{"id":4965,"date":"2015-10-11T10:08:47","date_gmt":"2015-10-11T08:08:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4965"},"modified":"2015-10-11T10:08:47","modified_gmt":"2015-10-11T08:08:47","slug":"das-game-over-gameein-rueckblick-auf-yanis-varoufakisvon-jochen-venus11-10-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/10\/11\/das-game-over-gameein-rueckblick-auf-yanis-varoufakisvon-jochen-venus11-10-2015\/","title":{"rendered":"Das Game-over-GameEin R\u00fcckblick auf Yanis Varoufakisvon Jochen Venus11.10.2015"},"content":{"rendered":"<p>Massenmediale Form<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst ver\u00f6ffentlicht in: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 7, Herbst 2015, S. 10-15]<\/p>\n<p>Am 6. Juli 2015 hat Yanis Varoufakis eine der erstaunlichsten Politkarrieren beendet, die man in der letzten Zeit beobachten konnte. Mit seinem R\u00fccktritt vom Amt des griechischen Finanzministers ging eine Karriere zu Ende, die mit den Begriffen der modernen Politik nicht beschrieben werden kann. Varoufakis\u02bc kurze Amtszeit amalgamierte das Politische mit Motiven der Pop\u00e4sthetik, der virtuellen Sozialit\u00e4t und der Welt digitaler Spiele.<\/p>\n<p>Von diesen Motiven her muss sie verstanden werden. Kein pathetisches Grundbekenntnis bildete ihre Basis. Kein m\u00fchevoller Aufstieg, kein tragischer Fall l\u00e4sst sich nacherz\u00e4hlen. Schon gar nicht passt Varoufakis in die illustre Reihe politischer Genies und Helden, Schurken und Gigantomanen, an welcher die Massenmedien das politische Personal messen. Eine ganz neuartige Plakativit\u00e4t und On\/Off-Schaltung politischer Prominenz war hier zu beobachten, die nicht narrativ und dramaturgisch funktionierte, sondern ludisch und simulativ. Als bewege er einen k\u00fcnstlich hochgelevelten Avatar seiner selbst, betrat Varoufakis die B\u00fchne der mediatisierten Politik. Und als sei nichts gewesen, hat er diese B\u00fchne wieder verlassen. Game over. Restart.<\/p>\n<p>Den politischen Institutionen ist Varoufakis, trotz seines Amtes, fremd geblieben, ihre soziale Geltungskraft hat er kaum tangiert. Beurteilt man den Sachverhalt aus institutioneller Perspektive, ist Varoufakis amateurhaft gescheitert. Jenseits dieser Perspektive aber, vom Standpunkt des Publikums aus betrachtet, konnte Varoufakis einen demonstrativen Erfolg verbuchen. Denn die Institutionen moderner Politik sind f\u00fcr das Publikum seit langem schon unverst\u00e4ndlich geworden. Die politische Entscheidungslogik orientiert sich heute kaum mehr an fachlich zu rechtfertigenden Sachzielen, sondern an der Pragmatik begrenzt haltbarer Kompromissformeln, die kaum jemand noch im Ernst f\u00fcr \u00fcberzeugend h\u00e4lt. In diesem Kommunikationsumfeld einer generalisierten Polit-Skepsis l\u00e4sst sich politisches Charisma (nach Ma\u00dfgabe des Publikums) u.a. dadurch erarbeiten, dass man die politischen Institutionen n\u00f6tigt, einen zum R\u00fccktritt vom Amt zu n\u00f6tigen. So deutlich wie im Fall Varoufakis\u02bc ist diese Figur noch nie zu beobachten gewesen.<\/p>\n<p>Vielleicht bleibt seine Karriere eine historische Singularit\u00e4t, den ungew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion und der griechischen Staatsfinanzkrise geschuldet. Vielleicht ist sie aber auch eine historische Erstmaligkeit, mit deren Form auch weiterhin zu rechnen sein wird. F\u00fcr Letzteres spricht, dass Yanis Varoufakis eine Intellektualit\u00e4t verk\u00f6rpert, die durch die neuen Kommunikationsverh\u00e4ltnisse des Online-Daseins hervorgebracht worden ist \u2013 und dass es genau diese Intellektualit\u00e4t war, die ihn ins Amt gebracht hat. Seinesgleichen k\u00f6nnte noch \u00f6fter zu bestaunen sein.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Monate vor seinem R\u00fccktritt war Yanis Varoufakis, politisch notorisch ungebunden und unerprobt, von Alexis Tsipras, dem frisch gew\u00e4hlten Ministerpr\u00e4sidenten der hellenischen Republik und Vorsitzenden des linksradikalen Parteienb\u00fcndnisses Syriza, ins Amt berufen worden. Varoufakis sollte auf internationaler Ebene Syrizas Wahlversprechen verwirklichen, die von der Vorg\u00e4ngerregierung vereinbarte Austerit\u00e4tspolitik zu stoppen. Die Austerit\u00e4tspolitik war von der europ\u00e4ischen Kommission, dem internationalen W\u00e4hrungsfond und der europ\u00e4ischen Zentralbank als Bedingung gesetzt worden, unter der man das griechische Bankensystem vor dem Kollaps und also das griechische Gemeinwesen vor der Katastrophe bewahren w\u00fcrde. Aus griechischer Perspektive das \u203asecond-worst-case scenario\u2039: Zwar wurde so die Zahlungsf\u00e4higkeit des griechischen Staates von au\u00dfen gesichert, zugleich aber das griechische Wirtschaftsleben abgew\u00fcrgt. Damit war kaum den Griechen, umso mehr aber den Gl\u00e4ubigern Griechenlands geholfen. Eine skandal\u00f6se Priorisierung des Gl\u00e4ubigerschutzes zu Lasten der griechischen Bev\u00f6lkerung und \u2013 mittelbar \u2013 auch zu Lasten der europ\u00e4ischen B\u00fcrger, welche das Risiko f\u00fcr diese Politik zu tragen hatten.<\/p>\n<p>Varoufakis schien die ideale Besetzung zu sein, um diese Politik zu desavouieren: Als Professor f\u00fcr \u00f6konomische Theorie verf\u00fcgte er \u00fcber die fachliche Reputation und als h\u00f6chst erfolgreicher Bestseller-Autor und anglophoner Blogger \u00fcber die medialen \u203askills\u2039 und die Reichweite, die wirtschaftspolitische Unzweckm\u00e4\u00dfigkeit der Austerit\u00e4tspolitik verst\u00e4ndlich zu begr\u00fcnden und welt\u00f6ffentlich zu skandalisieren. Massenmedial ist das gelungen \u2013 politisch ist es gescheitert.<\/p>\n<p>Der massenmediale Erfolg beruhte auf Varoufakis\u02bc \u00e4u\u00dferst engagierter Funktionalisierung aufmerksamkeits\u00f6konomischer Mechanismen. Geradezu schamlos bespielte er vor den Kameras der Welt die pop\u00e4sthetisch l\u00e4ngst klischierten, aber in dieser Form immer noch aufmerksamkeitstr\u00e4chtigen Ikonografien kognitiver Zielsicherheit, \u00fcberlegener Physis und l\u00e4ssiger Coolness. Auf diese Weise generierte er allein in seinen ersten 30 Amtstagen 40 Interviewtermine. Den Adlerblick von untenher ins Auge des Betrachters, auf der Yamaha XJR 1300 ins Ministerium, l\u00e4ssig, sexy, durchtrainiert, ohne Krawatte (!) und mit hochgeschlagenem Sakkokragen (!) in die Ministerrunde: In dieser kontextuell rebellisch und spektakul\u00e4r wirkenden Pose gewannen die Argumente f\u00fcr eine Ablehnung der Austerit\u00e4tspolitik ein mediales Airplay, das ohne den \u00e4sthetischen \u00dcberbau, allein auf der Basis von Sachkenntnis und Eloquenz, wohl kaum zu produzieren gewesen w\u00e4re. Die pop\u00e4sthetische Klischeegestalt funktionierte wie ein trojanisches Pferd \u2013 die Massenmedien mussten nach ihren Selektionskriterien des Berichtenswerten auf sie anspringen. Selbst wenn sie den diskursiven Gehalt der Positionen Varoufakis\u02bc ignorierten und sich \u203akritisch\u2039 auf die \u203aungeb\u00fchrliche\u2039 Form konzentrierten, produzierten sie dadurch ihrerseits ein \u00f6ffentliches Ereignis, das massenmedial thematisierbar war.<\/p>\n<p>Seinen spektakul\u00e4rsten Ausdruck fand dies in der \u00f6ffentlichen Ereignisfolge, die unter dem Twitter-Hashtag #Varoufake in die Mediengeschichte des Internets eingehen wird. Das Team der satirischen Late-Night-Show \u00bbNeo Magazin Royal\u00ab um dessen Moderator Jan B\u00f6hmermann hatte im Februar 2015, angesichts des Medienhypes um die Person des neuen griechischen Finanzministers, einen Popmusik-Clip mit dem Titel \u00bbV for Varoufakis\u00ab produziert, in dem dessen rebellische Superhelden-\u00c4sthetik noch einmal \u00fcberboten und, mit ihm sympathisierend, gegen das Klischee des deutschen Militarismus und Ordnungsfetischismus gesetzt wurde. Zum Schluss dieses Clips wurde eine kurze Passage aus einer Q&amp;A-Session eingeblendet, die Varoufakis im Jahr 2013 im Anschluss an eine Buchpr\u00e4sentation auf einem Politfestival in Zagreb abgehalten hatte. Nach spekulativen Betrachtungen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten eines griechischen Staatsbankrotts hatte er dort schlie\u00dflich gesagt: \u00bbMy proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting \u2013 just like Argentina did \u2013, within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: \u203aWell, you can now solve this problem by yourself.\u2039\u00ab Dabei zeigte er entsprechend den gestreckten Mittelfinger. \u2013 Derart auf Varoufakis\u02bc vermeintliche Vulgarit\u00e4t und Deutschenfeindlichkeit aufmerksam geworden, konfrontierte die Polittalkshow \u00bbG\u00fcnther Jauch\u00ab den Minister in der Sendung vom 15. M\u00e4rz mit dem Videomaterial, das seine vermeintlich beleidigende Geste zeigte. Varoufakis stritt, situativ \u00fcberrumpelt, alles ab und bezeichnete das Material als F\u00e4lschung. \u2013 Das Team vom \u00bbNeo Magazin Royale\u00ab fertigte daraufhin eine manipulierte Version des Videomaterials an, das den gestreckten Mittelfinger eben nicht zeigte, und behauptete in seiner folgenden Ausgabe, Varoufakis habe Recht, der von \u00bbG\u00fcnther Jauch\u00ab gesendete Ausschnitt sei tats\u00e4chlich eine F\u00e4lschung. Das gesamte Mediensystem reagierte wie elektrisiert; alle mussten sich zu dem Fall \u00e4u\u00dfern. F\u00fcr einen Moment trat die Medialit\u00e4t der Massenmedien, die Technizit\u00e4t der Produktion von Wirklichkeitsbeschreibungen, die Sensationsgetriebenheit der massenmedialen Informationsselektion und die wechselseitige Korruption antagonistischer Darstellungsinteressen grell in die \u00d6ffentlichkeit. F\u00fcr einen Moment war die Differenz zwischen Politik und Massenmedien in den Massenmedien performativ markiert.<\/p>\n<p>Institutionell aber hat sich Varoufakis\u02bc massenmedialer Erfolg als politisch nicht anschlussf\u00e4hig erwiesen, weder im Regierungskontext institutionalisierter Entscheidungsverfahren noch im Parteienkontext der Organisation von Gefolgschaft. Die spektakul\u00e4re Verschleifung kommunikativer Wertsph\u00e4ren bot weder der radikalen Linken noch den Vertretern der europ\u00e4ischen Institutionen hinreichend deutliche Leitgesichtspunkte f\u00fcr eine Antwort. Das mediale Mash-up wirtschaftswissenschaftlicher, \u00e4sthetischer und politischer Codes, integriert im Bildstempel eines hyperfokussiert den Betrachter anblickenden Kahlsch\u00e4dels, war einfach nur staunenswert und nichts weiter. Sowohl in der politischen Bewegung, der Varoufakis sein Amt verdankte, als auch in den Verhandlungsrunden, an denen er von Amts wegen teilzunehmen hatte, war kein Anschluss unter dieser Nummer.<\/p>\n<p>So wurde Varoufakis von griechischer Seite schlie\u00dflich aus dem Verhandlungsteam genommen. Ein Zug, der seinen R\u00fccktritt bei der n\u00e4chsten passenden Gelegenheit unausweichlich machte. Varoufakis selbst hat dies verst\u00e4ndlicherweise nicht als Effekt seiner Inszenierung, sondern als strategisch motivierte Exklusion gedeutet: Unter der konsequenten, unbedingten F\u00fchrung des deutschen Finanzministers seien in den Verhandlungen Varoufakis\u02bc Beitr\u00e4ge bewusst ignoriert worden. F\u00fcr seine durchdachten wirtschaftspolitischen Ausf\u00fchrungen habe er nur leere Blicke geerntet. \u00bbIch h\u00e4tte auch die schwedische Nationalhymne singen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Das klingt nach authentischer Emp\u00f6rung \u00fcber die Arroganz der Macht. Andererseits liegt die Absurdit\u00e4t, in Gremiensitzungen Grundsatzreferate halten zu wollen, auf der Hand. Es scheint, als habe Varoufakis die Form seiner massenmedialen Selbstdarstellung nicht v\u00f6llig durchschaut und als habe nicht nur er diese Form, sondern umgekehrt diese Form auch ihn bespielt. Daf\u00fcr spricht, dass er in seinem gro\u00dfen Bilanzartikel \u00bbDr. Sch\u00e4ubles Plan f\u00fcr Europa\u00ab, der knapp zwei Wochen nach seinem R\u00fccktritt in der \u00bbZeit\u00ab erschien, seine pop\u00e4sthetisch intonierte Kritik lediglich wiederholte, als sei er selber nicht gerade eben gescheitert und als habe es keine vernichtende Niederlage der griechischen Verhandlungsposition gegeben. Situativ angemessen w\u00e4re eine Strukturanalyse der Niederlage der radikalen Linken gewesen. Aber wie ein Verschw\u00f6rungstheoretiker reduziert Varoufakis das europ\u00e4ische Austerit\u00e4tsregime auf die Absichten Wolfgang Sch\u00e4ubles. \u00bbDr. Sch\u00e4uble\u00ab, wie er ihn stets nennt. Eine Anspielung auf Dr. Strangelove, den an einen Rollstuhl gefesselten, verr\u00fcckten deutschen Wissenschaftler aus Stanley Kubricks Nuklearkriegssatire \u00bbDr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb\u00ab.<\/p>\n<p>Dass Yanis Varoufakis auf diese Weise politisch Karriere gemacht und nicht gemacht hat, dass er in der massenmedialen Beschreibung der politischen Gegenwart instantan aufleuchtete und politisch ebenso instantan ausgeknipst worden ist, dieser Augenblickscharakter seiner Karriere macht massenmediale und politische Implikationen des Online-Daseins kenntlich, mit denen wohl auch k\u00fcnftig zu rechnen sein wird. Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit lassen sich vier Aspekte thesenhaft festhalten:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"text-align: left\">Globale Sinnstiftung wird einerseits zum kalkulierbaren Medien- und Diskurshandwerk, andererseits zum fakultativen Moment, das organisatorisch ausgegliedert, zugekauft und abgesto\u00dfen werden kann. Kollektiv bindende Entscheidungen sind in der Politik und generell in den Organisationssystemen formelhafter geworden, vorl\u00e4ufiger und vager. Sie lassen sich nicht mehr aus globalen Sinnkoh\u00e4renzen rechtfertigen. Globale Sinnkoh\u00e4renzen werden nur mehr fakultativ zugeschaltet. Dem entspricht ein Intellektuellentypus, der sich bereitwillig zuschalten l\u00e4sst und auf Zuruf den Sound produzieren kann, der Sinn macht. Die Blogosph\u00e4re und der globale Sachbuchbestseller-Markt sind die Dispositive, in denen Personen sich in dieser Funktion ins Spiel bringen k\u00f6nnen. Organisationen zapfen die Sinnangebote und ihre Personifizierungen selektiv als Servomechanismen f\u00fcr ihre eigenen Selbstbeschreibungen an. Bevor Varoufakis einem Weltpublikum den Sinn der Syriza-Bewegung verst\u00e4ndlich machte, hat er schon in \u00e4hnlicher Funktion f\u00fcr die Computerspielfirma Valve gearbeitet. Als \u00bbeconomist-in-residence\u00ab war es seine Aufgabe, dem Unternehmen Valve nach innen und au\u00dfen die Aura des Bedeutsamen zu geben. Diese medien- und diskurshandwerkliche Form flexibler Sinn-Anpassung und die fakultative Nutzung globaler Sinnkoh\u00e4renzen erkl\u00e4rt die On-\/Off-Struktur von Varoufakis\u02bc Engagement.<\/li>\n<li>Das \u00e4sthetische Strukturprinzip der Popkultur wird zum generalisierten Signalement der massenmedialen Selbstbeschreibung der Gesellschaft. Die Pop\u00e4sthetik lehrt die Gesellschaft seit vielen Jahrzehnten, wie die reichweitest\u00e4rksten Agenturen der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung aktiviert werden k\u00f6nnen, n\u00e4mlich durch \u00e4sthetische Formen, deren Informationswert m\u00f6glichst geringf\u00fcgig konditioniert ist, die also m\u00f6glichst ohne Vorwissen, ohne Funktionskontext in der Wahrnehmung \u00fcberraschen und h\u00f6chst Bekanntes in unbekannter Gestalt pr\u00e4sentieren. Es geht mithin um innovative Varianten massenmedial generalisierter Formen der Objektwelt, des subjektiven Erlebens und sozialer Standardsituationen. Wenn in diesem popkulturellen Umfeld Kommunikationsmotive darauf abzielen, Schwieriges und Voraussetzungsreiches zu thematisieren, m\u00fcssen sie sich in Gestalten des \u00fcberraschend Selbstverst\u00e4ndlichen verpuppen. Diese Ma\u00dfgabe scheint heute allgemein akzeptiert zu sein.<\/li>\n<li>Das Deutungsschema \u203aHandlungs(ohn)macht\u2039 radikalisiert sich zu einem Game over\/Restart-Mythos. Politik, kollektiv verbindliches Entscheiden, muss sich in der Moderne diskursiv legitimieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen massenmediale Darstellungen genutzt werden, die wiederum zwingend im Deutungsschema von Handlungsmacht bzw. Handlungsohnmacht operieren. Das Entscheiden muss als Handlungsvollzug eines Akteurs modelliert werden, der damit ein allgemein zutr\u00e4gliches Ziel erreicht. Bzw. m\u00fcssen vermeintliche Fehlentscheidungen als Vollz\u00fcge unzurechnungsf\u00e4higer Funktion\u00e4re skandalisiert werden. Traditionell wird Handlungs(ohn)macht im Kontext einer Erz\u00e4hlung modelliert, im Kontext von staatlichen Gr\u00fcndungsmythen, Parteigeschichten und pers\u00f6nlichen Berufungen, von bedeutenden Ereignissen, entscheidenden K\u00e4mpfen und fortlaufenden Traditionen. In j\u00fcngster Zeit mehren sich Modellvorstellungen, die sich eher dem Regelwerk eines begrenzten Spiels verdanken, das abgebrochen und neu aufgesetzt werden kann bzw. muss: vom globalen Klimaschutz \u00fcber die Organisation politischer Ordnung bis hin zur Einrichtung von Kleinunternehmen.<\/li>\n<li>Die popkulturelle Mash-up-Kommunikation stellt auch die Mittel ihrer kritischen Dekonstruktion bereit. Yanis Varoufakis ist in der kollektiven Fantasie der pop\u00e4sthetisch interessierten Online-Kommunikation unmittelbar als pop\u00e4sthetisches Artefakt projiziert und remediatisiert worden, als der Lord Voldemort und Mr. Spock der Politik. Diese Dynamik, die im erw\u00e4hnten Clip der Late-Night-Show \u00bbNeo Magazin Royale\u00ab ihren pr\u00e4gnantesten Ausdruck fand, indizierte schon fr\u00fch die politische Dysfunktionalit\u00e4t der massenmedialen Form. Ohne solche spontan-kollektiven Remediatisierungspraktiken \u00fcberzubewerten: Sie bilden ein kommunikatives Widerlager, an dem massenmediale Politstrategien ihre Funktionalit\u00e4t und Dysfunktionalit\u00e4t beobachten k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Transcript Verlags<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zum Erstver\u00f6ffentlichungsort, dem Heft 7 der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, <a title=\"verlagsseite transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3147-0\/pop\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Massenmediale Form<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[909,920,1481,1801,2445],"class_list":["post-4965","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-griechenland","tag-guenter-jauch","tag-massenmedienkrise","tag-politikertyp","tag-varoufakis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4965"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4965\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}