{"id":5373,"date":"2016-01-25T16:07:44","date_gmt":"2016-01-25T14:07:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5373"},"modified":"2016-01-25T16:07:44","modified_gmt":"2016-01-25T14:07:44","slug":"konsumrezension-januarvon-oliver-kraetschmer25-1-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/01\/25\/konsumrezension-januarvon-oliver-kraetschmer25-1-2016\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Januarvon Oliver Kr\u00e4tschmer25.1.2016"},"content":{"rendered":"<p>Produkte datieren. Retro, Vintage und der Konsum der Zeit<!--more --><\/p>\n<p>Wer Produkte rezensiert, kommt kaum umhin, sie zu datieren. Nicht nur, weil Waren dieselbe Aufmerksamkeit verdienen wie Theaterst\u00fccke, Ausstellungen oder B\u00fccher und deshalb in ihrem historischen Kontext betrachtet werden sollten. Sondern vor allem, weil die Datierung eines Produktes sowohl das Konsumerlebnis als auch die Kaufentscheidung empfindlich beeinflussen kann.<\/p>\n<p>Obwohl sie lediglich die Entstehungszeit der Waren angeben, ist die Werbesprache durchsetzt von Vokabeln wie \u203aJetzt\u2039, \u203aNeu\u2039 oder \u203aFrisch\u2039, die als verhei\u00dfungsvolle Versprechen gedeutet werden. Wer etwas Neues kauft, scheint mehr zu erwerben als nur ein Produkt. Mit ihm bringt man sich nicht nur auf den letzten Stand von Design und Technik, sondern darf sich zugleich auf der H\u00f6he der Zeit w\u00e4hnen. Wom\u00f6glich wirkt man sogar besonders fortschrittlich und geschmackvoll, weil man in die paradoxe Lage geraten ist, seinen Zeitgenossen voraus zu sein. In der Mittagspause oder am Gartenzaun darf man kennerhaft \u00fcber die Vorz\u00fcge gegen\u00fcber dem Alten schw\u00e4rmen oder als Kritiker \u00fcber den Flop schimpfen und die Pleite l\u00e4stern. Wer etwas Neues besitzt, wird fast wie ein Entdecker bewundert, der von seiner Konsumexpedition zur\u00fcckgekehrt sogar um Kaufempfehlungen ersucht wird.<\/p>\n<p>Doch wie frisches Obst und Gem\u00fcse w\u00e4hrt auch der Glanz des Neuen nur f\u00fcr kurze Zeit. Da mittlerweile schon die Yoga-Lehrerin und selbst die Jungs vom Stammtisch eines haben, verliert das Neue allm\u00e4hlich seine tempor\u00e4re Exklusivit\u00e4t. Die Bekannten \u00fcberlegen, ob es nicht \u00e4ffisch w\u00e4re, es sich noch anzuschaffen, wo es doch schon jeder hat. Und die Nachbarn wollen es gar nicht mehr, weil sie lieber auf den Nachfolger warten. Doch w\u00e4hrend das n\u00e4chste gro\u00dfe Ding schon in der Luft liegt, lohnt es, sich die Waren, die mit der Aura des Neuen zumeist auch ihren Wert verlieren, nicht aus dem <a title=\"artikel spiegel\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/einestages\/vintage-mode-a-950102.html\" target=\"_blank\">Auge<\/a> zu verlieren. Denn mit den Jahren werden die allm\u00e4hlich in Vergessenheit geratenden Produkte immer seltener, so dass sie als Vintage oder Antiquit\u00e4ten wieder erstaunliche Preise erzielen k\u00f6nnen. Der Auftritt Julia Roberts anl\u00e4sslich der Oscar-Verleihung 2001, bei der sie ein Kleid aus dem Jahr 1982 trug, l\u00e4sst erahnen, welche Bedeutung der <a title=\"artikel zeit\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/mobilitaet\/2016-01\/oldtimer-markt-klassiker-auktionen\" target=\"_blank\">Vintage-Markt<\/a> in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff Vintage, der auf das lateinische <em>vindemia<\/em> zur\u00fcckgeht und urspr\u00fcnglich die Weinlese bezeichnete, wird seit Mitte des 18. Jahrhunderts der Jahrgang eines Weines angegeben, der bekanntlich seinen Preis mitbestimmt. Aber nicht nur der Wert, auch wie alte Dinge wahrgenommen, beurteilt und behandelt werden, h\u00e4ngt von ihrer Datierung ab. Wer Vintage oder Antiquit\u00e4ten kauft, erwirbt deshalb weit mehr als etwas in die Jahre Gekommenes. Man darf nicht nur eine exquisite Rarit\u00e4t sein Eigen nennen, sondern gelangt auch in den Besitz eines St\u00fccks Geschichte. In dem anachronistischen Zustand, seinen Zeitgenossen gegen\u00fcber unzeitgem\u00e4\u00df zu erscheinen, wird man als besonders anspruchsvoll und bewandert wahrgenommen. Schon der Kauf bietet die Gelegenheit, historische Sachkenntnis zur Schau zu stellen, denn schlie\u00dflich muss man sich von der Echtheit \u00fcberzeugen und den Erhaltungszustand bewerten. Zudem erfordert Altes zumeist konservatorische Ma\u00dfnahmen, so dass die Scheibe aus den 70ern unter Umst\u00e4nden nur auf einem ganz gewissen Plattenspieler mit einer bestimmten Nadel aufgelegt werden darf.<\/p>\n<p>Aber auch Altes kann abrupt seine Aura verlieren, wenn sich das gut erhaltene Einzelst\u00fcck als billiger Nachbau entpuppt. Denn so leicht der Tacho eines Gebrauchtwagens manipuliert werden kann, l\u00e4sst sich auch behaupten, dass dieses besondere Exemplar ganz offensichtlich aus diesem oder jenen Kultjahrzehnt stammen m\u00fcsse. Wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, auf welche Schwierigkeiten etwa Kunsthistoriker sto\u00dfen, wenn sie die Entstehungszeit eines bestimmten Werkes zu bestimmen versuchen, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass es letztlich keine allgemein anwendbare Methodik gibt, um Datierungen zu \u00fcberpr\u00fcfen und falsche Jahresangaben zu widerlegen. Besonders wenn suggeriert wird, man k\u00f6nne einem Objekt sein Alter doch ansehen, wie Vintage-Sammler und Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler gerne kokettieren, sind erhebliche Zweifel angebracht.<\/p>\n<p>Bereits seit geraumer Zeit wird die Aussichtslosigkeit, beim Anblick einer Ware ihre Entstehungszeit zu bestimmen, von einem ganzen Genre an Produkten ausgesch\u00f6pft. Denn was in seiner Farb- und Formgebung oder Materialwahl und Verarbeitung an den Stil vergangener Zeiten erinnert, l\u00e4sst sich auch brandneu produzieren. Wer Retro-Produkte kauft, erwirbt also kein Relikt, sondern ein Replikat. Es l\u00e4sst seinen Besitzer stilsicher und weltgewandt erscheinen, als handle es sich um ein historisches Original, ohne dass man sich jedoch um dessen Erhaltung oder Wert sorgen m\u00fcsste. Denn Retro l\u00e4sst sich auskosten und genie\u00dfen wie etwas Neues, so dass es hervorragend als Requisite taugt. Im Handumdrehen hat man sich den Look Jean Sebergs angeeignet oder seinem Wohnzimmer das mond\u00e4ne Ambiente eines Gentlemen\u2019s Club verliehen.<\/p>\n<p>Da Retro-Produkte zu markt\u00fcblichen Preisen und in entsprechender St\u00fcckzahl zu haben sind, eignen sie sich zudem hervorragend, eklektizistisch durcheinandergemischt zu werden. Sie verleihen nicht nur dem Tr\u00f6del und Plunder vom Flohmarkt und aus dem Secondhand-Shop die n\u00f6tigen Akzente, sondern bieten sogar Vintage eine passende Kulisse. Da l\u00e4ngst nicht nur Accessoires, Kleidung, M\u00f6bel oder Autos produziert werden, die den Eindruck vermitteln, aus der Zeit gefallen zu sein, sondern sogar Apps downloadbar sind, die Handyfotos so wirken lassen, als seien sie mit Opis Kleinformat-Kamera aufgenommen worden, und selbst Lebensmittel auf den Markt kommen, die noch aus der guten alten Zeit stammen k\u00f6nnten, wird deutlich, dass Retro l\u00e4ngst zu einem Lebensgef\u00fchl geworden ist.<\/p>\n<p>Doch so gefragt Retro-Produkte auch sein m\u00f6gen, so umstritten sind sie auch. \u00bbGef\u00e4lschte Geschichte\u00ab, emp\u00f6rt sich Niklas <a title=\"artikel maak\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/nostalgie-und-stil-retrofuturismus-ist-gefaelschte-geschichte-a-359172.html\" target=\"_blank\">Maak<\/a> bereits 2005. \u00bbEin Versuch, der eigenen Gegenwart zu entkommen \u2013 von der man mittlerweile gar nicht mehr wei\u00df, wie sie aussieht.\u00ab Denn die Versuchung, die von Retro ausgehe, sei nicht der Reiz des Neuen, sondern das Verlangen, sich zu erinnern. Selbst wer in die Zukunft blicke, habe nur noch tr\u00fcbe Aussichten, da schlie\u00dflich alles so aussehen werde wie in der Kindheit.<\/p>\n<p>Aber manifestiert sich im Retro-Trend tats\u00e4chlich ein Nicht-von-der-Vergangenheit-lassen-k\u00f6nnen, das in seiner R\u00fcckwertsgewandtheit nostalgisch, gar reaktion\u00e4r w\u00e4re? Denn zu Retro-Produkten greift nicht nur, wer in der Vergangenheit schwelgen will, sondern auch, wer so ausgesucht und erlesen erscheinen m\u00f6chte wie die vermeintliche Upper Class.<\/p>\n<p>Was st\u00e4ndig wiederholt wird, ist jedoch schnell abgedroschen, weshalb die Lust am Zitieren vielen schon suspekt war, als sie zumindest noch den Anschein wahren konnte, wom\u00f6glich postmodern zu sein. Heute, da man die Phantom-Zeit nach der Moderne gerne hinter sich lassen w\u00fcrde, aber das gro\u00dfe Zitieren einfach nicht zum Ende kommen will, wachsen die Sorgen: \u00bbWas wird passieren, wenn der Popindustrie die Vergangenheit ausgeht? Steuern wir auf eine Art kulturell-\u00f6kologische Katastrophe zu, wenn das Archiv restlos gepl\u00fcndert und der Strom der Popgeschichte endg\u00fcltig versiegt ist?\u00ab, fragt sich etwa Simon <a title=\"blurb reynolds ventil verlag\" href=\"http:\/\/www.ventil-verlag.de\/titel\/1412\/retromania\" target=\"_blank\">Reynolds<\/a> unter dem programmatischen Titel \u00bbRetromania\u00ab.<\/p>\n<p>Wenn man durch die 2012 erschienene deutsche \u00dcbersetzung seines Buches bl\u00e4ttert, f\u00e4llt jedoch auf, wie unfreiwillig retro selbst die Bef\u00fcrchtungen vor dem Ende der Geschichte heute erscheinen. Gerne w\u00fcrde man antworten, auch wenn die Geschichte endlich w\u00e4re, lie\u00dfe sie sich endlos zitieren, aber auch dabei w\u00fcrde es sich um die x-te Cover-Version eines postmodernen Philosophems handeln. Es gibt jedenfalls keinen Grund zur Sorge: Die M\u00f6glichkeiten sind vielf\u00e4ltig, man muss sie nur nutzen \u2013 bis die Geschichte irgendwann weitergeht.<\/p>\n<p>Verbreitet ist auch die Angst, dass mit dem Retro-Trend historisch l\u00e4ngst \u00fcberkommene Wertvorstellungen wiederkehren k\u00f6nnten. Denn auch so fragw\u00fcrdige Gestalten wie das Pin-up scheinen heute ein Revival zu erleben. Leider haben die immer zahlreicher werden den <a title=\"website kult magazin\" href=\"http:\/\/www.goodtimes-magazin.de\/kult.php\" target=\"_blank\">Retro-Magazine<\/a> dem wenig entgegenzusetzen, weil sie sich auff\u00e4llig unkritisch geben, als w\u00fcrden sie den Eindruck erzeugen wollen, selbst aus einer Zeit zu stammen, als von Kritischer Theorie noch keine Rede sein konnte.<\/p>\n<p>Doch die dunklen Seiten der Geschichte waren nie ein guter Grund ihr den R\u00fccken zu kehren. Im Gegenteil: M\u00f6gen doch all die problematischen Role Models ruhig wiederkehren, auf dass sie heute einer gr\u00fcndlichen Kritik unterzogen werden. Eine Grundlage k\u00f6nnten hierf\u00fcr Konsumrezensionen bieten, die Produkte nicht nur affirmativ als im Supermarkt Gegebenes, sondern auch historisch-kritisch als Gewordenes betrachten.<\/p>\n<p>Aber werden Historiker nicht auf un\u00fcberwindbare Datierungsprobleme sto\u00dfen, wenn sie einmal auf das fr\u00fche 21. Jahrhundert zur\u00fcckblicken? Werden sie nicht dazu verurteilt sein, Retro mit Vintage zu verwechseln? Nein, denn die Gegenwart d\u00fcrfte Historiker nicht vor gr\u00f6\u00dfere Herausforderungen stellen als andere Epochen wie etwa die Gr\u00fcnderzeit oder die Gilded Age, in denen auch rege zitiert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oliver Kr\u00e4tschmer ist Kunstwissenschaftler und widmet sich insbesondere Problemen der Datierung. Derzeit ist die <a title=\"website badischer kunstverein\" href=\"http:\/\/www.badischer-kunstverein.de\/index.php?Direction=Programm&amp;Detail=596\" target=\"_blank\">Ausstellung<\/a> <em>31,2 laufende Meter zur Geschichte des Badischen Kunstvereins<\/em> zu sehen, die von ihm mitkuratiert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Produkte datieren. 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