{"id":5923,"date":"2016-06-24T18:29:29","date_gmt":"2016-06-24T16:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5923"},"modified":"2016-06-24T18:29:29","modified_gmt":"2016-06-24T16:29:29","slug":"bewegung-und-fussball-rezension-zu-gabriel-duttlerboris-haigis-hg-ultrasvon-martin-seeliger24-6-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/06\/24\/bewegung-und-fussball-rezension-zu-gabriel-duttlerboris-haigis-hg-ultrasvon-martin-seeliger24-6-2016\/","title":{"rendered":"Bewegung und Fu\u00dfball Rezension zu Gabriel Duttler\/Boris Haigis (Hg.), \u00bbUltras\u00abvon Martin Seeliger24.6.2016"},"content":{"rendered":"<p>Noch eine Kultur<!--more--><\/p>\n<p>Fu\u00dfball ist f\u00fcr viele eine \u00e4u\u00dferst emotionale Angelegenheit. Die Allgegenwart des Fu\u00dfballs in einer Gesellschaft, in der menschliche Bed\u00fcrfnisse vielleicht sogar in erster Linie \u00fcber den Markt kommuniziert werden, stellt diese Personengruppe vor ein Problem, das sich in soziologischer Fachsprache folgenderma\u00dfen formulieren l\u00e4sst: Was geschieht, wenn die spezifische Eigenlogik des Fu\u00dfballsports mehr und mehr durch die Logik des Marktes verdr\u00e4ngt wird?<\/p>\n<p>Seit Mitte der 1990er Jahre widmet sich dieser Problemstellung (ebenfalls auf \u00e4u\u00dferst emotionale Weise) die sog. Ultra-Bewegung. In ihrem Band \u00fcber ebendiese Bewegung legen mit Gabriel Duttler und Boris Haigis zwei Mitarbeiter des Instituts f\u00fcr Fankultur e.V. eine umfangreiche Dokumentation der Ultra-Bewegung in Deutschland aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive vor.<\/p>\n<p>Der Band ist gegliedert in acht Abschnitte. In ihrem einf\u00fchrenden Text begr\u00fcnden die Herausgeber die Notwendigkeit des Bandes mit der \u201eVielschichtigkeit der Ultra-Kultur\u201c (8). Dieser Vielschichtigkeit, das sei vorweggenommen, tragen die unterschiedlichen Beitr\u00e4ge mit ihren unterschiedlichen Perspektiven auf umfangreiche Weise Rechnung. Der nachfolgende Text der beiden leistet eine durch die Cultural Studies inspirierte Ann\u00e4herung an das Themenfeld Ultra. Besonders bemerkenswert erscheint hier nicht unbedingt der theoretische Rahmen, sondern eher die kenntnisreiche Darstellung der Ultra-Kultur. Besonders hervorzuheben sind hier (wie auch im Rest des Buches) die zahlreichen Originalzitate. Die zentralen im Band angef\u00fchrten Leitwerte von Ultras (Partizipation, Disziplin, Solidarit\u00e4t, Loyalit\u00e4t, Autonomie [68]), werden so in ihrer praktischen Widerspr\u00fcchlichkeit viel anschaulicher gemacht, als dies in abstrakten Erkl\u00e4rungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich w\u00e4re. In diesem Sinne dokumentiert der folgende Auszug (22f.) aus der Selbstdarstellung einer Ultra-Gruppe die Selbstsicht der Szeneg\u00e4nger:<\/p>\n<p>\u201eUltras ist Freiheit, kritisches Denken gegen Kapital, \u00fcberh\u00e4ufter Geld-Anspruch, Staat, nationale willk\u00fcrlich gesetzte Gebilde und hemmungslosen, abgestumpften Konsum bis zum Erbrechen. N\u00fcchtern betrachtet ist jedoch das politische Denken nicht bei allen Ultras vorhanden, wenn man \u00fcberhaupt definieren will, was ein Ultra ist [sic! Wollen sie doch? M.S.]. Ultra ist dabei letztlich eine Utopie, eine Idealvorstellung, die in seiner Konsequenz schwer definierbar und manchmal auch einfach zu \u00fcberh\u00f6ht ist. Ultra ist in der Realit\u00e4t eben auch: \u201aEine Besch\u00e4ftigungstherapie f\u00fcr Mittelstands-Kids, die Erlaubnis sich zu benehmen wie die Axt im Walde, Ultras, die mangelnde Bereitschaft zu gemeinsamen wirklich etwas bewirkenden Projekten. Eine Bewegung, die kaum wie eine zweite versucht junge Menschen in einen irrsinnigen, hintergrundlosen Pathos zu verleiten, der M\u00e4rtyrertum verherrlicht und aufgesetztes Mentalit\u00e4tsgefasel steigert. Und das wohl selbstzerst\u00f6rerischste: Ultra ist eben auch f\u00fcr die meisten nur ein begrenzter Zeitabschnitt ihres Lebens, solange bis die neue Freundin, ein guter Job oder ein anderes Hobby kommt. Wer sich einmal die Fluktuation anschaut, der weiss, dass diese Worte nicht allzu falsch sein k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Als besonderen Antrieb stellen die Autoren weiterhin die Lust an (h\u00e4ufig devianter) Vergemeinschaftung heraus: Theoretisch erkl\u00e4rbar werden die Formen des Protests von Ultras unter anderem durch den Anspruch, als Gruppe mit verinnerlichten Idealen, Werten und Bed\u00fcrfnissen ernst genommen zu werden\u201c (28). Diese Vergemeinschaftungsformen gew\u00f6nnen, \u00e4hnlich wie etwa im Falle von Sekten oder Bikergangs, ihre spezifische Bedeutung vor allem vor dem Hintergrund j\u00fcngerer Individualisierungs- und sogar Vereinzelungsentwicklungen (42).<\/p>\n<p>Einen zweiten Teil zur \u201eLebenskultur der Ultras\u201c leitet ein weiterer deskriptiver Beitrag ein und f\u00fchrt ebenfalls (und dies nicht ohne Redundanzen, die im Buch immer wieder auftreten) in die Materie ein. Einen Schwerpunkt legt der Autor Steven Adam hierbei auf die Kommerzialisierung der Fu\u00dfballkultur und die kritische Haltung der Ultras hierzu. Eine sinn- und identit\u00e4tsstiftende Wirkung ergibt sich hierbei aus der kollektiven Abgrenzung von einem Komplex, den Ultras unter dem Sammelbegriff \u201emoderner Fu\u00dfball\u201c (64) zusammenfassen. Einen ersten Beitrag zum Thema Ultras und Geschlecht liefert Judith von der Heide in ihrem Text \u201eDoing Gender und Ultra\u201c. Die These einer nummerischen wie auch qualitativen M\u00e4nnerdominanz und Heteronormativit\u00e4t im Zusammenhang einer Ultrakultur belegt sie anhand einer Reihe qualitativer Interviews mit weiblichen Ultragruppen. Es folgt das erste einer Reihe von insgesamt f\u00fcnf Interviews mit Experten, welches den Wurzeln der Ultrabewegung in der italienischen Fu\u00dfballkultur nachgeht. Der befragte Vertreter erl\u00e4utert weiterhin die Gefahr einer Vereinnahmung der Ultrakultur durch wirtschaftliche Interessen (wie etwa im Falle des \u201eFan Club Nationalmannschaft powered by Coca Cola\u201c [83]).<\/p>\n<p>Die folgenden drei Abschnitte zu \u201eUltras und HipHop\u201c, \u201eUltras und Streetart\u201c sowie \u201eUltras und ihre Symbolik\u201c loten Verbindungen der Ultra-Bewegung zu vermeintlich verwandten Subkulturen aus. Anhand einer substanziellen Beschreibung von Parallelen und \u00dcberschneidungen gelingt es den Beitr\u00e4gen, geteilte Bez\u00fcge herauszuarbeiten (ein weiteres Interview dient der inhaltlichen Vertiefung). Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Agnes Tratter, die den Zusammenhang von Ultra-Symbolik mit der h\u00e4ufig martialischen M\u00e4nnlichkeitsinszenierung im Genre in Zusammenhang bringt.<\/p>\n<p>Interessant erscheint weiterhin die v.a. von Andreas Gr\u00fcn herausgestellte Verbindung zwischen Ultras und Graffiti; \u201eLeidenschaft und der gro\u00dfe Einsatz f\u00fcr die eigene Sache\u201c, eine \u201ekritische Haltung gegen\u00fcber den bestehenden Strukturen\u201c sowie \u201edas Brechen mit existierenden Regeln oder Gesetzen sowie der daraus resultierende Konflikt mit der Polizei\u201c (170) werden als gemeinsame Bezugspunkte herausgearbeitet. Neben einer realit\u00e4tsgetreuen Beschreibung mikrosozialer Wirklichkeiten innerhalb der jeweiligen Szenen liefert der Beitrag jenes Material, welches Forscher wie Hitzler zu ihrer Diagnose einer posttraditionalen Vergemeinschaftung in Jugendszenen gebracht hat: W\u00e4hrend die klassischen Sozialisationsinstanzen zunehmend an Bedeutung verlieren, suchen Leute Zugeh\u00f6rigkeit und Selbstverwirklichung in der sozialen Nische spezifischer Szenekontexte.<\/p>\n<p>Den Eindruck, dass auch hinter den vermeintlich allt\u00e4glich und vorwiegend \u00e4sthetisch orientierten Szenepraktiken h\u00e4ufig ein (mitunter diffuser, mitunter aber auch sehr klarer) politischer Impuls steckt, verdichtet sich im folgenden Abschnitt zu Ultras und Punk. Der ist nett zu lesen, liefert aber insgesamt wenig \u00fcberraschende Einsichten. Expliziter thematisieren diese Impulse die beiden Beitr\u00e4ge des folgenden Abschnittes zu \u201eUltras und Politik\u201c. Zusammenfassend formuliert Claudia Luzar: \u201eDie Konflikte im Fu\u00dfball drehen sich stets um die gro\u00dfen Wertefragen nach Freiheit und dem Gegenteil des Verbots, Gleichheit sowie der Einschr\u00e4nkung durch ungleiche Verteilung\u201c (293), wie etwa im Fall der Ticketpreise.<\/p>\n<p>Ein letztes Interview behandelt schlie\u00dflich den Themenkomplex Ultras und Drogenkonsum. Kenntnisreich gelingt es dem Experten hier, dazulegen, wie Risikohandeln, Bewusstseinserweiterung und kompensatorische Flucht in den Rausch als genuine Bestandteile der in der Ultrakultur praktizierten M\u00e4nnlichkeitsriten ein wesentlicher Stellenwert zukommt.<\/p>\n<p>Mit ihrem Band zur Ultrakultur in Deutschland liefern die Herausgeber eine umfangreiche Darstellung der deutschen Ultrabewegung und ihrer Kultur. Neben einer dichten Beschreibung der sozialen Wirklichkeit innerhalb der Szene gelingt es den Autoren des Bandes insgesamt, sehr deutlich zu machen, wo sich die Ultra-Bewegung von anderen Szenen unterscheidet. Im klassischen Sinne des Wortes eignet sich der Begriff \u201eBewegung\u201c tats\u00e4chlich besser als die Bezeichnung \u201eSzene\u201c, weil mit dem Handeln der Ultras eine Reihe konkreter politischer Anliegen verbunden sind. Jenseits der unmittelbaren Zielsetzungen im Bereich des Fu\u00dfball impliziert die Kritik an Kommerzialisierung und Unverbindlichkeit, die sich \u2013 wenn nicht gerade explizit ge\u00e4u\u00dfert \u2013 auch aus der r\u00fcckhaltlosen Identifikation vieler Ultras mit ihrer Auffassung von Fu\u00dfballkultur ableiten l\u00e4sst, eine Haltung zu gesellschaftlichen Grundwerten.<\/p>\n<p>Ganz in diesem Sinne folgt auch der Band selbst (d.h. im Fall fast aller Einzelartikel) einer politischen Tendenz. Die Autoren, das ist keine \u00dcberraschung, sympathisieren mit der Ultrakultur. Diese Sympathie zeigt sich gleich zu Beginn der Bandes, wenn die Herausgeber schreiben, die Ultra-Bewegung sei \u201em\u00f6glicherweise der legitime Nachfolger der 68er-Bewegung\u201c (9): \u201ePolitische Umw\u00e4lzungen in Deutschland erscheinen heute nur unter erheblicher Einflussnahme von Ultra-Gruppen m\u00f6glich.\u201c Bescheiden sind sie also nicht. Ich lasse das mal so stehen \u2013 wie soll man auch das Gegenteil beweisen?<\/p>\n<p>Als besonders positiv hervorzuheben erscheinen mir die Interviews, die allein schon vom Format her etwas zug\u00e4nglicher sind als klassische Beitr\u00e4ge. Die anekdotische Anreicherung erh\u00f6ht nicht nur das Lesevergn\u00fcgen, sondern veranschaulicht auch die Lebenswirklichkeiten in der Ultra-Szene (Auf Seite 89 erf\u00e4hrt man z.B., wie Marco Bartsch um sein Leben rennen musste, weil er andere Fans beschimpft hatte). Sch\u00f6n zu lesen w\u00e4ren sicherlich die Ergebnisse einer Ethnografie unter Ultras. Vielleicht macht das ja mal jemand\u00a0\u2013 am besten aber kein Ultra-Sympathisant, denn so informativ die im Band pr\u00e4sentierte Innensicht auch ist, irgendwie hat man das Gef\u00fchl, ein paar mehr externe Perspektiven h\u00e4tten dem Buch ganz gut getan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliographischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nGabriel Duttler\/Boris Haigis (Hg.)<br \/>\nUltras. Eine Fankultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Subkulturen<br \/>\nBielefeld 2016<br \/>\nTranscript Verlag<br \/>\nISBN 978-3837630602<br \/>\n318 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch eine Kultur<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[807,2419],"class_list":["post-5923","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-fupballfans","tag-ultras"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5923"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5923\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5923"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}