{"id":4985,"date":"2015-10-15T22:32:54","date_gmt":"2015-10-15T20:32:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=4985"},"modified":"2015-10-15T22:32:54","modified_gmt":"2015-10-15T20:32:54","slug":"social-media-oktobervon-wolfgang-ullrich15-10-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/10\/15\/social-media-oktobervon-wolfgang-ullrich15-10-2015\/","title":{"rendered":"Social Media Oktobervon Wolfgang Ullrich15.10.2015"},"content":{"rendered":"<p>Beginn unserer neuen monatlichen Reihe zu \u00bbSocial Media\u00ab<!--more mehr--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><em>Inverse Pathosformeln. \u00dcber Internet-Meme<\/em><\/p>\n<p>Mit Internet-Memen ist in den letzten Jahren ein Ph\u00e4nomen in den Social Media entstanden, f\u00fcr das es zwar historische Vorl\u00e4ufer geben mag, das aber in Charakter und Intensit\u00e4t Formen angenommen hat, die zu einer g\u00e4nzlich neuen Bildpraxis f\u00fchren.<\/p>\n<p>Als These sei im Folgenden dargelegt, dass Meme dazu dienen k\u00f6nnen, emotional vereinnahmende, besonders pr\u00e4sente und ber\u00fchmte Bilder durch Parodien zu verarbeiten. Die Entwicklung und Verbreitung \u00fcberraschender Varianten erlaubt eine Distanzierung und Entlastung. Sofern sie den Sinn des Vorbildes zunichtemachen, haben Meme in ihren Variationen oft sogar eine ikonoklastische Dimension.<\/p>\n<p>Die Rede von Internet-Memen ist \u2013 etwas fragw\u00fcrdig \u2013 von Richard Dawkins abgeleitet, der 1976 den Begriff \u201aMem\u2018 als Evolutionsbiologe pr\u00e4gte: Im Unterschied zu einem Gen ist ein Mem keine biologisch vererbte Information, sondern wird \u00fcber kulturelle Artefakte gefasst und weitergegeben. Meme sind Bewusstseinsinhalte wie Ideen oder Bildmuster, die viele Menschen zugleich oder nacheinander pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Dank der Etymologie l\u00e4sst sich bei \u201aMem\u2018 (von lat. memoria, gr. mneme) auch an Aby Warburgs <a title=\"Mnemosyne-Atlas\" href=\"http:\/\/www.mediaartnet.org\/werke\/mnemosyne\/\" target=\"_blank\">Mnemosyne-Atlas<\/a> denken, und in einem ersten Impuls k\u00f6nnte man versucht sein, in Internet-Memen eine Best\u00e4tigung seiner Theorie der Pathosformeln zu sehen. Bei diesen handelt es sich um Gesten und Posen, die so stark wirken, dass sie immer wieder neu aufgegriffen und in Variationen verbreitet werden, also ihrerseits pr\u00e4gende Kraft besitzen und daher Motor und Medium soziokultureller Evolution sind.<\/p>\n<p>In seinem Mnemosyne-Atlas begann Warburg in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einige dieser Pathosformeln zu sammeln. Er wollte demonstrieren, wie sie sich ausgehend von der Antike \u00fcber die Renaissance bis in die Gegenwart fortgepflanzt und gehalten haben. Dank der Distribuierungsmechanismen des Internet wie auch mit Hilfe von Bildsuchprogrammen k\u00f6nnte Warburg das Material f\u00fcr seinen Atlas heutzutage ungleich schneller und vielleicht sogar zuverl\u00e4ssiger zusammenbekommen.<\/p>\n<p>Allerdings besteht ein wichtiger Unterschied zwischen Pathosformeln und Internet-Memen. W\u00e4hrend sich jene n\u00e4mlich ganz ernsthaft tradieren, haben diese immer einen parodistischen, verfremdenden oder gar entstellenden Charakter. Zwar hat Warburg auch zu zeigen versucht, dass eine Pathosformel eine Umcodierung erleben kann und ihr Ausdruckssinn dann geradezu ins Gegenteil verkehrt wird, doch wird die Formel bzw. das Motiv dabei immer noch ernst genommen, die Bedeutung nicht ins Absurde gezogen, geschw\u00e4cht, zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Varianten eines Internet-Mems schaffen hingegen eine Distanz zum urspr\u00fcnglichen Sujet; es soll nicht l\u00e4nger emotional vereinnahmen. Bilder, die im Kopf herumspuken, werden also abreagiert, was die Wirksamkeit eines Motivs unterl\u00e4uft und so die Fortpflanzung einer Pathosformel gerade infrage stellt.<\/p>\n<p>Meme betreffen oft aktuelle Ereignisse von gro\u00dfer emotionaler Bedeutung, die in einem Bild kondensieren. Zu einem Mem wurde z.B. das (einzige) Foto des \u201a<a title=\"foto situation room\" href=\"http:\/\/polpix.sueddeutsche.com\/bild\/1.1383152.1355303141\/860x860\/barack-obama-joe-biden-hilary-clinton-situation-room-weissen-haus.jpg\" target=\"_blank\">Situation Room<\/a><a title=\"foto situation room\" href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/ac\/Obama_and_Biden_await_updates_on_bin_Laden.jpg\" target=\"_blank\">\u2018<\/a> , das Vertreter der US-Administration w\u00e4hrend der Exekution von Osama Bin Laden am 1. Mai 2011 zeigt. Mit diesem Bild wird der Rezipient zum Voyeur und damit indirekt sogar zum Komplizen gemacht; er kann M\u00e4chtige in einem f\u00fcr sie prek\u00e4ren Moment beobachten und ein Gef\u00fchl von Teilhabe entwickeln, wodurch die Distanz zum Geschehen verlorengeht, es gar zu einer Identifikation mit den M\u00e4chtigen und ihrem Vorgehen kommt.<\/p>\n<p>Doch bleibt dem Betrachter des Fotos vorenthalten, was die M\u00e4chtigen sehen und was sie in den Bann zieht. Einige Mem-Varianten des Fotos erweitern das Spektrum der Protagonisten um Prominente der US-Geschichte, von Michael Jackson bis Bob Ross, aber gerade auch mit Comedians oder Werbefiguren, die die Atmosph\u00e4re des Bildes ver\u00e4ndern. [Abb. 1]<\/p>\n<div id=\"attachment_4988\" style=\"width: 1357px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4988\" class=\"size-full wp-image-4988\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1.png\" alt=\"Abb. 1: Mem-Varianten Situation Room\" width=\"1347\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1.png 1347w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1-300x120.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1-768x308.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.1-1024x411.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1347px) 100vw, 1347px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4988\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Mem-Varianten Situation Room<\/p><\/div>\n<p>In anderen Varianten geht es darum, die Szene ins Absurde zu ziehen. Alle Parodien aber zerst\u00f6ren den urspr\u00fcnglichen Sinn und Charakter des Bildes, sie setzen keine andere Bedeutung an die Stelle, bewahren das Motiv also nicht, sondern entlasten sich von ihm und seiner m\u00f6glichen emotionalen Wirkkraft.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man in diesem Fall davon sprechen, dass ein latent aggressives, auf jeden Fall aber vereinnahmendes Ausgangsbild durch die Mem-Varianten entsch\u00e4rft wird, ist manchmal auch das Gegenteil zu beobachten. Die Varianten sind polemisch-destruktiven Charakters, gerade damit aber wird wiederum eine emotionale Entlastung erreicht.<\/p>\n<p>Als der italienische Nationalspieler Mario <a title=\"foto balotelli\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/balotelli-pose-des-torjaegers-interessant-fuer-forscher-a-841811.html\" target=\"_blank\">Balotelli<\/a> im Halbfinale der Fu\u00dfball-EM 2012 gegen Deutschland zwei Tore geschossen hatte, jubelte er nicht etwa, sondern \u00fcberraschte mit leicht angewinkelt nach unten gehaltenen Armen. Statt von Mitspielern umringt zu sein, hatte er viel Raum um sich, so als gebiete seine Geste Abstand oder sei sogar gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Zu diesem Eindruck mochte auch sein muskul\u00f6ser nackter Oberk\u00f6rper beitragen. Manche aber erkannten in der Pose, die im Nu als Foto um die Welt ging, nicht zuletzt eine politische Aussage: Die Arme s\u00e4hen wie im Kampf gegen Fesseln aus, ja Balotelli, selbst Schwarzer, wolle gegen die Unterdr\u00fcckung seiner Ethnie protestieren und die Tore zum Symbol f\u00fcr die Gleichberechtigung der Rassen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>In zahlreichen Varianten, die das Bild im Internet erfuhr und zum Mem werden lie\u00dfen, reagierten jedoch vor allem deutsche Fu\u00dfballfans ihren Frust dar\u00fcber ab, dass ihr Team wegen der beiden Tore aus dem Turnier ausgeschieden war. Ihnen ging es darum, Balotellis Geste l\u00e4cherlich zu machen und den in Szene gesetzten muskul\u00f6sen K\u00f6rper zu konterkarieren. [Abb. 2]<\/p>\n<div id=\"attachment_4989\" style=\"width: 1367px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4989\" class=\"size-full wp-image-4989\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2.png\" alt=\"Abb. 2: Mem-Varianten Balotelli\" width=\"1357\" height=\"641\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2.png 1357w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2-300x142.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2-768x363.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.2-1024x484.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1357px) 100vw, 1357px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4989\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Mem-Varianten Balotelli<\/p><\/div>\n<p>Entweder machte man Balotelli mit zus\u00e4tzlichen Accessoires auf dem Platz zur peinlichen Figur oder montierte ihn in andere Kontexte ein, die seinen Charakter ebenfalls m\u00f6glichst stark ver\u00e4ndern sollten. Indem er als Ballerina oder brunftiger Macho sexualisiert wurde, geriet Balotelli ebenso zum Opfer rassistischer Klischees wie in Parodien, in denen man ihn zum primitiven Stammesh\u00e4uptling degradierte.<\/p>\n<p>Dutzende aggressiver Variationen hatten schlie\u00dflich zur Folge, dass die urspr\u00fcnglich starke Geste entwertet wurde. Hier gelang es einem Kollektiv von Usern, die Bedeutung des ersten Bilds zu destruieren, zugleich aber, sich mit einer Spielart symbolischer Rache von den negativen Emotionen zu befreien, die das im Ausgangsbild verk\u00f6rperte Ereignis bei ihnen ausgel\u00f6st hatte.<\/p>\n<p>Ein anderer Typ von Mem betrifft keine Medienbilder, sondern Werke aus dem Kanon der Kunstgeschichte. Doch auch hier geht es darum, mit parodierenden Varianten Abstand zu gewinnen \u2013 diesmal zu etwas, das f\u00fcr hochkulturelle Bildung steht und Ehrfurcht gebietet. Nicht selten kommen durch Internet-Meme sogar Ressentiments von Menschen zum Vorschein, die selbst in keinem N\u00e4heverh\u00e4ltnis zur Kunst stehen, sondern sich von dieser als elit\u00e4r empfundenen Welt ausgeschlossen f\u00fchlen. Sie leben mit dem Verdacht, selbst zu wenig zu wissen oder zu unsensibel zu sein, um der Sinndimensionen der Kunst teilhaftig werden zu k\u00f6nnen. Eingesch\u00fcchtert von der Kunstgeschichte erkennen sie deren Bedeutung zwar an, suchen aber zugleich nach einer Befreiung von bildungsb\u00fcrgerlichen Anspr\u00fcchen. Entsprechend entlastend wirkt auf sie eine Parodie, die ein Werk ins Absurde verwandelt, jegliche Sinnanspr\u00fcche also gerade unterl\u00e4uft.<\/p>\n<div id=\"attachment_4990\" style=\"width: 1368px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4990\" class=\"size-full wp-image-4990\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3.png\" alt=\"Abb. 3: Mem-Varianten Nighthawks\" width=\"1358\" height=\"524\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3.png 1358w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3-300x116.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3-768x296.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.3-1024x395.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1358px) 100vw, 1358px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4990\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Mem-Varianten Nighthawks<\/p><\/div>\n<p>Im Netz konzentriert sich der Austausch von Parodien auf relativ wenige Werke \u2013 von Botticellis Venus und Leonardos Mona Lisa bis zu Munchs <a title=\"schrei-adaptionen\" href=\"https:\/\/www.pinterest.com\/njecheney\/eddies-images\/\" target=\"_blank\">Schrei<\/a> und Hoppers Nighthawks [Abb. 3] \u2013, deren kanonischer Status durch jede Variation zugleich weiter bekr\u00e4ftigt wird (weshalb die Parodien nicht nur entlastend wirken, sondern indirekt nochmals neuen Druck aufbauen). Gerne werden klassische Bildmotive auch vermischt, die Parodie besteht dann in einem semantischen Clash. In jedem Fall aber besteht das Ziel darin, \u00fcber etwas zu lachen, auf das sonst mit gro\u00dfem Ernst geblickt wird.<\/p>\n<p>Das Spiel der Parodien verselbst\u00e4ndigt sich jedoch schnell und h\u00e4ufig; dann will man wechselseitig eher Schlagfertigkeit und Humor unter Beweis stellen als sich noch von bildungsb\u00fcrgerlichen Imperativen befreien. Ein Internet-Mem ist also h\u00e4ufig auch als Abfolge kommunikativer Akte zu begreifen, mit denen die Akteure ihren eigenen sozialen Status innerhalb einer Community der Social Media st\u00e4rken oder sichern wollen.<\/p>\n<p>Wie in einer gr\u00f6\u00dferen Runde von Menschen Macht signalisiert, wer andere zum Lachen bringen kann, so ist es hier die Zahl an Reblogs sowie der ausgel\u00f6sten weiteren Varianten, woran sich Wichtigkeit und Autorit\u00e4t festmachen lassen. Die Referenz f\u00fcr eine Bildvariante ist dann nicht mehr der Kanon der Kunstgeschichte oder ein emotionalisierendes Foto, sondern es sind bereits vorhandene andere Varianten. Die jeweilige Parodie wird kommentiert, gesteigert, gebrochen oder ihrerseits parodiert.<\/p>\n<p>Auch in der Kunst selbst kursieren, zumal in der Moderne, zahlreiche Parodien. Der Unterschied zwischen z.B. Marcel Duchamps verfremdeter <a title=\"duchamps mona lisa\" href=\"http:\/\/uploads6.wikiart.org\/images\/marcel-duchamp\/l-h-o-o-q-mona-lisa-with-moustache-1919.jpg\" target=\"_blank\">Mona Lisa<\/a> und heutigen Internet-Parodien desselben Gem\u00e4ldes [Abb. 4] besteht jedoch darin, dass K\u00fcnstler sich vom Kanon der Kunstgeschichte emanzipieren wollen, um selbst an einem neuen Anfang stehen zu k\u00f6nnen, es bei Internet-Memen hingegen eher um Lockerungs- und Entspannungs\u00fcbungen geht und ein anderes als nur dem\u00fctiges Verh\u00e4ltnis zu einem ber\u00fchmten Vorbild m\u00f6glich werden soll.<\/p>\n<div id=\"attachment_4991\" style=\"width: 1369px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4991\" class=\"size-full wp-image-4991\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4.png\" alt=\"Abb. 4: Mem-Varianten Mona Lisa\" width=\"1359\" height=\"528\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4.png 1359w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4-300x117.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4-768x298.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.4-1024x398.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1359px) 100vw, 1359px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4991\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Mem-Varianten Mona Lisa<\/p><\/div>\n<p>In der vormodernen Kunst waren allerdings andere Reaktionsweisen auf bereits vorhandene Werke \u00fcblich; statt des Prinzips der Parodie gab es das der \u201aaemulatio\u2018, also eines Wettstreits mit dem Urheber des Vorbilds. Dass ein Rubens versucht hat, sich an Tizian zu messen und ihn zu steigern und zu aktualisieren, indem er dessen Bilder in seinem eigenen Stil wiederholte, steht der Logik von Internet-Memen insofern n\u00e4her als den antitraditionalistischen Parodien der Moderne, als auch damals eine Bildvariante als gewitzte Antwort, als Part innerhalb eines Dialogs (\u00fcber Zeiten und Generationen hinweg) begriffen wurde.<\/p>\n<p>Rubens wollte Tizian gerade nicht entkr\u00e4ften, die \u201aaemulatio\u2018 stellte vielmehr eine Art von W\u00fcrdigung dar. Internet-Meine \u00e4hneln allerdings zumindest so lange den ikonoklastischen Praktiken der Avantgarde, als sie sich noch nicht verselbst\u00e4ndigt haben und einen direkten Angriff auf ein als \u00fcberm\u00e4chtig empfundenes Vorbild darstellen.<\/p>\n<p>Wie stark Entlastungsbed\u00fcrfnisse gerade gegen\u00fcber der Kunstgeschichte bestehen, wurde am anschaulichsten im Sommer 2012, als das Bild eines <a title=\"laien-restauration fresko\" href=\"http:\/\/archivo.losandes.com.ar\/notas\/2012\/8\/22\/quiso-restaurar-cristo-centenario-desfiguro-662371.asp\" target=\"_blank\">Jesus-Freskos<\/a> aus einem kleinen Ort in Spanien um die Welt ging, das von einer gl\u00e4ubigen alten Frau, die seinen Zustand als zu schlecht empfand, v\u00f6llig laienhaft restauriert und dabei grotesk entstellt wurde.<\/p>\n<p>Diese Entstellung wurde in zahlreichen Varianten eigens herauskopiert und intensiviert, wobei es nie darum ging, blasphemische Fantasien auszuleben; vielmehr erfreute man sich am unfreiwillig ikonoklastischen Charakter des Restaurierungsversuchs. Verr\u00e4t dies bereits ein Bed\u00fcrfnis nach Distanzierung von einer bedeutungsschweren Hochkultur, so steigert sich dies bei Mem-Varianten, bei denen der Kopf oder einzelne morphologische Eigenschaften davon in andere Kunstwerke eingesetzt wurden. Diesen Werken wird sekund\u00e4r damit dasselbe angetan, was dem Fresko widerfahren ist: Man gibt sie der L\u00e4cherlichkeit preis. [Abb. 5]<\/p>\n<div id=\"attachment_4992\" style=\"width: 1031px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.5.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4992\" class=\"wp-image-4992 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.5.png\" alt=\"Abb. 5: Mem-Varianten Laien-Restauration\" width=\"1021\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.5.png 1021w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.5-300x226.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/10\/pop-Abb.5-768x578.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1021px) 100vw, 1021px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4992\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Mem-Varianten Laien-Restauration<\/p><\/div>\n<p>Soweit ihnen eine ikonoklastische Dimension eignet, sind Internet-Meme nicht nur keine Pathosformeln, sondern stellen sogar deren Inversion dar. In den parodistisch-aggressiven Varianten wird markiert, was gerade nicht tradiert werden, nicht l\u00e4nger wirksam bleiben soll. Dass Bilder im Internet infolge der optimierten Verbreitungsm\u00f6glichkeiten schneller und st\u00e4rker zur Obsession werden k\u00f6nnen als in herk\u00f6mmlichen Medien, l\u00e4sst auch das Bed\u00fcrfnis akuter werden, sie wieder loszuwerden. Internet-Meme sind insofern Selbstreinigungsinstrumente.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Begriff \u201aMem\u2018 dann wirklich fragw\u00fcrdig. Da es gerade nicht darum geht, etwas, das ohnehin schon herumspukt, noch tiefer im (kollektiven) Ged\u00e4chtnis zu verankern, sondern es viel eher loszuwerden, sollte man lieber, angeregt vom Begriff der Amnesie, den Begriff \u201aInternet-Amnem\u2018 verwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beginn unserer neuen monatlichen Reihe zu \u00bbSocial Media\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1500,2164,2558],"class_list":["post-4985","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-mem","tag-social-media","tag-wolfgang-ullrich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4985","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4985"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4985\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4985"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4985"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4985"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}