{"id":5905,"date":"2016-06-22T22:20:26","date_gmt":"2016-06-22T20:20:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5905"},"modified":"2016-06-22T22:20:26","modified_gmt":"2016-06-22T20:20:26","slug":"der-konsum-der-reichenvon-thomas-hecken23-6-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/06\/22\/der-konsum-der-reichenvon-thomas-hecken23-6-2016\/","title":{"rendered":"Der Konsum der Reichenvon Thomas Hecken23.6.2016"},"content":{"rendered":"<p>Demonstrativer und exklusiver Reichtum<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst unter dem Titel \u00bbDer Konsum der Reichen. Ein Essay zur gegenw\u00e4rtigen Lage\u00ab erschienen in: Eva M. Gajek\/Christoph Lorke (Hg.): \u00bbSoziale Ungleichheit im Visier. Wahrnehmung und Deutung von Armut und Reichtum seit 1945\u00ab, Campus Verlag, Frankfurt und New York 2016, S. 311-328]<\/p>\n<p>Der Titel \u00bbKonsum der Reichen\u00ab macht sich die M\u00f6glichkeiten des Genitivs zunutze. Es soll nicht nur um das gehen, was Reiche konsumieren, sondern auch darum, wie Reiche konsumiert werden, was von ihnen visuell \u203averzehrt\u2039 werden kann \u2013 und nicht zuletzt wird es in Kombination der beiden Punkte um das gehen, was Menschen, die selbst nicht verm\u00f6gend sind, in der Gegenwart an medialen Angeboten bekommen, die Informationen und Bilder \u00fcber Reiche und deren (potenzielle) Konsumgegenst\u00e4nde pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Denn hier gilt einmal der Satz, dass man an Wissen \u00fcber die Welt nur \u00fcber Massenmedien gelange. Er gilt, wenn f\u00fcr \u203aman\u2039 Nicht-Reiche und f\u00fcr \u203aWelt\u2039 Reiche eingesetzt wird. Im allt\u00e4glichen Zusammenhang treffen Reiche fast nur noch auf ihresgleichen, auf Dienstpersonal (Stylisten, Finanzberater, Helikopterkapit\u00e4ne eingerechnet) und mitunter auf Journalisten. Falls Reiche noch in ihrer (oder als hochbezahlte Manager f\u00fcr eine) Firma arbeiten, sehen die Arbeiter und Angestellten sie nur noch in seltenen F\u00e4llen (wenn \u00fcberhaupt) auf Betriebsfesten und in Versammlungen. Der Firmengr\u00fcnder oder -erbe, der als Patriarch vielen seiner Untergegebenen (nicht nur dem F\u00fchrungsstab) einen H\u00e4ndedruck oder in manchen F\u00e4llen sogar ein gutes Wort, so etwas wie pers\u00f6nliche Anteilnahme, jedenfalls seinen Anblick aus n\u00e4chster N\u00e4he g\u00f6nnt, um die Gemeinsamkeit, die Verbundenheit im gro\u00dfen Ganzen k\u00f6rperlich zu manifestieren, bildet heute eine Ausnahme, falls er \u00fcberhaupt noch existiert.<\/p>\n<p>Aus diesen ersten Anmerkungen geht bereits hervor, dass der Begriff \u203areich\u2039 hier nicht auf eine Eigenschaft von Personen zielt, die kleine oder mittelgro\u00dfe, in jedem Fall wenig profitable Betriebe besitzen und\/oder \u00fcber Eink\u00fcnfte und Verm\u00f6gen in einstelliger Millionenh\u00f6he verf\u00fcgen. Unter \u203aReiche\u2039 werden in diesem Aufsatz all jene gefasst, die j\u00e4hrlich (Stand 2015) auf Eink\u00fcnfte zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen (Zinsen, Dividenden, Mieteinnahmen, Tantiemen etc. eingeschlossen), die \u00fcber zwei Millionen Euro liegen, und deren Verm\u00f6gen zehn Millionen Euro \u00fcbersteigt (inklusive H\u00e4user, Autos, Aktien etc. zum aktuellen Nenn- bzw. Wiederverkaufswert; abz\u00fcglich Kreditverpflichtungen). F\u00fcr Leute, deren Einkommen und Verm\u00f6gen darunter liegt, die aber beim Einkommen auf das F\u00fcnffache des Durchschnittseinkommens (momentan 41.000 Euro Jahresbruttogehalt) und beim Verm\u00f6gen \u00fcber 500.000 Euro kommen, bleibt nach unserer Sprachregelung das Wort \u203awohlhabend\u2039 reserviert. Was im Rahmen dieses Aufsatzes als \u203areich\u2039 gilt, nennen andere \u00bbsuperreich\u00ab oder bezeichnen es als Eigenschaft von \u00bbUltra-High Net Worth Individuals\u00ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Auf solche \u203aUltra-Individuen\u2039, \u203aSuperreiche\u2039 bzw. nach unserer Terminologie \u203aReiche\u2039 richten sich die folgenden \u00dcberlegungen. Auf sie zielte bereits die Aussage, dass man Reiche selbst dann kaum oder gar nicht zu Gesicht bekommt, wenn ihnen die Firma geh\u00f6rt, f\u00fcr die man arbeitet.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;TZY3Wkulh68&#8243; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Auch im \u00f6ffentlichen Raum au\u00dferhalb der Fabrik- und B\u00fcrogeb\u00e4ude sind die Reichen heutzutage wenig pr\u00e4sent. Auf Menschen, die \u00fcber wenig oder gar kein Geld und kaum Besitz verf\u00fcgen, trifft man auch als Angeh\u00f6riger der Mittelschicht regelm\u00e4\u00dfig, wenn man Rath\u00e4user oder Superm\u00e4rkte aufsucht, zumindest treten sie einem als Bettler in den Innenst\u00e4dten oder in der N\u00e4he von Bahnh\u00f6fen entgegen. Reiche hingegen sieht man selbst in den Stra\u00dfen, die Luxusgesch\u00e4fte beherbergen, kaum einmal vor Schaufenstern flanieren, h\u00f6chstens treten sie rasch aus der Limousine in die Galerien, Juwelen- oder Designergesch\u00e4fte. Nicht selten \u2013 besonders wenn ihre Gesichter aus massenmedialen Ver\u00f6ffentlichungen einem breiteren Publikum bekannt sind und es ihnen nicht um Publicity geht \u2013, lassen sie den Laden absperren, damit sie exklusiv die Boutique in Augenschein nehmen k\u00f6nnen, wenn ihnen nicht ohnehin Inhaber oder Angestellte des Gesch\u00e4fts oder Stylisten ausgew\u00e4hlte St\u00fccke in Privatr\u00e4ume oder Hotelsuiten bringen, aus Gr\u00fcnden der Bequemlichkeit und um jede M\u00f6glichkeit, von Passanten oder anderen Kunden gesehen zu werden, auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ausgangspunkt: Prousts <em>Recherche<\/em><\/p>\n<p>Dass Reiche auf frei zug\u00e4nglichen Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen regelm\u00e4\u00dfig spazieren gehen, erscheint deshalb wie ein Traumgebilde, doch liegen solche Zeiten nicht weit zur\u00fcck. Ein Beispiel aus dem Paris Ende des 19. Jahrhunderts: Marcel Proust beschreibt im zweiten Band von <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit<\/em> eine Stelle unweit der Avenue du Bois (heute Avenue Foch, die breiteste und teuerste Pariser Stra\u00dfe, vom Triumphbogen ausgehend), an der Leute stehen, \u00bbdie von dort aus die Reichen beobachteten, von denen sie h\u00f6chstens die Namen kannten\u00ab.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wie sie kann auch der Ich-Erz\u00e4hler sonntags um 12 Uhr dort im Fr\u00fchling zuverl\u00e4ssig auf eine durch Heirat zu Reichtum gekommene Frau und ihr Gefolge sto\u00dfen:<\/p>\n<p>\u00bbPl\u00f6tzlich erschien dann auf dem Sand der Allee, langsam, sp\u00e4t und \u00fcppig wie die sch\u00f6nste Bl\u00fcte, die sich erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedesmal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaube, meist malvenfarben war; dann hi\u00dfte und entfaltete sie im Augenblick ihres gr\u00f6\u00dften Glanzes auf einem langen Stiel den Seidenwimpel eines gro\u00dfen Sonnenschirms vom gleichen Farbton wie die flatternden Bl\u00fctenbl\u00e4tter ihres Kleides. [\u2026] Strahlend, begl\u00fcckt durch das sch\u00f6ne Wetter, die Sonne, die noch nicht l\u00e4stig war, die Sicherheit und Ruhe des Sch\u00f6pfers ausstrahlend, der sein Werk vollendet hat und sich um das Weitere nicht mehr sorgt, in der Gewi\u00dfheit, da\u00df ihre Toilette \u2013 mochten gew\u00f6hnliche Passanten sie auch nicht zu sch\u00e4tzen wissen \u2013 die eleganteste von allen sei, trug sie diese f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr ihre Freunde, nat\u00fcrlich, ohne ihr \u00fcbertriebene Aufmerksamkeit zu zollen, doch auch ohne v\u00f6llig unbeteiligt daran zu sein; sie hinderte die kleinen Schleifen an Rock und Taille nicht daran, leicht vor ihr herzuflattern wie Gesch\u00f6pfe, deren Anwesenheit ihr bewu\u00dft war, denen sie jedoch mit aller Nachsicht erlaubte, sich ihrem Spiel hinzugeben.\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Der Ich-Erz\u00e4hler Prousts vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass Madame Swann ihrem Kleid \u2013 heute w\u00fcrde man sagen: ihrem Haute-Couture-St\u00fcck \u2013 keine gro\u00dfe Bedeutung beimisst, sie es vielmehr wie selbstverst\u00e4ndlich tr\u00e4gt und nicht affektiert oder stolz zur Schau stellt, etwas derart Teures auf der Stra\u00dfe pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Das steht in merklichem Kontrast zum Erz\u00e4hler, dem kein Detail zu unbedeutend erscheint und der die hohe Metaphorik des (nicht nur k\u00fcnstlerischen) Sch\u00f6pfers aufbietet.<\/p>\n<p>Als wolle er dies ausgleichen, macht der Ich-Erz\u00e4hler deutlich, dass er nicht zu den Zuschauern geh\u00f6rt, die angesichts des glanzvollen und verfeinerten Luxus blo\u00df den enormen Abstand ermessen, der zwischen ihnen und den reichen, \u00e4u\u00dferst eleganten Frauen \u2013 die \u00bbdiesen Luxus um so nat\u00fcrlicher und notwendiger finden, als sie auch die anderen Menschen danach beurteilen, wie weit sie mit diesen Gewohnheiten vertraut sind\u00ab \u2013 liegt. Seine Reflexionen dar\u00fcber zeigen, wie sehr er es versteht, nicht in der Gruppe der ohnm\u00e4chtig Bewundernden aufzugehen, obwohl er selbst ebenfalls nicht \u00fcber den Status der Bewunderten verf\u00fcgt. \u00bbZwischen Madame Swann und sich selbst sp\u00fcrte die Menge die Schranken einer ganz bestimmten Art von Reichtum, die ihr von allen am un\u00fcberwindlichsten scheinen\u00ab, konstatiert der Erz\u00e4hler. Diese Distanz falle hier noch gr\u00f6\u00dfer aus als gegen\u00fcber den aristokratischen Kreisen des Faubourg Saint-Germain, unter denen die Reichen wiederum selbst st\u00fcnden und bei denen sie Eingang finden wollten: \u00bbEiner gro\u00dfen Dame gegen\u00fcber, die, schlichter gekleidet und leichter mit einer Kleinb\u00fcrgerin zu verwechseln, dem Volk weniger fern ist, werden diese nicht das Gef\u00fchl der Ungleichheit, fast der Unw\u00fcrdigkeit haben, das sie angesichts einer Madame Swann bef\u00e4llt.\u00ab Dem Erz\u00e4hler, der seinerseits merklich in ihrem Bann steht, ist zumindest dieses Gef\u00fchl fremd, weil er in dem pr\u00e4sentierten Reichtum eine \u00e4sthetische Haltung erkennt, f\u00fcr die er selber einsteht, indem er sie mehr als nur auf den Begriff bringt: Die Besonderheit der \u00bbGesellschaftsklasse\u00ab, der Madame Swann angeh\u00f6re, bestehe darin, \u00bbda\u00df sie, bereits von der Welt der Reichen losgel\u00f6st, selbst noch Reichtum war \u2013 aber ein modellierbar gewordener Reichtum, der einer Berufung, einem k\u00fcnstlerischen Gedanken gehorchte, formbares Geld, poetisch ziseliert\u00ab.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/06\/2803469.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5907\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/06\/2803469.jpg\" alt=\"Lartigue\" width=\"386\" height=\"529\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/06\/2803469.jpg 386w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/06\/2803469-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 386px) 100vw, 386px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Jacques-Henri Lartigue, Avenue du Bois de Boulogne, 1911<br \/>\n<a title=\"website harvard art museum\" href=\"http:\/\/www.harvardartmuseums.org\/art\/285267\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Harvard Art Museum<\/a><\/p>\n<p>Vergleichbare Formbarkeit und \u203aZiselierung\u2039 zeichnet auch die S\u00e4tze und Gedanken des Erz\u00e4hlers aus, als Reichtum kann man das allerdings nur metaphorisch bezeichnen, aus poetischen oder auf andere Art k\u00fcnstlerisch geformten S\u00e4tzen entspringt nicht notwendigerweise ein reiches Einkommen. Der Klasse Madame Swanns hingegen ist Geld ganz unmetaphorisch zu eigen, wenn es auch die Eigenschaft des Geldes ist, auf dem Wege des Kaufakts viele Gestalten anzunehmen, ihm \u203aModellierbarkeit\u2039 also bereits insofern in h\u00f6chstem Ma\u00dfe zukommt, als mit Geld viele Dinge, Ereignisse, Dienstleistungen gekauft werden k\u00f6nnen, Reiche demnach mit ihrem vielen Geld auf viele \u203aModelle\u2039 zugreifen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Prousts Erz\u00e4hler liegt aber die k\u00fcnstlerische Dimension des Reichtums nicht in solcher Kraft, verschiedenste Auspr\u00e4gungen menschlichen Sch\u00f6pfertums sich aneignen zu k\u00f6nnen, sondern in einer dem n\u00fctzlichen Alltag entr\u00fcckten Eleganz und reich verfeinerten Opulenz.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Mit der Pointe, dass sie am besonderen Beispiel Madame Swanns anschaulich wird, einer Frau, die vor ihrer Heirat als gehobene Prostituierte t\u00e4tig war \u2013 der \u00e4sthetisierte Reichtum also in der <em>Suche nach der verlorenen Zeit<\/em> nicht das Vorrecht des alten Reichtums darstellt, sondern auch Empork\u00f6mmlingen eignet.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;4HykVvzV6gQ&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;IFs0ldlctFc&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Dennoch stellt die \u00e4sthetische Macht dieses Reichtums nach Beobachtung der <em>Recherche<\/em> eine enorme soziale Distanz her, jenes Gef\u00fchl \u00bbder Ungleichheit, fast der Unw\u00fcrdigkeit\u00ab, das sich keineswegs blo\u00df aus dem Wissen speist, \u00fcber weniger Geld zu verf\u00fcgen, das Unberufene aber trotzdem nicht davon abh\u00e4lt, sich den Beweis ihres Ungen\u00fcgens, ihrer \u00e4sthetischen Armut immer wieder vor Augen zu f\u00fchren, indem sie in der N\u00e4he des Triumphbogens zu bestimmten Zeiten warten, um die Verk\u00f6rperungen solchen Reichtums zu Gesicht zu bekommen. Die derart Angeschauten setzen sich diesem Blick auch fortw\u00e4hrend aus, ganz so, als glaubten sie, die von Prousts Erz\u00e4hler festgestellte sozial-\u00e4sthetische Distanz sch\u00fctze sie davor, nicht mit geb\u00fchrendem Abstand betrachtet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Exklusiv<\/p>\n<p>Wie immer dies historisch gewesen und zu erkl\u00e4ren sein mag, vor dem Hintergrund des Proust\u02bcschen Romans treten die heutigen Konturen des Konsums der Reichen deutlich hervor. Von \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen und Alleen, auf denen sich Reiche mehr oder minder bewusst zur Schau stellen, ist nichts bekannt. Von Blicken konsumiert werden k\u00f6nnen sie allenfalls bei bestimmten Veranstaltungen, von denen bekannt ist, dass sie diese besuchen. Zu unterscheiden sind dabei Events und Auff\u00fchrungen, zu denen auch weniger reiche Menschen Zutritt haben, von geschlossenen Veranstaltungen, die aber Unbefugten zumindest dadurch Einblick gew\u00e4hren, dass der Zutritt zu ihnen nicht nur mit dem Fahrstuhl aus der Tiefgarage, sondern \u00fcber Wege und durch T\u00fcren erfolgt, die von \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen aus eingesehen werden k\u00f6nnen. In der festlichen Variante ist das mitsamt rotem Teppich, vorfahrenden Limousinen, Absperrungen, aufmerksamem Personal und diszipliniertem \u00e4rmeren Publikum zeremoniell vorgesehen und geordnet. Alle anderen F\u00e4lle sind vonseiten der Reichen unerw\u00fcnscht, bewegen sich f\u00fcr sie an der Grenze zur Bel\u00e4stigung, darum versuchen die Inhaber jener Orte, in denen Reiche verkehren, dies von vornherein auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;1xwaiVtEoIQ&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Bei Veranstaltungen in R\u00e4umlichkeiten, die auch \u00c4rmere besuchen d\u00fcrfen, gibt es Vorkehrungen r\u00e4umlicher wie zeitlicher Art, beide Gruppen voneinander fernzuhalten. In ber\u00fchmten Kulturst\u00e4tten \u2013 wie etwa dem Wagner-Festspielhaus \u2013 haben Reiche bei Premieren die Gewissheit, weitgehend unter sich zu bleiben,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> aus anderen Bereichen bekommen nur Personen Einlass, die wenn auch nicht immer \u00fcber gro\u00dfe Einkommen und Verm\u00f6gen, so doch \u00fcber Macht (Politiker, Ministerialbeamte, Chefredakteure) oder Ansehen verf\u00fcgen (etwa Gro\u00df-K\u00fcnstler, liberale Intellektuelle).<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;tgxFb4m18wQ&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Wenn Auff\u00fchrungen oft wiederholt werden oder in riesigen Arenen stattfinden, bleibt die Zusammensetzung des Publikums nat\u00fcrlich nicht derart homogen; falls Reiche ihnen beiwohnen, dann haben sie immerhin die M\u00f6glichkeit, sich r\u00e4umlich abzusondern; selbst in Sportstadien gibt es mittlerweile Logen. In all diesen F\u00e4llen bleibt weniger verm\u00f6genden Leuten und solchen, die nicht sehr hohe Stellen in der Machthierarchie einnehmen, wiederum nur die M\u00f6glichkeit, an \u00f6ffentlichen Eing\u00e4ngen Reiche kurz aus der N\u00e4he zu betrachten, oder der Blick durch das Opern- und Fernglas.<\/p>\n<p>Bei ihren Apartments und H\u00e4usern wollen Reiche genau das verhindern. Bauten auf H\u00fcgeln, einsame Lagen, gro\u00dfe Anwesen, B\u00e4ume und hohe Mauern dienen auf unterschiedliche Art und Weise diesem einen Zweck. Selbst im Urlaub gibt man sich nicht immer mit einem teuren Hotel zufrieden, sondern mietet eigene Resorts oder Inseln oder kauft diese sogleich. Das ist alles nichts grunds\u00e4tzlich Neues, eine historische Differenz ist allerdings zu verzeichnen: In der Gegenwart hat sich die im 19. Jahrhundert nicht ungew\u00f6hnliche Praxis, als Eigent\u00fcmer seine Villa in der N\u00e4he seiner Fabrik zu errichten, kaum erhalten. Auch hieran zeigt sich das Bestreben, als Reicher heutzutage einen gro\u00dfen \u00f6rtlichen Abstand zwischen sich und Nicht-Reichen zu etablieren; der verlorengegangene Impetus, den Wohn- unmittelbar beim Firmensitz anzusiedeln, geht schwerlich nur auf \u00f6kologische Bedenken zur\u00fcck.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;lYbKzV11GxA&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Demonstrativer Konsum<\/p>\n<p>Andererseits geht das Bed\u00fcrfnis, unbehelligt zu bleiben, nicht so weit, dass ein anonymer Stil bevorzugt wird. Die gro\u00dfen Anwesen, die hohen Mauern dienen selbstverst\u00e4ndlich nicht allein dem Zweck, Blicke fernzuhalten. Sie ziehen wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe gerade Blicke an \u2013 und sollen das auch, verweisen sie doch zuverl\u00e4ssig auf die prachtvollen H\u00e4user, die sie verdecken. Auch l\u00e4uft das Verlangen, an \u00f6ffentlichen Orten den Kontakt mit \u00c4rmeren zu vermeiden, nicht darauf hinaus, sich unsichtbar zu machen. Teure Autos und Kleidungsst\u00fccke, sei es in distinguierter oder \u203alauter\u2039 Form, erzwingen geradezu Sichtkontakt, indem sie die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Mit all diesen Dingen wird dokumentiert, dass man \u00fcber viel Geld verf\u00fcgt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Wenn auch \u00c4rmere bei den Konsumakten der Reichen nicht zugegen sind, sehen sie doch in der \u00d6ffentlichkeit mitunter die Ergebnisse dieser Konsumakte. F\u00fcr \u00f6ffentliche Momente wappnen sich Reiche zumeist nicht, indem sie sich billiger, somit anonymer ausstaffieren.<\/p>\n<p>Das bekannte Wort daf\u00fcr hat Thorstein Veblen 1899 gepr\u00e4gt: \u00bbconspicuous consumption\u00ab, in der deutschen \u00dcbersetzung: \u00bbdemonstrativer Konsum\u00ab oder \u00bbGeltungskonsum\u00ab. Veblen geht es in \u00bbThe Theory of the Leisure Class\u00ab um historisch unterschiedliche Formen, Vorrangstellung sichtbar zu machen. Unter \u00bbconspicuous consumption\u00ab versteht Veblen jene Anerkennungsform, die seiner Beobachtung nach bei insgesamt angestiegenem Wohlstand, bei verfeinerter Arbeitsteilung und durchgesetzter kapitalistischer Marktwirtschaft gro\u00dfe Bedeutung erlangt: Reichtum werde erkannt und anerkannt, wenn ein forcierter Verbrauch von G\u00fctern, die nicht lebensnotwendig oder geradezu unn\u00fctz sind, vorliege. Am Luxuskonsum zeigt sich der Grad des Reichtums und damit der Grad der Reputation.<\/p>\n<p>F\u00fcr Veblen ist es eine historische Tatsache, dass es nicht ausreiche, \u00fcber viel Geld zu verf\u00fcgen, um Anerkennung zu erlangen. Man m\u00fcsse unter Beweis stellen, dass man zu den Reichen z\u00e4hle: Die anderen, \u00e4rmeren Menschen m\u00fcssen sehen k\u00f6nnen, wie reich man ist, damit sie einem Wertsch\u00e4tzung zollen. Anders als bei edler Haltung, feiner Sitte, geistreicher Sprache braucht es bei luxuri\u00f6sen G\u00fctern f\u00fcr die Feststellung, dass jemand verm\u00f6gend ist und nicht eigene H\u00e4nde zur Arbeit bem\u00fchen muss, keine Zeit und vertraute Kenntnis. In der Epoche gro\u00dfer, anonymer St\u00e4dte und ausgebauter Fernverkehrsnetze besitzen verschwenderische Ausgaben, die sich in sichtbaren und leicht sch\u00e4tzbaren G\u00fctern niederschlagen, den Vorteil unmittelbarer Deutlichkeit.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Daran, dass \u00e4sthetisch positiv eingesch\u00e4tzte Gegenst\u00e4nde oftmals luxuri\u00f6se Gegenst\u00e4nde seien, erweist sich f\u00fcr Veblen folgerichtig, welch hohes Ma\u00df die Anerkennung der Wohlhabenden erreicht hat. \u00bbWe find things beautiful [\u2026] somewhat in proportion as they are costly\u00ab, stellt Veblen ebenso knapp wie vorwurfvoll fest, \u00bbso that we frequently interpret as aesthetic [\u2026] a difference which in substance is pecuniary only.\u00ab<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die Einsch\u00e4tzung des Ich-Erz\u00e4hlers in Prousts <em>Recherche<\/em>, das Kleid Madame Swanns sei \u00bbmodellierbar gewordener Reichtum, der einer Berufung, einem k\u00fcnstlerischen Gedanken gehorchte, formbares Geld, poetisch ziseliert\u00ab, w\u00fcrde Veblen darum keineswegs teilen. F\u00fcr ihn ist \u00bbmodellierbar gewordener Reichtum\u00ab in Form teurer Gegenst\u00e4nde einfach nur das Standardmodell des Reichtums, das in der Welt ist, um zu belegen, wie verm\u00f6gend die Eigent\u00fcmer dieser Gegenst\u00e4nde sind.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;xwg653k-ePQ&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Von der \u00c4sthetik des luxuri\u00f6s Verschwenderischen abweichende Konzeptionen gehen f\u00fcr Veblen lediglich auf das geringere (Geld-)Verm\u00f6gen ihrer Verfechter zur\u00fcck. Nach Veblen ist unter dem Zeichen des Konsums eine \u00c4sthetik der Interesselosigkeit schlicht unm\u00f6glich, materielle Zw\u00e4nge diktieren die \u00e4sthetische Entscheidung. Nur unter dem Aspekt von \u00bbworkmanship\u00ab und \u00bbeconomic interest\u00ab bestehe die Sch\u00f6nheit in der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit: \u00bbamong objects of use the simple and unadorned article is aesthetically the best.\u00ab<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Der \u00bbconspicuous consumption\u00ab liegt nach Veblens \u00dcberzeugung genau die entgegengesetzte Sch\u00f6nheitsauffassung zugrunde: \u00c4sthetisch bemerkenswert ist f\u00fcr sie der luxuri\u00f6se und nutzlose Gegenstand. Wegen der Verkn\u00fcpfung von Luxus und Nutzlosigkeit kann man auch knapp sagen: der teure Gegenstand. Sein Konsum beweist unter anderem eine exzessiv \u00e4sthetische Haltung. Zwar ist diese Einstellung f\u00fcr Veblen selbst unter dem entscheidenden Gesichtspunkt von \u00bbhuman life or human well-being on the whole\u00ab nutzlos und beklagenswert, f\u00fcr den \u00bbindividual consumer\u00ab sei sie es jedoch ganz und gar nicht. Der \u00bbconspicuous consumption\u00ab mitsamt ihrer verschwenderischen \u00c4sthetik unterstellt Veblen durchweg individuell n\u00fctzliche Motive und Zwecke.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Reiche Spenden<\/p>\n<p>Um diesen Zweck zu erreichen, kann es von Vorteil sein, ihn als Ziel zu verbergen. Viele Reiche nehmen den Standpunkt des Proust\u2019schen Erz\u00e4hlers ein: Sie kauften teure Dinge nicht \u2013 betonen sie \u2013, weil diese eben teuer seien, sondern weil sie sch\u00f6n seien, weil deren Qualit\u00e4t vielleicht sogar nicht nur auf hervorragendem Kunsthandwerk, sondern auf sch\u00f6pferischem Kunstverstand gr\u00fcnde. Ihr Konsum teurer Dinge diene nicht dazu, kapitalistische Potenz unter Beweis zu stellen, sondern erfolge, um das Sch\u00f6ne und Kultivierte zu f\u00f6rdern. Darum k\u00f6nne man recht besehen gar nicht von \u203aKonsum\u2039 reden, denn \u203aKonsum\u2039 verweise auf vulg\u00e4re Stoffe und eine passive, manipulierte Aneignung, der luxuri\u00f6se Lebensstil hingegen beweise Sach- und Kunstverstand, \u00e4sthetische Verfeinerung. Man d\u00fcrfe nicht nur das Z\u00fccken der Scheckkarte, den rasch, unproblematisch vollzogenen Kaufakt hervorheben, sondern m\u00fcsse (an)erkennen, wie viel Zeit vonn\u00f6ten sei, um einen erlesenen Geschmack und jene Kennerschaft zu entwickeln, die auf unendlich viel mehr als dem Ablesen des Preisschilds (mit dem aus gutem Grund distinguierte Objekte ohnehin nicht versehen sind) beruhe.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;C2qLElNmQ5g&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Diese Argumentation ist h\u00e4ufig sehr erfolgreich, sofern sie nicht allzu beredt vorgebracht und von zur\u00fcckhaltendem Gebaren unterst\u00fctzt wird. Wenig plakatives M\u00e4zenatentum anerkannter Institutionen der Hochkultur \u2013 Museum, Theater, Symphonie \u2013 tr\u00e4gt ebenfalls dazu bei. Ein Problem dieses \u203aEthos\u2039 ist allerdings, dass in modernen \u00c4sthetiken \u2013 deren Auffassungen mittlerweile auch das Denken und Handeln von Universit\u00e4ten und Akademien, von Feuilleton und Kulturpolitik bestimmen \u2013 kein bindender Zusammenhang mehr zwischen Luxus und Kunst existiert. Im Gegenteil, oftmals dominiert das Abseitige, \u00c4rmliche, Strenge, Serielle, Reproduzierte, Allt\u00e4gliche. Nur in der bildenden Kunst, in der selbst f\u00fcr Arte Povera H\u00f6chstpreise erzielt werden, falls es sich um Unikate und seltene Werke handelt, kann noch die Behauptung spiritueller, k\u00fcnstlerischer Einstellung Hand in Hand mit der Demonstration monet\u00e4rer St\u00e4rke gehen \u2013 wenn f\u00fcr Bilder und Skulpturen, die aus Abf\u00e4llen, rostigen Stahltr\u00e4gern, N\u00e4geln, Fotokopien, sparsamen Bleistiftstrichen etc. bestehen, gro\u00dfe Summen eingesetzt werden. Richtig beweiskr\u00e4ftig w\u00fcrde aber die Selbstbeschreibung Reicher, ihr Handeln entstehe aus und strebe nach Kultivierung, erst, wenn sich ihr Geschmack auch auf Dinge, die kaum etwas kosten, richtete. Geschieht dies nicht, kann die These Veblens, der Konsum teurer Dinge finde seinen Grund nicht in \u00e4sthetischer Verfeinerung, sondern in dem Bem\u00fchen, materiellen Reichtum anzuzeigen, stets ideologiekritisch gegen sie ins Feld gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Auch an den Spenden der Wohlhabenden entz\u00fcndet sich deshalb mitunter Kritik: Wer aus Gr\u00fcnden der Moral oder Steuerersparnis einen Gutteil seines Verm\u00f6gens f\u00fcr religi\u00f6se und philanthropische Organisationen oder f\u00fcr Museen, Symphonieorchester und Universit\u00e4ten stifte, ergehe sich nicht weniger in demonstrativer Verschwendung als jemand, der sich einen Lear-Jet oder einen Fu\u00dfballverein zulegt \u2013 vorausgesetzt, die Stiftung wird \u00f6ffentlich gemacht und der Stifter beh\u00e4lt genug an Geld f\u00fcr sich selbst zur\u00fcck.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;ZNBIn-O0tbQ&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Fast alle Philanthropen verfahren so, trotz Spendent\u00e4tigkeit bleiben sie Reiche. Darum haftet ihren \u00f6ffentlichen Veranstaltungen manchmal ein Makel an. Der Hinweis, man k\u00f6nne dort Juwelen und teuerste Abendgarderobe zur Schau tragen, das diene auch der guten Sache, leuchtet l\u00e4ngst nicht allen Teilen der \u00d6ffentlichkeit ein, die in solchen Events blo\u00df eine selbsts\u00fcchtige, eitle Veranstaltung erkennt, deren Spendenkosten recht besehen als Investition in Kontaktpflege und mediale Aufmerksamkeit fungieren. Das gilt nat\u00fcrlich besonders f\u00fcr Charity-Veranstaltungen, die nicht k\u00fcnstlerischen oder humanistischen Zwecken dienen. Mit dem Argument, es w\u00e4re besser, die Reichen entrichteten mehr Steuern, anstatt mit ihrem Sponsoring eigentlich \u00f6ffentliche Aufgaben zu \u00fcbernehmen, wird aber auch die private Unterst\u00fctzung angesehener Kulturinstitutionen angegriffen.<\/p>\n<p>Selbst am M\u00e4zenatentum im k\u00fcnstlerischen Bereich entz\u00fcndet sich also mitunter Kritik. Besser kann man wohl kaum belegen, in welch starkem Ma\u00dfe Reichtum gerade in Westeuropa von Teilen der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerung negativ betrachtet wird. Die Ausf\u00fchrungen von Veblen besitzen demnach keine universelle G\u00fcltigkeit. Der Reichtums-Beweis, der durch den Konsum teurer Objekte gef\u00fchrt wird, bringt nicht in allen Bev\u00f6lkerungskreisen gleicherma\u00dfen Reputation ein. Dieser Befund passt auch mit der Diagnose zusammen, dass Reiche sich heutzutage keineswegs immer in der \u00d6ffentlichkeit unter Verwendung ihrer Status-Marken gerne zu erkennen geben, sondern dies oft vorzugsweise unter ihresgleichen tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Demonstrativ schlichter Konsum<\/p>\n<p>Etwas anderes ist es, wenn Reiche auf g\u00fcnstigere Gegenst\u00e4nde zur\u00fcckgreifen, Mittelklasse-Wagen fahren, in kleinen H\u00e4usern leben, Kaufhaus-Kleidung tragen. Inmitten von \u00e4rmeren Leuten, die ihren Kontostand nicht kennen, tr\u00e4gt das zur Anonymit\u00e4t bei, bietet den Schutz des Unauff\u00e4lligen. Ist jedoch bekannt, dass sie \u00fcber viel Geld verf\u00fcgen, gewinnt dieser Konsum eine noch gr\u00f6\u00dfere Kraft, als es der \u203astandesgem\u00e4\u00dfe\u2039 Einkauf verm\u00f6chte. Die Demonstration liegt hier in dem Abstand zu dem, was Reichen m\u00f6glich und unter ihnen \u00fcblich ist (oder zumindest als \u00fcblich angenommen wird).<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;cGEb-q5JMU0&#8243; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Mit dem demonstrativem Konsum im Sinne Veblens hat das nichts mehr zu tun, es zehrt allerdings von ihm, w\u00e4re ohne ihn als Negativfolie nicht m\u00f6glich. Veblen selbst stellt eine gewisse M\u00e4\u00dfigung seines Prinzips der \u00bbconspicuous consumption\u00ab in Rechnung, zumindest m\u00fcsse die allzu offensichtliche Verschwendung ein wenig rationalisiert werden (\u00bbmust at least have some colourable excuse in the way of an ostensible purpose\u00ab). Er begr\u00fcndet das mit dem \u00dcbergang von der Sklavenhalter- zur Industriegesellschaft. In Letzterer greife der Arbeitsinstinkt st\u00e4rker, darum st\u00fcnden die unn\u00fctzen, teuren Dinge in der Zeit der Moderne vermehrt unter Verdacht.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Dies reicht aber zur Erkl\u00e4rung nicht aus. Andere Gr\u00fcnde, die mehr als blo\u00dfe Rationalisierungen darstellen, bieten sich ebenfalls an. Erstens und vor allem z\u00e4hlt in der kapitalistischen \u00d6konomie f\u00fcr den Unternehmer nicht an erster Stelle das Geld \u2013 von dem er sich als Privatperson kostspielige Dinge kaufen k\u00f6nnte \u2013, sondern, wie der Name der Wirtschaftsform bereits trefflich sagt, das Kapital, also die Summe, die f\u00fcr Investitionen und zur Aufrechterhaltung der Firma zur Verf\u00fcgung steht. Zusammen mit den tats\u00e4chlich gegebenen oder bef\u00fcrchteten Auswirkungen der Konkurrenz auf das aktuell noch gut laufende Gesch\u00e4ft f\u00fchrt das mitunter zur Zur\u00fcckhaltung erfolgreicher Eigent\u00fcmer bei privaten Ausgaben.<\/p>\n<p>Zweitens treibt heutzutage nicht wenige Reiche die Angst vor Raub, Entf\u00fchrungen oder investigativer Ausforschung dazu, zur\u00fcckgezogen zu leben. Da es sich in exklusiven Clubs, auf kleinen Inseln, in abgesicherten Wohngebieten auch sehr sch\u00f6n und teuer leben l\u00e4sst, nehmen sie den Preis, nicht allseits erkannt und bewundert zu werden, in Kauf.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;4_0_1oQUzEE&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Drittens mag sich auch bei dem ein oder anderen, der bereits als Kind in reiche Verh\u00e4ltnisse hineingeboren wurde, eine gewisse Langweile angesichts des f\u00fcr ihn allgegenw\u00e4rtigen Luxus ausbreiten. Wenn die Eltern den nur teilweise heuchlerischen Spruch, der eigentliche Luxus sei freie Zeit, gerne auf den Lippen f\u00fchren, leidet das verw\u00f6hnte Kind als reicher Nichtsnutz umgekehrt unter den leeren Tagen nicht enden wollender Freizeit, die selbst mit allerlei G\u00fctern nicht immer befriedigend aufzuf\u00fcllen ist.<\/p>\n<p>Zudem ist \u2013 viertens \u2013 nicht vollkommen auszuschlie\u00dfen, dass sich auch unter den Verm\u00f6genden mitunter Menschen finden lassen, die nicht aus Arbeitsaskese oder dem Zwang zur permanenten Investitionst\u00e4tigkeit auf den Kauf und die Zurschaustellung von Luxusg\u00fctern verzichten, sondern aus Freude an k\u00fcnstlerisch-geistigen Gen\u00fcssen \u2013 die sich f\u00fcr B\u00fccher, Opern, Filme, f\u00fcr reduzierte, minimale Designformen, f\u00fcr die erhabene Natur begeistern, alles Dinge, die wenig oder gar nichts kosten, falls man nicht selber eine Oper baut, ein Landschaftsareal kauft oder einen Film produziert.<\/p>\n<p>Zuletzt, f\u00fcnftens, muss man den Einfluss der Pop- und Rockkultur auf j\u00fcngere Reiche registrieren: Unter denjenigen, die z.B. durch die B\u00f6rseng\u00e4nge ihrer Internet-Firmen zu frischem Geld gekommen sind, gibt es sicherlich nicht wenige, f\u00fcr die Jeans und T-Shirt bereits das H\u00f6chstma\u00df an Verfeinerung darstellen, weil sie ganz grunds\u00e4tzlich den Eindruck des Snobistischen und Gek\u00fcnstelten vermeiden wollen.<\/p>\n<p>All das kann hier nur feuilletonistisch angedeutet oder postuliert werden, Forschungsergebnisse, die auf umfangreichem, empirischem Material beruhen, scheint es dazu nicht zu geben, blo\u00df Erfahrungsberichte und Skizzen von Teilbereichen.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Auch darum firmiert der vorliegende Aufsatz unter der Angabe \u203aEssay\u2039. Im Ergebnis lassen sich die hier vorgetragenen Vermutungen und Beobachtungen zu der Feststellung summieren, dass Veblens Gesetz in der Gegenwart viele Ausnahmen aufweist: Erstens vermeiden es viele Reiche sorgf\u00e4ltig, in ihrer teuren Ausstattung auf \u00c4rmere zu treffen; die \u203aDemonstration\u2039 ihres Konsums wollen sie blo\u00df in ihrer eigenen Klasse von Angesicht zu Angesicht durchf\u00fchren. Zweitens gibt es auch einige Reiche, die auf \u00bbconspicuous consumption\u00ab verzichten, zumindest in einigen Bereichen. F\u00fcr Haus und Auto gilt das zumeist nicht, wohl aber f\u00fcr Kleidung und Schmuck. Und wenn bei ihnen etwa Anwesen, Villa und Fuhrpark durchaus teuer ausfallen, dann zumindest in einer Form, die nicht gleich vehement ins Auge springt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Billige Medien<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[youtube id=&#8220;ZSB5cBcR5j0&#8243; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Dass heutzutage Veblens Gesetz dennoch hohe Plausibilit\u00e4t besitzt, liegt an der massenmedialen Berichterstattung. Als Veblen dekretierte, Reiche m\u00fcssten au\u00dferhalb kleiner Gemeinschaften, in denen jeder jeden kennt, zum Mittel des verschwenderischen Konsums greifen, um als Verm\u00f6gende jedem sichtbar und dadurch von allen \u2013 auch denjenigen, die nicht wissen, wer man ist \u2013 gleich hoch anerkannt zu werden, hatte er die M\u00f6glichkeiten medialer Repr\u00e4sentation nicht vor Augen. Sp\u00e4testens seit der technologischen und \u00f6konomischen Etablierung des weltumspannenden Internets muss diese M\u00f6glichkeit aber in h\u00f6chstem Ma\u00dfe ber\u00fccksichtigt werden. Die Begr\u00fcndung f\u00fcr Veblens Gesetz wird damit br\u00fcchig, das Gesetz selber muss deshalb allerdings nicht zwangsl\u00e4ufig an Festigkeit verlieren.<\/p>\n<p>Intakt bleibt das Gesetz, wenn Reiche, die sich freiwillig fotografieren und filmen lassen oder sich nolens volens den Medien aussetzen, erkennbar teuer pr\u00e4sentieren. Folgt man Veblen, h\u00e4tten sie dies gar nicht n\u00f6tig, denn zusammen mit ihrem Namen und Gesicht erfolgt ja zuverl\u00e4ssig (selbst wenn dies aus Forbes-Listen und anderen Ver\u00f6ffentlichungen ohnehin schon gut bekannt ist) die Information der Zeitschrift oder der Fernsehsendung, dass es sich bei ihnen um Reiche handele. Eine Visualisierung dieses Umstands durch teure Insignien braucht eigentlich nicht mehr vorgenommen werden, um bei Zuschauern, die sie nicht pers\u00f6nlich kennen, Reputation zu erwerben.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;PLrW-FUajxE&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Ob dies nun aus allt\u00e4glicher Gewohnheit erfolgt oder im Glauben, die Angabe \u203areich\u2039 m\u00fcsse durch offen sichtbare Prachtentfaltung dringend unterst\u00fctzt werden, um Reputationsgewinne erzielen zu k\u00f6nnen \u2013 jedenfalls verzichten viele Reiche nicht auf \u00bbconspicuous consumption\u00ab, wenn sie wissen oder hoffen, einen Gegenstand der Massenmedien abzugeben. Das geschieht in unterschiedlichen Segmenten der Medienbranche mit unterschiedlichem Personal. Wie viele der Reichen jeweils so verfahren, wie viele von ihnen aus eigenen St\u00fccken oder gegen erkl\u00e4rten Willen derart (re)pr\u00e4sentiert werden, welche Resonanz solche Vorstellungen unter ihresgleichen finden, dar\u00fcber liegt erneut kein Zahlenmaterial vor, es muss an dieser Stelle deshalb bei typologischen Angaben bleiben:<\/p>\n<ol>\n<li>Der zumindest an Grundbesitz reiche Adel findet sich mit Landg\u00fctern, Pferden, h\u00f6fischem Dekor, Brautmode gerne oder mitunter unfreiwillig in der Boulevardpresse wieder, den Bl\u00e4ttern \u203af\u00fcr die Frau\u2039 sowie den Klatschmagazinen in TV und Internet.<\/li>\n<li>Unternehmer und Manager fahren mit kostspieligen Autos und in teuren Anz\u00fcgen zu \u00f6ffentlich angek\u00fcndigten Sitzungen, Gerichtsverhandlungen, Presseterminen, \u00fcber die auch Tageszeitungen und politische Magazine berichten.<\/li>\n<li>Reiche aus der Showbranche und Unterhaltungsindustrie lassen sich nicht nur, aber oftmals auch in teurer Garderobe und mit exklusiven Preziosen f\u00fcr Mode- und Lifestylemagazine sowie f\u00fcr Zeitungen und Sendungen aller Art, gedruckt oder online, ablichten, sei es f\u00fcr den redaktionellen oder den Werbe-Teil (die Grenzen zwischen beiden verschwimmen h\u00e4ufig).<\/li>\n<li>Auskunftsfreudige Reiche, zumeist Erben oder Leute (oft mit abf\u00e4lligem Zungenschlag \u203aNeureiche\u2039 genannt), die meinen, bei der Erhaltung ihres Reichtums oder ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht in erster Linie von Beziehungen zu jenen Kreisen und Verb\u00e4nden abzuh\u00e4ngen, die u.a. durch Vorstellungen von \u203aTakt\u2039 und \u203aEhre\u2039 integriert werden, lassen sich beim Shopping filmen oder zeigen mit Preisschild oder unter Angabe der gekauften Luxusmarke ihre K\u00e4ufe in sozialen Netzwerken wie z.B. Instagram. Da sie ebenso wie die Reichen aus dem Showgesch\u00e4ft Medien mit Nachrichten \u00fcber ihr Privatleben versorgen, um im Gespr\u00e4ch zu bleiben, sind sie auch regelm\u00e4\u00dfig Gegenstand \u203anegativer\u2039 Meldungen, in denen \u00fcber vermeintliche Skandale bei ihnen spekuliert wird.In geringerer Frequenz passiert das ebenfalls publicityscheueren Reichen; bei ihnen muss die Nachrichtenlage aber schon fundierter sein; das ist etwa der Fall, wenn staatliche Stellen Ermittlungen aufgenommen haben. Ungeachtet solcher Binnendifferenzen gilt jedoch grunds\u00e4tzlich, dass die Massenmedien rechtlichen oder schweren moralischen Verfehlungen einen h\u00f6heren Nachrichtenwert zubilligen, wenn sie Reichen zugeschrieben werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>[youtube id=&#8220;e8EeyEbvK6s&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Reiche allgemein pr\u00e4sentieren ihre G\u00e4rten, Garderoben, Juwelen, Weinberge, H\u00e4user, Autos, Boote, Inneneinrichtungen den Boulevardmedien oder \u2013 im dezenteren Fall \u2013 der Fachpresse (Design-, Wein-, Yacht-, Motor-, Uhren-, Architekturmagazine). Die traditionelle Gender-Ordnung ist hier noch weitgehend intakt: Frauen sind f\u00fcr Mode und Einrichtung zust\u00e4ndig, M\u00e4nner f\u00fcr Autos und Yachten; reiche M\u00e4nner, die sich selbst der Presse verweigern, werden mitunter indirekt \u00fcber ihre Frauen sichtbar, wenn diese ihr Heim oder ihren Kleiderschrank pr\u00e4sentieren m\u00f6chten und\/oder vom Mann nicht wegen ihrer sozialen Stellung, sondern ihrer Sch\u00f6nheit auserkoren wurden.<\/li>\n<li>Vertreter aller genannten Gruppen gehen zu Veranstaltungen (Shop-Er\u00f6ffnungen, Vernissagen, Premieren, Charity-Veranstaltungen, Preisverleihungen), bei denen Kamerateams und Fotografen zugelassen sind.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Jede dieser Rubriken wird von unz\u00e4hligen Medienorganen organisiert und bedient, mit oftmals erheblichem Zuschauer- und K\u00e4uferzuspruch.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Den Zugang zu den Bildern der Reichen erkauft sich der Medienkonsument manchmal blo\u00df damit, dass er Rundfunkgeb\u00fchren bezahlt oder neben den Berichten mit Werbebotschaften konfrontiert wird. Auch wenn er direkt Geld entrichten muss, handelt es sich um Summen, die fast jeder aufbringen kann. Selbst Magazine (wie z.B. <em>Vogue<\/em>), die vorwiegend \u00fcber Luxusgegenst\u00e4nde berichten \u2013 und im Zuge dessen regelm\u00e4\u00dfig auch \u00fcber ihre reichen Besitzer \u2013, halten arme Kunden eher \u00fcber \u00e4sthetische Signale als \u00fcber den Preis von der Rezeption ab; die Auflagenzahlen belegen, dass entsprechende Journale nicht allein von Reichen, sondern auch von Wohlhabenden, von Angeh\u00f6rigen der Mittelschicht konsumiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Luxusmarken<\/p>\n<p>Zum Teil haben Illustrierte und Websites auf das Interesse eines Publikums an Waren, die es selber nicht bezahlen kann, aber dennoch bzw. gerade darum gerne betrachtet, reagiert, indem sie den teuren Produkten, deren Kauf das Privileg der Reichen bleibt, g\u00fcnstigere Angeboten beif\u00fcgen. Jener oft beschworene zeitgen\u00f6ssische Kunde, der zugleich bei Chanel und bei H&amp;M einkauft, d\u00fcrfte zwar ein Fantasiegebilde sein, gut belegt ist aber das Bem\u00fchen von Ketten wie Zara, auf schnellem Weg billige Varianten kostspieliger Designer-St\u00fccke herzustellen. Deshalb ist es f\u00fcr Zeitschriften und Portale nicht nur sinnvoll, preislich hoch unterschiedliche Produkte nebeneinander zu pr\u00e4sentieren, um den \u00e4rmeren Lesern einerseits Luxus auf billige Weise \u2013 Fotoreproduktionen auf Papier oder im Netz kosten nicht viel \u2013 und andererseits Erschwingliches zu bieten. Sinnvoll ist das auch, weil das Teure dabei mitunter das Billige aufzuwerten hilft und dem Leser (dem potenziellen Kunden) vielleicht das gute Gef\u00fchl verschafft, am Luxus irgendwie teilzuhaben.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;F3zBMaMtc4M&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>F\u00fcr Reiche stellt das dann ein Problem dar, wenn das Teure kaum oder sogar (wenigstens f\u00fcr den Laien) \u00fcberhaupt nicht unterscheidbar vom Billigeren ist. In dem Fall laufen sie Gefahr, dass man ihre K\u00e4ufe, wenn sie sie am Leibe tragen oder auf andere Art als ihren Besitz ausweisen, nicht als Dokumente des Reichtums erkennt. Aus diesem Grund kommt allseits, nicht nur unter Reichen, bekannten Luxusmarken, die eine Hochpreispolitik verfolgen, gro\u00dfe Bedeutung zu. An den Logos der weithin durchgesetzten Luxusmarken, die ihre Waren verzieren und vor allem kennzeichnen, wird das Teure sofort offenbar \u2013 ganz unabh\u00e4ngig davon, ob man an Stoffen und Designformen meint das Edle zu erkennen oder eben nicht.<\/p>\n<p>Darum wird gleich verst\u00e4ndlich, weshalb Taschen in den Umsatzbilanzen der meisten gro\u00dfen Modeh\u00e4user, die im oberen Preissegment operieren, viel st\u00e4rker zu Buche schlagen als Kleidung. Auf Hosen, Blazern, Blusen rasch ins Auge springende Markennamen anzubringen gilt als unfein, auch wenn es im Luxussegment nicht mehr vollkommen verp\u00f6nt ist. Logos von Dior, Prada, Louis Vuitton deutlich sichtbar auf Lederwaren zu applizieren wird hingegen mehr als nur akzeptiert. Dass sich mit ihnen viel bessere Gesch\u00e4fte machen lassen als mit Kleidungsst\u00fccken derselben Marken, obwohl diese Brands zahlreichen F\u00e4lschungen unterliegen, ist ein sehr guter Beleg f\u00fcr die intakte Bedeutung von Veblens Gesetz des Geltungskonsums. Mit ihnen kann man rasch anzeigen, dass man \u00fcber Geld verf\u00fcgt, ihre Botschaft versteht fast jeder.<\/p>\n<p>Gleiches gilt auch f\u00fcr Autos, mit ihnen k\u00f6nnte man sogar seinen Status erfolgreich signalisieren, wenn sie ohne gleich erkennbares Markenzeichen ausk\u00e4men; der Grad an fachm\u00e4nnischer Kenntnis ist in diesem Bereich viel h\u00f6her anzusetzen als in dem der Mode; in etwas geringerem Ausma\u00df gilt das auch f\u00fcr bekannte Kunstwerke. Gegenst\u00e4nde von Lamborghini wie von Gerhard Richter f\u00fchren ihr unsichtbares, aber dennoch deutlich prangendes Preisschild stets mit sich. Bei anderen Objekten wie H\u00e4usern und Yachten entf\u00e4llt sogar h\u00e4ufig die Notwendigkeit, um ihren Sch\u00f6pfer zu wissen, bei ihnen reicht oft die schiere Gr\u00f6\u00dfe aus, um auf das Verm\u00f6gen ihres Besitzers schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einige Luxusmarken haben auf die breite Wahrnehmung ihres Namens und ihrer Produkte in den Massenmedien insofern reagiert, als sie in bestimmten Bereichen Dinge anbieten, die nicht nur f\u00fcr Reiche erschwinglich sind (z.B. im Fall der Haute-Couture-H\u00e4user g\u00fcnstigere Pr\u0207t-\u00e0-porter-Linien, teilweise sogar f\u00fcr ein Mittelschichtspublikum erschwingliche Kaufhaus- und Jugendmarken \u2013 und vor allem Parf\u00fcme und kleine Lederwaren). Das geht so lange gut, wie Reiche durch diese Ausbreitung der Marke ihre Reputation bzw. die des Luxussegments der Marke nicht gef\u00e4hrdet sehen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;9ldWmJfLmyU&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df und die Reichweite der Berichterstattung wiederum h\u00e4ngen von solch einer Diversifizierung nicht ab. Auch ohne die M\u00f6glichkeit, Derivate teurer Gegenst\u00e4nde und Marken zu erwerben, bleibt bislang die Aufmerksamkeit \u00e4rmerer Schichten f\u00fcr reiche Produkte \u00e4hnlich ausgepr\u00e4gt wie ihr Interesse an Berichten \u00fcber ihre luxurierenden Besitzer. Diese Aufmerksamkeit ist nicht selten derart gro\u00df, dass bestimmte Produkte und Kollektionen nur noch zu Schauzwecken hergestellt werden; sie rentieren sich nicht durch den Absatz, sondern dadurch, dass von ihnen aus ein helles Marketing-Licht auf andere, weniger extravagante Waren derselben Firma f\u00e4llt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;uMM92jqa1LM&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Zum erfolgreichen Marketing \u00fcber den Kreis verm\u00f6gender Kunden hinaus tr\u00e4gt auch bei, dass sich im Bereich massenhaft akklamierter Pop- und Rockmusik viele Stars (also \u2013 wenn sie auf eine l\u00e4ngere Karriere zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen \u2013 fast immer Reiche) heutzutage in einem zuvor nicht gekannten Ma\u00dfe bei Auftritten auf der B\u00fchne wie bei G\u00e4ngen auf der Stra\u00dfe (f\u00fcr bestellte Fotografen oder f\u00fcr erwartbare Paparazzi) neben R\u00fcckgriffen auf billigere Jeans- und Sportkleidung auch in teuren Produkten pr\u00e4sentieren (teilweise sogar ohne von der jeweiligen Marke bezahlt worden zu sein).<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;cmeWa8aLRnc&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;lIUDDk11mag&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Diese Produkte entsprechen zwar oft nicht mehr Vorstellungen des \u203afeinen Herrn\u2039 oder der \u203aeleganten Dame\u2039, sie sind aber dennoch auch f\u00fcr Reiche abseits der Showbranche gedacht, weil deren Geschmack seit den 1960er Jahren zunehmend Elemente der Freizeitkleidung und Jugend\/Pop-Moden akzeptiert und Luxusfirmen ihnen teure Varianten solcher Moden offerieren \u2013 die neuerdings selbst von Stars des Unterhaltungssektors, die sich ein etwas rebellischeres Image geben, in erheblichem Umfang getragen und wiederum (sei es in der Werbung, sei es auf den Social-Media-Seiten, sei es in journalistischen Artikeln) von \u00e4rmeren Konsumenten massenhaft rezipiert werden.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Es ist darum einerseits plausibel, von der verkleinerten Macht des Trickle-Down-Effekts und von der Dominanz eines Mittelschichts-\u00bbStandardpakets\u00ab zu reden,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> andererseits aber falsch, die Orientierung an teuren Gegenst\u00e4nden, an Vorlieben der Reichen gering zu veranschlagen.<\/p>\n<p>Betrachtet man das Ausma\u00df der Berichterstattung \u00fcber die potenziellen Konsumgegenst\u00e4nde der Reichen sowie \u00fcber die Objekte, die sie sich bereits tats\u00e4chlich angeeignet haben, dann l\u00e4sst sich abschlie\u00dfend mit einiger Wahrscheinlichkeit angeben, weshalb Reiche sich so selten im Modus des demonstrativen Konsums auf st\u00e4dtischen Pl\u00e4tzen und in f\u00fcr alle frei zug\u00e4nglichen Gesch\u00e4ften und Geb\u00e4uden zeigen: Da nicht nur die Stars der Kulturindustrie viele M\u00f6glichkeiten haben, sich in Massenmedien darzustellen (aber auch in f\u00fcr sie abtr\u00e4glichen F\u00e4llen kaum verhindern k\u00f6nnen, sich dort vorf\u00fchren zu lassen), vermeiden es Reiche, auch noch auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen und Arenen, in direktem Kontakt mit Unbekannten, zumindest in unmittelbarer Reichweite von \u00c4rmeren, aufzutreten. Dem Konsum der Reichen tut dies in beiderlei Hinsicht keinen Abbruch, Raum f\u00fcr exklusive K\u00e4ufe und ungreifbare Auftritte wie f\u00fcr die mediale Rezeption durch \u00c4rmere ist im \u00dcberfluss vorhanden.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;iaLHrGy5bVU&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zu solchen und \u00e4hnlichen Bestimmungen vgl. Lauterbach, Wolfgang\/Str\u00f6ing, Miriam, \u00bbWohlhabend, Reich und Verm\u00f6gend \u2013 Was hei\u00dft das eigentlich?\u00ab, in: Thomas Druyen\/Wolfgang Lauterbach\/Matthias Grundmann (Hg.), <em>Reichtum und Verm\u00f6gen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Verm\u00f6gensforschung<\/em>, Wiesbaden 2009, S. 13\u201328.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Proust, Marcel, <em>Im Schatten junger M\u00e4dchenbl\u00fcte<\/em> [= <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit<\/em>, Werke II, Bd. 2, hg. v. Luzius Keller, frz. Original <em>\u00c0 l\u02bcombre des jeunes filles en fleurs<\/em> (1919)], Frankfurt a.M. 2004, S. 300.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., S. 301f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd., S. 305f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Bourdieu, Pierre, <em>Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft<\/em> [<em>La distinction<\/em> (1979)], Frankfurt a.M. 1982, S. 426ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Hoffmann, Robert\/Sch\u00f6ndorfer, Claudia, \u00bbDie Zelebration des Besonderen. Luxus-Event Salzburger Festspiele\u00ab, in: Reinhold Reith\/Torsten Meyer (Hg.), <em>Luxus und Konsum. Eine historische Ann\u00e4herung<\/em>, M\u00fcnster u.a. 2003, S. 159\u2013179.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Imbusch, Peter, \u00bbUnglaubliche Verm\u00f6gen \u2013 Elit\u00e4rer Reichtum\u00ab, in: Thomas Druyen\/Wolfgang Lauterbach\/Matthias Grundmann (Hg.), <em>Reichtum und Verm\u00f6gen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Verm\u00f6gensforschung<\/em>, Wiesbaden 2009, S. 212\u2013230.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Veblen, Thorstein, <em>The Theory of the Leisure Class. <\/em><em>An Economic Study of Institutions<\/em> [1899], New York 1934, S. 86.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ebd., S. 169 u. 97.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ebd., S. 93 u. 151f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ebd., S.97f .<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ebd., S. 93.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Etwa zuletzt Freeland, Chrystia, <em>Plutocrats. <\/em><em>The Rise of the New Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else<\/em>, London 2012.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. Kendall, Diana: <em>Framing Class. Media Representation of Wealth and Poverty in America<\/em>, 2. Aufl., Lanham u.a. 2011.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl. Hecken, Thomas, \u00bbReichtum und Popkultur\u00ab, <em>Pop. Kultur und Kritik<\/em>, H. 5 (2014), S. 98\u2013120.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Schrage, Dominik, \u00bbVom Luxuskonsum zum Standardpaket. Der \u00dcberfluss und seine Z\u00e4hmung als Thema der Siziologie\u00ab, in: Christine Weder\/Maximilian Bergengruen (Hg.), <em>Luxus. Die Ambivalenz des \u00dcberfl\u00fcssigen in der Moderne<\/em>, G\u00f6ttingen 2011, S. 58\u201372.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Campus Verlags.<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zum Sammelband \u00bbSoziale Ungleichheit im Visier. Wahrnehmung und Deutung von Armut und Reichtum seit 1945\u00ab, in dem der Aufsatz zuerst erschienen ist, <a title=\"verlagsseite campus\" href=\"http:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/geschichte\/soziale_ungleichheit_im_visier-9994.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren wollen, benutzen Sie bitte die Buchfassung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demonstrativer und exklusiver Reichtum<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1270,1414,1972],"class_list":["post-5905","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-konsum","tag-luxus","tag-reiche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5905"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5905\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}