{"id":5898,"date":"2016-06-20T16:12:58","date_gmt":"2016-06-20T14:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5898"},"modified":"2016-06-20T16:12:58","modified_gmt":"2016-06-20T14:12:58","slug":"mode-junivon-viola-hofmann20-6-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/06\/20\/mode-junivon-viola-hofmann20-6-2016\/","title":{"rendered":"Mode Junivon Viola Hofmann20.6.2016"},"content":{"rendered":"<p>Der Metalliclook<!--more --><\/p>\n<p>Metallene und buntmetallene Accessoires sind seit einiger Zeit \u00e0 la mod. In unseren Wohnr\u00e4umen darf lang geschm\u00e4htes Gold, Silber, Kupfer oder Messing aufblitzen. Die Betonung liegt dabei auf ODER, denn in den Laden- und Hochglanzmagazinen wechseln die Dinge cham\u00e4leongleich die Farben ihrer gl\u00e4nzenden Oberfl\u00e4chen. Schnell beschleicht einen die Frage, ob das k\u00fcrzlich gekaufte Zubeh\u00f6r, der Obstkorb, die Lampe, der Kerzenst\u00e4nder, die Griffe an der K\u00fcchenfront, noch up to date sind. Als w\u00e4re es nicht kompliziert genug, wird zu alledem nun auch der Modek\u00f6rper vom Metalliclook befallen, wie bei Isabel Marant zu sehen:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;cUEFhMQTwwA&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die k\u00f6pernahe Hardware\u00a0\u2013 Uhren, Schmuck und Smartphones\u00a0\u2013 parallel zur Einrichtung l\u00e4ngst in allen Metallarben durchdekliniert wurde, gl\u00e4nzt f\u00fcr Fr\u00fchjahr und Sommer 2016 auch die textile Software. Auf den Laufstegen und Messen waren M\u00e4ntel, Jacken, Hosen, Shirts, <a title=\"chanel show\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SJebP-toiUs\" target=\"_blank\"><span style=\"text-decoration: underline\">G\u00fcrtel, Schuhe und Handschuhe<\/span><\/a>, wahlweise aus Lackleder, Metallfolien, Lam\u00e9s, aus Stoffen mit dichtem Paillettenbesatz, mit <a title=\"Loewe Show\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8h_6TNuLvgY\" target=\"_blank\"><span style=\"text-decoration: underline\">Spiegel-Applikationen<\/span><\/a> oder folierten Prints zu sehen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;cNUhwgpnAZc&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Tom Ford hat den Metalliclook ganz besonders in Szene setzen lassen. Im von Nick Knight produzierten Video, in dem Lady Gaga mit bekannten Models Parade abh\u00e4lt, wird der Laufsteg zugleich zum Dance Floor und das Geschehen zum Musikvideo. Ein Lichttanzboden, stroboskopartige Lichtblitze sowie die Tanzbewegungen akzentuieren dabei die metallenen Bekleidungselemente. Es gl\u00e4nzt und glitzert effektvoll, umso mehr, wenn das Licht gedimmt und pl\u00f6tzliche Schlaglichter die bunt schillernde Abendmode aufscheinen lassen. Lady Gaga intonierte dazu den Disco Hit <em>I want your Love<\/em> der Band<em> Chic <\/em>aus dem Jahr 1979 neu. Schaut man sich das \u00e4ltere Video der Combo an, wird nicht nur die Affinit\u00e4t der Disco-\u00c4ra zum Metalliclook offenkundig. Mit dem Blick auf die 1970er und 80er Jahre scheint sich jene Schatzkiste zu \u00f6ffnen, in die auch Tom Ford zur Anregung gesehen haben muss:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;Xv744Ckqp5U&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>\u00c4hnlich eklektizistisch fokussiert zeigen sich andere aktuelle Kollektionen. Sie mischen Metallisches wahlweise mit\u00a0 folkloristischen (Marant), mit romantisch-sportiven (<a title=\"Moncler Show\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=65H1EVU7nX8\" target=\"_blank\">Moncler<\/a>) oder retro-futuristischen (<a title=\"Margiela Show\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U3Dn9MK1XUM\" target=\"_blank\">Margiela<\/a>) Styles ab. Auch dort sind wiederum die Metalliclook-Anleihen, bezieht man weitere Designdetails mit ein, aus nahezu allen Dekaden des 20. Jahrhunderts zu sichten. Die Spuren der Inspiration lassen sich bis in die 1920er und 30er Jahre zur\u00fcckverfolgen.<\/p>\n<p>Eben seit dieser Zeit ist wurde es m\u00f6glich, durch neue Material- und Produktionstechnologien vergleichsweise leichte und g\u00fcnstige metallisch wirkende Textilien und Bekleidungen herzustellen. Die Kunstseide, auch Rayon genannt, ein per se mit besonderem Schimmer versehenes Material konnte effektvoll modifiziert werden. In den 1930er Jahren traten an die Stelle von gewalzten Pailletten und Lahndr\u00e4hten sowie hauchd\u00fcnn gezogenen Dr\u00e4hte, alles aus Echtmetall, stanz-, verspinn- und verwebbare Folien aus Polyester. Die synthetischen Produkte waren wesentlich leichter, scheuerten weniger und oxidierten nicht. Textiles Tr\u00e4germaterial konnte durch gl\u00e4nzendes Polyurethan kaschiert, das hei\u00dft beschichtet werden. Echtleder erhielten durch neue Lacke ein hoch- oder nassgl\u00e4nzendes Finish. In den 1940er Jahren gelang es, Polyesterfolie mit Aluminiumstaub zu bedampfen. Die hergestellten Stoffe sahen wie Aluminiumfolie aus und wurden unter dem Markennamen Lurex bekannt.<\/p>\n<p>Durch die Surrogate erh\u00f6hte sich die Verf\u00fcgbarkeit metallisch aussehender Textilien. Ihre besondere Wirkung entfalteten diese Materialien vor allem in geb\u00fcndeltem Licht und besonders bei Bewegung des Tr\u00e4gers. Je nach Biegeverhalten \u2013 von flie\u00dfend bis steif\u00a0\u2013 tauchten sie jeden Schwung, jeden neu entstehenden Kniff, jede Falte, jede Erhebung und Rundung in scharfe Kontraste zwischen spiegelnder Reflektion und verschatteten Zonen. Gl\u00e4nzende Fransenborten, Lam\u00e9s und Paillettenstoffe brachten nicht nur qua Herstellung industriellen Glanz in die Mode. Sie wurden aufgrund ihrer Eigenschaften zu Partnern von k\u00fcnstlicher Beleuchtung und Kinetik und avancierten zu materiellen Korrespondenten f\u00fcr Dynamik, Fortschritt und Modernit\u00e4t. Der so \u00fcberzogene K\u00f6rper wurde schlie\u00dflich selbst zum Transponder seiner urbanen und technisierten Umwelt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;wY5GdeqOkfc&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Berlin. Symphonie einer Gro\u00dfstadt 1927 ( 53:03-57:20)<\/p>\n<p>In Verbindung mit dem Medium Film, im Schwarz-Wei\u00df-Kino kamen die Glanzeffekte besonders zur Geltung, im Starsystem und der Fotografie wurden die neuen Materialien bereits seit den 1920er Jahren mit weiteren Assoziativen verschmolzen. Je nach Genre wurde der Glanz der Roben und Kost\u00fcme mit Glamour, Opulenz, Coolness oder Futurismus gleichgesetzt, und es entstand eine eigene Poetik des Materials:<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;OFOs8QWtMDU&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Christopher Strong, 1933 (\u201eSomething Exquisite\u201c)<\/p>\n<p>Die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr SS 2016 nutzen ohne Zweifel die stimulierende Dimension des metallischen Textilmaterials, das die Sinne in besonderer Weise anspricht. F\u00fcr den Catwalk ist es mindestens genauso spannend wie in Film und Foto mit der kulturell aufgeladenen Materialatmosph\u00e4re zu experimentieren. Der Laufsteg verf\u00fcgt schlie\u00dflich \u00fcber \u00e4hnliche dramatische Mittel der Inszenierung. Tom Ford hat es vorgemacht.<\/p>\n<p>Im Modealltag hat dieses optische Spiel l\u00e4ngst seinen Niederschlag gefunden. So sind zum Beispiel mehrere Birkenstockmodelle in Gold, Kupfer oder Silber zu haben. Aber was soll durch die k\u00fcnstliche Aura metallischer Zugaben hervorgehoben werden? Die Ensemblierung des K\u00f6rpers mit schnell und billig Produziertem?\u00a0 Die programmierte Kurzlebigkeit der meisten anderen Materialen? M\u00f6glicherweise sollen die gl\u00e4nzenden Einzelteile f\u00fcr einen baldigen Verlust der punktuell aufgewerteten Dinge entsch\u00e4digen. Schlie\u00dflich ziehen die meisten Materialqualit\u00e4ten und Verarbeitungsweisen der Massenproduktion den raschen Austausch der Kleidung nach sich. Auch die am Leib getragene Mode ist durch die Macht der Sichtbarkeit ohnehin in eine Richtung organisiert: Visuelles verweist auf Virtuelles. Der Verweis des Visuellen auf das Materielle scheint abgeschnitten. Die Mode macht kaum noch auf ihre Substanz, das Material, seine Begrifflichkeiten und Qualit\u00e4ten aufmerksam. Das Materialwissen schwindet. Der Metalliclook erscheint in diesem Zusammenhang wie ein glitzerndes Trostpflaster.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"wesite hofmann\" href=\"http:\/\/www.fk16.tu-dortmund.de\/textil\/02_personal\/hofmann.html\" target=\"_blank\">Viola Hofmann<\/a> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar f\u00fcr Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Metalliclook<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-5898","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5898\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}