{"id":5809,"date":"2016-05-09T21:52:31","date_gmt":"2016-05-09T19:52:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5809"},"modified":"2016-05-09T21:52:31","modified_gmt":"2016-05-09T19:52:31","slug":"popmoderne-rezension-zu-jon-savage-1966von-thomas-hecken9-5-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/05\/09\/popmoderne-rezension-zu-jon-savage-1966von-thomas-hecken9-5-2016\/","title":{"rendered":"Popmoderne Rezension zu Jon Savage, \u00bb1966\u00abvon Thomas Hecken9.5.2016"},"content":{"rendered":"<p>Konsum von Teen-Utopien<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 8, Fr\u00fchling 2016, S. 103-107]<\/p>\n<p>In den 1920er Jahren sprach noch niemand von \u203aPop\u2039, der Sache nach gab es aber schon viel zu bereden. In der deutschen Illustrierten \u00bbUhu\u00ab (\u00bbDas Neue Ullstein Magazin\u00ab) schildert ein USA-Berichterstatter im November 1924, wie sehr sich die New Yorker von der deutschen Jugend unterscheide. Nichts zu merken sei am Hudson-Ufer von der \u00bbNaturtrunkenheit des deutschen Wanderers\u00ab und der \u00bbLiebesromantik unserer Flu\u00dfufer\u00ab. In New York w\u00fcrden die \u00bbsch\u00f6nen Flu\u00dfufer\u00ab mit Konservenb\u00fcchsen und Zeitungen \u00fcbers\u00e4t, Erotik habe hier keinen Platz, sondern blo\u00df ein Treiben, das \u00bbmechanisiert\u00ab zwischen \u00bbKochtopf, Baseball und Grammophon\u00ab ablaufe.<\/p>\n<p>Schaut man n\u00e4her hin, sieht man, dass der im \u00bbUhu\u00ab offenbarte Unterschied von deutscher Jugendbewegung zu US-amerikanischen Jugendlichen vor allem einer der Geschlechter ist. Zwar sind auch viele junge M\u00e4nner am Hudson mit dabei \u2013 sie spielen nach dem Zeugnis des Reporters Baseball, vielleicht sind sie es auch, die am Ufer das Grammophon aufziehen, um die \u00bbletzten Jazzschlager\u00ab erklingen zu lassen \u2013, das Bild dieser Jugend pr\u00e4gt aber der \u00bbflapper\u00ab. Diese jungen Frauen zeichnen sich durch \u00bbsorgf\u00e4ltig rot schattierte Wangen, eine wohlgepuderte Nase, einen kirschrot in geschwungener Klammerform ausgemalten Mund\u00ab, stark gezupfte Augenbrauen und den \u00bbBubikopf\u00ab aus. Doch trotz der einerseits \u203am\u00e4nnlichen\u2039 Frisur und des andererseits \u203aweiblichen\u2039 Verfahrens, eine glatte, unnat\u00fcrliche Oberfl\u00e4che herzustellen, seien jene jungen Frauen letztlich \u00bbzahme, harmlose Kinder\u00ab. Ungeachtet der neuen, durch Grammophon, Konserven, Schminke und Puder gestifteten K\u00fcnstlichkeit findet der Reporter keinerlei Anzeichen von Dekadenz bei ihnen. \u00bbJazzklang und Jazzschritt, Lollipop und \u2013 nicht zu vergessen \u2013 der Kaugummi\u00ab k\u00f6nnen f\u00fcr den deutschen Illustriertenautor an ihrem braven Bild nichts \u00e4ndern. Im Gegenteil, diese Kl\u00e4nge und Gen\u00fcsse, die von den Waren einer Freizeit- und Konsumg\u00fcterindustrie bestimmt werden, tragen f\u00fcr ihn genau zum harmlosen Eindruck bei. Standardisierung und Oberfl\u00e4chlichkeit verhindern gerade \u00bbAusgelassenheit\u00ab.<\/p>\n<p>Als der \u203aflapper\u2039 wenig sp\u00e4ter mit der jungen deutschen Frau als \u203aGirl\u2039 die Zeitgeistb\u00fchne der Weimarer Republik betritt, k\u00f6nnen andere Essayisten den harmlosen Eindruck nicht teilen. In seinem B\u00fcchlein \u00bbDas Gesicht unserer Zeit\u00ab aus dem Jahr 1929 charakterisiert Broder Christiansen sie zuerst auf vertraute Weise: Diese \u00bbM\u00e4dchen\u00ab seien \u00bbeines wie das andere, ke\u00df, selbstbewu\u00dft, schlank und niedlich, unbedeutend, normierte Sch\u00f6nheit, mit Puppenl\u00e4cheln, mit Puder und Lippenstift, unpers\u00f6nlich, und glatt vertauschbar wie Maschinenprodukte\u00ab. Aber ganz im Gegensatz zum \u00bbUhu\u00ab-Artikel f\u00fcnf Jahre zuvor verbindet der konservative Christiansen mit der standardisierten Gl\u00e4tte der jungen Frauen bedrohlicheren \u00bbSexus\u00ab: \u00bbWert hat nur der Augenblicksgenu\u00df; man will nicht eine Bindung in die Zukunft hinein.\u00ab Das \u00bbGegennat\u00fcrliche\u00ab setze sich durch: \u00bbDie Frau wird k\u00fcnstlich entmuttert\u00ab.<\/p>\n<p>Viel kommt also schon zusammen, was solche von anderen modernen Ph\u00e4nomenen der Medien- und Freizeitkultur unterscheiden kann. Nicht nur gibt es einige Produkte, die in erschwinglicher, massenhafter Form vorliegen; nicht nur gibt es Orte, an denen man weitgehend unbeaufsichtigt unter sich sein kann, um dort Dinge zu tun, die von staatlichen Stellen (Schulen), anderen Organisationen (Kirchen, Unternehmen) sowie mit ihnen teilweise verbundenen informelleren Gemeinschaften (Familien, D\u00f6rfer, Stadtviertel) nicht gerne gesehen w\u00fcrden \u2013 sei es aus neueren Gr\u00fcnden der Bildung und Kultur, sei es wegen \u00e4lterer moralischer Bedenken.<\/p>\n<p>Nein, es gibt auch eine bestimmte Form und\/oder Anmutung dieser Produkte, wie sie in den Beschreibungen der Kommentatoren zum Ausdruck kommt: K\u00fcnstlichkeit und glatte Oberfl\u00e4che \u2013 und auf der Seite ihrer K\u00e4uferinnen und Rezipientinnen als Haltung: Konsumismus und Desinteresse an \u203ah\u00f6herer\u2039 Bedeutung. Dazu noch die Gewohnheit, bestimmte Platten, Kleidungsst\u00fccke, Redewendungen, Verhaltensweisen, Schminkutensilien, Bewegungsformen, sexuelle Vorlieben etc. im Zusammenhang zu sehen und mitunter sogar um sie herum neue, mehr oder minder lose Gemeinschaften zu bilden, die manchmal nicht nur dadurch zustande kommen, dass Leute an verschiedenen Orten dasselbe Produkt kaufen oder dieselbe Zeitung lesen.<\/p>\n<p>In den US-amerikanischen 1950er Jahren dann eine noch bessere Ausgangslage: ein Jahrzehnt ohne Weltwirtschaftskrise, mit mehr Jugendlichen, die nicht gleich nach der Schule in die Lehre m\u00fcssen, Einf\u00fchrung des Fernsehens, lebensstilbewusstere Werbung. Auf der Gender-Seite bietet der Rock\u02bcn\u02bcRoll der \u203am\u00e4nnlichen\u2039 Kultur einen viel besseren Ausgangspunkt: Aggressivit\u00e4t, nat\u00fcrliche Rauheit, ungeschminkte Direktheit usf. Im Gegensatz zu den 20er Jahren greift der Stil auch nicht gleich auf viele Bev\u00f6lkerungsschichten \u00fcber; der Teenager besitzt eine eigene Qualit\u00e4t, seine Vorlieben k\u00f6nnen nicht umstandslos der \u203aMassenkultur\u2039 zugeschlagen werden. Dennoch wird dieses Angebot von den meisten modernen K\u00fcnstlern und Intellektuellen, von Studenten und Feuilletonisten nicht genutzt. Die Dadaisten h\u00e4tten zum Rock\u02bcn\u02bcRoll sicher mehr zu sagen gehabt als die Beatniks.<\/p>\n<p>In den 60er Jahren \u00e4ndert sich die Lage weitgehend. Nun kommt nicht nur der Popdiskurs in Gang, auch die Form der Artefakte und Ereignisse nimmt zum Teil Ma\u00df an jenen Kunstwerken, die bevorzugt in Galerien, Theoriezirkeln und Kulturjournalen als \u203azeitgen\u00f6ssisch\u2039 ausgestellt und ausgegeben werden. Fragment, Serie, gesteigerte Komplexit\u00e4t, Erwartungsbruch, Aufl\u00f6sung konventioneller narrativer Abl\u00e4ufe, Selbstbez\u00fcglichkeit, Ironie, Entgrenzung, Allusionen pr\u00e4gen in kleinerem oder gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df jetzt manche Pop-Produkte. Auch wenn sich oftmals tats\u00e4chlich viele Zuh\u00f6rer, Zuschauer oder Mitwirkende finden lassen und mit den Autonomie-Gesten keineswegs durchgehend ein Abschied von K\u00fcnstlichkeit, Konsumismus und Oberfl\u00e4che verbunden ist, wird dem kommerziellen Erfolg, dem Befolgen von Mustern nicht selten ausdr\u00fccklich abgesagt. Die Popmoderne gewinnt dadurch vollst\u00e4ndig Gestalt, Differenzierungen werden in vielerlei Weise ausgepr\u00e4gt und sichtbar.<\/p>\n<p>Als List oder Ironie der Geschichte kann in der allwissenden R\u00fcckschau verbucht werden, dass manche Vollender der Popmoderne in den 1960er Jahren und noch lange dar\u00fcber hinaus unter antimoderner Flagge operierten: Arbeitsteilung, Repr\u00e4sentation, Trennung von Privatem und \u00d6ffentlichem, von Kunst und Alltag, von oberfl\u00e4chlichem Spiel und bedeutendem Sinn, von ehrlich gemeintem Ausdruck und Rollensprache, das alles soll im revoltierenden Leben, Sound oder Totaldesign aufgehoben werden. Der heftige Widerstand konservativer Kreise, der sich bereits gegen die von solchen Vorstellungen angetriebenen Kunstobjekte und Lebensstile richtete, f\u00fchrte die Verfechter der Poprevolte zu der Vermutung, dass ihre Werke und Lebensweisen auch mit liberaler Demokratie und Kapitalismus unvereinbar seien. Diese Annahme und Hoffnung hat sich als Irrtum erwiesen. Der Irrtum trug jedoch nicht nur zu Beginn beachtlich zu ihrem Erfolg bei, weil sie dadurch Popformen zuungunsten der \u203aweiblichen\u2039 Gl\u00e4tte und Bedeutungslosigkeit nachdr\u00fccklich an die \u203am\u00e4nnliche\u2039 Kultur binden konnten.<\/p>\n<p>Dank Jon Savages Buch \u00bb1966. The Year the Decade Exploded\u00ab kann man einige dieser Bestrebungen gut rekapitulieren. 1966 geht es keineswegs nur um die Bearbeitung von Werbe- und Konsumg\u00fctermotiven durch eine moderne Kunstform, die Pop-Art, sondern es geht vor allem um die Versuche, abseits der Kunstgalerien und Biennalen Popmusik, Popdesign, Popmoden aus dem Griff der vermuteten Standardisierung und Anspruchslosigkeit zu l\u00f6sen. Savage bringt einiges, was er im Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv gefunden hat, zu Papier, so kann man regelm\u00e4\u00dfig in den Zitaten aus der Mitte der 60er Jahre von \u00bbsensual awareness\u00ab, \u00bbso-called variant, the deviant\u00ab, \u00bbradical change\u00ab, \u00bbexperiment\u00ab, \u00bbunderground\u00ab, \u00bbrevolution\u00ab lesen \u2013 als handle es sich um \u00c4u\u00dferungen zu Virginia Woolf oder Antonin Artaud. Hier meinen die Zeitgenossen aber die Rolling Stones, The Byrds, Cordjacken.<\/p>\n<p>Savage verdoppelt diesen Effekt. Nicht nur attestiert er seinen Gegenst\u00e4nden gerne (und oft zu Recht), \u00bbcomplex\u00ab, \u00bbindividual\u00ab oder \u00bbsophisticated\u00ab zu sein, er ist sich auch unver\u00e4ndert sicher, fundamentale Umw\u00e4lzungspotenziale zu entdecken. Pflichtgem\u00e4\u00df kann er darum mit der liberalen Rhetorik von \u00bbSwinging London\u00ab nichts anfangen. Stattdessen greift er ins pathetische Register der Negation: \u00bbIn the spring of 1966, this was still inchoate, but under the escalating demands of youth and their culture the fantasy of a consumerist teen utopia like Swinging London would crack for ever.\u00ab Woher er 2016 dieses zeitlose Wissen nimmt, bleibt r\u00e4tselhaft. Gewiss ist aber, dass er (zumindest zwischen Buchdeckeln) kein Gesp\u00fcr daf\u00fcr hat, in welchem Ma\u00dfe die von ihm allenthalben konstatierten \u203aGrenz\u00fcberschreitungen\u2039 auch zur Unterhaltung beitragen und f\u00fcr den Rezipienten oder Handelnden keine ganzheitliche Umw\u00e4lzung bedeuten m\u00fcssen. Die \u00bbextremity of sound and emotion\u00ab, die er Musikst\u00fccken nachsagt, d\u00fcrfte wohl kaum zu einem ebensolchen Zustand bei den meisten Musikern oder H\u00f6rern f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wie zur Strafe dominiert deshalb der \u203aextreme Klang\u2039 der \u203am\u00e4nnlichen\u2039 Kultur das Buch. Die Popmoderne ist zwar bei Autoren wie Savage schon so weit vorangeschritten, dass nicht nur Velvet Underground und die Diggers, sondern auch James Brown und Betty Friedan zur Geltung kommen \u2013 und sogar Barbara Hulanicki und Motown-Gruppen. Um weit in den positiven Bereich zu gelangen, m\u00fcssen aber die Supremes z.B. solche Exegesen \u00fcber sich ergehen lassen: \u00bbEach verse has the pleasure\/pain duality: \u203aYou came into my life, so tenderly \/ With a burning love, that stings like a bee.\u2039 This was not the feisty backchat of the girl groups, but a complex passive\/aggressive stance\u00ab. Da war selbst Broder Christiansen schon weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jon Savage: 1966. The Year the Decade Exploded, London 2015 (Faber).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zu Heft 8 von \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab <a title=\"hinweise pop heft 8\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/04\/05\/heft-8-von-pop-kultur-und-kritik5-4-2016\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konsum von Teen-Utopien<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[89644,1150,1847,1857],"class_list":["post-5809","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-89644","tag-jon-savage","tag-popmoderne","tag-poptheorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5809"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5809\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}