{"id":5714,"date":"2016-04-18T22:06:04","date_gmt":"2016-04-18T20:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5714"},"modified":"2016-04-18T22:06:04","modified_gmt":"2016-04-18T20:06:04","slug":"social-media-aprilvon-wolfgang-ullrich18-4-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/04\/18\/social-media-aprilvon-wolfgang-ullrich18-4-2016\/","title":{"rendered":"Social Media Aprilvon Wolfgang Ullrich18.4.2016"},"content":{"rendered":"<p>Mem-Arch\u00e4ologie<!--more --><\/p>\n<p>Haben Internet-Meme Vorl\u00e4ufer in der Geschichte der Kunst? Gibt es Bilder und Bildmotive, die situativ und \u00fcberraschend, in wechselseitiger Reaktion aufeinander variiert und je nach Kontext in ihrer Bedeutung ver\u00e4ndert wurden? Ging es gar darum, mit ihrer Hilfe zu kommunizieren?<\/p>\n<p>So unstrittig sein d\u00fcrfte, dass die von digitalen Techniken und den Social Media erm\u00f6glichte Mobilisierung der Bilder ein neues Ph\u00e4nomen ist, so sehr scheint doch das Bed\u00fcrfnis, mit Bildern flexibel zu agieren, viel \u00e4lter zu sein. Davon zeugt bereits eine der bekanntesten Maler-Anekdoten der Antike.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> So kam es zum Wettstreit zwischen Apelles und Protogenes, nachdem dieser jenen besuchte, aber in seinem Atelier nicht antraf. Auf einer zum Bemalen vorbereiteten Tafel zog Apelles, als Zeichen seines Besuchs, mit einem Pinsel eine d\u00fcnne Linie. Nach seiner R\u00fcckkehr nahm Protogenes seinerseits einen Pinsel und setzte in einer anderen Farbe eine noch feinere Linie in die des Apelles. Als dieser nochmals bei Protogenes vorbeikam, ihn aber wieder nicht antraf, besiegte er ihn mit einer an Feinheit un\u00fcberbietbaren Linie, mit der er in einer dritten Farbe dessen Linie durchschnitt.<\/p>\n<p>Spielt sich der Wettstreit hier auf einer einzigen Tafel ab, so kommt es in der Geschichte der Kunst viel h\u00e4ufiger vor, dass ein K\u00fcnstler ein Bild eines anderen aufgreift und in den eigenen Interessenraum transferiert. Albrecht D\u00fcrer \u00fcbertrug etwa auf seiner Italien-Reise im Jahr 1494 Kupferstiche von Andrea <a title=\"bild mantegna\" href=\"http:\/\/www.oberlin.edu\/images\/Art200-08\/200-364.JPG\" target=\"_blank\">Mantegna<\/a> in <a title=\"bild d\u00fcrer\" href=\"https:\/\/deref-gmx.net\/mail\/client\/dereferrer\/?redirectUrl=http%3A%2F%2Fwww.oberlin.edu%2Fimages%2FArt200-08%2F200-365.JPG\" target=\"_blank\">Federzeichnungen<\/a>. Dabei verlebendigte er die Figuren, differenzierte ihren Ausdruck und nutzte die gr\u00f6\u00dfere Spontaneit\u00e4t, die das Zeichnen gegen\u00fcber dem Stechen erlaubt.<\/p>\n<p>Auch sonst wollte sich ein K\u00fcnstler oft an einem anderen messen und ihn \u00fcbertreffen. Die Praxis, einen Bildentwurf im direkten Wettbewerb zu entfalten und zu verbessern, ja auf ein Vorbild zu reagieren, wird als \u201aaemulatio\u2019 bezeichnet. Wenn Rubens w\u00e4hrend seiner gesamten Laufbahn \u2013 nicht nur als junger Lernender \u2013 Gem\u00e4lde Tizians wiederholte und <a title=\"artikel zu tizian und rubens\" href=\"http:\/\/syndrome-de-stendhal.blogspot.de\/2014\/11\/eva-ist-allem-schuld-tizian-und-rubens.html\" target=\"_blank\">dramatisierte<\/a><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><\/a>, beanspruchte er nicht weniger als die Nachfolge auf dem Thron der Kunst und sah sich selbst an vorderster Position innerhalb einer Fortschrittsgeschichte.<\/p>\n<p>Dass die Idee der \u201aaemulatio\u2019 heute keine gro\u00dfe Rolle mehr spielt, hat mit den in der Moderne gestiegenen Originalit\u00e4tsanspr\u00fcchen zu tun, die wiederum zur Auspr\u00e4gung des Urheberrechts gef\u00fchrt haben. Ihm zufolge ist es mittlerweile sogar verboten, sich auf ein erkennbares Vorbild eines Urhebers zu beziehen, der noch lebt oder weniger als 70 Jahre tot ist. Somit handelten D\u00fcrer, Rubens und zahllose andere K\u00fcnstler fr\u00fcherer Jahrhunderte nach heutigen Standards kriminell.<\/p>\n<p>Das Prinzip \u201aaemulatio\u2019 ist aber auch nicht mehr so reizvoll, weil man heute ein Bild, das man variieren will, bereits fertig auf dem Desktop haben und direkt mit der \u00dcberarbeitung loslegen kann. Dagegen musste man es in der vordigitalen Zeit ganz von vorne anlegen, was Zeit und Knowhow verlangte. Somit lie\u00df sich darauf auch nur ein, wer das Vorbild als relevant empfand und sich von dessen Aneignung und \u00dcbersetzung etwas versprach. So ernst das Vorbild als Werk genommen wurde, so sehr verfolgte man mit der Nachsch\u00f6pfung ebenfalls einen Werkanspruch und hoffte, dass sie Ausgangspunkt f\u00fcr weitere \u201aaemulationes\u2019 wurde.<\/p>\n<p>Bei Mem-Varianten hingegen wird, \u00e4hnlich wie bei Apelles und Protogenes, auf das schon vorgegebene Bild reagiert. Der Hauptakzent liegt deshalb auch darauf, es zu brechen oder gewitzt zu persiflieren. Es dient als Grundlage daf\u00fcr, eine je nach Anlass wechselnde Botschaft auf schlagfertige, provokante Weise zu adressieren, und vielleicht mag sogar das Bed\u00fcrfnis leitend sein, sich von der visuell-emotionalen Macht des Vorbilds zu befreien.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Anders als bei einem Artefakt, das dem Prinzip der \u201aaemulatio\u2019 entspringt, wird weder zeit\u00fcberdauernde G\u00fcltigkeit angestrebt noch eine Werkabsicht verfolgt. Selbst bei aufwendigeren Spielarten begreifen Mem-Produzenten sich nicht als Urheber, sondern sind, so die israelische Kulturwissenschaftlerin Limor Shifman, Protagonisten \u201e\u00f6ffentlicher Diskurse\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[3]<\/a> Deshalb finden sie auch Fragen nach Copyright deplatziert. Metaphorisch formuliert: Ist ein Mem leicht, fl\u00fcchtig, Teil einer eher m\u00fcndlichen als schriftlichen Kommunikation, soll eine \u201aaemulatio\u2019 \u2013 und generell jedes Werk \u2013 m\u00f6glichst gewichtig, unab\u00e4nderlich eingemei\u00dfelt f\u00fcr die Zukunft, unabh\u00e4ngig von bestimmten Anl\u00e4ssen und Adressaten sein.<\/p>\n<p>Ob die Variante eines ber\u00fchmten Vorbilds zu einem Internet-Mem geh\u00f6rt oder aber ein Werk mit Kunstanspruch ist, h\u00e4ngt heutzutage jedoch allein vom Kontext ab. Er kann demselben Bild Gewicht verleihen oder nehmen und entsprechend unterschiedliche Rezeptionsweisen nahelegen. Meme zirkulieren vornehmlich in den Social Media; sie l\u00f6sen sich dort genauso wie andere Inhalte schnell von ihren Sch\u00f6pfern und verbreiten sich so anonym wie ein Witz oder Sprichwort.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[4]<\/a> Oft lassen sich die Urheber nicht einmal durch gezielte Recherchen ausfindig machen, und selbst die Orte, an denen Mem-Varianten erstmals hochgeladen wurden, sind vielfach nicht eindeutig zu identifizieren.<\/p>\n<p>Auch bei den meisten Varianten von Jan Vermeers <em>M\u00e4dchen mit dem Perlenohrgeh\u00e4nge<\/em> (1665) gelingt dies halbwegs zuverl\u00e4ssig fast nur, wenn kommerzielle Absichten vorliegen, eine Spielart also als Produktwerbung fungiert oder von einem Illustrator stammt, der auf seine Arbeit aufmerksam machen will.<\/p>\n<div id=\"attachment_5716\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5716\" class=\"size-large wp-image-5716\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1-1024x574.png\" alt=\"Varianten von Vermeers M\u00e4dchen mit dem Perlenohrgeh\u00e4nge\" width=\"695\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1-1024x574.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1-300x168.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1-768x431.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-1.png 1430w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5716\" class=\"wp-caption-text\">Varianten von Vermeers M\u00e4dchen mit dem Perlenohrgeh\u00e4nge<\/p><\/div>\n<p>Doch beeintr\u00e4chtigen markierte Autorschaft und expliziter Warenstatus auch schon den fl\u00fcchtig-m\u00fcndlichen Charakter von Memen. Dies gilt umso mehr, wenn man eine weitere Variante auf der Website einer renommierten Wiener Galerie <a title=\"galerie charim\" href=\"http:\/\/www.charimgalerie.at\/rueckschau_wien_kuenstler_dorothee_golz.htm\" target=\"_blank\">wiederfindet<\/a>. Urheberin dieser Variante ist Dorothee Golz, die immer wieder Werke der alten Kunstgeschichte (somit ohne Risiko einer Urheberrechtsverletzung) in heutige Verh\u00e4ltnisse versetzt und als C-Prints, jeweils auf f\u00fcnf Exemplare limitiert, vertreibt.<\/p>\n<p>Dass Golz ihre Arbeit nicht als Mem-Variante, sondern viel eher als \u201aaemulatio\u2019 \u2013 und damit wirklich als Werk \u2013 begreift, ist einem Interview aus dem Jahr 2015 zu entnehmen. Sie spricht dort davon, \u201edass ich als zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstlerin noch einmal Kontakt aufnehme mit einem K\u00fcnstler, beziehungsweise mit seinem Werk, das er vor vielen Jahren vor einem anderen gesellschaftlichen Hintergrund geschaffen hat.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[5]<\/a> Selbstbewusst und ambitioniert stellt sie fest, sie gebe \u201emit gro\u00dfem Respekt vor der Arbeit des alten Meisters\u201c \u201eeinen frischen, zeitgen\u00f6ssischen k\u00fcnstlerischen Input in ein altes Thema\u201c. Dabei betrachte sie \u201edie dargestellte Person noch mal durch seine Augen, aber interpretiere sie dann neu, aus meiner Perspektive, in der der gegenw\u00e4rtige Zeitgeist und die Haltung der Gesellschaft, in der ich heute lebe, zum Ausdruck kommen. [&#8230;] Letzten Endes kann man sagen, dass diese Person von zwei K\u00fcnstlern interpretiert wurde. Es ist eine Art Teamwork. Wenn ich diese Arbeiten mache, sind mir die Maler sehr nahe, ich habe das Gef\u00fchl, dass mir viele ihrer Gedanken und \u00dcberlegungen bewusst werden, dass ich richtig mit ihnen kommunizieren kann.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[6]<\/a><\/p>\n<p>So sehr Golz sich als Meisterin der Einf\u00fchlung, gar als kongeniale Neusch\u00f6pferin in Szene setzt und auf diese Weise ihren Habitus als K\u00fcnstlerin unter Beweis stellt, so unvorstellbar w\u00e4re, dass der Urheber einer Mem-Variante ein vergleichbares Statement abgibt, um die Rezipienten zu sorgsamer Wahrnehmung anzuhalten, Interpretationsimperative auszusprechen oder in anderer Hinsicht besondere Bedeutsamkeit f\u00fcr seine Arbeit zu reklamieren. Es geht ihm nicht um Strategien der Wertsch\u00f6pfung, muss ein Mem doch keinen m\u00f6glichst hohen Marktwert haben. Der Erfolg einer Variante bemisst sich vielmehr an der Zahl der Reblogs. Sie \u00fcberlebt nur, wenn sie schnell zirkuliert und in immer wieder andere Umgebungen gelangt, in denen sie Aufmerksamkeit erlangt. Sie hat nomadischen Charakter und braucht Heerscharen anonymer User, die sie weiter verbreiten, wohingegen ein Kunstwerk, um als erfolgreich zu gelten, m\u00f6glichst fest mit einigen wenigen namentlich bekannten, am besten ber\u00fchmten Akteuren verkn\u00fcpft zu sein hat: einem wichtigen Sammler, der es kauft, einem bedeutenden Kritiker, der es bespricht, einem gro\u00dfen Kurator, der es ausstellt.<\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen Memen und Werken sind so gro\u00df, dass man von einer Klassengesellschaft der Bilder sprechen k\u00f6nnte. Allerdings ist heute kaum noch zu verhindern, dass im Reservat der Kunst gez\u00fcchtete und gehaltene Bilder in die Wildnis der Social Media geraten, denn was einmal online ist, l\u00e4sst sich fast nicht mehr kontrollieren. Auch das Motiv von Dorothee Golz hat sich in diversen Foren verbreitet und wird nun als Mem-Variante weitergepostet, wobei es sich \u2013 der Logik des M\u00fcndlichen folgend \u2013 vom Namen seiner Urheberin l\u00f6st und auch sonst aller Verkn\u00fcpfungen verlustig geht, mit denen es als Kunstwerk abgesichert werden sollte. Wie eine beliebige Mem-Variante taucht das Bild daher schlie\u00dflich sogar unter Titeln wie \u201eFine Art Fun\u201c oder \u201eArt Parody\u201c auf. Umso schaler mutet die Selbstbeschreibung der K\u00fcnstlerin an, und man kann sich ausmalen, wie irritiert erst ein Sammler sein muss, der das von ihm erworbene Werk in solch profanem Umfeld wiederfindet.<\/p>\n<div id=\"attachment_5717\" style=\"width: 1266px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5717\" class=\"wp-image-5717 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2.png\" alt=\"Screenshot der Bildersammlung \u201aArt Parody\u2019 auf Pinterest\" width=\"1256\" height=\"751\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2.png 1256w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2-300x179.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2-768x459.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-2-1024x612.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1256px) 100vw, 1256px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5717\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot der Bildersammlung \u201aArt Parody\u2019 auf Pinterest<\/p><\/div>\n<p>Trotz allen Werkkults gibt es aber auch innerhalb der Kunst Ans\u00e4tze, die \u00c4hnlichkeit zur Logik von Memen besitzen. Dabei f\u00e4llt vor allem ein Ph\u00e4nomen auf, bei dem K\u00fcnstler sich auf ihre eigenen Werke beziehen, diese also wiederholt neu aufgreifen, so als st\u00fcnden sie unter dem Bann einer Auto-Viralit\u00e4t, seien also von sich selbst angestachelt. Verbreitet ist dies vor allem in der Klassischen Moderne: in einer Zeit, zu der das Urheberrecht der Auseinandersetzung mit anderen K\u00fcnstlern schon enge Grenzen setzte. Sich selbst zu variieren, war dann der legale Weg, auf Vorbilder zu reagieren. Gegen\u00fcber der \u201aaemulatio\u2019 tritt der Aspekt des Wettbewerbs dabei in den Hintergrund; vielmehr besitzt die Weiterf\u00fchrung eigener Vorbilder eine pragmatische Dimension: Sie f\u00e4llt leichter als die Aneignung fremder Sujets oder Stile, was auch die kunsttypische Werkschwere mindert und sogar spielerisch-experimentelle Formen erlaubt.<\/p>\n<p>Manche K\u00fcnstler, etwa Giorgio de Chirico, haben einige ihrer Bilder vielfach variiert, sie vielleicht sogar \u2013 dar\u00fcber ist in der Kunstwissenschaft das letzte Wort noch nicht gesprochen \u2013 bewusst ins Absurde gezogen, andere wiederholten einzelne Sujets, um sie in jeweils neuer Weise miteinander zu kombinieren. Hier ist vor allem an Ren\u00e9 Magritte zu denken. In seinen Gem\u00e4lden hat er immer auf dieselben Versatzst\u00fccke \u2013 wie auf feste Redewendungen \u2013 zur\u00fcckgegriffen, Motive wie \u00c4pfel, H\u00fcte, Wolkenhimmel also wieder und wieder verwendet. Wie nah er damit der Praxis von Internet-Memen kam, zeigt sich daran, dass man mittlerweile in den Social Media, vor allem bei <em>Tumblr<\/em> und <em>Pinterest<\/em>, auf zahlreiche weitere Varianten trifft, die aber nicht von Magritte, sondern von heutigen Usern stammen. Sie setzen fort, was der K\u00fcnstler selbst initiiert hat, wobei sich manchmal sogar kaum entscheiden l\u00e4sst, welche Kombination von Magritte, welche von einem Mem-Produzenten stammt.<\/p>\n<div id=\"attachment_5718\" style=\"width: 1264px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5718\" class=\"size-full wp-image-5718\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3.png\" alt=\"Screenshot zum Schlagwort \u201eRen\u00e9 Magritte\u201c auf Pinterest\" width=\"1254\" height=\"812\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3.png 1254w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3-300x194.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3-768x497.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-3-1024x663.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1254px) 100vw, 1254px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5718\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot zum Schlagwort \u201eRen\u00e9 Magritte\u201c auf Pinterest<\/p><\/div>\n<p>Die Medientheoretikerin und Bloggerin Annekathrin <a title=\"artikel kohout\" href=\"https:\/\/sofrischsogut.wordpress.com\/2016\/01\/17\/rene-magritte-und-das-internet\/\" target=\"_blank\">Kohout<\/a> hebt hervor, dass Magrittes Bilder \u201emit einfachen Motiven\u201c operieren, die \u201eman gut nachstellen kann\u201c und die \u201esich zum Umcodieren eignen\u201c; sie w\u00fcrden gerade nicht \u201ewerkschwer\u201c wirken, weshalb man sie \u201edesto ungehemmter\u201c \u2013 ohne Schwellen \u00fcberwinden zu m\u00fcssen \u2013 \u00fcbernehmen k\u00f6nne. Damit erkl\u00e4rt sie die neue Popularit\u00e4t Magrittes, stellt aber zugleich heraus, dass er selbst \u201ebereits aus den eigenen Motiven Mash-Ups, wenn man m\u00f6chte auch fr\u00fche Meme gemacht hat.\u201c<\/p>\n<p>Zu dieser Diagnose passt auch, dass Magritte sich nicht nur auf eigene, sondern genauso auf bekannte Bilder der Kunstgeschichte r\u00fcckbezog, die er variierte, dabei jedoch viel eher als gem\u00e4\u00df einer Idee von \u201aaemulatio\u2019 in \u00c4hnlichkeit zu Praktiken der heutigen Mem-Kultur verfremdete. Bei zwei Madame-R\u00e9camier-<a title=\"bilder magritte g\u00e9rard david\" href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/pin\/328270260315822855\" target=\"_blank\">Bildern<\/a> \u2013 einmal nach Jacques-Louis David, einmal nach Fran\u00e7ois G\u00e9rard<strong> \u2013 <\/strong>imaginiert er etwa, die Zeit sei nicht stehen geblieben, die einst junge Protagonistin mittlerweile (rund 150 Jahre sp\u00e4ter) also gestorben und in einem Sarg. Genauso l\u00e4sst sich aber zu fast jedem Internet-Mem eine Variante finden, bei der die Protagonisten bereits gestorben und skelettiert sind.<\/p>\n<div id=\"attachment_5719\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5719\" class=\"size-large wp-image-5719\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4-1024x270.png\" alt=\"Mem-Varianten mit gestorbenen Protagonisten\" width=\"695\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4-1024x270.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4-300x79.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4-768x202.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/04\/socialmedia-4.png 1438w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5719\" class=\"wp-caption-text\">Mem-Varianten mit gestorbenen Protagonisten<\/p><\/div>\n<p>Das Beispiel von Magritte zeigt, wie gut die Produzenten von Memen darin sind, ihre Vorl\u00e4ufer selbst aufzusp\u00fcren. Zugleich tragen sie damit dazu bei, den Blick auf die Geschichte der Kunst und der Bilder zu ver\u00e4ndern. Was sonst vielleicht nur ein Schattendasein f\u00fchrte und die Kunstwissenschaft sogar verlegen machte, erh\u00e4lt auf einmal Beachtung und entfaltet sogar neue Wirkkr\u00e4fte. Ein flexibler und aktiver Umgang mit Bildern, ihre fortw\u00e4hrende Anpassung und Verwandlung, schon seit Apelles und Protogenes erstrebt, wird nach und nach zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Plinius d. \u00c4.: <em>Naturalis Historia<\/em>, XXXV, Kap. 80-84. \u2013 Zur Deutungsgeschichte und dem performativen Charakter der Anekdote vgl. Wolfgang Ullrich: \u201eApelles, Werner B\u00fcttner und die Schlagfertigkeit\u201c, in: <em>Gemeine Wahrheiten, Werner B\u00fcttner<\/em>, Katalog ZKM Karlsruhe 2013, S. 251-254.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: \u201e<a title=\"artikel ullrich inverse pathosformeln\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/10\/15\/social-media-oktobervon-wolfgang-ullrich15-10-2015\/\" target=\"_blank\">Inverse Pathosformeln. \u00dcber Internet-Meine<\/a>\u201c (2015).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[3]<\/a> Limor Shifman: <em>Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter<\/em>, Berlin 2014, S. 14.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[4]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: \u201e<a title=\"artikel ullrich urheberrechte\" href=\"https:\/\/irights.info\/artikel\/wolfgang-ullrich-urheberrechte-fuer-die-sozialen-netzwerke-gaenzlich-suspendieren\/25429\" target=\"_blank\">Urheberrechte f\u00fcr die Sozialen Netzwerke g\u00e4nzlich suspendieren<\/a>\u201c (2015).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[5]<\/a> \u201eJenseits von Zeitgebundenheit\u201c \u2013 Dorothee Golz im Gespr\u00e4ch mit Johannes Rauchenberger, in: Kunst und Kirche 2\/2015, S. 46 \u2013 50, hier S. 46.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[6]<\/a> Ebd., S. 50.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mem-Arch\u00e4ologie<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[42918,1089,1501,2164,2433],"class_list":["post-5714","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bilder","tag-internet","tag-meme","tag-social-media","tag-urheberrecht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5714"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5714\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}