{"id":5824,"date":"2016-05-17T10:00:43","date_gmt":"2016-05-17T08:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5824"},"modified":"2016-05-17T10:00:43","modified_gmt":"2016-05-17T08:00:43","slug":"mode-maivon-marie-helbing17-5-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/05\/17\/mode-maivon-marie-helbing17-5-2016\/","title":{"rendered":"Mode Maivon Marie Helbing17.5.2016"},"content":{"rendered":"<p>Chanel-Schauen<!--more --><\/p>\n<p>Anfang Mai hat Chanel mit seiner Cruise Collection auf Kuba f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt \u2013 als das erste Modehaus mit einer Pr\u00e4sentation auf der sich dem Kapitalismus \u00f6ffnenden Insel. 600 G\u00e4ste und Journalisten wurden eingeflogen, Models liefen die 160 Meter lange Promenade Paseo del Prado im kommunistischen Havanna entlang, das Finale eine ausgelassene Stra\u00dfenparty mit kubanischer Musik, auch Karl Lagerfeld tanzte.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;o6PEVrQNk4w&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Der enorme Gegensatz von Luxus und Eleganz des Hauses Chanels und dem \u00e4rmlichen Alltag der kubanischen Bev\u00f6lkerung brachte dem franz\u00f6sischen Modekonzern einige Kritik ein. Die durchaus in das Ambiente von zerfallenen Kolonialbauten passende Mode r\u00fcckte deshalb in den Hintergrund. Dennoch kann Karl Lagerfeld, seit 1984 Chefdesigner bei Chanel, die Schau als Erfolg verbuchen \u2013 wie viele andere seiner aufwendigen Inszenierungen f\u00fcr die jeweils neue Saison erfuhr auch sie gro\u00dfe Publizit\u00e4t und wird f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit im Ged\u00e4chtnis bleiben.<\/p>\n<p>Lagerfelds Ideen verwirklicht der B\u00fchnenbildner Stefan Lubrina seit nunmehr 20 Jahren. J\u00e4hrlich gestaltet er das B\u00fchnenbild f\u00fcr sechs Modenschauen, darunter Haute Couture und Pret-\u00e1-Porter. W\u00e4hrend die Cruise-Kollektionen (die Mode zwischen den beiden Hauptsaisons Sommer und Winter) an immer wechselnden Orten wie beispielsweise Salzburg, Seoul und Dubai stattfinden, zeigt Chanel seit 2006 seine Haute-Couture und Pret-\u00e1-Porter Mode im Grand Palais Paris. Mit aufwendigem Dekor wie Origamikunst-Kulissen, der Nachbildung des Gartens von Versailles inklusive Wasserfont\u00e4nen, erbl\u00fchenden Papierblumen oder Eislandschaften entf\u00fchrt Chanel seine Zuschauer regelm\u00e4\u00dfig in Traumwelten.<\/p>\n<p>Mit den Couture-Schauen erzielt Chanel h\u00e4ufig das gr\u00f6\u00dfte Medienecho. Haute Couture, die \u201ahohe Schneiderkunst\u2018, ist in Frankreich ein gesch\u00fctzter Begriff; um den Titel f\u00fchren zu d\u00fcrfen, muss eine Reihe von Bedingungen j\u00e4hrlich neu erf\u00fcllt werden. Der Hauptsitz des Unternehmens mitsamt einem Ma\u00df-Atelier, in dem mindestens 15 Vollzeitangestellte arbeiten, muss sich in Paris befinden. Bei den saisonalen Pr\u00e4sentationen, die das Chambre Syndicale de la Haute Couture organisiert, m\u00fcssen zudem mindestens 35 verschiedene von Hand gearbeitete Modelle f\u00fcr Tages- und Abendkleidung gezeigt werden.<\/p>\n<p>Die letzte Haute-Couture-Schau Chanels fand in der Kulisse eines japanisch anmutenden Gartens statt. Das Zentrum des Geschehens bildete ein von Wasser umringter schlichter Holzbau inmitten einer Gr\u00fcnanlage, die vom Publikum gerahmt wurde. Mit Beginn der Schau \u00f6ffnete sich ein Fenster des Geb\u00e4udes, nacheinander schritten die Models eine kleine Treppe hinunter in den Garten und folgten dem aus wei\u00dfen Steinen gelegten Laufsteg. Den H\u00f6hepunkt der Schau bildete der Schluss, zu dem sich auf allen drei Ebenen des Holzhauses die Fenster \u00f6ffneten. Anstelle eines Defilees, wo noch einmal alle Kleider der Schau durch die Models pr\u00e4sentiert werden, entstand durch die in den Fenstern stehenden Mannequins ein Standbild, das wie ein \u00fcberdimensionales Puppenhaus anmutet.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;aV75FYR_0xs&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit, das Thema der Schau, sollte sich in den verwendeten Materialien der aufwendig gearbeiteten Kleider zeigen, die aus Leinen oder Bast bestehen, und in den Schuhen, deren Sohlen aus Kork gearbeitet sind. Weiterhin waren die Modelle mit Naturmotiven wie Bienen, Schmetterlingen und Bl\u00fcten verziert.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;BNV5v9aLyys&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Es bleibt jedoch zu fragen, wie konsequent die inhaltliche Umsetzung der Schau ausf\u00e4llt, wenn zur Verzierung der Modelle tierische Materialien wie Federn eingesetzt werden. Dass auch \u201avegane\u2018 Mode funktionieren kann, zeigt regelm\u00e4\u00dfig Stella McCartney, die konsequent auf den Einsatz von Leder und Pelz verzichtet.<\/p>\n<p>Im Sinne des Themas der Schau finden zumindest die Kulissen auch nach der einmaligen Vorf\u00fchrung eine weitere Verwendung. Die Schau ist somit Karl Lagerfelds idealisierte Vorstellung, wie zuk\u00fcnftig ein nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur aussehen kann, vorausgesetzt man verf\u00fcgt \u00fcber das n\u00f6tige Geld.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Haute Couture, bei der sich die individuell ma\u00dfgeschneiderten Modelle durch die Verwendung luxuri\u00f6ser Materialien auszeichnen, \u00a0ist Pret-\u00e1-Porter die Mode von der Stange. Sie wird in Standardgr\u00f6\u00dfen gefertigt, es gibt keine Unikate. Jedoch kann Pret-\u00e1-Porter-Mode, wie im Falle von Chanel, auch in streng limitierter St\u00fcckzahl und nur eine bestimmte Zeit lang produziert und somit kostspielig werden.<\/p>\n<p>Auch die Modelle der Pret-\u00e1-Porter-Linie erfahren eine saisonale Inszenierung. Zu Beginn der Schau der Fr\u00fchjahrs-\/Sommerkollektion 2015 ert\u00f6nten zun\u00e4chst T\u00f6ne eines Marsches, der dann unmittelbar in \u201eI\u2019m not scared\u201c von den Pet Shop Boys \u00fcberging. Passend zur Musik liefen die Models einzeln oder in kleinen Gruppen dynamisch den nach franz\u00f6sischem Vorbild nachgebauten \u201aBoulevard Chanel\u2018 entlang. Bevor die Models jedoch die imitierten Barrikaden \u201ast\u00fcrmen\u2018 konnten, die als Absperrung f\u00fcr die zahlreichen Fotografen fungierten, entschwanden die Models links und rechts zwischen den H\u00e4userfassaden, nur um kurz darauf mit dem Defilee, das als Protestzug mit Protestplakaten und Ausrufen der Models inszeniert wird, die Modenschau zu beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;emkZ5rVIv7Q&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Die Schau zitiert einerseits die ausgepr\u00e4gte Protestkultur Frankreichs, zum anderen greift sie die wieder erstarkte Debatte um die Gleichberechtigung der Frau auf, die hier von jungen, scheinbar demonstrierenden Models f\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben gef\u00fchrt wird. Die Kleider in Violett, das sich aus dem \u201am\u00e4nnlichen\u2018 Blau und dem \u201aweiblichen\u2018 Rosa ergibt, sind bewusst gew\u00e4hlt. Violett wurde zur Symbolfarbe der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende sowie der Feministinnen in den 1970er Jahren, weil die Farbe f\u00fcr die Gleichheit von Frauen und M\u00e4nnern steht.<\/p>\n<p>Die gezeigte gradlinige Mode ist gedacht f\u00fcr die moderne und unabh\u00e4ngige Frau, wie sie Coco Chanel selbst verk\u00f6rperte. Die Hommage an die Gr\u00fcnderin des Labels Chanel, die sich zwar selbst nie als Feministin bezeichnete, jedoch stets auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit bedacht war, ist un\u00fcbersehbar. Auch wenn Karl Lagerfeld von der Gleichberechtigung der Frau spricht und die Benachteiligung selbiger in seinem Berufsfeld als unverst\u00e4ndlich bezeichnet, kann er allerdings das Korsett der Mode nicht sprengen, diktiert er doch nach wie vor das Kleid der Frau.<\/p>\n<p>Derzeit ist der Name Karl Lagerfeld untrennbar mit Chanel verbunden. Er f\u00fchrt das kreative Erbe von Coco Chanel fort. Im Vergleich zu ihm w\u00e4hlte sie jedoch eine unaufgeregte Pr\u00e4sentation ihrer Modelle \u2013 im Salon des Hauses vor der Kulisse einer verspiegelten Treppe. In typischer Chanel-Pose schritten die Mannequins durch den Raum, w\u00e4hrend die Modesch\u00f6pferin auf der obersten Treppenstufe sa\u00df und rauchend die reduziert gehaltene Modenschau beobachtete.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;4LC5VbEJm6I&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Heute hingegen pr\u00e4gt neben der Mode die saisonale Pr\u00e4sentation das Bild des Hauses. Die Modenschauen werden zu einem \u2013 wenn auch nur vor\u00fcbergehenden \u2013 Gesamtkunstwerk, das durch das Zusammenspiel von K\u00f6rpern, Kleidern, Bewegung, Ton, Licht, B\u00fchne, Raum und zuletzt auch durch das Publikum besticht. Karl Lagerfeld setzt sich mit seinen Inszenierungsk\u00fcnsten selbst ein Denkmal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Marie Helbing ist Doktorandin am Seminar f\u00fcr Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund und forscht zu den Themen Berliner Konfektion, Geschichte der Modenschau, Mannequins, Konsumkultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chanel-Schauen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[426,1547],"class_list":["post-5824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-chanel","tag-modeschauen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5824"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5824\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}