{"id":4727,"date":"2015-06-30T09:31:01","date_gmt":"2015-06-30T07:31:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4727"},"modified":"2015-06-30T09:31:01","modified_gmt":"2015-06-30T07:31:01","slug":"konsumrezension-junivon-simon-bieling30-6-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/06\/30\/konsumrezension-junivon-simon-bieling30-6-2015\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Junivon Simon Bieling30.6.2015"},"content":{"rendered":"<p>Konferenz Digital-Life-Design (DLDsummer15): Zukunftsglauben, Paternalismus, Vernetzungseuphorie<!--more mehr--><\/p>\n<p>Statt eine Ausstellung, eine Buchver\u00f6ffentlichung oder ein Konsumprodukt mit ersten Einsch\u00e4tzungen zu versehen, kann eine Rezension auch als Experimentierfeld sekund\u00e4ren Urteilens genutzt werden. Einsch\u00e4tzungen, die man in der Vergangenheit einmal getroffen hat, werden in solchen Rezensionen rekapituliert, erg\u00e4nzt oder in ihr Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>Gelegenheit zu einer solchen Revision bot sich Ende dieses Monats auf der zweit\u00e4gigen <a title=\"website dld\" href=\"http:\/\/dld-conference.com\/DLDsummer15\" target=\"_blank\">Veranstaltung<\/a> \u00bbDLDsummer15. Health Tech Lifestyle\u00ab in M\u00fcnchen. Sie ist ein Ableger der DLD-Hauptkonferenz, die seit 2005 zu Beginn jeden Jahres stattfindet. Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien befassten sich auf Einladung des Burda-Medienkonzerns in Vortr\u00e4gen und Workshops mit dem Zusammenspiel digitaler Technologien und k\u00fcnftiger Gesundheitsversorgung, die auch f\u00fcr die Vermarktung der Apple Watch und vergleichbarer Ger\u00e4te von gro\u00dfer Bedeutung ist. So kann den ersten <a title=\"artikel pop-zeitschrift apple watch\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/04\/23\/konsumrezension-aprilvon-simon-bieling23-4-2015\/\" target=\"_blank\">Einsch\u00e4tzungen<\/a> \u00fcber die Apple Watch, nicht zuletzt auch jenen, die an dieser Stelle erschienen sind, im Rahmen der DLD-Sommerkonferenz mit einem zweiten Blick begegnet werden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst musste auffallen, dass w\u00e4hrend der DLD-Veranstaltung auf die Apple Watch allenfalls indirekt verwiesen wurde. Viele \u00bbSpeaker\u00ab der Konferenz trugen die Uhr zwar demonstrativ, brachten sie in ihren meist kurzen Vortr\u00e4gen aber dann doch nur mit den Markeninszenierungen ihrer jeweiligen Unternehmen ins Spiel.<\/p>\n<p>So konnte man w\u00e4hrend der Konferenz auf den Verdacht kommen, dass es auf Dauer wenig Sinn macht, sich ausschlie\u00dflich mit einzelnen Funktionsmerkmalen eines digitalen Gadgets wie der Apple Watch zu befassen. Mindestens genauso relevant scheint dagegen zu sein, die gr\u00f6\u00dferen Deutungsrahmen zu bewerten, in die solche Ger\u00e4te eingebettet werden. Sich als Instanz f\u00fcr solche \u00fcbergreifenden Kategorien im Feld digitaler Technologie zu profilieren, ist jedoch ein wesentliches Anliegen der DLD-Konferenzen, weshalb sie f\u00fcr entsprechende \u00dcberlegungen auch einiges anzubieten hat.<\/p>\n<p>Digitale Technologie wurde zun\u00e4chst in vielen Konferenzbeitr\u00e4gen als Anschluss an eine verhei\u00dfungsvolle Zukunft in Szene gesetzt. Wer an der Konferenz teilnahm, suchte deshalb zum Preis von knapp tausend Euro f\u00fcr sein professionelles Leben vielleicht vor allem ein \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Man erhoffte sich, aus der Zukunft auf diejenigen herabblicken zu k\u00f6nnen, die zur unternehmerischen Vergangenheit noch allzu enge Bindungen unterhalten, ja unbeweglich in einem tristen \u00bbGestern\u00ab ausharren.<\/p>\n<p>Entsprechend h\u00e4ufig findet sich das Wort \u00bbFuture\u00ab in den Vortragstiteln des Konferenzprogramms: \u00bbFuture Of Your Health \u2013 The Right Care At The Right Time At The Right Price\u00ab (Ron Gutman, HealthTap), \u00bbFuture Of Mobility\u00ab (Antony Douglas, BMW), \u00bbFuture Of Healthcare\u00ab (Peter Vullinghs, Philips). Zudem erwartete die Besucher am Eingang der Konferenz ein auf wei\u00dfem Podest platziertes BMW-Modell, in dem man sich, so der BMW-Mitarbeiter vor Ort, allen anderen f\u00fcnf Jahre voraus f\u00fchle. Und nicht zuletzt forderte ein Workshop, der einzelnen Konferenzbesuchern in sechzig Minuten die Basisgewohnheiten des digitalen Entrepreneurs nahebrachte, zur Tugend der Schnelligkeit auf. Einem erfolgreichen digitalen Unternehmer m\u00fcsse es immer wieder gelingen, Geschwindigkeit unter Beweis zu stellen, statt allein auf die Qualit\u00e4t der Produkte zu achten.<\/p>\n<p>Sicherlich kann man das optimistische Verh\u00e4ltnis zur Zukunft, das die Konferenz durchzog, auch als willkommenes Gegengewicht zu den h\u00e4ufig anzutreffenden Alternativen sehen, den zuk\u00fcnftigen Dekaden nur mit Gleichg\u00fcltigkeit oder auch Pessimismus zu begegnen. Trotzdem neigen viele Konferenzbeitr\u00e4ge dazu, ihre Zuh\u00f6rer zu einer etwas \u00fcberspannten avantgardistischen Zukunftsverliebtheit zu dr\u00e4ngen. Hat man sich mit ihr jedoch einmal angefreundet, ist gleich jede Chance verpasst, digitale Ger\u00e4te und Softwares nicht immer gleich als Inkarnate technischer Revolutionen zu betrachten.<\/p>\n<p>Fairerweise wird man nat\u00fcrlich auch danach fragen m\u00fcssen, welche Zukunftsszenarios die einzelnen Konferenzbeitr\u00e4ge eigentlich genau entwerfen. Werden einerseits medizinischer Fortschritt gepriesen, etwa wenn der Arzt Shai Efrate eine Zukunft zeichnet, in der der Alterungsprozess des Gehirns signifikant verlangsamt werden kann, dominieren in den Vortr\u00e4gen andererseits Szenarien, in der jegliche Unsicherheit dar\u00fcber ausger\u00e4umt ist, ob dieses oder jenes Verhalten f\u00fcr die Gesundheitsvorsorge, eine medizinische Behandlung oder sportliche Aktivit\u00e4t als richtig oder falsch einzusch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Oft wird so kein Vorzug mehr darin gesehen, sich letztg\u00fcltiger Begr\u00fcndungen f\u00fcr bestimmte Verhaltensweisen auch enthalten zu k\u00f6nnen, um Handlungsspielr\u00e4ume zu erhalten. Eher sehnen sich viele der Vortragenden nach einem Gesundheitspaternalismus, in dessen Rahmen sich ein langes, bequemes Leben fristen l\u00e4sst, wenn man sich nur bereitwillig in ein Korsett aus wissenschaftlich beglaubigten Direktiven und Imperativen einf\u00fcgt.<\/p>\n<p>So skizzierte Ron Gutman, der seine Firma HealthTap auf der Konferenz vertrat, wie Patientinnen und Patienten der Zukunft ihren K\u00f6rper von einem Ger\u00e4t wie der Apple Watch kontinuierlich ausmessen lassen k\u00f6nnten. So k\u00f6nnten sie immer daran erinnert werden, die passenden Medikamente zu sich zu nehmen oder, wenn sich Blutwerte negativ entwickelten, aufgefordert werden, einen Arzt aufzusuchen.<\/p>\n<p>Vor allem aber wurden auf der Konferenz immer wieder Listen aus Geboten und Verboten vorgestellt: Der New Yorker Arzt David Agus gab neun aus ganzen f\u00fcnfundsechzig Verhaltensdirektiven f\u00fcr \u00bbein langes Leben\u00ab zum Besten, und in einem parallel zu den Vortr\u00e4gen stattfindenden \u00bbHealthy Lifestyle 101\u00ab-Workshop verpackte die Unternehmerin Astrid Purzer ein restlos gesundes, \u00bbentgiftetes Leben\u00ab in zw\u00f6lf griffige Ern\u00e4hrungsregeln.<\/p>\n<p>Viele der Vortragenden zeigten sich so \u00fcberraschend stark \u00fcberzeugt, dass nichts Bedenkenswertes daran ist, Menschen pr\u00e4skriptiv zu einem \u00bbHealthy Lifestyle\u00ab zu zwingen. Esther Dyson, eine nicht unbedeutende Investorin verschiedenster Unternehmen im Silicon Valley, vertrat im Rahmen eines Panels sogar die Auffassung, man solle Menschen besser nicht die Entscheidung \u00fcberlassen, sich bewusst f\u00fcr gesunde Lebensmittel zu entscheiden. Man m\u00fcsse dagegen ihre Umgebung schon so einrichten, dass sie, ohne es \u00fcberhaupt zu merken, zu einer ges\u00fcnderen Lebensf\u00fchrung wechselten. Ganz so vielleicht schon auf der Konferenz: In den Veranstaltungsr\u00e4umen fand man statt Cola, Limonaden oder Schoko-Keksen ein farbenfrohes Buffetangebot von S\u00e4ften und Obstk\u00f6rben, wie um den Teilnehmern wenigstens f\u00fcr die Tage der Konferenz subtil nahezulegen, ihr Ern\u00e4hrungsverhalten endlich zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Neben solch paternalistisch gef\u00e4rbten Anliegen wurde aber auch, wie es f\u00fcr eine derartige Konferenz wenig \u00fcberraschend ist, flei\u00dfig f\u00fcr soziale Vernetzung geworben. Man kann viel Sympathie daf\u00fcr aufbringen, dass w\u00e4hrend der Konferenz nicht bestehende Machthierarchien, sondern eher ein Austausch unter Gleichen gest\u00e4rkt werden sollte. Trotzdem lieferte der Vortrag des Berliner Philosophen Michael Pauen auch einen angenehmen Kontrapunkt gegen die oft einseitig ausfallenden Vernetzungseuphorien. So gab er zu bedenken, dass bei allen M\u00f6glichkeiten, die ein Austausch unter Menschen bietet, man immer auch Bedingungen schaffen sollte, die das Nebeneinander vielf\u00e4ltiger Auffassungen kultivieren und etwa in den Social Media entstehende Konformit\u00e4tszw\u00e4nge beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Entgegen der prononcierten Betonung auf Vernetzung wurde dennoch \u00e4hnlich oft auch f\u00fcr das Role Model des selbstbestimmten Unternehmers geworben. K\u00f6nne fast jeder zu unternehmerischem Erfolg gelangen, h\u00e4tte man vor allem eines zu beachten: Nur wer bereit sei, Phasen des Scheiterns geduldig zu durchleben, k\u00f6nne sich auch Hoffnung darauf machen, in seinem Leben zu unternehmerischen Erfolgen zu finden. Der CEO des Uhrenherstellers Hublot Jean-Claude Biver, die Leiterin des \u00bbDigital Innovation\u00ab-Workshops Juliane Zielonka, und auch der Beachvolleyballer Julius Brink deuteten in ihren Beitr\u00e4gen zur Konferenz jeweils unterschiedlich an, wie sich langj\u00e4hriges Scheitern unversehens in glanzvolle Erfolge verwandeln k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Auffallend war letztlich aber vor allem, mit wie gro\u00dfem inszenatorischem Aufwand die Veranstaltung bedacht wurde. Nicht nur zergliederten perfekt getaktete Zwischenspiele einer Jazzband das Konferenzprogramm und wurden B\u00fchne und Publikumsraum aufwendig beleuchtet. Auch das Programm, das nur wenige Pausen vorsah und das Publikum so oft auch in eine Rolle passiven Staunens man\u00f6vrierte, war nicht ohne Geschick auf Varianz und Abwechslung hin choreografiert. Um es in den Worten der DLD-Gr\u00fcnderin Steffi Czerny in ihrer Begr\u00fc\u00dfungsrede zu sagen: Immer wieder wurde nahtlos zwischen \u00bbenlightenment, surprise, learning and fun\u00ab gewechselt.<\/p>\n<p>Bedenkt man anl\u00e4sslich der DLD-Sommerkonferenz schlussendlich, dass die Apple Watch in solche und \u00e4hnliche Deutungsrahmen eingebettet ist, wird man deren k\u00fcnftige Entwicklung vielleicht etwas vielschichtiger zu bewerten haben. So k\u00f6nnte man in n\u00e4chster Zeit st\u00e4rker darauf achten, ob man sich mit einer Apple Watch nicht einen etwas \u00fcberzogenen Zukunftsglauben einhandelt, w\u00fcrde \u00fcberdenken, wie sehr sie deren Besitzerinnen und Besitzer in einen engen Zusammenhang von Verhaltensdirektiven einzubinden versucht, fragte sich, ob sie eine zu starke technisch basierte soziale Vernetzung zur Folge haben k\u00f6nnte, oder sensibilisierte sich daf\u00fcr, ob es \u00fcberhaupt willkommen ist, dass ein solches Ger\u00e4t immer wieder Stimmungswechsel choreografiert, ganz wie die Konferenz.<\/p>\n<p>In der Tat w\u00fcnscht man sich so f\u00fcr die Apple Watch und andere \u00e4hnliche Gadgets deshalb eine \u00e4hnliche Funktion, wie sie die Uhrenfirma Hublot bei der Armbanduhr MP-02 Key of Time am Rande der Konferenz vorgestellt hat. Bei ihr l\u00e4sst sich die Uhrzeit per Knopfdruck nach eigenem Ermessen beschleunigen oder verlangsamen und damit ein selbstbestimmtes Verh\u00e4ltnis zur Zeit ausgestalten. W\u00e4re es nicht zu begr\u00fc\u00dfen, wenn Softwares f\u00fcr die Apple Watch und andere sogenannte Wearables k\u00fcnftig Einstellungen bes\u00e4\u00dfen, mit dem man das Ma\u00df der gesundheitlichen Direktiven einschr\u00e4nken, soziale Vernetzungsgrade bei Social Softwares regulieren oder stark emotionalisierende Funktionen je nach Situation abschw\u00e4chen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website bieling\" href=\"http:\/\/www.konsumaesthetik.de\/?\/Personen\/SimonBieling\/\" target=\"_blank\">Simon Bieling<\/a> ist akademischer Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe und promoviert im Forschungsverbundprojekt \u00bbKonsum\u00e4sthetik. Formen des Umgangs mit k\u00e4uflichen Dingen\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konferenz Digital-Life-Design (DLDsummer15): Zukunftsglauben, Paternalismus, Vernetzungseuphorie<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[214,358,579,1375,2164],"class_list":["post-4727","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-apple-watch","tag-bmw","tag-dldsummer15","tag-life-science","tag-social-media"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4727"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4727\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}