{"id":5868,"date":"2016-05-31T22:37:43","date_gmt":"2016-05-31T20:37:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5868"},"modified":"2016-05-31T22:37:43","modified_gmt":"2016-05-31T20:37:43","slug":"pop-archiv-maivon-thomas-hecken31-5-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/05\/31\/pop-archiv-maivon-thomas-hecken31-5-2016\/","title":{"rendered":"Pop-Archiv Maivon Thomas Hecken31.5.2016"},"content":{"rendered":"<p>Neue Linke 1968, Essener Songtage, Frank Zappa<!--more --><\/p>\n<p>Aus Sicht der an Herbert Marcuse geschulten Neuen Linken bilden Ende der 1960er Jahre viele antiautorit\u00e4re und vor allem gegenkulturelle Bestrebungen keinen Gegensatz zur zeitgen\u00f6ssischen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die moderne, an der Konsumsteigerung ausgerichtete \u00d6konomie ben\u00f6tige nun hedonistischere und zugleich flexiblere, auf wechselnde Reize reagierende, immer wieder neu manipulierbare Charaktere, nicht mehr den puritanischen Menschen, der an den v\u00e4terlich-autorit\u00e4r eingepflanzten Pflicht- und Tugendidealen um ihrer selbst willen festh\u00e4lt (B\u00f6ckelmann 1987: 34ff.).<\/p>\n<p>Die Pop-Linke jener Tage teilt diese Argumentation durchaus, bezieht sie jedoch keineswegs ganz auf sich selbst. Ihre L\u00f6sung besteht darin, den vermeintlich guten, resistenten von einem vereinnahmbaren Teil abzuspalten; dies soll durch eine stetige Kritik an sog. \u201ekommerziellen\u201c Verfehlungen garantiert werden, wie etwa in Deutschland von Rolf-Ulrich Kaiser<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und Henryk M. Broder<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> vorgemacht; hier ein Auszug aus einem Artikel Broders aus dem Jahr 1969, in dem der Kommerzialismus am Ende noch st\u00e4rker an der Erf\u00fcllung von Konventionen als am tats\u00e4chlichen Erfolg festgemacht wird:<\/p>\n<p>\u201eDenn der kommerziell verwertete Underground \u2013 das sind Schnulzen, das ist Beat, das ist Rock, das ist aber auch viel neuer Blues, das ist h\u00e4ufig Musik, die frisch und originell und vor allem einige Runden besser ist als die fade Konfektionsware von der Art der Bee Gees und der Beach Boys \u2013 nur halt nicht Untergrund.\u201c \u2013 \u201eFrank Zappa zum Beispiel und seine Mothers of Invention, die erfolgreichste Avantgarde-Pop-Band der USA, sind eine Untergrundband. [&#8230;] Sie sind trotz oder gerade wegen ihres kommerziellen Erfolges untergr\u00fcndig geblieben und haben keine Konzessionen gemacht, im Gegenteil. [&#8230;] Zur inhaltlichen Relevanz kommen formale Experimente. Zappa arbeitet mit Ton-Collagen, Elektronik, Ger\u00e4uschen, zerst\u00f6rt \u203arichtig sch\u00f6ne\u2039 Kl\u00e4nge, macht eine Musik, auf die man sich konzentrieren mu\u00df\u201c (Broder 1969: 38, 37).<\/p>\n<p>Kaiser und Broder sind nicht nur an einer K\u00f6lner sog. Underground-Zeitschrift mit dem Titel <em>popopo<\/em> beteiligt \u2013 die drei <em>po<\/em>s stehen f\u00fcr Pop, Politik und Pornographie \u2013, sondern auch ma\u00dfgeblich an den vom Jugendamt der Stadt Essen veranstalteten <em>Song-Tagen<\/em> im September 1968. Ihr Anspruch ist es, bei den <em>Internationalen Essener Song-Tagen 1968<\/em> Gruppen zu versammeln, deren \u201epopul\u00e4re Musik\u201c kein \u201eNarkotikum\u201c, sondern ganz im Gegenteil ein \u201ePolitikum\u201c darstelle, wie Kaiser programmatisch schreibt (1968b: 102). \u201eWenn die Form der Musik sich \u00e4ndert \/ Wackeln die W\u00e4nde der Stadt\u201c, ist die Antwort von Tuli Kupferberg (1968: 16), Mitglied von Kaisers Lieblingsgruppe The Fugs, auf Kaisers Frage (1968c), welchen Beitrag \u201eLieder bei der Ver\u00e4nderung der Gesellschaft\u201c leisten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Kaiser selbst stellt im Magazin zu den <em>Song-Tagen<\/em> mit recht muffiger Rhetorik seinen anderen Favoriten Frank Zappa als \u201ebissigste Beat-Laus, die sich die Great-Society bisher in den Pelz gesetzt\u201c habe, vor; unter Verwendung eines Zitats von Uwe Nettelbeck h\u00e4lt er die \u201eUntergrund-Oratorien\u201c der Mothers of Invention f\u00fcr den bislang \u201egenialsten und b\u00f6sartigsten Kommentar zum american way of life und american way of politics\u201c (1968d: 194).<\/p>\n<p>Neben den Fugs und den Mothers of Invention treten bei den Essener <em>Song-Tagen<\/em>, dem bis dato gr\u00f6\u00dften Musik-Festival in Deutschland au\u00dferhalb des Jazz und der klassischen Musik, noch verschiedene andere Gruppen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Folklore und dem Kabarett auf. Seinen historischen Status erlangt das Festival aber als zentraler Treffpunkt der deutschen Gegenkultur, von der Kommune I bis Amon D\u00fc\u00fcl und ihren vielen unbekannteren Nachfolgern aus anderen St\u00e4dten und Provinzen.<\/p>\n<p>\u201eTausende waren zu diesem Festival gekommen, in klapprigen, gebl\u00fcmten Autos, in indischen Flatterstoffen, in alten, vom Tr\u00f6dler geholten Felljacken und Pelzm\u00e4nteln, die jungen Frauen mit Talmi geschm\u00fcckt, die M\u00e4nner mit ein, zwei Jahre lang ungeschnittenen Haaren, alle zusammen eher Akteure als Publikum\u201c \u2013 erinnert sich der Erz\u00e4hler in einem Roman Bernd Cailloux\u2019 (2005: 66) affirmativ, m\u00f6chte dann aber doch im R\u00fcckblick die vorgebliche damalige Stimmung teilweise entt\u00e4uschen \u2013: \u201eeine gleichgesinnte, euphorisch gestimmte Menge, die von ihrem unaufhaltsamen Zug zur Selbstaufl\u00f6sung noch nichts ahnte. Sie glaubte an eine ewig w\u00e4hrende Epoche, sie traute den Zeichen dieser Nacht \u2013 brothers and sisters, rief eine Stimme aus Verst\u00e4rkern, freak out!\u201c<\/p>\n<p>Auf sie zugeschnitten ist der Festivalabend unter dem Titel \u201eLet\u2019s take a trip to Hashnidi\u201c, bei dem die Musik div. Underground-Gruppen durch Filmprojektionen und Lichtinstallationen begleitet wird. Im Begleitbuch zum Festival ist dem Spektakel programmatisch vorgearbeitet worden: Die wirkungsvolle \u00c4nderung von \u203aLeben\u2039 und damit (nach kulturrevolution\u00e4rer Logik) auch \u203aPolitik\u2039 sieht Kaiser nicht allein durch \u203aKommentare\u2039, durch Liedtexte ins Werk gesetzt. Der \u201eneue Sound\u201c ist f\u00fcr ihn \u201edoppel-klingend\u201c: \u201eAls direkte Aktion wie bei den \u203aFugs\u2039 und in den letzten Liedern Degenhardts. Aber auch als Musikhappening, das bewu\u00dftseinserweiternd und bewu\u00dftseinserweitert, psychedelisch, andere Erlebnisweisen erschlie\u00dft\u201c (1968b: 103).<\/p>\n<p>Das alles kann man mit Hilfe von B\u00fcchern und Aufs\u00e4tzen gut dokumentieren, einen sinnvollen Einstieg bietet das Buch von\u00a0Detlev Mahnert und Harry St\u00fcrmer (unter dem freilich recht abschreckenden Deutschlehrer-Titel\u00a0\u201eZappa, Zoff und Zwischent\u00f6ne. Die Essener Songtage 1968\u201c, Essen 2008). Damit kommen wir aber zum Problem dieser Pop-Archiv-Ausgabe: Nur die \u00f6ffentlich-rechtlichen deutschen Sender halten alles sch\u00f6n unter Archiv-Verschluss. Andererseits steht dann auch einiges im Netz, allerdings in schlechter Qualit\u00e4t und &#8211; ja, wie soll ich sagen &#8211; irgendwie illegal, sch\u00e4tzungsweise &#8230; Ich will dem nicht n\u00e4her auf den Grund gehen, es lediglich sehr bedauern und nun \u00fcbergangslos auf ein 45-min\u00fctiges Feature vom Bayerischen Rundfunk aus dem Jahr 1968 zum Festival verweisen, das in zwei Teilen im Netz steht. H\u00f6hepunkt hier das Ende mit Julie Driscoll und dem SPD-OB, der direkt aus der Weimarer Zeit zu kommen scheint und mehr oder minder dazu r\u00e4t, nicht Musikfestivals zu machen, sondern zu den Waffen zu greifen:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;FhcJfCGzlRw&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Teil 2 dann mit viel Zappa und \u203aB\u00fcrger\u2039-Meinungen. Das Anschauen dieser zwanzig Minuten er\u00fcbrigt die Lekt\u00fcre hunderter Feuilletonartikel, die in den n\u00e4chsten Jahren zum gro\u00dfen Jubil\u00e4um der antiautorit\u00e4ren Revolte erscheinen werden:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;zCICD3zVzAU&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Kaiser beginnt mit Artikeln und B\u00fcchern zum Folk-Song, bevor er dann seine Version des \u201eUnderground\u201c publizistisch ausbreitet und sp\u00e4ter auch als Label-Manager produziert; s. etwa Kaiser 1968a; 1969; 1972.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00dcber Broder hei\u00dft es im Buch zu den <em>Song-Tagen<\/em> (wahrscheinlich von ihm selbst geschrieben): \u201e22 Jahre alt, seit 1958 in K\u00f6ln, davor mal hier, mal dort, im Herbst 1966 Abitur, seitdem Studium der Soziologie und Arbeit als freier Journalist (Pop, Politik, Pornographie) f\u00fcr nach und nach <em>vier Handvoll Rundfunkanstalten und Zeitungen<\/em>. Keine Vorbilder, keine Hobbies, keine Leidenschaften, Nichtraucher, Cola- und Milchtrinker, voller Sympathie f\u00fcr Rasputin, das Telefon, Kurt Tucholsky, D\u00e4nemark, Fritz Teufel und BMTR\u201c (Anonymus 1968; Hervorhebung von mir).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Anonymus (1968): \u201eHenryk M. Broder\u201c. In: Henryk M. Broder\/Martin Degenhardt\/Rolf-U. Kaiser in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 f\u00fcr IEST 68, Essen, S. 106.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">B\u00f6ckelmann, Frank (1987): Die schlechte Aufhebung der autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit [1966], Freiburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Broder, Henryk M. (1969): \u201eUnderground und Untergrund. Das Gesch\u00e4ft mit dem Etikett\u201c. In: <em>Spontan<\/em>, H. 3, S. 37-39.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Cailloux, Bernd (2005): Das Gesch\u00e4ftsjahr 1968\/69, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Kaiser, Rolf-U. (Hg.) (1968a): Protestfibel. Formen einer neuen Kultur, Bern u.a.<\/p>\n<p>Kaiser, Rolf-U. (1968b): o.T. In: Henryk M. Broder\/Martin Degenhardt\/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 f\u00fcr IEST 68, Essen, S. 102-104.<\/p>\n<p>Kaiser, Rolf-U. (1968c): \u201eDer IEST-Meinungspool. Die Lieder und die Revolution\u201c. In: Henryk M. Broder\/Martin Degenhardt\/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 f\u00fcr IEST 68, Essen, S. 12.<\/p>\n<p>Kaiser, Rolf-U. (1968d): \u201eMothers of Invention\u201c. In: Henryk M. Broder\/Martin Degenhardt\/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 f\u00fcr IEST 68, Essen, S. 194.<\/p>\n<p>Kaiser, Rolf-U. (1969): Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! Eine Buchcollage, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Kaiser, Rolf-U. (1972): Rock-Zeit. Stars, Gesch\u00e4ft und Geschichte der neuen Pop-Musik, D\u00fcsseldorf und Wien.<\/p>\n<p>Kupferberg, Tuli (1968): \u201eSong \u2013 Lied\u201c. In: Henryk M. Broder\/Martin Degenhardt\/Rolf-U. Kaiser in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 f\u00fcr IEST 68, Essen, S. 16-17.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Linke 1968, Essener Songtage, Frank Zappa<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90107,678,784,2425],"class_list":["post-5868","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-90107","tag-essener-songtage","tag-frank-zappa","tag-underground"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5868","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5868"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5868\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5868"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5868"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5868"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}