{"id":5349,"date":"2016-01-15T13:26:55","date_gmt":"2016-01-15T11:26:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5349"},"modified":"2016-01-15T13:26:55","modified_gmt":"2016-01-15T11:26:55","slug":"postpragmaticjoyzu-leif-randts-planet-magnonvon-heinz-druegh15-1-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/01\/15\/postpragmaticjoyzu-leif-randts-planet-magnonvon-heinz-druegh15-1-2016\/","title":{"rendered":"PostpragmaticjoyZu Leif Randts \u00bbPlanet Magnon\u00abvon Heinz Dr\u00fcgh15.1.2016"},"content":{"rendered":"<p>Roman der ActualSanity<!--more--><\/p>\n<p>Ich bin kein Science Fiction-Experte. Irgendwie bin ich zudem so wenig postpragmatic, dass ich hoffe, Ihnen nicht das Spektakel eines Mitchs zuzumuten. Was das sein soll \u2013 postpragmatic, mitch \u2013 wissen nur diejenigen, die Leif Randts Roman <em>Planet Magnon<\/em> schon gelesen haben. Den anderen erkl\u00e4re ich es sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Ich bin, wie ich sagte, kein Science Fiction-Experte. Und so denke ich, wenn es um dieses Genre geht, gar nicht mal sofort an ein Buch, sondern an einen Song von einem Album, das ich als Teenager sehr mochte und bis heute mag. Die Rede ist von <em>Planet Claire<\/em>, dem Opener des ersten Albums der B52s aus dem Jahr 1979. Dieser Song bietet sowohl musikalisch als auch textuell einiges von dem, was Science Fiction als popkulturelles Ph\u00e4nomen auch f\u00fcr den nicht eingefleischten Fan attraktiv macht:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">She came from Planet Claire<br \/>\nI knew she came from there<br \/>\nShe drove a Plymouth Satellite<br \/>\nFaster than the speed of light<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Planet Claire has pink air<br \/>\nAll the trees are red<br \/>\nNo one ever dies there<br \/>\nNo one has a head<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Some say she\u2019s from Mars<br \/>\nOr one of the seven stars<br \/>\nThat shine after 3:30 in the morning<br \/>\nWELL SHE ISN\u2019T<\/p>\n<p>Schaut man sich den Text n\u00e4her an \u2013 echter Literaturwissenschaftlersatz, gilt aber nicht nur f\u00fcr Rilke, sondern auch f\u00fcr die B52s \u2013, dann finden sich g\u00e4ngige Ingredienzien des Spacepop: der begeisterte Bezug auf eine in retrofuturistischer Weise technisiert daherkommende Moderne in Gestalt des ab 1965 gebauten <em>Plymouth Satellite<\/em>, mit dem die Besungene, eine \u201aflotte Biene\u2018, h\u00e4tte man wohl fr\u00fcher gesagt, gleichsam schneller als das Licht unterwegs ist. Dann jene Beschreibung des Planet Claire, von dem die Dame herzukommen scheint: \u201ePlanet Claire has pink air, all the trees are red\u201c. Das klingt sehr nach Discos mit Nebelmaschinen und wahlweise bunten Lichtern oder bunten Pillen. \u201eNo one ever dies there, no one has a head\u201c.<\/p>\n<p>Das ist jener rauschhafte, drogenselige Timothy Leary-Pop, dem \u2013 <em>\u201e<\/em><em>Turn on, Tune in, Drop out!\u201c \u2013<\/em> alle Lust Ewigkeit sein kann, vorausgesetzt, man knallt sich weg. Aber nat\u00fcrlich ist die Besungene weder vom Kriegsplaneten Mars, wie manche sagen, noch von einem jener sieben Sterne, die nach 3 Uhr 30 am Morgenhimmel leuchten. \u201eWell she isn\u2019t\u201c, schreit Fred Schneider, der S\u00e4nger der B52s heraus. Wenn er etwas damit aussagen will, dann vielleicht, dass sie eben doch vom Mars ist, jene besungene Sie, oder dass sie (shines after 3:30 in the morning) eine von denjenigen ist, die bei jeder n\u00e4chtlichen Schlussverlosung dabei ist. In jedem Fall aber geht es hier um eine ganz irdische \u00fcberirdische Liebschaft.<\/p>\n<p>Leif Randt hat, mag die Verlagsmitteilung zu <em>Planet Magnon<\/em> auch auf die Popmythen hinweisen, die darin verhandelt werden, auf jeden Fall anderes mit uns vor als die B52s. Von der Pink Air des Planet Claire bleibt im Planetensystem, in dem der Roman spielt, nur ein \u201eMond Pink\u201c (106) \u2013 der zwar auch eine Pop-Anspielung ist, aber nicht auf Spacepop irgendeiner Art, sondern auf Nick Drakes traurigen Folksong <em>Pink Moon<\/em> von 1971, der im Jahr 2000 auch nicht als Werbung f\u00fcr einen Wagen der Kategorie <em>Plymouth Satellite<\/em>, sondern f\u00fcr den VW Golf-Cabrio recycelt wurde (was schert es die Wolfsburger schon, dass ein Pink Moon eigentlich ein Vorzeichen apokalyptischen Ungl\u00fccks ist).<\/p>\n<p>Statt einen Planet Claire gibt es bei Leif Randt \u2013 SaniFair, h\u00e4tte ich mich jetzt beinahe zu einem kalauernden Reim hinrei\u00dfen lassen. Nat\u00fcrlich ist es nicht SaniFair, jenes, so die Selbstbeschreibung, \u201eerfrischend andere WC\u201c, das uns nach der Privatisierung der Autobahntoiletten f\u00fcr unsere Pinkelpausen erwartet, sondern, irgendwie \u00e4hnlich anmutend, ein Computersystem namens \u201eActualSanity\u201c lautet der Name jenes Computersystems, das die Geschicke in der Romanwelt steuert. Ihren Sitz hat diese depersonalisierte, postdemokratische Agentur (Zitat) \u201e\u00fcber uns in den Sternen, auf einem station\u00e4ren Shuttle\u201c. Dort passt sie, so lesen wir, \u201eihre Gesetzestexte auf Grundlage statistischer Auswertungen immer pr\u00e4ziser und unmittelbarer an die sich stets erneuernden Verh\u00e4ltnisse an\u201c (27). Kurz: ein Algorithmus, der sowohl physische Fakten wie Krankheitsf\u00e4lle und Verkaufszahlen ber\u00fccksichtigt als auch psychologische Parameter wie \u00c4ngste, W\u00fcnsche oder Zufriedenheit (275), hat in der Romanwelt die reale Politik mit ihren \u201eunz\u00e4hlige[n] Wahlen\u201c (27), ergebnislosen Debatten und ihrer latenten oder manifesten Agonalit\u00e4t und \u201e<em>Aggressivit\u00e4t<\/em>\u201c (277) ersetzt.<\/p>\n<p>Nun herrscht ActualSanity, die, wie der Erz\u00e4hler meint, \u201emagischste Errungenschaft unserer Zivilisation\u201c (28). Neben der M\u00f6glichkeit direkter, politischer Partizipation ist, wie man nebenbei erf\u00e4hrt, auch das offene Internet abgeschafft worden. Aber wenn die Partei doch, h\u00e4tte man fr\u00fcher gesagt, sowieso immer recht hat? Bzw. in <em>Planet Magnon<\/em> ausschlie\u00dflich das tut, was die Menschen nun einmal w\u00fcnschen? ActualSanity kann, so liest man, gar \u201ekeine eigenm\u00e4chtigen Entscheidungen treffen [&#8230;], sie ist abh\u00e4ngig von unsren Handlungen, Diskursen und W\u00fcnschen\u201c (52). Also ist postdemokratisch vielleicht gar nicht der richtige Begriff, sondern ultra-basisdemokratisch? Jedenfalls sorgt ActualSanity f\u00fcr Wohltaten wie \u201eperfekten Asphalt\u201c (168) und kostenlose Taxis (194). Minister Dobrindt, check it out, so macht man das. Eine Ausl\u00e4ndermaut gibt\u2019s bei den Planeten der Alphavereinigung selbstverst\u00e4ndlich nicht. Da keine Staatengebilde mehr existieren, gibt es nicht mal mehr Ausl\u00e4nder. \u201eImagine there\u2019s no countries, it isn\u2019t hard to do\u201c.<\/p>\n<p>Es herrscht eine Art friedlicherinterplanetarischer Koexistenz. Aus den pers\u00f6nlichen Umgangsformen sind Momente von Gewalt und Aggression weitgehend getilgt. Die Gesellschaftsform ist postindustriell, von Menschen, die mit ihrer Arbeit etwas produzieren, erf\u00e4hrt man nichts. \u00dcber die \u201ealte Zeit\u201c vor ActualSanity, die knapp 50 Jahre zur\u00fcckliegt, berichtet der Erz\u00e4hler Marten Eliot, der in seinen Zwanzigern sein d\u00fcrfte, voller Erstaunen, dass \u201eBesitzt\u00fcmer\u201c dort noch \u201eIndividuen zugeordnet\u201c gewesen seien: \u201eImgagine no possessions\u201c, aber nicht mehr \u201eI wonder if you can\u201c, sondern im Gegenteil, wie anders soll es sein (Zitat): \u201eDer Besitz einer Einzelperson ging weit \u00fcber eine Sammlung von Schuhen oder Accessoires hinaus. Selbst banale Gebrauchsgegenst\u00e4nde wurden nicht\u201c, so der Erz\u00e4hler mit durch Kursivierung angezeigten Nachdruck, \u201e<em>geliehen<\/em> und <em>genutzt<\/em>, sie wurden <em>erworben<\/em> und <em>aufbewahrt<\/em>\u201c (93).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Vergemeinschaftung stehen sogenannte Kollektive zur Verf\u00fcgung, in denen man ab dem Kindes- oder Jugendlichenalter eine \u201ekollektive Erziehung\u201c genie\u00dft. Die Konstellation der klassischen Familie, in der man \u201ebei Elternduos\u201c aufw\u00e4chst und dadurch von \u201enur zwei Charakteren [&#8230;] dominant gepr\u00e4gt\u201c wird, gilt als antiquiert und wenig erfolgversprechend.<\/p>\n<p>Es geht also in Leif Randts Weltraumvision um eine Art Mixtur aus Hippietr\u00e4umen und dem in mancher Hinsicht zugespitzten Hier und Jetzt einer Selbstoptimierungskultur. Mit Dreizehneinhalb fragt Marten Eliot seine Tante, bei der er lebt, seit er drei Jahre alt ist, und die er einen Tag sp\u00e4ter zugunsten des Kollektivs der Dolfins verlassen wird, er fragt sie eine \u2013 wie er sagt \u2013 \u201eletzte Kinderfrage\u201c: Ob denn nun wirklich (Zitat) \u201ealles so gut war wie nie zuvor: Meine Tante musste nicht lange \u00fcberlegen, sie sagte: \u201aNun ist wohl die beste Zeit. F\u00fcr die meisten von uns\u2019. Mit den meisten hat sie nicht sich selbst gemeint, das war offensichtlich, und vielleicht h\u00e4tte sie sich von mir einige Nachfragen gew\u00fcnscht. Diese Nachfragen wollte ich aber nicht stellen. Tante Sam hat nie gelernt, sich f\u00fcr die Angebote unserer Planetengemeinschaft zu \u00f6ffnen (47).\u201c<\/p>\n<p>Diese Passage ist nicht untypisch f\u00fcr die gedankliche Bewegung des Romans. Es wird uns ein System geschildert, das, obwohl es, wie gesagt, vorgeblich radikal basisdemokratisch ist, seltsam totalit\u00e4r wirkt, \u00fcber dessen h\u00f6lzerne Selbstdarstellung man w\u00e4hrend des Lesens hier und da lachen muss, dem gegen\u00fcber einen aber auch immer wieder mulmige Gef\u00fchle beschleichen. Der Erz\u00e4hler jedoch, obwohl er mit seiner Kinderfrage eine gewisse Skepsis zum Ausdruck bringt, dreht sich dann doch immer wieder hin zu einer Systemaffirmation, die sich in seltsam phrasenhaften Bemerkungen Bahn bricht wie eben: \u201eTante Sam hat nie gelernt, sich f\u00fcr die Angebote unserer Planetengemeinschaft zu \u00f6ffnen.\u201c Wir haben es mit einem Jungfunktion\u00e4r zu tun, einem in der Terminologie des Romans \u201eSpitzenfellow\u201c. Spitzenfellows sind \u201epopul\u00e4re Vermittler und Boschafter, die von Planet zu Planet reisen, um die Dolfins der Gegenwart zu repr\u00e4sentieren\u201c. (50)<\/p>\n<p>Denn \u2013 \u00e4hnlich im \u00fcbrigen, ich ahne, warum ich hier bin, \u00e4hnlich wie an den Hochschulen der Gegenwart \u2013 konkurrieren die Kollektive um junge \u201eTalente\u201c, wie es hei\u00dft. \u201eSei klug, studier in Halle\u201c erstaunte mich auf einer Litfasss\u00e4ule in meinem schnarchigen Frankfurter Wohngebiet vor einiger Zeit ein Slogan auf einem Werbeplakat, auf dem zwei junge aufger\u00e4umte Menschen zu sehen waren, offenbar ganz aus dem H\u00e4uschen von der Spitzenidee, in der Saalestadt zu studieren.<\/p>\n<p>Auch in der ActualSanity-Welt geht es um Aufmerksamkeits\u00f6konomie. Zu Beginn des Romans erleben wir eine Fotosession, bei der Marten gemeinsam mit seiner Kollegin Emma Glendale f\u00fcr eine Dolfin-Werbekampagne auf dem R\u00fccken zweier mit Beruhigungsmitteln sedierte Raptoren fotografiert wird. Raptoren sind Raubsaurier, auch so etwas gibt es in diesem Roman. Marten freilich gewahrt bei n\u00e4herem Betrachten des resultierenden Fotos mit \u201eeiner Art Ergriffenheit\u201c eine gewisse \u201eVerletzlichkeit\u201c (55). Er bleibt bei allem Glamour und bei aller Systemaffirmation ein Sensibler.<\/p>\n<p>Mit Kampagnen wie dieser konkurrieren die Kollektive um Aufmerksamkeit und ganz konkret um Mitgliederzahlen, wovon die von ActualSanity gew\u00e4hrten \u201eFinanzmittel\u201c abh\u00e4ngen. \u201eAlleinstellungsmerkmal\u201c, auch ein solches Wort aus dem Neusprech der Managementkultur findet sich im Roman, ferner ist von \u201eKernkompetenzen\u201c (221) die Rede, auch von \u201einterkollektive[r] Kommunikation\u201c (222). Sogar ein Satz mit der staksigen amtsdeutschen Konstruktion, \u201edergestalt &#8230;, dass\u201c, ist zu verzeichnen, i.\u00fc. eine der literarischen Geheimwaffen des Juristen Heinrich von Kleist. Das \u201aAlleinstellungsmerkmal\u2018 der Dolfins ist jedenfalls ihre (Zitat) \u201e\u00e4sthetisch-kommunikative Bedeutung [&#8230;] f\u00fcr die Planetengemeinschaft\u201c (35).<\/p>\n<p>Was soll das nun wieder bedeuten? Im Glossar des Romans \u2013 Science-Fiction Romane brauchen so etwas, wenn sie die genregem\u00e4\u00df fremde Welt nicht alle Naslang ausf\u00fchrlich erkl\u00e4ren wollen \u2013 im Glossar wird vermerkt, dass Dolfin-Konzepte (Zitat) \u201eoftmals als begrifflich diffus kritisiert werden\u201c. Da ist was dran, wenn man weiter schaut, dass die \u00e4sthetisch-kommunikative Bedeutung der Dolfins in einem Konzept besteht, das der Roman <em>post pragmatic joy<\/em> nennt. Deren Ziel ist ein \u2013 so der Einfachheit gleich noch einmal mit dem Glossar \u2013\u201eSchwebezustand\u201c, \u201ein dem Rauscherfahrung und N\u00fcchternheit, Selbst- und Fremdbeobachtung, Pflichterf\u00fcllung und Zerstreuung ihre scheinbare Widerspr\u00fcchlichkeit \u00fcberwinden. Damit setzen die Dolfins ihre PPJ von einer Pragmaticjoy ab, unter der sie diverse Hobby- und Freizeittechniken anderer Kollektive subsumieren\u201c (291f.).<\/p>\n<p>\u00c4sthetik hei\u00dft in diesem Fall wohl so etwas wie Lifestyle. Aber Leif Randt ist nat\u00fcrlich kein Satiriker, kein \u2013 bewahre \u2013 Kleink\u00fcnstler, der auf schl\u00fcsselreizhaft feixende \u00dcbereinstimmung lauert, wenn bestimmte Begriffe fallen. Man kann deshalb ruhig einmal statt von Lifestyle von Lebenskunst sprechen oder von Selbstsorge. Randt f\u00fchrt uns einen zwar immer wieder in seinem Selbstverst\u00e4ndnis angekratzten und zweifelnden Erz\u00e4hler vor, aber \u2013 und das halte ich f\u00fcr einen gro\u00dfen Vorzug seiner Prosa \u2013 er entlarvt ihn nicht, er tut nicht so, als w\u00fcrden wir in unseren Existenzen so gnadenlos anders leben als seine Romanhelden. \u201eSei klug, studier in Halle.\u201c Es gibt einen Satz des franz\u00f6sischen Soziologen Bruno Latour, der lautet: \u201eDer Kritiker ist nicht derjenige, der entlarvt, sondern der, der versammelt.\u201c In diesem Sinn, aber nur in diesem, nicht in einem, der darunter das Abspulen g\u00e4ngiger kulturkritischer Floskeln versteht, ist Leif Randt ein kritischer Autor. Ein Autor, der Welten erst einmal vorf\u00fchrt, sie \u00fcberhaupt wahrnehmbar, in leichter, manchmal komischer, manchmal trauriger Verfremdung nachvollziehbar macht.<\/p>\n<p>Die Lebenswelt, die pers\u00f6nlichen Einstellungen und Pr\u00e4ferenzen der jungen Fellows in Planet Magnon werden folglich, darin \u00e4hnelt der Zugriff dem Vorg\u00e4nger <em>Schimmernder Dunst \u00fcber Coby County<\/em>, nicht einfach als aberwitzig weggewischt, sondern als eine Welt kenntlich gemacht, die in ihrer Grundstruktur insbesondere von j\u00fcngeren, urbanen Menschen in westlichen Gesellschaften geteilt wird. Was aber sind nun die zentralen Techniken der <em>postpragmatic joy<\/em>?<\/p>\n<p>Eine wichtige Rolle spielen, wie in so manchem Science Fiction-Text, Drogen, etwa das titelgebende Magnon. Bei dieser \u201ekupferfarbenen Fl\u00fcssigkeit\u201c \u2013 siehe auch die sch\u00f6ne Covergestaltung (die sogar die Gestaltung der Hardcover-Ausgabe von <em>Schimmernder Dunst \u00fcber Coby County<\/em> aufnimmt und fortf\u00fchrt) \u2013 handelt es sich aber nicht um den Katalysator einer seherischen oder mystischen Bewusstseinserweiterung wie z.B. im Fall des Spice Melange aus Frank Herberts Sci-Fi-Klassiker <em>Dune<\/em>. Es geht auch um keinen (Zitat) \u201eenergetischen noch um einen amour\u00f6sen Ausnahmezustand\u201c (82) wie etwa bei Timothy Leary, sondern um eine \u201eBefreiung des Blicks\u201c (82), die eine \u2013 nochmal Zitat \u2013 \u201eMischung aus enormer Objektivit\u00e4t und gro\u00dfer Emotion\u201c (64) erzeugt. Ich gebe ein Beispiel: \u201eIch sah\u201c, bemerkt Marten \u00fcber seine Kollegin Emma, \u201eIch sah nur noch, dass Emma einen grauen Overall trug, der mutma\u00dflich zu 75% aus Baumwolle bestand und den man, je nach Situation, als sch\u00f6n oder angemessen, aber auch als problematisch einstufen konnte. All das war legitim und nachvollziehbar\u201c (63f). Na ja, das mit der gro\u00dfen Emotion k\u00f6nnte eine Autosuggestion sein.<\/p>\n<p>Nun scheint mir diese indifferent wirkende Haltung aber auch nicht in Analogie zu jenem Einsatz des Soma in Aldous Huxleys Dystopie <em>Brave New World<\/em> gestaltet zu sein, wo die Droge neben ausschweifendem Sex und Konsum den Mitgliedern der Gesellschaft in kalkulierter Weise das Bed\u00fcrfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung nehmen soll. Ich habe einmal, erlauben sie das Selbstzitat, \u00fcber Coby County geschrieben, dies sei wie <em>Faserland<\/em> auf Soma. Dass das wahrscheinlich zu platt ist, zeigt Leif Randts neuer Roman. Denn die abwartende, nicht zur Entscheidung dr\u00e4ngende, erst einmal zulassende Art der Wahrnehmung gilt nicht nur f\u00fcr den Erz\u00e4hler als homodiegetische Figur, d.h. als Teil der erz\u00e4hlten Welt, sondern auch, wie ich behaupten w\u00fcrde, f\u00fcr den Ton und die Darstellung des Romans selbst.<\/p>\n<p>Die Drogenseligkeit wird in <em>Planet Magnon<\/em> freilich dennoch gebrochen dargestellt. Nicht vom Konsum der Droge ist die Rede. Vielmehr redet man euphemistisch von Drogen-\u201eExperimenten\u201c. Dazu kommen Au\u00dfenperspektiven wie die eines Taxifahrers, der zu Marten Eliots Verdruss davon spricht, dass die Dolfins im allgemeinen und Marten im besonderen so eine \u201eMagnonm\u00fcdigkeit um [die] Augen\u201c (191) h\u00e4tten, oder die Bemerkung eines Bewohners des Urlaubsparadieses Cromit, in dem in Rastafari-Manier Ganja angebaut und genossen wird, hinsichtlich der Frage, wie denn der Besucher Marten das Kraut vertragen wird: (Zitat) \u201eDer Mann ist Dolfin. Der hat manches durch\u201c (171).<\/p>\n<p>Zentral ist, was in <em>Planet Magnon<\/em> in puncto K\u00f6rpererfahrung, Liebe und Sex abl\u00e4uft. Letzteren gibt es zwar, aber nur als nicht n\u00e4her beschriebene Verrichtung und so gut wie nie in Kopplung mit Liebesgef\u00fchlen. Es herrscht eine Entsagung fast wie im realistischen Roman des 19. Jahrhunderts. Ist dort, man lese daraufhin nochmal Stifters <em>Nachsommer<\/em>, ob der ganzen Verdr\u00e4ngung im Grunde aber alles subkutan durchsext, so ist in <em>Planet Magnon<\/em> trotz allgemeiner Distanziertheit \u2013 fl\u00fcchtige Ber\u00fchrungen am Oberarm sind quasi das \u00e4u\u00dferste an sich k\u00f6rperlich manifestierender Empathie \u2013, eine wahre K\u00f6rper- und \u00c4u\u00dferlichkeitsobsession festzustellen.<\/p>\n<p>St\u00e4ndig gewahrt der selbst eher weiche Held bei allen anderen M\u00e4nnern und Frauen (auch bei den Raptoren) harte Muskeln und sehnige K\u00f6rper, die man ja eigentlich, weil zuwenig postpragmatisch, nicht haben darf. Er selbst wird von Emma sogar bezichtigt, den Bauch einzuziehen. Die toughe Emma Glendale, schon beim Lesen des Romans hatte ich nicht nur wegen des Vornamens Emma Watson vor Augen und freute mich daher, als ich, vor ein paar Tagen in der Bibliothek, die Hausaufgaben f\u00fcr diesen Text hier machend, in Leif Randts Et\u00fcde \u00fcber Post Pragmatic Joy in der Zeitschrift <em>Bella Triste<\/em> den Satz lesen durfte: \u201eIch habe mir ein Emma Watson-Poster an die Wand geh\u00e4ngt.\u201c Emma ist Marten Elliots Nemesis, auch wenn das nat\u00fcrlich in postpragmatischer Manier bestritten wird. Nun ja, er wollte schon, so r\u00e4umt der Erz\u00e4hler ein, (Zitat) \u201evon Anfang an wissen, was sie wohl \u00fcber mich dachte. Und ich konnte nie abschlie\u00dfend einsch\u00e4tzen, ob sie sich physisch zu mir hingezogen f\u00fchlte oder nicht. Emma und ich haben nie miteinander geschlafen. Und mittlerweile ist es ratsam, auch nicht mehr damit anzufangen\u201c (49).<\/p>\n<p>Liebe postpragmatisch geht so (Zitat): \u201eWir sind f\u00fcreinander da, aber nicht aneinander verloren\u201c (40). So wird das Verh\u00e4ltnis in gleichsam geschwisterlicher Weise kultiviert, so wie in Harry Potter, was ich jetzt auch nicht nur wegen Emma Watsons daherphantasiere, sondern auch, weil der Campus der Dolfin-Akademie, an der die beiden als Spitzenfellows fungieren, mit seiner rubinroten Fassade gerade so aussieht wie die einschl\u00e4gige englische Backsteinseligkeit. Der dazugeh\u00f6rige Herbst, in welchem dem Erz\u00e4hler der Campus \u201eam besten\u201c gef\u00e4llt, ist durch eine Baumsorte, die gleich mehrfach ihre Bl\u00e4tter verliert wenn nicht auf Dauer gestellt, so doch deutlich h\u00f6her frequent als in der uns vertrauten Welt.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist eine gewisse Kindlichkeit Programm. Getrunken werden Limonade sowie Colabier, das angesagteste Restaurant serviert \u201efantastische Aufl\u00e4ufe\u201c (192) sowie dem Spitzenfellow Marten \u201eein pomp\u00f6ses Dessert\u201c in einer Schale \u201emehrfarbig gef\u00fcllt, vermutlich mit Sorbet, Sahne und Fr\u00fcchten, und aus der Schale ragen brennende Wunderkerzen\u201c (200). Nach einem Clearing, d.h. einer Entgiftung, genehmigt sich Marten auf Rat des Labordolfins aus dem S\u00fc\u00dfigkeitenautomaten einen \u201eDreierpack mit Drageekugeln\u201c (218). \u201eVon einer Kugel kann man zweimal abbei\u00dfen, und dann bleibt noch ein kleiner Rest \u00fcbrig. Das ist wohl die perfekte Gr\u00f6\u00dfe\u201c (219).<\/p>\n<p>Trotz solcher Segnungen in der Objektwelt nagt die Sache mit Emma an Marten. Es gibt im Roman freilich auch einen Gegenspieler zur Gef\u00fchlsenthaltsamkeit der Dolfins, das Kollektiv Hank, eine Vereinigung von Menschen mit gebrochenen Herzen, die durch ihrerseits kindlich wirkende Attentate mit einer Substanz auf sich aufmerksam macht, bei deren Einsatz minzfarbener Rauch aufsteigt. Wird das Ganze also doch noch zu einer Space Opera, wenn nicht mit pink so doch mit mint air, mit einem Kampf Gut gegen B\u00f6se wie in <em>Dune<\/em> zwischen den H\u00e4usern Atreides und Harkonnen oder in <em>Star Wars<\/em> zwischen Jedi und Sith?<\/p>\n<p>Dann w\u00e4re am Ende das Ganze eine Parabel, in der unsere durchverwaltete, nur scheinbar freie, doch in Wirklichkeit dauer\u00fcberwachte und verklemmte Welt durch Emotion und Liebe erl\u00f6st w\u00fcrde? Marten w\u00e4re ein Winston Smith, welcher, aus dem Zentrum der Macht kommend, diese \u00fcberw\u00e4nde, \u201emakellos zu Ende gedacht\u201c das Ganze, bzw. \u201eroh und kraftvoll\u201c (102) dargestellt von Leif Randts Prosa? Aber ist der Bevormundungston, dessen sich ein Gr\u00fcndungsfellow der gebrochenen Herzen bedient, die Art, wie wir von Liebe reden wollen? (Zitat) \u201eIn jedem Herz ist Platz f\u00fcr zwei gro\u00dfe Lieben. In einigen wenigen ist Platz f\u00fcr drei gro\u00dfe Lieben. Wer sagt, er habe Platz f\u00fcr vier oder mehr, ist kein tiefer Charakter. Ein solcher Charakter eignet sich nicht f\u00fcr das Kollektiv Hank. Der eignet sich nicht f\u00fcr die Erneuerung\u201c (160).<\/p>\n<p>Eins bin ich Ihnen noch schuldig. Was ist ein Mitch? Es ist ebenfalls eine \u201ePostpragmaticjoy des Kollektivs Dolfin\u201c, \u201eeine Praxis der entr\u00fcckten, aber formsch\u00f6nen Aussage\u201c, des zweckfreien Sprechens, die an der Dolfin Akademie ge\u00fcbt wird. Bestimmt kann man das auch in Halle ganz prima studieren. Mitch komm raus, Du bist umzingelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leicht \u00fcberarbeitete Fassung des Vortrags zur Buchpremiere von \u201ePlanet Magnon\u201c\u00a0 in der Galerie ContemporaryFineArts\u200b (Berlin) am 5.3.2015.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman der ActualSanity<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[281,1359,1783],"class_list":["post-5349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-b-52s","tag-leif-randt","tag-planet-magnon"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5349\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}