{"id":5553,"date":"2016-03-14T22:36:47","date_gmt":"2016-03-14T20:36:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5553"},"modified":"2016-03-14T22:36:47","modified_gmt":"2016-03-14T20:36:47","slug":"pop-archiv-maerzvon-stefanie-plappert14-3-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/03\/14\/pop-archiv-maerzvon-stefanie-plappert14-3-2016\/","title":{"rendered":"Pop-Archiv M\u00e4rzvon Stefanie Plappert14.3.2016"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beitrag zum Thema des <a title=\"website lichter\" href=\"http:\/\/www.lichter-filmfest.de\/de\/programm\/programmuebersicht-2016.html\" target=\"_blank\">Lichter<\/a> Filmfest\u00a0Frankfurt International: Grenzen<!--more --><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><em>Vor\u00fcbergegangen, H\u00e4ngengeblieben: Filmobjekte als popkulturelle Medienrelikte<\/em><\/p>\n<p>Film ist eine Zeitkunst, seine Bilder und Narrationen entfalten sich erst im zeitlichen Verlauf, und das unabh\u00e4ngig von seinem jeweiligen Tr\u00e4ger, egal ob es sich um analoges Filmmaterial oder digitale Datentr\u00e4ger mit angeschlossenem Beamer handelt. Film zeigt sich erst durch Licht im Raum. Filmwahrnehmung ist ephemer, in diesem Sinne vielleicht am ehesten der Musik vergleichbar.<\/p>\n<p>Was nach dem Film bleibt, sind nachwirkende Bilder, die Erinnerungen an eine visuell-akustische Erfahrung, an das Gef\u00fchl des sozialen Raums Kino \u2013 und Objekte, die seiner Produktion entstammen: Zeichnungen, Pl\u00e4ne und Skizzen, technische Ger\u00e4te; Kost\u00fcme und Masken, Dokumentationsfotografien und Plakate. An ihnen lassen sich Drehabl\u00e4ufe, Lichteinrichtung und Entwicklungsstufen ablesen, sie illustrieren Schnittfolgen und Werbestrategien. Aber um selbst popkulturellen Wert zu entwickeln (bzw. zugeschrieben zu erhalten), ben\u00f6tigen sie ein \u201eEigenleben\u201c. Dieses entsteht nicht mehr nur allein \u00fcber das Wissen der Betrachtenden um die Funktion der Requisite im Film (also anders etwa als die Aura), sondern ben\u00f6tigt f\u00fcr seine popkulturelle Aufladung die Kapazit\u00e4t, auch herausgel\u00f6st aus dem filmischen Kontext und transferiert in verschiedensten Bedeutungszusammenh\u00e4ngen zu funktionieren.<\/p>\n<p>Objekte mit Film- und Popbezug zusammenzustellen ist darum eine spannende Aufgabe: Aus den Archiven des Deutschen Filminstituts DIF e.V. in Frankfurt am Main habe ich eine Reihe interessanter und unterschiedlicher Objekte ausgesucht, die ich nach und nach vorstelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><em>Goodbye Lenin: Was bleibt \u2013 Geschichte, Pop und ein Motorradhelm<\/em><\/p>\n<p>Die innerdeutsche Grenze ist offen: Diese Nachricht \u00fcberraschte am 9. November 1989 die Welt. In Wolfgang Beckers Kom\u00f6die \u201eGoodbye Lenin\u201c (DE 2003) \u00fcberrascht dieselbe Nachricht die Familie von Alexander Kerner. Seine lebenspraktische Mutter Christiane, Grundschullehrerin, hatte sich als Eingaben schreibende aber systemtreue Aktivistin f\u00fcr die kleinen Bed\u00fcrfnisse des Volkes bet\u00e4tigt, nachdem sein Vater Ende der 70er Jahre in den Westen geflohen war.<\/p>\n<p>Im Oktober 1989 marschiert die DDR ihrem Ende zu: Parallel zu den Feiern anl\u00e4sslich des 40. Jahrestags ihrer Gr\u00fcndung protestieren bereits die Menschen auf den Stra\u00dfen, spazieren f\u00fcr grenzenloses Spazierengehen. Auf dem Weg zum Fest des Jahrestages erleidet Christiane einen Herzschlag und f\u00e4llt ins Koma. W\u00e4hrend um sie herum innerhalb weniger Wochen die DDR zusammenbricht, liegt sie im Krankenhaus \u2013 und als sie gegen alle Wahrscheinlichkeit acht Monate sp\u00e4ter erwacht, ist das Land ein anderes. Alex baut ihr eine Scheinwelt auf, um seiner Mutter t\u00f6dliche Aufregung zu ersparen. Seine Schwester und er spielen ihr in ihrem Schlafzimmer die unver\u00e4nderte DDR vor. Die kleine Familie steht nun zwischen der neuen und ihrer inszenierten Gegenwart, letztere fast ein Versuch, der Geschichte die Chance auf Korrektur ihrer Fehler zu geben: Nach Alex Drehbuch f\u00fcr seine Mutter geht die DDR in W\u00fcrde zu Ende, drei Tage vor ihrem schlie\u00dflichen Tod.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_Vitrine.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5555\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_Vitrine.jpg\" alt=\"Goodbye Lenin_Vitrine\" width=\"487\" height=\"746\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_Vitrine.jpg 487w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_Vitrine-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 487px) 100vw, 487px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pr\u00e4sentationsvitrine im Deutschen Filmmuseum 2016: zu sehen sind der rote Motorradhelm und Videob\u00e4nder der nachgedrehten \u201eAktuellen Kamera\u201c. &#8211; Foto: Fleming Fe\u00df \/ Deutsches Filminstitut DIF e.V.<\/p>\n<p>Durch die DDR, und durch ihre Nach-Inszenierung, wird Alex von seinem Moped getragen: Im Jahr 1989 22 Jahre alt, besitzt er eine gelbe Schwalbe und einen Coca-Cola-roten Motorradhelm. Dieser stammt aus dem Bestand der Produktionsfirma von \u201eGoodbye Lenin\u201c, der X-Filme Creative Pool GmbH, und befindet sich heute im X-Filme-Archiv des Deutschen Filminstitut DIF e.V. in Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Das Moped und der Helm begleiten Alex in allen kritischen Situationen, fahren ihn zum vergeblichen Einkauf der schnell aus den Regalen verschwundenen Ost-Produkte, lassen ihn den betrunkenen Genossen Klapprath rechtzeitig zur inszenierten Geburtstagsfeier der Mutter bringen und sch\u00fctzen auch noch seinen Freund Dennis, der in fliegender Eile die aktuellsten \u201eNachrichtensendungen\u201c der \u201eAktuellen Kamera\u201c, die er auf Video produziert hat, zu Christiane ins Krankenhaus transportiert.<\/p>\n<p>Der Stil des Helms und auch die Schwalbe sind heute Kult und finden sich in Lifestyle-Magazinen und gro\u00dfst\u00e4dtischen Szenevierteln wieder; In \u201eGoodbye Lenin\u201c wirken sie daher eher wie eine zeitlose Verneigung vor Jugendkultur und -sehnsucht. Das Freiheitsmoment des ersten eigenen Mopeds (sinnbildlich auch in Leander Hau\u00dfmanns Sonnenallee, DE 1999), der tats\u00e4chliche Grenz\u00fcbertritt in den Westen, in die lange so ferne Freiheit, an der zunehmend lax kontrollierten innerberliner Grenze: sie sind erreichbar, behelmt auf der Schwalbe sitzend.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_filmportal.def006189_pic_06.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5556\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_filmportal.def006189_pic_06.jpg\" alt=\"Goodbye Lenin_filmportal.def006189_pic_06\" width=\"544\" height=\"378\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_filmportal.def006189_pic_06.jpg 544w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/03\/Goodbye-Lenin_filmportal.def006189_pic_06-300x208.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Alex Kerner auf seinem Moped vor den neuen Segnungen des Kapitalismus. &#8211; Standbild: <a href=\"http:\/\/www.filmportal.de\/node\/24549\/gallery\" target=\"_blank\">filmportal.de<\/a><\/p>\n<p>In krassem Kontrast dazu steht im Film der k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrte Stillstand einer geschichtlichen Epoche: Realit\u00e4t wird selbst geschaffen, und dies versinnbildlicht in Goodbye Lenin zugleich \u2013 auf einer Meta-Ebene \u2013 die welterschaffende F\u00e4higkeit des Mediums Film. Zu all dem knattert die Schwalbe: das fast beil\u00e4ufig eingef\u00fchrte farbige Moped ist Transportmittel durch einen Systemwechsel, und erf\u00e4hrt eine kulturelle Bedeutung au\u00dferhalb des Films, lange bevor die DDR wieder Kult wurde, ehe Ostalgie zelebriert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefanie Plappert ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin und arbeitet als freie Kuratorin, immer wieder auch f\u00fcr das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main. F\u00fcr das Lichter Filmfest International hat sie dieses Jahr k\u00fcnstlerische Arbeiten zum Jahresthema \u201eGrenzen\u201c zusammengestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag zum Thema des Lichter Filmfest\u00a0Frankfurt International: Grenzen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[890,905],"class_list":["post-5553","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-goodbye-lenin","tag-grenzen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5553"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5553\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}