{"id":4547,"date":"2015-04-23T10:09:17","date_gmt":"2015-04-23T08:09:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4547"},"modified":"2015-04-23T10:09:17","modified_gmt":"2015-04-23T08:09:17","slug":"konsumrezension-aprilvon-simon-bieling23-4-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/04\/23\/konsumrezension-aprilvon-simon-bieling23-4-2015\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Aprilvon Simon Bieling23.4.2015"},"content":{"rendered":"<p>Apple Watch<!--more mehr--><\/p>\n<p>Thematische Ausgewogenheit h\u00e4lt Katharine Viner, k\u00fcnftig Chefredakteurin des \u00bbGuardian\u00ab, nicht f\u00fcr etwas, zu der Journalistinnen und Journalisten besonders viel beizutragen h\u00e4tten. Meistens einigten sich ihre Berufskollegen zu schnell darauf, welche Themen und Ereignisse man am besten f\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Berichterstattung ausw\u00e4hlt. Wie bei der Geburt des k\u00fcnftigen britischen Thronfolgers im Juli 2013 jagten sie oft \u00bbden gleichen Dingen\u00ab (\u00bbFreitag\u00ab:\u00a0\u00bb<a title=\"artikel freitag viner\" href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/der-aufstieg-des-lesers\" target=\"_blank\">Der Aufstieg des Lesers<\/a>\u00ab] hinterher, sodass viele andere Berichte erst gar nicht in die Medien gelangten.<\/p>\n<p>Seit dem 10. April schon kann man die Apple Watch vorbestellen, ihre Markteinf\u00fchrung wurde im September letzten Jahres durch das Unternehmen angek\u00fcndigt. Mindestens seit diesem Tag und der Meldung ihres raschen Ausverkaufs ist sie f\u00fcr Technikjournalisten endg\u00fcltig das geworden, was Prinz George im Juli 2013 f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Weltpresse wurde: ein Gegenstand, \u00fcber den zu berichten man sich allseits verpflichtet sieht und zugunsten dessen man bereit ist, andere vielleicht ebenso relevante Themen zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/04\/Apple_Watch.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4555\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/04\/Apple_Watch.png\" alt=\"Apple_Watch\" width=\"598\" height=\"706\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/04\/Apple_Watch.png 598w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/04\/Apple_Watch-254x300.png 254w\" sizes=\"auto, (max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht wird man schon deshalb viele der zahlreichen Berichte, die derzeit \u00fcber die Apple Watch erscheinen, nicht immer mit Neugier und Interesse zur Kenntnis nehmen. Trotzdem k\u00f6nnten sie zu willkommenen Anl\u00e4ssen daf\u00fcr werden, die F\u00e4higkeit zu erproben, die Viner \u2013 sicher etwas voreilig \u2013 den meisten Journalisten abspricht: n\u00e4mlich den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auch dann verlagern zu k\u00f6nnen, wenn auf der Hand zu liegen scheint, welchen Themen man besondere Beachtung schenken sollte.<\/p>\n<p>So d\u00fcrfte es von Vorteil sein, derzeit auch andere Technologieprodukte au\u00dfer der Apple Watch zu beachten, ohne diese damit gleich g\u00e4nzlich aus den Augen zu verlieren. Man wird sich dann zugleich auch besser dar\u00fcber Rechenschaft ablegen k\u00f6nnen, dass die Wahl eines Rezensionsgegenstands oft schon mit impliziten Wertungen und unbedachten Vorlieben einhergeht. Schon bevor man \u00fcberhaupt ein n\u00e4heres Urteil getroffen ist, hat man schlie\u00dflich zumeist schon eine Trennlinie gezogen zwischen Gegenst\u00e4nden, die man f\u00fcr eine n\u00e4here Bewertung \u00fcberhaupt in Betracht zieht und an denen man die eigenen Wertma\u00dfst\u00e4be sch\u00e4rft, und solchen, die man daf\u00fcr von vornherein f\u00fcr uninteressant h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Statt den vielen Berichten \u00fcber die Apple Watch also nur einige Erg\u00e4nzungen hinzuzuf\u00fcgen, scheint es angemessener, sich eines Urteils zu enthalten und eher Antipoden zur Diskussion bringen, also Produkten vergleichend Beachtung zu schenken, die g\u00e4nzlich entgegengesetzte oder auch nur gegen\u00fcber der Apple Watch deutlich unterschiedliche Merkmale kennzeichnen, wie sie in den vielen derzeit erscheinenden Berichten erw\u00e4hnt werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das iPhone immer wieder als Objekt taktilen Wohlgef\u00fchls bewundert wurde, verweisen viele fr\u00fche Kommentatoren auf die besonderen taktilen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten der Apple Watch. Mit den Funktionen \u00bbTaptic Engine\u00ab und \u00bbForce Touch\u00ab, so John Gruber, Verfasser des Blogs <a title=\"blog artikel\" href=\"http:\/\/daringfireball.net\/2015\/04\/the_apple_watch\" target=\"_blank\">Daring Fireball<\/a>, w\u00fcrde es erstmals m\u00f6glich, nicht mehr nur telefonisch oder \u00fcber Bild- und Textnachrichten, sondern auch taktil zu kommunizieren. Die \u00bbphysische Kommunikation\u00ab, die man mit der Apple Watch betreiben k\u00f6nne, sei mit gr\u00f6\u00dferer pers\u00f6nlicher N\u00e4he und Intimit\u00e4t verbunden: Es f\u00fchle sich n\u00e4mlich so an, \u00bbals ob man eine andere Person ber\u00fchre oder von ihr ber\u00fchrt werde\u00ab.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus erw\u00e4hnen die Berichte \u00fcber die Uhr oftmals, wie sehr Apple es darauf angelegt habe, durch unterschiedliche Fassungen, Armb\u00e4nder und eine ganze Reihe w\u00e4hlbarer Ziffernbl\u00e4tter, sein Produktangebot zu individualisieren. Benjamin Clymer, Autor bei <a title=\"artikel clymer\" href=\"http:\/\/www.hodinkee.com\/blog\/introducing-the-apple-watch-a-new-player-in-the-ever-evolving-smartwatch-industry\" target=\"_blank\">Hodinkee<\/a>, eines Onlinemagazins, das sich vornehmlich mit hochpreisigen Armbanduhren befasst, verglich Apple deshalb schon im September mit Automobilunternehmen wie BMW oder Audi und ihren stark ausdifferenzierten Produktpaletten. Formen der \u00bbmass customization\u00ab, der individualisierten Massenfertigung, wie man sie dort und nun auch bei der Apple Watch antreffe, seien bei klassischen Uhrenherstellern bisher noch nicht in \u00e4hnlichem Umfang bekannt.<\/p>\n<p>Apple hat sich bei der Entwicklung der Smartwatch keineswegs nur an Uhrenunternehmen wie Rolex, TAG Heuer oder etwa Patek Philippe orientiert, sondern, wie der Technikolumnist Tim <a title=\"artikel bajarin\" href=\"https:\/\/techpinions.com\/understanding-apples-wearable-strategy\/32076\" target=\"_blank\">Bajarin<\/a> glaubt, an den Armb\u00e4ndern, den sogenannten MagicBands, die Disney bereits seit einigen Jahren in seinen Freizeitparks einsetzt. Mit den elektronischen Armb\u00e4ndern lassen sich Zimmer in den Disney Resort Hotels ebenso \u00f6ffnen, wie man sich Zugang zu den Freizeitparks verschaffen, Zahlungen t\u00e4tigen, Essen und Merchandising-Produkte erwerben kann, ohne dass man auf Dauer noch deutlich merkt, dass man das Armband \u00fcberhaupt tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Au\u00dfer des kaum \u00fcberraschenden Lobs \u00fcber das Design der Apple Watch (Joanna Stern, <a title=\"artikel stern\" href=\"http:\/\/www.wsj.com\/articles\/apple-watch-review-what-the-apple-watch-does-bestmake-you-look-good-1428494694\" target=\"_blank\">WSJ<\/a>) finden sich in den bisher erschienenen Rezensionen so vor allem \u00dcberlegungen, wie m\u00fchelos und reibungslos der Gebrauch der Smartwatch im allt\u00e4glichen Gebrauch ausf\u00e4llt. Entsprechend besch\u00e4ftigt viele Rezensionen, dass einige der installierten Softwares noch allzu langsam laufen (Nylay Patel, <a title=\"artikel patel\" href=\"http:\/\/www.theverge.com\/a\/apple-watch-review\" target=\"_blank\">The Verge<\/a>), wie oft der Akku der Apple Watch geladen werden muss (ebenfalls Patel) oder, ob man mit der Uhr die Zeit reduzieren k\u00f6nne, die man mit der Bedienung des Smartphones verbringe (Lance Ulanoff, <a title=\"artikel ulanoff\" href=\"http:\/\/mashable.com\/2015\/04\/08\/apple-watch-review\/\" target=\"_blank\">Mashable<\/a>).<\/p>\n<p>Geht man nach den bislang erschienen Berichten \u00fcber die Apple Watch, k\u00f6nnte man rasch zu der Einsch\u00e4tzung gelangen, Kommunikation, Personalisierung und die elegante Camouflage von Technologie seien f\u00fcr die meisten technologisch basierten Konsumprodukte ma\u00dfgeblich. Deshalb lohnt es sich auch, der Apple Watch nicht \u00fcbertrieben viel Beachtung zu schenken, um einer solch voreiligen Schlussfolgerung relativierend zu begegnen. So k\u00f6nnte man etwa zur Kenntnis nehmen, dass man bei Fernsehger\u00e4ten, wie sie Sony oder Samsung vermarkten, oft ein ganz \u00e4hnliches Preisspektrum antrifft und diese trotzdem f\u00fcr ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis zu technischen Ger\u00e4ten stehen, als es mit der Apple Watch verbunden wird.<\/p>\n<p>Weder Samsung noch Sony empfiehlt seinen Kunden den Kauf eines Fernsehger\u00e4ts, um ihnen etwa Zugang zu besseren technischen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten zu erhalten. Eher werden sie als technisch avancierte TV-Bildschirme und elegante Einrichtungsgegenst\u00e4nde vermarktet. Samsung ver\u00f6ffentlicht ein \u00bb<a title=\"magazin samsung\" href=\"http:\/\/www.samsung.com\/de\/app\/smarthome\/\" target=\"_blank\">Magazin f\u00fcr digitale Wohnkultur<\/a>\u00ab mit Kurzberichten \u00fcber seine kurvig angelegten Fernseher und Sony pr\u00e4sentiert seine Fernseher gerne im Zusammenspiel mit B\u00fccherregalen, Designerlampen und Sofaensembles.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Apple Watch in den kommenden Jahren vielleicht zum Statussymbol werden kann, weil man mit ihr \u00fcber einen besonders unauff\u00e4lligen und doch leistungsf\u00e4higen technischen Begleiter verf\u00fcgt, sind es deshalb gro\u00dffl\u00e4chige Fernseher eher, wenn sie besonders markant den Eindruck pr\u00e4gen, den man von der Einrichtung eines Wohnzimmers gewinnt.<\/p>\n<p>Auch als Beweisst\u00fccke eigener Individualisierungsleistungen wird man die Fernseher dennoch kaum einsetzen k\u00f6nnen. Neben den unterschiedlich ausfallenden Bildschirmgr\u00f6\u00dfen hat man allenfalls die Wahl, ein Ger\u00e4t mit niedriger oder h\u00f6herer Bild- und Tonqualit\u00e4t zu erwerben. An ihnen kann nur wenig augenscheinlich werden, dass man sich bei ihrem Erwerb anders als andere Konsumenten entschieden h\u00e4tte. Eher rechnen die Besitzer vielleicht damit, dass die Bewunderung, die die technisch optimierten Bilder eines Fernsehger\u00e4ts vielleicht auszul\u00f6sen verm\u00f6gen, sich auf ihre eigene Person \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer die Bildschirmdiagonalen eines Fernsehers ausfallen, desto besser k\u00f6nnen die Besitzer jedoch zuletzt auch signalisieren, sich sonst allt\u00e4glichen digitalen Kommunikationsverpflichtungen entziehen zu k\u00f6nnen. Jedem ist klar, dass auf die bewegten Bilder, die ein TV-Bildschirm zur Anzeige bringt, man schlie\u00dflich nicht mehr eigens reagieren muss, so wie es vielleicht auf YouTube oder Facebook notwendig w\u00e4re.<\/p>\n<p>So wird man sich schlussendlich nicht sorgen m\u00fcssen, dass die Apple Watch physische Kommunikation, Individualisierung und ein Primat unauff\u00e4lliger Technologie allzu obligatorisch machen werden. Sogar auf die Sorge, westliche Gesellschaften seien mehr und mehr von einem um sich greifenden Gesundheitswahn erfasst, nachdem nun auch die Apple Watch nicht zuletzt Fitness und k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t ihrer Besitzerinnen und Besitzer differenziert aufzeichnet, k\u00f6nnte man mit dem Verweis auf aktuell vertriebene Fernsehger\u00e4te reagieren.<\/p>\n<p>Denn auch wenn die Apple Watch all jene \u00fcberzeugen wird, die entschlossen sind, sich durch sie zu messbar gr\u00f6\u00dferer k\u00f6rperlicher Aktivit\u00e4t, Fitness und Gesundheit dr\u00e4ngen zu lassen, werden Fernseher wohl noch f\u00fcr eine ganze Weile als Gegenspieler erhalten bleiben. Sie sind nicht zuletzt auch Symbole derjenigen, die wenigstens in ihren eigenen Wohnr\u00e4umen nicht nur eher Kommunikationsverzicht und Passivit\u00e4t bevorzugen, sondern vermutlich auch Herzfrequenz, Kalorienverbrauch und andere Leitzahlen ihrer k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t gerne im Dunkeln belassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website bieling\" href=\"http:\/\/www.konsumaesthetik.de\/?\/Personen\/SimonBieling\/\" target=\"_blank\">Simon Bieling<\/a> ist akademischer Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe und promoviert im Forschungsverbundprojekt \u00bbKonsum\u00e4sthetik. Formen des Umgangs mit k\u00e4uflichen Dingen\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Apple Watch<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[214,1282,1837,2057,2138,2402],"class_list":["post-4547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-apple-watch","tag-konsumrezension","tag-pop-zeitschrift-2","tag-samsung","tag-simonbieling","tag-tv-geraet"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4547"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4547\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}