{"id":4765,"date":"2015-07-19T15:22:57","date_gmt":"2015-07-19T13:22:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4765"},"modified":"2015-07-19T15:22:57","modified_gmt":"2015-07-19T13:22:57","slug":"mode-julidirk-hohnstraeter19-7-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/07\/19\/mode-julidirk-hohnstraeter19-7-2015\/","title":{"rendered":"Mode JuliDirk Hohnstr\u00e4ter19.7.2015"},"content":{"rendered":"<p>Das Paradies der Herren. \u00dcber Berluti<!--more mehr--><\/p>\n<p>Irgendwann zerfallen auch die besten Schuhe der Welt. Der Ich-Erz\u00e4hler in Christian Krachts Roman &#8222;1979&#8220; erbt ein Paar hellbraune Berluti-Halbschuhe von seinem Freund Christopher, doch zu Beginn des zweiten Teils f\u00e4llt das als unverw\u00fcstlich geltende Schuhwerk &#8222;langsam auseinander, ein paar Wochen wu\u0308rden sie wohl noch halten, aber dann war sicher Schlu\u00df. In der Sohle des linken Schuhs war bereits ein Loch. Ich sp\u00fcrte mit den Zehen Steine unter mir, kleine Kiesel rutschten beim Gehen durch das Loch nach oben. Der rechte Schuh war an der Spitze ganz offen, das Leder bog sich h\u00e4\u00dflich und franste aus. Die besten Schuhe der Welt konnten also noch nicht einmal einen Monat in den Bergen \u00fcberstehen, dachte ich&#8220;.<\/p>\n<p>Schuhe von Berluti haben einen legend\u00e4ren Ruf &#8211; und dass Kracht ausgerechnet ein Paar dieser Marke der Aufl\u00f6sung preisgibt, ist kein Zufall. So wenig, dass Bj\u00f6rn Weyand in seiner &#8222;Poetik der Marke&#8220; den Roman &#8222;als Geschichte eines Paars Schuhe der Marke Berluti&#8220; analysiert. Im Erscheinungsjahr von &#8222;1979&#8220; schw\u00e4rmte Kracht-Kumpan Eckart Nickel in der Frankfurter Allgemeinen von den einzigartigen Schuhen: &#8222;Das fast schlehenfarbene Leder mit sechs \u00d6sen erreicht seine h\u00f6chste Leuchtkraft w\u00e4hrend eines Herbstsonnenuntergangs an klarem Tage.&#8220;<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;QaZYz4nJG0I&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Ma\u00dfschuhe von Berluti, berichtet die <a title=\"artikel nyt\" href=\"http:\/\/tmagazine.blogs.nytimes.com\/2014\/10\/08\/berluti-jean-michel-casalonga-profile\/?_r=0\" target=\"_blank\">New York Times<\/a>, erfordern 50 Arbeitsstunden in der Herstellung und kosten mindestens 7000 US-Dollar. Das g\u00fcnstigste Paar aus der Konfektionslinie ist derzeit f\u00fcr 600 Euro zu haben. Allen Berluti-(Glattleder)-Schuhen gemein ist die spezielle F\u00e4rbetechnik, bei der von Hand mindestens drei Farbschichten auf das Oberleder aufgetragen werden, um jedem einzelnen Paar eine individuelle Patina zu verleihen. Im sogenannten Swann-Club treffen sich allj\u00e4hrlich mehr oder minder Proust-kundige Aficionados, um ihre Exemplare mit Jahrgangschampagner zu polieren. Ob es sich dabei um Dom Perignon oder Krug handelt, schwankt je nach Quelle.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;4yUaDwfJQ64&#8243; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Wichtiger als das Ritual aber ist die Patina, um die Finish und Fabel von Berluti kreisen. Denn Patina, so hat Grant McCracken herausgearbeitet, war bis zum 18. Jahrhundert &#8222;one of the most important ways that high-standing individuals distinguished themselves from low-standing ones&#8220; und sei heute, unter dem akzelerierenden Regime der Konsummoden mit seiner Aufwertung des Immer-Neuen, &#8222;a status strategy used by the very rich alone&#8220;. Es ist genau dieses Spannungsfeld zwischen generalisierter Mode und superreicher Diskretion, in dem sich die Marke Berluti derzeit zu positionieren versucht. 1993 vom Luxus-Giganten LVMH erworben, wird sie seit 2011 von Antoine Arnault geleitet, dem Sohn des LVMH-Eigent\u00fcmers und vielfachen Milliard\u00e4rs Bernard Arnault. Angeblich soll Papa dem sechzehnj\u00e4hrigen Antoine zum Geburtstag sein erstes Paar Berlutis geschenkt haben. Die Erweiterung des 1895 vom italienischen Schuhmacher Alessandro Berluti in Frankreich gegr\u00fcndeten Schuhhauses zu einer globalen Modemarke ist das Gesellenst\u00fcck des Unternehmer-Erbens. Und wie es aussieht, macht der Filius alles richtig.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;l8FtJtCQo5A&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>&#8222;Berluti\u2019s end product is the tip of an iceberg of incredible imagination and artisanship&#8220;, <a title=\"artikel blanks spring 2015\" href=\"http:\/\/www.style.com\/fashion-shows\/spring-2015-menswear\/berluti\" target=\"_blank\">schreibt<\/a> Modekritiker Tim Blanks, der die Bekleidungskollektionen des Hauses seit der ersten Schau 2012 verfolgt hat. Hinsichtlich Preis und Prestige nur mit dem unabh\u00e4ngigen Rivalen Herm\u00e8s oder mit Bottega Veneta, dem Flaggschiff des konkurrierenden Kering-Konzerns, vergleichbar, versucht Berlutis Herren-Pr\u00eat-\u00e0-porter sich der Haute Couture anzun\u00e4hern. Im Herbst 2013 etwa zeigte Berluti &#8222;six layers of wax on a double-breasted trench in cashmere-lined kangaroo&#8220; (Tim <a title=\"artikel blanks fall 2013\" href=\"http:\/\/www.style.com\/fashion-shows\/fall-2013-menswear\/berluti\" target=\"_blank\">Blanks<\/a>); im Herbst 2015 sah <a title=\"artikel blanks fall 2015\" href=\"http:\/\/www.style.com\/fashion-shows\/fall-2015-menswear\/berluti\" target=\"_blank\">man<\/a> &#8222;jackets woven from cashmere hand-loomed with leather to make a tweed&#8220;. Die Teile sind so aufwendig gefertigt, dass beispielsweise Hemden lediglich in einer St\u00fcckzahl von 200 produziert werden; selbst Jeans verarbeitet man mit der Akkuratesse neapolitanischer Schneider.<\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr diese Extravaganzen, die niemanden, dem Kleidung etwas bedeutet, unbeeindruckt lassen, ist Kreativdirektor Alessandro Sartori, dessen Entw\u00fcrfe das Schuhdesign des 120 Jahre alten Hauses kongenial interpretieren. Berluti bietet perfektes Pr\u00eat-\u00e0-porter, aus wundersch\u00f6nen Stoffen gefertigt, in herrlichen Farben gehalten, zu 90 Prozent in Handarbeit gemacht, voller traumhafter Details, l\u00e4ssig und entspannt in der Anmutung. Und doch wird, wer das Stammhaus in der Pariser rue Marbeuf oder die neue Boutique in der rue de S\u00e8vres aufsucht, den Laden mit einem merkw\u00fcrdig ambivalenten Gef\u00fchl wieder verlassen. Unweit vom Bon March\u00e9 &#8211; der Mutter aller Warenh\u00e4user und einem Vorbild zu Zolas &#8222;Au Bonheur des Dames&#8220; &#8211; gelegen, will der S\u00e8vres-Shop das Paradies der Herren sein. Aber irgendetwas stimmt nicht, und das liegt nicht an der zweifellos unerquicklichen Stimmung, die von der weitgehenden Unerschwinglichkeit der Waren herr\u00fchrt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;bAH-7vA_sVk&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Warum verl\u00e4sst man diesen Laden so perplex? Was ist falsch, wenn alles richtig ist? Anders als 1979 und noch 2001 wirkt Berluti heute &#8211; neu. Jede einzelne Ma\u00dfnahme, die Arnault ergreift, leuchtet ein &#8211; und best\u00e4tigt doch nur das Grunddilemma einer Erfindung des Alteingesessenen.<\/p>\n<p>Da ist, erstens, die Ernennung des hochtalentierten Alessandro Sartori zum Chefdesigner. Sartori, der zuvor 14 Jahre f\u00fcr Zegna arbeitete, tr\u00e4gt tats\u00e4chlich denselben Vornamen wie der Firmen-Gr\u00fcnder Alessandro Berluti und hei\u00dft mit Nachnamen wirklich Sartori, also Schneider. Er kann nichts daf\u00fcr, aber sein emblematischer Name klingt wie am Rei\u00dfbrett des Marketing erfunden.<\/p>\n<p>Dann ist da, zweitens, das Ladenlokal. Es befindet sich am ehemaligen Standort der 1933 gegr\u00fcndeten Ma\u00dfschneiderei Arnys. LVMH hatte das Atelier aufgekauft und die historische Einrichtung durch den neuen Berluti-Laden ersetzt. Doch die 14 Schneider wurden \u00fcbernommen, um k\u00fcnftig als Berlutis Ma\u00dfabteilung zu fungieren. Unter dem Label &#8222;Berluti by Arnys&#8220; wird sogar weiterhin die &#8222;Foresti\u00e8re&#8220; angeboten, jene ikonische, nach Vorstellungen von Le Corbusier entworfene Jacke, die seit 1947 bei Arnys erh\u00e4ltlich war. In \u00fcberarbeiteter Form sieht man sie gleich im Eingangsbereich auf einem Tisch ausgebreitet, als Teil der sogenannten &#8222;Emblematics&#8220;-Dauerkollektion. So kauft sich LVMH nicht nur Expertise, sondern auch Tradition &#8211; und demoliert doch zugleich das eingelebte Atelier.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bedient sich die Marke, drittens, der Technik des faux vieux: &#8222;Cashmere knits were airbrushed, printed, and warmed, which made the pigment eat into the fiber to create a worn-in look&#8220;, berichtet Blanks \u00fcber Strickwaren aus dem Herbst 2015. Um das von der Zeit Gezeichnete auf die brandneue Ware abstrahlen zu lassen, fotografiert man sie f\u00fcr den Katalog, viertens, an traditionsreichen Orten &#8211; im Winter 2013 etwa in der seit 1831 existierenden Pariser Fachhandlung f\u00fcr ausgestopfte Tiere Deyrolle.<\/p>\n<p>Wie wenig das neue Berluti mit dem Eingelaufenen, Eingelebten alten Geldes zu tun hat, zeigt sich auch daran, dass die Website der Marke Nachhilfe in Sachen Stil und Kleidungspflege gibt. In einer regelm\u00e4\u00dfig bespielten Rubrik werden Fragen beantwortet wie etwa diejenige, wie oft man seine Anz\u00fcge zur Reinigung bringen soll oder wie der hauseigene Schn\u00fcrsenkelknoten funktioniert. Und damit auch ehrgeizige Aufsteiger in den Genuss der exklusiven Garderobe kommen k\u00f6nnen, gibt es im Sale bis zu 50% Rabatt.<\/p>\n<p>Von den Personen (Familienmitglied Olga Berluti soll noch irgendwo im Haus t\u00e4tig sein) \u00fcber das absorbierte Atelier, vom Fake-Erbst\u00fcck bis zum Lebensarttipp f\u00fcr Empork\u00f6mmlinge wirkt das neue Berluti wie eine blo\u00dfe Behauptung &#8211; trotz aller zweifellos vorhandenen schneiderischen Integrit\u00e4t und kreativen Extravaganz. Das Zugekaufte und Konstruierte h\u00f6hlt den Mythos einer Marke, die so unverw\u00fcstlich war wie ihre Produkte, von Innen aus. Ausgerechnet dem Haus der patinierten Schuhe fehlt bei seiner Expansion etwas, das man eben nicht kaufen und nicht konstruieren kann und woran es dem modernen Marken-Luxus seit jeher mangelt: Patina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Kracht, Christian: 1979. Ein Roman. K\u00f6ln 2001, S. 127.<\/p>\n<p>McCracken, Grant: &#8222;Ever Dearer in Our Thoughts&#8220; Patina and the Representation of Status before and after the Eighteenth Century. In: ders.: Culture and Consumption. New Approaches to the Symbolic Character of Consumer Goods and Activities. Bloomington and Indianapolis 1988, S. 30-43, hier 31.<\/p>\n<p>Nickel, Eckhart: Zweite Haut am Fu\u00df. Berluti-Schuhe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Dezember 2001, S. 12.<\/p>\n<p>Weyand, Bj\u00f6rn: Poetik der Marke. Konsumkultur und literarische Verfahren 1900-2000. Berlin\/Boston: de Gruyter 2013, S. 291-302.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dirk Hohnstr\u00e4ter ist Kulturwissenschaftler an der Universit\u00e4t Hildesheim und Betreiber des Blogs <a title=\"blog hohnstr\u00e4ter\" href=\"http:\/\/inventur-blog.de\/\" target=\"_blank\">INVENTUR<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Paradies der Herren. \u00dcber Berluti<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[319,1415,1744,2085,2238],"class_list":["post-4765","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-berluti","tag-lvmh","tag-patina","tag-schuhe","tag-stil"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4765"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4765\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}