{"id":5188,"date":"2015-12-02T10:32:34","date_gmt":"2015-12-02T08:32:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5188"},"modified":"2015-12-02T10:32:34","modified_gmt":"2015-12-02T08:32:34","slug":"ein-neuer-kanon-von-thomas-hecken2-12-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2015\/12\/02\/ein-neuer-kanon-von-thomas-hecken2-12-2015\/","title":{"rendered":"Ein neuer Kanon? von Thomas Hecken2.12.2015"},"content":{"rendered":"<p>High und Low revisited<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Annie Bourguignon\/Konrad Harrer\/Franz Hintereder-Emde (Hg.): \u00bbHohe und niedere Literatur. Tendenzen zur Ausgrenzung, Vereinnahmung und Mischung im deutschsprachigen Raum\u00ab, Frank &amp; Timme Verlag, Berlin 2015, S. 37-49.]<\/p>\n<p>Die Abwehr der zuvor oftmals als niedrig eingestuften Kultur hat in einigen Bereichen enorm an Kraft verloren. Sei es aus demokratischen Gr\u00fcnden \u2013 wer f\u00fcr allgemeines Wahlrecht eintritt, hat Probleme, einem Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung Bildung und Geschmack weitgehend abzusprechen \u2013, sei es aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden \u2013 die Hochwertung und Kanonisierung bestimmter Formen und Artisten der Popkultur ist seit den Tagen von Pop-Art und Beat, also seit den 1960er Jahren, in vollem Gange.<\/p>\n<p>Wer sich nicht auf Warhol und Rolling Stones berufen m\u00f6chte, findet nat\u00fcrlich auch unter den heutzutage als Klassiker angesehenen Autoren manchen Anhalt f\u00fcr die Abwehr als \u201aelit\u00e4r\u2018 eingestufter Bildungs- und Kunstansichten. Die Dichtkunst sei eine \u201eWelt- und V\u00f6lkergabe\u201c, nicht ein \u201ePrivaterbteil einiger feinen, gebildeten M\u00e4nner\u201c, schreibt etwa Goethe in \u201eDichtung und Wahrheit\u201c \u00fcber die Haltung Johann Gottfried Herders.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Wenn man genauer hinschaut, kommt aber selbst Herder nicht ohne einen Abgrenzungsbegriff zu \u201eVolk\u201c aus. Bei ihm ist es der \u201eP\u00f6bel auf den Gassen\u201c. Dieser P\u00f6bel \u201esingt und dichtet niemals, sondern schreit und verst\u00fcmmelt\u201c,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> hei\u00dft es klar und deutlich. Herders \u201enat\u00fcrliches\u201c Volk besitzt hingegen Lieder, die \u2013 ungeachtet anderer wichtiger nationaler Unterschiede \u2013 aus einer \u201esinnlichen, wenn auch einf\u00e4ltigen, aber sichern, kurzen, starken, R\u00fchrung\u2013 und Inhaltvollen Denkart\u201c entspringen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> \u201eEs ist wohl nicht zu zweifeln\u201c, meint Herder, dass Poesie urspr\u00fcnglich \u201eganz Volksartig\u201c gewesen sei, \u201ed. i. leicht, einfach, aus Gegenst\u00e4nden und in der Sprache der Menge, so wie der reichen und f\u00fcr alle f\u00fchlbaren Natur\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Wie das Volk, so auch seine Lieder; wie die Beurteilung des Volks, so auch die Bewertung seiner Ges\u00e4nge. Weil Herder das sinnliche, nat\u00fcrliche Volk hoch sch\u00e4tzt, preist er dessen einfache, kr\u00e4ftige Dichtung. Die Natur habe den \u201eunpolicirten Nationen\u201c einen \u201eTrost\u201c gegeben, den \u201eschwerlich Menschliche K\u00fcnsteleien d\u00f6rften ersetzen k\u00f6nnen, Freiheitliebe, Liebe des M\u00fc\u00dfigganges oder des Taumels: und wohin alles gewisserma\u00dfe zusammenflie\u00dft, Gesang.\u201c In der Hitze der Begeisterung f\u00e4llt die zivilisierte Gegenwart gegen\u00fcber der eingebildeten Vergangenheit stark ab: \u201eNatur hat den Menschen frei, lustig, singend gemacht: Kunst und Zunft machen ihn eingeschlossen, mi\u00dftrauisch, stumm.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Herder bleibt jedoch nicht immer bei der mythologischen Entgegensetzung von K\u00fcnstlichkeit und Zunft auf der einen, Natur und Freiheit auf der anderen Seite stehen. Einmal f\u00fchrt er in seinen Volkslieder-Schriften ein historisch-soziologisches Argument an: In der Zeit des Minnesangs sei \u201edie Poesie von gro\u00dfem Umfang gewesen\u201c, sie \u201eerstreckte sich vom Kaiser zum B\u00fcrger, vom Handwerker bis zum F\u00fcrsten.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Das passt zu seiner politischen Kritik, nach der in der griechischen Polis \u201eVolk\u201c als \u201eehrw\u00fcrdiger\u201c Name \u201ealle B\u00fcrger, Rat und Priester ausgenommen\u201c, einbegriff; \u201ejetzo ist er gemeiniglich so viel als P\u00f6bel und Canaille.\u201c Zudem seien dort alle B\u00fcrger \u201egleich\u201c gewesen: \u201esie waren Soldaten, Ackersleute und Staatsr\u00e4te zusammen\u201c. In der Gegenwart jedoch \u201esondert man Ackerbau, und Soldatenstand, ja gemeiniglich auch die Regierung vom B\u00fcrgerstande ab: man setzt Kaufmann und Handwerker dagegen\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Herder nimmt allerdings nicht an, in der Gegenwart sei die soziale Teilung un\u00fcberwindbar. Man erkennt es unschwer an seinen zahlreichen Aufrufen, auf dem Feld der Literatur die Spaltung zu heilen. Ein bekannter Appell richtet sich an seine Kollegen. Solange \u201ewir denn nun ewig f\u00fcr Stubengelehrte\u201c schreiben, ruft Herder anklagend, solange \u201ewir\u201c Gedichte verfassen, \u201ewie sie niemand versteht, niemand will, niemand f\u00fchlet\u201c, solange haben \u201ewir\u201c nicht einmal ein \u201eVolk\u201c (das singen k\u00f6nnte), haben \u201ewir\u201c \u201ekein Publikum\u201c, \u201ekeine Nation\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-Modifikationen<\/p>\n<p>Am ber\u00fchmten Beispiel Herders sieht man leicht, in welch starkem Ma\u00dfe die Schriftgelehrten nicht nur k\u00fcnstlerische Grenzen markierten, die zugleich soziale Grenzen waren, sondern auch versucht haben, diese Trennungen aufzul\u00f6sen. Um nur ein weiteres, aktuelleres Beispiel aus einer Zeit, in der die Berufung auf die Nation schon l\u00e4ngst nicht mehr zur erfolgreichen Legitimation vormals abgewerteter niedriger Kultur herangezogen wird, zu nennen: Leslie Fiedlers in Deutschland viel st\u00e4rker als in den USA zitierte und diskutierte Aufforderung: \u201eClose the border, cross the gap\u201c.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Um seinem Ziel der Grenzaufl\u00f6sung n\u00e4her zu kommen, erteilt Fiedler der modernen Tradition eine heftige Absage; die Stunde des Kunstromans eines Thomas Mann oder Proust habe geschlagen. An seine Stelle m\u00f6chte Fiedler einen \u201eantiseri\u00f6sen\u201c Roman setzen, der die L\u00fccke zwischen \u201eder Bildungselite und der Kultur der Masse\u201c, zwischen den \u201e\u201aBelles lettres\u2018 und der Pop-Kunst\u201c \u00fcberwindet.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Fiedler h\u00e4lt diese poetologischen Imperative im September 1968 in einem zweiteiligen Essay f\u00fcr die deutsche Wochenzeitung \u201eChrist und Welt\u201c fest, nachdem er sie im Juni bei einem Symposium vorgestellt und mit ihnen bei den anderen geladenen Autoren und Kritikern einiges Aufsehen erregt hat. In Amerika besitzt Fiedler bereits l\u00e4ngst einen beachtlichen Ruf als nonkonformistischer Literaturwissenschaftler, der seine Anliegen gerne mit Ausf\u00fchrungen zur Popul\u00e4rkultur verkn\u00fcpft. Bereits 1955 hat Fiedler \u201ea true \u201apopular\u2018 literature\u201c der Comics, der Horror-Magazine und der harten Krimigeschichten gegen den b\u00fcrgerlichen, p\u00e4dagogisch-bevormundenden guten Geschmack verteidigt. Mitte der 50er Jahre erscheinen ihm die \u201epulp fiction\u201c-Hefte \u00e4hnlich weit wie die modernen Romane eines Kafka oder Proust von einer sentimentalen, moralisch beflissenen mittleren Literatur entfernt, die er heftig schm\u00e4ht.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>In den 60er Jahren steht nun die modernistisch-avantgardistische Literatur im Mittelpunkt seiner Attacken. Den gr\u00f6\u00dften Bekanntheitsgrad erlangt dabei sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine neue Literatur, die sich auf avancierte Weise der Formen US-amerikanischer Pop-Kultur bedient. Um die L\u00fccke zwischen hoher und angeblich niedriger Kunst zu schlie\u00dfen und damit \u201esubversiv\u201c gegen die \u00fcberkommenen \u201eKlassenvorurteile\u201c anzugehen, die in einer \u201epluralistischen Gesellschaft\u201c fehl am Platze seien, verweist Fiedler auf drei Methoden:<\/p>\n<p>Das erste Mittel besteht in der \u201eParodie, \u00dcbersteigerung, grotesken \u00dcberformung der Klassiker\u201c, das zweite in der Aufnahme von \u201ePop-Formen\u201c des Westerns, der Pornografie und der Science Fiction durch zeitgen\u00f6ssische Schriftsteller, das dritte in der damit teilweise verbundenen Hinwendung zu den neuen, maschinell produzierten \u201emythischen Bilderwelten\u201c der Schlagzeilen, Comics und Fernsehsendungen.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Fiedler steht damit in der Linie einer ganzen Reihe anderer Forderungen und durchgef\u00fchrter Projekte, die sich seit Mitte der 1950er Jahre der Hochwertung und Adaption zuvor zumeist abgewerteter Produkte und Genres der sog. Popul\u00e4r- oder Massenkultur widmen, sei es nun der Hollywood-Film, der Rock \u2019n\u2019 Roll oder das Autodesign. Die Argumente liegen also bereit. Herders Vertrauen auf die G\u00fcte der einfachen, sinnlichen Volksdichtung pr\u00e4gt sie manchmal ebenso wie sein Aufruf, nicht nur f\u00fcr \u201aStubengelehrte\u2018 zu dichten.<\/p>\n<p>\u00dcber Herder hinaus gehen sie aber mitunter, weil sie nicht selten das \u201aSchreien\u2018 und \u201aVerst\u00fcmmeln\u2018 und\/oder das K\u00fcnstliche, Subkulturelle und Internationale positiver einsch\u00e4tzen als er. Im Gegensatz zu Herder m\u00fcssen sie bei ihren Umwertungen auch nicht blo\u00df Appelle an K\u00fcnstler richten, sondern k\u00f6nnen auf viele Werke verweisen, die schon existieren und oftmals schnell Aufmerksamkeit erhalten. Zu nennen sind hier vor allem die englische Independent Group und die US-amerikanische Pop-Art im Bereich der bildenden Kunst, die franz\u00f6sische Nouvelle Vague im Film, die internationale Psychedelia- und Underground-Szene der Beat- und Rockmusik.<\/p>\n<p>Letztere zeichnet aus, dass sie (und ihre Laudatoren) im Unterschied zu allen davor aufgez\u00e4hlten Richtungen nicht auf die Angabe und (Selbst-)Belobigung zur\u00fcckgreifen, etwas Popul\u00e4res werde von ihnen kunstvoll zitiert oder transformiert. Dennoch oder gerade deshalb ist die Durchsetzung und Anerkennung der Beat- und Rockmusik rasch auch \u00fcber Jugendszenen hinaus gro\u00df. Mit der Beat- und Rockmusik, zu Teilen auch mit der Soulmusik gewinnen die Versuche, den \u00e4lteren Wertungsunterschied zwischen hoher und niederer Kultur zu \u00fcberwinden oder zumindest neu zu bemessen, deutlich an Schwung.<\/p>\n<p>Gepr\u00e4gt sind diese Bestrebungen davon, den Vorrang der kanonisierten K\u00fcnstler aus den Gattungen, Genres und Rubriken Drama, Poesie, Klassische Musik, Klassische Moderne, Historische Avantgarde wenn nicht zu bestreiten, so ihnen doch andere Vertreter aus weiteren Kunstrichtungen zur Seite zu stellen. Damit einher gehen in intellektuellen Kreisen h\u00e4ufig Bestrebungen, Begriffe und Konzepte wie Unterhaltung, Reiz, Popularit\u00e4t, Glamour, Camp, Subversion, Direktheit, Serialit\u00e4t, Zerstreuung, Funktion, Soma\u00e4sthetik, kollektive Autorschaft, Partizipation, Bricolage gegen \u00fcberkommene Kunstnormen wie Autorpers\u00f6nlichkeit, Werk, Kontemplation, Distanz, Interesselosigkeit, Bildungsgehalt, Komplexit\u00e4t ins Feld zu f\u00fchren oder zumindest deren Wert in einer pluralistisch orientierten Kulturauffassung zu betonen.<\/p>\n<p>Wie an der Aufz\u00e4hlung sofort ersichtlich, liegen nicht alle dieser Bestrebungen auf einer Linie, wenn sie sich auch alle zu den idealistischen \u00e4sthetischen Vorstellungen des Bildungsb\u00fcrgertums, dessen Vorstellungen zumindest in Universit\u00e4ten, \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten und Museen bis in die 1960er Jahre hinein vorherrschend sind, in Opposition befinden. Zwischen den Verfechtern der Unterhaltung und denen der Subversion, zwischen den Anh\u00e4ngern des Popul\u00e4ren und denen der Partizipation muss nicht immer Freundschaft herrschen. Nicht selten besteht sogar zwischen ihnen eine Feindschaft, die der alten Abneigung der Hochkultur-Sprecher gegen alles Niedrige nahekommt. Der Aufnahme vieler Pop-K\u00fcnstler von Elvis Presley bis Bret Easton Ellis in den neuen Kanon hat das nicht geschadet, im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Avant-Pop<\/p>\n<p>Lenkt man den Blick in die Gegenwart des Jahres 2014, ist der enorme Erfolg der aufgez\u00e4hlten Bem\u00fchungen offensichtlich. In f\u00fchrenden Magazinen und Tageszeitungen ist heutzutage ein nicht unwesentlicher Teil des Feuilletons positiven Rezensionen und Berichten \u00fcber Popgruppen, TV-Serien, Fotografen, Comic-Zeichnern etc. gewidmet. Der Erfolg zeigt sich auch an Museumsausstellungen zu japanischen Mangas oder angloamerikanischen Rockfotografen, ebenso wie an Sendungen zur Geschichte der Disco-Bewegung oder zu pornografischen Trash-Filmen im \u00f6ffentlich-rechtlichen Kulturprogramm, auch in den Lehrpl\u00e4nen und Literaturlisten der universit\u00e4ren Medien- und Kulturwissenschaften.<\/p>\n<p>Angek\u00fcndigt hat sich diese Umwertung schon seit den 1920er Jahren, auf breiter Front vollzogen wurde sie jedoch erst in der letzten Zeit. Handelte es sich bis in die 1980er Jahre entweder um einzelne Stellungnahmen oder um Ver\u00f6ffentlichungen in Spezialmagazinen, hat die Umwertung jetzt gr\u00f6\u00dfere Teile sowohl der Publizistik und Wissenschaft als auch der kunstinteressierten \u00d6ffentlichkeit erfasst.<\/p>\n<p>Diese Wende besitzt dauerhaften Charakter, es gibt keinerlei Anzeichen f\u00fcr eine Umkehr. Die Prognose, dass die aufgezeigte \u00c4nderung sich \u00fcber die kommenden Jahrzehnte noch verst\u00e4rken wird, f\u00e4llt ausgesprochen leicht, weil in den nachwachsenden Generationen \u2013 pr\u00e4ziser gesagt: in den jetzigen und k\u00fcnftigen Akademikerjahrg\u00e4ngen \u00ad\u2013 ein noch deutlicherer Hang festzustellen ist, vielen Gegenst\u00e4nden aus den Bereichen der Pop-, Konsum- und Unterhaltungskultur einen hohen \u00e4sthetischen Wert beizumessen.<\/p>\n<p>Zwei Punkte tragen zu dieser Wende entscheidend bei. Erstens kennzeichnet sie, dass intellektuelle, feuilletonistische Begr\u00fcndungen, die sich erheblich von Ausrufen der Bewunderung und von Bekundungen sinnlicher Faszination unterscheiden, f\u00fcr das Lob g\u00e4ngiger popkultureller Ph\u00e4nomene bem\u00fcht werden. Hier kommt die bereits angesprochene Differenz zwischen den unterschiedlichen anti-bildungsb\u00fcrgerlichen Wertsetzungen zum Tragen. Selbst wenn gar keine starke Entgegensetzung zwischen verschiedenen Bestimmungen des Popul\u00e4ren oder Poppigen vorgenommen wird, stehen bestimmte Angaben im Unterschied zu anderen im Feuilleton der \u00fcberregionalen Tageszeitungen, in von Akademikern gelesenen Magazinen und ihren Pendants in Radio und Internet kaum einmal f\u00fcr sich: Ausf\u00fchrungen zur Tanzbarkeit z.B. wird man hier selten allein antreffen, l\u00e4ngere \u00dcberlegungen zu Subversion, Partizipation etc. sehr wohl.<\/p>\n<p>Zweitens liegt die Wende darin, dass nicht nur einige bei einem gro\u00dfen, schichten\u00fcbergreifenden Publikum beliebte K\u00fcnstler und Werke \u2013 von Alfred Hitchcock bis Madonna, von Lichtenstein bis H&amp;M, von den Simpsons bis Eminem \u2013 mit st\u00e4rkerem Begr\u00fcndungsaufwand oder gebildeteren Argumenten besonders herausgehoben werden. Charakteristisch f\u00fcr die Konstitution des neuen Kanons ist, innerhalb des Pop-Bereichs spezifische Kunstanstrengungen herauszustellen, die zumeist einen (nach Rezipienten- und K\u00e4uferzahlen gemessen) geringeren Erfolg erzielen und u.a. darum als h\u00f6herwertig gelten, ohne die Anforderungen der alten Bildungskultur erf\u00fcllen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gedeckt sind solche Einstufungen u.a. durch die mittlerweile vorherrschende Art und Weise, Pop und Kultur zu klassifizieren. Zum Pop-Sektor z\u00e4hlen im durchgesetzten Sprachgebrauch nicht nur \u201eBatman\u201c-Comics, sondern auch Warhol-Bilder, nicht nur Robbie Williams, sondern auch Frank Zappa etc. Kultur wiederum wird mittlerweile kaum mehr prinzipiell als Gegensatz zu Pop betrachtet.<\/p>\n<p>Dennoch ist trotz fortgeschrittener Relativierung kultureller Werte und trotz der behaupteten Aufl\u00f6sung des Kontrastes von \u201ahigh\u2018 und \u201alow\u2018 weitgehend (wenn auch keineswegs g\u00e4nzlich) unumstritten, dass Werke, die anstrengungslos zu konsumieren sind, weniger bedeutend sind als solche, die einen produktiv herausfordern, individuelles Sch\u00f6pfertum wichtiger ist als Arbeit (gar anonyme, kollektive Arbeit) im Dienste kommerzieller Zwecke \u2013 und dass die Erf\u00fcllung sinnlicher Funktionen (einen zum Lachen, Weinen, Tanzen bringen) letztlich weniger wertvoll ist als die Verweigerung gegen\u00fcber eindeutig identifizierbaren Gebrauchsweisen.<\/p>\n<p>Das deutet auf den Anspruch hin, etwas Originelles, Experimentelles, Abweichendes zu schaffen. Darum geht es oftmals in diesem Bereich des mittlerweile kanonf\u00e4higen Pop: Um die Behauptung, dass es sich um avancierte, kreative, einer Autorpers\u00f6nlichkeit zurechenbare Pop-Varianten handle. In dieser Hinsicht entspricht der neue Kanon dem alten Kanon \u2013 gewisse bildungsb\u00fcrgerliche Ma\u00dfst\u00e4be pr\u00e4gen ebenfalls jenen neuen Kanon, in dem nun Velvet Underground und James Bond neben Wagner und Felix Krull stehen oder sich zumindest in deren Reichweite befinden und nicht au\u00dfen vor bleiben.<\/p>\n<p>Anders pointiert: Die Originalit\u00e4t und Klasse des avancierten Pop wird zwar auch im Unterschied und in Abgrenzung zu \u00e4lteren, hohen b\u00fcrgerlichen Idealen (sinnliche Interesselosigkeit, kompositorische Ausgewogenheit, Harmonie, hoher Bildungsgehalt) gesehen und festgestellt, aber ebenfalls im Unterschied zu Pop-Auffassungen und Vorlieben der Teenager und Kleinb\u00fcrger. Die Backstreet Boys gelten hier so wenig wie Phil Collins, moralische Erbaulichkeit, handwerkliche Gediegenheit so wenig wie hochgetriebener Starkult.<\/p>\n<p>Avant-Pop, wie man den neuen Kanon-Anteil kategorisch nennen k\u00f6nnte, weist teilweise eine N\u00e4he zur modernen Kunst und zu modernen Rezeptionsanforderungen auf: Genremischungen zeichnen Avant-Pop oftmals ebenso aus wie der Widerwille, Kunstwerke auf ihren tiefen, hermeneutisch zu erfassenden Sinn (was will uns der Dichter sagen, wie passen Ganzes und Teil zusammen?) hin zu befragen. Oberfl\u00e4chlichkeit und fragmentarischer, materialer Reiz z\u00e4hlen folgerichtig zu positiven Kunsteigenschaften und Wertbegriffen des Avant-Pop. Dies f\u00fchrt wiederum weg von bildungsb\u00fcrgerlichen Anspr\u00fcchen und ist der Grund daf\u00fcr, weshalb es einige Jahrzehnte dauerte, bis Avant-Pop-Favoriten in den Kanon gelangten.<\/p>\n<p>Die Originalit\u00e4ts- und Abgrenzungsbem\u00fchungen sorgen sogar daf\u00fcr, dass Avant-Pop nicht immer blo\u00df eine experimentelle, moderne Pop-Variante darstellt, deren Anh\u00e4nger ihren erhobenen Rang darin zu erkennen glauben, dass die Avant-Pop-Werke sich durch Differenziertheit, Autorpers\u00f6nlichkeit, Werkschaffen, Komplexit\u00e4t, Kreativit\u00e4t, Hipness und Anspielungsreichtum von den Kleinb\u00fcrger- und Teenagervarianten unterscheiden.<\/p>\n<p>In einer letzten Volte unternehmen einige Fraktionen des Avant-Pop den Versuch, die Originalit\u00e4t des Avant-Pop nicht ausschlie\u00dflich in der Verfremdung, Verfeinerung, Vermischung g\u00e4ngiger Pop-Genres zu finden. Stattdessen setzen sie (auch) auf gesteigerte K\u00fcnstlichkeit, Funktionalit\u00e4t, auf \u00e4u\u00dferste Herauspr\u00e4parierung von Genrekonventionen. Mitunter setzen sie ebenfalls auf K\u00fcnstler und Artefakte, die bereits hoch in den Charts platziert sind, vorausgesetzt, man kann mit ihrer Unterst\u00fctzung einen kleinb\u00fcrgerlichen Geschmack (\u201aKunst kommt von K\u00f6nnen\u2018, \u201adas ist mir zu vulg\u00e4r\u2018, \u201awo steckt denn da die Botschaft?\u2018) verschrecken und der Begeisterung f\u00fcr Stars und Spektakel auf eine relativ ungebr\u00e4uchliche Weise Ausdruck verleihen.<\/p>\n<p>Disco-St\u00fccke und Pulp-Fiction-Hefte k\u00f6nnen darum bei ihnen auch und gerade dann hoch im Kurs stehen, wenn sich kein Autor f\u00fcr sie finden l\u00e4sst und sie sich nicht erkennbar originell zu anderen Auspr\u00e4gungen des Genres verhalten. Dies bleibt aber eine Ausnahme \u2013 die Ausnahme, welche im radikalen Pop-Widerstand gegen\u00fcber jenem Kanon besteht, der sich auf Gr\u00fcnde der Pers\u00f6nlichkeit und der besonderen Kreativit\u00e4t st\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wie radikal diese Ausnahme ist, kann man leicht daran ersehen, dass z.B. selbst die meisten Disco-Anh\u00e4nger in Reihen des Avant-Pop im Regelfall wenn nicht S\u00e4nger und Musiker, so doch bestimmte, in ihrer Sicht au\u00dfergew\u00f6hnliche, originelle Produzenten und Tontechniker hervorheben. Der Vorrang von Werk, Autor, Komplexit\u00e4t, K\u00f6nnen bleibt selbst hier gewahrt, sodass modernisierte bildungsb\u00fcrgerliche Vorstellungen auch im Avant-Pop erhalten bleiben und ein Kanon, der Lee Perry neben Lou Reed und Edgar Var\u00e9se und Eric Satie platziert, m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201aVielfresser\u2018<\/p>\n<p>Die Avant-Pop-Auslese wird im hohen Ma\u00dfe von Leuten getragen, die im kulturellen Sektor t\u00e4tig sind, in \u00f6ffentlich-rechtlichen Kultursendern, in Museen, im Feuilleton, in kulturwissenschaftlichen Fakult\u00e4ten usf. Sie pr\u00e4gt auch den Kanon vieler K\u00fcnstler und stark kulturinteressierter Obersch\u00fcler und geisteswissenschaftlicher Studenten. Zu ihrer Bedeutung tr\u00e4gt ebenfalls bei, dass K\u00fcnstler wie Damien Hirst, Antony Hegarty, Quentin Tarantino, Sonic Youth, Bret Easton Ellis, David Lynch mittlerweile auch zu dem Kreis geh\u00f6ren, aus dem Angeh\u00f6rige anderer Berufsgruppen und Fakult\u00e4ten ihre Favoriten ausw\u00e4hlen. Sie z\u00e4hlen f\u00fcr diese mitunter genauso zu m\u00f6glichen Geschmacksfavoriten und Kanon-Anw\u00e4rtern wie Neo Rauch, Anna Netrebko oder Daniel Kehlmann.<\/p>\n<p>In der amerikanischen Soziologie hat sich f\u00fcr die Gruppe derjenigen, die gleicherma\u00dfen \u2013 um musikalische Beispiele zu nennen \u2013 bestimmte K\u00fcnstler aus der klassischen Musik wie dem Pop, aus Jazz wie Rock sch\u00e4tzen und h\u00f6ren, die Bezeichnung \u201eomnivore\u201c (\u201aAllesfresser\u2018) eingeb\u00fcrgert. Habe es zuvor eine exklusive Bindung von \u201ehigh-status Americans\u201c an die Hochkultur gegeben, zeichne die statushohen Amerikaner nun verst\u00e4rkt aus, dass sie \u2013 weiterhin im Gegensatz zu den Bev\u00f6lkerungsgruppen mit \u201aniedrigem\u2018 sozialen Status \u2013 aus allen Bereichen, auch denen der \u201elowbrow\u201c- und \u201emiddlebrow\u201c-Kultur, ausw\u00e4hlten.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Im Namen einer \u201ecreative class\u201c gibt es eine spezielle Variante dieser These. F\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der \u201ecreative class\u201c \u2013 einer Klasse aus Wissenschaftlern und Ingenieuren, K\u00fcnstlern und Entertainern, Softwaredesignern und Publizisten \u2013 besitze die Unterscheidung von \u201ehighbrow\u201c und \u201elowbrow\u201c keinen Wert mehr, sie bevorzuge statt der \u201eSOB\u201c-Kultur (Symphonie, Oper, Ballett; dazu noch das Kunstmuseum) auf der einen und den offensichtlich kommerziellen Angeboten auf der anderen Seite die authentischere, eklektische Kultur einer \u201estreet scene\u201c, die in einem oder in benachbarten Clubs \u201ea dense spectrum of musical genres from blues, R&amp;B, country rockabilly, world music, and their various hybrids to newer forms of electronic music, from techno and deep house to trance and drum and bass\u201c biete.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Essayistisch ist die Gruppe der \u201aAllesfresser\u2018 als Tr\u00e4gergruppe einer neuen \u201eNobrow\u201c-Kultur gefasst worden: An die Stelle der alten Unterscheidung zwischen der elit\u00e4ren Kultur der (Bildungs-)Aristokratie und der kommerziellen Kultur der Massen sei eine \u201ehierarchy of hotness\u201c getreten. \u201eNobrow is not culture without hierarchy, of course, but in Nobrow commercial culture is a potential source of status, rather than the thing the elite define themselves against. [\u2026] Dominique de Menil side by side with Courtney Love.\u201c Die \u201eNobrow\u201c-Kultur zeichne, kurz gesagt, aus, dass die Differenz von Mainstream oder kommerzieller Kultur und Subkultur oder Avantgarde nicht mehr trennscharf f\u00fcr die Bestimmung des Abstands von den hohen zu den niedrigen Schichten wirke.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Freilich bleibt die Unterscheidung von \u201ahoch\u2018 und \u201aniedrig\u2018 im \u00e4sthetischen Urteil dabei erhalten, es gibt keine Indifferenz des Geschmacks. Schlichtweg alles finden auch die Allesfresser nicht gut, ihr Name ist deshalb eigentlich falsch gew\u00e4hlt, genauer sollte man von \u201aVielfressern\u2018 sprechen. Wie gesehen, dient die neue Unterscheidung zudem weiterhin der Unterscheidung von F\u00fchrungsschicht und niederen Klassen.<\/p>\n<p>Richtig bleibt aber: Die Hierarchie wird nicht mehr durch die Unterscheidung von Literatur und Dichtung, Film und Theater, neuer Musik und leichter Musik, Jazz und Rock, Rock und Pop etc. bestimmt, weil die Schicht der \u201eomnivores\u201c potenziell aus all den mit diesen Kategorien erfassten Werken sich jeweils f\u00fcr ihre Favoritenliste bedient (gem\u00e4\u00df des bekannten \u00e4lteren Diktums von Leonard Bernstein, nach dem es nicht so etwas wie \u201aU- und E-Musik\u2018, sondern nur gute und schlechte Musik gebe).<\/p>\n<p>Auf Deutschland l\u00e4sst sich der Befund \u2013 h\u00e4lt man sich an eine Studie vom Beginn des neuen Jahrhunderts \u2013 (noch) nicht \u00fcbertragen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Festgestellt werden kann aber nun ein gutes Jahrzehnt sp\u00e4ter zweifelsfrei, dass u.a. die \u00fcberregionalen Feuilletons mittlerweile sowohl \u00fcber Werke und K\u00fcnstler aus Bereichen, die fr\u00fcher exklusiv der Hochkultur zugeschlagen worden sind, als auch aus dem Feld der Popkultur \u00e4hnlich h\u00e4ufig positiv berichten; die \u201eomnivores\u201c sind demnach zumindest auf Seiten der Publizisten vorhanden und sto\u00dfen bei ihrer Leserschaft offenkundig nicht auf Widerstand. In Tagen dauerhaften Redens und Schreibens \u00fcber Quality-TV und verwandte Ph\u00e4nomene in Pop- und Rockmusik d\u00fcrfte eine erneute Erhebung sich heute wohl den US-amerikanischen Ergebnissen ann\u00e4hern.<\/p>\n<p>Ob es sich bei den Favoriten der Allesfresser und der Avant-Pop-Anh\u00e4nger um Elemente eines neuen oder bedeutsam ver\u00e4nderten Kernkanons handelt, kann jedoch noch nicht abschlie\u00dfend beantwortet werden. Es muss noch etwas Zeit vergehen, damit sicher gesagt werden kann, ob die angesprochenen Artefakte in einer Weise \u00fcberliefert werden, dass sie in Zukunft nicht nur in Archive einwandern, sondern auch weiterhin Teil von Adaptionen, Rezeptionen, Interpretationen, Curricula, Ausstellungen, Neuauflagen, Selbstentw\u00fcrfen, Statusdemonstrationen, Machtwissen bleiben (vgl. dazu Heydebrand 1998; Korte 2006; Beilein\/Stockinger\/Winko 2012).<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Dass sie gegenw\u00e4rtig zu dem von wichtigen kulturellen Institutionen als wertvoll erachteten Korpus z\u00e4hlen, ist aber einfach festzustellen \u2013 und ebenso, dass ihre partielle Kenntnis und Wertsch\u00e4tzung dazu geh\u00f6rt, wenn man sich unter Studenten und j\u00fcngeren bis mittelalten Akademikern mit Erfolg am kulturellen Gespr\u00e4ch beteiligen m\u00f6chte. Wenn im Titel dieses Aufsatzes vom \u201aneuen Kanon\u2018 die Rede ist, soll das darum mehr als eine Vermutung sein. Gegenw\u00e4rtig deutet sehr vieles darauf hin, dass sich die jetzt feststellbaren Entwicklungen in Zukunft verfestigen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ausnahme: Literatur<\/p>\n<p>Schaut man sich aber nun den literarischen Bereich an, gilt das dort freilich l\u00e4ngst nicht in gleichem Ma\u00dfe wie im Film- und Musiksektor. Die Literatur ist die Ausnahme von der neuen Regel der stark durchl\u00f6cherten Grenze zwischen dem, was man fr\u00fcher unter hoher und niedriger Kultur verstanden hat, besonders in Deutschland. Der Blick auf die deutsche Lage zeigt schnell, dass sich der Avant-Pop im literarischen Bereich nur sehr begrenzt hat durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Man kann dies an zwei Punkten, die f\u00fcr den Avant-Pop hoch bedeutsam sind, erkennen. Erstes Charakteristikum: Die Produktion und lobende Rezeption von Werken, die mit Verfahren der modernen Kunst Sujets und Darstellungsweisen der (zumindest fr\u00fcher) sog. Massen- und Kommerzkultur traktieren, sei es durch Transformation oder blo\u00dfe Transposition (etwa vom Supermarkt in die Galerie).<\/p>\n<p>In Analogie zur Pop-Art, teilweise zur Nouvelle Vague und zu vielen Musikern von Grateful Dead bis zu ungez\u00e4hlten Hip-Hop- und Electro-Samplern ist diese Verfahrensweise in der deutschsprachigen Literatur durchaus h\u00e4ufig seit Ende der 1960er Jahre anzutreffen. Diese Popliteratur entnimmt der Welt des popul\u00e4ren Marketings und der Welt der popul\u00e4ren Unterhaltungsmedien vorgefertigte narrative Formeln und Textst\u00fccke, gibt sie dupliziert als literarisches Werk aus oder stellt sie z. B. satirisch gezeichnet oder neu gerahmt auff\u00e4llig heraus.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur Pop-Art und den anderen gerade genannten Richtungen und K\u00fcnstlern kann die Popliteratur allerdings mit wenigen Ausnahmen keine breitere Wahrnehmung und Anerkennung erreichen. Zudem sind ihre Zitate, \u00dcbernahmen und Anspielungen zu kleinteilig, um zur Legitimierung hergebrachter Genres beizutragen. Ihre Montagen und Fragmente eignen sich daf\u00fcr ganz bewusst nicht. Die gr\u00f6\u00dferen narrativen Muster und Zusammenh\u00e4nge der Bestsellerliteratur und der Taschenbuchreihen sollen zersetzt, nicht spielerisch benutzt werden. Darum kann es kaum zu einer Grenzaufhebung kommen, durch die das Gebiet der Unterhaltungsliteratur signifikante Anerkennung erfahren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Zweites Merkmal: Die Wertsch\u00e4tzung von K\u00fcnstlern und Genres, die von vielen der Massen- und modernen Popul\u00e4rkultur zugerechnet werden \u2013 eine Wertsch\u00e4tzung, die mit intellektuellen Begr\u00fcndungen, in \u00f6ffentlich-rechtlichen St\u00e4tten und\/oder in wissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen vorgenommen wird. Hier f\u00e4llt die Bilanz leicht und nicht zum Vorteil der traditionell als fragw\u00fcrdig eingestuften Erz\u00e4hlwerke und -genres aus. Trotz der auch im \u201aVielfresser\u2018-Segment zu verzeichnenden Aufmerksamkeit f\u00fcr Krimis und Science-Fiction-Romane kann von einer kontinuierlichen, weitreichenden Rezeption im Feuilleton und in den Wissenschaften keine Rede sein, was die Kanon-F\u00e4higkeit von Titeln besagter Genres (ganz zu schweigen von am\u00fcsanteren Genres wie etwa \u201aChick-Lit\u2018) stark in Frage stellt.<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten ist diese Zur\u00fcckhaltung ausgerechnet dort festzustellen, wo man sich grunds\u00e4tzlich in den letzten Jahrzehnten am offensten gezeigt hat: in den Wissenschaften. Sehr vielen objektivierenden Untersuchungen, die das literarische Werturteil und die Kanonbildung als historisch-soziologisch zu beschreibende Prozesse auffassen und sogar das Triviale nicht selbst mehr verdammen (vgl. hierzu Nusser 1991; Winko\/Heydebrand 1996),<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> stehen kaum eingehende philologische Untersuchungen von Heftromanen, Sci-Fi-Reihen, Taschenbuchbestsellern etc. zur Seite.<\/p>\n<p>Den Literaturlisten j\u00fcngerer Wissenschaftler kann man unschwer ablesen, dass sie (als erste Wissenschaftlergeneration) in der Besch\u00e4ftigung mit TV-Serien, Popmusik, Hollywoodfilmen, Computerspielen kein Karrierehindernis mehr entdecken \u2013 f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit literarischen Werken, die traditionellerweise als blo\u00df unterhaltend, trivial, niedrig eingestuft wurden, gilt das aber nicht. Hier bel\u00e4sst man es \u2013 genau wie ich in diesem Beitrag \u2013 bei allgemeinen \u00dcberlegungen und bringt nur h\u00f6chst selten Einzelanalysen zu Papier.<\/p>\n<p>An der Medienkonkurrenz kann dies nicht liegen. Grunds\u00e4tzlich ist nat\u00fcrlich anzuerkennen, dass durch die neuen Medientechnologien, vom Kino bis zum Internet, dem alten Medium Buch Rezipientenzeit beinahe zwangsl\u00e4ufig entzogen werden musste. Bei gr\u00f6\u00dferen wie vielen spezielleren Publika des Avant-Pop macht sich die Medienkonkurrenz zu Lasten des gedruckten Wortes deutlich bemerkbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wissenschaften und das Feuilleton trifft dieses Argument aber kaum zu, schlie\u00dflich gibt es immer noch in Deutschland zahlreiche Philologen und Buchrezensenten, die von Berufs wegen verpflichtet sind, literarische Werke zu lesen. Weshalb sie den Schritt zur professionellen Lekt\u00fcre von Bestsellern, Genretiteln etc. scheuen, die zugleich ein Schritt zur Archivierung und Tradierung w\u00e4re, bleibt deshalb unklar. Es mag etwas damit zu tun haben, dass heutzutage niemand mehr unter Wissenschaftlern und Intellektuellen, wie noch Herder, ein Volk, eine Nation bilden m\u00f6chte oder Vertrauen in einfache Sinnlichkeit hegt.<\/p>\n<p>Das heutzutage anzutreffende gr\u00f6\u00dfere Verst\u00e4ndnis und die \u00e4sthetische Nobilitierung des \u201aSchreiens\u2018 und \u201aVerst\u00fcmmelns\u2018 gegen\u00fcber dem Dichten schafft auf dem Feld der Literatur ebenfalls keine Abhilfe. Es kommt einigen Punk-Texten und manchen neodadaistischen Projekten zugute, nicht aber der gef\u00e4lligen Literatur, die in reicher Zahl aufgelegt und teilweise auch zahlreich gelesen wird.<\/p>\n<p>Am Ende muss deshalb die Diagnose stehen, dass im Bereich der Literatur die Grenze zwischen hoher und niederer Kultur de facto intakt ist, obwohl sie kaum noch jemand programmatisch befestigen m\u00f6chte. Man kann die Festigkeit der Grenze am deutlichsten an dem Unterschied zwischen den B\u00fcchern, die feuilletonistisch und wissenschaftlich eingehend besprochen, und jenen literarischen Werken, die allenfalls summarisch zur Kenntnis genommen und analysiert werden, erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Johann Wolfgang Goethe: <em>Dichtung und Wahrheit<\/em>. In: Ders.: <em>Goethes Werke. Bd. IX<\/em>. Hamburg 1955 (= Hamburger Ausgabe), S. 408f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Johann Gottfried Herder: <em>Volkslieder. Nebst untermischten andern St\u00fccken. Zweiter Teil (1779)<\/em>. In: Ders.: <em>Werke. Bd. 3<\/em>. Hrsg. von Ulrich Gaier. Frankfurt am Main 1990, S. 229-430, hier S. 230.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Johann Gottfried Herder: <em>Alte Volkslieder<\/em> [1773\/74]. In: Ders.: <em>Werke. Bd. 3<\/em>. Hrsg. von Ulrich Gaier. Frankfurt\/M. 1990, S. 9-68, hier S. 24.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Herder (Anmerkung 2), S. 230.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Herder (Anm. 3), S. 60.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Herder (Anm. 2), S. 239.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Johann Gottfried Herder: <em>Haben wir noch jetzt das Publikum und Vaterland der Alten? [1765]. <\/em>In: Ders.: <em>Werke<\/em>. <em>Bd. 1<\/em>. Hrsg. von Ulrich Gaier. Frankfurt\/M. 1985, S. 40-55, hier S. 45.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Johann Gottfried Herder<em>: Von \u00c4hnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem, das daraus folget [1777]<\/em>. In: Ders.: <em>Werke. Bd. 2<\/em>. Hrsg. von Gunter E. Grimm. Frankfurt\/M. 1993, S. 550-562, hier S. 557.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Leslie Fiedler: <em>Cross the Border, Close the Gap<\/em>. In: <em>Playboy<\/em>. Dezember 1969, S. 151, 230, 252-258.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Leslie Fiedler: <em>Das Zeitalter der neuen Literatur. Die Wiedergeburt der Kritik<\/em>. In: <em>Christ und Welt.<\/em> 13.09.1968, S. 9-10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Leslie Fiedler: <em>The Middle against Both Ends<\/em> [in: <em>Encounter<\/em>, 1955]. In: <em>Mass Culture. The Popular Arts in America<\/em>. Hrsg. von Bernard Rosenberg\/David M. White. Glencoe 1957, S. 537-547, hier S. 539ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Leslie Fiedler: <em>Das Zeitalter der neuen Literatur. Indianer, Science Fiction und Pornographie: die Zukunft des Romans hat schon begonnen<\/em>. In: <em>Christ und Welt<\/em>. 20.09.1968, S. 14-16, hier S. 15f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Richard A. Peterson\/ Roger M. Kern: <em>Changing Highbrow Taste. From Snob to Omnivore<\/em>. In: <em>American Sociologi<\/em><em>cal Review<\/em> 61 (1996), S. 900-907.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Richard Florida: <em>The Rise of the Creative Class. And How It\u2019s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life<\/em>. New York 2002, S. 191, 182, 187, 184.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> John Seabrook: <em>Nobrow. The Culture of Marketing. The Marketing of Culture<\/em> [2000]. London 2001, S. 28f., 66, 71, 169.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Hans Neuhoff: <em>Wandlungsprozesse elit\u00e4rer und popul\u00e4rer Geschmackskultur? Die \u201aAllesfresser-Hypothes\u2018\u2039 im L\u00e4ndervergleich USA\/Deutschland<\/em>. In: <em>K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/em> 53 (2001), S. 751-772.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Matthias Beilein\/ Claudia Stockinger\/ Simone Winko (Hrsg.): <em>Kanon, Wertung und Vermittlung. Literatur in der Wissensgesellschaft. <\/em>Berlin und Boston 2012<em>.<\/em> &#8211; Renate von Heydebrand (Hrsg.): <em>Kanon Macht Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte \u00e4sthetischer Kanonbildungen.<\/em> Stuttgart und Weimar 1998. &#8211; Hermann Korte: <em>Historische Kanonforschung und Verfahren der Textauswahl<\/em>. In: Klaus Michael Bogdal\/Hermann Korte (Hrsg.): <em>Grundz\u00fcge der Literaturdidaktik<\/em> [2002]. 4. Aufl. M\u00fcnchen 2006, S. 61-77.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Renate von Heydebrand\/ Simone Winko: <em>Einf\u00fchrung in die Wertung von Literatur. Systematik, Geschichte, Legitimation.<\/em> Paderborn 1996. &#8211; Peter Nusser: <em>Trivialliteratur<\/em>. Stuttgart 1991.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags Frank &amp; Timme.<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zum Sammelband \u201eHohe und niedere Literatur\u201c, in dem der Aufsatz zuerst erschienen ist, <a title=\"verlagshinweis\" href=\"http:\/\/www.frank-timme.de\/verlag\/verlagsprogramm\/buch\/suchbegriff\/harrer\/verlagsprogramm\/bd-46-annie-bourguignonkonrad-harrerfranz-hintereder-emde-hg-hohe-und-niedere-literatur\/backPID\/suche.html?sword=harrer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren wollen, benutzen Sie bitte die Buchfassung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>High und Low revisited<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[107568,278,1192,1846,1859],"class_list":["post-5188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-allesfresser","tag-avant-pop","tag-kanon","tag-popliteratur","tag-populare-kultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5188"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5188\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}