{"id":4470,"date":"2015-04-19T10:38:16","date_gmt":"2015-04-19T08:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4470"},"modified":"2015-04-19T10:38:16","modified_gmt":"2015-04-19T08:38:16","slug":"ursachen-politischen-handelns-rezension-zu-andreas-pettenkofer-die-entstehung-der-gruenen-politikvon-martin-seeliger19-4-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/04\/19\/ursachen-politischen-handelns-rezension-zu-andreas-pettenkofer-die-entstehung-der-gruenen-politikvon-martin-seeliger19-4-2015\/","title":{"rendered":"Ursachen politischen Handelns? Rezension zu Andreas Pettenkofer, \u00bbDie Entstehung der gr\u00fcnen Politik\u00abvon Martin Seeliger19.4.2015"},"content":{"rendered":"<p>Stilisierung des Gegners<!--more--><\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Apriltag in Mission, einem lateinamerikanischen Stadtteil San Franciscos. Marihuana-Geruch liegt in der Luft, rythmisches Trommeln und Sprechch\u00f6re \u00fcberlagern den L\u00e4rm der Stadt. \u201eInflict, convict, send these killer-cops to jail \/ the whole damn system ist guilty as hell!\u201c \u2013 eine im monotone Rhythmus des Call-and-Response-Prinzips vorgetragene Totenklage, Schuldzuschreibungen und Forderungen nach S\u00fchne \u2013 die Veranstaltung erinnert mich sehr an die sonnt\u00e4glichen Messen, die ich in meiner Schulzeit an einem katholischen Internat so h\u00e4ufig besuchen musste. Nur dass es eben eine Demonstration gegen Polizeigewalt ist \u2013 in Mission hatten Vertreter des San Francisco Police Department zuletzt einige Schwarze und Latinos erschossen. Und dagegen geht man nun auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass die Analogie Demonstration\/Heilige Messe einige \u00fcberrascht \u2013 aber wahrscheinlich nicht Andreas Pettenkofer. Der hat n\u00e4mlich ein Buch geschrieben, in dem er die Religionssoziologie von Durkheim und Weber auf die Entstehung der deutschen Umweltbewegung anwendet. Und unter Verwendung tragender Elemente dieser beiden Ans\u00e4tze, gelingt es ihm \u2013 so viel sei jetzt schon verraten \u2013 wesentliche Teile der \u201ekulturellen Voraussetzungen\u201c (8) dieser Bewegung herauszuarbeiten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Protestereignisse wie die Schlacht am Tegeler Weg, die eine Radikalisierung der der marxistisch-leninistischen Gruppen bedingte oder die Auseinandersetzungen um den AKW-Bauplatz in Wyhl aus dem Jahr 1973 stellen f\u00fcr die Bewegung wesentliche Bezugspunkte dar. Kollektive Gewalterfahrungen bringen die Bewegungsteilnehmer zu einer Verkn\u00fcpfungsleistung \u2013 ein autorit\u00e4rer Staat, der die Lebensgrundlage seiner Bev\u00f6lkerung durch unreflektierten Technikgebrauch unterst\u00fctzt, erscheint den Bewegungsteilnehmern als deutliches Anzeichen f\u00fcr einen neuen Autoritarismus.<\/p>\n<p>Die empirische Rekonstruktion erfolgt bei Pettenkofer nicht \u2013 wie zumindest bei manchen Bewegungshistorikern \u00fcblich\u2013 auf Grundlage von Interviews. Stattdessen analysiert er \u201eprotesteigene Printmedien\u201c (32). Deren Untersuchung erm\u00f6glicht es ihm, \u201enachzuzeichnen, wie ein bestimmter Protestgegenstand sich f\u00fcr die Beteiligten schrittweise verfestigt\u201c, und die \u201eUngewissheit, mit der die Protestteilnehmer konfrontiert sind, deutlicher erkennen\u201c zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der religionssoziologische Ansatz und dessen Anwendung auf das Buch ist vielversprechend, seine Umsetzung allerdings auch komplex. Die Frage, wie eine bestimmte Verhaltensweise (in diesem Fall \u201aProtest\u2018) innerhalb eines Kollektivs auf Dauer gestellt werden kann, l\u00e4sst sich mit den von Weber und Durkheim entwickelten Begriffen gut untersuchen. Tragend sind hierbei Webers Sektenbegriff sowie Durkheims Verst\u00e4ndnis des Sakralen sowie seiner Arbeiten zum Totemismus.<\/p>\n<p>Das Interessante an Pettenkofers Perspektive ist, dass er das \u2013 vor allem im Bereich der Politikwissenschaft verbreitete \u2013 rationalistische Motiv umkehrt. Was sich ihm zufolge ereignet, ist nicht der kollektive Versuch, eine faschistische Bedrohung einzud\u00e4mmen. Stattdessen wird eine politische Partei (der kapitalinteressen vertretende, autorit\u00e4re, umweltvernichtende Staat) im politischen Prozess zur faschistischen Bedrohung stilisiert.<\/p>\n<p>Hierin liegt die Analogie zu den religi\u00f6sen Motiven, die bei Durkheim und Weber im Mittelpunkt stehen. Die Sektendynamik und die kollektivistische Orientierung an Totems (Durkheim) erm\u00f6glichen der Bewegung einen starken Zusammenhalt. So wird der Zaun um den Bauplatz in Wyhl in den Publikationen der Umweltbewegung als KZ-Stacheldraht bezeichnet. Die besondere Bedeutung des Protests ergibt sich also aus der Selbst-Stilisierung in Abgrenzung zu einem (vermeintlich) quasi-faschistischen Regime und ist als Teil der Mobilisierung (und nicht deren Ursache!) anzusehen.<\/p>\n<p>Pettenkofer beschreibt den Text als \u201etheorieentwickelnde Fallstudie\u201c (345). Worin liegt jetzt die Entwicklung? Indem der Autor zeigt, wie jenseits des religi\u00f6sen Feldes entsprechende Motive sozialen Handelns (oder: Mechanismen) auftreten, gelingt ihm ein Beitrag zur politischen Soziologie. W\u00e4hrend diese, z.B. unter dem Begriff der Framing-Strategien (Goffman 1974), Darstellungsweisen untersuchen, die politische Akteure gezielt nutzen, um Interpretationen \u00fcber Gegenst\u00e4nde nahezulegen, betont Pettenkofer einen anderen Aspekt desselben Vorgangs. Seine religionssoziologische Ausgangsannahme erm\u00f6glicht es ihm, Vorg\u00e4nge der Bedeutungskonstruktion als unbeabsichtigte Prozesse zu untersuchen.<\/p>\n<p>Der Argumentationsverlauf ist komplex und die Darstellungsweise nicht immer zug\u00e4nglich. Pettenkofer genau zu verstehen erfordert einigen Aufwand. Aber der lohnt sich, denn seine Perspektive ist eine Bereicherung. Eine politische Soziologie als Analyse kultureller Voraussetzungen kollektiven Interessehandelns ist in der Forschungslandschaft sicherlich speziell. Sie sollte es aber nicht sein, denn f\u00fcr das urs\u00e4chliche Erkl\u00e4ren politischen Handelns sind diese Voraussetzungen eben bedeutsam.<\/p>\n<p>Setzen sich Studierende f\u00fcr \u201aFreie Bildung\u2018 ein, weil sie meinen, dies diene der Vermeidung sozialer Ungleichheit? Oder weil sie neu an der Uni sind und diese Protestcamps auf dem Campus irgendwie spannend erscheinen? Oder geht es auch darum, sich abzugrenzen? Von den Eltern? Den Professoren? Oder von den Jura- und WiWi-Studenten? Solche Fragen sind wichtig. Und Pettenkofer gibt mit dem Vorschlag seiner theoretischen Perspektive eine wertvolle Antwort auf die Frage, wie diese Ph\u00e4nomene zu verstehen sind.<\/p>\n<p>Einige Dinge fehlen mir pers\u00f6nlich im Buch. Dass die Gr\u00fcnen zu gro\u00dfen Teilen im deutschen B\u00fcrgertum angekommen sind, wei\u00df Pettenkofer nat\u00fcrlich. Mich w\u00fcrde interessieren, ob, und wenn ja, inwiefern sich diese Verb\u00fcrgerlichungstendenzen schon in den Vergemeinschaftungsformen der 1970er und 1980er Jahre abgezeichnet haben. Zwar erkennt der Autor eine \u201e\u00d6ffnung zu wirtschaftsliberalen Positionen\u201c (343) im Laufe der 1970er, weiter vertieft wird dieser Aspekt leider nicht.<\/p>\n<p>Inwiefern der Autor mit der Umweltbewegung sympathisiert, ist mir beim Lesen nicht klar geworden. Zwar macht er deutlich, dass es ihm nicht darum geht, die Anliegen der Bewegung zu trivialisieren, indem er ihnen einen genuin politischen Charakter abspricht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ich vermute aber eine Sympathie \u2013 fast alle Soziologen sind gegen Atomkraft (ich kenne nur zwei, die es nicht sind). Wenn es also diese Sympathie gibt, w\u00fcrde mich interessieren, welche Empfehlungen der Autor f\u00fcr soziale Bewegungen ableitet.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Mit seinem Anliegen, soziale Bewegungen nicht als rationale politische Akteure zu begreifen, die Ziele formulieren und sie danach verfolgen, ist Pettenkofer nicht allein. Im deutschen Raum liegt mit der Studie von Reichhardt (2014) ein wesentlicher Beitrag in diese Richtung vor. Es ist allerdings zu vermuten, dass die Studie Pettenkofers unabh\u00e4ngig davon entstanden ist. Tats\u00e4chlich stellt sie den zweiten Teil einer Dissertation dar, deren erster Teil unter Pettenkofer (2010) vorliegt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das w\u00e4re auch merkw\u00fcrdig. Jeder Sozialwissenschaftler sollte wissen, dass Dinge niemals \u201egenuin\u201c irgendwas sind \u2013 schlie\u00dflich werden sie in vielf\u00e4ltigen Prozessen konstruiert. Eindimensionalit\u00e4t w\u00e4re vorsozial und \u201avorsozial\u2018 gibt es im menschlichen Denken nicht (vgl. Elias 2011).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Elias, Norbert (2011): Was ist Soziologie? M\u00fcnchen\/Weinheim: Juventa<\/p>\n<p>Goffmann, Erving (1974): Frame Analysis. New York: Harper Colophon<\/p>\n<p>Pettenkofer, Andreas (2010): Radikaler Protest. Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen. Frankfurt a.M.\/New York: Campus<\/p>\n<p>Reichhardt, Sven (2014): Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft. Berlin: Suhrkamp<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nAndreas Pettenkofer<br \/>\nDie Entstehung der gr\u00fcnen Politik. Kultursoziologie der westdeutschen Umweltbewegung<br \/>\nFrankfurt a.M.\/New York 2014<br \/>\nCampus Verlag<br \/>\nISBN 978-3593394176<br \/>\n383 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage seeliger\" href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/forschung\/wissdetails_de.asp?MitarbID=606\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Seeliger<\/a> ist Doktorand am Max-Planck-Institut f\u00fcr Gesellschaftsforschung, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table class=\"wp-list-table widefat fixed posts\">\n<tbody id=\"the-list\">\n<tr id=\"post-4135\" class=\"post-4135 type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein category-rezensionen tag-feminismus tag-intersektionalitaet tag-martin-seeliger tag-pop-zeitschrift-2 alternate iedit author-self level-0\">\n<th class=\"check-column\" scope=\"row\"><\/th>\n<td class=\"post-title page-title column-title\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stilisierung des Gegners<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[176,548,1324,1911,2421],"class_list":["post-4470","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-andreas-pettenkofer","tag-die-gruenen","tag-kultursoziologie","tag-protest","tag-umweltbewegung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4470"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4470\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}