{"id":5082,"date":"2015-11-14T11:58:33","date_gmt":"2015-11-14T09:58:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5082"},"modified":"2015-11-14T11:58:33","modified_gmt":"2015-11-14T09:58:33","slug":"ein-amerikaner-in-paris-rezension-zur-ausstellung-i-%e2%99%a5-john-giornovon-maike-aden14-11-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/11\/14\/ein-amerikaner-in-paris-rezension-zur-ausstellung-i-%e2%99%a5-john-giornovon-maike-aden14-11-2015\/","title":{"rendered":"Ein Amerikaner in Paris Rezension zur Ausstellung, \u00bbI \u2665 John Giorno\u00abvon Maike Aden14.11.2015"},"content":{"rendered":"<p>Electronic sensory poetry environments<!--more--><\/p>\n<p><em>&#8222;I \u2665 John Giorno&#8220;. <\/em>Der Ausstellungstitel klingt nicht nur rei\u00dferisch, er sieht auch so aus. Umso \u00fcberraschender der Besuch dieser gro\u00dfartigen Retrospektive, die sich einer der Hauptfiguren des New Yorker Underground und der Beat Generation widmet: John Giorno.<\/p>\n<p>Ugo Rondinone, Kurator dieser Hommage und Lebenspartner John Giornos, hat die R\u00e4ume des ansonsten auf stylischen Trashlook setzenden Pariser Palais de Tokyo in ein wohltuend klares und durch und durch schl\u00fcssiges Ausstellungsdisplay transformiert. Warum im Pressetext so viel Wirbel um ihn als K\u00fcnstlerkurator gemacht wird, ist nicht ganz ersichtlich. Sei&#8217;s drum, der Ausstellung tut dieses Zugest\u00e4ndnis an die Star-Institution &#8222;Curartist&#8220; keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Eingeleitet wird die Schau mit einer von Ugo Rondinone gefilmten Performance John Giornos: &#8222;Thanx 4 Nothing&#8220;. Wennschon auch diese Schreibung ein wenig \u00fcberstrapaziert erscheint, der Titel dieses Gedichts h\u00e4tte passender nicht sein k\u00f6nnen. John Giorno hat es anl\u00e4sslich seines eigenen 70. Geburtstags geschrieben und tr\u00e4gt es hier ohne jegliche gek\u00fcnstelte Attit\u00fcde \u00fcberaus ergreifend vor.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;q5PoOb6RdfI&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Erbarmungslos ehrlich und doch so warm und melodisch spricht er hier in einem schw\u00e4rzer und schw\u00e4rzer werdenden Monolog \u00fcber seine &#8211; und wohl auch unsere &#8211; Lebenserfahrungen und W\u00fcnsche. \u00dcber Schokolade und (andere) Drogen, \u00fcber Liebe, Sex und Promiskuit\u00e4t, \u00fcber Depressionen, Sehns\u00fcchte, Selbstmord, Betrug, Habgier, und wie das alles aus dem Nichts kommt, \u00fcber Freunde, die eigentlich Feinde sind, \u00fcber ihren Eifer, ihren Lob und ihren Beifall, die immer eigenn\u00fctzig sind, \u00fcber schlechte Nachrichten, die immer wahr sind und \u00fcber viele gemeine Wahrheiten mehr, \u00fcber die man in der \u00d6ffentlichkeit eigentlich lieber nicht spricht, wie zum Beispiel \u00fcber Amerikas stumpfe Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>So grandios ist diese durch sparsame Gesten, Repetitionen, \u00dcberlagerungen und Pausen rhythmisierte und musikalisierte Wortkunst, dass es Freude macht, sie im n\u00e4chsten Ausstellungsraum noch nachklingen zu h\u00f6ren. In diesem bis zur hohen Decke popbunt mit Dokumentenationsmaterial austapezierten Saal liegt ein riesiges Archiv aus. l15.147 gescannte und nach Jahren geordnete Dokumente f\u00e4chern John Giornos gesamtes k\u00fcnstlerisches Schaffen und privates Leben vom ersten Kinderfoto bis zu j\u00fcngsten Performancekritiken auf.<\/p>\n<p>Alles m\u00f6chte man sehen, alles lesen! \u00dcber seine Freundschaften und Liebesbeziehungen zu Andy Warhol (der ihn 1963 nackt und doch abstrakt f\u00fcr den legend\u00e4ren 5 1\/2 st\u00fcndigen Schwarzwei\u00df-Antifilm <em>Sleep<\/em> filmte), Jasper Johns, Robert Rauschenberg, John Cage, Merce Cunningham, Trisha Brown, Carolee Schneeman, Patti Smith, Laurie Anderson, Keith Haring, Terry Riley, Philip Glass, Steve Reich, William S. Burroughs, Allan Ginsberg, Brion Gysin und all die anderen amerikanischen Stars, die damals noch keine Stars waren. \u00dcber die Anregungen durch die V\u00e4ter und Protagonisten der Pop Art, die ihn zur Integration von Sprache und Kl\u00e4ngen des amerikanischen Alltags in seine Lautcollagen inspirierten. \u00dcber seine Begegnungen mit William S. Burroughs und Brion Gysin, die in Paris die po\u00e9sie sonore kennengelernt hatten und ihn zu seinen &#8222;electronic sensory poetry environments&#8220; und einer Vielzahl technischer Experimente mit Loops und Cuts ermutigten. \u00dcber sein Anrufbeantworter-Projekt &#8222;Dial-A-Poem&#8220;, das jedem Anrufer erlaubte, radikal avantgardistische Poesie- und Soundaufnahmen seiner K\u00fcnstlerkollegen und Freunde ganz einfach am Telefon anzuh\u00f6ren. \u00dcber sein unabh\u00e4ngiges, gemeinn\u00fctziges Plattenlabel &#8222;Giorno Poetry Systems&#8220;, das von 1965-1993 mehr als 50 Alben dieser neuen, vision\u00e4ren Kunstformen produzierte. \u00dcber &#8222;Radio Free Poetry&#8220;, das die Regierungsbeh\u00f6rden stoppten. \u00dcber seine eigene Rockband in den 1980ern und \u00fcber seine Affinit\u00e4t zum tibetischen Buddhismus, seine Reisen nach Indien und Marokko, sein kompromissloses Eintreten f\u00fcr die Rechte Homosexueller und die Gr\u00fcndung eines AIDS-Therapie-Projekts.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt lassen sich hier alle Publikationen John Giornos nachlesen, die, m\u00fchelos zwischen Erz\u00e4hlung und Abstraktion, Introspektion und Observation, Trivialit\u00e4t und Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit wechselnd, von fantastischem Gaysex und harter Pornographie ebenso erz\u00e4hlen wie von Alkohol, Marihuana, LSD, Konsumismus, Krieg, Zensur, Gehirnw\u00e4sche und Repressionen. Es ist eine Dichtung voller Scharfsinn, Auflehnung und Verschwendung, aber auch voller Zartheit, die permanent die engen Grenzen b\u00fcrgerlicher Moral und des sogenannten guten Geschmacks \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p>Hier wird nachvollziehbar, dass John Giornos k\u00fcnstlerischen Ans\u00e4tze von &#8218;Slam Poetry&#8216; und &#8218;Spoken Word&#8216; bis hin zur Rock-, Hardcore- und Industrialszene aufgenommen wurden und Bands wie Suicide, Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire mit ihm auftraten. Es erscheint auch keineswegs verwunderlich, dass sich in Zeiten des Mashups, Sampelns und Mixens auch Rap, Hip-Hop und House von dieser durch Tempo und Tonfall rhythmisierten Wortkunst inspirieren lassen.<\/p>\n<p>Verwunderung dagegen rief, diese Nebenbemerkung sei hier erlaubt, eine Familienf\u00fchrungsszene in der Ausstellung hervor, die sich vor Versbildern in fetten Lettern auf regenbogenfarbigem Grund wie &#8222;HYACINTS ARE THE SONGS OF SUICIDE&#8220;, &#8222;CHRYSANTHEMUMS ARE A GARLAND OF SKULLS&#8220; und &#8222;POPPIES HAVE POCKETS PACKED WITH NARCOTIC TREATS&#8220; abspielte. Kaum der ersten Worte m\u00e4chtig hatten sich die Kinder dem schulischen Frage-Antwort-Ritual nach jeder der im Saal auftauchenden Farben zu unterziehen. Diese fr\u00fche Ein\u00fcbung in die Dressur des Blicks gelang ohne Zweifel hervorragend, aber muss ausgerechnet diese Ausstellung daf\u00fcr herhalten, deren Exponate nichts anderes als den subversiven Eigensinn gegen\u00fcber solch entindividualisierenden Diszipinierungen bezeugen? Ist sie das, die Rache an der Kraft der Kunst, von der Susan Sontag einmal sprach? Dabei braucht es in einer so profund und umfassend aufbereiteten Pr\u00e4sentation wie dieser nichts als offene Augen, Ohren und einen eigenen Kopf, um die intensiv vibrierenden Worte, Kl\u00e4nge und Bilder zu erleben.<\/p>\n<p>Ein Raum ist allein den Performances John Giornos gewidmet, die parallel zum Text \u00fcber Kopfh\u00f6rer geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen, ein anderer allen Aufnahmen der &#8222;Giorno Poetry Systems&#8220;. Wunderbar auch die Fotos Fran\u00e7oise Janicots von seinen Konzerten und Begegnungen in aller Welt. Sogar das Projekt &#8222;Dial-A-Poem&#8220; kann in der Ausstellung &#8211; und von jedem Telefon in Frankreich aus kostenlos unter der Nummer 0800106106 &#8211; angew\u00e4hlt werden. Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist Andy Warhols Film <em>Sleep <\/em>(1963), der hier neben einer Menge Footagematerial in G\u00e4nze zu Erik Saties <em>Vexations<\/em> gezeigt wird, wie es einmal vorgesehen war.<\/p>\n<p>\u00dcberfl\u00fcssig dagegen die Wiederholung des schlafenden John Giorno 35 Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr Pierre Huyghes Film <em>Sleeptalking <\/em>(1998) &#8211; w\u00e4ren da nicht die dem Film unterlegten Kommentare John Giornos: <em>&#8222;One of the reasons why the early 1960s was so great was that everyone of them, and I by chance happened to be one of them, did it for the first time.&#8220; <\/em>Ironischerweise spricht John Giorno genau dar\u00fcber, warum all die vielen Kopien, Imitationen und Nachahmungen vergangener Ikonen heute oft so langweilen und warum seine Poesie und Performances so stark und eindringlich sind<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I \u2665 John Giorno, 21. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016, <a title=\"website palais de tokyo\" href=\"http:\/\/www.palaisdetokyo.com\/en\/exhibition\/ugo-rondinone\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Palais de Tokyo<\/a>, Paris.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage aden\" href=\"http:\/\/www.maikeaden.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maike Aden<\/a> ist Musik- und Kunstwissenschaftlerin (Br\u00fcssel und Paris).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Electronic sensory poetry environments<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[260,1145,2142],"class_list":["post-5082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-ausstellung-palais-de-tokyo","tag-john-giorno","tag-sixties"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5082"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5082\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}