{"id":6113,"date":"2016-09-13T21:18:49","date_gmt":"2016-09-13T19:18:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6113"},"modified":"2016-09-13T21:18:49","modified_gmt":"2016-09-13T19:18:49","slug":"postdigitaler-elektroschrottueber-boehmermann-und-das-geekchestervon-elias-kreuzmair13-9-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/09\/13\/postdigitaler-elektroschrottueber-boehmermann-und-das-geekchestervon-elias-kreuzmair13-9-2016\/","title":{"rendered":"Postdigitaler Elektroschrott\u00dcber B\u00f6hmermann und das Geekchestervon Elias Kreuzmair13.9.2016"},"content":{"rendered":"<p>Spiel mit dem Gegensatz von digital und analog<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Jan B\u00f6hmenmann, das Fernsehen und das Netz<\/p>\n<p>Jan B\u00f6hmermann hat mit dem \u201eNeo Magazin\u201c beziehungsweise dem \u201eNeo Magazin Royale\u201c schon seit geraumer Zeit nicht nur seinen Sendeplatz im Fernsehen bespielt, sondern nach Vorbild der gro\u00dfen us-amerikanischen Late Night-Shows auch die sozialen Medien mit potentiell viralen Videos versorgt. Er nutzt beide Formate gezielt und zu verschiedenen Zwecken. Die ber\u00fcchtigte Episode zur Definition der Schm\u00e4hkritik, die als \u201eB\u00f6hmermann-Aff\u00e4re\u201c bekannt wurde, hat seine Wirkung \u2013 und man kann hier bewusste Kalkulation unterstellen \u2013\u00a0auch deswegen so durchschlagend entfaltet, weil es im gelegentlich als \u201eStaatsfernsehen\u201c verunglimpften ZDF lief. Als virales Video h\u00e4tte es weit weniger gut funktioniert. Ein Aspekt, der gezielt die allgemeine Aufregungs\u00f6konomie bediente, war gerade die Unverf\u00fcgbarkeit der Videoaufzeichnung des Teils der Show, in dem B\u00f6hmermann das Gedicht vortrug. Schlie\u00dflich spekuliert es sich \u00fcber das Ungewisse immer doppelt so gut.<\/p>\n<p>B\u00f6hmermann und sein Team wechseln souver\u00e4n zwischen den Formaten und setzen ihre Ressourcen gezielt ein, um verschiedene Publikationskan\u00e4le zu bedienen. Sie agieren postdigital. Sie erkl\u00e4ren weder das Ende des Fernsehens noch sehen sie ihre Aufgabe in der reinen Produktion f\u00fcrs Netz. Diese \u00dcberwindung des Gegensatzes von als analog und gestrig empfundenen Medien und als innovativ und digital betitelten Medien zeigt sich in verschiedenen Spielarten in B\u00f6hmermanns satirischem Werk. Eine besonders pr\u00e4gnante postdigitale Konstellation l\u00e4sst sich in den Geekchester-Videos beobachten, die sowohl im Fernsehen gezeigt als auch auf Youtube zug\u00e4nglich gemacht wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Was ist postdigital?<\/p>\n<p>Der Ursprung des Begriffs wird im Allgemeinen in einem Essay des Komponisten Kim Cascone, der im Winter 2000 im <em>Computer Music Journal<\/em> erschien, verortet.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Cascone benutzt ihn, um eine bestimmte Art von elektronischer Musik zu beschreiben, die durch einen spielerischen Umgang mit sogenannten <em>glitches<\/em> und ihrem als minderwertig beschriebenen Laptop-Sound gekennzeichnet ist. Cascone hat bereits einen zentralen Punkt formuliert, der auch mehr als 15 Jahre sp\u00e4ter als Voraussetzung des Postdigitalen verstanden werden kann. Es handelt sich um die Diagnose, dass die revolution\u00e4re Periode der Digitalisierung vor\u00fcber sei. Jene technologischen Innovation, die mit dem Attribut \u201adigital\u2018 versehen werden, sind Teil des Alltags geworden. Da dieser Punkt der Entwicklung im Bereich der elektronischen Musikkomposition wesentlich fr\u00fcher erreicht war, konnte Cascone diese Genrebezeichnung fr\u00fcher entwickeln.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das zeigt sich auch daran, dass seine auf die elektronische Musik bezogene Gegenwartsdiagnose mit den Zukunftsprognosen technischer Avantgardisten traf. Der damalige Chef des MIT Media Lab, Nicholas Negroponte, schrieb schon im Jahr 1998 in der Online-Ausgabe des <em>Wired<\/em>-Magazins unter dem Titel \u201eBeyond digital\u201c: \u201eLike air and drinking water, being digital will be noticed only by its absence, not its presence\u201c und konstatierte \u201e[T]he Digital Revolution is over.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> Unter anderem an diese \u00dcberlegungen anschlie\u00dfend hat aktuell vor allem der Medientheoretiker Florian Cramer den Begriff \u201apostdigital\u2019 zur Diskussion gestellt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>Anders als bei Negroponte bezieht sich die Diagnose, wir lebten in einer Zeit \u201ejenseits des Digitalen\u201c und \u201enach der Digitalisierung\u201c bei Cramer nicht auf die technologische Entwicklung, sondern auf den sie begleitenden Diskurs. Das hat auch den Grund, dass es technisch-physikalisch gesehen die Digitalisierung streng genommen nicht gibt, wie Kathrin Passig und Aleks Scholz k\u00fcrzlich zeigten.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup><sup>[5]<\/sup><\/sup><\/a> In diesem diskursiven Zustand nach der Digitalisierung hat die zuvor sehr verbreitete digital\/analog-Dichotomie an Relevanz verloren. Der Begriff des Postdigitalen l\u00e4sst sich in dieser Situation als M\u00f6glichkeit begreifen, disparate Artefakte und Praktiken, die sich auf die Normalisierung des Digitalen und auf den Umgang mit dieser Normalisierung beziehen, zu perspektivieren.<\/p>\n<p>Cramer f\u00fchrt einige grundlegende Aspekte an, die den Begriff eingrenzen sollen. Erstens ist das die angesprochene Einordnung dieser Artefakte und Praktiken als solche, die nach dem diskursiven Bruch der Digitalisierung entstanden sind. Zweitens ist das die Beobachtung, dass diese Artefakte und Praktiken nicht der Teleologie folgen, die die Rede von den \u201eneuen Medien\u201c impliziert. Stattdessen wird die Koexistenz verschiedener Medien affirmiert. Daraus folgend zeichnen sich diese Artefakte und Praktiken h\u00e4ufig durch hybride Verwendungsweisen von \u201ealten\u201c und \u201eneuen\u201c Medien aus.<\/p>\n<p>Alessandro Ludovico beispielsweise hat in seiner Studie <em>Postdigital Print<\/em> (2012) bestimmte Publikationsformen als postdigital beschrieben. Eines seiner Beispiele ist das Buch <em>Written Images<\/em> (2010) von Martin Fuchs und Peter Bichsel.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a> Jedes auf Papier gedruckte Exemplar dieses Buches ist individuell computergeneriert, was nur durch die M\u00f6glichkeit des Digitaldrucks zu verwirklichen ist.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a> In diesem Prozess finden Digitales und Analoges, \u201ealte\u201c und \u201eneue\u201c Medien zusammen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr eine postdigitale Praktik ist die Slow-Media-Bewegung. Sie reagiert auf die selbstverst\u00e4ndliche Nutzung digitaler Medien mit dem Aufruf zum \u201eFokus auf bewussten, nachhaltigen Mediengebrauch\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup><sup>[8]<\/sup><\/sup><\/a> Postdigital ist sie deshalb, weil sie nicht die Opposition digital gegen analog ausspielt, sondern statt anti-digitalen Affekte und dystopische Szenarien zu beschw\u00f6ren ein Leben mit \u2013\u00a0in diesem Fall journalistischen \u2013 digitalen Medien entwirft. Dabei werden bestimmte Kriterien wie Nachhaltigkeit oder Dialogizit\u00e4t formuliert, die diese Medien auszeichnen sollen. Das angestrebte Resultat hat mit <em>Written Images<\/em> relativ wenig gemein. Die Verbindung zwischen diesen beiden Projekten ist ihr Fokus auf den produktiven Umgang mit verschiedenen Medien, die nach der Ma\u00dfgabe der momentanen N\u00fctzlichkeit ausgew\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Zuletzt lassen sich auch die in den Diskussionen um <em>postinternet art<\/em> besprochenen Kunstwerke als Spielarten des Postdigitalen sehen. Die <em>postinternert art<\/em> finden ihren gemeinsamen Nenner in Praktiken, die dezidiert nach der Digitalisierung zu verorten sind. Dabei m\u00fcssen diese Praktiken und die sie unterst\u00fctzenden Technologien im eigentlichen Kunstwerk gar nicht zum Gegenstand werden. Auch dadurch zeichnet sich das Postdigitale aus: Die Allt\u00e4glichkeit des Digitalen f\u00fchrt dazu, dass technologische Innovationen als blo\u00dfer Ausweis von Neuheit und Avantgardismus uninteressant werden. Michael Connor hat diese Zusammenhang in seinem Aufsatz \u201eWhat\u2019s Postinternet Got to do With Net Art?\u201c so begr\u00fcndet: \u201e[T]the term \u201apostinternet\u2019 suggests that the focus of a good deal of artistic and critical discourse has shifted from \u201ainternet culture\u2019 as a discrete entity to the reconfiguration of all culture by the internet, or by internet-enabled neoliberal capitalism.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup><sup>[9]<\/sup><\/sup><\/a> Er beschreibt also die Normalisierung des Netzes und des Digitalen als Ausgangspunkt dieser k\u00fcnstlerischen Praktiken.<\/p>\n<p>Diese Beispiele zeigen, dass der Begriff des Postdigitalen \u2013 und das ist gegen alle Einw\u00e4nde gegen ein weiteres Post-irgendetwas seine St\u00e4rke \u2013 es erm\u00f6glicht, disparate gegenw\u00e4rtige Ph\u00e4nomene unter einer Perspektive zu vereinigen. Er soll hier probeweise als Sammelbegriff f\u00fcr Tendenzen in Kunst, Literatur, Film und Fernsehen der Gegenwart und den sie begleitenden Diskursen stehen, die eine \u00e4sthetische Komponente haben k\u00f6nnen, aber nicht m\u00fcssen, und die in unterschiedlichen Aspekten eine \u00dcberwindung der Dichotomie von analog und digital darstellen oder anstreben. In diesen Zusammenhang soll nun anhand des ersten ver\u00f6ffentlichten Videos auch das von B\u00f6hmermann begr\u00fcndete Geekchester eingeordnet werden, weil es nicht nur den Kriterien des Postdigitalen entspricht, sondern die \u00dcberwindung der Dichotomie von digital und analog im Video selbst zum Gegenstand wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Was ist das Geekchester?<\/p>\n<p>Der Name Geekchester ist eine Kombination des Begriffs Geek, also einem Computer-Versessenen, und dem Wort \u201eOrchester\u201c. Es besteht aus vier Musikern und Jan B\u00f6hmermann, die zusammen verschiedene Songs covern und dabei von den eigentlichen Interpreten der St\u00fccke unterst\u00fctzt werden. Beim ersten von bisher zwei Auftritten war es der Schlager \u201eJein\u201c der Hip-Hop-Formation Fettes Brot von 1996, beim zweiten der Song \u201eWings\u201c des englischen Synth-Pop-Duos Hurts aus dem Jahr 2015. Die Videos wurden zwar im Rahmen des \u201eNeo Magazin Royale\u201c ausgestrahlt, sie zielten aber vor allem auf eine virale Verbreitung \u00fcber Youtube und auf den sozialen Netzwerken.<\/p>\n<p>Im n\u00e4heren Kontext des Geekchester-Projekts steht erstens die sogenannte <em>floppy music <\/em>in der Netzkultur.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><sup><sup>[10]<\/sup><\/sup><\/a> Zweitens ist ein enger Bezug vieler Showteile zum Hip-Hop ein Markenzeichen des \u201eNeo Magazins\u201c. Das zeigt sich auch in der Wahl des Rappers Dendemann als musikalischer Sidekick der Show . Zusammen mit dem Rapper hat B\u00f6hmermann nach Vorbild der \u201eHistory of Rap\u201c des us-amerikanischen Talk-Show-Hosts Jimmy Fallon (zuletzt <a title=\"video fallon\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1omPNEVOIaM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teil 6<\/a>) eine \u201e<a title=\"b\u00f6hmermann rapgeschichte\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iKsa41Ly1m8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deutsche Rapgeschichte<\/a>\u201c vorgestellt, die aus Lines aus einzelnen Tracks bestand. Auch in dieser Rapgeschichte wird \u201eJein\u201c schon erw\u00e4hnt. Dazu gab es in der Sendung schon andere Neuinterpretationen von Hip-Hop-Tracks, zum Beispiel von Kay Ones \u201e<a title=\"video kay b\u00f6hm\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=XzAA5Qq9jzc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Style &amp; das Geld<\/a>\u201c\u00a0\u00a0 oder Haftbefehls \u201e<a title=\"video b\u00f6hmermann hafrbefehl\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=v2tR2M8gkoI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lass die Affen aus\u2019m Zoo<\/a>\u201c. Erw\u00e4hnenswert ist zudem B\u00f6hmenmanns Gangster-Rap-Parodie \u201e<a title=\"video b\u00f6hmermann polizei\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PNjG22Gbo6U\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ich hab Polizei<\/a>\u201c .<\/p>\n<p>Das erste Video mit dem Geekchester wird in der Sendung vom 11. Februar 2016 gezeigt und am gleichen Tag bei YouTube hochgeladen. Es hat 412.935 Views und 4961 Shares (Stand: 20.07.2016). Das ist im Vergleich mit dem <a title=\"video b\u00f6hmermann varoufake\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Vx-1LQu6mAE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Varoufake-Video<\/a> (3.494.223 Views und 31.971 Shares, Stand: 20.07.2016) wenig. Im Vergleich mit anderen Beitr\u00e4gen im Kontext der Sendung wie Dendemanns Trackskizze \u00fcber das hundertj\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Relativit\u00e4tstheorie mit dem Titel \u201eEndlich kaltes Wasser\u201c (92.840 Views und 157 Shares, Stand: 20.07.2016) jedoch im oberen mittleren Bereich.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;7S5IuaKiZIY&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Das Video beginnt mit der \u2013\u00a0m\u00f6glicherweise digital erzeugten \u2013 Gro\u00dfaufnahme eines Computerbildschirms, der verschiedene Befehle zur \u00dcberpr\u00fcfung von Hardware- und Software-Optionen ablaufen l\u00e4sst. In diesen Zeichenfolge tauchen einige der f\u00fcr das Geekchester verwendeten Hardwarekomponenten schon auf: \u201echecking for 3x desk scanner\u2026 yes \/ checking for 12x HDD\u2026 yes \/ checking for 2x neelde [!] printer\u2026 yes\u201c. Darauf folgend werden ein stilisiertes Logo des Neo Magazin Royale sowie des Geekchesters gezeigt, bevor das Geekchester in der Halbtotale zu sehen ist. \u00dcberlagert wird diese Bild von einer Liste der verwendeten Ger\u00e4te, die leicht von den vorhergehenden Informationen abweicht: Sechzehn 3,5\u2019\u2019 Diskettenlaufwerke, drei Flachbettscanner, zwei 3,5\u2019\u2019 Festplatten und jeweils einen 24-Pin-Nadeldrucker, einen 9-Pin-Nadeldrucker, eine elektronische Schreibmaschine, ein Maxi-Tower-Geh\u00e4use und ein 56k-Modem. Diese Liste wird in VHS-\u00c4sthetik pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Im ersten Bild des eigentlichen Videos sitzt im Vordergrund Jan B\u00f6hmermann, daneben Dokter Renz (Martin Vandreier), Bj\u00f6rn Beton (Bj\u00f6rn Warns) und K\u00f6nig Boris (Boris Lauterbach), die drei MCs von Fettes Brot. Im Hintergrund stehen die vier weiteren Mitglieder des Geekchesters, dazwischen sind die Ger\u00e4te aufgestellt. Wie B\u00f6hmermann tragen die anderen Mitglieder des Geekchesters wei\u00dfes Hemd, Krawatte und einen Pullunder, an dessen Ausschnitt ein Kugelschreiber befestigt ist. Sobald der eigentliche Track beginnt, wird das Bild in mehrere \u2013 drei bis f\u00fcnf \u2013\u00a0Splitscreens aufgeteilt. In einem der Rechtecke sind f\u00fcr einen Gro\u00dfteil des Videos die Mitglieder des Geekchesters und von Fettes Brot in der Halbtotale zu sehen. In den anderen Rechtecken kann man die verschiedenen Ger\u00e4te in Detailaufnahmen bei der Klangerzeugung beobachten.<\/p>\n<p>Die Ger\u00e4te \u2013\u00a0\u201e180 Kilo Elektroschrott\u201c informiert der Begleittext zum Video auf YouTube \u2013 stammen vermutlich ungef\u00e4hr aus der Zeit, in der \u201eJein\u201c erschienen ist. Zu diesem Zeitpunkt w\u00e4re niemand auf die Idee gekommen, den Song und die Ger\u00e4te, die damals <em>state of the art<\/em> und keine nutzlosen Maschinen waren, zusammenzubringen. Verglichen mit den heutigen digitalen M\u00f6glichkeiten, stammen sie aus einem analogen Zeitalter. In der Beschreibung zum Video steht dann auch so passend wie poetisierend: Das Geeckchester sei \u201eein analoger Fels in der digitalen Brandung\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup><sup>[11]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Jein zur Digitalisierung<\/p>\n<p>Die Thematisierung des Analogen \u00fcber die Wahl der Produktionsmittel steht im Gegensatz zur Produktions- und Verbreitungsweise des Videos in der \u201edigitalen Brandung\u201c. Diese setzt sehr gezielt auf die M\u00f6glichkeit viraler Verbreitung \u00fcber YouTube und soziale Netzwerke. Es ist die mediale Rahmung des Videos, die den Abstand der Elemente seiner Inszenierung zu den heutigen M\u00f6glichkeiten besonders hervortreten lassen. Sein Reiz besteht in der Kombination digitaler und analoger Elemente. Es spielt mit der Dichotomie von digital und analog.<\/p>\n<p>Die Dimensionen dieses Spiels werden durch zwei selbstreferentielle Elemente noch vergr\u00f6\u00dfert. Im linken und rechten Drittel der Halbtotale, die die verschiedenen Musiker zeigt, ist jeweils ein Fernsehbildschirm zu sehen. Diese beiden Bildschirme zeigen jeweils eine Detailaufnahme in Schwarzwei\u00df. Der rechte zeigt eine Festplatte, der linke mehrere Disketten-Laufwerke. So wird auch auf der Ebene des Visuellen noch einmal auf den Abstand, aber auch auf die Vereinbarkeit von digital und analog hingewiesen. Die schwarzwei\u00dfen Standbilder stellen den Abstand der Technologien, die \u00fcber die Opposition digital\/analog geordnet wird, deutlich aus. Dem Video und dem Kontext seiner Verbreitung auf YouTube werden in einer der <em>mise en abyme<\/em> \u00e4hnlichen Bewegung die schwarzwei\u00dfen Standbilder gegen\u00fcbergestellt. Diese Gegen\u00fcberstellung markiert die Gleichzeitigkeit der dichotomischen Begriffe.<\/p>\n<p>Es ist deswegen kein Zufall, dass dem Modem die Rolle des Solisten im Ger\u00e4teensemble zuf\u00e4llt. Ein Modem wandelt analoge in digitale Signale und digitale in analoge Signale um. Indem es eine hervorgehobene Position einnimmt, wird noch einmal darauf verwiesen, dass es im Video nicht um die telelogische Forcierung einer Differenz zwischen \u201ealt\u201c und \u201eneu\u201c, digitale und analog geht, sondern um die Gleichzeitigkeit der beiden Pole. Das Modem markiert damit auch die diskursive Position, die das Video einnimmt. Denn genau die Rekombination von Elementen quer zur Dichotomie von digital und analog ist Kennzeichen einer postdigitalen \u00c4sthetik.<\/p>\n<p>Der Song in dieser Interpretation und Inszenierung durch das Geekchester sagt also nicht nur Jein zu allerlei Fragen der Zwischenmenschlichkeit, sondern in dieser Version auch Jein zur Digitalisierung: \u201eNeue Medien\u201c werden nicht h\u00f6her gewertet als \u201ealte Medien\u201c. Vielmehr wird durch die eigensinnige Rekombination des Verf\u00fcgbaren etwas Neues geschaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Kim Cascone: The Aesthetics of Failure: \u201ePost-Digital\u201d Tendencies in Contemporary Computer Music. In: <em>Computer Music Journal<\/em>, 4\/2000, S. 12-18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> Vgl. Cramer, Florian: Afterword. In: Alessandro Ludovico: <em>Postdigital Print. The Mutation of Publishing since 1894<\/em>. Onomatopee: Eindhoven 2012, S. 162\u2013166, hier S. 162.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> Negroponte, Nicholas: Beyond digital. In: <em>Wired<\/em> [Onlineausgabe], unter <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/1998\/12\/negroponte-55\/\">http:\/\/www.wired.com\/1998\/12\/negroponte-55\/<\/a> (zuletzt eingesehen am 18.07.2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> Vgl. Cramer, Florian: What is post-digital? In: <em>APRJA<\/em>, unter http:\/\/www.aprja.net\/?p=1318 (zuletzt eingesehen am 05.02.2016). Siehe auch die dort angef\u00fchrten weiteren Ver\u00f6ffentlichungen von Cramer und anderen zum Thema.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><sup><sup>[5]<\/sup><\/sup><\/a> Passig, Katrin\/Aleks Scholz: Schlamm und Brei und Bits. Warum es die Digitalisierung nicht gibt. In: <em>Merkur <\/em>798.69 (2015), S. 75\u201381.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a> Weitere Informationen zu diesem Projekt unter <a href=\"http:\/\/writtenimages.net\/\">http:\/\/writtenimages.net\/<\/a> (zuletzt eingesehen am\u00a0 20.07.2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a> Vgl. Ludovico, Alessandro: <em>Postdigital Print. The Mutation of Publishing since 1894<\/em>. Onomatopee: Eindhoven 2012, S. 155f. Insofern ist Nanni Balestrinis <em>Tristano<\/em> (\u00fcbers. v. Peter O. Chotjewitz. Suhrkamp: Berlin 2009) postdigital <em>avant la lettre<\/em>: Jedes Exemplar des bereits 1966 von Balestrini konzipierten Romans ist individuell computergeneriert. Auch dieses Projekt konnte erst 2007 verwirklicht werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><sup><sup>[8]<\/sup><\/sup><\/a> Vgl. Benedikt K\u00f6hler: Das postdigitale Zeitalter, unter <a title=\"website slow media\" href=\"http:\/\/www.slow-media.net\/das-postdigitale-zeitalter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.slow-media.net\/das-postdigitale-zeitalter<\/a> (zuletzt eingesehen am 19.07.2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><sup><sup>[9]<\/sup><\/sup><\/a> Michael Connor: What\u2019s Postinternet Got to do With Net Art? In: <em>Rhizome Blog<\/em>, unter <a href=\"http:\/\/rhizome.org\/editorial\/2013\/nov\/1\/postinternet\/\">http:\/\/rhizome.org\/editorial\/2013\/nov\/1\/postinternet\/<\/a> (zuletzt eingesehen am 19.07.2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\"><sup><sup>[10]<\/sup><\/sup><\/a> Der Name <em>Floppy Music<\/em> leitet sich von der Wendung von Floppy-Disk-Laufwerken zur Klangerzeugung ab. Youtube listet 278.000 Videos (Stand: 30.06.2016) zum Stichwort \u201eFloppy Music\u201c: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/results?search_query=floppy+music\">https:\/\/www.youtube.com\/results?search_query=floppy+music<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\"><sup><sup>[11]<\/sup><\/sup><\/a> Im Kontext dieser Inszenierung des Geekchesters sei auch auf die Einf\u00fchrung des zweiten Geekchestervideos durch den CEO der fiktiven IT-Firma L\u00f6t-Lab 2000 aus den 1990er Jahren verwiesen (<a title=\"hurts\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=J6DnYrtLpgY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=J6DnYrtLpgY<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage kreuzmair\" href=\"https:\/\/germanistik.uni-greifswald.de\/kreuzmair\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elias Kreuzmair<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr deutsche Philologie der Universit\u00e4t Greifswald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiel mit dem Gegensatz von digital und analog<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[823,1113,1876],"class_list":["post-6113","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-geekchster","tag-jan-boehmermann","tag-postdigital"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6113"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6113\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}