{"id":6278,"date":"2016-10-15T20:43:18","date_gmt":"2016-10-15T18:43:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6278"},"modified":"2016-10-15T20:43:18","modified_gmt":"2016-10-15T18:43:18","slug":"pornographievon-thomas-hecken15-10-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/10\/15\/pornographievon-thomas-hecken15-10-2016\/","title":{"rendered":"Pornographievon Thomas Hecken15.10.2016"},"content":{"rendered":"<p>Der ganze Unterschied<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Simone Sauer-Kretschmer (Hg.): \u201eK\u00f6rper kaufen. Prostitution in Literatur und Medien\u201c. Ch. A. Bachmann Verlag, Berlin 2016, S. 105-115]<\/p>\n<p>Der Begriff \u201aPornographie\u2018 \u2013 mindestens die Kurzform \u201aPorno\u2018 \u2013 d\u00fcrfte fast jedem Deutschen bekannt sein, obwohl es sich um ein Fremdwort handelt. Die lebensweltliche und mediale Bedeutung sexueller Darstellungen sorgt f\u00fcr diese Kenntnisse. Fast g\u00e4nzlich unbekannt wird aber h\u00f6chstwahrscheinlich sein, was in lexikalischen Eintr\u00e4gen l\u00e4ngerer Art gerne zu Beginn steht: Dass der erste Bestandteil des Kompositums ins Deutsche \u00fcbersetzt \u201aDirne\u2018 lautet (altgriechisch: \u201ap\u00f3rn\u0207\u2018).<\/p>\n<p>Dieser Ausgangspunkt soll im Folgenden genutzt werden, um einige Aspekte des Zusammenhangs von Pornographie und Prostitution aus literaturwissenschaftlicher Sicht herauszustellen. Vollst\u00e4ndigkeit wird also nicht angestrebt, die Auswahl verdankt sich den mehr oder minder zuf\u00e4lligen Kenntnissen des Verfassers \u2013 und dem Bem\u00fchen, m\u00f6glichst interessante Thesen und Beispiele anzubringen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den griechischen Begriffsgebrauch aufschlussreich sind Athen\u00e4us\u02bc \u201eDeipnosophistae\u201c aus dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In den Dialogen des \u201eSophistenmahls\u201c sprechen die Gelehrten im 13. Buch ausgiebig \u00fcber Prostituierte. Einer von ihnen, Myrtilus, wird von jemandem aus der Runde, Cynulcus, darum mit dem Titel \u201ePornograph\u201c belegt. Das ist abtr\u00e4glich gemeint, wie auch Cynulcus\u02bc Hinweis auf Myrtilus\u02bc Lebenswandel belegt: \u201eyou, you sophist, spend your time in wineshops, not with your friends (\u1f11\u03c4\u03b1\u03af\u03c1\u03c9\u03bd), but with prostitutes (\u1f11\u03c4\u03b1\u03b9\u03c1\u1ff6\u03bd), having a lot of female pimps about you\u201c.<\/p>\n<p>Im gleichen Atemzug wird erw\u00e4hnt, dass Myrtilus bei den Kneipenbesuchen stets gewisse Schriften mit sich f\u00fchre: \u201e[\u2026] and always carrying about these books of Aristophanes, and Apollodorus, and Ammonius, and Antiphanes, and also of Gorgias the Athenian, who have all written about the prostitutes at Athens.\u201c Kurz darauf erfolgt die Titulierung \u201apornographos\u2018: \u201eYou, you teacher of love, are in no respect better than Amasis of Elis, whom Theophrastus, in his treatise <em>On Love<\/em>, says was extraordinarily addicted to amatory pursuits. And a man will not be much out who calls you a pornographer [\u03c0\u03bf\u03c1\u03bd\u03bf\u03b3\u03c1\u03ac\u03c6\u03bf\u03c2].\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Das hindert Cynulcus aber nicht daran, selbst aus einschl\u00e4gigen Schriften vorzutragen. Ihn st\u00f6rt an den Prostituierten, von denen er glaubt, dass Myrtilus sie aufsucht, nur, dass sie extravagant und teuer sind und die M\u00e4nner darum ins Verderben st\u00fcrzen; ebenfalls st\u00f6rt ihn, dass sie \u00fcberall sichtbar sind (darum wohl auch der Vorwurf der Pornographie, die solche Sichtbarkeit noch steigert). Gegen billige Prostituierte in speziell daf\u00fcr vorgesehenen H\u00e4usern hat er aber rein gar nichts einzuwenden, wie man einem Zitat Philemons, das Cynulcus beif\u00e4llig anf\u00fchrt, entnehmen kann; gepriesen wird hier eine entsprechende Ma\u00dfnahme des Gesetzgebers Solons:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eYou [Solon], seeing that the state was full of men,<br \/>\nYoung, and possessed of all the natural appetites,<br \/>\nAnd wandering in their lusts where they\u02bcd no business,<br \/>\nBought women, and in certain spots did place them,<br \/>\nCommon to be, and ready for all comers.<br \/>\nThey naked stand: look well at them, my youth, \u2013<br \/>\nDo not deceive yourself; are you not well off?<br \/>\nYou\u02bcre ready, so are they: the door is open \u2013<br \/>\nThe price an obol: enter straight \u2013 there is<br \/>\nNo nonsense here, no cheat or trickery;<br \/>\nBut do just what you like, and how you like.<br \/>\nYou\u02bcre off: wish her good-bye; she\u02bcs no more claim on you.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>All das ist aber nur noch (Alt-)Philologen ein Begriff. Im 20. Jahrhundert hat sich die Bindung von \u201aPornographie\u2018 an Prostitution sehr weitgehend verloren (der Begriff der Pornographie fand nach vereinzelten Vorl\u00e4ufern im 18. Jahrhundert erst im 19. Jahrhundert etwas st\u00e4rker im deutschsprachigen Raum Verbreitung, dort manchmal noch mit Bezug auf \u201ap\u00f3rn\u0207\u2018). Die Begriffsverwendung hat sich mittlerweile von akademischen und juristischen Schriften abgel\u00f6st und ist in den allgemeinen Sprachgebrauch \u00fcbergegangen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verbreitung des Wortes hat aber seine Verwendung im Strafrecht anf\u00e4nglich eine bedeutende Rolle gespielt. Popularisiert wurde das Wort \u201aPornographie\u2018 in Deutschland durch juristisch-politische Debatten und Verordnungen. In der BRD geschah dies im Zuge der gro\u00dfen Strafrechtsreform (mit umf\u00e4nglichen medialen Berichten \u00fcber einzelne Anklagen und Prozesse) beim Wechsel des Begriff der \u201aUnzucht\u2018 zu ebendem der \u201aPornographie\u2018.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Nun darf man nicht annehmen, dass den K\u00fcnsten nach alter Rechtsprechung jede Behandlung \u201aunz\u00fcchtiger Themen\u2018 verboten gewesen sei. Das lange grundlegende Reichsgericht-Urteil in Sachen Kunst versus Unzucht gestand den vorbildlichen K\u00fcnsten die F\u00e4higkeit zu, dank ihrer Formgebung sogar Darstellungen von \u201eVorg\u00e4ngen geschlechtlichen Charakters\u201c so \u201edurchgeistigen\u201c und \u201everkl\u00e4ren\u201c zu k\u00f6nnen, dass \u201ebeim Betrachter die sinnliche Empfindung durch die interesselose Freude am Sch\u00f6nen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird\u201c (Urt. v. 6. November 1893; RGSt 24, 367). Im Umkehrschluss hei\u00dft das aber: Alle Werke, die solche \u201aDurchgeistigung\u2018 nicht vornehmen, sind unz\u00fcchtige Werke (und demnach keine Kunstwerke).<\/p>\n<p>Die Strafrechtsreform bringt hier \u00c4nderung. Dieser Wechsel wurde Ende der 1960er\/Anfang der 1970er Jahre vollzogen, um den modernen Anforderungen der Kunstfreiheit und teilweise gewandelten Moralvorstellungen zu gen\u00fcgen. Hie\u00df es im \u00a7184 StGB bis 1973 noch, verboten sei die Verbreitung \u201eunz\u00fcchtiger Schriften\u201c, ging man im Zuge der gro\u00dfen Strafrechtsreform dazu \u00fcber, von \u201epornographischen Schriften\u201c zu sprechen.<\/p>\n<p>Wegen der Einf\u00fchrung des Pornographie-Begriffs glaubte man, Werke der Kunst von Pornographie, die ohnehin nur noch f\u00fcr Jugendliche verboten, dadurch allerdings Erwachsenen schwer zug\u00e4nglich ist, ein f\u00fcr alle Mal geschieden und ihnen dadurch den freien Vertrieb gesichert zu haben. Der Sonderausschuss zur Strafrechtsreform nannte all diejenigen Darstellungen pornographisch, die nur darauf abzielen, einzig durch die Erregung eines sexuellen Reizes die Grenzen der allgemeinen Wertvorstellungen zu \u00fcberschreiten (BT-Dr VI\/1932).<\/p>\n<p>Angesichts dieses recht unbestimmten Kriteriums verwundert es jedoch nicht, dass die Gerichte ihre M\u00f6glichkeiten zur Aus- und Umdeutung nutzten, bis schlie\u00dflich das Bundesverfassungsgericht sein bis heute ma\u00dfgebendes Urteil sprach. Der Zusammenhang mit dem Thema \u201aProstitution\u2018 ist dabei erstens ein zuf\u00e4lliger, zweitens aber systematisch begr\u00fcndbar:<\/p>\n<ol>\n<li>Der einschl\u00e4gige Entscheid des Bundesverfassungsgerichts ergeht aufgrund einer Klage gegen die Indizierung des Romans <em>Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erz\u00e4hlt<\/em>.<\/li>\n<li>\u00dcber den Zufall hinaus, dass die abstrakten \u00dcberlegungen der Verfassungsrichter am Fall eines Prostitutionsromans entwickelt wurden, besteht ein Zusammenhang, den man gut f\u00fcr literar\u00e4sthetische und kulturwissenschaftliche Betrachtungen nutzen kann.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Einzelnen: Das Bundesverfassungsgericht korrigiert den Spruch des Bundesverwaltungsgerichts, bei <em>Josefine Mutzenbacher<\/em> handele es sich nicht um ein Werk der Kunst. Es best\u00e4tigt in diesem Zusammenhang die Auffassung des Bundesgerichtshofes \u00fcber die Vereinbarkeit von Kunst und Pornographie. Die Auffassung des Gesetzgebers, pornographische seien im Gegensatz zu unz\u00fcchtigen Schriften nie Anw\u00e4rter auf den Kunst-Titel, wird damit verneint. Kunstfreiheit umfasse auch die Freiheit der Wahl eines jugendgef\u00e4hrdenden Themas sowie dessen frei gew\u00e4hlte k\u00fcnstlerische, literarische Verarbeitung, f\u00fchrt der Erste Senat des Verfassungsgerichts am 27. November 1990 aus. Zwar \u201emag es zweifelhaft sein\u201c, ob ein Werk schon deshalb zur \u201eKunst\u201c zu schlagen sei, wenn auf dem Buchumschlag \u201aRoman\u2018 steht oder es von einem berufsm\u00e4\u00dfigen Schriftsteller verfasst worden ist. Als \u201edie der Kunst eigenen Strukturmerkmale\u201c f\u00fchrt das Gericht jedoch keine schwerwiegenderen auf: Zur Kunst z\u00e4hlt ein Werk f\u00fcr das Gericht, wenn es das \u201eErgebnis freier sch\u00f6pferischer Gestaltung [ist], in der Eindr\u00fccke, Erfahrungen und Phantasien des Autors in der literarischen Form des Romans zum Ausdruck kommen\u201c\u00a0 (BVerfGE 83, 138f).<\/p>\n<p>Zwar befremdet an dieser Definition der Vorrang der Ausdrucks-\u00c4sthetik, da unter ihr aber neben den Erfahrungen auch die Phantasien angesprochen werden \u2013 und das Gericht offenbar alles, was an Unrealistischem auf der Romanseite steht, als Phantasie gelten l\u00e4sst, entsteht daraus (bislang) kein Problem, das in einer pr\u00e4modernen Delegitimierung von Sprachspielen, Aleatorik, Montagen etc. best\u00fcnde.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch eine andere, hier dem Gericht wohl auch selbst bewusste, Klausel zur Einschr\u00e4nkung der Tragweite der Kunstfreiheit. Im <em>Mutzenbacher<\/em>-Urteil hei\u00dft es: \u201eF\u00fcr die Gewichtung der Kunstfreiheit kann von Bedeutung sein, in welchem Ma\u00dfe gef\u00e4hrdende Schilderungen in ein k\u00fcnstlerisches Konzept eingebunden sind.\u201c Unmittelbar danach wird pr\u00e4zisiert, dass es sich um eine nicht nur m\u00f6gliche, sondern unumg\u00e4ngliche Klausel handelt. Zwar umfasse die \u201eKunstfreiheit [\u2026] auch die Wahl eines jugendgef\u00e4hrdenden, insbesondere Gewalt und Sexualit\u00e4t thematisierenden Sujets sowie dessen Be- und Verarbeitung nach der vom K\u00fcnstler selbst gew\u00e4hlten Darstellungsart.\u201c Die Bedenken Cynulcus\u02bc hinsichtlich der Darstellung der Prostitution d\u00fcrfen darum bei der juristischen Einordnung, ob es sich um Kunst oder Unkunst handelt, keine Rolle spielen. Es gibt allerdings nach Willen des Gerichts ein Mehr oder Minder an Wirksamkeit dieser Freiheit gegen\u00fcber dem Jugendschutz: \u201eSie wird um so eher Vorrang beanspruchen k\u00f6nnen, je mehr die den Jugendlichen gef\u00e4hrdenden Darstellungen k\u00fcnstlerisch gestaltet und in die Gesamtkonzeption des Kunstwerks eingebettet sind.\u201c Zur \u00dcberpr\u00fcfung dieser Anforderung m\u00fcsse eine \u201ewerkgerechte Interpretation\u201c vorgenommen werden, um zu erhellen, ob \u201ejugendgef\u00e4hrdende Passagen eines Werks nicht oder nur lose in ein k\u00fcnstlerisches Konzept eingebunden sind\u201c (BVerfGE 83, 147f.).<\/p>\n<p>In teilweiser Vorwegnahme solch einer \u201eInterpretation\u201c nennt das Gericht als Anhaltspunkte des Kunstcharakters im speziellen Fall des <em>Mutzenbacher<\/em>-Werks die \u201emilieubezogene Schilderung\u201c, die \u201eVerwendung der wienerischen Vulg\u00e4rsprache als Stilmittel\u201c, \u201eparodistische Elemente\u201c und eine m\u00f6gliche Interpretation der Titelheldin (als Verk\u00f6rperung auf die \u201eUnterdr\u00fcckung des Geschlechtlichen\u201c reagierender \u201em\u00e4nnlicher Sexualphantasien\u201c); zus\u00e4tzlich ist bei der Abw\u00e4gung zwischen Kunst- und Jugendschutz die Aufnahme des Werkes bei Kritik und Wissenschaft zu ber\u00fccksichtigen (BVerfGE 83, 138, 148), die im gegebenen Fall nicht immer negativ ausgefallen ist.<\/p>\n<p>Man sieht, es gibt einigen Spielraum f\u00fcr \u201aInterpreten\u2018, die einem pornographischen Titel Kunst-Eigenschaften zuweisen wollen. Was nicht bedeuten muss, dass er darum automatisch frei verk\u00e4uflich und kein Gegenstand der Nachzensur sein darf. Bei <em>Mutzenbacher<\/em> kam die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften tats\u00e4chlich trotz des Kunst-Hinweises zum Ergebnis, dass der Roman f\u00fcr Jugendliche nicht \u00f6ffentlich sichtbar und zug\u00e4nglich gemacht werden d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Das besitzt auch eine gewisse Logik, sogar ganz unabh\u00e4ngig davon, wie die \u201ePassagen\u201c der Prostitutionssexualit\u00e4t im <em>Mutzenbacher<\/em>-Roman genau ausfallen. Denn Prostitution besteht im Regelfall aus wiederholten Gesch\u00e4ftsvorg\u00e4ngen, ihre Darstellung k\u00f6nnte demnach zur Addition und Serie neigen. Auff\u00e4llig ist an dem <em>Mutzenbacher<\/em>-Urteil \u2013 auch wenn es dem Gericht wahrscheinlich selbst nicht aufgefallen ist \u2013, dass immer von \u201ePassagen\u201c und \u201eSchilderungen\u201c die Rede ist: Plural; eine einzelne \u201aPassage\u2018 w\u00fcrde demnach nicht ausreichen, um den Pornographie-Begriff juristisch in Anschlag zu bringen.<\/p>\n<p>Diese Mehrzahl taucht auch in der Synopse unterschiedlicher Prostitutions-Begriffe auf. Thomas A.J. McGinn merkt an, dass es hunderte von Definitionen zu \u201aProstitution\u2018 gebe. Er h\u00e4lt daf\u00fcr, dass eine solche Definition drei Merkmale beinhalten m\u00fcsse, um die gro\u00dfe historische und kulturelle Verschiedenheit der Prostitution angemessen zu ber\u00fccksichtigen: \u201epromiscuity, payment, and emotional indifference between the partners\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Beim letzten Punkt muss man wohl anf\u00fcgen, dass mit \u201aemotionaler Indifferenz\u2018 fehlende romantische Gef\u00fchle gemeint sein d\u00fcrften, nicht das Fehlen von Lust, Ekel, \u00dcberlegenheitsgef\u00fchlen, Machtgier etc.<\/p>\n<p>Mit Blick auf das Verfassungsgericht-Urteil gesagt: Im Gegensatz zum Geschlechtsverkehr, der im Zeichen romantischer Liebe erfolgt, ist der Geschlechtsverkehr mit einer oder einem Prostituierten allt\u00e4glich vergleichsweise \u201alose\u2018 eingebunden. Kontakt \u00fcber den Geschlechtsverkehr hinaus gibt es zumeist nicht, an die Stelle l\u00e4ngerer sozialer, verbaler Interaktion vor dem Akt tritt die kurze Inspektion und Bezahlung. Exklusivit\u00e4t aufseiten der\/des Prostituierten ist nicht vorhanden, oftmals folgt im Arbeitsalltag dieser Berufsgruppe auf einen Akt mit einer anderen Person rasch der n\u00e4chste, sodass eine emotionale Bindung zu jedem K\u00e4ufer ausgeschlossen oder unwahrscheinlich ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine(n) Prostituierte(n), die (der) einigerma\u00dfen im Gesch\u00e4ft ist, ergibt sich daraus eine Konsequenz: So lose die Beziehung zu den einzelnen Kunden auch sein mag, so strikt ist der Zusammenhang \u2013 \u201epromiscuity\u201c bedeutet Mehrzahl, bedeutet eine Serie von geschlechtlichen Akten. F\u00fcr die Kunden wird das oftmals anders aussehen, die Frequenz der Akte liegt zumeist niedriger; verf\u00fcgen einzelne Kunden \u00fcber gen\u00fcgend Geld, kann die Frequenz aber auch sehr hoch sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Schriftsteller, der mit dem Anspruch auf Wirklichkeitsn\u00e4he schreibt, kann sich daraus das Problem ergeben, beinahe notwendigerweise Pornographie produzieren zu m\u00fcssen: eine Sukzession von Sex-Stellen. Und nach \u00e4lterer Unz\u00fcchtigkeits-Bestimmung lag das Problem schlicht darin, dass ein auf dem Buchmarkt ver\u00f6ffentlichter realistischer Roman den Akt der Prostitution nur schwer ausf\u00fchrlich und detailreich darstellen konnte, ohne Gefahr zu laufen, juristisch belangt zu werden.<\/p>\n<p>Bei Karl Heinz Bohrer findet sich ein typisches Beispiel, wie mit dem Problem umgegangen werden kann. Der Protagonist seiner <em>Granatsplitter<\/em> ist zwar offenkundig von Prostituierten fasziniert: Er l\u00e4sst \u201eseine erotischen Vorstellungen von Prostiuierten\u201c durch \u201eB\u00fccher bilden\u201c und h\u00f6rt bewundernd zu, wenn einer seiner Lehrer (der \u201ejunge Philosoph\u201c) gegen die \u201everliebte Vorstellung von einem anmutigen M\u00e4dchen, ohne dass daraus etwas w\u00fcrde\u201c, anredet: \u201eEr sagte immer wieder, man m\u00fcsse die Liebe ganz physisch kennenlernen, am besten im Bordell.\u201c Dennoch kommt das \u201aPhysische\u2018 erz\u00e4hlerisch nicht zu seinem antiromantischen Recht. Wohl steht der gymnasiale Held \u201eimmer wieder am Eingang\u201c der Bordellstra\u00dfe und blickt auf die Prostituierten: \u201eDie J\u00fcngeren standen in kurzen Hosen und B\u00fcstenhalter rauchend auf der Stra\u00dfe\u201c. Den Schritt dorthin tut er aber nicht, er zeigt sich abgesto\u00dfen von den \u00e4lteren Prostituierten, die \u201eeigentlich\u201c aussehen wie \u201em\u00fcde Arbeiterinnen oder Putzfrauen, keine Spur von Erotik.\u201c Und an den J\u00fcngeren missf\u00e4llt ihm, was sie und wie sie im \u201erheinischen Tonfall\u201c daherreden. Kein Vergleich mit der \u201ewunderbare[n] Erz\u00e4hlung von Flaubert namens <em>Novembre<\/em>\u201c, auf deren Taschenbuch-Umschlag \u201edas Bild eines gef\u00fchlvoll k\u00fchlen M\u00e4dchens zu sehen\u201c war.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Darum begn\u00fcgt sich der Held mit dem Buch. Der Bohrer-Leser wiederum muss sich bei der Erw\u00e4hnung von <em>Novembre<\/em> mit der Lekt\u00fcre der knappen Angabe zum Covergirl zufriedengeben, nicht einmal hier darf er die \u201aStra\u00dfe betreten\u2018, Philosophie und \u00c4sthetik bezwingen das Bordell, \u201eErotik\u201c schl\u00e4gt Pornographie.<\/p>\n<p>In Musils <em>Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rless<\/em> hingegen ist der Held nicht nur aus der Ferne oder in fiktiven sowie reproduzierten Welten fasziniert von einem \u201eWeib\u201c, das ein \u201eLotterleben\u201c f\u00fchrt. Lebensdaten der Frau: Tags\u00fcber \u201ehalf sie [\u2026] in der Wirtschaft und las des Abends billige Romane, rauchte Zigaretten und empfing hie und da den Besuch eines Mannes.\u201c Zu diesen \u201aBesuchern\u2018 z\u00e4hlt auch T\u00f6rless. Als Grund daf\u00fcr gibt die Erz\u00e4hlung eine besondere Art von Lust an: Das \u201eWeib\u201c, Bo\u017eena, \u201eerschien ihm als ein Gesch\u00f6pf von besonderer Niedrigkeit und sein Verh\u00e4ltnis zu ihr, die Empfindungen, die er dabei zu durchlaufen hatte, als ein grausamer Kultus der Selbstaufopferung.\u201c Er genie\u00dft angstvoll die Gefahr, erwischt und blo\u00dfgestellt zu werden, ihn reizt es, ins Gegenteil seiner gewohnten Lebenssph\u00e4re einzutauchen, \u201enackt, von allem entbl\u00f6\u00dft, in rasendem Lauf zu diesem Weibe zu fl\u00fcchten.\u201c Zwei Seiten sp\u00e4ter steht dann endlich das Wort \u201eDirne\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Zur Entbl\u00f6\u00dfung kommt es aber im Erz\u00e4hlbericht nur auf der metaphorischen Ebene. Sexuelle Handlungen f\u00fchren zu gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Abstraktion (\u201eWollust\u201c) und stehen ohnehin im Konjunktiv II: \u201eW\u00e4re Bo\u017eena rein und sch\u00f6n gewesen und h\u00e4tte er damals lieben k\u00f6nnen, so h\u00e4tte er sie vielleicht gebissen, ihr und sich die Wollust bis zum Schmerz gesteigert.\u201c Der auktoriale Erz\u00e4hler wei\u00df auch, warum: Das sei so bei \u201ejungen Leuten \u00fcberhaupt. [\u2026] Denn die erste Leidenschaft des erwachsenden Menschen ist nicht Liebe zu der einen, sondern Ha\u00df gegen alle.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Nicht mit der derselben Allgemeinheit, obwohl der \u00d6dipus-Mythos naheliegt, wird eine weitere Emotion T\u00f6rless\u02bc geschildert. In dem \u201ekleinen, \u00fcbelriechenden Zimmer\u201c muss er angesichts Bo\u017eenas \u201epl\u00f6tzlich an seine eigene Mutter denken\u201c, die f\u00fcr ihn doch vordergr\u00fcndig ein \u201eGesch\u00f6pf\u201c ist, \u201edas bisher in wolkenloser Entfernung, klar und ohne Tiefen, wie ein Gestirn jenseits alles Begehrens durch mein Leben wandelte\u201c, wie T\u00f6rless sich in Reflexionen zu beruhigen und vergewissern sucht. Aber das sind nur \u201eAusfl\u00fcchte\u201c, die das \u201eEigentliche\u201c nicht verdecken k\u00f6nnen, wie gleich erl\u00e4utert wird: \u201eT\u00f6rless s\u00e4ttigte sich mit den Augen an Bo\u017eena und konnte dabei seiner Mutter nicht vergessen; durch ihn hindurch verkettete die beiden ein Zusammenhang.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Da w\u00e4re also das Wort, das dem Verfassungsgericht viel wert ist: \u201eZusammenhang\u201c. Nicht \u201ein ein k\u00fcnstlerisches Konzept eingebunden\u201c sind diese \u201ePassagen\u201c keineswegs, der Zusammenhang mit den angeblich ehernen Gesetzen der (m\u00e4nnlichen) Jugend (\u201eHa\u00df gegen alle\u201c) wird ebenso deutlich erkl\u00e4rt wie die Faszination des \u201aNiedrigen\u2018 hinter dem vorgeschobenen \u201aReinen\u2018. Da diese Psychologie den gesamten Roman pr\u00e4gt, darf man sogar verneinen, dass die \u201ePassagen\u201c blo\u00df \u201elose\u201c eingebunden sind, was nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts ebenfalls die Schutzw\u00fcrdigkeit des Kunstwerks minderte.<\/p>\n<p>In weiteren Erz\u00e4hlwerken deutscher Sprache wird man auf der Suche nach \u201aeingebundener\u2018 Pornographie ebenfalls schnell f\u00fcndig. Falls mit \u201ek\u00fcnstlerisches Konzept\u201c etwas gemeint sein sollte, das die Prostitutions-Dienstleistung transzendiert, den gekauften Sexualakt \u00fcber blo\u00dfe Lust auf der einen und den Zwang, Geld verdienen zu m\u00fcssen, auf den anderen Seite hinaus motiviert, ist die erz\u00e4hlte Welt voller \u201aKonzepte\u2018. Zumindest jene Gegenwartsliteratur, die in Feuilletons besprochen, mit Preisen ausgezeichnet, in kulturell anerkannten Verlagen, von staatlichen Einrichtungen (Goethe-Institut, Schulen) vorgezeigt wird, muss man dann vom Vorwurf des \u201aLosen\u2018 ausnehmen. Ein weiteres Beispiel<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>: Dem Protagonisten aus Rolf Dieter Brinkmanns erstem Roman kann in all seiner Verzweiflung und in seinem permanenten Gedankenkreiseln und Wahrnehmungsfuror auch der Gang zur Prostituierten nicht abhelfen. Nat\u00fcrlich nicht: Denn der Roman hei\u00dft <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em>. Lust kann diese entfremdete Sexualit\u00e4t nicht bereiten, die pr\u00e4zise Wahrnehmung verhindert es, der eigene K\u00f6rper wird zum fremden Ding:<\/p>\n<p>\u201eDas Gummi wurde ihm von der Frau dr\u00fcbergezogen, die darauf mehrmals schnell mit der Hand \u00fcber die Feuchtfilmschicht auf und ab glitt, bis sie anscheinend das ank\u00fcndigende Zittern merkte, w\u00e4hrend er immer noch auf derselben Stelle am Fu\u00dfende der Liege stand, die Unterhose und Hose verkn\u00e4ult um die F\u00fc\u00dfe herum und vor sich diese sorgf\u00e4ltig aufgebauschte Frisur\u201c.<\/p>\n<p>Und so geht es weiter, \u201ebis es nach ein paar ungeschickten Bewegungen bereits kam\u201c \u2013 als ob eine Umkehrung des Selbstverlustes stattf\u00e4nde, steigert sich die Beobachtungssch\u00e4rfe jetzt beinahe noch \u2013 \u201eund in das Gummi scho\u00df, das mit einer Papierserviette vom schnell erschlaffenden Glied wieder abgezogen wurde und in den emaillierten Beh\u00e4lter unter dem Waschbecken geworfen wurde\u201c. <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Keineswegs muss dieser entfremdete Blick, der einen Zusammenhang mit anderen (allt\u00e4glichen) Problemen schafft und zugleich fast immer eine stetige Wiederholung solcher \u201ePassagen\u201c verhindert, in realistisch gemeinter Literatur dem Kunden vorbehalten bleiben. Wer Prostitution als Beruf aus\u00fcbt, dem wird die Wahrnehmung von Dingen au\u00dferhalb der K\u00f6rper, dem wird die Konzentration auf anderes als das eigene Begehren gerade m\u00f6glich, schlie\u00dflich erfolgen seine Handlungen aus anderen Motiven als denen des Lustgewinns oder gar romantischer Liebe.<\/p>\n<p>Pornographische Erz\u00e4hlungen (im Sinne Cynulcus\u02bc) k\u00f6nnen darum sehr leicht den Tatbestand der Pornographie (im Sinne der deutschen Rechtsprechung) vermeiden. Die Darstellung der Prostitution muss, selbst wenn sie den seriellen Charakter des sexuellen Gewerbes literarisch ber\u00fccksichtigt, nicht ohne \u201ek\u00fcnstlerisches Konzept\u201c auskommen. Dazu braucht man nicht einmal den Grad an philosophisch-psychologischer Exaltation (wie auktorial im <em>T\u00f6rless<\/em>) oder Entfremdung (wie personal in <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em>) erreichen, sondern muss einfach in Rechnung stellen, dass der Vorgang in der Wiederholung dem emotional m\u00e4\u00dfig Beteiligten viel Raum zu \u00dcberlegungen aller Art gibt. In Clemens Meyers Roman <em>Im Stein<\/em> nutzt eine Prostituierte den Ablauf z.B. zu ausf\u00fchrlichen Reflexionen \u00fcber Silvester, Steffi, Schweiz, Steuern etc. Hier der Anfang dieser Sequenz, die sich \u00fcber acht Seiten erstreckt:<\/p>\n<p>\u201eDer Typ schraubt an meinen Brustwarzen rum. Und ich tue so, als w\u00fcrde mich das ant\u00f6rnen, sein Gefummel, dieses Teenie-Gekicher habe ich ganz gut drauf, dieses Film-Gekicher, st\u00e4ndig laufen Filme im Fernsehen, wo diese Ami-Girlies ganz genauso bescheuert kichern, kann man \u00fcben, kann man lernen, stehen die G\u00e4ste drauf, die meisten, in Japan bedeutet Kichern Masturbieren, hat mir mal jemand gesagt, und das stimmt sogar, ich habe im Internet geguckt und dort erstmal nichts gefunden und dann aber in der Stadtb\u00fccherei, da gab\u2019s ein Buch \u00fcber Geishas, diese japanischen Liebesdienerinnen, ich habe schon ewig nicht mehr masturbiert, vielleicht stimmt da was nicht mit mir?, aber mir geht\u2019s ja ganz gut so weit, ich bin zufrieden, wenn man das so sagen kann, und ich st\u00f6hne und winde mich ein wenig unter ihm, damit er endlich zur Sache kommt. Ich k\u00f6nnte auch einfach so daliegen und die Lampe anblinzeln und warten, bis er mit der Schrauberei fertig ist. Aber ich habe ihn schon paarmal unten gesehen, ist ein Stammgast, da hat er mit der Kohle rumgeschmissen, ist meistens mit der Steffi hoch, aber die ist nicht mehr da jetzt, arbeitet jetzt in \u02bbner kleinen Wohnung, und ich beneide sie um die Ruhe, die sie da hin und wieder hat. Immer das Sektgetrinke unten an der Bar, und immer dieselbe Marke\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> usf.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu endlich <em>Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erz\u00e4hlt<\/em>, der Roman, der nach Auskunft des Bundesverfassungsgerichts zur Pornographie zu rechnen ist (und auch nach Cynulcus\u02bc Kriterium, denn die Erz\u00e4hlung stammt \u2013 man m\u00f6chte sagen: selbstverst\u00e4ndlich \u2013 nicht von einer Prostituierten, sondern von einem m\u00e4nnlichen Autor, aller Wahrscheinlichkeit nach von Felix Salten, bekannt als Verfasser von <em>Bambi<\/em>):<\/p>\n<p>\u201eSie \u00f6ffnete mein Leibchen, schob mir das Hemd so weit herunter, da\u00df meine kleinen Brustwarzen blo\u00df lagen, feuchtete ihre Fingerspitzen an und spielte leise, wie mit einer leckenden Zunge daran herum. Immer schneller, immer schneller, und bald traten meine Brustwarzen, die ganz flach gewesen waren, wie die kleinen Linsen so gro\u00df hervor und wurden ganz hart. Dazu vollf\u00fchrte Alois jetzt seine drehenden Bewegungen, die mir die Fut ausweiteten, die mich aber verr\u00fcckt machten vor Kitzel. Unter dieser Behandlung schwand mir alle Scheu, ich kreischte leise und rief: \u201aAch, mir kommt\u2019s \u2026 mir kommt\u2019s \u2026!\u2018 und warf mich mit meinem Popo jeder Bewegung, die Alois ausf\u00fchrte, entgegen.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Nun aber die Pointe: Diese S\u00e4tze wie auch die zahlreichen anderen Sex-Stellen des Romans sind zwar pornographisch im Sinne der Rechtsprechung, nicht aber unbedingt im Sinne Cynulcus\u02bc, denn sie zeigen keineswegs die Aktivit\u00e4ten einer \u201eDirne\u201c, wie der Titel ank\u00fcndigt, sondern ihre sexuelle Vorgeschichte (ab ihrem f\u00fcnften Lebensjahr, ab dem dreizehnten u.a. mit ihrem Vater). Von ihrer gewerbsm\u00e4\u00dfigen Prostitution wird lediglich der erste Tag erz\u00e4hlt, beschlossen von der knappen Aussage: \u201eIch war nun k\u00e4uflich, ein Ding f\u00fcr jedermann.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Wurden die ganzen Jahre der Kindheitserz\u00e4hlung gebraucht, um mit der benannten Freude an der (oft gewaltf\u00f6rmigen, von Erwachsenen ihr aufgeherrschten) Sexualit\u00e4t den Weg in die Prostitution zu begr\u00fcnden und zu legitimieren, schl\u00e4gt zum Ende die Stimmung j\u00e4h um. Als h\u00e4tte es die vielen Seiten mit ihrer Aufreihung an \u201ePassagen\u201c nicht gegeben, wird auf einmal von der Ich-Erz\u00e4hlerin der Nonsens solcher Serie behauptet. Der letzte Absatz der \u201eLebensgeschichte\u201c lautet:<\/p>\n<p>\u201eWenn man bedenkt, da\u00df das Jahr 365 Tage hat und wenn man nur, gering gerechnet, den Tag mit drei M\u00e4nnern einsch\u00e4tzt, so macht das an elfhundert M\u00e4nner im Jahr, macht in drei Jahrzehnten wohl dreiunddrei\u00dfigtausend M\u00e4nner. Es ist eine Armee. Und man wird es weder anraten noch w\u00fcnschen, da\u00df ich von jedem dieser dreiunddrei\u00dfigtausend Schweife, die mich im Laufe der Zeit bewedelt haben, einzeln Rechenschaft ablege. Es ist auch gar nicht notwendig, da\u00df ich es tue. Weder f\u00fcr mich, die ich diese Bl\u00e4tter nur aufschreibe, um mein Leben in seinen Hauptz\u00fcgen an mir vor\u00fcbergleiten zu lassen, noch f\u00fcr diejenigen, die in diesen Aufzeichnungen vielleicht nach meinem Tode bl\u00e4ttern werden. Denn im ganzen ist die Liebe unsinnig. Das Weib gleicht so einer alten Rohrpfeife, die auch nur ein paar L\u00f6cher hat und auf der man eben auch nur ein paar T\u00f6ne spielen kann. Die M\u00e4nner tun alle dasselbe. Sie liegen oben, wir liegen unten. Sie sto\u00dfen und wir werden gesto\u00dfen. Das ist der ganze Unterschied.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner langen Urteilsbegr\u00fcndung nicht ausgef\u00fchrt, ob dieser ans Ende gestellte Kommentar ein \u201ek\u00fcnstlerisches Konzept\u201c darstellt, das die \u201egef\u00e4hrdende[n] Schilderungen\u201c davor in hinreichendem Ma\u00dfe \u201aeinbindet\u2018 oder ob es ihn als Vorwand, als Ausflucht, als fadenscheiniges Deckm\u00e4ntelchen ansieht, war doch in den Szenen zuvor bei den Protagonisten vom \u201aUnsinn der Liebe\u2018 und ihrer Eint\u00f6nigkeit nichts zu sp\u00fcren. Wie dem auch sei, eine Konsequenz kann man dem Roman nicht absprechen: Mit dem Eintritt ins Berufsleben endet die (sexuelle) Geschichte tats\u00e4chlich, der Roman schildert \u00fcber Tag Eins hinaus auch keine au\u00dfergew\u00f6hnlichen oder beispielhaften Tage mehr \u2013 Prostitution beendet hier Pornographie, schlie\u00dft sie aus (die Pornographie im Sinne der Rechtsprechung, aber auch die im Sinne Cynulcus\u02bc).<\/p>\n<p>In der Gegenwart, in der kaum noch Porno-Graphie (Geschriebenes) Leserw\u00fcnsche befriedigt, sondern Porno-Videos via Internet dominieren, ist das freilich nicht mehr von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung. Auf Portalen wie YouPorn sind zwar sicherlich einige oder viele Akteure zu sehen, die dem Beruf der Prostitution nachgehen, kaum aber Rollen, die unter diesem Titel firmieren. Hier gibt es fast nur noch \u201eangehende Schaupielerinnen\u201c, \u201eM\u00fctter\u201c, \u201eSchwiegert\u00f6chter\u201c, \u201eFreundinnen\u201c etc., die das, was sie dann tun werden, vorzugsweise \u201ezum ersten Mal\u201c machen. Auch ein \u201aKonzept\u2018 zur Vermeidung von \u201aallzu losen Passagen\u2018: kein zweites Mal zulassen, im Clip nur eine \u201aPassage\u2018 zeigen. Streng genommen, existiert darum fast keine Pornographie mehr \u2013 weder handelt es sich bei den Web-Kurzfilmen um Pornographie im Sinne Cynulcus\u02bc (es fehlen die Prostituierten) noch der Rechtsprechung (es fehlt der Plural, es fehlen die \u201ePassagen\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Athenaeus: <em>The Deipnosophists<\/em>. \u00dcbersetzung von C.D. Yonge (1854). 13.567, in:\u00a0<a title=\"website athenaeus\" href=\"http:\/\/www.attalus.org\/old\/athenaeus13a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.attalus.org\/old\/athenaeus13a.html<\/a> (Stand: 03.12.2014).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Athenaeus: <em>The Deipnosophists<\/em>. 13.569.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ausf\u00fchrlich dazu: Hecken, Thomas: <em>Gestalten des Eros. Die sch\u00f6ne Literatur und der sexuelle Akt<\/em>. Opladen 1997.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> McGinn, Thomas A.J.: <em>Prostitution, Sexuality, and the Law in Ancient Rome<\/em>. Oxford u.a. 1988, S. 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Bohrer, Karl Heinz: <em>Granatsplitter. Erz\u00e4hlung einer Jugend<\/em>. M\u00fcnchen 2012, S. 253f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Musil, Robert: <em>Die Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rless<\/em> [1906]. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 29ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Musil: <em>T\u00f6rless<\/em>. S. 30.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Musil: <em>T\u00f6rless<\/em>. S. 32f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Weitere Nachweise: Hecken: <em>Eros<\/em>. S. 202.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Brinkmann, Rolf Dieter: <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em> [1968]. Reinbek bei Hamburg 1970, S. 100f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Meyer, Clemens: <em>Im Stein<\/em>. Frankfurt am Main 2013, S. 120.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Anonymus: <em>Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erz\u00e4hlt<\/em> [1906]. Reinbek bei Hamburg 1985, S. 46.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Anonymus: <em>Mutzenbacher<\/em>. S. 160.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a>.Anonymus: <em>Mutzenbacher<\/em>. S. 161.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Anonymus: <em>Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erz\u00e4hlt<\/em> [1906]. Reinbek bei Hamburg 1985.<\/p>\n<p>Athenaeus: <em>The Deipnosophists<\/em>. \u00dcbersetzung von C.D. Yonge (1854), in:\u00a0<a title=\"website athenaeus\" href=\"http:\/\/www.attalus.org\/old\/athenaeus13a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.attalus.org\/old\/athenaeus13a.html<\/a> (Stand: 15.1o.2016).<\/p>\n<p>Bohrer, Karl Heinz: <em>Granatsplitter. Erz\u00e4hlung einer Jugend<\/em>. M\u00fcnchen 2012.<\/p>\n<p>Brinkmann, Rolf Dieter: <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em> [1968]. Reinbek bei Hamburg 1970.<\/p>\n<p>Hecken, Thomas: <em>Gestalten des Eros. Die sch\u00f6ne Literatur und der sexuelle Akt<\/em>. Opladen 1997.<\/p>\n<p>McGinn, Thomas A.J.: <em>Prostitution, Sexuality, and the Law in Ancient Rome<\/em>. Oxford u.a. 1988.<\/p>\n<p>Meyer, Clemens: <em>Im Stein<\/em>. Frankfurt am Main 2013.<\/p>\n<p>Musil, Robert: <em>Die Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rless<\/em> [1906]. Reinbek bei Hamburg 1978.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Hinweise zum Sammelband \u00bbK\u00f6rper kaufen. Prostitution in Literatur und Medien\u00ab, in dem der Aufsatz zuerst erschienen ist, <a title=\"website verlag bachmann\" href=\"http:\/\/www.christian-bachmann.de\/b_koerper.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ganze Unterschied<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[397,1871,1910],"class_list":["post-6278","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bundesverfassungsgericht","tag-pornographie","tag-prostitution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6278\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}