{"id":5850,"date":"2016-05-23T12:14:42","date_gmt":"2016-05-23T10:14:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5850"},"modified":"2016-05-23T12:14:42","modified_gmt":"2016-05-23T10:14:42","slug":"social-media-maivon-johannes-passmann23-5-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/05\/23\/social-media-maivon-johannes-passmann23-5-2016\/","title":{"rendered":"Social Media Maivon Johannes Pa\u00dfmann23.5.2016"},"content":{"rendered":"<p><!-- [if !mso]&gt;--><\/p>\n<p>v\\:* {behavior:url(#default#VML);}<br \/>\no\\:* {behavior:url(#default#VML);}<br \/>\nw\\:* {behavior:url(#default#VML);}<br \/>\n.shape {behavior:url(#default#VML);}<\/p>\n<p><!-- [if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<p><!-- [if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<p>Normal<br \/>\n0<br \/>\nfalse<\/p>\n<p>21<\/p>\n<p>false<br \/>\nfalse<br \/>\nfalse<\/p>\n<p>DE<br \/>\nX-NONE<br \/>\nX-NONE<\/p>\n<p><!-- [if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<p><!-- [if gte mso 10]&gt;--><\/p>\n<p> \/* Style Definitions *\/<br \/>\ntable.MsoNormalTable<br \/>\n{mso-style-name:&#8220;Normale Tabelle&#8220;;<br \/>\nmso-tstyle-rowband-size:0;<br \/>\nmso-tstyle-colband-size:0;<br \/>\nmso-style-noshow:yes;<br \/>\nmso-style-priority:99;<br \/>\nmso-style-parent:&#8220;&#8220;;<br \/>\nmso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt;<br \/>\nmso-para-margin:0cm;<br \/>\nmso-para-margin-bottom:.0001pt;<br \/>\nmso-pagination:widow-orphan;<br \/>\nfont-size:12.0pt;<br \/>\nfont-family:&#8220;Cambria&#8220;,&#8220;serif&#8220;;<br \/>\nmso-ascii-font-family:Cambria;<br \/>\nmso-ascii-theme-font:minor-latin;<br \/>\nmso-hansi-font-family:Cambria;<br \/>\nmso-hansi-theme-font:minor-latin;<br \/>\nmso-fareast-language:EN-US;}<\/p>\n<p>Was sind soziale Medien?<span style=\"color: black;font-family: Tahoma;font-size: small\"><span dir=\"ltr\"><br \/>\n<\/span><\/span><!--more --><\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage erscheint eigentlich ganz einfach: Soziale Medien sind Medien, mit denen das, was wir \u201adas Soziale\u2018 nennen, ausgetragen wird. Das hei\u00dft, letztlich geht es um F\u00e4higkeiten wie: erm\u00f6glichen, dass Fremde sich ann\u00e4hern oder Bekannte auf Distanz bleiben, Beziehungen eine konkrete Sichtbarkeit geben, Konflikte er\u00f6ffnen und befrieden, einander als jemand Bestimmtes anerkennen etc.<\/p>\n<p>Die Geschichte solcher sozialer Medien ist lang, denkt man allein an die verschiedenen Formen des Geldes und dessen vielf\u00e4ltige Funktionen. Da w\u00e4re das W\u00e4hrungs-Geld, dem Georg Simmel die Funktion zuschrieb, Austausch zwischen fremd Bleibenden zu erm\u00f6glichen (vgl. Simmel 2011 [1900]). Erst dadurch, so Simmel, wird Gesellschaft in gr\u00f6\u00dferem Stil m\u00f6glich, denn man kann mit Personen in Austausch treten, ohne mit ihnen <em>als Person<\/em> in Austausch zu treten: Einander Fremde tauschen Brot gegen Geld und gehen danach ihrer Wege ohne irgendeine Form moralischer Schuld \u2013 und ohne auch nur als Person in dieser Beziehung erschienen zu sein.<\/p>\n<p>Da w\u00e4ren aber auch allerlei Formen des fr\u00fcher sogenannten Primitivgeldes oder Prim\u00e4rgeldes, das aus Spechtgefieder, Messingstangen oder Kaurimuscheln bestehen kann. Deren Funktionen und Bedeutungen sind vielf\u00e4ltig: Oft wurden sie daf\u00fcr genutzt, um Streitigkeiten beizulegen, Recht und Unrecht \u00f6ffentlich anzuerkennen oder auf andere Weise Beziehungen zwischen Menschen zu ordnen, die in eine besondere Lage geraten waren (vgl. exemplarisch f\u00fcr diese lange Debatte in der Anthropologie Dalton 1965).<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel f\u00fcr soziale Medien w\u00e4ren die Mwali und Soulava aus dem Kula-Ring des westlichen Pazifiks, also Armreifen und Muschelhalsb\u00e4nder, die eine Art internationalem Gabentausch zwischen S\u00fcdsee-V\u00f6lkern erm\u00f6glicht haben, den Bronislaw Malinowski zuerst beschrieben hat (Malinowski 2007 [1922]) und der sp\u00e4ter zur wichtigsten Quelle f\u00fcr die Diskussion der vergemeinschaftenden Funktion der Gabe wurde (Mauss 1990 [1925]). Hier, so meinten viele Kommentatoren, haben man es mit einer Sache zu tun, die genau anders herum funktioniert als das W\u00e4hrungs-Geld nach Simmel: Nach einer Geld-Interaktion gehe man seiner Wege, nach einer Gabe bleibe man einander etwas schuldig, sodass man sich sp\u00e4ter mit einer Gegengabe revanchieren werde. Das Medium der Gabe schaffe so Vergemeinschaftung.<\/p>\n<p>Die Liste sozialer Medien ist lang, und genau so lang ist die Liste der Kritik an ihnen, d.h. die Kritik an der Sozialit\u00e4t, die verschiedene soziale Medien hervorbringen. Von den geldvermittelten Tauschpraktiken schreibt etwa Karl Marx, ihre Bedeutung sei so durchschlagend, dass sie das Selbst- und Weltverh\u00e4ltnis ihrer Nutzerinnen und Nutzer gewaltig st\u00f6re. Georg Luk\u00e1cs baute diesen Befund mit dem Begriff der Verdinglichung aus (Luk\u00e1cs 1968 [1923]), d.h. \u201e[&#8230;] da\u00df eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit\u201c (ebd., 257) hat. Axel Honneth res\u00fcmiert diese Position wie folgt: \u201e[&#8230;] sobald die Subjekte beginnen, ihre Beziehung zu Mitmenschen prim\u00e4r \u00fcber den Austausch von \u00e4quivalenten Waren zu regeln, werden sie dazu gen\u00f6tigt, sich zu ihrer Umwelt in ein verdinglichendes Verh\u00e4ltnis zu setzen; denn sie k\u00f6nnen nun nicht mehr umhin, die Bestandteile einer gegebenen Situation allein noch unter dem Gesichtspunkt des Ertrages wahrzunehmen, den diese f\u00fcr ihre egozentrischen Nutzenkalk\u00fcle abwerfen k\u00f6nnte\u201c (Honneth 2015 [2005], 21).<\/p>\n<p>Jetzt wollen wir nat\u00fcrlich wissen, ob das, was Luk\u00e1cs als Folge der Ausweitung des Warentauschs gesehen hat, sich nun durch die Ausweitung der sozialen Medien des Internet wiederholt. Antworten auf diese Frage sind l\u00e4ngst gegeben \u2013 vielleicht als erstes von Michel Houellebecq in <em>Die Ausweitung der Kampfzone<\/em> (1994), wie man es dort an etlichen Stellen, aber eben auch allein schon an Houellebecqs Lieblingsthema \u2013 den Essen-Lieferservices \u2013 sehen kann: J.Y. Fr\u00e9haut, ein Kollege des namenlosen Informatiker-Protagonisten, definiert Freiheit als ein Maximum an Wahlm\u00f6glichkeiten; diese sei allerdings, so der Erz\u00e4hler, \u201eauf die Wahl seines Abendessens per Minitel\u201c beschr\u00e4nkt (Houellebecq 2015 [1994], 45). Mit anderen Worten: Das wirkliche Ideal der digitalen Lebensf\u00fchrung ist, alles, was f\u00fcr das Leben wichtig ist, mit m\u00f6glichst wenig Perspektiv\u00fcbernahe jedweder Interaktionspartner \u00fcber die B\u00fchne zu bringen. Selbst der Anruf beim Pizzaboten w\u00e4re zu viel, am besten tr\u00e4gt man seine Bestellung nur noch in ein digitales Formular ein.<\/p>\n<p>20 Jahre nach Houellebecqs \u00dcberraschungserfolg scheint genau das zum Alltag geworden zu sein; schlimmer noch: Bei den heute \u00fcblichen Bestellungen bei Foodora, Deliveroo und anderen f\u00e4llt nicht nur der Anruf im Restaurant weg, sondern sogar das Bargeld. Man kann dort nur noch online mit Kreditkarte, Sofort\u00fcberweisung oder PayPal zahlen, d.h. selbst der Akt der Trinkgeld-Gabe f\u00fcr den Boten entf\u00e4llt (man kann dies nat\u00fcrlich online tun \u2013 wodurch das Trinkgeld aber nicht mehr so sehr Gabe mehr ist, weil es vor der Leistungserbringung des Boten stattfindet) und auch der Akt des Vertrauens verschwindet, dass an dem genannten Ort an zahlender Kunde wohnen m\u00f6ge. So wundert das medienwissenschaftliche Urteil wenig, dass das Internet nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch \u201e[&#8230;] unseren Geschmack und unsere Meinungen verdinglicht\u201c (Illouz 2015 [2007], 147), wie Eva Illouz in der vielleicht prominentesten Studie \u00fcber Online-Sozialit\u00e4t schreibt. Verdinglicht sich unser soziales Leben also ein zweites Mal, nach der Ausweitung des Warentauschs nun durch die Ausweitung des Internet?<\/p>\n<p>Man muss nun keine Plattform-Ethnographie schreiben, um zu wissen: Manchmal stimmt\u2019s, manchmal stimmt\u2019s nicht. Bestimmte Bereiche der Social-Media-Praktiken sehen aus wie der feuchte Traum eines Spieltheoretikers, andere sind das genaue Gegenteil; es gibt auch die Ausweitung dessen, was Max Horkheimer Mitleid genannt hat, es gibt auch die neuen Vergemeinschaftungsformen, in denen manche endlich die Perspektiv\u00fcbernahme f\u00fcr \u00e4ltere und j\u00fcngere Generationen hinbekommen, die ihnen im famili\u00e4ren Umfeld stets v\u00f6llig abgegangen sind, und auch kennt wohl in etwa jeder zweite die famili\u00e4re WhatsApp-Gruppe, deren Ergebnis viel regelm\u00e4\u00dfigere, weil einfacher planbare Familien-Zusammenk\u00fcnfte sind. Wenn gegenwartssensible Literatur heute die Verdinglichung der nicht mehr ganz neuen Medien thematisiert, f\u00e4llt das Urteil daher auch deutlich unentschiedener aus: In Ronja von R\u00f6nnes <em>Wir kommen<\/em> (2016) zerst\u00f6ren die Romanfiguren ihre Smartphones, Tablets und Laptops, um einander wieder n\u00e4her zu sein; das Ergebnis ist aber das Gegenteil, weil es das Leben ohne diese Technologien eben nicht mehr gibt.<\/p>\n<p>Insofern k\u00f6nnen die Fragen einer informierten Medienforschung nicht mehr auf solchen allgemeinen Ebenen der Zuschreibung allgemeiner Effekte ansetzen. Nat\u00fcrlich ist allen klar, dass Medien eine Handlungstr\u00e4gerschaft, vielleicht sogar eine bestimmte Schlagseite haben (einen <em>bias<\/em>, wie es schon bei Carpenter und McLuhan hei\u00dft). Den kann man beklagen und man kann auch fragen, wessen Macht-Interessen dies zuspielt; etwa durch die Tatsache, dass es keinen Dislike-Button gibt (f\u00fcr eine solche Kritik siehe etwa Han 2013 oder Couldry\/van Dijck 2015, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen).<\/p>\n<p>Auch diese Post-Foucault\u02bcsche Kritik hat aber mit der Post-Luk\u00e1cs\u02bcschen eines gemeinsam: Sie pauschalisiert, wo eigentlich Differenzierung angebracht w\u00e4re. Wir wissen nun, dass Medien unsere Lage bestimmen, dies ist eine Binsenweisheit geworden, um die sich die Wissenschaft eigentlich nur noch im Vorwort zu k\u00fcmmern hat, ansonsten ist dies Sache der Aktivistinnen und Aktivisten geworden.<\/p>\n<p>Was wir aber \u00fcberhaupt nicht wissen \u2013 allem Alltags-Wissen \u00fcber unsere eigenen Filter-Bubbles zum Trotz \u2013 ist, wie diese Lage denn genau aussieht. Interessant ist doch nicht mehr die Frage, ob Medien Macht-Technologien sind oder ob sie das soziale Leben verdinglichen k\u00f6nnen, sondern Fragen wie: In welchen Phasen sozialen Wandels stehen verdinglichende Medien-Praktiken im Vordergrund und wann ziehen sie sich zur\u00fcck?<\/p>\n<p>Medien-Ethnographie, die mit Verweis auf die lokalen, bricolagehaften und bottom-up bzw. ad-hoc organisierten Medien-Praktiken die Lagebestimmung herunterspielt, ist daher genauso wenig angebracht. Worauf es ankommt, ist die M\u00f6glichkeit der Differenzierung; eine Kritik der normalisierenden, verdinglichenden oder anderweitig den Idealen des Humanismus abtr\u00e4glichen Medienpraktiken wird ja eben viel treffsicherer, wenn sie ihren Gegenstand nicht aus dem ber\u00fchmten philosophischen Lehnstuhl pauschalisiert, sondern die Zust\u00e4nde benennen kann.<\/p>\n<p>Damit sind wir bei einer Diskussion, die die Anthropologie ab etwa Ende der 1970er Jahre gef\u00fchrt hat, die Sherry B. Ortner (1984) streitbar, aber sehr hilfreich in ihrem ber\u00fchmten 40-seitigen Aufsatz \u201eTheory in Anthropology since the Sixties\u201c skizziert hat. Nach einer langen Phase der Dominanz des Strukturalismus nach L\u00e9vi-Strauss und dessen stets die Lage bestimmenden Verwandtschaftssystemen wird der britische Anthropologe John A. Barnes von Ortner mit den Worten zitiert: \u201eWe need to watch these systems [of kinship] in action, to study tactics and strategy, not merely the rules of the game\u201c (Barnes 1980, 301, zit. n. Ortner 1984, 145). Das erinnert sehr stark an die Lage der Medienforschung, die ganze Journale mit Improvisationen der Feststellung bespielt, dass es keinen Dislike-Button gibt.<\/p>\n<p>Schaut man aber bei Barnes im Original nach, erscheint das Zitat etwas anders, es lautet n\u00e4mlich: \u201eWe need also to watch these systems in action, to study tactics and strategy, not merely the rules of the game, and to analyse why and how one individual is mobilised in one occasion and not on another, why and how one activity is carried through on one occasion by reference to kinship and on another by reference to some other system of relations.\u201c (Barnes 1980, 301). Ortner, der es um eine Hinwendung der Anthropologie von den Systemen ihres \u201aDoktorgro\u00dfvaters\u2018 Talcott Parsons und des damaligen Ethnologie-Superstars L\u00e9vi-Strauss zu den Praktiken ging, l\u00e4sst also zwei Dinge aus: Erstens das Wort \u201ealso\u201c, d.h. f\u00fcr Barnes geht es nicht um ein entweder \u201aSpielbeobachtung\u2018 oder \u201aRegelstudium\u2018, sondern viel deutlicher, als Ortner dies vermuten l\u00e4sst, um das Zusammenspiel dieser Regeln mit der konkreten Praxis. Zweitens betont Barnes vor allem auch andere Regelsysteme als das der Verwandtschaft, statt die Regeln gegen das tats\u00e4chliche Spiel auszuspielen.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf die Social-Media-Forschung hei\u00dft das: Es geht nicht darum, dass man seinen Luk\u00e1cs oder seinen Foucault nicht mehr auspackt, sondern darum, dass man ihn nicht auf den Tisch legt, wenn man nur die Software analysiert hat, aber nichts \u00fcber die Medien-Praktiken wei\u00df. Dies mag dann dazu f\u00fchren, dass man sich f\u00fcr andere Theoretisierungen seiner Befunde entscheidet, oder eben dazu, dass man die Wirklichkeit der Social-Media-Plattformen viel genauer, plausibler und konkreter kritisieren kann. Die Konsequenzen sind radikaler, als sie sich anh\u00f6ren. Denn wenn man nun sein soziales Medium in eine sch\u00f6ne Brille einfasst, um mit ihm dann ins Feld zu gehen, um nachzupr\u00fcfen, welche Handlungstr\u00e4gerschaft es entfaltet und wo es welche Lage wie bestimmt, hat man leider gar nichts gewonnen: Man wird nat\u00fcrlich finden, was man selbst mitbringt; tr\u00e4gt man nun Luk\u00e1cs, Foucault oder Latour im Rucksack. Wie wird man solche Voreinstellungen los?<\/p>\n<p>Die Antwort lautet: Man wird sie nicht los. Aber es gibt Techniken, sie so weit auf Distanz zu halten, dass man etwas mehr erf\u00e4hrt als das, was man sowieso bereits wei\u00df. Eine ganz zentrale Technik ist dabei, den eigenen Grundbegriff erst einmal zu verfl\u00fcssigen. Damit sind wir wieder bei der Anfangsfrage dieses Textes: Was sind soziale Medien?<\/p>\n<p>Eine Technik zur Verfl\u00fcssigung des eigenen Grundbegriffs ist, seine Genese zu untersuchen. Wir kennen dies aus vielen F\u00e4chern. Um nur ein Beispiel zu nennen: bei William H. Sewell Jr. finden wir die Feststellung, die er unter R\u00fcckgriff auf die Arbeiten von Keith Baker macht: \u201e,The social\u2018 [&#8230;] is a historically constituted fact of discourse, not a self-evident and permanently valid category category of the real world\u201c (Sewell 2005 [2001], 326). Verfl\u00fcssigen wir also unsere Hauptfrage auf diese Weise: Wie und in welchen Lagen entsteht das, was wir \u201asoziale Medien\u2018 nennen? Oder griffiger: Wann sind soziale Medien?<\/p>\n<p>Solche Entstehungsgeschichten sozialer Medien habe ich mehrmals versucht darzulegen; in einem Aufsatz ging es darum, wie in einem Siegerl\u00e4nder Kr\u00e4merladen die Pfandr\u00fcckgabe zum Medium der Vergemeinschaftung wurde, w\u00e4hrend die standardisierten Pfandr\u00fcckgabe-Technologien gro\u00dfer Superm\u00e4rkte ihre Nutzerinnen und Nutzer auf Distanz halten (vgl. Pa\u00dfmann 2015). Dort konnte man sehen, wie die Notwendigkeit zur Improvisation soziale Medien entstehen l\u00e4sst, mit denen eine Beziehung eher einen vergemeinschaftenden Pfad nimmt. Auf der anderen Seiten stand die professionelle Organisation des Einzelhandels, dessen soziale Medien ihren Nutzerinnen und Nutzern keinerlei Improvisation abverlangt, sodass alle in ihren Rollen verbleiben konnten (vgl. ebd.).<\/p>\n<p>In einem an dieser Stelle republizierten <a title=\"aufsatz pa\u00dfmann gerlitz\" href=\"http:\/http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/01\/04\/good-platform-political-reasons-for-bad-platform-datavon-johannes-passmann-und-carolin-gerlitz4-1-2016\/\" target=\"_blank\">Aufsatz<\/a> (Pa\u00dfmann\/Gerlitz 2016 [2014]) ging es um die Entstehungsgeschichte des Favs bzw. Likes auf Twitter: Als der Favorisieren-Button 2006 eingef\u00fchrt wurde, war dessen Bedeutung zwar relativ unklar, letztlich aber sehr stark an die Favoriten-Buttons der Web-Browser angelehnt. Es ging also darum, sich mit dem Button Tweets abzuspeichern, auf die man sp\u00e4ter zur\u00fcckkommen m\u00f6chte, genauso wie man sich im Browser URLs abspeichert. Die \u201aGefavten\u2018 Nutzerinnen und Nutzer erfuhren davon nichts, d.h. der Fav war damals ein blo\u00dfes Organisations- oder Speichermedium. Ab 2008 begannen dann kleine Drittanbieter-Plattformen, die mit der Firma Twitter selbst zun\u00e4chst nichts zu tun hatten, diese Favs sichtbar zu machen. Sie hie\u00dfen <em>Favrd<\/em>, <em>Favottr<\/em>, <em>Die Deutschen Fav-Charts <\/em>oder <em>Favstar<\/em>. Auf diesen Websites konnte man dann nachsehen, welche Favs man erhalten hat. F\u00fcr die Communities, die diese Websites nutzten, war der Fav ein soziales Medium, weil er als Anerkennungs-Praktiken ausgelegt wurde.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Twitter lie\u00df also durch seine Unt\u00e4tigkeit Raum f\u00fcr Improvisation und erm\u00f6glichte so nicht nur, dass der Fav zu irgendeinem sozialen Medium wurde, sondern zu einem ganz bestimmten, das ziemlich entscheidend f\u00fcr eine besondere Twitter-Kultur wurde, die ihre eigene Poetik, ihre eigenen Vergemeinschaftungsformen und ihre eigenen Begriffe von Ehre und Prestige, Scham und Schande, Eigentum und Diebstahl entwickelte. Dabei lief nat\u00fcrlich stets der Vorwurf mit, das quantifizierte Fav-Prestige verleite nur noch zum Schreiben popul\u00e4rer, aber eben nicht mehr \u00e4sthetisch hochwertiger Tweets, wie es der Tweet von @bangpowwww in der folgenden Abbildung praktiziert; die Favs und ihr Favstar-Prestige nehmen also die Rolle ein, die in Allen Ginsbergs <em>Howl<\/em> \u201emadness\u201c einnimmt.<\/p>\n<div id=\"attachment_5847\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5847\" class=\"size-full wp-image-5847\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/2.png\" alt=\"Tweet von @bangpowwww vom 3. Februar 2015, Screenshot aus Twitters offzieller Android-App.\" width=\"540\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/2.png 540w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/2-169x300.png 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5847\" class=\"wp-caption-text\">Tweet von @bangpowwww vom 3. Februar 2015, Screenshot aus Twitters offzieller Android-App.<\/p><\/div>\n<p>Es dauerte dann bis in den Fr\u00fchling des Jahres 2011, bis Twitter den Fav als soziales Medium institutionalisierte: Ab dem 23. Mai 2011 versendete Twitter an seine Nutzerinnen und Nutzer E-Mails f\u00fcr erhaltene Favs (vgl. ebd.). Mit anderen Worten: Seit ziemlich genau f\u00fcnf Jahren ist der Fav jetzt auf Twitter soziales Medium. Und dies geschah ziemlich genau f\u00fcnf Jahre nach der Gr\u00fcndung des Unternehmens, das in den Anfangsjahren vor allem von einem gepr\u00e4gt war: Improvisation (vgl. hierzu Bilton 2013). Dies ist aber auch die Phase, in der Twitter beginnt, sich zu professionalisieren; nicht nur auf Ebene des Personals, der Finanzierung und Strategie (vgl. ebd.), sondern insbesondere auch hinsichtlich seiner sozialen Medien: Der Fav wird als erhaltener und vergebener Fav (zusammen mit Retweets und anderen sozialen Medien) immer besser und unmittelbarer als Gebe bzw. Gabe-Akt zwischen zwei Akteuren sichtbar (vgl. Pa\u00dfmann\/Gerlitz 2016 [2014]). Favstar wird in der Folge immer unwichtiger; gro\u00dfe Teile dessen, was diese fr\u00fche Agentur der Sozialisierung von Twitters Medien geleistet hat, setzt Twitter nun mit anderen Mitteln fort. Der Fav erobert als soziales Medium die gesamte Plattform; er ist l\u00e4ngst nicht mehr nur das soziale Medium der Favstar-Communities in Deutschland, Japan oder den USA.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Dennoch gibt es in dieser Zeit weiterhin grob zwei Praxisgemeinschaften des Favens: F\u00fcr die einen ist es ein Medium der Anerkennung (also ein soziales Medium), f\u00fcr die anderen weiterhin der Bookmark aus der Anfangszeit (also eher ein Speichermedium bzw. Organisationsmedium), mit dem man eben nicht Tweets \u201aliket\u2018, sondern nur f\u00fcr sp\u00e4teren Gebrauch abspeichert. Eine Journalistin, die den Tweet eines vermeintlichen Terroristen f\u00fcr Recherchezwecke favorisiert, konnte dies damals noch tun, ohne dass dies als Anerkennung f\u00fcr seine Taten und Darstellungen zu gelten hatte. Diese verschiedenen Praxis-Felder gerieten dann regelm\u00e4\u00dfig in Konflikt, etwa dann, wenn die Bookmarker ihre Favoriten-Listen irgendwann leerten, sodass der Fav f\u00fcr einen Tweet verschwand. F\u00fcr jene, denen der Fav als Medium der Anerkennung galt, war dieses \u201eentfaven\u201c (vgl. ebd.) dann ein Entzug vorher vergebener Anerkennung.<\/p>\n<p>Diese interpretative Flexibilit\u00e4t (vgl. Bijker\/Hughes\/Pinch 2012 [1987]) versucht Twitter im November 2015 aufzul\u00f6sen, indem man aus dem <em>Fav<\/em>, dessen Symbol der Stern war, einen <em>Like<\/em> macht, symbolisiert durch ein Herz (vgl. bspw. den <a title=\"aufsatz gerlitz u.a.\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/11\/16\/social-media-november\/\" target=\"_blank\">Aufsatz<\/a> von Gerlitz\/Herma\/Kyrimi 2015). Einen Terroristen-Tweet nun zu faven bzw. zu liken w\u00e4re mit dem Herz schwieriger als mit dem Stern. Letztlich wird hier also nicht der Nutzungsweise der Vorzug gegeben, den Twitter selbst zu Beginn im Sinn hatte, sondern der, die sich durch kleinere Dienste wie Favstar und gerade durch die Unt\u00e4tigkeit von Twitter entwickelt hat.<\/p>\n<p>Also. Long story short: Das soziale Medium des Favs bzw. Likes hat sich in der Praxis ergeben und wurde nicht im infrastrukturellen Zentrum geplant. Es war zu Beginn gar kein soziales Medium, sondern wurde erst in einer jahrelangen Entwicklung, an der gro\u00dfe, kleine, aber vor allem mittlere Akteure wie Favstar beteiligt waren, zu einem sozialen Medium. In der Folge wurde es immer weiter institutionalisiert.<\/p>\n<p>Hier darf man jetzt aber nicht den Fehler machen, als Ursache f\u00fcr die Durchsetzung dieses sozialen Mediums den praktisch-situativen Zufall anzunehmen. Ich kann das an dieser Stelle nicht ausf\u00fchren, sondern muss es an dieser Stelle bei der Behauptung belassen, dass diese Durchsetzungsgeschichte auf \u00e4lteren Praktiken und Technologien des Bloggens beruht, insbesondere auf denen des ehemaligen Blog-Aggregators digg.com und \u00e4hnlichen Diensten \u2013 in meiner Dissertation lege ich dies genauer dar. Was zum sozialen Medium wird, ist also nicht blo\u00df situationsbedingt, sondern auch Ergebnis einer l\u00e4ngeren Geschichte kultureller Praxis. Dennoch: Ein soziales Medium ist nicht einfach ein Medium, sondern wird erst in einem kooperativen Prozess zu einem solchen (vgl. hierzu auch den <a title=\"aufsatz sch\u00fcttpelz gie\u00dfmann\" href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/medienwissenschaft\/forschung\/mdk\/literatur\/schuettpelzgiessmann_kooperation.pdf\" target=\"_blank\">Beitrag<\/a> von Sch\u00fcttpelz\/Gie\u00dfmann 2015).<\/p>\n<p>Dieser kooperative Prozess hat n\u00e4mlich den gro\u00dfen Vorteil, dass die Sache aus Sicht der Beteiligten zu <em>unserem<\/em> Medium werden kann, d.h. seine Bedeutung wird in einem intersubjektiven Prozess ausgehandelt und dadurch erst zu einer geteilten Bedeutung. Mit anderen Worten: Das Entstehen sozialer Medien h\u00e4ngt nicht nur mit der Anerkennung der beteiligten Personen untereinander zusammen, sondern insbesondere und zun\u00e4chst einmal mit der Anerkennung einer Sache als soziales Medium. Die Parallelen zu historisch \u00e4lteren sozialen Medien, wie dem W\u00e4hrungs-Geld, den Spechtfedern oder den Muschelhalsb\u00e4ndern des Kula-Ring sind offensichtlich.<\/p>\n<p>Wie ein soziales Medium stabil wird, k\u00f6nnen wir uns nun einigerma\u00dfen vorstellen; das ist aber nur die halbe Geschichte, die durch Studien der Science and Technology Studies (STS), insbesondere aber auch der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) stets in den Vordergrund ger\u00e4t. Soziale Medien zu verstehen hei\u00dft aber auch, sich von der ANT zu verabschieden \u2013 oder sagen wir zumindest sich ein gutes St\u00fcck von ihr zu entfernen. Denn wenn soziale Medien das, was wir \u201adas Soziale\u2018 nennen, austragen sollen, kann es nicht nur um Stabilisierung gehen. Denn das Soziale \u2013 ich schreibe es der Einfachheit halber an dieser Stelle ohne die n\u00f6tige Distanz \u2013 ist vielf\u00e4ltig, es ist volatil, labil, improvisiert, ver\u00e4nderlich ungeplant und so weiter. Nat\u00fcrlich helfen soziale Medien hier, diese Labilit\u00e4t des Sozialen zu stabilisieren, etwa indem man die Reaktionsm\u00f6glichkeiten auf einen Tweet auf ein paar wenige Buttons verk\u00fcrzt. Aber das ist ja nur die Form der Interaktion und nicht ihre Bedeutung. Schauen wir uns den neueren Like mal hier in seiner <a title=\"twitter gif heart\" href=\"https:\/\/twitter.com\/twitter\/status\/661558661131558915\" target=\"_blank\">GIF-Form<\/a> an.<\/p>\n<p>Selbst in Twitters Zentrale hat man verstanden, dass die St\u00e4rke des Favs bzw. Likes darin liegt, formal stabil, aber situativ instabil zu sein: Dasselbe Medium schmiegt sich gewisserma\u00dfen in viele verschiedene Situationen ein, es ist Medium des Mitleids, der Affirmation, der Anerkennung und vieles mehr. Wie der Fav bzw. Like als Medium des Abschieds, und zwar eines ganz bestimmten Abschieds sein kann, zeigt die n\u00e4chste Abbildung.<\/p>\n<div id=\"attachment_5849\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5849\" class=\"size-full wp-image-5849\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/4.png\" alt=\"Tweet von @ohaimareiki vom 2. Januar 2015, Screenshot aus Twitters offzieller Android-App.\" width=\"540\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/4.png 540w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/05\/4-169x300.png 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5849\" class=\"wp-caption-text\">Tweet von @ohaimareiki vom 2. Januar 2015, Screenshot aus Twitters offzieller Android-App.<\/p><\/div>\n<p>Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka hat ein sehr unterhaltsames, aber eben auch ethnographisch h\u00f6chst wertvolles <a title=\"porompka\" href=\"http:\/\/www.vocer.org\/12-ways-to-fav-your-followers\/\" target=\"_blank\">Listical<\/a> von zw\u00f6lf verschiedenen Fav-Praktiken geschrieben, in meiner Dissertation habe ich noch einige mehr herausgearbeitet. Diese Vielfalt der Praktiken ist alles andere als trivial, zeigt sie doch den Unterschied zwischen der Technik, um die es Techniksoziologie, STS und ANT geht, von sozialen Medien, die eben Gegenstand der Medienwissenschaft sind. F\u00fcr Medien kommt es n\u00e4mlich auch auf ein Charakteristikum an, das Fritz Heider (2005 [1927]) beschrieben und Niklas Luhmann (1997) weiter ausformuliert hat: Medien sind lose Kopplungen, d.h. sie lassen sich pr\u00e4gen, sie tragen au\u00dfenbedingt die Form einer anderen Sache bzw. eines anderen Sachverhalts. Anders gewendet geht es hier um etwas, das William H. Sewell Jr. jeglicher kultureller Praxis zuschreibt: \u201ePart of what gives cultural practice its potency is the ability of actors to play upon the multiple meanings of symbols\u2014thereby redefining situations in ways that they believe will favor their purposes\u201c (Sewell 2005, 168).<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, anders als die Technik von ANT und Techniksoziologie m\u00fcssen soziale Medien immer wieder neuer Vermittlung, immer wieder neuen Redefinitionen in den vielen verschiedenen Situationen dienen. Nat\u00fcrlich vermittelt auch Technik \u2013 wer ein Rennrad f\u00e4hrt, dr\u00fcckt damit z.B. etwas anderes aus, als wenn er ein Holland-Rad f\u00e4hrt, und wer in Berlin ein Rennrad f\u00e4hrt, dr\u00fcckt damit wiederum etwas anderes aus, als jemand, der in den Alpen Rennrad f\u00e4hrt. Im Vergleich zu sozialen Medien ist die Vermittlungsleistung des Rennrads aber viel zu beh\u00e4big, um diese T\u00e4tigkeit im Hauptberuf auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die institutionalisierten sozialen Medien der Social-Media-Plattformen sind also beides: Sie sind formal stabil und situativ instabil. Das ist ihre Aufgabe und das macht sie vergesellschaftungsf\u00e4hig. Andere soziale Medien k\u00f6nnen sehr instabil sein, ihre Karriere ist dann aber auch relativ bald beendet. Die Weichheit brauchen sie aber immer, denn ansonsten w\u00e4re es relativ unwahrscheinlich, dass sich jemand von ihnen gemeint f\u00fchlt; denn soziale Medien sind materielle oder immaterielle Gegenst\u00e4nde, von denen sich Personen gemeint f\u00fchlen. Ihre Institutionalisierung f\u00e4llt dabei umso leichter, wenn sie bei der Art und Weise dieses Gemeint-Seins helfen: Der Like-Button ist zum Beispiel ein Herz und kein Totenkopf, andere soziale Medien, wie etwa WhatsApps Emojis, sind kleine Tierchen; K\u00fcken, Raupen, M\u00e4use oder Hamster. Mit anderen Worten: Sie spannen ein semantisches Feld der Harmlosigkeit auf, innerhalb dessen eine Bedeutung aber alles andere als klar ist, sondern sich erst herausstellen muss. So wird die Raupe in manchen Beziehungen fast gar keine Bedeutung haben, in anderen ist sie eine eindeutige Einladung zum Geschlechtsverkehr geworden. Soziale Medien werden also erst zu solchen; sie gehen dem mit ihnen ausgetragenen Sozialen aber auch stets voraus; sie sind nicht \u201ablo\u00df\u2018 Medium der Austragung, sondern sind zuallererst der Ausgangspunkt dessen, was wir Sozialit\u00e4t nennen.<\/p>\n<p>\u201eWas sind soziale Medien?\u201c ist also eine Frage, die jede Forschung immer wieder aufs Neue zu beantworten hat. Denn die Rolle, soziales Medium zu sein, ist zwar nicht allen Gegenst\u00e4nden verg\u00f6nnt, und jene, denen es verg\u00f6nnt ist, schreiben sich als eine Art mikrosoziale Gesch\u00e4ftsbedingung ein. Vor allem aber ist diese Rolle eine, der eine gewisse Karriere vorausgehen muss; nichts <em>ist<\/em> ein soziales Medium, bis sich nicht jemand durch es von jemand Anderem gemeint f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Ihre Praxis ist damit alles andere als beliebig. F\u00fcr den Fav wurden ja oben vor allem zwei Dimensionen differenziert: Eine Sozialdimension (v.a. zum Anerkennen) und eine Organisationsdimension (v.a. zum Speichern). Nimmt man noch Facebooks Like oder Twitters Retweet hinzu, wird deutlich, dass dazu noch eine Distributionsdimension kommt. Von hier aus kann man dann komparativ fragen, wie sich unsere sozialen Medien zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwa vom W\u00e4hrungs-Geld unterscheiden. Nehmen wir mal an, wir einigten uns auf die Trias Transport, Speicherung, Anerkennung \u2013 wo w\u00e4ren dann die Unterschiede zu dieser modernen Form des Geldes? Die Wirtschaftswissenschaft differenziert hier, so fasst David Graeber zusammen, zwischen drei Funktionen des Geldes: Tauschmittel, Rechnungseinheit, Wertaufbewahrungsmittel (Graeber 2012 [2011], 28). Wie funktioniert also das, was zu unseren sozialen Medien geworden ist und immer wieder aufs Neue zu unseren sozialen Medien wird? In welchen Verh\u00e4ltnissen stehen Facebooks, Twitters und instagrams soziale Medien zu ihren historischen Vorl\u00e4ufern? Wie entfalten sie welche Formen der Sozialit\u00e4t und inwiefern ist Sozialit\u00e4t stets auch ein Effekt dieser Medien? Wir wissen es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcber diese Praxisgemeinschaften, ihre Praktiken, \u00c4sthetiken und deren Entwicklung \u00fcber einen Zeitraum von f\u00fcnf Jahren habe ich meine im M\u00e4rz 2016 eingereichte Dissertation <em>Was war Twitter? Eine Medien-Ethnographie<\/em> geschrieben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich m\u00f6chte hier nicht zu viel von meinen Dissertations-Ergebnissen vorweg nehmen, nur so viel: Die Praktiken sind \u00fcber die Zeit einer betr\u00e4chtlichen Transformation unterworfen. In Zeiten des sozialen Wandels sind sie sehr stark von rationaler Reziprozit\u00e4t, strategischem Kalk\u00fcl und all dem geleitet, was dem semantischen Feld der Verdinglichung zugeh\u00f6rig ist. Sp\u00e4ter dann ziehen sich diese Praktiken mehr und mehr zur\u00fcck; sie werden in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe kommunitaristisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Barnes, John A. 1980. \u201eKinship Studies: Some Impressions on the Current State of Play.\u201c In: <em>Man<\/em>, 15, 2, 293\u2013303.<\/p>\n<p>Bijker, Wiebe\/Hughes, Thomas\/Pinch, Trevor (Hrsg., 2012 [1987]): <em>The Social Construction of Technological Systems. New Directions in the Sociology and History of Technology<\/em>. Cambridge, MA\/London.<\/p>\n<p>Bilton, Nick (2013): <em>Twitter. Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat<\/em>. \u00dcbers. v. Ulrike Bischoff und Andreas Simon dos Santos. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p>Couldry, Nick \/ van Dijck, Jos\u00e9 (2015): \u201eResearching Social Media as if the Social Mattered\u201c. In: <em>Social Media + Society<\/em>, 1, 2, 1\u20137.<\/p>\n<p>Dalton, George (1965): \u201ePrimitive Money\u201c. In: American Anthropologist, 67, 1, 44-65, online verf\u00fcgbar unter: http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1525\/aa.1965.67.1.02a00040\/pdf [22. Mai 2016].<\/p>\n<p>Heider, Fritz (2005 [1927]): <em>Ding und Medium<\/em>. Berlin.<\/p>\n<p>Gerlitz, Carolin\/Herma, Leonie\/Kyrimi, Giannouli (2015): \u201eThe disambiguation of social buttons\u201c.http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/11\/16\/social-media-november\/ [22. Mai 2016].<\/p>\n<p>Graeber, David (2012 [2011]): <em>Schulden. Die ersten 5000 Jahre<\/em>. Stuttgart.<\/p>\n<p>Han, Byung-Chul (2012): <em>Transparenzgesellschaft<\/em>. Berlin.<\/p>\n<p>Honneth, Axel (2015 [2005]): <em>Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie<\/em>. Berlin\/Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Houellebecq, Michel (2015 [1994]): <em>Die Ausweitung der Kampfzone<\/em>. Berlin.<\/p>\n<p>Illouz, Eva (2015 [2005]): <em>Gef\u00fchle in Zeiten des Kapitalismus<\/em>. Berlin\/Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Luk\u00e1cs, Georg (1968 [1923]): \u201eDie Verdinglichung und das Bewu\u00dftsein des Proletariats\u201c. In: ders.: <em>Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein. Werke, <\/em>Bd. 2. Neuwied\/Berlin, 257-397.<\/p>\n<p>Luhmann, Niklas (1997): <em>Die Gesellschaft der Gesellschaft<\/em>. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Malinowski, Bronis\u0142aw (2007 [1922]): <em>Argonauten des westlichen Pazifiks. Ein Bericht u\u0308ber Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea<\/em>. \u00dcbers. v. Heinrich Ludwig Herdt. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p>Mauss, Marcel (1990 [1925]): <em>Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften<\/em>. \u00dcbers. v. Eva Moldenhauer. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p>Ortner, Sherry B. (1984): \u201eTheory in Anthropology since the Sixties\u201c. In: <em>Comparative Studies in Society and History<\/em>, 26, 1, 126-166.<\/p>\n<p>Pa\u00dfmann, Johannes\/Gerlitz, Carolin (2016 [2014]): \u201e\u201aGood\u2018 platform-political reasons for \u201abad\u2018 platform-data\u201c. http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/01\/04\/good-platform-political-reasons-for-bad-platform-datavon-johannes-passmann-und-carolin-gerlitz4-1-2016\/ [22. Mai 2016], leicht \u00fcberarbeitete Fassung eines Aufsatzes aus: <em>Mediale Kontrolle unter Beobachtung<\/em> 3.1\/2014.<\/p>\n<p>Pa\u00dfmann, Johannes (2015): \u201eBewertungssysteme. Medienpraktiken im Umgang mit Fremden\u201c. In: <em>Zeitschrift f\u00fcr Literaturwissenschaft und Linguistik<\/em>, 177, 1, 141-166.<\/p>\n<p>von R\u00f6nne, Ronja (2016): <em>Wir kommen<\/em>. Berlin.<\/p>\n<p>Sch\u00fcttpelz, Erhard\/Gie\u00dfmann, Sebastian (2015): \u201eMedien der Kooperation. \u00dcberlegungen zum Forschungsstand\u201c. In: AG Medien der Kooperation (Hrsg.): <em>Navigationen<\/em>, 15, 1, 7\u201354.<\/p>\n<p>Sewell, William H. Jr. (2005 [2001]): <em>Logics of History<\/em>.<em> Social Theory and Social Transformation<\/em>. Chicago.<\/p>\n<p>Simmel, Georg (2011 [1900]): <em>Philosophie des Geldes<\/em>. Bd. 6 d. Gesamtausg. Hg. v. David P. Frisby und Klaus Christian K\u00f6hnke. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>v\\:* {behavior:url(#default#VML);} o\\:* {behavior:url(#default#VML);} w\\:* {behavior:url(#default#VML);} .shape {behavior:url(#default#VML);} Normal 0 false 21 false false false DE X-NONE X-NONE \/* Style Definitions *\/ table.MsoNormalTable {mso-style-name:&#8220;Normale Tabelle&#8220;; mso-tstyle-rowband-size:0; mso-tstyle-colband-size:0; mso-style-noshow:yes; mso-style-priority:99; mso-style-parent:&#8220;&#8220;; mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt; mso-para-margin:0cm; mso-para-margin-bottom:.0001pt; mso-pagination:widow-orphan; font-size:12.0pt; font-family:&#8220;Cambria&#8220;,&#8220;serif&#8220;; mso-ascii-font-family:Cambria; mso-ascii-theme-font:minor-latin; mso-hansi-font-family:Cambria; mso-hansi-theme-font:minor-latin; mso-fareast-language:EN-US;} Was sind soziale Medien?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[721,1378,2164,2286,2407],"class_list":["post-5850","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-fav","tag-like","tag-social-media","tag-tausch","tag-twitter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5850","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5850"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5850\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5850"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5850"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5850"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}