{"id":6072,"date":"2016-08-23T15:07:33","date_gmt":"2016-08-23T13:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6072"},"modified":"2016-08-23T15:07:33","modified_gmt":"2016-08-23T13:07:33","slug":"tuervon-jorinde-schulz-und-kilian-joerg23-8-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/08\/23\/tuervon-jorinde-schulz-und-kilian-joerg23-8-2016\/","title":{"rendered":"T\u00fcrvon Jorinde Schulz und Kilian J\u00f6rg23.8.2016"},"content":{"rendered":"<p>Die Freiheiten des Clubs Berghain<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;He is this cute Lithuanian boy &#8211; he&#8217;s only 19 &#8211; but there is potential.&#8220;<br \/>\n&#8222;You think you can get him in?&#8220;<br \/>\n&#8222;Hm\u2026 maybe\u2026 at least he has the looks. Oh look, there he is! Heeey Boris!&#8220;<br \/>\n&#8222;Hi Boris, I am Aidan.\u201d<br \/>\n\u201cSo you wanna get in for the first time?&#8220;<br \/>\n&#8222;Yes. You think I can make it?&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh sure, sweetie &#8211; we can always try! You\u2019ve dressed well.\u201d<br \/>\n\u201cAh Aidan, you won&#8217;t believe it &#8211; he wanted to come in a red shirt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh gosh &#8211; well, the all-black was definitely the better choice. And it really suits you, darling.&#8220;<br \/>\n&#8222;Alright then &#8211; shall we go in?&#8220;<br \/>\n&#8222;Hmm\u2026 yes. But we think it is better for you if you try alone. You know &#8211; we don&#8217;t want to risk anything. And also your chances are much higher.&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh ok&#8230; So how do we do it?&#8220;<br \/>\n&#8222;Well&#8230; why don&#8217;t we go first. And you&#8217;ll be a couple of meters behind us in line. Just relax and don&#8217;t act weird. Act calm, cool and like you&#8217;ve been here many times.\u201d<br \/>\n&#8222;Ok&#8230; so see you inside &#8230; I hope.&#8220;<br \/>\n&#8222;Sure. Ciao Darling!&#8220;<br \/>\n&#8222;Toooom, you really gotta look out for him, in case he gets in. He looks like someone who could easily get raped. In the darkrooms he&#8217;s just gonna be common prey for the wolves.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aidan darling, everybody&#8217;s gotta grow up sometime.&#8220;<br \/>\n&#8222;Hahahaha.&#8220;<\/p>\n<p>Wie kommt man ins Berghain? Abseits einiger offensichtlicher Richtlinien \u2013 gerne schwarz, keinesfalls schn\u00f6selig, in kleinen Gruppen anstellen usw. \u2013 gibt es keinen Dresscode, der den Eintritt garantiert. Das ehemalige Heizwerk beh\u00e4lt sich eine Unberechenbarkeit vor, mit der es sich den Status eines modernen Orakels sichert. Nie kann man ganz sicher sein, wer wirklich hineingelassen wird. Die Zeichen sind stets vage, lassen sich in vielf\u00e4ltiger Manier interpretieren und nur eines ist konstant: die Gnadenlosigkeit. Wird man abgewiesen, n\u00fctzt kein Verhandeln, kein nett l\u00e4chelndes Nachfragen, kein Aufplustern \u2013 man ist drau\u00dfen. Das abweisende Kopfsch\u00fctteln ist n\u00fcchtern und minimal; ist ja gar nicht b\u00f6se gemeint, geht halt nicht. Trotzdem macht man sich am besten so schnell wie m\u00f6glich davon, um nicht vor der ganzen Schlange angeschrien und getreten oder perfide verbal gedem\u00fctigt zu werden. Und so machen auch Ger\u00fcchte \u00fcber Verzweiflungstaten die Runde, \u00fcber das M\u00e4dchen, das sich nach der Ablehnung am Boden liegende Scherben krallte und damit die Pulsadern aufschlitzte, die Gruppe, die sich extra f\u00fcr den Besuch Tattoos stechen lie\u00df, den Typen, der in Tr\u00e4nen ausbrach und flehend auf die Knie fiel&#8230;<\/p>\n<p>Der Unbeirrbarkeit der T\u00fcrsteher entspricht eine bedingungslose Hinnahme des Urteils seitens der hinpilgernden Freundesgruppen: Wird eine_r abgewiesen, geht der Rest nat\u00fcrlich trotzdem rein. F\u00fcnf Minuten ist der Triumph leicht getr\u00fcbt durch schlechtes Gewissen, aber man f\u00fchlt sich doch auch angenehm gekitzelt durch den just errungenen Adel, ein bisschen besser ist man nun als die ausgeschlossene Person. Bereitwillig identifiziert man sich mit der exkludierenden Macht, indem man sofort rationalisiert, warum dieser Ausschluss geschehen <em>musste<\/em>, man ihm also nicht anders als zustimmen kann. \u201cJa ihr Kleid war auch schon sehr brav.\u201d \u201cMan muss es halt wirklich wollen, die T\u00fcrsteher sp\u00fcren das.\u201d \u201c\u2018<em>No offense<\/em> \u2013 aber es war vielleicht nicht schlecht, dass wir ihn alleine geschickt haben \u2013 er ist schon unser schw\u00e4chstes Glied.\u201d Legitimiert wird, was sich au\u00dferhalb des Bereichs der m\u00f6glichen Rechtfertigung befindet, da es einfach Machtfaktum des erfolgreichen Clubs ist: eine knallharte und willk\u00fcrliche Politik des Ausschlusses. Die jeder\/m Eingetretenen den Genuss des Eingeweihtseins gibt. Die Verschm\u00e4hten grollen oder verdecken die erlittene Scham durch eine Schicht l\u00e4chelnde Ironisierung, an die sie selbst nicht glauben \u2013 \u201cSchei\u00dft\u00fcr.\u201d Die, welche regelm\u00e4\u00dfig eingelassen werden, f\u00fchlen sich sicher, dass das kein Zufall ist. Und vielleicht stimmt das, vielleicht gibt es eine Regel. Aber keine andere, als das Gesetz der gro\u00dfen Zahl: je \u00f6fter man reingelassen wurde, desto \u00f6fter wird man reingelassen. War man regul\u00e4r da, ist man eben <em>regular<\/em>. Denn wom\u00f6glich geht es gar nicht um irgendwelche \u00e4u\u00dfere Merkmale, sondern vielmehr um ein Eingestimmtsein, ein antrainiertes <em>Lebensgef\u00fchl<\/em>:<\/p>\n<p>&#8222;W\u00fcrdest du den Jan reinlassen &#8211; so wie der jetzt aussieht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Das sind immer so die \u2026 auch Lieblingsjournalistenfragen \u2026 ich lass jeden \u2026&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja weil alle so eine Angst vor dir haben, weil man denkt: &#8218;Oh mein Gott, der hat die Macht und man will dann wissen: geh\u00f6rt man dazu oder nicht?'&#8220;<br \/>\n&#8222;Frau K\u00e4\u00dfmann hat mich das auch schon mal gefragt, aber ich glaube nicht\u2026 Frau K\u00e4\u00dfmanns Lebensgef\u00fchl wird sicher nicht das Berghain sein. Wenn die sich vorstellt, ich klopfe morgens an irgendein Bischoffsamt \u2013 ich glaube, dass w\u00fcrde auch nicht funktionieren. Also das ist halt so ne\u2026ich denke wenn mich jemand fragt\u2026 also die Frage muss gar nicht entstehen: wer da hin kommt und wirklich da Spa\u00df haben m\u00f6chte oder es geh\u00f6rt zu seinem Lebensgef\u00fchl, dann kommt er sicher auch rein. Aber immer diese Fragen au\u00dferhalb des Ganzen find&#8216; ich schwierig, also weil\u2026&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber wonach gehst du denn?&#8220;<br \/>\n&#8222;Auch das ist ne Frage\u2026die ist so\u2026[\u2026]\u2026man hat ja auch eine Verantwortung f\u00fcr den Abend und die Leute die dort feiern\u2026&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230; und wir sind eine Bedrohung?!&#8220;<br \/>\n&#8222;\u2026 das habe ich auch nicht gesagt, aber\u2026&#8220;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die T\u00fcrpolitik ist ein allem demokratischen Denken radikal entgegengesetztes Prinzip. Deswegen ver\u00e4rgert und emp\u00f6rt sie, zumindest oberfl\u00e4chlich, ist der Egalitarismus doch jeder guten Europ\u00e4erin in die Seele geschrieben. <em>Alle Menschen sind gleich, Aufkl\u00e4rung und so&#8230; <\/em>Den Eingeweihten und den <em>regulars<\/em> ist das demonstrativ schei\u00dfegal. Die Demokratie ist das Problem und der P\u00f6bel, der das gleiche tolle Erlebnis haben m\u00f6chte, ohne dazu beizutragen \u2013 ohne <em>richtig<\/em> zu sein. G\u00e4be es keine T\u00fcrpolitik, wir wissen es alle, erginge es dem Berghain wie jedem griechischen Ferienort, der vor 20 Jahren mal ein Geheimtipp war. Die Verp\u00f6belung ist die heimliche Angst eines jeden Berghaing\u00e4ngers, nur \u00fcbertroffen von der noch heimlicheren Angst, selbst zu diesem Popularisierungsph\u00e4nomen beizutragen. Also h\u00e4ngt man sich noch eine Kette um den Hals und l\u00e4sst sich in Handschellen abf\u00fchren, oder zeigt pflichtschuldigst Nipples, obwohl man unlustig ist \u2013 und tr\u00e4gt \u2013 unwillentlich und unvermeidlich \u2013 zu ebendieser Verf\u00e4lschung bei.<\/p>\n<p>Die Frage des <em>Zugangs <\/em>entwickelt sich im neoliberalen 21sten Jahrhundert zunehmend zu einem sozialen Unterscheidungskriterium, das Leben und Freiheit bestimmt. Laut Jeremy Rifkins \u2013 der diese Tendenz in gewohnt apokalyptischem Tonfall verk\u00fcndet \u2013 l\u00f6st ein Zeitalter des Zugangs die \u00d6konomie des Eigentums ab: Statt Waren wird der Zugang zu Dienstleistungen, Lifestyles, Erfahrungen erworben. Die Konsument*innen werden dadurch von den Verantwortlichkeiten des Eigentums befreit, den Unternehmen im Gegenzug lebenslange Beziehungen zu ihren Kund*innen beschert, die sich in monet\u00e4ren Str\u00f6men ausdr\u00fccken. So leasen wir Autos (der gerne verwendete Begriff <em>car sharing <\/em>verdeckt, dass das Eigentum durchaus nicht geteilt oder gemeinsam ist, sondern bei der vermietenden Plattform liegt), kaufen Zugangsrechte zu Filmen, Musik, B\u00fcchern und Software, um kreativ werden zu k\u00f6nnen oder Erfahrungen zu intensivieren. In der Landwirtschaft behalten monopol\u00e4re Multis wie Monsanto das sogenannte geistige Eigentum an Samen und D\u00fcngmitteln \u2013 patentieren Leben in Form von DNA-Sequenzen \u2013 und verkaufen die Erlaubnis, diese zu nutzen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Zugangs verschr\u00e4nkt sich mit politischen Aspekten: Auch in den Sicherheits- und Grenzkontrollen der Flugh\u00e4fen, Bahnh\u00f6fe und <em>gated communities<\/em> dreht sich alles um Durchlass und Zugang. Wer darf in die Business Lounge und kann den <em>fast track<\/em> nehmen, wer wird aufgrund eines falschen Passes angehalten? Wer ergattert eine Festanstellung und dazugeh\u00f6rige Sozialleistungen, wer verbleibt in prek\u00e4rer, tempor\u00e4rer Besch\u00e4ftigung und bekommt gerade mal Hartz IV ab, wenn&#8217;s brennt? Wer erh\u00e4lt Zugang auf ein Territorium \u2013 und wer bleibt, obwohl sie es erreicht hat, de facto ohne Zugang? Mit der richtigen Summe Geld k\u00f6nnen die <em>richtigen <\/em>Leute sich so frei \u00fcber die Welt bewegen wie noch nie: alle diejenigen, die nicht von Filtern ausgesiebt werden, welche zwischen passenden und unpassenden \u00f6konomischen Verm\u00f6gen, Herk\u00fcnften, Hautfarben unterscheiden. In einer interessanten subkulturellen Spiegelung l\u00e4sst sich ein solcher Mechanismus auch im Berghain ausmachen. Wird man als eine beurteilt, die sich den Zugang \u2013 \u00f6konomisch, physiognomisch, sozial \u2013 leisten kann, gew\u00e4hrt der Club Freiheiten, die auf dem Papier unseres sogenannten Rechtstaates eigentlich undenkbar sind. Ketamin, Mescalin, Kokain sind selbstverst\u00e4ndlich, das Experiment mit der Mischung muss keine staatliche Sanktion f\u00fcrchten, denn die Polizei sucht nie nach Drogen im Berghain. Eine real prek\u00e4re Boh\u00e8me im richtigen Gewand vermengt sich so mit einer \u00f6konomischen Elite, die sich den sozialrealistischen Touch des \u201carm aber sexy\u201d Berlins als Disneylandbesuch der <em>trueness <\/em>gibt. Die legend\u00e4re T\u00fcr filtert die heterogene Masse zu einer perfekt funktionierenden Partycrowd, wobei neoliberal konsequent alles, was nach Mittelklasse riecht, au\u00dfen vor bleibt.<\/p>\n<p>\u201cDass wir nicht immer freundlich wirken, liegt zum einen daran, dass wir es sicher nicht immer sind, zum anderen, dass viele G\u00e4ste schon mit der Wahrnehmung zu uns kommen, dass wir arrogant und herablassend sind. Sie haben davon geh\u00f6rt, sie haben dar\u00fcber gelesen, ein Freund hat ihnen davon erz\u00e4hlt. Es gibt sogar Stimmen, die behaupten, wir w\u00fcrden uns daran aufgeilen, Leute wegzuschicken. \u2018Rassistisch, sexistisch und fremdenfeindlich\u2019 sollen wir sein. Es ist schwer, solche Anfeindungen zu widerlegen, ohne dass es so wirkt, als w\u00fcrde man sich rechtfertigen wollen. Es gibt genauso viele positive Stimmen. Dass auch genug Betrunkene und Aggressive anstehen, die uns beschimpfen und auch k\u00f6rperlich angehen, wird gern ausgeblendet. Nat\u00fcrlich ist es bitter, nach zwei Stunden Anstehen in der K\u00e4lte ein \u2018Nein\u2019 zu h\u00f6ren, aber jeder wei\u00df, worauf er sich einl\u00e4sst, wenn er oder sie das Berghain anstrebt. Es gibt gen\u00fcgend Leute, die die Ablehnung schlicht akzeptieren.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Man hat es schlicht zu akzeptieren. So steht die T\u00fcrpolitik ganz im Zeichen dessen, was man die analytisch-definitorische Wahrheit des Wortes \u201eClub\u201c nennen k\u00f6nnte: eine Mitgliederorganisation mit <em>limited access <\/em>zu bedeuten. Ganz wie der Satz \u201cAlle Junggesellen sind unverheiratet\u201d ist auch \u201cAlle Clubs schlie\u00dfen aus\u201d wahr, mehr noch, tautologisch. Ein kleiner historischer R\u00fcckblick best\u00e4tigt das. Schon die britischen \u201cGentlemen&#8217;s Clubs\u201d, die manchen als Ursprung des Clubs gelten, waren Elitenvereine, aristokratisch bis zum letzten Lehnsessel, die bis heute teilweise Frauen oder \u201cAusl\u00e4nder\u201d ausschlie\u00dfen. Dass ein \u201cClub\u201d auch Kn\u00fcppel bedeutet, w\u00fcrde dann \u2013 angewendet auf die Situation, wo Sven Marquardt einen Anw\u00e4rter zur\u00fcckweist und dieser zu protestieren versucht \u2013 die zweite analytische Wahrheit begr\u00fcnden: \u201cEin Club ist das, was einen zu Boden haut\u201d.<\/p>\n<p>Doch jenseits dieser Tautologien gibt es auch eine andere Bestimmung und andere Historie des Clubs, wo dieser Exklusivit\u00e4t vehement behauptet, um einen <em>Schutzraum<\/em> einzurichten. Darauf weist der DJ, Produzent und knallhart materialistische Sozialkritiker Terre Thaemlitz hin, wenn er Clubs in ihren Anf\u00e4ngen als \u201csafe spaces for types of gender and sexual variance\u201d bezeichnet. Wenn es hier eine Exklusion gibt, so ist es eine, die als Reinklusion der Exkludierten fungiert, eine Exklusion auf Exklusion gewisserma\u00dfen, oder eine Exklusion als Gegen-Selektion. Machen wir also mit Thaemlitz einen Ausflug zu den Urspr\u00fcngen der <em>house<\/em>-Kultur in New York:<\/p>\n<p>\u201cWhen I started DJing I was involved in direct action groups like Women\u2019s Health Action and Mobilization [WHAM!], ACT-UP New York, and some others. When people were totally stressed out from organizing, they would go and try to unwind at the clubs. But the clubs were also some of the first sights for enacting grassroots education campaigns: for example, making sure that there were always bowls of condoms on the counters. These things were controversial at the time. So the spaces in which people socialized, hung out, tried to relax, or even \u2018escape\u2019 through music and chemicals also became the sites that became inevitably active and materially grounded. There have also been these connections between the material realities of oppression and self-organizing, self-education, sharing information. Especially within transgender communities there was nothing artificial or imposed about that connection. People were sharing information about which hormone cocktails work and which don\u2019t, and sharing hormone prescriptions with each other, because some people couldn\u2019t get access to health care. So that means clubs were connected to fundamental political issues like education and health care.\u201d<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Hier zeigt sich der <em>Club<\/em> als ein Ort, der sich eng an spezifische Organisationsformen der US-amerikanischen LGBT-Bewegung der 1980er anschmiegte. Die handlungsorientierten <em>action groups<\/em> setzten Fragen von <em>gender <\/em>und Sexualit\u00e4t auf die politische Tagesordnung; so f\u00fchrte die Women&#8217;s Health Action Aktionen f\u00fcr das Recht auf Abtreibung durch, ACT-UP politisierte die Aidsfrage. Die Aktionen r\u00fchrten an in gesellschaftlichen Begehrensordnungen tief verwurzelten Mechanismen der Diskriminierung und Sanktion nicht heteronormativer Subjekte und Beziehungen.<\/p>\n<p>Was stellten die Clubs f\u00fcr diese Bewegungen dar? Laut Terre Thaemlitz waren sie einerseits Orte der Rekreation: \u201cthey would go and try to unwind\u201d &#8211; die Aktivist*innen mussten sich \u201eabwickeln\u201c, entspannen von der Anstrengung, die der Widerstand gegen diskriminierende Regime ihnen abforderte. Anders sein, unerw\u00fcnscht sein hei\u00dft n\u00e4mlich auch immer, sich \u201anormalerweise\u2018 nicht entspannen zu k\u00f6nnen. Die eigene Existenz stellt einen gesellschaftlichen Stolperstein und Angriffspunkt dar, dem eine st\u00e4ndige Abwehr entspricht. Der politische Aktivismus, selbst wenn er erm\u00e4chtigend wirkt, verst\u00e4rkt den aufreibenden Aspekt des Dagegenseins. Einen sicheren Raum braucht man also, wenn einem die Umgebung zum Feind wird oder es immer schon gewesen ist, wenn sie einen nicht gedeihen l\u00e4sst, sondern erstickt \u2013 sei es in Form von k\u00f6rperlicher Gewalt oder in Form von Missachtung, indem man ignoriert, verh\u00f6hnt, vernachl\u00e4ssigt oder geschlagen wird. Der Club als <em>safe space<\/em> kann dieser Prekarit\u00e4t ein gesch\u00fctztes und geschlossenes Milieu unter Freunden entgegensetzen, einen Ort, in dem man sich bejahen kann. Er vermag einem st\u00e4ndigen Druck von au\u00dfen eine Mauer entgegenzustellen und <em>drinnen<\/em> Schutz zu bieten. In der harten Abschottung liegt daher auch eine politische Pointe. Genau diese Geschlossenheit erlaubt es n\u00e4mlich, Kontroverses auszuprobieren: \u201cmaking sure that there were always bowls of condoms on the counters. These things were controversial at the time\u201d. So ist der Club sowohl rekreativ als auch heterotop: Ort der Flucht und <em>anderer <\/em>Ort, in dem sich eine Gegenwirklichkeit aktualisiert oder \u00fcberhaupt erstmal m\u00f6glich wird. Eine, wo man frei Sex haben k\u00f6nnte, weil einem die Pr\u00e4vention offen zur Verf\u00fcgung gestellt wird, eine, in der man \u00fcber einen Wechsel zum anderen Geschlecht laut nachdenken kann \u2013 Wissen einholt indem man sich \u00fcber Hormonmischungen austauscht.<\/p>\n<p>Die Kondomsch\u00fcssel gibt es immer noch im Berghain\u00a0\u2013 fragt man bei der Bar an, wird sie unter der Theke hervorgeholt. Hier und heute ist sie vielleicht mehr freundliche Dienstleistung des Kommerztempels als Aufkl\u00e4rung und Erm\u00e4chtigung. Aber vielleicht doch ein potenter Rest Alltagspolitik in der Hedonismusfabrik, die nach wie vor Experimentierlabor f\u00fcr Sexualit\u00e4t und Sexualit\u00e4ten ist.<\/p>\n<p>Nicht nur in dem einfachen Sinn, dass das Berghain als \u201cSchwulenclub\u201d begonnen hat, also Raum bietet f\u00fcr eine sogenannte gesellschaftliche Minderheit. Sondern auch deswegen, weil Sexualit\u00e4ten hier von vornherein im Plural auftauchen, anders codiert sind als im heterosexuellen Drau\u00dfen, und weil Sexualit\u00e4t hier an Kraft und Sichtbarkeit gewinnt. Zwischen den Polen von Eskapismus und Heterotopie, Alltagskampf und politischem Labor oszilliert selbst noch das Berghain\u00a0\u2013 mittlerweile zum Kunstwerk, zur Sozialplastik erhoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0Leicht gek\u00fcrztes Gespr\u00e4ch zwischen Britt Hagedorn und Sven Marquardt \u00fcber seine T\u00fcrpolitik in der ersten Folge von \u201eRoche &amp; B\u00f6hmermann\u201c auf zdf.kultur.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sven Marquardt: Die Nacht ist Leben. Autobiographie. Ullstein 2004: Berlin, S. 211-13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Mono.Kultur # 39: Terre Thaemlitz, DJ Sprinkles, G.R.R.L., K-S.H.E., Social Material, Teriko \u2013 The Arrogance of Optimism. Berlin 2015, S.7 und 25-26.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Ausschnitt aus dem Buchprojekt &#8222;<a title=\"ausschnitt buchprojekt clubmaschine\" href=\"http:\/\/www.engagee.org\/assets\/-3-maschine_j%C3%B6rg_schulz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Clubmaschine<\/a>&#8222;, einem Mix aus politisch-philosophischer Analyse, Erfahrungsbericht und Verschriftlichungsversuch rund um das Berghain. Das Buch soll 2017 erscheinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiheiten des Clubs Berghain<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[314,696,867,2400],"class_list":["post-6072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-berghain","tag-exkusion","tag-geschuetzter-raum","tag-tuerpolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6072"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6072\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}