sich Sachen kaufen und an Ereignissen teilzunehmen zu k\u00f6nnen, die nicht nur billigere Varianten des teureren Geschmacks darstellen. In vielen L\u00e4ndern des Westens ist diese Hoffnung mittlerweile bei denen, die sie am n\u00f6tigsten h\u00e4tten, wieder verflogen, man erkennt es sofort an den zahlreichen \u00e4rmlichen L\u00e4den in den Innenst\u00e4dten. Schlecht am Thema Reichtum ist, dass es wieder n\u00f6tig ist, dar\u00fcber zu reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Transcript Verlags.<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zur Erstver\u00f6ffentlichung in der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab <a title=\"verlagsseite transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2797-8\/pop\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren wollen, benutzen Sie bitte die Zeitschriftenfassung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demonstrative Konsumenten<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-4133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4133"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4133\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}