{"id":5988,"date":"2016-07-17T21:28:58","date_gmt":"2016-07-17T19:28:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=5988"},"modified":"2016-07-17T21:28:58","modified_gmt":"2016-07-17T19:28:58","slug":"ueber-die-geburt-der-germanomanie-aus-dem-un-geist-des-antisemitismuseine-art-einleitungvon-niels-penke-und-matthias-teichert17-7-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/07\/17\/ueber-die-geburt-der-germanomanie-aus-dem-un-geist-des-antisemitismuseine-art-einleitungvon-niels-penke-und-matthias-teichert17-7-2016\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Geburt der Germanomanie aus dem (Un-)Geist des AntisemitismusEine Art Einleitungvon Niels Penke und Matthias Teichert17.7.2016"},"content":{"rendered":"<p>Blonde Bestien<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Niels Penke\/Matthias Teichert (Hg.): \u00bbZwischen Germanomanie und Antisemitismus. Transformationen altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen\u00ab, Nomos Verlag, Baden-Baden 2016, S. 8-37]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">I.<\/p>\n<p>\u00bb[\u2026] the Jews created Marxism, feminism, Christianity (need I tell you that Jesus and not least Paulus\/Saul were both Jews?), so-called psychology, banking (\u00bbmoney lending\u00ab), the hippie-movement and all other ideologies and movements which are aimed to destroy and de-construct all nations in Europe. Behind each and every one of them you will find a Jew (or some times a Freemason)!\u00ab (Vikernes 2011)<\/p>\n<p>Der Verfasser dieser unverhohlen antisemitisch argumentierenden Verschw\u00f6rungstheorie ist Varg Vikernes, seines Zeichens eine der ma\u00dfgeblichen Figuren der norwegischen Black Metal-Szene.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Seit Anfang der 1990er Jahre ist er nicht nur mit seiner Band Burzum als musikalischer Innovator der bis dato radikalsten Auspr\u00e4gung extremen Metals (vgl. Kahn-Harris 2007) aufgetreten, sondern ist auch zum ideologischen Stichwortgeber einer Subkultur geworden, deren thematisches Spannungsfeld sich allgemein zwischen Religionsfeindschaft, Naturmystik und Gewaltphantasien bestimmen l\u00e4sst. Wie einige, aber l\u00e4ngst nicht alle seiner Mitstreiter, ist Vikernes\u2018 mit seinen Aktivit\u00e4ten weit \u00fcber das rein Musikalische hinausgegangen: Nach mehreren Kirchenbrandstiftungen und (teils verhinderten) Sprengstoffanschl\u00e4gen ermordete er im August 1993 einen anderen Black Metal-Musiker, \u00d8ystein Aarseth (\u201aEuronymous\u2018, Gitarrist der Band Mayhem). W\u00e4hrend seiner knapp 16j\u00e4hrigen Haft entwickelte sich Vikernes von einem zun\u00e4chst prim\u00e4r anti-christlich operierenden und sich satanistisch definierenden Musiker zu einem umtriebigen, weltweit vernetzten Neonazi (Goodrick-Clarke 2003: 203ff.), der mit einer Vielzahl an Publikationen hervortrat, in denen er seine Weltanschauung umfassend darlegte.<\/p>\n<p>Durch diese Ver\u00f6ffentlichungen wird eine programmatische Verbindung von Germanomanie und Antisemitismus hergestellt, wenngleich es in den Song-Texten bzw. den Paratexten (Alben-Cover, Abbildungen und Motti, Flyer und Photographien) seiner Band vordergr\u00fcndig um nordische Mythen und romantische Naturbilder geht. Demgegen\u00fcber macht seine Publizistik deutlich wie es um seine Interpretationen dieses mythologischen und kulturellen \u201aErbes\u2018 bestellt ist. Damit war Vikernes zugleich Vordenker jener radikalsten Erscheinung des (Black) Metals, die sich als NS-Black Metal<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> unmissverst\u00e4ndlich politisch positioniert, obwohl er trotz entsprechender Selbstbeschreibungen seine Band nie mit diesem Label versehen hat. Burzum bedient sich einer raffinierten Camouflage, dennoch ergibt sich aus den aufgerufenen Bild- und Themenbereichen eine allzu deutliche Setzung, wenn die Band auf ihren Urheber Vikernes r\u00fcckbezogen wird, sodass die Bilder des \u201aEigenen\u2018, des Germanischen und Mythischen stets mit Vorstellungen eines negativ konnotierten Anderen einhergeht, das deutlich als j\u00fcdisch markiert wird. Vikernes im Einzelnen und der NSBM im Allgemeinen m\u00f6gen Extremf\u00e4lle darstellen, sie sind jedoch keine isolierten Ph\u00e4nomene, sondern erscheinen im Vergleich zu anderen Bezugnahmen auf das \u201aGermanische\u2018 und damit einhergehender konzeptioneller Selbstentw\u00fcrfe \u2013 und des entsprechend entgegengesetzten Anderen \u2013 lediglich als radikalste und konsequenteste Ausformulierung eines weitverbreiteten Narrativs. Dieses ist zum einen als Fortschreibung einiger Traditionslinien im Metal festzustellen: Abgrenzung und das Bem\u00fchen um Authentizit\u00e4t, Echtheit und Urspr\u00fcnglichkeit sowie einer Affinit\u00e4t zu verbaler und realer Gewalt. Tritt in diese Konstellation noch der Bezug auf das zumeist als kulturell \u201aEigenes\u2018 vorgestellte \u201aGermanische\u2018, \u00fcber das bestimmte Abstammungsverh\u00e4ltnisse behauptet werden, so ist auch ein externer Traditionsbezug hergestellt, der entsprechende Bands und Akteure historisch einbindet und politisch lesbar werden l\u00e4sst. Ein vehementer Anti-Modernismus<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, der bereits im Eingangszitat deutlich wurde, ist integraler Bestandteil aller eskapistischen Mittelalter-Phantasien, die mit einem weiterf\u00fchrenden Interesse der offenkundig verhassten Gegenwart entgegengestellt werden.<\/p>\n<p>Auch dies l\u00e4sst sich bei Vikernes nachvollziehen. Ein popul\u00e4res Burzum-Alben aus dem Jahr 1993 tr\u00e4gt den Titel <em>Det som engang var <\/em>\u2013 das, was einst war. Dieser Titel war \u2013 um ein relativierendes Fragezeichen erweitert \u2013 titelgebend f\u00fcr zwei Veranstaltungen, die im Sommer 2013 an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen stattfanden und die sozusagen die \u201aKeimzelle\u2018 f\u00fcr den vorliegenden Band bildeten. Wir haben damit unsere damaligen Anfangszweifel vorsichtig artikulieren wollen, die wir nun, zwei Jahre sp\u00e4ter, best\u00e4tigt glauben. Denn das, worauf sich Vikernes und viele seiner Nachkommen beziehen, ist in seiner Nebul\u00f6sit\u00e4t keine historische Wirklichkeit, sondern eine phantasmatische Gemengelage aus geschichtlichen Rahmendaten, die sich mit Mythologie, rechter Esoterik, Rassismus, Antisemitismus und Fantasy-Literatur verkn\u00fcpfen. Und diese Art Phantasma ist nichts, was \u201aeinst\u2018 war, sondern vielerorts zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Realisierungen wiederholt wurde. Parallelen in den vergangenheitsbezogenen Identit\u00e4tskonstruktionen und ihren oftmals antisemitischen Implikationen bestehen sowohl im historischen R\u00fcckbezug auf die norwegische ebenso wie auf die deutsche (National-)Romantik, die v\u00f6lkische Bewegung der Jahrhundertwende um 1900 und den Nationalsozialismus, aber auch in zeitgen\u00f6ssischen Kontexten zum RechtsRock, zur \u201aNeuen Rechten\u2018 sowie zur militanten Neonazi-Szene, mit der es bisweilen auch personelle \u00dcberschneidungen gibt.<\/p>\n<p>Wie in vielen Jugend- oder Subkulturen spielen idealisierende Selbstbilder und alternative Lebensentw\u00fcrfe auch im Metal und seinen zahlreichen sub-genre- und szene-spezifischen Derivaten eine gro\u00dfe Rolle. Die dabei konstruierten Identit\u00e4ten basieren auf Aushandlungsprozessen von Selbst- und Fremdbildern mit entsprechend pejorativen Setzungen auf Seiten der Fremd- oder sogar Feindbilder. In einem Kontext wie dem des Heavy Metals und seiner Subkategorien, die sich drastischer \u00c4u\u00dferungs- und Darstellungsformen bedienen, in denen Gewaltt\u00e4tigkeit eine Konstante darstellt, fallen diese Feindbilder und ihre \u2013 nicht immer ausschlie\u00dflich rhetorische \u2013 Bek\u00e4mpfung besonders scharf aus.<\/p>\n<p>Auch im Metal fungieren Elternhaus (als zentrales und Jugendliche unmittelbar tangierendes soziales Regulativ der seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Industriestaaten entstandenen b\u00fcrgerlichen Kultur) sowie staatliche und religi\u00f6se Institutionen mit ihren normativen, in der Adoleszenz h\u00e4ufig als \u201aspie\u00dfig\u2018, beengend oder repressiv empfundenen Werte- und Zeichensystemen als naheliegende Feindbilder und Objekte des Protests, der Kritik und Abgrenzung (vgl. Weinstein 2000: 93\u2013143), wobei besonders der Religion und ihrer ablehnenden Behandlung eine zentrale Stellung zukommt. Zun\u00e4chst war dies allein im Bezug auf das in der westlichen Welt dominierende Christentum zu beobachten, das bereits in den 1970er Jahren \u2013 von fr\u00fchen Bands wie Black Sabbath, Led Zeppelin, Coven, Black Widow bis hin zu Mot\u00f6rhead \u2013 zum Ziel juveniler Diskreditierung und zur Projektionsfl\u00e4che einer symbolischen, satan(ist)isch codierten Aggression wurde. Erst sp\u00e4ter, ab den 1990er Jahren, wurden auch Islam und Judentum im Zuge einer Differenzierungsbem\u00fchung der antireligi\u00f6sen Sto\u00dfrichtung thematisiert, die jedoch nicht allein auf das religionskritische Moment zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern sich mit rassistischen, kulturalistischen und antisemitischen Argumentationsmustern verband. Mit der musikalischen und \u00e4sthetischen kam die ideologische und intellektuelle Differenzierung<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, die eine eher diffuse und allgemeine Religionsfeindschaft der fr\u00fchen 1980er Jahre bei Bands wie Venom, Slayer oder Sodom zu einem ernsthaften Satanismus, einer sich oftmals auf Friedrich Nietzsche berufenden, fundierteren Religionskritik sowie auch zu einem expliziten Antiislamismus und \u2013 weit h\u00e4ufiger \u2013 Antisemitismus weiterent\u00adwickelte.<\/p>\n<p>Gerade im Fall des Antisemitismus spielen Faktoren eine Rolle, die weit \u00fcber das religionskritische Moment hinausf\u00fchren bzw. dieses eindeutig \u00fcberdecken. Auch wenn die eindeutige Bestimmung eines spezifischen Antisemitismus in den Metal-Subkulturen nicht m\u00f6glich ist, da diese in ihrer Heterogenit\u00e4t, auch um eine gewisse analytische Sch\u00e4rfe zu wahren, nicht vorschnell in eins gesetzt werden sollte, erhellen sich zumeist \u00fcber die unterschiedlichen Traditionsbez\u00fcge auch die entsprechenden antisemitischen Figurationen und Codes. Diese k\u00f6nnen bereits von Band zu Band stark divergieren \u2013 Burzum ist von Bands wie Absurd, Der St\u00fcrmer oder Hate Forest erkennbar verschieden \u2013, nichtsdestoweniger aber auf die gleichen Pr\u00e4missen zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist auch der eher seltene Fall zu ber\u00fccksichtigen, dass nicht jede anti-j\u00fcdische Aussage in diesem Kontext antisemitisch ist \u2013 zielt sie etwa prim\u00e4r auf das allgemein religions-kritische Moment, das sich unterschiedslos gegen alle Formen (monotheistischer) Religion ausspricht, kann dies beispielsweise der Fall sein. Liegt jedoch ein deutlicher Fokus auf dem Judentum gegen\u00fcber anderen Religionen, die aufgrund \u00e4hnlicher oder gleicher Attribute ebenfalls Gegenstand der Kritik oder auch des Hasses sein k\u00f6nnten, es aber nicht sind, so ist n\u00e4her zu bestimmen, warum gerade das Judentum als Ziel gew\u00e4hlt wurde und mit welchen Bildern und Attributen es assoziiert ist bzw. welche ihm entgegengesetzt werden.<\/p>\n<p>Dabei sind h\u00e4ufig Stoffe, Motive und Figuren der \u201agermanischen\u2018 Mythologie von Bedeutung, deren Appropriation in Form von Idealbildern und Identifikationsvorlagen seiner k\u00fcnstlerischen Selbstinszenierung spezifische Interessen verfolgt, die, selbst dann wenn sie diffus erscheinen oder nebul\u00f6s bleiben, doch viel dar\u00fcber verraten, wohin gehend sie wirken sollen. In der Trias von Selbstdarstellung \u2013 ein positives Selbstbild dem gegen\u00fcber ein oder mehrere negative Fremd-\/Feindbilder entworfen werden \u2013 kultureller R\u00fcckversicherung \u2013 \u00fcber Konstruktionen wie Tradition, Kultur, Rasse, die ebenfalls dem Fremden oder Feindlichen gegen\u00fcbergestellt werden \u2013 sowie der durchweg anti-modernen Sto\u00dfrichtung werden zentrale Argumentationsstrukturen des Antisemitismus wiederholt. Die (vermeintlichen) Ideale und Bilder eines vormodernen Nordeuropas und von einfacheren, \u00fcberschaubaren Macht-, Moral- und Sozialverh\u00e4ltnissen delegieren all das, was an der Moderne kompliziert (vgl. Parsons 1969), unverst\u00e4ndlich und gegebenenfalls auch unangenehm, verwirrend, \u00fcberfordernd, zerst\u00f6rend, desillusionierend und entwurzelnd wirkt, an Schuldige. Wie im eingangs zitierten Passus von Varg Vikernes, wird die Verantwortlichkeit f\u00fcr die Moderne \u201aden Juden\u2018 zugeschrieben, die je nach \u201aTheorie\u2018 f\u00fcr Kapitalismus und Marxismus, Liberalismus, Psychoanalyse, abstrakte Kunst und Musik, die Kritik allgemein und dem als Verfall verstandenen Wandel von Gesellschafts- und Familienstrukturen, von Kriegen und Katstrophen, Medienmanipulation und Finanzbetrug verantwortlich gemacht werden. Kurz: Aus einem auf Unverst\u00e4ndnis beruhenden Unbehagen an der Moderne und all ihren unpers\u00f6nlich-abstrakten, komplexen Erscheinungsformen und Erfahrungspotentialen wird das Unverstandene auf die vermeintlichen Urheber reduziert. (Vgl. Salzborn 2010) Das derart Projizierte l\u00e4sst sich dadurch bildlich vorstellen, in concreto \u201abegreifen\u2018, ad hominem \u201akritisieren\u2018 und letztlich auch praktisch angehen. Das Unbehagen und die unm\u00fcndige Kapitulation vor der menschengemachten Komplexit\u00e4t der Welt werden einigen Wenigen aufgeb\u00fcrdet, den \u201aS\u00fcndenb\u00f6cken\u2018, die zur Vertreibung des \u201ab\u00f6sen Zaubers\u2018 ausgetrieben werden m\u00fcssen. Damit tritt ein weiteres Paradox auf: Denn egal ob der Antisemitismus seine restitutiven Absichten gewaltsam durchsetzt oder nicht; die Unm\u00fcndigkeit und auch die unverstandenen Verh\u00e4ltnisse bleiben bestehen, weil der Antisemitismus zur Kl\u00e4rung der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche in keinster Weise betr\u00e4gt, sondern diese noch um einen zus\u00e4tzlichen erweitern.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">II. Von der Nationalromantik zur v\u00f6lkischen Ideologie:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Germano\u00admanie zwischen Napoleon und Hitler<\/p>\n<p>Zu den zentralen Denkfiguren, die zumal im antisemitischen Geistesleben Deutschlands dem judaeophoben Zerrbild als positive, utopistisch aufgeladene Kontrastfolie entgegengesetzt werden, z\u00e4hlt die Germomanie, also die quasi-pathologische \u00dcberbetonung der \u201atheodisken\u2018 (\u00bbgermanischen\u00ab) Vorstufen des modernen Deutschtums, die sich als besonders radikale und aggressive Spielart dessen entwickelt hat, was mit einem griffigen Terminus als der \u201adeutsche Germanenmythos\u2018 (Kipper 2002) bezeichnet werden kann. Seine Geschichte beginnt mit der \u201aWiederentdeckung\u2018 der <em>Germania<\/em> des Tacitus durch deutsche Humanisten in der zweiten H\u00e4lfte des 15. Jahrhunderts (zur Tacitus-Rezeption ausf\u00fchrlich vgl. von See 1970: 14\u201317; von See 1994: 31\u201337 und die dort angegebene Literatur). Nachdem das gesamte Mittelalter hindurch Bezugnahmen auf \u201adie Germanen\u2018 kaum eine Rolle gespielt und sich insbesondere die weltlichen Herrscher eher um die Konstruktion einer N\u00e4he und Kontinuit\u00e4t von R\u00f6mer- und Deutschtum bem\u00fcht hatten (vgl. die Bezeichnung \u201aheiliges R\u00f6misches Reich [Deutscher Nation]\u2018 und der sogar noch bis 1806 fortgesetzte Anspruch auf die r\u00f6mische Kaisertitulatur), wurde mit der Rezeption der kurzen ethnographischen Schrift \u00fcber die (S\u00fcd-)Germanen die Vorstellung einer Antithese zwischen beiden Kultur- und Sprachgemeinschaften virulent und die aus dem taciteischen \u201aSittenspiegel\u2018-Diskurs abgeleiteten Kategorien der \u201aUrspr\u00fcnglichkeit\u2018 \u201aWildheit\u2018, \u201aReinheit\u2018 etc. konstitutive Elemente des deutschen Germanenbildes und des Phantoms einer germanischen Urgeschichte der Deutschen (von See 1970: 7\u201313) als Gegenentwurf zur r\u00f6mischen (Hyper-)Zivilisation:<\/p>\n<p>\u00bb [\u2026] ein Denken, das den Germanen nicht ohne den Gegentyp des R\u00f6mers erfassen kann, ein antir\u00f6mischer Affekt, der das Charakterbild des Germanen letztlich dadurch rechtfertigt, da\u00df er es dem des R\u00f6mers entgegensetzt, &#8211; \u00fcberspitzt formuliert: treu, gem\u00fctvoll, leidenschaftlich, sippengebunden ist der eine, w e i l der andere \u00f6konomisch, rational, k\u00fchl, individualistisch ist.\u00ab (von See 1970: 9\u201310)<\/p>\n<p>Die Rezeptionsmuster, denen die <em>Germania<\/em> in dieser trotz aller humanistischen Gelehrsamkeit letztlich \u201avorwissenschaftlichen\u2018 Phase unterlag, waren vielf\u00e4ltig, h\u00e4ufig diffus und zuweilen widerspr\u00fcchlich. Erst mit den Arbeiten der Br\u00fcder Grimm, den Begr\u00fcndern der Germanischen Philologie und Altertumskunde, setzte die wissenschaftliche, d.h. quellenkritische und mit historisch-vergleichender Methodik arbeitende Rezeption ein, die, dem geistigen Klima der Zeit und der Herangehensweise der Grimms an die \u201aaltdeutsche\u2018 \u00dcberlieferung entsprechend, im Zeichen eines romantischen, speziell nationalromantischen Zugriffs stand. In jener Epoche wurzelt das Klischee des (rot-)blonden, blau\u00e4ugigen Germanen als edler Barbar gepr\u00e4gt, der, in Tierfelle geh\u00fcllt, dem W\u00fcrfelspiel und dem Schwerttanz fr\u00f6nt, Ehre und Treue \u00fcber alles stellt und \u2013 unber\u00fchrt von den sch\u00e4dlichen Einfl\u00fcssen r\u00f6mischen Urbanismus und Etatismus \u2013 in der freien Natur von Germaniens W\u00e4ldern seine Gottheiten ehrt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Zentraler Kristallisationspunkt dieser (national-)romantischen Pr\u00e4gung des Germanenmythos ist Hermann (germanisiert aus lat. Arminius) der Cherusker, der \u201aHeld\u2018 der Varus- (bzw. Hermann-)Schlacht, die schon Lohenstein, Wieland und Klopstock literarisiert hatten und die nun (1808) Heinrich von Kleist \u2013 der freilich nur unter gr\u00f6\u00dften Vorbehalten und lediglich mit Teilen seines Werks der Romantik zuzurechnen ist \u2013 unter dem Eindruck der preu\u00dfischen Niederlage gegen Napoleon als wuchtige Trag\u00f6die in f\u00fcnf Aufz\u00fcgen dramatisierte. Der durch die napoleonischen Kriege und die Befreiungskriege aufgebrochene Konflikt mit dem \u201awelschen\u2018 linksrheinischen Nachbarn erweiterte das nationalromantische deutsche Germanenbild um ein neues tagesaktuelles Feindbild und f\u00fchrte neben der teils bizarren D\u00e4monisierung Bonapartes in Teilen der schreibenden deutschen Elite zur Ausbildung einer aggressiven Frankophobie, die sich etwa im Werk Ernst Moritz Arndts mit einer ans Manische grenzenden Germano- und Scandinavophilie verbindet (vgl. Hafner 1996: 171\u00ad\u2013201). Im Zuge des Kampfes gegen den \u201aSchlangenkaiser\u2018 (ein auf den Germanisten und P\u00e4dagogen Johann August Zeune zur\u00fcckgehendes Zerrbild) Napol\u00e9on I. und beg\u00fcnstigt durch die zunehmende Rezeption der deutschen und nordischen Nibelungenepik sowie der nordisch-\u201agermanisch\u2018-\u00bbdeutschen\u00ab Mythologie seit etwa 1810 werden neben Hermann nun zunehmend auch Siegfried-Sigurd der Drachent\u00f6ter sowie verschiedene mythologische Gestalten und Motive als Projektionsfl\u00e4chen des Germanenmythos etabliert. Die \u00fcber \u201aSammlung Thule\u2018 (s. unten) bis weit ins 20. Jahrhundert reichende \u00dcberzeugung, die in isl\u00e4ndischen Handschriften des 13. Jahrhunderts kodifizierte Mythologie und ihr aus arch\u00e4ologischem, ikonographischem und folkloristischem Material rekonstruktiv zu gewinnender religi\u00f6ser \u00dcberbau sei im Wesentlichen mit der Mythologie und Religion der von Tacitus beschriebenen kaiserzeitlichen S\u00fcdgermanen identisch und repr\u00e4sentiere auf dem Kontinent und auf den Britischen Inseln durch fr\u00fche christliche Einfl\u00fcsse verlorengegangenes gesamtgermanisches Kulturgut \u2013 eine Vorstellung, die bez\u00fcglich einzelner Mythologeme zweifellos die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr sich hat, in ihrer Totalit\u00e4t jedoch schon wegen der an den Quellen abzulesenden regionalen Partikularismen und diachronen Verschiebungsprozesse, die der Idee einer allgermanischen Mythologie als monolithisches System entgegenstehen, problematisch ist \u2013 tr\u00e4gt durch Inklusion der nordgermanischen Ethnien und gleichzeitiger Exklusion der romanischen \u201aWelschl\u00e4nder\u2018 Italien und Frankreich ebenso dazu bei wie die sich zumal in den Personen Jacob Grimm und Rasmus Rask entfaltende (indo-)germanische Sprachwissenschaft, die en passant das Keltische, das etwa Klopstock noch bunt mit dem Germanischen durcheinander\u00adgew\u00fcrfelt hatte, aussortiert.<\/p>\n<p>Neben einer, z.T. auch theologisch (antikatholisch bzw. antipapistisch) begr\u00fcndeten anti-r\u00f6mischen Haltung und der Frankophobie, die in der napoleonischen Expansion und ihrer Bek\u00e4mpfung eine konkrete Materialisation fand, wird auch der Antisemitismus auf einer zun\u00e4chst staatstheoretischen \u2013 Bezugspunkt war meist die Diskussion um die Verleihung des B\u00fcrgerrechts an Juden vor dem Hintergrund der preu\u00dfischen Integrationsdebatte \u2013 und (pseudo-)ethnographischen Ebene zu einem zentralen Bestandteil des deutschen Germanenmythos, der sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu unterschiedlichen Schattierungen von Germanophilie und Germanomanie ausdifferenzierte. So ist bei Arndt zu lesen:<\/p>\n<p>\u00bbDie Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungeb\u00fchrliche Weise in Teutschland vermehrt werden. Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und weil ich den germanischen Stamm so sehr als m\u00f6glich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten w\u00fcnsche. [\u2026] Da nun aus allen Gegenden Europas die bedr\u00e4ngten Juden zu dem Mittelpunkt desselben, zu Teutschland, hinstr\u00f6men und es mit ihrem Schmutz und ihrer Pest zu \u00fcberschwemmen drohen, da diese verderbliche \u00dcberschwemmung vorz\u00fcglich von Osten her n\u00e4mlich aus Polen droht, so ergeht das unwiderrufliche Gesetz, dass unter keinem Vorwande und mit keiner Ausnahme fremde Juden je in Teutschland aufgenommen werden d\u00fcrfen, und wenn sie beweisen k\u00f6nnen, dass sie Millionen Sch\u00e4tze bringen.\u00ab (Arndt 1814: 188; 199\u2013200)<\/p>\n<p>Arndts Freund und Kollege Friedrich R\u00fchs, der erste deutsche <em>Edda<\/em>-\u00dcbersetzer \u2013 er legte seine (allerdings fehlerhafte) Prosa\u00fcbertragung 1812 und damit vor der Vers\u00fcbersetzung durch die Grimms vor \u2013 publizierte 1816 einen antij\u00fcdischen Traktat, indem er sogar die Option einer physischen Vernichtung der deutschen Juden ins Spiel brachte. Ein Jahr zuvor hatte der j\u00fcdische Publizist Saul Ascher \u2013 Heinrich Heine hat ihm in der distinguierten Gespensterhumoreske <em>Doktor Ascher und die Vernunft<\/em> ein im buchst\u00e4blichen Sinn phantastisches Denkmal gesetzt \u2013 seine im R\u00fcckblick fast vision\u00e4r anmutende Schrift <em>Die<\/em> <em>Germanomanie<\/em> ver\u00f6ffentlicht (soweit feststellbar, der fr\u00fcheste Beleg f\u00fcr dieses im Titel des vorliegenden Bandes verwendete Kompositum)<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, in der er die Tiraden des germanomanen Antisemitismus als Funktionalisierung des Judentums zur negativen Projektionsfl\u00e4che und Katalysator zur Popularisierung eines aggressiven Nationalismus demaskiert:<\/p>\n<p>\u00bbMan muss die Menge, um auch sie f\u00fcr eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, mu\u00df Brennstoff gesammelt werden, und in dem H\u00e4uflein Juden wollen unsere Germanomanen das erste B\u00fcndel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.\u00ab (Ascher 1815 nach Nienhaus 2008: 291)<\/p>\n<p>Als Reaktion auf Aschers Angriffe fand am 18. Oktober 1817 das sog. Wartburgfest germanomanischer Agitatoren statt, unter ihnen der Jahn-Sch\u00fcler und sp\u00e4tere M\u00fcnchner Germanistik-Professor Hans Ferdinand Ma\u00dfmann. Als Abschluss der Veranstaltung wurde eine B\u00fccherverbrennung vorgenommen, bei der auch Aschers <em>Germanomanie<\/em> den Flammen \u00fcbergeben wurde. Diesem in der zeitgen\u00f6ssischen Publizistik umfangreich dokumentierten und kommentierten Akt kultureller Barbarei und seinen Protagonisten attestierte Heine noch 1840 einen \u00bbbeschr\u00e4nkte[n] Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Ha\u00df des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wu\u00dfte als B\u00fccher zu verbrennen!\u00ab (Heine 1971: 88) Heine beschreibt damit treffend den erw\u00e4hnten Mechanismus, das Germanische ex negativo \u00fcber die Ablehnung und Inversion eines zuvor definierten Gegen- und Feindbildes zu konstruieren. Sp\u00e4testens gegen Ende des Vorm\u00e4rz hatte dabei das Judentum die Frankophonie und Rom\/Italien als prim\u00e4re Negativfolie abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Ein ebenso kurioses wie drastisches Beispiel f\u00fcr die Dichotomie zwischen Germanomanie und Judentum bzw. f\u00fcr die Symbiose von Germanomanie und Antisemitismus bietet die Ballade <em>Sigurd Schlangent\u00f6ter<\/em> des schlesischen Dichters Moritz Graf von Strachwitz (1822\u20131847), in der die Erz\u00e4hlerfigur den in seiner nordischen Namensform titelgebenden Drachent\u00f6ter um Wiederkunft oder zumindest um die \u00dcberlassung seines Schwertes bittet, um die Juden \u2013 die hier nicht explizit genannt, aber eindeutig gemeint sind \u2013 auszumerzen (vgl. zu diesem Gedicht Teichert 2008: 188\u2013200). Dass die in der Nationalromantik wurzelnde Germanomanie ihr \u201aZust\u00e4ndigkeitsgebiet\u2018 nicht (mehr), wie die humanistische und barocke Tacitus-Rezeption oder die Hermann-Begeisterung des 18. Jahrhunderts, auf den deutschen Sprachraum Mitteleuropas beschr\u00e4nkt, sondern auf das skandinavische Nordeuropa ausdehnt, ist das Resultat der von Herder in seinem <em>Iduna<\/em>-Aufsatz vorbereiteten und von Jacob Grimm vollzogenen Gleichsetzung der Begrifflichkeiten \u201adeutsch\u2018 und \u201agermanisch\u2018 (vgl. hierzu ausf\u00fchrlich Beck et. al. 2004) und damit die Etablierung einer pangermanischen Sichtweise, in der Kontinentalskandinavier und Isl\u00e4nder, aber selbstredend auch Niederl\u00e4nder und teilweise auch Engl\u00e4nder (letztere mit Hinweis auf ihre anglisch-s\u00e4chsische Abstammung) aufgrund der seit Grimm und Rask wissenschaftlich erwiesenen engen sprachlichen Verwandtschaft zu germanischen \u201aBruderv\u00f6lkern\u2018 der Deutschen erkl\u00e4rt werden:<\/p>\n<p>\u00bbDer Deutsche e r b o r g t sich sozusagen vom Skandinavier die nationale Vergangenheit, das nationale Kulturbewu\u00dftsein. Tacitus ist auf die Dauer doch eine allzu schmale Basis, und das, was die Arch\u00e4ologie in Deutschland bietet, sind meist r \u00f6 m i s c h e Hinterlassenschaften [\u2026]. So wird in der deutschen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts das skandinavische Mittelalter [\u2026] zum reinen, noch unverf\u00e4lschten Altertum germanischer Kultur, zur \u201aGermania germanicissima\u2018.\u00ab (von See 1970: 36)<\/p>\n<p>In Skandinavien selbst stie\u00dfen derlei Integrationsbem\u00fchungen aus dem S\u00fcden zwar im wissenschaftlichen und publizistischen Mainstream \u00fcberwiegend auf Indifferenz oder Ablehnung (Rask lieferte sich mit Grimm einen heftigen Disput \u00fcber das von diesem postulierte \u201aGermanentum\u2018 der D\u00e4nen; in Schweden hatten vaterl\u00e4ndisch gesinnte Gelehrte mit dem \u00bbGotenmythos\u00ab eine eigene geschichtsmythologisierende Variante nationaler Identit\u00e4tskonstruktion gefunden), flossen jedoch zumindest subkutan in bestimmte Str\u00f6mungen ein und lassen sich, mit gr\u00f6\u00dferer Brennweite, bis zu der eigent\u00fcmlichen Germanophilie des norwegischen Literatur-Nobelpreistr\u00e4gers Knut Hamsun verfolgen; die Affinit\u00e4t einiger skandinavischer Black Metal-Bands zur deutschen Sprache und Versatzst\u00fccken der deutschen Romantik mag indes dar\u00fcber hinaus mit der besonderen Rolle Deutschlands zwischen 1933 und 1945 und der \u201aFaszination der Tat\u2018, also der realen Umsetzung von entgrenzten Gewaltphantasien in Vernichtungskrieg und Shoah, vielleicht auch mit vermarktungsstrategischen Aspekten zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ab den 1830er Jahren richtete sich der (nicht nur germanomane) Antisemitismus zunehmend auch gegen assimilierte und konvertierte Juden, die in literarischen, k\u00fcnstlerischen und publizistischen Zirkeln aktiv waren und dort teilweise herausragende Positionen einnahmen. Der Dichter Heinrich Heine und der Komponist, Pianist und Dirigent Felix Mendelssohn Bartholdy sind die namhaftesten Beispiele. In diesem Kontext ist auch eine der bekanntesten antisemitischen Schriften des 19. Jahrhunderts zu sehen, verfasst von einem Autor, der, obgleich selbst alles andere als ein Germanomane im eigentlichen Sinn, f\u00fcr die Geschichte der Rezeption des Germanenmythos, der altnordischen Mythologie und einer elit\u00e4r-intellektuellen Spielart des Antisemitismus von kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzender Relevanz ist: Richard Wagners Aufsatz <em>Das Judenthum in der Musik<\/em>, der 1850 zun\u00e4chst unter Pseudonym erschien und 1869 in erweiterter Form unter Wagners eigenem Namen noch einmal ver\u00f6ffentlicht wurde. Innerhalb von Wagners K\u00fcnstlerbiographie ist die Schrift vor allem vor dem Hintergrund der Fehde zu sehen, die Wagner seinerzeit mit seinem j\u00fcdischen Konkurrenten Giacomo Meyerbeer ausfocht. Der in der Wagner- und Antisemitismusforschung umfangreich untersuchte Text (ein Umstand, aufgrund dessen hier auf eine ausf\u00fchrlichere Besprechung verzichtet wird; vgl. u.a. Borchmeyer 1986: insbesondere 140-150; Scholz 1993: 150\u2013165; Fischer 2000) b\u00fcndelt wesentliche Stereotype, etwa das des j\u00fcdischen Internationalismus und Kosmopolitismus, der im 19. Jahrhundert, als dem Jahrhundert der Nationalstaaten, meist als \u201aVaterlandslosigkeit\u2018 denunziert wurde, sowie das antisemitische Klischee, der j\u00fcdische K\u00fcnstler sei zwar zu gro\u00dfer technischer Virtuosit\u00e4t und formaler Raffinesse f\u00e4hig, nicht jedoch zu eigenen, sch\u00f6pferischen k\u00fcnstlerischen Leistungen von seelischer Tiefe und gedanklichem Anspruch. Zudem finden sich in dem Text verh\u00e4ngnisvolle Stich- und Schlagw\u00f6rter aus dem semantischen Feld \u201aUntergang\u2018, \u201aAufl\u00f6sung\u2018 usf., die, wie Jens Malte Fischer dargelegt hat, sich aus Wagners eigener musikdramatischer Mythologie herleiten und keineswegs als genozidale Phantasien zu lesen sind (vgl. Fischer 2000: 86), von der sp\u00e4teren v\u00f6lkischen Wagner-Rezeption aber im Verbund mit philosophischen (vor allem nietzscheanischen), sozialdarwinistischen und rassenbiologischen Sub- und Paratexten aufgegriffen und entstellt worden sind.<\/p>\n<p>Die Vereinnahmung von Wagners Musikdramatik und theoretischen Schriften ist vor allem mit dem Namen des britisch-deutschen Pangermanisten, Antisemiten und Privatgelehrten Houston Stuart Chamberlain (1855\u20131927; seit 1916 deutscher Staatsb\u00fcrger) verbunden, der \u00fcber Cosima Wagner Zugang zum Wagner-Clan fand, 1908 Richards und Cosimas Tochter Eva heiratete und 1923 in seinem Bayreuther Haus den gl\u00fchenden Wagner-Verehrer Adolf Hitler empfing, in dessen abstrusem Weltbild die Dichotomie von Wagner als \u201aProphet\u2018 gro\u00dfgermanischen Deutschtums und dem Judentum als Inkarnation alles Negativen und Des\u00adtruktiven auf groteske Weise kulminiert, obgleich der NS-Diktator germanomanem Mummenschanz \u00e0 la SS Ahnenerbe, wie er etwa im Rahmen der sog. Brauchtumspflege mit dem Musizieren auf rekonstruierten Luren (\u201aaltgermanische\u2018 Blasinstrumente, die auch in der altnordischen Literatur erw\u00e4hnt werden) vorkam (vgl. Kater 2006: 409), ebenso distanziert gegen\u00fcberstand wie den esoterisch-okkultistischen Phantasmagorien aus dem Umfeld Himmlers und ariosophischen Spekulationen in der Nachfolge Guido von Lists.<\/p>\n<p>Zu den M\u00e4nnern, die Hitler die Ideen gaben \u2013 um den Titel eines klassisch gewordenen, inhaltlich aber umstrittenen Buches von Wilfried Daim abzuwandeln \u2013, z\u00e4hlte indes wohl auch der \u00d6sterreicher Adolf Joseph Lanz (1874\u20131954), der sich nach einer Selbstadelung J\u00f6rg Lanz von Liebenfels nannte und die vielgelesene Zeitschrift <em>Ostara<\/em> (nach einer von Jacob Grimm aufgrund einer Notiz des angels\u00e4chsischen Universalgelehrten Beda Venarabilis rekonstruierten germanischen Fr\u00fchlingsg\u00f6ttin), zahlreiche rassistische, eugenische, antisozialistische und antisemitische Artikel sowie mehrere Monographien ver\u00f6ffentlichte, in denen er sein bizarres Geschichtsmodell ausbreitete, das auf dem Phantasma einer j\u00fcdischen (sowie sozialistischen und freimaurerischen, vgl. das einleitende Vikernes-Zitat) Weltverschw\u00f6rung und auf einem angeblichen universellen \u201aRassenkampf\u2018 zwischen Ariern (oder \u201aArioheroikern\u2018) und den Juden beruht, letztere von Lanz auch als \u201aTschandalen\u2018 apostrophiert nach dem von Nietzsche ins Deutsche eingef\u00fchrten und von Strindberg (als Titel einer seiner kontroversesten Erz\u00e4hlungen) verwendeten Sanskrit-Begriff <em>Tschandala<\/em>. Bemerkenswerterweise vermengt der ehemalige M\u00f6nch Lanz alias von Liebensfels, wie schon (der ebenfalls autonobilierte) Guido von List, sein germanomanes Imaginarium nicht nur mit allerlei esoterischem, okkultem und mantischem Gespinst, sondern auch mit deutlichen Anleihen bei der Kabbalistik und insbesondere ihrer Schriftzeichen- und Zahlensymbolik, die schon List als Modell f\u00fcr die Zusammenstellung seines \u201aArmanenfutharks\u2018 verwendet hatte. Der Ge-\/Missbrauch der Kabbala und ihrer Gematrie und Schriftmystik als Folie der Runenesoterik setzt sich im \u00dcbrigen bis in die Gegenwart fort und bildet ein markantes Beispiel f\u00fcr die (Re-)Konstruktion des Germanischen auf der (Negativ-)Matrix des J\u00fcdischen. Den Mechanismus, das Germantentum nicht durch affirmative, positive eigene Setzungen, sondern ex negativo durch Exklusion und Inversion des R\u00f6mer- und Judentums zu imaginieren,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> kommt in entlarvender, wahrscheinlich unbeabsichtigter Klarheit in dem von Georg von Sch\u00f6nerer (1842\u20131924) gepr\u00e4gten und in v\u00f6lkischen Kreisen \u00e4u\u00dferst popul\u00e4ren Kampfspruch \u00bbOhne Juda, ohne Rom, wird gebaut (oder: erbaut) Germanias (oder: Germaniens) Dom!\u00ab zum Ausdruck. Dass diese Parole sich anstatt des \u201aaltgermanischen\u2018 Stabreims des Endreims bedient und damit ausgerechnet eines Stilmittels, das den germanischen Sprachen mit ihrer Initialbetonung eigentlich \u201awesensfremd\u2018 ist und erst durch die lateinische Hymnendichtung in die germanophonen Literaturen gelangte, geh\u00f6rt zu den Absonderlichkeiten aus der germanomanen Wunderkammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">III. Germanomane Zerfaserungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Eskapismus\/Fantasyierung, Reenactment und (Re-)Faschisierung nach 1945<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit der faschistischen Inanspruchnahme der mittelalterlichen nordgermanischen \u00dcberlieferung f\u00fcr die literarische, bild- und tonk\u00fcnstlerische sowie kinematographische Rezeption altnordischer Kultur und Mythologie eine gewisse Z\u00e4sur bedeutete, nach der sie erst ab Mitte der 1950er Jahre wieder an Intensit\u00e4t gewann (Tolkiens <em>Lord of the Rings<\/em>-Trilogie erscheint erstmals \u2013 und vergleichsweise wenig beachtet \u2013 1954\/55, zum Bestseller avanciert der Dreiteiler erst ab Ende der 60er Jahre; das Genre \u201aWikingerfilm\u2018 rekonstituiert sich mit Richard Fleischers <em>The Vikings<\/em> von 1958), setzt sich das Neuheidentum nordischer bzw. germanischer Pr\u00e4gung relativ ungebrochen \u00fcber die mit der Chiffre \u201a1945\u2018 verbundenen politischen und soziokulturellen Paradigmenwechsel hinweg fort. Die von Ludwig Fahrenkrog schon 1907-1913 gegr\u00fcndete Germanische Glaubensgemeinschaft (GGG) bestand nach dem Tod ihres Initiators noch bis 1964 weiter, die 1927\/28 als Abspaltung entstandene Nordische Glaubensgemeinschaft firmiert seit 1951 unter dem Label Artgemeinschaft und erlangte in den 2000er Jahren durch die zweifelhafte Prominenz und die Aktivit\u00e4ten des damaligen Vorsitzenden J\u00fcrgen Rieger zu einer gewissen Medienresonanz. Die Mehrheit der aktuell (Stand 2015) in Westeuropa und Nordamerika t\u00e4tigen neopaganen Gruppen des germanisch-nordischen Spektrums sind indes j\u00fcngeren Gr\u00fcndungsdatums und entstanden teilweise ann\u00e4hernd zeitgleich mit den \u00e4ltesten noch bestehenden institutionalisierten satanistischen Zirkeln (Church of Satan [1969], Temple of Seth [1975]), rekurriert dabei jedoch auf Benennungsmotive und Selbstbezeichnungen, letztere z.T. in Form von R\u00fcck\u00fcbersetzungen von Komposita und Neologismen ins Altwestnordische, die weit ins 19. Jahrhundert und die nationalromantische Traditionslinie zur\u00fcckreichen, so insbesondere die Wortsch\u00f6pfung <em>\u00c1satr\u00fa<\/em>, aber auch der \u00bbIsmus\u00ab <em>Odinism<\/em>\/<em>Wotanismus<\/em>.<\/p>\n<p>Die Bandbreite politischer Ideologien ist im <em>post-war<\/em>-Neuheidentum im Vergleich zu den Vorl\u00e4uferorganisationen der Vorkriegszeit breiter gespannt und reicht von sich eher \u201alinks\u2018 verstehenden, \u201aliberalen\u2018 kulturkritisch oder \u00f6kologisch argumentierenden universalistischen (d.h. eine Mitgliedschaft ist ethnizit\u00e4tsunabh\u00e4ngig m\u00f6glich) Gruppen bis zum offensiv vertretenen Rassismus und Antisemitismus etwa des 1976 gegr\u00fcndeten ariosophischen Armanen-Ordens oder der oben genannten Artgemeinschaft, die in ihrem Internet-Auftritt ausdr\u00fccklich darauf hinweist, dass<\/p>\n<p>\u00bbwir nur Artverwandte nordisch-f\u00e4lischen Menschentums gewinnen [wollen], wobei wir davon ausgehen, da\u00df diese vorwiegend in Skandinavien, dem deutschsprachigen Raum, den Niederlanden einschlie\u00dflich Flandern, England, Irland, den USA, Australien, Neuseeland und S\u00fcdafrika zu finden sind, also in den Gebieten germanischer Sprachgruppe.\u00ab (http:\/\/asatru.de\/infomaterial\/inhalt\/artgemeinschaft -faq.pdf, aufgerufen am 25.08.2015).<\/p>\n<p>Die Mitgliederzahlen zumal der Gruppen am \u00e4u\u00dfersten rechten Rand des Neopaganismus d\u00fcrften sich in der Bundesrepublik Deutschland sowie in anderen \u201aOperationsl\u00e4ndern\u2018 jeweils im Bereich von wenigen Hundert Personen bewegen. Insofern markiert der Zusammenbruch des Dritten Reichs im Fr\u00fchjahr 1945 zwar das Ende der Allianz von Germanomanie und Antisemitismus als \u201aStaatsdoktrin\u2018 mitsamt ihren Massenorganisationsstrukturen, nicht jedoch den abrupten Abbruch der ihr zugrundeliegenden ideologischen und geistesgeschichtlichen Kontinuit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der literarischen Rezeption altnordischer Literatur und Mythologie sind in den 1950er Jahren Strategien zur Tabuisierung bzw. Marginalisierung (das Entfernen altnordischer Lekt\u00fcretexte aus den Leseb\u00fcchern und Curricula des gymnasialen Deutschunterrichts) einerseits, zur Trivialisierung andererseits festzustellen. Die Mythen der <em>Eddas<\/em> werden zur Stoffmasse mediaevaliserender Abenteuer- und Fantasyromane mit gewissen eskapistischen Tendenzen, ein Rezeptionsmuster, das ausgehend von Tolkiens \u201aMittelerde\u2018-Universum und seinen multimedialen Adaptionen bis in die Fantasyliteratur, FanFiction und Rollenspielkultur der Gegenwart nachwirkt. Abgesehen von der allerdings bedeutenden Ausnahme Ernst J\u00fcngers (vgl. Penke 2012) spielt der skandinavische und\/oder mittelalterliche Norden als Bezugsrahmen oder Handlungsraum in der deutschsprachigen Literatur in den zwei Dekaden nach Kriegsende keine nennenswerte Rolle, w\u00e4hrend die Rezeption der neuskandinavischen Literatur umfangreich bleibt und teilweise an Schemata aus dem ersten Drittel des Jahrhunderts ankn\u00fcpft: nachdem zur Zeit des Naturalismus \u201askandinavisch\u2018 im Literaturbetrieb geradezu als Signatur der Modernit\u00e4t und Progressivit\u00e4t gegolten hatte (vgl. die von Arno Holz und Johannes Schlaf erdachte pseudonyme Kunstfigur \u00bbBjarne P. Holmsen\u00ab) und auch der Zugriff auf die altnordische Literatur scheinbar paradoxerweise zum Teil insofern im Zeichen eines gewissen Modernismus stand, als die Sagaliteratur als eine Art poetischer Realismus avant la lettre betrachtet wurde (wiederholt nachzulesen in den Vorworten zu den Thule-\u00dcbersetzugen), verband sich etwas sp\u00e4ter mit Skandinavien vor allem der Erwartungshorizont \u201aarchaischer\u2018 Erz\u00e4hlungen um kernige, wortkarge Bauernhelden in rauen, zerkl\u00fcfteten Nordlandkulissen naturromantischen Zuschnitts. Vor diesem Hintergrund ist etwa der immense kommerzielle Erfolg der Romane von Trygve Gulbranssen, Johan Falkberget, Sigrid Undset, Gunnar Gunnarssons sowie der Werke Hamsuns und Laxness\u2018 zu erkl\u00e4ren. Dieses Bild Skandinaviens als schroffes Refugium eines vorindustriellen Idyllismus \u00fcberdauert ,1945\u2018 recht bruchlos und spiegelt sich u.a. in den hochkar\u00e4tig besetzten und kassentr\u00e4chtigen Verfilmungen von Gulbranssens <em>Bj\u00f8rndal<\/em>-Romanen (1959\/60). Zugleich lebt bereits in der Nachkriegszeit das Paradigma des avantgardistisch-progressiven Skandinavien weiter, das insbesondere im schwedischen Film (Mattssons <em>Hon dansade en sommar<\/em>, 1951 [deutscher Verleihtitel: <em>Sie tanzte nur einen Sommer<\/em>]; mit einer seinerzeit skandalumwitterten Nacktbadeszene sowie vor allem das umfangreiche Werk Ingmar Bergmans) Gestalt gewinnt, seit den 1960er Jahren mit einer Idealisierung des skandinavischen Wohlfahrtsstaates kombiniert wurde und so in den 70er und 80er Jahren vor allem Schweden zu einer attraktiven Projektionsfl\u00e4che jenseits v\u00f6lkisch-rassistischer germanomaner Stilisierungen machte und im sog. \u201aBullerb\u00fc-Syndrom\u2018 (nach der eingedeutschten Namensform des utopistisch aufgeladenen fiktiven Handlungsorts von Lindgrens <em>Bullerbyn<\/em>-Erz\u00e4hlungen; vgl. Franke 2007) kulminiert. Hinsichtlich der durch die Vereinnahmung seitens der NS-Kulturpolitik stark diskreditierten altnordischen Literatur und andere Borealica (Runen, Wikinger etc.) ist sp\u00e4testens seit der 1965 begonnenen Neuauflage der \u201aSammlung Thule\u2018, einer erstmals 1912\u20131930 erschienenen 24b\u00e4ndigen Auswahl von \u00dcbersetzungen ausgew\u00e4hlter norr\u00f6ner Literatur-Denkm\u00e4ler, von einem weitgehend unbefangenen Umgang mit dem \u201aNordischen\u2018 auszugehen (obgleich der Skandinavist Heiko Uecker noch im Vorwort zu seinen 1990 erschienenen <em>Klassikern der skandinavischen Literatur<\/em> anmerkte, dass ihm das Adjektiv \u201anordisch\u2018 nur \u00bbschwer in die Feder [flie\u00dft]\u00ab (Uecker 1990: 7). Wie sehr sich der Blick auf das \u201agermanische Erbe\u2018 in der Bundesrepublik in der zweiten H\u00e4lfte der 60er Jahre selbst gegen\u00fcber der Weimarer Republik gewandelt hatte, l\u00e4sst sich exemplarisch an den beiden zweiteiligen Verfilmungen des Nibelungenstoffes \u2013 wohlgemerkt: nicht des Nibelungen<em>liedes<\/em>, denn beide Adaptionen greifen in erheblichem Umfang auch Material aus der nordischen Nibelungen\u00fcberlieferung auf \u2013 von Fritz Lang 1924 und Harald Reinl 1966\/67. Langs mythisierendem Leinwand-Epos mit seinen ornamentalen Bildkompositionen und \u00fcberlebensgro\u00dfen heroisch-tragischen Gestalten steht Reinls in Karl-May-Film-Manier inszenierte Neuverfilmung gegen\u00fcber, die durch rigorose Streichung, \u00dcberzeichnung, naive Schauwerte und Sentimentalit\u00e4ten, gepaart mit unfreiwilliger Komik, den einstigen \u201aNationalmythos\u2018 Nibelungensage zum harmlosen Abenteuerkino degradieren (vgl. Teichert 2008).<\/p>\n<p>Seit den 1970er Jahren bildet die Fantasy-Literatur das vorrangige kulturelle Retirat der Rezeption germanisch-altnordischer Mythen- und Erz\u00e4hlguts. Sie hat zu einer Massen- und Jugendpopularisierung einer Stoffmasse gef\u00fchrt, deren Kenntnis bis dahin gr\u00f6\u00dftenteils auf wissenschaftliche Spezialisten und (insbesondere vermittels Wagners <em>Ring<\/em>) bildungsb\u00fcrgerliche Schichten begrenzt war. Neben Tolkien sind hier aus neuerer Zeit u.a. Elizabeth Boyer, Diane L. Paxson, Stephan Grundy und Melvin Burgess sowie der <em>Game of Thrones<\/em>-Medienverbund zu nennen, ferner eine Reihe von Computer- und Rollenspiel-Franchises, in denen v.a. die nordgermanische Mythologie mehr oder minder signifikant vorkommt (z.B. <em>The Elder Scrolls V: Skyrim<\/em> [2011]).<\/p>\n<p>Zwischen diesen weitgehend unpolitischen, fantasyisierten Rezeptionsstr\u00e4ngen mit einer erkennbaren Neigung zu K\u00f6stumierungen und mitunter etwas infantilen \u00bbWikinger\u00ab-Klischees sowie dem Schwelgen in hypertrophen Bildarrangements der Chronotopoi Wald (vgl. Zechner 2009), Felsengebirge, H\u00f6hle, phantastisches Gew\u00e4sser etc., die h\u00e4ufig zu in sich geschlossenen, teils hochkomplexen fiktiven Universen und Spielwelten durchkomponiert sind und die in R\u00fcckgriff und leichter Abwandlung eines prominenten Konzepts des Literaturtheoretikers Michail Bachtin (1895\u20131975) als eine Art von \u00bbKarnevalisierung\u00ab beschrieben werden k\u00f6nnen, einerseits und der radikalen politischen Instrumentalisierung altnordischer Mythologie als Vehikel rassistischer, antisemitischer (sowie anti-christlicher, insbesondere anti-katholischer) Ideologeme steht eine erhebliche Bandbreite von Rezeptionsformen, die sich einer nach Authentizit\u00e4t und Sachkunde strebenden Adaptation ihres Gegenstandes verpflichtet sieht. Diese rekonstruktivistische und als zumindest semi-wissenschaftlich zu klassifizierende Reprisen sind meist vorwiegend an den Realia, insbesondere Kleidung, Schmuck und Waffen interessiert und r\u00e4umen daher h\u00e4ufig dreidimensionalen arch\u00e4ologischen Artefakten als Quellenkorpus in Relation zu den Schriftzeugnissen einen h\u00f6heren Stellenwert ein als dies bei den \u00bbKarnevalisten\u00ab und \u00bbAntisemiten\u00ab der Fall ist. In dieses weite Feld ist neben den stark zur Karnevalisierung tendierenden Kosmen der Mittelalterm\u00e4rkte und Ritterspiele vor allem der Gro\u00dfteil der thematisch einschl\u00e4gigen Reenactment-Gruppen zu setzen, die sich strukturell und personell stark mit den Living History- und LARP<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>-Subkulturen sowie mit der (in sich \u00e4u\u00dferst heterogenen) Mittelalterszene \u00fcberschneiden. Die erw\u00e4hnten Beispiele illuminieren die flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge, Zwischenstufen und Graut\u00f6ne von systematischen Kategoriserungen komplexer und hochdyamischer soziokultureller Prozesse wie der vorliegenden dreistufigen Skalierung, die aufgrund ihres heuristischen Werts als orientierender Grundriss gleichwohl weiterverfolgt werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">IV. Pagane Traditionen im Metal<\/p>\n<p>Nicht nur personell und intereressenm\u00e4\u00dfig lassen sich gemeinsame Schnittmengen zwischen Computer- und Rollenspieler-, Mittelalter- und Metal-Szene(n) feststellen, sondern auch im Hinblick auf die Themenauswahl und die ihnen zugrundeliegenden Rezeptionsmuster. Ein zentraler gemeinsamer Bezugskomplex ist das norr\u00f6ne Mittelalter.<\/p>\n<p>Die Sozialwissenschaftlerin Deena Weinstein hat in ihrer grundlegenden Studie zum Heavy Metal die Bedeutung von \u201apaganen\u2018, also dem gesamten Aggregat vor-christlicher Religionen Nordeuropas entstammenden Stoffen f\u00fcr die Ausbildung eines Metal-spezifischen Themenkatalogs benannt. (Vgl. Weinstein 2000: 39) Dabei ist es von den ersten Bands, die zun\u00e4chst vereinzelt in ihren Songtexten auf G\u00f6tter, Helden und Artefakte des \u201anordisch-germanischen\u2018 Pantheons referieren, bis zur Etablierung eigener Subgenres wie Pagan Metal und Viking Metal<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, die sich \u00fcber den ausschlie\u00dflichen Bezug auf \u201aHeidnisches\u2018 und \u201aWikinger\u2018 definieren, ein historisch ebenso wie \u00e4sthetisch weiter Weg.<\/p>\n<p>Am Anfang steht mit Led Zeppelins <em>Immigrant Song<\/em> (1970) aus dem Album <em>Led Zeppelin III<\/em>, der die normannische Invasion in Britannien thematisiert, ein vergleichsweise popul\u00e4rer Song der Heavy Metal-Geschichte. Wenige Jahre sp\u00e4ter tritt der Kanadier Jon Mikl Thor mit seinen \u201akarnevalesken\u2018 Selbstinszenierungen als gleichnamiger Gott (seit 1973) in Erscheinung, die sich jedoch bereits in der Betonung der nominalen Parallelen ersch\u00f6pfen. Somit bilden norr\u00f6ne Geschichte und Mythologie bereits in der Konstituierungsphase des Metals Bezugspunkte, wobei die Auseinandersetzung oberfl\u00e4chlich bleibt und sie lediglich ein Themenspektrum unter vielen anderen darstellen. An der Schwelle zu den 1980er Jahren, als der quantitativ gewachsene und international etablierte allgemeine Genrekomplex Heavy Metal in einen Prozess der Ausdifferenzierung in verschiedene Subgenres und nationale Szenen mit eigenen Strukturen und Traditionsbildungen eintritt, gibt es bereits zahlreiche Bands, die sich auf das nordische Pantheon beziehen: Wotan (Frankreich, ab 1976), Odin&#8217;s Hammer (Deutschland, ab 1980), Thor (Argentinien, ab 1982), Thor (Belgien, ab 1982), Thor (Brasilien, ab 1982), Thor (Brasilien, ab 1982), Thor (Spanien, ab 1983), Odin (USA, ab 1983), allein drei italienische Bands unter dem Namen Wotan (Rom ab 1981, Pescara ab 1987, Milano ab 1988 \u2013 3. mit deutlicherem Bezug zu mythologischen Themen), Asgard (Niederlande, ab 1983) Wotan (Berlin, ab 1985), Asgard (Brasilien, ab 1986), Asgard (Gie\u00dfen, sp\u00e4testens ab 1986) und Asgard (\u010cSSR, ab 1987), oder der schwedische Gitarrist Yngwie<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup><sup>[11]<\/sup><\/sup><\/a> Malmsteen, der 1985 den Song <em>I&#8217;m A Viking <\/em>ver\u00f6ffentlichte, der in identifizierender Rollenlyrik Pl\u00fcnderungs- und Mordphantasien eines Wikingers durchspielt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Band Viking (USA, ab 1988) sowie die brasilianische Band Kalabou\u00e7o, die 1986 ein Demotape unter dem Titel <em>Guerreiros de Odin<\/em> ver\u00f6ffentlichte. Diese Liste lie\u00dfe sich fortsetzen, zumal auf Ebene der Album- und Songtitel, ganz zu schweigen von den Referenzen innerhalb der eigentlichen Songtexte \u2013 die Zahl weiterer impliziter wie expliziter Bez\u00fcge ist Legion.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Als gleicherma\u00dfen prominentes wie exemplarisches Beispiel kann die amerikanische Band Manowar genannt werden, die in verschiedenen textuellen Bez\u00fcgen etwa den Songs <em>Gates of Valhalla<\/em> (1983), <em>Blood of My Enemies<\/em> (1984, auf dem Album <em>Hail to England<\/em>) oder <em>Thor (The Powerhead)<\/em> (1984, vom Album <em>Sign of the Hammer<\/em>, dessen Titel ebenfalls auf den Gott Thor bzw. dessen Hauptattribut, den Hammer, referiert) aus dem Fundus norr\u00f6ner Mythologie gesch\u00f6pft hat. Im Gegensatz zu den meisten der anderen obengenannten Bands kann f\u00fcr Manowar aufgrund ihrer Bekanntheit und ihres Einflusses auf die gesamte Metal-Kultur eine herausgehobene Relevanz veranschlagt werden, die die der anderen bei weitem \u00fcberragt. Dies l\u00e4sst sich auch f\u00fcr die kriegerische Gesamt\u00e4sthetik der Band feststellen, die sich sowohl in den Texten als auch auf den Albumcovern ausdr\u00fcckt und best\u00e4ndig wiederkehrende Motive von fantastischen wie historischen Schlachten und Kriegern dezent variiert. Die Bandmitglieder Manowars selber adaptier(t)en diese Rollenbilder als virile Krieger in \u00e4u\u00dferst starken Formen der Selbstinszenierung, die sich \u00fcber entsprechende Outfits und Accessoires wie Waffen visuell zwischen Siegfried und <em>Conan the Barbarian<\/em> verorten. Dabei ist eine der Grundkonstanten ein hypertrophes M\u00e4nnlichkeitsideal, das den archaisierenden Helden- und Kriegerbildern von Filmen und Fantasy-Romanen nachempfunden ist und immer wieder latent auf norr\u00f6ne Stereotype verweist, die stilpr\u00e4gend wurden und best\u00e4ndig wiederkehren. Ein verst\u00e4rkter Fokus auf norr\u00f6ne Themen ist mit dem Konzeptalbum <em>Gods of War<\/em> aus dem Jahr 2007 und der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Wolfgang Hohlbein festzustellen, der Romane einer <em>Asgard-Saga<\/em> in enger Wechselbeziehung zur musikalischen Ausgestaltung der Band verfasst hat. (Vgl. Hohlbein; Heesch 2011)<\/p>\n<p>Doch trotz dieser avancierten Kollaboration und der best\u00e4ndigen Rekurrenz auf Stoffe und Motive der nordischen Mythologie, l\u00e4sst sich Manowars Umgang unter \u201aKarnevalisierung\u2018 verorten. Die naive, reinen Unterhaltungszwecken geschuldete Inszenierung von \u2013 oder als \u2013 Wikinger, die Nacherz\u00e4hlung von G\u00f6tter- und Heldensagen sowie die intentionslose<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Verwendung verwandter <em>cultural icons<\/em> ist ein Musterbeispiel f\u00fcr die oben etablierte Rubrik der ,Karnevalisierung\u2018 und als ein Fixpunkt auf der imagin\u00e4ren Skala von Rezeptionsstrategien zu begreifen. Damit soll \u00fcber den \u00e4sthetischen Wert und die vorgebrachte Ernsthaftigkeit des Dargebotenen kein Urteil gef\u00e4llt, sondern lediglich ein Pr\u00e4sentationsmodus bezeichnet werden, der sich seine bestimmte Referenzialisierung und Kost\u00fcmierung als eine unter anderen m\u00f6glichen zum Zweck der Show und dem Am\u00fcsement w\u00e4hlt, ohne diese mit weiterf\u00fchrenden Interessen \u2013 philosophischen Anspr\u00fcchen, historischen Anschl\u00fcssen oder identit\u00e4tsbildenden Funktionen \u2013 zu verkn\u00fcpfen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Einen zun\u00e4chst ernsthafteren Zugriff versuchte Ende der 1980er Jahre die schwedische Band Bathory, deren Album <em>Blood Fire Death<\/em> (1988) als das Gr\u00fcndungsdokument des Viking Metals angesehen werden kann. Nach drei stilpr\u00e4genden Alben mit \u00fcberwiegend satanischen Inhalten versuchte der Kopf der Band, Thomas \u201aQuorthon\u2018 Forsberg, eine thematische Neuorientierung mit Bezug zur nordischen Mythologie. Diese \u00e4u\u00dfert sich in einer konzeptionellen Versiertheit, die zum damaligen Zeitpunkt ein Novum darstellte. F\u00fcr das Cover wurde das Gem\u00e4lde <em>\u00c5sg\u00e5rdsreien<\/em> aus dem Jahr 1872 des norwegischen Malers Peter Nicolai Arbo verwendet, ein bekanntes Zeugnis der norwegischen Nationalromantik. Zudem stellen einige Songtitel weitere konkrete Bez\u00fcge zur norr\u00f6nen Mythologie her; das Album wird er\u00f6ffnet von einem Instrumentalst\u00fcck <em>Odens Ride Over Northland<\/em> und endet mit dem Titelsong, der eine Schlacht beschreibt und Bilder aus der eddischen Weltuntergangsvision der Ragnar\u00f6k bem\u00fcht und abschlie\u00dfend einen Zustand beschw\u00f6rt, in dem die \u00bbSeelen der Uralten\u00ab<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><sup><sup>[15]<\/sup><\/sup><\/a> herrschen. Mit mehrstimmigem Gesang, der Verwendung akustischer Gitarren sowie der Implementierung von Pferdegewieher und Gewitterger\u00e4uschen werden auf <em>Blood Fire Death<\/em> nicht nur neue Stilelemente in den (Black) Metal eingef\u00fchrt, sondern sind auch der Erzeugung einer bis dato unerh\u00f6rten, neuartigen Stimmung dienlich, die den traditionellen Metal-Sound erweitert und atmosph\u00e4risch durch H\u00f6rspielelemente verdichtet. Diese Bem\u00fchungen um ad\u00e4quate Stimmungen und deren Integration in eine Art Gesamtkunstwerk wurden auf den Nachfolgealben <em>Hammerheart<\/em> (1990) und <em>Twilight of the Gods<\/em> (1991) noch weiter intensiviert, die sich ebenfalls durchweg mit norr\u00f6nen Themen befassen.<\/p>\n<p>Zur selben Zeit sind solche Bez\u00fcge im Death Metal vergleichsweise selten. Prominent verhandelt werden sie z.B. von der schwedischen Band Unleashed, die bereits auf ihrem ersten Album 1991 mit <em>Into Glory Ride<\/em> einen Song-Text pr\u00e4sentieren, der sich auf Walhall, die Halle Odins, bezieht, in die gefallene Krieger Eingang finden. Viele andere Bands aus dem Death Metal-Bereich hielten jedoch an vor allem durch Horrorfilme inspirierten <em>blood &amp; gore<\/em>-Texten fest.<\/p>\n<p>Die erste Band, die ihre Musik mit der Selbstbeschreibung Viking Metal versah, waren die Norweger Enslaved, die 1994 mit dem Album <em>Vikingligr Veldi<\/em> (zu dt. etwa Glorreiches Wikingerreich) deb\u00fctierten. Bei Enslaved ist erstmals ein Konzept zu erkennen, das alle Aspekte \u2013 Cover, Songtitel, Texte in isl\u00e4ndischer Sprache sowie die Inszenierung der Musiker als Wikinger in entsprechenden Kost\u00fcmen \u2013 vereint. Dabei sind Musik und Auftreten von deutlichem Ernst bestimmt und keine karnevalistischen Momente erkennbar. Enslaved waren damit stilpr\u00e4gend, in ihrer Nachfolge zeigten sich weltweit zahlreiche Bands (Einherjer, Amon Amarth, Thyrfing, Falkenbach u.v.a.) beeinflusst und so dem Viking Metal zur Etablierung als einer eigenen Spielart des Metals verholfen haben.<\/p>\n<p>Damit ist jedoch nicht gesagt, dass Wikinger, G\u00f6tter und Helden des nordischen Pantheons aus den anderen Subgenres abgezogen wurden. Vielmehr sind sie nach wie vor etwa im Power Metal ein beliebter Motivkomplex unter anderen geblieben, dessen graduelle Abstufungen\u00a0 \u00fcber die Modi von der Karnevalisierung bis zur \u00e4u\u00dfersten Form der Politisierung differenziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Entscheidend scheint dabei vor allem jenes Verfahren, dass Eric Hobsbawm als \u201ainvention of tradition\u2018 beschrieben hat: die narrative Gestaltung einer eigenen Vergangenheit. Wo die kollektive Erinnerung nicht mehr hinreicht, wo die \u00dcberlieferung abgebrochen ist und historische Br\u00fcche jedes \u00dcberlieferungskontinuum beendet haben, setzt die Erz\u00e4hlung ein, die rekonstruiert und vor allem erfindet. Gerade im Zusammenhang mit \u201aden\u2018 Germanen ist dies ein h\u00e4ufig zu beobachtendes Ph\u00e4nomen, da hier einerseits das grundlegende Problem schriftloser Kulturen besteht, dass die fr\u00fchsten \u00dcberlieferungen nur \u00fcber arch\u00e4ologische Funde, etwa durch Ausgrabungen oder erhaltene Bilddenkm\u00e4ler zu erschlie\u00dfen sind, zum anderen dass die \u201aauthentische\u2018 Phase nur \u00fcber \u2013 in diesem Fall r\u00f6mische \u2013 Fremdbeschreibungen zu rekonstruieren ist, w\u00e4hrend die ersten eigenen schriftliche Zeugnisse erst im 8. Jahrhundert in althochdeutscher Periode nach der Christianisierung einsetzen.<\/p>\n<p>Die Verbindung der rezipierten Inhalte mit einer politischen Agenda ist vor allem an den Bands Burzum und Absurd (bzw. den Br\u00fcdern Hendrik und Ronald M\u00f6bus) festzustellen. Denn gerade in diesen F\u00e4llen geht es weniger um die \u201aauthentische\u2018 Selbstinszenierung mit historisierenden Kost\u00fcmen und Waffen als um die Einschreibung in spezifische Traditionslinien, die tiefergehend als die reinen Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene der Maskerade verstanden werden.<\/p>\n<p>Eine Deutung, wie sie auch der \u00f6terreichische Musiker Gerhard \u201aKadmon\u2018 Petak unternommen hat, der selber in v\u00f6lkischen Kontexten aktiv ist:<\/p>\n<p>\u00bbBlack Metal IST Oskorei Romantikk. [sic] Viele Lieder handeln von nordischer Mythologie, vom Heidentum, vom Kampf gegen das Kristentum und teilweise auch den Amerikanismus, der heute Europa in allen Lebensbereichen heimsucht. Sicher gibt es zahlreiche Black Metal-Musiker, die ihre Lieder mit nordischen Begriffen, ihre Plattenh\u00fcllen mit Runen, Irminsul und Mj\u00f6lnir schm\u00fccken, ohne sich tiefer mit dem geistigen Hintergrund ihrer Symbolik zu besch\u00e4ftigen. Ihnen ist das Nordische Schminke, Schmuck. Anderen aber ist die nordische Glaubenswelt ernst, sie verkn\u00fcpfen in ihrer Arbeit ariosophische Mythologie mit einer von Selbstachtung und Widerstand gepr\u00e4gten Einstellung zu einem nordischen Nietzscheanismus.. Hier wird Black Metal zu einer heidnischen Avantgarde, die Mythos und Moderne vereint, einer nordischen Okkultur. \/ Ein hartes Herz legte Wotan mir in die Brust.\u2018 (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und B\u00f6se 187)\u00ab (Petak 1995: 9)<\/p>\n<p>Hier ist der Anschluss an die v\u00f6lkische Bewegung gegeben, deren neuromantische Germanent\u00fcmelei bereits zur Jahrhundertwende um 1900 den Weg f\u00fcr verschiedene rassistische und antisemitische Bewegungen ebnete, die sich im Nationalsozialismus b\u00fcndeln sollten, um dort mit letzter Konsequenz verwirklicht zu werden. Gerade auch die Affirmation des Nationalsozialismus und der Shoah erkl\u00e4ren sich \u00fcber das v\u00f6lkische Moment, das Vikernes und M\u00f6bus ausdr\u00fccklich betonen. (Vgl. dazu Niels Penkes Beitrag in diesem Band)<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund im Metal allgemein weit verbreiteter Themen und implizierter Ideale (M\u00e4nnlichkeit, Kriegertum, Tapferkeit, Aufrichtigkeit), kann die radikale Ausformulierung eines v\u00f6lkischen Antisemitismus vor allem im Black Metal der 1990er Jahre als eine logische Konsequenz aufgefasst werden. Denn zum einen werden weder musikalisch noch gesamt\u00e4sthetisch neue Bilder gesucht, sondern vieles amalgamiert, was schon vor ihm da war \u2013 nur, dass bestimmte Momente radikal zu Ende gedacht und mit einem martialischen Ernst verbunden werden, der \u00fcber das \u00c4sthetische hinausgehen und wirken will. Bei n\u00e4herer Betrachtung wird deutlich, dass die Bausteine des Black Metals weder einmalig noch neuartig sind, sondern lediglich in ihrer Verkn\u00fcpfung aus Altbekanntem Neues entsteht. Was ihn jedoch grundlegend unterscheidet, ist der unbedingte Ernst und \u2013 oft ausgestellt und auch durch prominente Ausf\u00fchrungen (Mord, Brandstiftung) beglaubigt \u2013 der Wille zur Tat, der die Komplexit\u00e4t des Gegenstandes dahingehend vergr\u00f6\u00dfert, dass neben das \u00e4sthetische Format eine konkrete Praxis tritt.<\/p>\n<p>Dabei ist in der noch jungen Forschung bereits wiederholt bemerkt worden, dass ein \u00dcbergang vom dominierenden Satanismus der 1980er und fr\u00fchen 1990er Jahre zu einer eher \u201aheidnischen\u2019 Ausrichtung vieler Bands stattgefunden hat. So formuliert Sarah Chaker den Eindruck, dass nicht nur das Interesse an nordischer Mythologie zugenommen, sondern dass dies auch zu einer \u00bbVerdr\u00e4ngung des urspr\u00fcnglich f\u00fcr den Black Metal so wichtigen Themas Satanismus\u00ab gef\u00fchrt habe. (Chaker 2011: 18), der sich auch bei Florian Heesch findet, der auch davon spricht, dass altnordische Mythen und Wikinger zu einem gewissen Grad den Platz von Satanismus und Okkultismus eingenommen h\u00e4tten. (vgl. Heesch 2010: 71).<\/p>\n<p>Bislang wurde allerdings dieser Interessenverlagerung keine Bedeutung beigemessen, obwohl sie f\u00fcr die Identit\u00e4tskonstitution vieler Metal-Musiker zentral zu sein scheint. Der Umgang mit \u201agermanischen\u2018, also den vermeintlich \u201aeigenen\u2018 Geschichten und Traditionen, erm\u00f6glicht einen v\u00f6llig anderen pers\u00f6nlichen Bezug zum verwendeten Material als im Falle der Selbstdarstellung als Satanist. Da in den klassischen Konzeptionen des Satanismus christlich-j\u00fcdische Gottesvorstellungen mit solchen eines demselben religi\u00f6sen System entstammenden Teufels oder anderer D\u00e4monen konfrontiert wurden, wobei sich die SatanistInnen mit der Seite des Widersachers identifizierten, ist das Angebot, das von \u201aWikingern\u2018 und \u201aGermanen\u2018 ausgeht, durch eine Vielzahl diffuser historischer Bez\u00fcge deutlich gr\u00f6\u00dfer, um diese projektiv auf sich beziehen zu k\u00f6nnen. Neben die ideelle Identifikation mit allegorischen \u201aGut\u2018 und \u201aB\u00f6se\u2018 repr\u00e4sentierenden Figuren tritt eine, die zugleich den historischen und v\u00f6lkischen Anschluss erm\u00f6glicht, d.h. sich \u00fcber den geographischen Bezug als \u201ablutsm\u00e4\u00dfige\u2018 Germanen in eine als Abstammungsgemeinschaft verstandene Traditionslinie mit den Vorfahren hineinzuphantasieren und mit den eigenen, positiven Identit\u00e4tsentw\u00fcrfen die Feind- und Gegenbilder zugleich zu aktualisieren.<\/p>\n<p>Die antisemitische Sto\u00dfrichtung kann sich dabei implizit \u2013 im Zuge eines allgemeinen Anti-Modernismus, der seine Bilder unreflektiert w\u00e4hlt \u2013, in Form antisemitischer Codes \u2013 wenn von ZOG, USrael oder in vermeintlich neutraler Rede vom Judeo-Christentum<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><sup><sup>[16]<\/sup><\/sup><\/a> gesprochen wird \u2013 oder als manifestes Statement \u2013 wie im Ausgangszitat von Varg Vikernes \u2013 ge\u00e4u\u00dfert werden.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich auch eine Verschiebung des Diskurses erkennen, von den anfangs noch subtilen, vom Publikum oft unbemerkten germanomanischen Selbstmystifikationen bis zu drastischen Pamphleten, die kein Stereotyp antisemitischer Verschw\u00f6rungstheorie und Vernichtungsandrohung mehr ausl\u00e4sst<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">V. Ideologische Kunst &amp; Propaganda<\/p>\n<p>Im Umgang mit altnordischer Mythologie und mittelalterlicher Geschichte lassen sich in den Metal-Subkulturen vor allem drei Muster erkennen. Die naive, reinen Unterhaltungszwecken geschuldete Inszenierung von \u2013 oder als \u2013 Wikinger, die Nacherz\u00e4hlung von G\u00f6tter- und Heldensagen sowie die intentionslose Verwendung von ,cultural icons\u2018 l\u00e4sst sich unter der Rubrik ,Karnevalisierung\u2018 begreifen, w\u00e4hrend sich ambitioniertere, um Authentizit\u00e4t und die ,Pflege\u2018 historischer Traditionslinien bem\u00fchte Projekte durchaus als neuromantische Spielarten verstehen lassen, an deren Ende nicht selten Bands und Musiker stehen, die \u00fcber das \u00c4sthetische hinaus Inhalte transportieren und Forderungen in die Welt setzen, die viele Elemente des Neonazismus aufweisen.<\/p>\n<p>In allen diesen Kategorien hat der R\u00fcckgriff auf die ,eigene\u2018 Geschichte und vermeintlich ,wahre\u2018, ,unverfremdete\u2018 Kultur starke identit\u00e4tsbildende Kraft, die immer \u2013 und dies ist der erste gemeinsame Nenner \u2013 \u00fcber die Identifikation mit zumeist diffusen Vorstellungen einer norr\u00f6nen oder ,germanischen\u2018 Kultur, ihren G\u00f6ttern und Erz\u00e4hlungen ein positives Selbstbild der Akteure entwirft. Attribute der St\u00e4rke und Gesundheit gehen einher mit einer stereotypen Bildsprache, die eigentlich durchweg den Siegfried-Typus \u2013 als blonde Bestie \u2013 zum Ideal erhebt (und die Implikationen gewiss nicht immer intendiert oder versteht). In der Verbindung mit einem weit verbreiteten Antimodernismus und einer pauschalen Zivilisationsfeindschaft, einem diffusen Antikapitalismus und dem Lob einer l\u00e4ndlichen, auf Subsistenzwirtschaft beruhenden Lebensweise, die sich auf vermeintliche ,germanische\u2018 Tugenden gr\u00fcndet und gesunde Menschen in harmonischen Familien- oder Stammeszusammenh\u00e4ngen hervorbringt, ist das logische Feindbild immer schon impliziert. Wo die allermeisten der verwendeten (Bild und Text) Elemente Versatzst\u00fccke v\u00f6lkischer Weltanschauung und \u00c4sthetik sind, ist es nur ein kleiner Schritt vom undifferenzierten Antichristentum der Black Metal-Bewegung der fr\u00fchen 1990er Jahre zum offenen Antisemitismus des National Socialist Black Metal seit der Jahrtausendwende. Und nicht erst in den unverhohlenen Eliminierungsphantasien von Bands wie Absurd, Totenburg oder Der St\u00fcrmer ist ,der Jude\u2018 als Verk\u00f6rperung allen \u00dcbels und ultimativer Feind ,erkannt\u2018. Auch in vielen der vermeintlich unbedarften Verwendungen altnordischer Mythologie und heroischen Selbstinszenierungen als Wikinger ist das ,Andere\u2018 als Fremdes und Feindliches oft schon als ,das J\u00fcdische\u2018 impliziert.<\/p>\n<p>Von einer plumpen Karnevalisierung \u00fcber eine engagierte, identifikatorische Neuromantik bis zum manifesten Neonazismus ist eine sich differenzierende und radikalisierende Judenfeindschaft durchaus im Sinne von Samuel Salzborn als ,negative Leitidee\u2018 (vgl. Salzborn 2010) des Black und Pagan Metals auszumachen, deren \u00c4u\u00dferungsformen und Kontexte in den Beitr\u00e4gen dieses Bandes n\u00e4her bestimmt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wir verwenden den Terminus Szene im Sinne der Definition von Hitzler \/ Bucher \/ Niederbacher als \u00bbthematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und\/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln\u00ab (2001: 20). Szene verstehen wir damit als soziale Dimension komplement\u00e4r zu Genre, das auf die \u00e4sthetische Komponente zwar verwandter, aber distinktiv geschiedener Bau- und Erscheinungsformen des Metal verweist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Terminus NSBM (National Socialist Black Metal) hat sich seit der Jahrtausendwende als Terminus sowohl zur Fremd- als auch zur Selbstbeschreibung von Bands etabliert. In der Zeitschrift <em>Der Rechte Rand<\/em> wurde von Jan Raabe folgende Definition versucht: \u00bbDie von der Szene selbst geschaffene Bezeichnung NSBM findet in der Regel Anwendung bei Bands, die eindeutige neo-nationalsozialistische Texte haben, in ihrer Symbolik und\/oder im Layout ihrer Tontr\u00e4ger auf die Bildsprache des Nationalsozialismus zur\u00fcckgreifen und\/oder sich in Interviews eindeutig als Neonazis positionieren. Die Eigenzuschreibung aus der Szene und eine Fremdzuschreibung k\u00f6nnen jedoch variieren.\u00ab (Raabe 2008: 25f.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 J\u00f6rg Scheller hat auf das Paradox hingewiesen, das dem metallischen Anti-Modernismus als \u00bbProjektionsfl\u00e4che f\u00fcr eskapistische Tr\u00e4ume und naive Sehns\u00fcchte\u00ab (Scheller 2014: 41) grunds\u00e4tzlich eingeschrieben ist. Er spricht von einer \u00bbspezifischen Doppelnatur des Heavy Metal: einerseits Tr\u00e4ume von Freiheit, Individualismus, Heroismus, Enthemmung sowie als Kritik an der Moderne verstandene Rekurse auf Mythos und Vormoderne, andererseits moderne Technik, kapitalistische Produktions- und Distributionstechniken und modularisierte Kompositionselemente\u00ab (Scheller 2014: 39), die ebensowenig aufgel\u00f6st werden kann wie dieser performative Widerspruch nur den wenigsten Akteuren bewusst ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zur Entstehung und Diversifizierung des Heavy Metal vgl. Weinstein 2000: 43\u201357. Zu den konkreten Auspr\u00e4gungen des Extreme Metals, dem die im Folgenden vorwiegend thematisierten Subgenres Black Metal, Death Metal, Pagan Metal und Viking Metal zuzuordnen sind, vgl. Kahn-Harris 2007, 1\u20138. Erg\u00e4nzend dazu aus musikwissenschaftlicher Sicht vgl. Elflein 2010, v.a. 243ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zu einigen Spielarten dieser Argumention im (Black) Metal vgl. Penke 2015 sowie auch den Beitrag in diesem Band.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es handelt sich, mit Gerhart Hoffmeister gesprochen, um eine teutonophile Perspektive, die \u00bb[\u2026] im Gegensatz zur lateinischen Gelehrtenrepublik das volkshafte Element barbarischen bzw. imagin\u00e4ren Ursprungs betonte\u00ab (Hoffmeister 2010: 217).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aschers <em>Die Germanomanie <\/em>ist leider in gedruckter Form ein Rarissimum; der Text er steht jedoch als Online-Ressource im Projekt Gutenberg zur Verf\u00fcgung (http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/die-germanomanie-2602\/1, aufgerufen am 25.08.2015)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Entsprechendes gilt f\u00fcr die v\u00f6lkische Verwendung des Terminus \u00bbIndogermane\u00ab, bei dem es sich schon bei Paul Anton B\u00f6tticher alias Paul de Lagarde (1827\u20131891) \u00bbum nichts weiter als einen Kontrastbegrigff zum Semiten [handelt]\u00ab (von See 1970: 86).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Akronym LARP steht f\u00fcr Live Action Role Playing.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In Schweden existiert bereits seit den fr\u00fchen 1980er Jahren eine Spielart namens Viking Rock, die sich ebenfalls \u00fcber ihren thematischen Hauptbezugspunkt definiert, allerdings traditioneller Rock-Musik und Punk nahesteht und keine nennenswerten musikalischen oder personellen \u00dcberschneidungen zur Metal-Szene aufweist. Viele Viking Rock-Bands werden aufgrund ihrer nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Aussagen auch dem RechtsRock zugeordnet.Vgl. Larsson 2002 und Lowles 2002: 240\u2013243. Zur Repr\u00e4sentation von Wikingern und nordischen G\u00f6ttern im RechtsRock vgl. Flad 2002: 110\u2013112.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bereits in der Wahl seines pseudonymen Vornamens (b\u00fcrgerlich: Lars Johan Yngve Lannerb\u00e4ck) klingt eine Referenz zur germanischen Gottheit Yngvi an.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Entsprechende Stichworte lassen sich \u00fcber die Encyclopedia Metallum (www. metal-archives.com) leicht abfragen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Frontmann Eric Adams sprach in einem Interview mit dem finnischen Magazin Imhotep \u00fcber die Motivation des Themenwahl davon, lediglich \u00bbsomething special to the fans, something big, massive, something new and fresh and very special\u00ab bieten zu wollen. (vgl. Kristensen 2007)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bei Manowar ist auch eine Begeisterung f\u00fcr Richard Wagner nicht zu \u00fcbersehen, die vor allen den <em>Ring<\/em> als wichtigen Bezugspunkt nennt: \u00bbRichard Wagner gave us Heavy Metal. He played louder, heavier, more dramatic music than anybody could ever imagine.\u00ab Vgl. Custodis 2009: 24f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die letzte Zeile lautet: \u00bbAnd the souls of the ancient ones reign\u00ab.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Diese Argumentationslinie, die das Christentum \u00fcber seine Beziehung zum Judentum als den Deutschen oder \u201aGermanen\u2018 als \u201awesensfremd\u2018 behauptet, kn\u00fcpft an eine Deutung Jacob Grimms an, der das Christentum als \u201afremde\u2018 Macht verstand und diesem attestierte, nicht \u00bbvolksm\u00e4\u00dfig\u00ab zu sein. (Grimm 1835: 3<strong>)<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Shulamith Volkov beschreibt in diesem Zusammenhang den Antisemitismus als \u00bbkulturellen Code\u00ab, der als \u00bbein Symbol, ein K\u00fcrzel f\u00fcr ein ganzes System von Ideen und Einstellungen\u00ab steht und sich im deutschen Kaiserreich als antikommunistisch, antifeministisch, nationalistisch, militaristisch und autoritaristisch ausgebildet hat. (Vgl. Volkov 2010: 23). Der \u201aCode\u2018 \u00e4u\u00dfert sich \u00fcber bestimmte Schlagworte und Symbole, die keiner weiteren Ausf\u00fchrung bed\u00fcrfen, weil bereits \u00fcber die Anspielung hinreichend zu \u201averstehen\u2018 gegeben ist, worum es sich handelt. Dieser Code kehrt im Black Metal in vergleichbarer Weise, zum Beispiel Interviews oder auf Flyern, wieder. Vgl. Schubert 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl. Vikernes 2012, der in einem Essay <em>War in Europe \u2013 Part V: Breivik Unveiled<\/em> abermals Juden und J\u00fcdinnen als Universal-Verantwortliche imaginiert, die hinter allen Geschehnissen stehen und entsprechend profitieren. Selbst aus dem Massaker auf der norwegischen Ferieninsel Ut\u00f8ya will Vikernes einen Nutzen f\u00fcr Israel herauslesen. Und f\u00fcr den Verfall der Black Metal-Szene ebenfalls, vgl. <em>How to revolt in practise II<\/em> vom 7.03.2013, online archiviert unter: http:\/\/archive.today\/HpJes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Arndt, Ernst Moritz 1814: Blick aus der Zeit auf die Zeit. Germanien, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Ascher, Saul 1815: Die Germanomanie, Berlin. (auch als Online-Ressource unter (http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/die-germanomanie-2602\/1, aufgerufen am 25.08.2015)<\/p>\n<p>Beck, Heinrich \/ Geuenich, Dieter \/ Steuer, Heiko \/ Hakelberg, Dietrich (Hg.) 2004: Zur Geschichte der Gleichung \u00bbgermanisch-deutsch\u00ab. Berlin\/New York, (Erg\u00e4nzungsb\u00e4nde zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde: 34).<\/p>\n<p>Breuer, Stefan 2010: Die V\u00f6lkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik, Darmstadt.<\/p>\n<p>Chaker, Sarah 2011: G\u00f6tter des Gemetzels. Mediale Inszenierungen von Tod und Gewalt im Death Metal, in: Roman Bartosch (Hg.): Heavy Metal Studies. Band 1. Lyrics und Intertextualit\u00e4t, Oberhausen, 11\u201324.<\/p>\n<p>Custodis, Michael 2009: Klassische Musik heute. Eine Spurensuche in der Rockmusik, M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Dornbusch, Christian \/ Killgus, Hans Peter 2007: Unheilige Allianzen. Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus, M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Fischer, Jens Malte 2000: Richard Wagners \u00bbDas Judentum in der Musik\u00ab. Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt am Main \/ Leipzig.<\/p>\n<p>Flad, Henning 2002: Trotz Verbot nicht tot. Ideologieproduktion in den Songs der extremen Rechten, in: Christian Dornbusch \/ Jan Raabe (Hg.): RechtsRock. Bestandsaufnahmen und Gegenstrategien, M\u00fcnster, 91\u2013123.<\/p>\n<p>Franke, Berthold 2007: Tyskarna har hittat sin Bullerb\u00fc, in: Svenska Dagbladet, 9. Dezember 2007.<\/p>\n<p>Goodrick-Clarke, Nicholas 2003: Black Sun. Aryan Cults, Esoteric Nazism and the Politics of Identity, New York.<\/p>\n<p>Grimm, Jacob 1835: Deutsche Mythologie, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>Hafner, Ulrike 1996: \u201aNorden\u2019 und \u201aNation\u2019 um 1800. Der Einflu\u00df skandinavischer Geschichtsmythen und Volksmentalit\u00e4ten auf deutschsprachige Schriftsteller zwischen Aufkl\u00e4rung und Romantik (1740\u20131820), Trieste.<\/p>\n<p>Heesch, Florian 2010: Metal for Nordic Men: Amon Amarth\u2019s Representations of Vikings, in: Niall W. R. Scott \/ Imke Von Helden (Hg.): The Metal Void. First Gatherings, Oxford, 71\u201380.<\/p>\n<p>Heesch, Florian 2011: Thor im Metal und im Fantasy-Roman. Zur <em>Asgard-Saga<\/em> von Manowar und Wolfgang Hohlbein, in: Roman Bartosch (Hg.): Heavy Metal Studies. Bd. 1. Lyrics und Intertextualit\u00e4t. Oberhausen, 64\u201388.<\/p>\n<p>Heine, Heinrich 1971: Ludwig B\u00f6rne. Eine Denkschrift, in: Ders.: S\u00e4mtliche Schriften. Vierter Band, hg. von Klaus Briegleb, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Hobsbawm, Eric \/ Ranger, Terence 1992: The Invention of Tradition, Cambridge.<\/p>\n<p>Hoffmeister, Gerhart 2010: Romantik als europ\u00e4isches Ph\u00e4nomen, in: Wolfgang Bunzel (Hg.): Romantik. Epoche \u2013 Autoren \u2013 Werke, Darmstadt, 216\u2013231.<\/p>\n<p>Hohlbein, Wolfgang: http:\/\/www.hohlbein.de\/asgard_saga.html.<\/p>\n<p>Kahn-Harris, Keith 2007: Extreme Metal: Music and Culture on the Edge, Oxford \/ New York.<\/p>\n<p>Kater, Michael H. 2006: Das \u00bbAhnenerbe\u00ab der SS 1935\u20131945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reichs, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Kipper, Rainer 2002: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich. Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>Kristensen, Roy 2007: MANOWAR Frontman Talks About &#8218;Gods Of War&#8216; Concept, in: http:\/\/www.blabbermouth.net\/news\/manowar-frontman-talks-about-gods-ofwar-con\u00ad\u00adcept\/.<\/p>\n<p>Langebach, Martin 2007: Die Black-Metal-Szene. Eine qualitative Studie, Saarbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Larsson, Stieg 2002: racism inc. White-Power-Music made in Sweden, in: Searchlight, Antifaschistisches Infoblatt, Enough is Enough, rat (Hg.): White Noise. Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood &amp; Honour. Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene, Hamburg \/ M\u00fcnster, 92\u201393.<\/p>\n<p>Lowles, Nick 2002: Die Internationale des Hasses, in: Christian Dornbusch \/ Jan Raabe (Hg.): Rechtsrock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, M\u00fcnster, 240-243.<\/p>\n<p>Moynihan, Michael \/ Didrik S\u00f8derlind 2007: Lords of Chaos. Satanischer Metal. Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund, Wittlich.<\/p>\n<p>Nienhaus, Stefan (Hg.) 2008: Achim von Arnim. Texte zur Deutschen Tischgesellschaft, T\u00fcbingen.<\/p>\n<p>N.N.: Die Artgemeinschaft-GGG: Fragen und Antworten. http:\/\/asatru.de\/infomaterial\/ inhalt\/artgemeinschaft-faq.pdf (zuletzt aufgerufen am 25.09.2015)<\/p>\n<p>Parsons, Talcott 1969: Theoretical Orientations on Modern Societies, in: Ders. Politics and Social Structure, New York 1969, 34\u201357.<\/p>\n<p>Patterson, Dayal 2013: Black Metal. Evolution of the Cult, Port Townsend\/WA.<\/p>\n<p>Penke, Niels 2012: Ernst J\u00fcnger und der Norden. Eine Inszenierungsgeschichte, Heidelberg.<\/p>\n<p>Penke, Niels 2015: \u203aThe Worst Threat For Zion Since the Invention of Zyklon B\u2039. Zur Funktion von Germanentum und v\u00f6lkischem Antisemitismus im (NS-) Black Metal, in: Roman Bartosch \/ David Stoop (Hg.): (Un)Politischer Metal? Musikalische Artikulationen des Politischen zwischen Ideologie und Utopie, Trier, 17\u201332.<\/p>\n<p>Petak, Gerhard 1995: Oskorei, in: Aorta 20, 1\u201313. (Erneut abgedruckt in Moynihan \/ S\u00f8derlind 2007, 405\u2013413).<\/p>\n<p>Raabe, Jan 2008: RechtsRock 2007. Zwischen Definitionsproblemen, wei\u00dfen Flecken und Besorgnis, in: Der Rechte Rand, Nummer 111, M\u00e4rz\/April 2008, 25\u201326.<\/p>\n<p>Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt \/ New York.<\/p>\n<p>Schnurbein, Stefanie von 1993: G\u00f6ttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Schnurbein, Stefanie von \/ Ulbricht, Justus H. (Hg.) 2001: V\u00f6lkische Religion und Krisen der Moderne. Entw\u00fcrfe \u00bbarteigener\u00ab Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, W\u00fcrzburg.<\/p>\n<p>Scheller, J\u00f6rg 2014: Adorning Heavy Metal. Kritische Theorie als Verst\u00e4rker der <em>Metal<\/em>-Forschung, in: Florian Heesch \/ Anna-Katharina H\u00f6pflinger (Hg.): Methoden der Metal-Forschung, 33 \u2013 45.<\/p>\n<p>Scholz, Dieter David 1993: Richard Wagners Antisemitismus, W\u00fcrzburg.<\/p>\n<p>Schubert, Pascal 1998: Absurd-Interview, in: Ders. (Hg.): Szene-Almanach, Waldsee, 4\u20136.<\/p>\n<p>von See, Klaus 1970: Deutsche Germanen-Ideologie. Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>von See, Klaus 1994: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identit\u00e4t der Deutschen, Heidelberg.<\/p>\n<p>Seidl, Roman 2008: Ideologie im Black Metal. Eine psychologische Analyse zu Neuheidentum und rechtsextremer Gesinnung, Saarbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Teichert, Matthias 2008: Von der Heldensage zum Heroenmythos. Vergleichende Studien zur Mythisierung der nordischen Nibelungensage im 13. und 19.\/20. Jahrhundert, Heidelberg.<\/p>\n<p>Uecker, Heiko 1990: Die Klassiker der skandinavischen Literatur. Die gro\u00dfen Autoren vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, D\u00fcsseldorf.<\/p>\n<p>Vikernes, Varg: War in Europe: Part I &#8211; Cui bono?, 24.07.2011, http:\/\/www.burzum.<br \/>\norg\/eng\/library\/war_in_europe01.shtml. (zuletzt aufgerufen am 25.09.2015)<\/p>\n<p>Vikernes, Varg 2012: War in Europe: Part V &#8211; Breivik Unveiled, 13.12.2012, http:\/\/www.burzum.org\/eng\/library\/war_in_europe05.shtml. (zuletzt aufgerufen am 25.09.2015)<\/p>\n<p>Volkov, Shulamith 2010: Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Weinstein, Deena 2000: Heavy Metal. The Music and Its Culture. Revised Edition. Cambridge\/Massachusetts.<\/p>\n<p>Zechner, Johannes 2009: \u201aDie gr\u00fcnen Wurzeln unseres Volkes\u2018. Zur ideologischen Karriere des \u201adeutschen Waldes\u2018, in: Ulrich Grosmann \/ Uwe Puschner (Hg.): V\u00f6lkisch und national. Zur Aktualit\u00e4t alter Denkmuster im 21. Jahrhundert, Darmstadt, 179\u2013194.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Nomos Verlags.<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zum Sammelband \u00bbZwischen Germanomanie und Antisemitismus. Transformationen altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen\u00ab, in dem der Aufsatz zuerst erschienen ist, <a title=\"website nomos\" href=\"http:\/\/www.nomos-shop.de\/Penke-Teichert-Zwischen-Germanomanie-Antisemitismus\/productview.aspx?product=22573\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren wollen, benutzen Sie bitte die Buchfassung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blonde Bestien<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[209,345,857,1603],"class_list":["post-5988","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-antisemitismus","tag-black-metal","tag-germanomanie","tag-mythologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5988","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5988"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5988\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}