{"id":6094,"date":"2016-09-04T20:49:38","date_gmt":"2016-09-04T18:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6094"},"modified":"2016-09-04T20:49:38","modified_gmt":"2016-09-04T18:49:38","slug":"stranger-things-suspekte-medien-und-gruselige-netzwerkevon-maren-lickhardt4-9-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/09\/04\/stranger-things-suspekte-medien-und-gruselige-netzwerkevon-maren-lickhardt4-9-2016\/","title":{"rendered":"Stranger Things \u2013 Suspekte Medien und gruselige Netzwerkevon Maren Lickhardt4.9.2016"},"content":{"rendered":"<p title=\"\u201cHongkong, Pop!&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Maren Lickhardt&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;10.4.2016&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\">Medientheorie nach Netflix<!--more--><\/p>\n<p class=\"row-title\" title=\"\u201cHongkong, Pop!&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Maren Lickhardt&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;10.4.2016&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\">F\u00fcr viele ist der 1. Januar 1983 das offizielle Geburtsdatum des Internets. Ab diesem Tag waren alle Hosts des ARPANET \u00fcber ein verbindliches TCP\/IP-Protokoll verbunden. Zudem differenzierten sich die Netzwerke zur zivilen oder milit\u00e4rischen Nutzung aus. \u2013 \u201eAm 6. November 1983 verschwindet in der fiktiven Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana ein kleiner Junge.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Da gibt es vielleicht einen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Die neue Netflix-Serie <em>Stranger Things<\/em> stellt eine Kompilation aus so ziemlich allem dar, was Fernsehende seit den 80er Jahren kennen, und bildet somit einen Kulminationspunkt der Pop-Kultur. Der Genuss besteht im schieren Wiedererkennen. Wer Kindheit und Jugend in den 80ern erlebt hat, muss nostalgisch werden. Und die Referenzen kommen bei Weitem nicht nur (wie sonst \u00fcblich) durch die explizite Thematisierung der Mainstream-Pop-Kultur durch Pop-Stars und Pop-Musik der 80er Jahre zustande, sondern vor allem \u00fcber Einrichtung, Kleidung, Accessoires und vor allem filmische Szenarien, Standardsituationen, Stereotype oder Szenographien in der Figurenkonstellation, in Dialogen, im Plot etc.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;wBjgFt6lVHM&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Neben der Tatsache, dass Winona Ryder (die 1986 an der Seite des 80er-Jahre-Teenager-Idols Corey Haim in dem High School Film <em>Lucas<\/em> zu sehen war) wieder auf der Bildfl\u00e4che erscheint, bietet das Hintergrundszenario der Kleinstadt im Mittleren Westen der USA alle bekannten Topoi bekannter Genres: eine alleinerziehende Mutter, nerdige High School Kids, pubertierende Teenager, einen frustrierten Polizisten etc. Man erkennt zahlreiche Szenen aus Teenager-Kom\u00f6dien der 80er Jahren wieder, die sich z.B. um soziale Ausgrenzung, sexuelle Stigmatisierung etc. ranken. Aber dies geschieht nur dort, wo der eigentliche Plot aus einer Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und Mystery ausnahmsweise aussetzt. Denn eigentlich wird dieser z\u00fcgig vorangetrieben.<\/p>\n<p>Um den verschwundenen Jungen Will Byers tut sich ein Geheimnis auf, das drei Personengruppen verschiedenen Alters (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) erahnen, deren je verschiedenen Kenntnisstand der Zuschauer teilt, so dass er auch die (es verh\u00e4lt sich zur Szenographie tautologisch, aber es sei gesagt: sehr wohl bekannte) Szenographie<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> erleiden muss, dass alle anderen die Ahnungsvollen f\u00fcr verr\u00fcckt halten und es auch unter den Ahnungsvollen verschiedene Informationsst\u00e4nde\/Perspektiven gibt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also verschiedene Figuren und Figurengruppen um Hinweise ringen, \u00dcberzeugungsarbeit leisten, um weitere Figuren nach und nach auf ihre Seite zu ziehen, und zunehmend zusammenarbeiten, entrollt sich das Geheimnis vor ihnen und dem Zuschauer. Das ist auch schon das Rezept f\u00fcr den Plot, das mit den Begriffen des Unbestimmtheitsbetrags (Ingarden) und der Leerstelle (Iser) in vielfacher Hinsicht (inhaltlich, metafiktional, wirk\u00e4sthetisch) auf einen Punkt gebracht werden k\u00f6nnte, aber darum soll es im Folgenden nicht gehen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;CKtq-bZgS8I&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Achtung Spoiler (aber Spannung macht eh nicht das Konzept der Serie aus): Ich hatte schon immer geahnt, dass an allem die Hippies schuld sind, denn im Hawkins National Laboratory hatten ab den 50er Jahren psychedelische Experimente stattgefunden: Mit einer schwangeren Frau unter LSD-Einfluss wurden im Rahmen einer sensorischen Deprivation oder einfacher gesagt: in einem Reizentzugs- oder Isolationstank die M\u00f6glichkeiten von Telepathie und Telekinese ausgelotet. Film-Zitat: \u201eSie wollten eine, eine Bewusstseinserweiterung erreichen oder sowas. Echter Hippie-Schei\u00df.\u201c Die Frau gebiert ein Kind mit all diesen F\u00e4higkeiten, das ihr entzogen wird, um mit der Nummer 011 oder dem Namen Eleven\/Elfie als Waffe im Kalten Krieg zu dienen. Auch hier sei nebenbei angemerkt, dass mit der Darstellerin Millie Bobby Brown ein neuer Kinderstar geboren wird, der in die Fu\u00dfstapfen von Dakota Fanning tritt, die im Jahr 2002 in der Spielberg-Miniserie <em>Taken<\/em> eine \u00e4hnliche Rolle hatte.<\/p>\n<p>Soweit zur Science Fiction und dem Verschw\u00f6rungsplot, der am Rande den Klassiker oder die nachtr\u00e4gliche Mutter aller Verschw\u00f6rungsszenarien, n\u00e4mlich den genannten Kalten Krieg, bem\u00fcht. Eher fantastisch mutet die Tatsache an, dass ein klebriges Parallel-Universum des B\u00f6sen lauert. Weil die traumatisierte Elfie in einer Panikattacke ein \u00dcberma\u00df an Energie erzeugt, \u00f6ffnet sich aus Versehen ein Tor zu diesem Universum, das nun Menschen in sich hinein zu ziehen vermag und in das Will Byers in der ersten Folge verschwindet. Elfie selbst scheint mittlerweile aus dem Labor geflohen zu sein und trifft auf jeden Fall auf Wills Freunde Mike, Dustin und Lukas, denen sie bei der Suche nach Will hilft.<\/p>\n<p>Der Plot besteht nat\u00fcrlich im Zusammentragen dieser in R\u00fcckblenden sichtbaren Geschichte seitens dreier Teams: Wills Freunde und Elfie, Wills Bruder und Mikes \u00e4ltere Schwester sowie der Mutter und dem Sheriff. Dass dabei jeweils altersgerechte amour\u00f6se Verstrickungen stattfinden oder vielleicht noch stattfinden werden, d\u00fcrfte klar sein.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig an der Serie ist der Einsatz von Medientechnik. Sollte man es nicht in der ersten Szene an Einrichtung und Kleidung bemerkt haben, wird sp\u00e4testens nach Verschwinden des Jungen klar, dass wir uns in der Pr\u00e4-Handy-\u00c4ra befinden, denn die Mutter startet die Suche nach ihrem vermissten Sohn an einem Kabeltelefon. Wenn etwas im Jahr 2016 mehr als auff\u00e4llig ist, dann das Bedienen eines Kabeltelefons, das an der Wand fest installiert ist. Nachdem Will verschwunden ist und jeder an seinen Tod glaubt, nimmt er Kontakt zu seiner Mutter auf, indem er durch das Telefon spricht, welches, wie vieles andere, davon kaputt geht. Anschlie\u00dfend zapft er die Elektrizit\u00e4t an und kommuniziert mit seiner Mutter \u00fcber das Blinken von Lampen.<\/p>\n<p>Er scheint entk\u00f6rpert worden zu sein. Entmaterialisierung und Dezentrierung oder Delokalisierung machen zum Auftakt der Serie den gr\u00f6\u00dften Gruseleffekt aus, wobei sich der Verdacht dieser Zersetzung im Verlauf der ersten Staffel zerstreut. Aber, wie gesagt, es sei betont, dass es zu Beginn von <em>Stranger Things<\/em> die Vorstellung ist, dass Will nun \u00fcberall und nirgends sein k\u00f6nnte, die die Serie an Fahrt gewinnen l\u00e4sst, und man wei\u00df als Zuschauer nur nicht so genau, ob das B\u00f6se wesenhaft auch im \u00dcberall und Nirgends ist oder ob es fl\u00fcchtig selbst das \u00dcberall und Nirgends ist.<\/p>\n<p>Ausgerechnet das Telefon- und Elektrizit\u00e4tsnetz wird vom Hawkins National Laboratory \u00fcberwacht, das n\u00e4mlich zum Schein ein Energiekonzern ist. Auf diese Weise kommt der b\u00f6se blonde, faschistoide Drahtzieher der Experimente den drei Spielteams immer mal wieder auf die Schliche, was wohl Spannung erzeugen soll. Z.B.: Die ausgehungerte Elfie taucht zuerst bei einem Imbiss-Besitzer auf, der besorgt das Jugendamt anruft. Durch diesen Anruf kann Elfie aufgesp\u00fcrt werden. Sie kann zwar fliehen, aber den Imbiss-Besitzer kostet dies das Leben. Der Sheriff wird in seinen Ermittlungen durch eine Wanze an einem Stromkabel \u00fcberwacht.<\/p>\n<p>Die drei Nerds kommunizieren \u00fcber CB-Funk. Sp\u00e4testens hier muss jedes Herz der 80er Jahre h\u00f6her schlagen. Die Lieblingssch\u00fcler des Physiklehrers k\u00f6nnen in der Schule sogar auf ein Ger\u00e4t mit einer besonders gro\u00dfen Reichweite zur\u00fcckgreifen, was sie auch begeistert tun. Es stellt sich heraus, dass Elfie sich mit diesem Medium zu koppeln imstande ist, wodurch sie Wills Stimme h\u00f6rbar werden lassen kann, der aus dem Parallel-Universum neben seinen Hilfeschreien <em>Should I stay or should I go<\/em> von The Clash von sich h\u00f6ren l\u00e4sst, das zuvor schon von ihm auf einem Kassettenrecorder (!) zum Laufen gebracht wurde.<\/p>\n<p>Man denkt nun an diverse Geist-\u00dcbergang-Leben-Tod-Szenarien, was in der unendlichen Sammlung an vorgefertigten Szenographien zwar aufgerufen, aber nicht best\u00e4tigt wird, wenngleich die Differenz und das Zusammenh\u00e4ngen von Materie und Medium in vielerlei Hinsicht in der Serie durchexerziert wird. Nun ist der CB-Funk Fluch und Segen zugleich. Zun\u00e4chst einmal zapft das Hawkins National Laboratory auch diesen an, und kommt seinen drei Verfolgern damit auf die Spur. Auf ihrer Flucht vor den Laboratoriums-Mitarbeitern auf Fahrr\u00e4dern k\u00f6nnen sich die Jungs allerdings mit mobilen Funkger\u00e4ten sinnvoll koordinieren. (\u00c4hnlichkeiten in einem Spektrum von <em>Die drei ???<\/em> bis zu <em>Harry Potter<\/em> sind sicherlich nicht rein zuf\u00e4llig und unbeabsichtigt.)<\/p>\n<p>Kommunikation und Wissen bilden eine wesentliche Komponente in der Serie. Kommunikations- und Speichermedien haben also einmal mehr eine Agency. Immerhin wird die gesamte Geschichte angesto\u00dfen von dem Versuch, materiefrei zu kommunizieren, um Wissen zu generieren, bildet also Telepathie im Dienste der Spionage im Kalten Krieg den Auftakt f\u00fcr die gesamte Vorgeschichte, soweit sie sich in der ersten Staffel zeigt.<\/p>\n<p>Neben Strom, Telefon und Funk scheint auch die Beschaffenheit des Parallel-Universums netzwerkartig und materiell unterbestimmt zu sein. Ein Parallel-Universum hat keinen Ort im aktuellen Raum, sondern bildet diesen in einer anderen Dimension geographisch ab bzw. spiegelt ihn. Im Grunde teilt man den Raum, ohne dies wahrzunehmen. Es findet in der Serie aber auch eine konkrete Verortung statt, die ins Unterirdische f\u00fchrt, wo das elektromagnetisch kreierte Tor zu dieser anderen Welt liegt.<\/p>\n<p>Wo der andere Raum sinnlich bestimmt und geographisch fixiert wird, erh\u00e4lt er etwas Erdiges. Er hat im Grunde zwei Gestalten oder Nicht-Gestalten. Zun\u00e4chst einmal ist die andere Welt oder etwas in der anderen Welt \u00fcberall und kann Materie deformieren. Feste Formen und Stabilit\u00e4t, Sicherheiten, z.B. im eigenen Haus der Mutter, die ihren Sohn im \u00dcbrigen auch \u201asp\u00fcren\u2018 kann, brechen zusammen. Nachdem der verschwundene Sohn zuerst \u00fcber Netzwerke (Telefon und Lampen) kommuniziert, beult er eine Hauswand ein, und ein schleimiges Loch rei\u00dft auf, durch das die Mutter seine Silhouette sieht.<\/p>\n<p>Mikes \u00e4ltere Schwester wird dann allerdings durch ein solches Loch in einem Baumstamm in einem d\u00fcsteren Wald in dieses Universum gezogen, wodurch die Vorstellung eines rhizomartigen Gebildes evoziert wird. Wie auch immer der andere Raum gestaltet ist, er bricht an einzelnen Stellen hier und da auf, wie Pilze aus der Erde schie\u00dfen, wodurch letztlich nicht nur im Wald, sondern an allen m\u00f6glichen Orten kleine Tore entstehen, in die man hinein gezogen werden kann. Und stets hat dieser Raum etwas Morastartiges, und er ist (das sieht man am Ende) sogar von Ranken durchwuchert, die die K\u00f6rper der Gefangenen infiltrieren.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;XWxyRG_tckY&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Ganz klar haben wir es hier mit Fantasy zu tun, und zwar konkret mit <em>Dungeons &amp; Dragons<\/em>. Dass die drei Jungs und der zu dem Zeitpunkt noch nicht verschwundene Will in der Auftaktszene der Serie <em>Dungeons &amp; Dragons<\/em> als Brettspiel spielen, dabei in ihrer Versunkenheit die Zeit v\u00f6llig vergessen und von einer Mutter unterbrochen werden, entlarvt sie nicht nur sofort als Nerds der 80er, sondern dies stellt einen metafiktionalen Hinweis auf die folgende Anordnung von Szenario und Plot dar.<\/p>\n<p>Ein Pen &amp; Paper-Rollenspiel wird ausagiert, und die Analogie geht so weit, dass im Szenario der Serie auch ein Demogorgon wartet, durch den das Andere letztlich auch eine greifbare Figuration erh\u00e4lt. Will wird im Szenario in eine andere Dimension entf\u00fchrt; auf einer metafiktionalen Ebene verwandelt er sich in den Rollenspieler, der er in der Fiktion ja schon ist, und dieser immersive Effekt spiegelt die Versunkenheit in das Spiel, die ja durch die Mutter aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Es handelt sich im Grunde um einen medienkritischen Einwand, der die Gefahren immersiver Effekte zeigt, wenngleich nur partiell, weil die anderen Figuren dem R\u00e4tsel mit den Mitteln des Spiels produktiv auf dem Grund gehen. Nun ist aber nicht nur das Brettspiel mittlerweile veraltet, sondern sogar schon das entsprechende Computerspiel, und auch die MMORPG-Online-Variante gibt es seit nunmehr 10 Jahren. Angesichts der h\u00e4ufigen Thematisierung von Strom- und Wellen-Netzen sei auch in eine andere Richtung gedacht.<\/p>\n<p>Eine direkte Analogie zwischen der anderen Welt auf Basis ihrer Erdhaftigkeit und realen Telefon- und Stromkabeln zu ziehen, ist \u00fcberspannt und sicher einem deutschen Kontext geschuldet. Ab den 70er und 80er Jahren wurden in Deutschland Strom- und Kommunikationsnetze von Oberleitungen auf Erdverkabelung umgestellt; in den USA ist das allerdings in l\u00e4ndlichen Gebieten bis heute nicht der Fall. Dennoch befinden sich die Anschl\u00fcsse in H\u00e4usern auf Fu\u00dfh\u00f6he, so dass durchaus der Eindruck entsteht, hin und wieder Strom, immer aber Kommunikation k\u00e4men aus der Erde. Auch die ersten Modems ert\u00f6nten aus dieser H\u00f6he, und so drangen Energie und Information \u201aaus der Erde\u2018 in das Zuhause ein, wie es bisweilen bei dem Parallel-Universum den Anschein hat.<\/p>\n<p>Heute ert\u00f6nen keine Modems mehr, wir verkabeln uns nicht mehr, sondern unsichtbar, wie in einer anderen Dimension schwirren alle Informationen und Kommunikationen um uns herum, bis sie in Endger\u00e4ten ein- und ausgehen, wir also ein energetisches Tor zu dieser Dimension errichten, was ja letztlich auch mit dem Parallel-Universum der Fall ist.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es kein Zufall, dass man sich angesichts der Serie an die Geschichte der Kommunikationsmedien erinnert. Das Internet wird bislang in der Serie nicht thematisiert, aber mit Telefon und Funk werden die alten medialen Netzwerke ausgelastet und dieses Andere hat Z\u00fcge des World Wide Web. W\u00e4hrend im Jahr 1982, also ein Jahr bevor die Handlung von <em>Stranger Things<\/em> einsetzt, Kevin Flynn in <em>Tron<\/em> ganz futuristisch digitalisiert und in einem Computer gefangen wird, wird im Jahr 2016 eine Retrospektive inszeniert, die Strom, Radiowellen sowie Morast und Ver\u00e4stelungen, als was auch immer sich dies in weiteren Staffeln erweisen und wie auch immer es sich weiter gestalten wird, einsetzt.<\/p>\n<p>Viele Daten werden als Geburtsstunde des Internets gefeiert, das sich schlie\u00dflich stufenweise zu dem entwickelt hat, was wir heute als Internet kennen, aber das Jahr 1983 markiert einen wesentlichen Einschnitt, wenn es um die Synchronisierung von Kommunikationsweisen sowie die zivile Nutzung geht. Das erste, also die Kopplung von Information, ist in <em>Stranger Things<\/em> immer wieder anvisiert, vonn\u00f6ten, unm\u00f6glich oder m\u00f6glich, so dass es als Thema den Plot teilweise mitstrukturiert, w\u00e4hrend gleichzeitig in signifikantem Ausma\u00df Kommunikations- und Speichermedien gezeigt und genutzt werden. Das zweite vollzieht sich in der Serie, weil auch hier mit Elfie eine Verlagerung milit\u00e4rischer Kommunikations- und Informationsbeschaffungsmittel in die zivile Welt stattfindet bzw. dieses omin\u00f6se Laboratory eine enorme Wirkung in der zivilen Welt entfaltet.<\/p>\n<p>Allein das Zeigen von Kommunikations- und Speichermedien ist Pop und f\u00fchrt zu Nostalgie. Nicht nur Filme, Kleidung, Musik und Personen rufen eine Zeit eindr\u00fccklich ins Ged\u00e4chtnis, sondern auch die Medienpraktiken formieren das Erinnerungsbild. Da sich Kommunikations- und Speichermedien schnell gewandelt haben, kann man nicht nur in pop-kultureller Hinsicht Distinktionen inszenieren, sondern auch in soziodemographischer Hinsicht Feinabstufungen unterliegen. Wer bei Kassettenrecordern, Kabeltelefonen, CB-Funk und C64-Computern nostalgisch wird, wei\u00df nicht nur, wie alt er geworden ist, sondern wird mit <em>Stranger Things<\/em> als intertextuelle und intermediale Kompilations-Maschinerie und Erinnerungs-Medium seine Freude haben.<\/p>\n<p>Verfolgt man aber den konkreten Einsatz von Speicher- und vor allem Kommunikationsmedien, deutet sich ein medientheoretischer, an der ein oder anderen Stelle merkw\u00fcrdig medienkritischer Kommentar in der Serie an. Hin und wieder nutzen die Figuren Speicher- und Kommunikationsmedien zu ihrem Vorteil, und die drei Helden sind ja sehr technikaffin, oft wird ihnen das aber zum Verh\u00e4ngnis, werden sie abgeh\u00f6rt und \u00fcberwacht. Au\u00dferdem (und dies geschieht in signifikantem Ausma\u00df) spr\u00fchen permanent diverse elektrische Ger\u00e4te Funken, weil sie \u00fcberlastet wurden, weil sie also dem nicht gewachsen sind, was aus dem Netz in sie einstr\u00f6mt, keinen Wiederstand gegen\u00fcber dieser nicht-materiellen Infiltration haben.<\/p>\n<p>Vor allem aber und wie bereits gesagt: Die Phantasie der materiefreien Informations\u00fcbertragung und -beschaffung bzw. Kommunikation in der Zeit des Kalten Krieges \u00f6ffnet die B\u00fcchse der Pandora, d.h. im Kontext milit\u00e4rischer Interessen bricht ein Parallel-Universum f\u00f6rmlich auf, das \u00fcberall und nirgends untergr\u00fcndig lauert und an der ein oder anderen Stelle als Rhizom, also Netzwerk konstruiert wird und Menschen einsaugt.<\/p>\n<p>Im Grunde handelt es sich um eine Medium-Form-Konstellation. 1983: Milit\u00e4rische Experimente (als Analogie zur initialen milit\u00e4rischen Nutzung des Internets) greifen (als Analogie zur Ausdifferenzierung des Netzes) in die zivile Welt ein. Ein Medium steht zur Verf\u00fcgung, n\u00e4mlich Elfie, die zuerst im Labor, dann in der fiktiven Realit\u00e4t ihre F\u00e4higkeiten anwendet und barrierefrei kommuniziert.<\/p>\n<p>Dabei begibt sie sich in einen virtuellen Raum. In R\u00fcckblenden und am Ende der Staffel zeigt sich, dass Elfie w\u00e4hrend der sensorischen Deprivation in ihren Gedanken einen k\u00fcnstlichen Raum betritt, und nur f\u00fcr sie befinden sich andere Personen, die ausspionieren soll, ebenfalls als Objekte in diesem Raum. Ansonsten sieht dieser Raum aus, wie man sich einen leeren Cyberspace vorstellt. W\u00e4hrend dieser Experimente tr\u00e4gt Elfie eine Tauchermaske, die an eine Cyber-Brille erinnert. Hier verbinden sich nun Medium, n\u00e4mlich ein immaterieller Kommunikationsweg im Virtuellen, den man als Internet bezeichnen k\u00f6nnte, und Form, n\u00e4mlich ein Szenario oder Plot wie aus einem Game, das nun dieses Internet als Medium nutzt.<\/p>\n<p>Hier \u00f6ffnet sich \u00fcber einen Science-Fiction-Plot das Tor zu einer Fantasy-Welt. Dies geschieht wiederum auf eine medienkritische, wirk\u00e4sthetische Weise, denn im virtuellen Raum ist Elfie ihren \u00c4ngsten nicht gewachsen. Was sie sieht, ist eigentlich in einer fernen Dimension, mit der es keinen gef\u00e4hrlichen Ber\u00fchrungspunkt gibt, r\u00fcckt im Grunde ja nur in ihrer Phantasie nah. Sie ger\u00e4t aber derart in Panik angesichts des Demogorgon, dass sie die Energieentladung erzeugt, die das Tor \u00f6ffnet und Immersionen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Die damit angesto\u00dfene Handlungskette f\u00fchrt dazu, dass der Fantasy-Spieler Will in diesen Raum hinein gezogen wird. D.h.: In das gleiche Jahr, in dem das Internet real einen Entwicklungsschub erf\u00e4hrt, wird das Verschwinden von Will Byers gelegt, wird also in der retrospektiven Fiktion zum ersten Mal zivil wirksam, was zuvor milit\u00e4risch genutzt wurde, wird dieses Nerd-Kind der 80er Jahre (!) verschluckt und geht in Tiefen unter, deren weitere Ausgestaltung in den folgenden Staffeln abzuwarten bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a title=\"wiki\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stranger_Things\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stranger_Things<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a title=\"aufsatz pop\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/01\/03\/star-trekpopkultur-als-szene-gemeinsamer-aufmerksamkeitvon-maren-lickhardt3-1-2015\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2015\/01\/03\/star-trekpopkultur-als-szene-gemeinsamer-aufmerksamkeitvon-maren-lickhardt3-1-2015\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lickhardt\" href=\"https:\/\/germanistik.uni-greifswald.de\/mitarbeitende\/mitarbeitende-e-l\/maren-lickhardt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Juniorprofessorin f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Greifswald.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medientheorie nach Netflix<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1491,2245,2404],"class_list":["post-6094","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-medientheorie","tag-stranger-things","tag-tv-serie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6094","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6094"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6094\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}