{"id":5172,"date":"2015-12-01T11:12:26","date_gmt":"2015-12-01T09:12:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5172"},"modified":"2015-12-01T11:12:26","modified_gmt":"2015-12-01T09:12:26","slug":"skriptural-rezension-zu-florian-busch-runenschrift-in-der-black-metal-szenevon-dominik-irtenkauf1-12-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/12\/01\/skriptural-rezension-zu-florian-busch-runenschrift-in-der-black-metal-szenevon-dominik-irtenkauf1-12-2015\/","title":{"rendered":"Skriptural Rezension zu Florian Busch, \u00bbRunenschrift in der Black-Metal-Szene\u00abvon Dominik Irtenkauf1.12.2015"},"content":{"rendered":"<p>Soziolinguistik<!--more--><\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird die Oberfl\u00e4che in der Popularmusik vor allen anderen Schichten beachtet, weil das Cover-Artwork und auch die Logogestaltung der Band erste Orientierungspunkte f\u00fcr eine musikalische Zuordnung gibt. Doch nicht nur f\u00fcr die Insider sind diese gestalterischen Merkmale von Bedeutung. In Bezug auf einen Randbereich der Popmusik, der Black-Metal-Szene, erfolgt die Wahrnehmung dieser Musik und ihrer Bilder- und Sprachcodes f\u00fcr Au\u00dfenstehende ebenfalls an der Oberfl\u00e4che: Unleserliche Logos, explizite Graphiken auf den Titelbildern der Tontr\u00e4ger, ein Hang zu Extremismus und Misanthropie in den Interviewaussagen und eine Archaik, die in der Gegenwart deplatziert scheint.<\/p>\n<p>Ein Ausdruck davon ist die Verwendung der Runenschrift in Logos, Cover-Artworks, im Seitenlayout von Fanzines oder sogar im handschriftlichen Briefverkehr. Tauchen Runen in der Popularmusik auf, so verweisen diese nicht ausschlie\u00dflich auf historische Kulturen, die diese Schriftzeichen benutzt haben, sondern es wird ein Diskurs aus verschiedenen Feldern mit der Verwendung von Runen gespeist.<\/p>\n<p>Florian Busch untersucht den Runengebrauch als skripturale Praktik. Er f\u00fchrt vier Teildiskurse an, die die Runenschrift in der Black-Metal-Szene definieren: den spirituell-magischen, den politischen, den laienlinguistischen und den Authentizit\u00e4ts-Diskurs. Die Diskurse sind nicht immer scharf zu trennen, sie bedingen sich stellenweise wechselseitig. Auch kann ein Diskurs nur stichprobenhaft rekonstruiert werden.<\/p>\n<p>Das vorliegende Buch geht detailliert vor; analysiert anhand von Artefakten, aber auch gef\u00fchrten Interviews die Hintergr\u00fcnde der einzelnen Musikgruppen, Runen zu verwenden. Busch beschr\u00e4nkt sich auf Metalmusik, was dem Erkenntnisinteresse seiner soziolinguistischen Arbeit geschuldet ist, andererseits w\u00e4re es aber spannend gewesen, auch in anderen Popmusiksegmenten nach Verwendungspraktiken von Runen zu suchen. Er geht noch auf Computerspiele ein, die sich genau wie Teile des Black Metals aus der Fantasyliteratur oder historisierenden Rollenspielen bedienen. Die \u00dcberschneidung dieser Teilmengen d\u00fcrfte also kaum verwunderlich sein.<\/p>\n<p>\u00bbDieses Buch \u00fcber die skripturalen Praktiken mit moderner Runenschrift versteht sich in dem hier skizzierten Sinne also als ein Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Linguistik: Sein Ziel ist, neben der linguistisch-ethnographischen Darstellung des Ph\u00e4nomens, anhand der modernen Funktionalisierung von Runenschrift auf die omnipr\u00e4sente kommunikative Relevanz skripturaler Mittel abzuheben, die niemals nur \u203aZeichenbeh\u00e4ltnis\u2039 sind, sondern selbst kommunikative und soziale Bedeutung tragen.\u00ab (S. 13)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_1a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5179\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_1a.jpg\" alt=\"Rezension_Runenschrift_1a\" width=\"403\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_1a.jpg 403w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_1a-293x300.jpg 293w\" sizes=\"auto, (max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Beispiel w\u00e4re das Shirt der norwegischen Band Taake. Die Runen, die auf dem Textil erscheinen, liest Busch \u00bbals Mittel der skripturalen Identit\u00e4tsarbeit\u00ab. (S. 75) Durch das Tragen eines Bandshirts positioniere sich der Fan sozial und zeige der Umwelt einen \u00bbvielf\u00e4ltigen Informationsgehalt\u00ab, wie Julia Eckel in dem von Busch zitierten Aufsatz zu textuellen Textilien ausf\u00fchrt. \u00bbBemerkenswert ist hierbei die Bedeutung typographischer Elemente. W\u00e4hrend bei \u203aherk\u00f6mmlicher Modekleidung\u2039 Text h\u00e4ufig in wenig zentraler Stellung festzustellen ist, sind bei Bandshirts gerade die sprachlich-visuellen Zeichen, wie Bandlogos oder markante Ausz\u00fcge aus Songtexten zentral und individualisierend.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_2.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-5175\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_2.jpeg\" alt=\"Rezension_Runenschrift_2\" width=\"400\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_2.jpeg 670w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezension_Runenschrift_2-300x267.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel w\u00e4re die Band Arsti\u00f0ir Lifsins. Sie stellt in ihren Lyrics Bez\u00fcge zu Island her, was bereits im Namen, der isl\u00e4ndisch ist, deutlich wird. Die Verbindung zur altwestnordischen Mythologie inkludiert die Schriftkultur der Runen, was eine Verwendung dieses Alphabets nahelegt.<\/p>\n<p>Dass ein nicht mehr gebr\u00e4uchliches Alphabet typographisch in einer musikalischen Subkultur benutzt wird, l\u00e4sst mehrere Schl\u00fcsse zu: eine Tendenz zur Exklusivit\u00e4t, stark historisierende Interessen der Musiker oder aber eine kulturpolitische Zielsetzung. Letzteres untersucht der Autor unter anderem anhand von NSBM-Gruppen, die mit der Runenschrift einen R\u00fcckgriff auf das NS-Regime leisten und zugleich eine germanische Fr\u00fchgeschichte imaginieren. Der Autor untersucht die verschiedenen \u203aBlack-Metal-Identit\u00e4ten\u2039. In manchen Kontexten scheinen Runen als alltagsschriftliche Ressource in der Szene benutzt zu werden, um dadurch die Mondanit\u00e4t des Alltags auszuschalten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezensionen_Runenschrift_3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5176\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezensionen_Runenschrift_3.jpeg\" alt=\"Rezensionen_Runenschrift_3\" width=\"333\" height=\"259\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezensionen_Runenschrift_3.jpeg 333w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2015\/11\/Rezensionen_Runenschrift_3-300x233.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was die linguistische Fachliteratur angeht, so bietet sie f\u00fcr eine solchgestaltige Untersuchung eine Vielzahl an methodischen Tools an; bei der Metal Studies-Literatur f\u00e4llt auf, dass Busch in manchen Kapiteln Aufs\u00e4tze aus lediglich einem Sammelband zitiert. Philologische Diligenz fordert die Zitierbarkeit von Erkenntnissen, es sei denn, es wird empirische Feldforschung betrieben. Wenn es nun aber zum Black Metal noch nicht ausreichend \u203azitierbare\u2039 Literatur gibt, was tun? Eigene empirische Forschung betreiben. Klar stellt sich auch immer die Frage nach den Adressaten. F\u00fcr Musikinteressierte k\u00f6nnte die linguistische Terminologie etwas sperrig wirken, f\u00fcr Linguisten der Untersuchungsgegenstand eher irrelevant erscheinen. Solche Studien bewegen sich auf dem Grat der Wissenschaftlich- und Verst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Der methodische Vorteil der Arbeit ist die Diskursivierung des Gegenstands, ohne jedoch die Urheber der Runen-Artefakte auszuschlie\u00dfen. Dabei f\u00e4llt auf, dass die Musiker eine historisch wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Auseinandersetzung mit den Runen eher f\u00fcr Spekulationen \u203aopfern\u2039. Da lie\u00dfe sich f\u00fcr weitere diskurskritische Studien ansetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Hinweis<\/strong><br \/>\nFlorian Busch<br \/>\nRunenschrift in der Black-Metal-Szene. Skripturale Praktiken aus soziolinguistischer Perspektive<br \/>\nFrankfurt am Main et al. 2015<br \/>\nPeter Lang Edition<br \/>\nISBN 978-3-631-66358-5<br \/>\n179 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dominik Irtenkauf M.A. ist freischaffender Journalist und Autor (u.a. f\u00fcrs Legacy-Magazin und Telepolis), zudem arbeitet er an einer Dissertation in den Sound Studies zur Soundscape der Schw\u00e4rze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziolinguistik<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[345,391,1515,1838,2040],"class_list":["post-5172","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-black-metal","tag-buchrezension","tag-metal-studies","tag-pop-zeitschrift-de","tag-runenschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5172"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5172\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}