{"id":4163,"date":"2015-03-11T23:25:51","date_gmt":"2015-03-11T21:25:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4163"},"modified":"2015-03-11T23:25:51","modified_gmt":"2015-03-11T21:25:51","slug":"aufmerksam-rezension-zu-joerg-bernardy-aufmerksamkeit-als-kapitalvon-daniel-hornuff11-3-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/03\/11\/aufmerksam-rezension-zu-joerg-bernardy-aufmerksamkeit-als-kapitalvon-daniel-hornuff11-3-2015\/","title":{"rendered":"AufmerksamRezension zu J\u00f6rg Bernardy, \u00bbAufmerksamkeit als Kapital\u00abvon Daniel Hornuff11.3.2015"},"content":{"rendered":"<p>Zu Dieter Bohlens Lekt\u00fcretipp<!--more-->\u201aAufmerksamkeit\u2018 ist in aller Munde. Intellektuelle, die sich breitenwirksam zu den Folgen der Massen- und Internetmedien \u00e4u\u00dfern, greifen besonders gerne zu diesem Begriff. \u201aAufmerksamkeit\u2018 dient dann als eine Art Superbegriff, erscheinen mit ihm doch unterschiedlichste Formen von gesellschaftlicher Prominenz, medialer Resonanz und politischer Skandalisierung ebenso erkl\u00e4rbar wie unternehmerische Marketingkampagnen, weltanschauliche Tabubr\u00fcche, videogefilmte Terroranschl\u00e4ge etc.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist vielen Einlassungen dabei, \u201aAufmerksamkeit\u2018 als Gewinn darzustellen, den die beobachtende \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Auftritte aussch\u00fcttet \u2013 und der an die Seite oder gar die Stelle einer unmittelbaren finanziellen Pr\u00e4mierung ger\u00fcckt sei.<\/p>\n<p>Kann man sich noch darauf einigen, dass es sich bei einer solchen \u201aAufmerksamkeit\u2018 um ein irgendwie verknapptes Gut handelt, bleibt in den meisten F\u00e4llen dennoch unklar, was nun genau unter ihr verstanden wird: Ist \u201aAufmerksamkeit\u2018 erregbar? Oder f\u00e4llt sie einem (nur) zu? L\u00e4sst sich Aufmerksamkeit \u201efesseln\u201c und \u201efaszinieren\u201c, wie Norbert Bolz meint? Oder muss man nicht eher um sie \u201ek\u00e4mpfen\u201c, wie Bernhard P\u00f6rksen zu Bedenken gibt?<\/p>\n<p>Im Grunde ist die inflation\u00e4re Rede von der \u201aAufmerksamkeit\u2018 die sp\u00e4te Nachgeburt eines Aufsatzes, den der Architekt, Publizist und Softwareentwickler Georg Franck 1989 unter dem Titel \u201eDie neue W\u00e4hrung: Aufmerksamkeit. Zum Einflu\u00df der Hochtechnik auf Zeit und Geld\u201c in der Zeitschrift \u201eMerkur\u201c erstver\u00f6ffentlichte und den er in den darauffolgenden Jahren vielfach variierte, zuspitzte und letztlich zu seinem programmatischen Thema ausbaute. So avancierte Francks Band \u201e\u00d6konomie der Aufmerksamkeit\u201c von 1998 bald selbst zu einem terminologischen Massenph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Als intellektuelle Top-Marke kursiert das Buch l\u00e4ngst nicht mehr allein durch akademische Debatten, erzeugte also, was es inhaltlich diagnostiziert, und scheint dabei eine Faszination zu verstr\u00f6men, die dazu f\u00fchrt, dass das Buch selbst vor Dieter Bohlen nicht mehr sicher ist, der es zu seinen Lieblingslekt\u00fcren z\u00e4hlt \u2013 ein kleiner Umstand unter vielen anderen, dem der Philosoph J\u00f6rg Bernardy in seiner j\u00fcngst publizierten Studie \u201eAufmerksamkeit als Kapital\u201c auf den Grund geht.<\/p>\n<p>Bernardy ist mit seinem Buch ein feines St\u00fcck Diskursgeschichte gegl\u00fcckt. \u201eAufmerksamkeit ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit von bewusstem Erleben \u00fcberhaupt, sie ist eine anthropologische Konstante\u201c, h\u00e4lt der Autor gleich zu Beginn fest, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass diese Konstante unter Bedingungen der Mediengesellschaft zu einem \u201eRationierungsmittel\u201c aufgewertet wird.<\/p>\n<p>Mit stoischer Ruhe schirmt der Autor seine Untersuchung vor dem schrillen Hype um den Aufmerksamkeitsbegriff ab, um sich umso konzentrierter auf die philosophischen und soziologischen Implikationen, ideengeschichtlichen Umst\u00e4nde und akademischen Zweit-, Dritt- und Mehrfachverwendungen von Francks Buchtitel einlassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Verfolgt wird zweierlei: Auf der einen Seite rekonstruiert Bernardy den Aufmerksamkeitsdiskurs der letzten rund zwanzig Jahre unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der (vorgeblich) initialz\u00fcndenden Schriften Francks. Bernardy argumentiert hierbei sowohl textanalytisch als auch rezeptionsgeschichtlich, arbeitet also heraus, welche begrifflichen und konzeptuellen Schwerpunkte Franck gesetzt hat und wie diese durch Beitr\u00e4ge der scientific community vorformuliert, aufgegriffen und weitergedacht wurden.<\/p>\n<p>Andererseits nimmt Bernardy Francks Ans\u00e4tze zum Anlass, um nach allgemeineren Strukturen der wissenschaftlichen Aufmerksamkeitserzeugung zu fragen. Dabei geht er von dem Befund aus, dass Franck selbst darauf hingewiesen hat, kein wissenschaftliches Werk im engeren Sinne verfasst haben zu wollen \u2013 was Bernardy Anlass bietet zu pr\u00fcfen, wie es dennoch zu jener enormen Konjunktur von Francks Begriffen sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb der akademischen Welt kommen konnte.<\/p>\n<p>Besonderen Gewinn liefert Bernardy dort, wo er hinter den zur gefl\u00fcgelten Wendung und zum terminologischen Klischee verkommenen Buchtitel blickt und dessen inhaltliche Ver\u00e4stelungen freilegt. Dass dabei nicht nur eine Theorie nacherz\u00e4hlt und Thesen addiert werden, ist Bernardys Erkenntnisinteresse zu verdanken: \u201eIst der Aufmerksamkeitsdiskurs\u201c, fragt sich der Autor, \u201ein einem wissenschaftlichen Rahmen durchf\u00fchrbar? Ist die Unwissenschaftlichkeit und Unsch\u00e4rfe des Diskurses am Ende der Preis f\u00fcr seine hohe Popularit\u00e4t?\u201c<\/p>\n<p>Folglich geht es immer wieder darum, Francks \u00dcberlegungen zu kontextualisieren und ihre eigenen Bedingtheiten vor Augen zu f\u00fchren. Die von Franck betonte Wissenschaftsferne seiner Schriften dient Bernardy als roter Faden, den er mit etlichen Philosophen, Theoretikern und geisteswissenschaftlichen Autoren, die sich ebenfalls mit Begriff und Konzept von Aufmerksamkeit besch\u00e4ftigt haben, flankiert.<\/p>\n<p>Von Aristoteles, Rousseau und Mead \u00fcber Vertreter der Psychoanalyse, des Existenzialismus, der Frankfurter Schule sowie der Diskurs- und Sozialtheorie bis hin zu philosophischen Schriftstellern und journalistischen Einw\u00fcrfen spannt Bernardy ein beachtliches Panorama an Positionen auf, mit denen die geistesgeschichtlichen und institutionellen Voraussetzungen f\u00fcr Francks Aufmerksamkeitskarriere aufgezeigt werden sollen. Es beeindruckt, mit welch begrifflicher Sachkenntnis und philosophischer Umsicht Bernardy zu argumentieren wei\u00df, ja wie er durch die kluge Auswahl \u201aseiner\u2018 Autoren sowohl zur Kl\u00e4rung als auch \u2013 vor allem! \u2013 zur geschickten Relativierung von Francks Ans\u00e4tzen beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dazu ein Beispiel: Bernardy fiel auf, dass sowohl Franck als auch Peter Sloterdijk \u2013 unabh\u00e4ngig voneinander \u2013 personale Prominenz inzwischen als Ausdruck eines Prestiges ohne Gegen- oder Eigenleistung einstufen. Beide Autoren kommen in der Vorstellung \u00fcberein, dass es heute darum gehe, gesellschaftlichem Prestige einen \u201eSelbstwert\u201c einzur\u00e4umen, um Prominenz um der Prominenz willen ausgestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch anstatt diesen Diagnosen nun wiederum nur den bereits bekannten Aufmerksamkeitsbegriff an die Seite zu stellen, erinnert Bernardy daran, dass beiden Diagnosen eine historische Perspektive fehle, sie also nicht deutlich machen k\u00f6nnen, inwiefern etwa ver\u00e4nderte \u00d6ffentlichkeitsstrukturen neue Prestigeformen erzeugen.<\/p>\n<p>Zur Kl\u00e4rung und Relativierung tr\u00e4gt daher bei, dass Bernardy im R\u00fcckgriff auf Axel Honneths \u201eKampf um Anerkennung\u201c die innere Verbundenheit des gewandelten Prestigebegriffs mit \u201egesellschaftlichen Klassenk\u00e4mpfen\u201c herausarbeitet. Prestige \u2013 und die f\u00fcr ihn ausgezahlte Aufmerksamkeit \u2013 ist daher nicht nur ein Ph\u00e4nomen moderner Mediengesellschaften, sondern vor allem auch Folge eines auf soziale Distinktion basierendes Gesellschaftsmodells, das sich, freilich mit Einschr\u00e4nkungen versehen, nach Francks daf\u00fcrhalten auch auf die Mikroebene des innerakademischen Prestigekampfes anwenden lasse.<\/p>\n<p>Inkonsequent erscheint die Studie lediglich dort, wo sie ihren eigenen Kontextualisierungsanspruch vernachl\u00e4ssigt und Franck allzu strikt in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellt. Die konsultierten Autoren wirken dann eher wie Adjutanten einer \u00fcbergeordneten Theorie; sie dienen nicht mehr der philosophischen Abschw\u00e4chung oder dem Aufweis begrifflicher Bedingtheiten, sondern als vor- und nachtr\u00e4gliche St\u00fctzen, die zur Stabilisierung eines zentralen Gedankengeb\u00e4udes beitragen sollen. Fraglich wird, ob Franck damit nicht \u00fcber Geb\u00fchr aufgewertet und ihm, nun auf Augenh\u00f6he mit den Geistesgr\u00f6\u00dfen der Kulturgeschichte stehend, eine zu wichtige Stellung innerhalb des Diskurses einger\u00e4umt wird.<\/p>\n<p>Doch viel zu abw\u00e4gend verf\u00e4hrt Bernardy, als dass sich diese passagenweisen Schw\u00e4chen auf die Gesamtvorz\u00fcge seines Buches nennenswert auswirken w\u00fcrden. Wer den unterschiedlichen Begriffen der Aufmerksamkeit mit ihren je eigenen \u00f6konomischen Implikationen nachsp\u00fcren m\u00f6chte \u2013 oder wer sich gleicherma\u00dfen fasziniert wie verst\u00f6rt von den Wirkungsstrukturen des mentalen Kapitalismus zeigt \u2013, dem sei das Buch mit h\u00f6chster Dringlichkeit empfohlen.<\/p>\n<p>Es kl\u00e4rt auf beeindruckende Weise \u00fcber die philosophiegeschichtlichen Verstrickungen des Aufmerksamkeitsdiskurses auf, liefert \u00fcberdies pointierte Beobachtungen zur geisteswissenschaftlichen Reputationskultur und versorgt den Leser mit allen wichtigen inhaltlichen Auspr\u00e4gungen und begrifflichen Kommentierungen zu Francks Bestseller. Bernardys herrlich unaufgeregte Diskursgeschichte verl\u00e4uft quer zur modisch gewordenen Rede vom allseitigen Kampf um mediale Aufmerksamkeit \u2013 wodurch ihr ein umso gr\u00f6\u00dferer Gewinn zuf\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nJ\u00f6rg Bernardy<br \/>\nAufmerksamkeit als Kapital. Formen des mentalen Kapitalismus<br \/>\nMarburg 2014<br \/>\nTectum Verlag<br \/>\nISBN: 978-3-8288-3413-2<br \/>\n194 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"hornuff homepage\" href=\"http:\/\/kunstwissenschaft.hfg-karlsruhe.de\/users\/daniel-hornuff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Hornuff<\/a> ist akademischer Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Dieter Bohlens Lekt\u00fcretipp<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[249,497,575,1157,1837],"class_list":["post-4163","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-aufmerksamkeit","tag-daniel-hornuff","tag-distinktion","tag-joerg-bernardy","tag-pop-zeitschrift-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4163"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4163\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}