{"id":4581,"date":"2015-05-10T14:49:59","date_gmt":"2015-05-10T12:49:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4581"},"modified":"2015-05-10T14:49:59","modified_gmt":"2015-05-10T12:49:59","slug":"der-klang-eines-planeten-rezension-zu-douglas-kahn-earth-sound-earth-signalvon-dominik-irtenkauf10-5-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/05\/10\/der-klang-eines-planeten-rezension-zu-douglas-kahn-earth-sound-earth-signalvon-dominik-irtenkauf10-5-2015\/","title":{"rendered":"Der Klang eines Planeten Rezension zu Douglas Kahn, \u00bbEarth Sound Earth Signal\u00abvon Dominik Irtenkauf10.5.2015"},"content":{"rendered":"<p>Technische Romantik<!--more--><\/p>\n<p>Pfeift es im Ohr, kann das mehrere Ursachen besitzen: das Ohr kann zu lange einer erh\u00f6hten Lautst\u00e4rke (etwa bei einem Konzert oder Discobesuch) ausgesetzt gewesen sein. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re ein durch Stress ausgel\u00f6ster Tinnitus, der zu irreparablen H\u00f6rsch\u00e4den f\u00fchren kann. Die Menge an Menschen, die Stimmen im Kopf h\u00f6rt und dies als Pfeifen wahrnimmt, l\u00e4\u00dft sich angesichts des begrenzten Platzes im Kontext einer Rezension vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>M\u00f6glich w\u00e4re zudem noch eine sagen wir: globalere Variante: Auch wenn sich keine Siedlung in unmittelbarer N\u00e4he befindet, kein Discman oder i-Pod ans Ohr angeschlossen wird, k\u00f6nnte das Summen der Erde geh\u00f6rt werden. Henry David Thoreau stand nahe der Telegrafenmasten und h\u00f6rte Sph\u00e4renmusik. Beim ersten Telefonapparat tauchten \u2013 ja, was eigentlich? \u2013 waren es St\u00f6rger\u00e4usche, Begleitt\u00f6ne, Unterklang? \u2013 auf, die zum Beispiel Thomas Watson h\u00f6rte. Douglas Kahn zeichnet in seinem neuen Buch \u00bbEarth Sound Earth Signal. Energies and Earth Magnitude in the Arts\u00ab eine medienhistorische Konstante in den K\u00fcnsten nach: eben die \u203aH\u00f6rbachmachung\u2039 des erdeigenen Sounds. Doch worin besteht dieser und unter welchen Umst\u00e4nden tritt er auf?<\/p>\n<p>Ein Beispiel w\u00e4re die (unbeabsichtigte) \u00dcbertragung von Musik durch das Telegraphensystem, das nicht nur am Zielort empfangen und geh\u00f6rt wird, sondern auch Sound an die Umgebung \u203aabgibt\u2039. Kahns beeindruckende Kompetenz als Erz\u00e4hler spannt ein medienhistorisches Panorama auf, das die \u203aH\u00f6rbachmachung\u2039 als eine spannende Geschichte der Technologie, aber auch der k\u00fcnstlerischen Interessen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>So wird zum Beispiel auch Henry David Thoreau in seiner Walden-Abgeschiedenheit mehrfach angef\u00fchrt. Er bewundert die sph\u00e4rische Musik, wie er sie nennt, trotz seines bewussten R\u00fcckzugs aus jeder Zivilisation. Diese Frage nach der Trennsch\u00e4rfe zwischen Natur und Technik durchzieht Kahns gesamtes Buch.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re jedoch deutlich vereinfacht, denn Douglas Kahn interessiert sich vor allem f\u00fcr \u00fcbertragene akustische Signale in nat\u00fcrlicher Umgebung oder sagen wir besser: au\u00dferhalb des Maschinen-Zirkels. Die verschiedenen Erkl\u00e4rungsversuche von Ingenieuren, aber auch Schriftstellern zeichnet Kahn in kurzweiligen Kapiteln nach. So tauchen \u00bbauroras\u00ab (S. 66ff.) oder auch \u00bblightnings and thunderstorms\u00ab (S. 67) genauso wie alle m\u00f6glichen akustischen Ph\u00e4nomene auf.<\/p>\n<p>Der Zugang erinnert an die Positionen romantischer Literatur, die die gesamte Natur von einem Fluidum durchwirkt denkt. E.T.A. Hoffmann f\u00fchrt in seinen Erz\u00e4hlungen h\u00e4ufig das Schwingen der Natur an, auf das ein entsprechend sensitiver Charakter reagiert und dann in seiner Handlungsweise von diesen Resonanzen geleitet wird.<\/p>\n<p>Interessanterweise nennt Kahn die \u00bbaeolian sounds\u00ab. Derselbe Begriff taucht auch bei den romantischen Autoren auf. Kahn zielt jedoch auf andere sonische Ph\u00e4nomene: auf die uneigentlich medial transportierten Sounds, wie die fr\u00fche Telegraphie \u00bbearth currents\u00ab h\u00f6rbar machte, aber auch Musikprogramme \u00fcbertrug, die sie scheinbar in der Luft aufschnappte.<\/p>\n<p>Nicht nur die Ingenieure erliegen der Faszination der mitgeh\u00f6rten Kl\u00e4nge, die scheinbar ohne menschliches Zutun in der Natur entstehen. Sound Studies fragen nach der h\u00f6r\u00f6kologischen Sensibilit\u00e4t der H\u00f6rer, wenn sie sich in fremder Umgebung bewegen. Es zeigt sich, dass diese oberfl\u00e4chlich betrachtet rein technologischen Ph\u00e4nomene fr\u00fch schon eine k\u00fcnstlerische Dimension erhalten.<\/p>\n<p>Es sind S\u00e4tze wie diese, die Kahns Buch nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Lesegenuss empfehlen: \u00bbHinterding had met a person who had gone throughout the city to listen to stairwells and fire escape in order to hear whether or not they were receiving radio; it made her wonder whether \u203aRepent! Repent!\u2039 might also be pulsating just outside the window, resonating sympathetically in the conductive mass of the fire escape, and it made her wonder where else the call to repent might be in that big rat\u2019s nest of vibrating metal called a city.\u00ab (S. 244)-<\/p>\n<p>Douglas Kahn gelingt es scheinbar leicht, wissenschaftsgeschichtliche Einlassungen mit spannenden \u00e4sthetischen Fragen zu verkn\u00fcpfen. Die H\u00f6rbachmachung des Eigensounds der Erde taucht auch immer wieder in experimentellen Projekten der elektronischen Musik auf \u2013 es w\u00e4re spannend, Kahns Analyse als Ausgangspunkt f\u00fcr eine popkulturelle Untersuchung entsprechender Interpreten und ihrer \u203aErdsounds\u2039 zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Hinweis:<\/strong><br \/>\nDouglas Kahn<br \/>\nEarth Sound Earth Signal. Energies and Earth Magnitude in the Arts<br \/>\nBerkeley, Los Angeles und London 2013<br \/>\nUniversity of California Press<br \/>\nISBN 978-0-520-25755-9<br \/>\n330 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dominik Irtenkauf M.A. ist freischaffender Journalist und Autor (u.a. f\u00fcrs Legacy-Magazin, Telepolis und Read), zudem arbeitet er an einer Dissertation in den Sound Studies zur Soundscape der Schw\u00e4rze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Technische Romantik<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[589,605,652,1837,2179],"class_list":["post-4581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-douglas-kahn","tag-earth-signal","tag-erdklang","tag-pop-zeitschrift-2","tag-sound-studies"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4581"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4581\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}