{"id":6180,"date":"2016-09-25T15:35:21","date_gmt":"2016-09-25T13:35:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6180"},"modified":"2016-09-25T15:35:21","modified_gmt":"2016-09-25T13:35:21","slug":"die-fehltemperierte-nation-von-elena-beregow25-9-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/09\/25\/die-fehltemperierte-nation-von-elena-beregow25-9-2016\/","title":{"rendered":"Die fehltemperierte Nation von Elena Beregow25.9.2016"},"content":{"rendered":"<p>Warm, kalt, cool<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 9, Herbst 2016, S. 10-15]<\/p>\n<p>Temperaturen sind in der Fl\u00fcchtlingsdebatte zu einem dr\u00e4ngenden Thema geworden. K\u00e4lte und Hitze werden nicht nur auf der Flucht zum \u00dcberlebensproblem, sondern sind selbst ein Fluchtgrund. Die Bewohner Nordafrikas und des Nahen Ostens entfliehen der lebensfeindlichen Hitze ihrer Heimat, um sich dann der K\u00e4lte zu stellen \u2013 unterwegs auf dem Boot oder zu Fu\u00df, wartend an den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen, wartend vor \u00c4mtern, wartend in Zelten.<\/p>\n<p>Ausfallende Heizungen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt oder stickige Traglufthallen, in denen schon im Fr\u00fchjahr 40 Grad herrschen, zeigen, wie ungesch\u00fctzt die Asylsuchenden einer feindlichen Umwelt ausgesetzt sind. Die Bilder von ersch\u00f6pften Familien, die zusammenr\u00fccken, sich mit Kartons, Decken oder an Lagerfeuern zu w\u00e4rmen suchen, gewinnen einen unmittelbar z\u00fcndenden Symbolgehalt. An solchen Bildern setzt sich ein metaphorischer Assoziationsreichtum frei, der \u00fcber thermische Metaphern politische Visionen, Selbstverst\u00e4ndnisse und Allianzen austr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Beim Unterfangen, das Frieren der Fl\u00fcchtlinge in das politische Klima Europas und Deutschlands zu \u00fcberf\u00fchren, zeichnen sich drei gro\u00dfe Temperierungsmodelle ab. Das erste Modell \u2013 K\u00e4lte durch Grenzen \u2013 kritisiert mit Hilfe des Motivs vom \u203akalten Herzen\u2039 eine zynische \u203aAbschottungspolitik\u2039, die Fl\u00fcchtlinge unger\u00fchrt im Meer ertrinken l\u00e4sst. Zur Zielscheibe linker und sozialdemokratischer Kritiker der \u203aFestung Europa\u2039 wird vor allem deren ausf\u00fchrendes Organ, die Grenzsicherungsagentur Frontex. Gruppen wie Pro Asyl klagen eine \u00bbAushebelung des Fl\u00fcchtlingsrechts auf kaltem Weg\u00ab an, die durch Begrenzungen und Behinderungen der Einreise geschieht.<\/p>\n<p>Das zweite Temperierungsmodell \u2013 \u00adK\u00e4lte durch Ressentiment \u2013 kam in dem Moment besonders h\u00e4ufig zur Anwendung, als die Dublin-Verordnung vor\u00fcbergehend aufgehoben wurde und die Fl\u00fcchtenden nach Deutschland kommen durften. Angela Merkel verortete in ihrer Neujahrsansprache die K\u00e4lte nicht im Gesamtherzen Europas, sondern bei jenen Individuen, \u00bbdie mit K\u00e4lte oder gar Hass in ihrem Herzen ein Deutschsein allein f\u00fcr sich reklamieren und andere ausgrenzen wollen\u00ab. \u00a0Ihre Antwort auf jene Herzensk\u00e4lte von AfD und Pegida lautet naheliegenderweise \u00bbHerzensw\u00e4rme\u00ab.<\/p>\n<p>Sie ist zu finden bei den freiwilligen Helfern, die dem Begriff \u203aWillkommenskultur\u2039 durch ihr \u00f6ffentlichkeitswirksames \u203awarm welcome\u2039 zu einer internationalen Karriere verholfen haben. Dass Merkel nun zur politischen Zentralfigur dieser W\u00e4rme-Gesten wurde, hat ihr \u203aEiskalt\u2039-Image ins Wanken gebracht, das sich vor allem an ihrem reservierten Auftreten festmachte, aber auch an ihrem naturwissenschaftlichen Zugang zur Politik und dem Bruch mit der Traditionsw\u00e4rme der alten CDU-Generation.<\/p>\n<p>Der letzte Strang m\u00f6chte mit seiner Erkl\u00e4rung der K\u00e4lte weiter in die Tiefe, n\u00e4mlich ins \u203akalte Herz\u2039 des Kapitals. K\u00e4lte durch Kapitalismus \u2013 das dritte Modell deutet die \u203aHerzensk\u00e4lte\u2039 der Rechten als blo\u00dfes Symptom einer \u203asozialen K\u00e4lte\u2039, die ihren Ursprung in einem \u00bbungerechten Wirtschaftssystem\u00ab habe, so etwa Jakob Augstein bei Spiegel Online. Die Zuwanderung sei gar nicht Grund, sondern nur Ausl\u00f6ser einer Eskalation, in der es eigentlich um \u00bbAngst und Armut in einem k\u00e4lter werdenden Land\u00ab gehe. Vertreter dieses Strangs sehen in der \u203aWillkommenskultur\u2039 mitunter eine neoliberale Politik des Lohndumpings am Werk, das die Hilfeleistungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge auf Freiwillige abw\u00e4lze. Deren Herzensw\u00e4rme, so der Tenor, steht hier im Dienste einer \u00fcbergreifenden \u203asozialen K\u00e4lte\u2039.<\/p>\n<p>Die Kritik \u203asozialer K\u00e4lte\u2039 ist heute zwar \u00fcberwiegend mit sozialdemokratischen und linken Positionen verkn\u00fcpft, doch Pegida und AfD sind nicht nur Adressaten der K\u00e4lte-Kritik. Sie\u00a0 verwenden den Begriff selbst \u2013 in einer v\u00f6lkisch gewendeten Variante des dritten Strangs: Auch hier werden Gemeinschafts- und Verteilungsfragen angesprochen, aber als Verteilungskampf zwischen (im v\u00f6lkischen Sinne) Deutschen und Nicht-Deutschen.<\/p>\n<p>Wenn sie von \u203asozialer K\u00e4lte\u2039 sprechen, verweisen sie auf den kleinen Mann mit seiner kleinen Rente und stellen ihm undankbare Fl\u00fcchtlinge mit iPhones gegen\u00fcber. In ihrer Vision der W\u00e4rme ist bereits der Umschlag in die Hitze angelegt: Volkszorn bricht sich Bahn in brennenden Fl\u00fcchtlingsheimen. Insbesondere in Ostdeutschland ist das Narrativ \u203asozialer K\u00e4lte\u2039 bisweilen noch heute auf den liberalen, individualisierten Westen bezogen, dem das im Osten verankerte Ideal solidarischer Gemeinschaftsw\u00e4rme gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n<p>Dass K\u00e4lte in den drei ansonsten sehr unterschiedlichen Positionen durchweg als rhetorisches Mittel eingesetzt wird, um den politischen Gegner zu diskreditieren, f\u00fchrt die starke und unzweideutig normative Dimension der Temperierungsmetaphern vor. Diese K\u00e4ltebilder besitzen eine weit zur\u00fcckreichende Tradition, die dem Unbehagen an Entfremdung und Moderne entspringt. Noch immer ist die K\u00e4ltediagnose darum zumeist eine Krisendiagnose, die das Komplement der W\u00e4rme vage aufscheinen l\u00e4sst, um auf einen besseren Zustand vor oder nach der K\u00e4lte zu deuten.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rmeideale unterscheiden oder widersprechen sich sogar in den drei Temperierungsmodellen, sie setzen auf Grenz\u00f6ffnung oder Grenzschlie\u00dfung, ein Ende der Ausgrenzung durch Willkommenskultur oder einen starken Sozialstaat. Gemeinsam ist ihnen jedoch der positive Bezug auf eine starke Gemeinschaft. Dadurch werden unwahrscheinliche Allianzen m\u00f6glich: Die letzten beiden Varianten, die K\u00e4lte in einer individualisierten, kapitalistischen Gesellschaft lokalisieren, r\u00fccken in zumindest rhetorische N\u00e4he, wenn Sahra Wagenknecht eine Begrenzung der Fl\u00fcchtlingszahlen fordert, um den sozialen Frieden zu wahren, oder Sigmar Gabriel sich mit einer Initiative f\u00fcr Deutsche exponiert, mit der er implizit auf die Forderungen der Rechten eingeht.<\/p>\n<p>Die deutsche Tradition politischer Temperierung hat den Hang, sich \u00fcbergangslos zwischen K\u00e4lte als Schreckensbild und W\u00e4rme als Ideal zu bewegen. Dass jene Bilder derart pr\u00e4sent sind, mag mitunter an der thermischen Ergiebigkeit der deutschen Sprache liegen. Wie unersch\u00f6pflich der Bildspeicher solcher Wendungen bis heute ist, kann man in nahezu jeder Ausgabe der \u00bbFAZ\u00ab studieren, deren Redakteure fast besessen von (insbesondere politischen) Warm\/Kalt-Metaphern sind. Die Faszination, die in Deutschland Temperierungsmetaphern zukommt, geht aber keineswegs mit einer gelungenen Temperierungspolitik einher, vielmehr zeigt sich gegenw\u00e4rtig in besonderem Ma\u00dfe die deutsche Unf\u00e4higkeit, eine m\u00e4\u00dfige Temperierung zu installieren.<\/p>\n<p>Das W\u00e4rmeprogramm der Willkommenskultur zielte zun\u00e4chst ganz buchst\u00e4blich darauf, die Fl\u00fcchtlinge \u00bbin der K\u00e4lte nicht alleine zu lassen\u00ab, wie es in einem Kommuniqu\u00e9 der Europ\u00e4ischen Kommission hie\u00df. Daf\u00fcr versorgte man sie mit Decken, Schlafs\u00e4cken, Winterjacken und Tee, lie\u00df sie bei sich \u00fcbernachten und heimische Gerichte kochen. Und man begr\u00fc\u00dfte sie mit Applaus und Kuscheltieren an Bahnh\u00f6fen.<\/p>\n<p>Vielfach wurde an jener Willkommenskultur kritisiert, dass sie an Selbstgef\u00e4lligkeit und Doppelstandards kranke. Dass die gutgemeinte Eifrigkeit und das engagierte Anpacken nicht nur Grenzen haben, sondern auch selbst zur Zumutung werden k\u00f6nnen, bekamen etwa migrantisch aussehende M\u00fcnchner zu sp\u00fcren, die mit einer Mischung aus Applaus und ungebetenem Mitleid bedacht wurden. So wurde die Diskussion schnell auf die Frage gelenkt, inwiefern eine Ideologie der Begegnung m\u00f6glicherweise quer zur gesellschaftlichen Teilhabe steht.<\/p>\n<p>Im Selbstlob der \u203aWillkommenskultur\u2039 m\u00fcndet der deutsche Kulturbegriff in einer Sentimentalisierung von Politik, die sich durchaus mit Politikverdrossenheit und Staatsabwehr vertr\u00e4gt, meint der Soziologe Wolf Lepenies. Bereits der Begriff \u203aWillkommenskultur\u2039 zeugt vom deutschen Temperierungsproblem: W\u00e4hrend man in anderen L\u00e4ndern \u203aZivilisation\u2039 nach franz\u00f6sischem Vorbild findet, beruhend auf Aufkl\u00e4rung, rationalem Kalk\u00fcl und Pragmatik, definiert sich Deutschland \u00fcber seine \u203aKultur\u2039, in der Geist und Moralit\u00e4t zu einer harmonischen Einheit verschmelzen \u2013 kurzum: \u00bbDer kalten Zivilisation steht die warme, seelenvolle Kultur gegen\u00fcber.\u00ab (\u00bbDie Welt\u00ab, 26.01.2016)<\/p>\n<p>Lepenies bezieht sich in seiner Kritik auf Helmuth Plessners bekannten Essay \u00bbGrenzen der Gemeinschaft\u00ab aus dem Jahr 1924, der unter dem Eindruck jener Gemeinschaftsideologien entstand, die etwa in Gestalt der Jugendbewegung, aber auch kommunistischer und nationalistischer Gruppierungen die \u203aK\u00e4lte\u2039 gesellschaftlicher Ordnungen attackierten und ihr ein Gegenideal gl\u00fchender Gemeinschaftlichkeit entgegenhielten. Auch wenn Plessner auf die ruin\u00f6sen Effekte dieses Gemeinschaftskultus hinweist, geht es ihm nicht nur um eine einfache Aufwertung der K\u00e4lte.<\/p>\n<p>Vielmehr macht er die temperierte Distanz jenseits von Hitze und K\u00e4lte stark, die er im Wesen des Gesellschaftlichen begr\u00fcndet sieht. Distanz darf nicht mit kr\u00e4nkender \u00bbIndifferenz, K\u00e4lte, Rohheit\u00ab verwechselt werden, sie zielt vielmehr auf h\u00f6fliche Reserviertheit, die sowohl vor zu viel N\u00e4he wie zu gro\u00dfer Ferne sch\u00fctzt. Gelingen soll \u00bbdie virtuose Handhabung von Spielformen, mit denen sich die Menschen nahe kommen, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen, ohne sich durch Gleichg\u00fcltigkeit zu verletzen.\u00ab<\/p>\n<p>Dass dieser wohltemperierte Zustand den Deutschen fremd ist, f\u00fchrt Plessner auf den historischen Grund zur\u00fcck, dass Deutschland eine \u00bbVersp\u00e4tete Nation\u00ab ist, die das 17. Jahrhundert verpasst hat. Der adelig-b\u00fcrgerliche Zivilisationsschub der Fr\u00fchen Neuzeit sei in Deutschland in eine Epoche konfessioneller Kriege und wirtschaftlichen Abstiegs gefallen, weshalb sich hierzulande nie eine Kultur der H\u00f6flichkeit etablieren konnte. Darum macht die \u203aWillkommenskultur\u2039 aus einer gesellschaftlichen Aufgabe noch heute eine Frage der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Nun lie\u00dfe sich einwenden, dass Temperierungsmetaphern nichts spezifisch Deutsches sind; tats\u00e4chlich findet man sie fast \u00fcberall auf der Welt. Die W\u00e4rme- und K\u00e4lte-Kodierungen beruhen in vielen Sprachen auf \u00e4hnlichen Semantiken, aber ihre kleinen Nuancen legen mitunter pr\u00e4gnante Differenzen im politisch-kulturellen Klima frei.<\/p>\n<p>Am Beispiel Gro\u00dfbritanniens kann man sehen, was es bedeutet, wenn die politische Kultur durch das Ideal m\u00e4\u00dfig k\u00fchler Temperierung bestimmt wird. Mit dem \u203aBritish Cool\u2039 bzw. \u203aCool Britannia\u2039 entsteht Mitte der 1990er ein Begriff, der genuin britische Pop-Ph\u00e4nomene vom Britpop \u00fcber die Spice Girls bis hin zu Zeitschriften und Modedesignern fasst. Er steht aber auch von Anbeginn in vielf\u00e4ltigen Beziehungen zur Politik des \u203aNew Labour\u2039 unter Tony Blair.<\/p>\n<p>Der Slogan referiert augenzwinkernd auf den patriotischen Song \u00bbRule, Britannia\u00ab und setzt ihm den Entwurf eines globalisierten Gro\u00dfbritannien entgegen \u2013 \u00f6konomisch stark, kosmopolitisch und kreativ. Das \u203aCool\u2039 wurde auch zum Ausdruck der (finanz-)kapitalistischen K\u00e4lte Londons sowie der b\u00fcrokratischen K\u00e4lte Br\u00fcssels.<\/p>\n<p>Den Brexit deutet der Soziologe Craig Calhoun in der Huffington Post folgerichtig als eine Zur\u00fcckweisung jenes \u203aCool Britannia\u2039. Mehr noch: Gesteuert war jene Zur\u00fcckweisung nicht durch rationale Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gungen, sondern durch \u00dcberhitzung: Suggestiv sei das \u00bbLeave\u00ab-Lager vorgegangen, um die W\u00e4hler zu einer emotionalen, expressiven Entscheidung zu bringen, indem patriotisches Ressentiment und die Wut einer abgeh\u00e4ngten Mittelklasse \u2013 der Verliererin des \u203aCool Britannia\u2039 \u2013 angestachelt worden seien.<\/p>\n<p>Verwirklicht wird die Abkehr vom Cool aber unter der Federf\u00fchrung einer Politikerin, die ihrerseits zum Symbol einer neuen K\u00e4lte geworden ist: der Konservativen Theresa May. Nigel Farage etwa charakterisiert May im Gegensatz zu ihrer als \u00bbopen, straightforward and even friendly\u00ab gelobten Konkurrentin Andrea Leadsom als \u00bbvery cold\u00ab, drastischer noch: \u00bbMrs May might as well be made of alabaster\u00ab (\u00bbMail On Sunday\u00ab, 09.07.2016). Viele Rundfunkanstalten und Zeitungen teilen diese Einsch\u00e4tzung und titeln zur Beschreibung Mays wahlweise \u00bbCold, competent and determined\u00ab (BBC), \u00bbcool, tough, strategic\u00ab (The Daily Beast), \u00bbcool, collected and steely\u00ab oder ernennen sie gleich zur \u00bb\u203aIce Queen\u2039 of Westminster\u00ab (\u00bbDaily Express\u00ab, 12.07.2016).<\/p>\n<p>Theresa Mays K\u00e4lte speist sich aus drei Quellen: Erstens ist es ihre Fl\u00fcchtlingspolitik, die sogar die Zahl der EU-Einwanderer deutlich begrenzen will. Der strikte Kurs einer konservativen Britin animiert viele Journalisten zur Frage, ob Gro\u00dfbritannien nun die n\u00e4chste \u203aEiserne Lady\u2039 bl\u00fche. Im Gegensatz zu Margaret Thatcher aber \u2013 und das ist die zweite K\u00e4ltequelle \u2013 mangele es May an Charisma: \u00dcbersachlich, reserviert sei sie, ja: sphinxhaft und unberechenbar.<\/p>\n<p>Diese Z\u00fcge wiederum regten in Verbindung mit gewissen biografischen Details zu ausf\u00fchrlichen Merkel-Vergleichen an. Als May Mitte Juli nach Berlin reiste, um Merkel im Kanzleramt zu besuchen, nannte Spiegel Online das Duo \u00bbeisern pragmatisch\u00ab, begegnet seien sich \u00bbzwei Regierungschefinnen, die ihre Lage k\u00fchl analysierten, bedacht auf den eigenen Vorteil\u00ab. K\u00fchle Distanz einerseits, bescheidene Anpackmentalit\u00e4t andererseits einten sie.<\/p>\n<p>Die dritte K\u00e4ltequelle Mays hebt sie aber deutlich von Merkel ab: May ist eine Stilikone, bereits zwei Modestrecken in der \u00bbVogue\u00ab haben sich ihren Looks gewidmet. Unter den Titelzeilen-Alliterationen befindet sich eine weitere, besonders vielsagende: \u00bbCool, calm and kitten-heeled\u00ab (\u00bbThe Times\u00ab, 03.07.2016). Vielsagend ist sie, weil sie May als gleichzeitige Verabschiederin und Bewahrerin des Cool-Britannia-Modells ins Bild setzt: Britische Politik wird auf selbstverst\u00e4ndliche Weise mit britischen Popreferenzen verschaltet, wenn May im karierten Vivienne-Westwood-Hosenanzug oder anderen Edelpunkaccessoires \u2013 etwa mit schwarzem Lack\u00fcberzug, Nieten und Leopardenmustern versehenen Kitten Heels von L.K. Bennett \u2013 auftritt.<\/p>\n<p>So ist es zu erkl\u00e4ren, dass in den May-Titelzeilen die Attribute \u203acold\u2039 und \u203acool\u2039 eine Verwandtschaft bilden, ineinander \u00fcbergehen: K\u00e4lte ist nicht nur eine Pathologie, sondern in Coolness \u00fcbersetzbar. Im deutschen Temperierungsmodell ist nur die W\u00e4rme ambivalent \u2013 zwischen Herzensw\u00e4rme und \u00dcberhitzung \u2013, die K\u00e4lte aber durchwegs negativ konnotiert. Am englischen Modell zeigt sich, dass eine Politik der Temperierung auch Ambivalenzen des Kalten aufweisen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zu Heft 9 von \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab <a title=\"hinweise heft 9\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/09\/20\/pop-kultur-und-kritik-heft-9-herbst-2016inhaltsuebersicht20-9-2016\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website beregow\" href=\"http:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/professuren\/allgemeine-soziologie\/team\/elena-beregow\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elena Beregow<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur f\u00fcr Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie, Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warm, kalt, cool<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[186,771,2295,2332,2543],"class_list":["post-6180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-angela-merkel","tag-fluechtlingspolitik","tag-temperierungsmodelle","tag-theresa-may","tag-willkommenskultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6180"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6180\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}