{"id":6309,"date":"2016-11-12T17:49:40","date_gmt":"2016-11-12T15:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6309"},"modified":"2016-11-12T17:49:40","modified_gmt":"2016-11-12T15:49:40","slug":"bushido-fler-massiv-xatar-autobiografien-deutscher-gangstarappervon-martin-seeliger12-11-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/11\/12\/bushido-fler-massiv-xatar-autobiografien-deutscher-gangstarappervon-martin-seeliger12-11-2016\/","title":{"rendered":"Bushido, Fler, Massiv, Xatar: Autobiografien deutscher Gangstarappervon Martin Seeliger12.11.2016"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">Aufstiegserz\u00e4hlungen<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[Vorabdruck aus: Martin Seeliger\/Marc Dietrich (Hg.): Deutscher Gangstarap II. Popkultur als Kampf um Integration und soziale Ungleichheit. Bielefeld, Transcript Verlag. (Das Buch erscheint voraussichtlich 2017.)]<\/p>\n<ol>\n<li style=\"text-align: center\">Einleitung<\/li>\n<\/ol>\n<p>In seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Bedeutung von Resonanz f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt gelangt der Sozialtheoretiker Hartmut Rosa zu einer skeptischen Einsch\u00e4tzung der (emanzipatorisch-)politischen Potenziale der Popul\u00e4rkultur. Diese, so Rosa (2016: 374), sei \u201e\u00fcberwiegend unpolitisch geworden, sie versteht sich kaum mehr als Avantgarde, sondern versucht eher in variierenden Retrowellen den Geist vergangener Tage (des Punk, des Rockabilly, der Flowerpower etc.) wiederzubeleben.\u201c<\/p>\n<p>Wie die Analyse von vier Autobiografien deutscher Gangstarapper zeigen wird, l\u00e4sst sich diese Einsch\u00e4tzung mit Blick auf das zurzeit erfolgreichste Genre der deutschen HipHop-Kultur nicht best\u00e4tigen. Vielmehr enthalten die Lebensgeschichten von Bushido, Fler, Massiv und Xatar mit der Selbstbehauptung der Sprecher gegen\u00fcber einer als exklusiv und feindlich empfundenen Mehrheitsgesellschaft ein genuin politisches Moment. Unter Bezug auf verschiedene Elemente der Kulturtheorie und einige meiner fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen zum Thema werde ich die jeweiligen Erz\u00e4hlungen im Folgenden als Versuch einer Aktualisierung hegemonialer M\u00e4nnlichkeit interpretieren.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li style=\"text-align: center\">Gangstarap und das Genre Autobiografie<\/li>\n<\/ol>\n<p>Als Subgenre von HipHop stellt Gangstarap im Jahr 2016 die wohl unter verkaufs- als auch aufmerksamkeits\u00f6konomischen Aspekten erfolgreichste Spielart dieser Kultursparte dar. Die Sozialfigur des Gangstarappers entsteht hierbei im Schnittpunkt zweier Diskursstr\u00e4nge \u2013 einem krisenhaften, der junge M\u00e4nner mit (zumeist arabischem) Migrations- und Bildungshintergrund, daf\u00fcr allerdings mit Hang zu Homophobie, Misogynie und Gewaltt\u00e4tigkeit zur Gefahr f\u00fcr die gesellschaftliche Ordnung stilisiert.<\/p>\n<p>Mit Gayatri Spivak l\u00e4sst (1995) sich die Verdichtung sinnstiftender Repr\u00e4sentationen dieser Art als Form \u201eepistemischer Gewalt\u201c verstehen. Hiermit bezeichnet die indisch-US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin \u201eDiskurse \u00fcber den Anderen \u2013 die imperialistischen, orientalistischen, exotischen, anthropologischen und folkloristischen Diskurse, und die \u00fcber die Kolonisierten und die Primitiven\u201c (Hall 1994a: 20).<\/p>\n<p>Wenn deutsche Medien wie der Spiegel mit seiner Titelstory (1\/2008) eine \u201eMigration der Gewalt\u201c oder in der Ausgabe (13\/2007) eine \u201estille Islamisierung Deutschlands\u201c beschw\u00f6ren, transportieren sie gleichzeitig die symbolischen Rohmaterialien, die Rezipienten zur Konstruktion stereotyper Vorstellungen verwenden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Gleichzeitig, und so komplementiert die affirmativen Dimension dieses Krisendiskurses auch ein Moment des Empowerment, dient den Gangstarappern (und wom\u00f6glich auch einer Reihe von Rezipienten) die Profilierung \u00fcber Rap (oder die dort inszenierten T\u00e4tigkeiten) als Ausweg aus dem Defizit an materiellen G\u00fctern und Anerkennung. Mit den analysierten Autobiografien r\u00fccken in diesem Text vier B\u00fccher in den Fokus, die ihre Bedeutung \u2013 so ist zu argumentieren \u2013 innerhalb dieses Spannungsfeldes gewinnen.<\/p>\n<p>Das Feld der Literatursoziologie fristet, so Baasner (1996: 201) ein \u201eSchattendasein\u201c zwischen den Disziplinen der Kultur- und Sozialwissenschaft und fokussiert dabei \u201edie Interaktion der an der Literatur beteiligten Personen\u201c (F\u00fcgen 1974: 14) sowie die \u201eRahmenbedingungen, Strukturen und Konsequenzen literarischer Kommunikation\u201c (D\u00f6rner\/Vogt 2013: 2f). Den umk\u00e4mpften Charakter solcher Repr\u00e4sentationen betonen unter anderem Pierre Bourdieu und Loic Wacquant (2006: 101), wenn sie die soziale Welt einen \u201eOrt st\u00e4ndiger K\u00e4mpfe um den Sinn dieser Welt\u201c charakterisieren.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Der Inhalt einer Autobiografie stellt hierbei keineswegs objektiv dar, wie ein Mensch <em>wirklich ist<\/em>, oder wie eine Lebensgeschichte sich tats\u00e4chlich <em>vollzogen hat<\/em>. Hierauf sind allenfalls R\u00fcckschl\u00fcsse m\u00f6glich. Was uns eine Autobiografie in erster Linie zeigt, ist die Art, auf die der Autor oder die Autorin sich selbst in Szene zu setzen versucht. Zu einer interessanten Beobachtung gelangt hier Renate Liebold (2010: 280) in ihrer Auswertung einer Reihe aktueller Autobiografien sogenannter Spitzenmanager, die in ihren Darstellungen versuchen, sich als \u201eElite in einem substanziellen Sinn zu entwerfen.\u201c Verstehen wir dieses literarische \u201eBem\u00fchen um Distinktion und Zugeh\u00f6rigkeit\u201c mit Liebold (ebd.: 280) als \u201eCharismatisierung ihres Erfolgs\u201c, l\u00e4sst sich dies mit Max Weber als (symbolische) soziale Schlie\u00dfung, oder mit Karl Marx (und damit auch Seeliger und Kn\u00fcttel 2010) als \u201eKlassenkampf von oben\u201c begreifen. Aber bedeutet dies, dass sich die \u00c4u\u00dferungen der Gangstarapper demgegen\u00fcber als Gegenbewegung interpretieren lassen?<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit literarischen \u00c4u\u00dferungen von Akteuren aus dem Feld des Gangstarap bewegt sich damit innerhalb eines krisenhaften Diskurses um Einwanderung und Integration. Der stereotype Gangstarapper tritt hierbei insofern als \u201eFigur des Fremden\u201c (Siebel 2015: 35) in Erscheinung, als \u201enormale Entwicklungsverl\u00e4ufe und langweiliger Alltag weniger berichtenswert sind als vielmehr exotische Besonderheiten und emotional aufw\u00fchlende Konstellationen\u201c (Leenen\/Grosch 2009: 216).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a02.1 Theoretischer Rahmen<\/p>\n<p>Ein theoretischer Rahmen gibt die Aspekte vor, unter denen man das zu untersuchende Material analysiert. Im Folgenden setzt sich dieser Rahmen aus Elementen der Auseinandersetzung mit Intersektionalit\u00e4t (und insbesondere hegemonialer M\u00e4nnlichkeit) sowie verschiedenen Konzepten der Kritischen Theorie sowie der Cultural Studies zusammen. Diese werden im Folgenden genauer vorzustellen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">2.1.1 Gangstarap-Images aus intesektionaler Perspektive<\/p>\n<p>Wenn, wie Stuart Hall (1994: 74) betont, Identit\u00e4t \u201eimmer auch eine Erz\u00e4hlung, eine Art der Repr\u00e4sentation\u201c darstellt, lassen sich bei der Selbstinszenierung von Gangstarappern eine Reihe von Bez\u00fcgen auf unterschiedliche soziale Zugeh\u00f6rigkeiten als zentrale Referenzpunkte erkennen. Diese werden sozialtheoretisch mit Hilfe eines Ansatzes erfassbar, welcher seit den 1990er Jahren erst im Feld der Frauen- und Geschlechterforschung (Crenshaw 1991) und seit einiger Zeit auch im Bereich der Soziologie sozialer Ungleichheiten Anwendung findet. Die Rede ist vom Konzept der Intersektionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Grundidee des Ansatzes liegt darin, dass sich soziale Disparit\u00e4ten in aller Regel nicht unter Bezug auf eine einzelne Kategorie sozialer Zugeh\u00f6rigkeit erkl\u00e4ren lassen. W\u00e4hrend besonders die ersten Ans\u00e4tze zur Analyse solcher Disparit\u00e4ten traditionell vor allem die Kategorien Ethnizit\u00e4t, Klasse und Geschlecht in Betracht gezogen haben (vgl. etwa die Beitr\u00e4ge in Klinger et al. 2007), eignet sich zum Verst\u00e4ndnis der kulturellen Konstruktion von Gangstarapimages ein erweitertes Konzept, wie es Degele und Winker (2009) vorschlagen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Die besondere Bedeutung von Klasse f\u00fcr die subjektive Identit\u00e4tsentwicklung ergibt sich einerseits durch ihre Verbindung \u201emit dem materiellen Leben und durch die \u00d6konomie selbst\u201c (Hall 1994: 69f). Doch hat die Position innerhalb eines Systems der Leistungserstellung und G\u00fcterverteilung nicht nur unmittelbaren Einfluss auf den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen. Zus\u00e4tzlich pr\u00e4gt sie auch das Selbstverst\u00e4ndnis von Personen. Ob jemand arm oder reich ist, bezeichnet in der Regel nicht nur, ob er bestimmte Dinge besitzt, sondern auch, ob er bedient oder in Anspruch nimmt, Ansehen genie\u00dft oder sich unterordnen muss. In einem fr\u00fcheren Text (Seeliger 2012) habe ich gezeigt, weshalb sich Gangstarapimages aus Sicht einer politischen Soziologie sozialer Ungleichheit auch als Images klassenpolitischer Auseinandersetzung ansehen lassen: Es geht hier um Arme, die sich mit der (aus ihrer Sicht ungerechten) materiellen Privilegierung einiger Reicher nicht abfinden m\u00f6chten.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Zentrales Thema im Gangstarap ist neben der Armut auch die Verwehrung kultureller Teilhabechancen auf Grund rassistischer Ausschl\u00fcsse. Ein Migrationshintergrund im arabisch-islamischen Kulturkreis bringt die Protagonisten hier h\u00e4ufig in die Situation, sich mit Stereotypen auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Neben den Ausschlusserfahrungen erm\u00f6glichen diese jedoch gleichzeitig ein \u201aAufbauen\u2018 auf denjenigen Krisendiskursen, die junge M\u00e4nner mit Migrationshintergrund h\u00e4ufig als Gewaltt\u00e4ter und Kriminelle stigmatisieren.<\/p>\n<p>Die Beibehaltung der Kultur des Herkunftslandes unter Migranten und deren Nachkommen ist in der deutschen Gesellschaft also mit einer h\u00e4ufig anhaltenden Fremdheitserfahrung unter den Eingewanderten verbunden. Die hieraus resultierende \u201eFrage der Zugeh\u00f6rigkeit\u201c erkennt Foroutan (2013: 92) als Resultat \u201eeiner Gleichzeitigkeit von (identit\u00e4ren) Referenzsystemen, die dann problematisch sein kann, wenn diese vom Geltungsanspruch der Mehrheitsgesellschaft als antagonistisch, als dem Eigenen widersprechend betrachtet\u201c wird (ebd. 91).<\/p>\n<p>Wie Mannitz (2006) in ihrer \u00e4u\u00dferst instruktiven Studie zur Selbstverortung Jugendlicher (Post-)MigrantInnen in der Bundesrepublik zeigt, wirkt sich die multiple Identifikation h\u00e4ufig in Form eines \u201eBekenntniszwangs\u201c. W\u00e4hrend Kulturelemente der Aufnahmegesellschaft (schminken, Ausgang bis sp\u00e4t in die Nacht) von Seiten der Familien kritisiert wird \u2013 Mannitz (2006: 172) bezeichnet dies als \u201eVerdeutschung\u201c \u2013, zeigen die Institutionen der Aufnahmegesellschaft (und hier vor allem die Schule) eine Tendenz, den Betroffenen eben diese Verdeutschung abzuverlangen. Mit einem verstehenden Zugang zur Lebenswelt der befragten Jugendlichen gelangt die Autorin zur Rekonstruktion ihres Verst\u00e4ndnisses von \u201eDeutsch-Sein\u201c als<\/p>\n<p>\u201eein dichtes Kn\u00e4uel an Vergemeinschaftungsmomenten und Eigenschaften [\u2026], von denen nur manche teilbar waren: Abstammung, die nationale Geschichte, eine Mentalit\u00e4t, die f\u00fcr k\u00fchle Rationalit\u00e4t und \u00f6konomischen Erfolg stand, aber auch f\u00fcr irrationalen Fremdenhass und systematischen V\u00f6lkermord, modernes gesellschaftliches Leben, Gleichberechtigungsideale, Diskussionskompetenz und Kompromissbereitschaft \u2013 eine so komplexe wie ambivalente Melange. Werden k\u00f6nne man es h\u00f6chstens bis zu einem Grad von \u201adeutsch halb-halb\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Ethnizit\u00e4t als soziale Zugeh\u00f6rigkeit geht also nicht nur einher mit Fremdzuschreibungen, sondern \u2013 besonders in Verbindung mit Klassenzugeh\u00f6rigkeit \u2013 auch mit einer Pr\u00e4gung der eigenen Sicht auf die Welt.<\/p>\n<p>Da es sich bei den Protagonisten im Gangstarap fast ausschlie\u00dflich um M\u00e4nner handelt<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und sich diese vorwiegend \u00fcber maskulin konnotierte Verhaltensweisen profilieren, ist die Geschlechterdimension des Themas unter Aspekten von <em>hegemonialer M\u00e4nnlichkeit<\/em> zu beleuchten. Das von Raewynn Connell (2006) eingef\u00fchrte Konzept dient dem Verst\u00e4ndnis der Beziehungen zwischen unterschiedlichen Formen von M\u00e4nnlichkeit. Indem M\u00e4nner mit unterschiedlichen sozialen Hintergr\u00fcnden um die legitime Vertreterschaft der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit konkurrieren, wird M\u00e4nnlichkeit zum Statuswettbewerb verschiedener Gruppen. Als aktuell erfolgreichstes Projekt zur Vertreterschaft erkennen Connell und Messerschmidt (2005) die \u201aglobal business masculinity\u2018, wie sie z.B. ein Josef Ackermann vertreten hat.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Komplement\u00e4r bilden sich so auch subordinierte M\u00e4nnlichkeiten heraus. Dass sich deren Auftreten mitunter als offenes Konkurrenzverhalten im Wettbewerb um die Vertreterschaft hegemonialer M\u00e4nnlichkeit verstehen l\u00e4sst, habe ich in anderem Rahmen gezeigt (Seeliger 2013).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">2.1.2 Zum Verst\u00e4ndnis von Popul\u00e4rkultur: Nicht Kritische Theorie, sondern Cultural Studies!<\/p>\n<p>Nun erscheint Gangstarap als Reproduktion patriarchaler Muster im homosozialen Wettstreit um die legitime Form der M\u00e4nnerdominanz im Rahmen kulturindustrieller Inszenierungen nicht unbedingt als progressive Kulturform im emanzipatorischen Sinne. Diese nicht nur potenziell, sondern h\u00f6chstwahrscheinlich konservative (wenn nicht: regressive) Repr\u00e4sentation von Kultur ist in der Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften wohl am sch\u00e4rfsten (und pessimistischsten) durch die erste Generation der Frankfurter Schule kritisiert worden.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> F\u00fcr Horkheimer und Adorno (1988) gleicht die Produktion von \u201eMassenkultur\u201c der Fertigung anderer G\u00fcter insofern, als dass unter Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft beide der Wertform unterworfen sind. Da die Rezipienten dieser Kultur unter Bedingungen eines gesamtgesellschaftlich wirksamen Verblendungszusammenhangs lediglich \u00fcber ein \u201everdinglichtes Bewusstsein\u201c (Adorno 1973: 292) angeleitet w\u00fcrden, ist die Produktion von Kultur bereits auf der Angebotsseite abgeschlossen.<\/p>\n<p>Von dieser Sichtweise, m\u00f6chte ich mich im Folgenden (zumindest teilweise) abgrenzen. Denn zwar scheint mir die Kritik an den Institutionen einer \u2013 wie auch immer genau \u2013 \u201averwalteten Welt\u2018 (Adorno 2003) zwar als interessant und n\u00f6tig, methodologisch aber in einer Weise zu kurz greifend, die ein Verst\u00e4ndnis der sozialen Welt nicht nur erschwert, sondern wenigstens zum Teil verunm\u00f6glicht. Gegen\u00fcber dem makrosoziologischen Zugang der Kritischen Theorie, fokussiert die Perspektive der Cultural Studies die alltagsweltliche Produktion, Adaption und Transformation makrosozial zirkulierender Kulturmuster. Den Begriff der Kultur konzipieren Vertreter der Cultural Studies hierbei konsequent unter politischen Aspekten. \u00c4hnlich wie Bourdieu und Wacquant (2006) steht hierbei die Konstruktion sozialer Wirklichkeit im Widerstreit unterschiedlicher Akteure im Mittelpunkt des Interesses:<\/p>\n<p>\u201ePopular Culture is always a culture of conflict, it always involves the struggle to make social meanings that are in the interest of the subordinate and that are not those preferred by the dominant ideology. The victories, however fleeting or limited, in this struggle produce popular pleasure, for popular is always social and political\u201d (Fiske 1989: 3).<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Ganz in diesem Sinne erkennt Scharenberg (2001: 247) in den Repr\u00e4sentationen der HipHop-Kultur einen \u201esymbolische[n] Angriff auf die dominanzkulturelle Hegemonie.\u201c Den Symbolen der Dominanzkultur w\u00fcrden hierbei \u201eeigene Zeichen und Symbole, auch eine eigene Sprache, also: das eigene kulturelle Kapital, entgegengesetzt\u201c (ebd. 248).<\/p>\n<p>Keineswegs als voluntaristische Theorie gedacht, zieht die Perspektive der Cultural Studies herrschende Ideologien als wirkm\u00e4chtige Faktoren in Betracht. F\u00fcr das Feld des Gangstarap hie\u00dfe dies zuerst den eingangs vorgestellten Krisendiskurs um migrantische M\u00e4nner in als Teil des semantischen Bezugsrahmens in Betracht zu ziehen, innerhalb dessen \u00c4u\u00dferungen von Gangstarappern ihre spezifische Bedeutung gewinnen. Eine \u201estrategische Diskurspolitik\u201c, so Ha (2005: 115) geht hierbei \u201evon der zentralen Einsicht aus, dass rassistisch Marginalisierte von der Dominanzkultur als \u201aKanaken\u2018 mit all ihren negativen Abwertungen konstruiert werden.\u201c Gleichzeitig, und dies ist nicht nur den Gangstarappern klar, sondern auch vielen Rezipienten bewusst, geht es bei der Aneignung solcher Images \u201egerade nicht um eine freie Identit\u00e4tswahl, sondern darum, ein aufgezwungenes Selbstbild zu unterlaufen\u201c (ebd.).<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"text-align: center\">Untersuchung der vier Autobiografien<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dieser Abschnitt stellt die untersuchten Autobiografien dar. Einer allgemeinen Darstellung des Inhalts folgt eine kurze Beurteilung im Lichte der theoretischen Rahmung. Der Abschnitt schlie\u00dft mit einem Vergleich. Dass mit den vier Titeln nicht alle Buchver\u00f6ffentlichungen deutscher Gangstarapper ber\u00fccksichtigt werden, liegt daran, dass das zweite Buch von Bushido (2013) nicht schwerpunktm\u00e4\u00dfig biografisch orientiert und die angek\u00fcndigte Lebensgeschichte von Haftbefehl (2016) gegenw\u00e4rtig noch nicht erschienen ist. Die Reihenfolge der Darstellung orientiert sich an den Zeitpunkten ihrer Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0Bushido \u2013 Bushido<\/p>\n<p>Als erste Publikation aus dem Genre \u201aBiografien von Gangstarappern\u2019 erf\u00fcllt Bushido als Buchautor die gleiche Pionierrolle, die er auch im deutschen Gangstarap insgesamt einnimmt. Schon als Kind ist der stark auf seine Mutter fixierte Bushido Zeuge h\u00e4uslicher Gewalt, die sein Vater und sp\u00e4ter sein Stiefvater gegen diese aus\u00fcben. An Stelle der vollzeiterwerbst\u00e4tigen Mutter muss der Junge schon fr\u00fch Verantwortung \u00fcbernehmen. Ein biographischer Aspekt, der sich im Selbstverst\u00e4ndnis Bushidos abzeichnet, wenn er im Buch bemerkt \u201eF\u00fcr meinen Bruder war ich schon immer mehr als nur der gro\u00dfe Bruder\u201c (2008: 78).<\/p>\n<p>Gleichzeitig betont er von Anfang an, wie die materiell ung\u00fcnstigen Ausgangsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr ihn die Kultivierung starker Durchsetzungsf\u00e4higkeit bedingten. So l\u00e4sst er sich etwa spontan zum Schulsprecher w\u00e4hlen oder entschlie\u00dft sich kurzerhand zu einer Laufbahn als Drogendealer.<\/p>\n<p>Bei diesem Einstieg in die kriminelle Laufbahn kommt seiner Mutter, die ihn (wie auch im Fall seiner Rap-Karriere, f\u00fcr die sie ihm mit geborgtem Geld einen Sampler kauft) mit dem n\u00f6tigen Startkapital ausstattet, eine Schl\u00fcsselrolle zu. Mit ihrem Einverst\u00e4ndnis handelt er erst mit Marihuana, sp\u00e4ter mit Ecstasy und schlie\u00dflich mit Kokain. Dass ihm diese T\u00e4tigkeit zwar Geld, nicht aber Anerkennung durch die oberen Schichten bringt, tritt besonders deutlich hervor, als eine romantische Beziehung zu Selina, der Tochter eines reichen Haushaltes, beginnt. Gespr\u00e4che, die er am Mittagstisch mit ihren Eltern \u00fcber seine berufliche Perspektive f\u00fchrt, erlebt der Junge als besonders unangenehm. Dass er beim Sex mit Selina von deren Mutter im Wohnzimmer des elterlichen Hauses erwischt wird, erscheint vor diesem Hintergrund als symbolische Konfrontation bourgeoisen Wohlstands mit seiner \u00fcberlegenen Potenz. Ein \u00e4hnliches Motiv wiederholt sich, als Bushido nach der Trennung ihren neuen Freund verpr\u00fcgelt.<\/p>\n<p>Nachdem er beim Dealen erwischt wird, landet er auf Umwegen in einer \u201eAusbildungsst\u00e4tte f\u00fcr Benachteiligte Jugendliche\u201c, wo er eine Lehre als Maler und Lackierer beginnt und auf Fler trifft. Nach Abschluss der Lehre beschlie\u00dft Bushido, sich von nun an vollst\u00e4ndig auf das Rappen zu konzentrieren. Sein erster Vertrag mit dem Label Aggro Berlin verhilft Bushido zu deutschlandweiter Popularit\u00e4t. Doch als die Vereinbarung sich f\u00fcr ihn als unwirtschaftlich darstellt, mobilisiert Bushido Hilfe aus dem kriminellen Milieu Berlins: Mit Hilfe der Abou Chaker-Familie gelingt es ihm, den Vertrag zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Diese Trennung von Aggro Berlin und der Wechsel zu Universal beschreibt das Buch sehr detailgetreu. Deutlich wird hier auch seine enge Verbindung zur Unterwelt: \u201eDie Polizei z\u00e4hlt das Caf\u00e9 Al Bustan [Treffpunkt der Abou Chaker-Familie, M.S.] zu den gef\u00e4hrlichsten Pl\u00e4tzen Berlins. F\u00fcr mich ist es der einzige Zufluchtsort, an dem ich mich wirklich wohl f\u00fchle\u201c (Bushido 2008: 205). Gleichzeitig nutzt Bushido auch Metaphern aus dem Spitzensport, um seinen Marktwert innerhalb der Musikindustrie zu verdeutlichen: \u201eIch war 28 Jahre alt, am H\u00f6hepunkt meiner Karriere, abl\u00f6sefrei und bereit f\u00fcr den letzten gro\u00dfen Vertrag meines Lebens\u201c (ebd. 237). Die Fu\u00dfballmetapher versinnbildlicht einmal mehr die Verquickung physischer Durchsetzungsf\u00e4higkeit und wirtschaftlichen Erfolges zu einem spezifischen Ideal von M\u00e4nnlichkeit.<\/p>\n<p>Als biografische Grundbestandteile bilden das Fundament dieser Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung die fr\u00fche \u00dcbernahme von Verantwortung in der Familie sowie das disziplinierende Moment der Berufsausbildung. Gleichzeitig erscheinen aber auch die Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen von Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft als wesentliche Motivation, deren Vertreter unter Bezug auf ihre eigenen Ma\u00dfst\u00e4be zu \u00fcbertreffen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Eine weitere Facette des von Bushido kultivierten M\u00e4nnlichkeitsbildes ist in seiner ambivalenten Haltung gegen\u00fcber Frauen zu erkennen. Die bedingungslose Liebe und Verehrung der Mutter findet ihr Gegenteil in der krassen Gef\u00fchllosigkeit, die Bushido gegen\u00fcber anderen Frauen an den Tag legt, sobald er mit ihnen romantische und\/oder sexuelle Beziehungen eingeht. Urs\u00e4chlich f\u00fchrt er dies auf seine Erfahrungen mit Selina zur\u00fcck. Diese habe aus ihm einen \u201eskrupellosen Sex-Gangster\u201c gemacht, schreibt er, und auf diese Weise \u201eein Monster erschaffen\u201c. Aus diesem Grund dem\u00fctigt er daher auf Tour seine Groupies, z.B. indem er sie vor seinen Freunden beschimpft, oder beschreibt auf rei\u00dferische Weise Szenen sexueller Gewalt, um so die Ehrlosigkeit der betroffenen Frauen zu begr\u00fcnden (2008: 289). Unter der \u00dcberschrift \u201eSchwuchtel oder Mann?\u201c finden sich im Buch einige Ratschl\u00e4ge zur Gestaltung eines gelungenen m\u00e4nnlichen Lebensentwurfes: \u201eDie perfekte Beziehung gibt es sowieso nicht. Ganz ehrlich: W\u00fcrde die Fickerei nicht so viel Laune machen, g\u00e4be es keinen Grund, \u00fcberhaupt mit einem M\u00e4dchen zusammen zu sein\u201c (2008: 126).<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Die Geschichte Bushidos bewegt sich im Einklang mit einer neoliberalen Leistungsf\u00e4higkeitserz\u00e4hlung (Neckel 2006; 2008), die eine Entwicklung individueller Protagonisten von einer schlechten in eine bessere (nein: die beste!) Situation beschreibt.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Dieses Credo formuliert auch Bushido (2008: 11) gleich zu Anfang seines Textes recht explizit: \u201eIch wollte immer nur das Beste aus meinem Leben machen, deshalb bereue ich auch im Nachhinein keinen einzigen Tag und keine einzige Tat.\u201c Und weiter: \u201eGlaube an dich und du kannst alles erreichen, was du willst\u201c (ebd. 14). Im Kontext seines Gesamtwerks betrachtet stellt der hier transportierte \u00dcberlegenheitsgestus den Kern der Marke \u201aBushido\u2018 dar. Und so \u00fcberrascht auch nicht der personelle Referenzrahmen, den er aufspannt, wenn er ank\u00fcndigt, der Nachwelt etwas hinterlassen zu wollen: \u201eMeine Vorbilder in dieser Hinsicht sind Menschen wie Galileo, Platon, Einstein, Mandela, Achilles oder Columbus\u201c (ebd. 368).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Fler \u2013 Im Bus ganz Hinten<\/p>\n<p>Der Rapper Fler (b\u00fcrgerlich Patrick Decker) bezieht sich als einziger der vier Rapper auf seine deutsche Abstammung. Seinen leiblichen Vater beschreibt er als Alkoholiker, der im Zorn gegen Flers Mutter dessen erste Gewalterfahrung ausl\u00f6ste. Die eigenen psychischen Leiden thematisiert Fler im Buch sehr explizit (tats\u00e4chlich werden dem Kontakt mit den Institutionen des Gesundheitssystems \u2013 Psychiatrie, Psychologin \u2013 eigene Kapitel einger\u00e4umt). Er pflegt weiterhin einen offenen Umgang mit einer ADHS-Erkrankung und dem regelm\u00e4\u00dfigen Gebrauch von Ritalin und anderen Medikamenten. Seine Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst und anderen thematisiert er im Verlauf des Buches sehr offen.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Eine zentrale Bedeutung kommt im Buch dem Verh\u00e4ltnis zwischen Fler und seiner Mutter zu, das durch eine st\u00e4ndige Wiederholung von Entt\u00e4uschungs- und Missachtungserfahrungen gepr\u00e4gt ist. Dies schildert das Buch anhand einer Reihe kleinerer Beispiele: So verspricht die Mutter dem Jungen, ihn und einen Freund bei der Mini Playback-Show anzumelden, setzt dies aber nie in die Tat um. Gleichzeitig begegnet sie ihm h\u00e4ufig vorwurfsvoll: \u201e\u201aDu bist echt zu nichts zu gebrauchen\u2018, war einer ihrer Lieblingss\u00e4tze\u201c (Fler 2011: 20). Dass Fler sie beim Sex mit ihrem neuen Partner \u00fcberrascht, versinnbildlicht dem Jungen seinen Ausschluss aus der elterlichen Beziehung.<\/p>\n<p>Ansonsten ist Flers Kindheit zwar nicht von existenziellem Mangel, verglichen mit dem Rest der Gesellschaft jedoch durchaus von materieller Armut gepr\u00e4gt. Mit der deutschen \u201eMinderheit\u201c (ebd. 36) in seinem Viertel kann er sich schon in fr\u00fchen Jugendjahren nicht identifizieren: \u201eDie Deutschen waren mir einfach zu langweilig \u2013 die meisten hatten einen Stock im Arsch und waren komplett uncool.\u201c Bei den Ausl\u00e4ndern hingegen bewundert er das \u201eZusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl\u201c (Fler 2011: 38): \u201eSie waren alle wie Br\u00fcder. Und: Sie waren stolz auf ihre Herkunft. Die Ausl\u00e4nder waren die Kings der Hood\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>Eine Verquickung von ethnischer und Klassenidentit\u00e4t zeigt sich, als Fler in der vierten Klasse auf eine Schule in Zehlendorf wechselt:<\/p>\n<p>\u201eDas bedeutete: Raus aus dem Getto, hin zu den reichen Kids! Schon im Bus dahin merkte ich, dass ich komplett anders war als der Rest. Die Kinder, die auf diese Schule gingen, waren arrogant und kamen sich supergeil vor\u201c (2011: 49).<\/p>\n<p>Als \u201eeinzige[n] Lichtblick\u201c bezeichnet Fler (ebd.: 50) seinen Klassenkameraden Yazid. Beide Jungen legen \u00e4hnlich r\u00fcpelhafte Eigenschaften an den Tag, verhalten sich aber gleichzeitig aufrichtig zueinander und halten zusammen. Die anderen Jungen (M\u00e4dchen kommen als aktiv Handelnde in der Erz\u00e4hlung kaum vor) stellt Fler als verweichlicht und hinterh\u00e4ltig dar (\u201eIn den Gemeinschaftsduschen verarschten wir die anderen Jungs wegen ihrer l\u00e4cherlichen Miniaturschw\u00e4nze\u201c; ebd.). Auch dar\u00fcber hinaus beschreibt Fler seine verwahrloste Jugend, die gepr\u00e4gt ist durch Gewalt- und Delinquenzerfahrungen (so wohnt er etwa auch einer Vergewaltigung bei, die damalige Freunde begehen; Fler 2011: 80).<\/p>\n<p>Als Kind und Jugendlicher ist Fler hyperaktiv und als seine Mutter, um Geld zu sparen (Fler 2011: 59f), das Ritalin absetzt, erleidet der Junge einen Zusammenbruch und wird von seiner Kinderpsychologin ins Heim eingewiesen. In diesem Abschnitt, so Fler, erlebt er einen Tiefpunkt in seinem Leben: \u201eIch stand auf der Stra\u00dfe im Regen und stand kurz davor, mich aufzugeben\u201c (ebd.: 87).<\/p>\n<p>In der Ausbildung, die er im Wannseer Don Bosco-Heim beginnt, trifft Fler auf Bushido, der ihm in den kommenden Jahren als Vorbild dienen soll. Als dieser nach Abschluss seiner Lehre ank\u00fcndigt, sich in Zukunft auf das Rappen konzentrieren zu wollen, folgt ihm Fler (seinerseits allerdings ohne Abschluss). Der Anfang 20-J\u00e4hrige genie\u00dft von nun an das Leben als Rapper, es folgen Geschichten von der ersten Tour, die Darstellung ausschweifender sexueller Erfahrungen und Kleingaunereien. Nach der Trennung von Bushido folgt das Angebot eines Plattenvertrages durch das Label Aggro Berlin und der Aufstieg Flers als Rapper h\u00e4lt an. Als er schlie\u00dflich feststellt, dass die Labelbetreiber ihn nicht nur wirtschaftlich benachteiligen, sondern auch unkollegial behandeln, trennt er sich von ihnen. Am Ende des Buches vers\u00f6hnt er sich mit Bushido und beschreibt so seine finanzielle und pers\u00f6nliche Restauration.<\/p>\n<p>Stilistisch entspricht das Buch im Gro\u00dfen und Ganzen dem Genre des Jugendpopjournalismus. Dies mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass Fler mit den \u201eBravo\u201c-RedakteurInnen Julia Kautz und Sascha Wernicke als Co-Autoren zusammengearbeitet hat. Als zentrales inhaltliches Motiv des Buches erscheint der Topos der verschiedentlichen \u201aWiederauferstehung\u2018 Flers. Sein offener Umgang mit Verletzlichkeiten und Niederlagen erm\u00f6glicht ihm eine Dramaturgie, in dem es ihm unter widrigen Bedingungen immer wieder gelingt, gest\u00e4rkt aus der L\u00f6sung seiner Probleme hervorzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Massiv \u2013 Solange mein Herz schl\u00e4gt<\/p>\n<p>Als Sohn libanesischer Fl\u00fcchtlinge pal\u00e4stinensischen Ursprungs w\u00e4chst Massiv im rheinland-pf\u00e4lzischen Pirmasens auf. Der Junge ist ein schlechter Sch\u00fcler. Fr\u00fch plagen ihn Selbstzweifel, die auch durch eine st\u00e4ndige Infragestellung des Jungen von Seiten des Vaters gen\u00e4hrt werden. Ihr liebloses, h\u00e4ufig aggressives Verh\u00e4ltnis gepr\u00e4gt war durch st\u00e4ndige Dem\u00fctigung (\u201eWenn Baba lachte, dann nur \u00fcber mich\u201c; Massiv 2012: 33). Und auch im Wettbewerb um die Anerkennung der Eltern unterliegt er immer wieder der \u00e4lteren Schwester.<\/p>\n<p>Obwohl der Vater hart und regelm\u00e4\u00dfig arbeitet, bleibt die Familie arm. Die Schilderung der v\u00e4terlichen Erwerbst\u00e4tigkeit ist gepr\u00e4gt von klassischen Gastarbeiter-Topoi: Einmal etwa f\u00e4llt er positiv auf, weil er im Betrieb eine Toilette mit den H\u00e4nden reinigt, die sonst keiner der Kollegen auch nur anzufassen wagt. St\u00e4rke gegen\u00fcber seinem Sohn bewe\u00edst der Vater, indem er anhaltend Anpassungsf\u00e4higkeit und H\u00e4rte zum Ma\u00dfstab m\u00e4nnlicher Tugendhaftigkeit erkl\u00e4rt: \u201eEr meinte, Menschen die auf Sozialhilfe leben oder illegal arbeiten w\u00fcrden, m\u00fcsste man umbringen; auf der faulen Haut liegen sei besch\u00e4mend und eine Schande f\u00fcr jeden Menschen\u201c (Massiv 2012: 34). Eine Missbrauchserfahrung, die Massiv im fr\u00fchen Jugendalter erlebt, treibt diese Diskrepanz weiter auf die Spitze. Denn mit dem psychische Leidensdruck erh\u00f6hen sich auch die Erwartungen des Vaters, wenn er sagt: \u201eArabische M\u00e4nner sind stolze M\u00e4nner. Sie weinen nicht. Sie geben nicht auf. Sie sind bereit, f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung zu sterben. Sie sind bereit, f\u00fcr ihre Heimat zu sterben\u201c (2012: 107).<\/p>\n<p>In der Selbstdarstellung von Massiv im Buch findet sich immer wieder ein starker Bezug zur pal\u00e4stinensischen Abstammung der Eltern wieder. Die Migrationsgeschichte der Familie (Flucht in den Libanon, schlie\u00dflich Gew\u00e4hrung von Asyl in Deutschland) verunm\u00f6glicht dem Jungen eine eindeutige Identifikation mit einem einzelnen nationalen Kulturraum, schon als Kind f\u00fchlt er sich als \u201enichts Halbes und nichts Ganzes\u201c (ebd. 2012: 60).<\/p>\n<p>Auf Grund seiner schlechten schulischen Leistungen schicken die Eltern ihn in eine christliche Betreuungseinrichtung zum Nachhilfeunterricht. Von den dort t\u00e4tigen Ordensschwestern erf\u00e4hrt er vor allem Geringsch\u00e4tzung; sie nennen ihn nicht beim Namen, sondern sagen \u201eDu da\u201c und zwingen ihn als Strafarbeit das Vaterunser abzuschreiben. Als er sich weigert, von den Nonnen serviertes Schweinefleisch zu essen, wird er des Heimes verwiesen. Dass er, so l\u00e4sst sich interpretieren, die zwangsf\u00f6rmige Assimilation verweigert, bringt ihm von Seiten der Eltern allerdings keinerlei Anerkennung ein: Die Mutter reagiert entt\u00e4uscht und der Vater wird w\u00fctend.<\/p>\n<p>Nachdem er die Schule verlassen hat, stellt sich f\u00fcr den Jungen heraus, dass eine solide Erwerbst\u00e4tigkeit ihn weder zufriedenstellt, noch sein Auskommen gew\u00e4hrleistet. Er bricht f\u00fcnf (!) Ausbildungen ab (vgl. ebd.: 198)<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> und nimmt eine erfolgreiche T\u00e4tigkeit als Drogendealer auf. W\u00e4hrend seine beiden Gesch\u00e4ftspartner ihren Teil des Gewinns gleich ausgeben, beginnt Massiv Geld zu sparen. Gleichzeitig professionalisiert er nicht nur seine Kriminellen-T\u00e4tigkeit, sondern beginnt systematisch Kraftsport zu betreiben. Aus dem Schatten des Vaters tritt er also \u00fcber die Kultivierung eines unternehmerischen Selbstentwurfes heraus.<\/p>\n<p>Als sein bester Freund auf Grund seiner Verstrickung in den lokalen Rauschgifthandel zu neun Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt wird, trifft Massiv nach dem Prozess zuf\u00e4llig auf den T\u00e4ter, der ihn als Kind misshandelt hat. Aus Rache verpr\u00fcgelt er den Mann noch im Gerichtsgeb\u00e4ude. Anschlie\u00dfend sinniert er \u00fcber Gerechtigkeit: \u201eJemand, der einem Kind die Kindheit stahl, kam ungestraft davon, doch wehe dem, der den Staat beklaute \u2013 der musste bluten\u201c (ebd. 2012: 195).<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit in der N\u00e4he stationierten GIs entdeckt er sein Talent f\u00fcr Rap und entscheidet, einen entsprechenden Karriereweg einzuschlagen (die Eltern sind nat\u00fcrlich dagegen). Nachdem er eine Demo-CD aufgenommen und an eine Reihe von Labels und Produzenten verschickt hat, l\u00e4dt ihn der Berliner Rapper MC Bastard ein, gemeinsam mit ihm ein paar Songs aufzunehmen. Er \u00fcberredet seine Eltern, mit ihm nach Berlin zu kommen. Mit Hilfe des Ersparten vom Vater dreht er ein Video und schafft so den Durchbruch. Mit dem Vertrauen der Eltern ausgestattet gelingt so nicht nur die Verwirklichung seiner Aufstiegstr\u00e4ume, sondern gleichzeitig auch die Vers\u00f6hnung mit der Familie. Als einen Moment des Triumphes schildert Massiv, wie er Eltern und Schwester nach Abschluss eines gro\u00dfen Plattenvertrags in ein teures Berliner Steakrestaurant einl\u00e4dt (Massiv 2012: 307ff). Mission accomplished.<\/p>\n<p>Stilistisch bleibt das Buch\u2013 meinem Geschmack nach \u2013 hinter den anderen B\u00fcchern zur\u00fcck: Zu ungeschickt ist der Ausdruck.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Zu holzschnittartig und teilweise rei\u00dferisch sind die Formulierungen gew\u00e4hlt. Zu abrupt und drastisch verlaufen die Spannungsb\u00f6gen. Die Erz\u00e4hlung klingt dabei streckenweise so unrealistisch, das es fast absurd wirkt.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Insgesamt passt das aber auch zu den besonders \u00fcbertriebenen Darstellungen, wie sie sich auch in Massivs Rap-Texten finden.<\/p>\n<p>Inhaltlich folgt das Buch der Struktur einer Aufstiegserz\u00e4hlung, die sich neben der \u00dcberwindung sozialer H\u00fcrden und materieller M\u00e4ngel vor allem aus einer graduellen Aufarbeitung der Selbstzweifel ergibt, die der Junge im Verh\u00e4ltnis zu seiner Umwelt entwickelt hat. Hierbei ist vor allem die Bezugsperson des Vaters von Bedeutung: W\u00e4hrend dieser sich als Gastarbeiter in schlecht bezahlten Jobs mit unangenehmen Aufgaben herum\u00e4rgern muss, tritt Massiv aus seinem Schatten heraus, indem er als krimineller Unternehmer die Legitimit\u00e4t mehrheitsgesellschaftlicher Ordnung zu unterlaufen beginnt. Die Darstellung der erfolgreichen Laufbahn als Rapper l\u00e4sst sich anschlie\u00dfend hieran auch als symbolischer Angriff auf die legitime Vertreterschaft hegemonialer M\u00e4nnlichkeit interpretieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Xatar \u2013 Z\u00e4hl\u02bc so viele Scheine Du kannst, bevor Du sitzt<\/p>\n<p>Als Sohn gefl\u00fcchteter Freiheitsk\u00e4mpfer aus dem kurdischen Teil des Irak kommt Xatar Mitte der 1980er Jahre nach Bonn ins Viertel Br\u00fcser Berg. In der kleinen Wohnung, die die Familie in der Celsiusstra\u00dfe bezieht, herrscht, \u00e4hnlich wie im Viertel insgesamt, relative Armut. Durch Nebenjobs finanziert seine Mutter dem jungen Xatar Klavierunterricht, der \u2013 bedacht mit Talent und Durchhalteverm\u00f6gen \u2013 sich auch als guter Basketballspieler und passabler Gymnasiast herausstellt.<\/p>\n<p>Von seinen Lehrern erh\u00e4lt Xatar fast gar keine Anerkennung. Stattdessen stellt die Erscheinung des ausl\u00e4ndischen Jungen f\u00fcr die P\u00e4dagogen eine Provokation dar. In der Grundschule nimmt er mit einem aufw\u00e4ndigen Bild \u00fcber V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung an einem Malwettbewerb teil, den allerdings \u2013 Xatar meint zu Unrecht \u2013 ein deutsches Kind gewinnt: Ein Sinnbild f\u00fcr seine Situation. Lob gibt es nur einmal, als die Pausenaufsicht ihn zur Hilfe ruft, um ein paar fremde Hauptsch\u00fcler vom Schulhof zu verjagen: \u201eIn diesem Moment wurde mir klar: Egal, was ich gemacht oder versucht habe \u2013 diese Leute haben in mir immer nur den Asi-Kanaken gesehen\u201c (Xatar 2015: 31).<\/p>\n<p>Der Weg in ein b\u00fcrgerliches Leben versperrt, muss Xatar sich also nach Alternativen in seiner n\u00e4heren Umgebung umsehen.<\/p>\n<p>\u201eUnd da niemand etwas anbot, nahmen wir uns irgendwann einfach das, was wir glaubten, was uns zustehen w\u00fcrde. Weil es alle hatten, au\u00dfer wir. Das Leben schenkte uns nichts. Also fingen wir an, mit dem Leben zu dribbeln. So, wie es die \u00c4lteren machten. Wir sahen sie auf dem Br\u00fcser Berg mit ihren Benzern stehen, mit ihren goldenen Uhren. W\u00e4hrend andere den ganzen Tag schufteten und am Ende des Monats trotzdem jeden Pfennig umdrehen mussten, hatten diese Jungs immer ein paar Batzen auf Tasche\u201c (Xatar 2015: 36).<\/p>\n<p>Mit seiner ersten Gang, den Br\u00fcser Berg Asis, verschafft er sich die Aufmerksamkeit, an der es ihm in der Schule gefehlt hat. Dass der Einstieg in die Kriminellenlaufbahn auch eine neue Sichtweise auf Recht und Unrecht mit sich bringt, zeigt sich jedoch nicht nur in der zunehmenden Gewaltt\u00e4tigkeit und anderen Konflikten mit dem Gesetz, sondern auch in Gro\u00dfmut und Verantwortung. So veranstaltet er im Viertel Grillfeste f\u00fcr die Bewohner. Irgendwie h\u00e4lt man dort doch zusammen, oder m\u00f6chte zumindest etwas zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>\u00dcber weite Strecken hinweg lebt das Buch von der Darstellung der Arbeit als Krimineller. Detailliert beschreibt Xatar, wie er Drogen verarbeitet, Schulden eintreibt oder wie ihn Kokaindeals bis nach Peru f\u00fchren. Die Widerspr\u00fcche dieses Milieus bringt der Autor immer wieder anekdotisch-metaphorisch auf den Punkt, wie etwa im Falle des Drogenkochs, der pl\u00f6tzlich einen Gebetsteppich hervorholt, um sich an Allah zu wenden: Schlie\u00dflich m\u00f6chte man ja nicht als S\u00fcnder sterben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig entdeckt Xatar in dieser Zeit auch seine Passion f\u00fcr die Rapmusik und beginnt eigene Texte zu schreiben. Doch aufgrund eines missgl\u00fcckten Drogendeals begibt sich der aufstrebende Rapper 2005 ins Londoner Exil. Neben dem Betreiben einer Security-Firma und anderen Gesch\u00e4ften beginnt er hier, Musikmanagement zu studieren. Durch den Verkauf seines Bonner Internetcaf\u00e9s und einige andere Gesch\u00e4fte erwirtschaftet Xatar bis 2008 die stolze Summe von 120.000 Euro: Startkapital f\u00fcr sein Label \u201aAlles oder Nix-Records\u2018.<\/p>\n<p>Doch bevor das vielversprechende Projekt richtig ins Rollen kommt, ger\u00e4t Xatars Welt ein weiteres Mal aus den Fugen: Nachdem er gemeinsam mit Komplizen einen Goldtransporter \u00fcberf\u00e4llt, f\u00fchrt die Flucht vor der Polizei bis in den Irak, wo er schlie\u00dflich vom lokalen Milit\u00e4r festgenommen und nach einer kurzen Haftstrafe nach Deutschland ausgeliefert wird. Aus dem Gef\u00e4ngnis betreibt Xatar \u2013 den strengen Haftauflagen zum Trotz \u2013 nicht nur sein Label weiter, auf dem er die Platten einflussreicher K\u00fcnstler wie der Bonner SSIO oder die Frankfurterin Schwesta Ewa herausbringt. Mit Hilfe eines Diktierger\u00e4ts und einiger findiger Musikproduzenten nimmt er dort sogar ein Album auf, welches im Jahr 2012 erscheint.<\/p>\n<p>Nach seiner Haftentlassung im Dezember 2014 beginnt Xatar unmittelbar mit der Produktion seines neuen Albums \u201aBaba aller Babas\u2018, das im Mai 2015 erscheint. Gleichzeitig konzentriert er sich nun voll auf die Labelarbeit und er\u00f6ffnet au\u00dferdem eine Shisha-Bar auf den K\u00f6lner Ringen. Die \u201afrom rags to riches\u2018-Erz\u00e4hlung komplettiert ein Epilog, in dem Xatar am Steuer seines Wagens sitzend auf dem Heimweg von seiner Bar im Sonnenaufgang von einem Gesch\u00e4ftspartner \u00fcber ein erfolgreiches B\u00f6rsengesch\u00e4ft der beiden informiert wird. Xatar ist ein solider Gesch\u00e4ftsmann geworden.<\/p>\n<p>Allgemein kommen im Buch wenig Frauen vor. M\u00e4nnerdominanz wird hier \u2013 ganz im Sinne Connells (2006) \u2013 vor allem \u00fcber den Wettbewerb <em>zwischen<\/em> M\u00e4nnern verhandelt. Dies sch\u00e4gt sich auch in der Ausdrucksweise nieder: Den allt\u00e4glichen Statuswettbewerb in seiner Peer Group schildert Xatar (2015: 29) folgenderma\u00dfen: \u201eBei uns ging es eigentlich nur um ein einziges Thema: Wer ist ein Pisser und wer hat Eier?\u201c Gleichzeitig l\u00e4sst sich, hier und auch im folgenden Abschnitt, eine gewisse Selbstironie erkennen:<\/p>\n<p>\u201eEin Pisser ist jemand, der kassiert. Eier hat, wer Eier hat. Ich wollte zeigen, dass ich Eier habe. Darum habe ich verteilt. Man musste mich nur bl\u00f6d angucken und schon gab\u00b4s Schl\u00e4ge. Und je mehr Pisser von mir kassierten, desto mehr Anerkennung bekam ich auf der Stra\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Verstehen wir S\u00fcffisanz und die dargestellte M\u00f6glichkeit des Autoren, sich von sich selbst auf humoristische Weise (wenn auch nicht vollkommen) zu distanzieren, k\u00f6nnen wir Widerspr\u00fcche erkennen, die sich auftun, wenn wir Xatar als stereotypen ungebildeten Einwanderer betrachten. W\u00e4hrend er einerseits von handfesten kriminellen Auseinandersetzungen und Verstrickungen erz\u00e4hlt, verk\u00f6rpert er gleichzeitig Ideale des B\u00fcrgertums\u2013 die Musikalit\u00e4t, einen exquisiten Geschmack, Weltl\u00e4ufigkeit.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"text-align: center\">Vergleich der vier Autobiografien<\/li>\n<\/ol>\n<p>Einige zentrale Gemeinsamkeiten teilen die B\u00fccher nicht nur in Bezug auf den Verlag (bis auf Massivs Autobiografie sind alle im Riva-Verlag erschienen) und die Tatsache, dass alle mit Co-AutorInnen zusammengearbeitet haben, sondern auch hinsichtlich der stilistischen Vermittlung des Inhalts: In relativ einfachen Worten werden in den Handlungsverl\u00e4ufen einzelne Anekdoten aneinandergereiht, deren Abfolge den Aufstieg der Protagonisten von sozial benachteiligten Jugendlichen zu erfolgreichen Rappern beschreibt. W\u00e4hrend diese Erz\u00e4hlsequenzen vor allem im Fall von Massiv h\u00e4ufig abrupte Wendungen nehmen, die auf unerwartete Ereignisse zur\u00fcckzuf\u00fchren sind (pl\u00f6tzlich trifft er auf die GI\u00b4s und beschlie\u00dft auf Grund ihres Zuspruchs, Rapper zu werden), reichen die Spannungsb\u00f6gen im Falle der anderen drei B\u00fccher weiter. Die Plots wirken so weniger fahrig, und schlie\u00dfen st\u00e4rker an Erz\u00e4hlkonventionen der dramaturgischen Harmonisierung an. Inwiefern dies auch bedeutet, dass Massivs Autobiografie inhaltlich weiter von den realen Geschehnissen entfernt ist, als die anderen drei Texte, l\u00e4sst sich auf dieser Grundlage selbstverst\u00e4ndlich nicht sagen. R\u00fcckschl\u00fcsse auf eine \u201aobjektive Realit\u00e4t\u2018 sind bei der Analyse solcher Autobiografien ohnehin nur insofern m\u00f6glich, als sie sich auf Gegebenheiten jenseits des Erz\u00e4hlten selbst, d.h. auf seine Beziehung zu einer empirisch \u00fcberpr\u00fcfbaren Realit\u00e4t beziehen.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Eine erste Referenz, die sich in allen untersuchten B\u00fcchern wiederfindet, ist verbunden mit der Frage nach ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit. Mit Bushido, Xatar und Massiv teilen drei der vier Protagonisten einen Migrationshintergrund im arabischen Kulturkreis. W\u00e4hrend diese Hintergr\u00fcnde (tunesisch, irakisch-kurdisch, pal\u00e4stinensisch-libanesisch) subjektiv variieren, repr\u00e4sentieren sie im Kontext der deutschen Aufnahmegesellschaft die Eigenheiten einer Minderheit, deren Leben h\u00e4ufig von ethnischer Stigmatisierung und Ausschluss von materieller Teilhabe bestimmt ist. Diese Verquickung von ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit und Klassenidentit\u00e4t spiegelt sich jedoch nicht in der Biografie des Rappers Fler. W\u00e4hrend auch er einer relativ armen Familie entstammt, fehlt in seiner Biografie das Fremdheits-Moment, mit dem die anderen drei ihre jeweilige Randst\u00e4ndigkeitserfahrung begr\u00fcnden. W\u00e4hrend in der symbolischen Ordnung der kulturellen Repr\u00e4sentation im Westlichen Raum der wei\u00dfe Mann als \u201eunmarkiert\u201c (Di Blasi 2013: 9) gilt, ist dieser Universalismus im Feld des Gangstarap in umgekehrter Form g\u00fcltig. Rechtfertigungsbedarf f\u00fcr sein Deutsch-Sein deckt Fler, indem er traditionelle deutsche Hegemonie in der dargestellten Identit\u00e4tskonstruktion aufgibt und sich stattdessen mit den Tugenden subalterner Migranten identifiziert. Indem er auf diese Weise versucht, seine deutsche Identit\u00e4t zu behaupten, schafft er gleichzeitig auch Anschlussf\u00e4higkeit f\u00fcr deutschnational-v\u00f6lkische Ideologie. Entsprechende Vorw\u00fcrfe und ihre aggressive Abwehr haben Fler im Verlauf seiner Karriere als wichtiges aufmerksamkeits\u00f6konomisches Instrument gedient.<\/p>\n<p>Ein zweiter gemeinsamer Bezugspunkt der vier Biografien liegt in den jeweils geschilderten Verh\u00e4ltnissen der Protagonisten zu ihren Familien und insbesondere zu Vater und Mutter. W\u00e4hrend Xatar der Beziehung zu seinem Elternhaus zwar am wenigsten Platz einr\u00e4umt, l\u00e4sst er immer wieder durchblicken, dass die hochkulturelle Bildung und seine musischen Talente auf deren b\u00fcrgerlichen Hintergrund zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Ungleich st\u00e4rker f\u00e4llt der dargestellte Bezug zur Familie (oder genauer: zu seiner Mutter) bei Bushido aus, wohingegen er sich Kompetenzen zumeist selbst (durch Hartn\u00e4ckigkeit und Intelligenz) angeeignet hat, wann immer sie ihm als erforderlich erschienen. Dass sie ihn an zwei Stellen seiner Biografie beim Eintritt in die Erwerbst\u00e4tigkeit (erst als Dealer, dann als Rapper) finanziell unterst\u00fctzt hat, unterstreicht ihre erm\u00f6glichende Wirkung im Lebenslauf. Die enge famili\u00e4re Bindung Bushidos spiegelt sich also in seiner Darstellung der Mutter als Ausgangspunkt und Ziel seines Handelns. Bei Massiv fallen die Bez\u00fcge zu den Eltern ambivalenter aus. W\u00e4hrend er vor allem die Zuneigung der Mutter genie\u00dft, wirft die Figur des Vaters einen einsch\u00fcchternden Schatten vor allem \u00fcber die fr\u00fchen Lebensjahre des Jungen. Die Erarbeitung wirtschaftlicher Eigenst\u00e4ndigkeit erst durch Rauschgifthandel und sp\u00e4ter durch Musik ist hier nicht nur als Statuserwerb innerhalb der Gesellschaft, sondern auch als Emanzipation gegen\u00fcber den eigenen Eltern zu sehen. Anders stellt sich die Situation bei Fler dar, welcher schlie\u00dflich kaum positive Bez\u00fcge zu seinem Elternhaus findet. Hier ist es eher die Abwesenheit famili\u00e4rer Unterst\u00fctzung, die er als charakteristisch f\u00fcr seinen Werdegang beschreibt. Die zentrale Gemeinsamkeit der vier Biographien, dass die jeweiligen Aufstiegserz\u00e4hlungen ihre konkrete Bedeutung vor dem Hintergrund spezifischer Ausschluss- und Stigmatisierungserfahrungen gewinnen, verweist damit gleichzeitig auf die Unterschiede zwischen diesen spezifischen Erfahrungen im Einzelfall.<\/p>\n<p>Entsprechende Variationen finden sich auch im Hinblick auf das Verh\u00e4ltnis der vier Rapper zu Kriminalit\u00e4t. W\u00e4hrend Fler, abgesehen von einer Leidenschaft f\u00fcr illegales Graffiti, nicht durch eine systematische Verbrechert\u00e4tigkeit hervorgetreten ist, geben die anderen drei an, ihr Geld \u00fcber unterschiedlich lange Zeitr\u00e4ume hinweg mit dem Handel von Rauschgift verdient zu haben. Der Einstieg ins kriminelle Milieu erfolgt bei Massiv, relativ kurzfristig, \u00fcber einen Freund und wirkt in der Darstellung fast schon spontan (wohl auch wegen der wenig aufw\u00e4ndigen Erz\u00e4hlstruktur). F\u00fcr Bushido hingegen ergibt sich die Aufnahme der Dealert\u00e4tigkeit aus den Erfordernissen der Situation: Als er erkennt, wie viel Geld sich dort verdienen l\u00e4sst und wie unwahrscheinlich alternative Karrierewege erscheinen, erscheint die Entscheidung f\u00fcr das Drogengesch\u00e4ft fast schon unumg\u00e4nglich. Dass der Einstieg Xatars in den Rauschgifthandel die graduelle Eingew\u00f6hnung und den Aufstieg vom Stra\u00dfenverk\u00e4ufer bis hin zum Organisator im Hintergrund als gradueller Prozess erscheint, wirkt nicht nur realistisch, sondern ist wohl auch auf die sorgf\u00e4ltig arrangierte Erz\u00e4hlstruktur zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine weitere Parallele, die alle vier Geschichten verbindet, findet sich in der Gr\u00fcndung eines eigenen Labels durch die jeweiligen Protagonisten. Die Kultivierung unternehmerischer Selbst\u00e4ndigkeit rundet die biografische Bedienung eines Idealbildes hegemonialer M\u00e4nnlichkeit im Sinne Connells (2006) ab, welches die Tugendhaftigkeit b\u00fcrgerlicher M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen nur auf den ersten Blick zu \u00fcbernehmen scheint. Denn indem die vier Rapper wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit und Gestaltungsmacht nicht nur akquirieren, sondern sich dabei gegen Widerst\u00e4nde behaupten k\u00f6nnen, die f\u00fcr m\u00e4nnliche Vertreter der biodeutschen Mehrheitsgesellschaft keine (oder zumindest wesentlich geringere) Hindernisse darstellen, stellen sie im Vergleich mit den letzteren eine h\u00f6here Leistungsf\u00e4higkeit unter Beweis: Ganz nach oben haben sie es von ganz unten geschafft \u2013 und nicht von irgendwo aus der Mitte.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li style=\"text-align: center\">Fazit<\/li>\n<\/ol>\n<p>Neben Rap, Interviews, Musikvideos und anderen Kan\u00e4len haben deutsche Gangstarapper im Verlauf der letzten Jahre vermehrt auf die Ausdrucksform der Autobiografie zur\u00fcckgegriffen. Die Analyse der vier B\u00fccher sollte das Referenzsystem zeigen, innerhalb dessen Images aus dem Genre ihre gesellschaftliche Bedeutung gewinnen. Der Vergleich der B\u00fccher bringt ein \u00fcbergreifendes Muster zu Tage, welches sich im Verlauf aller vier Erz\u00e4hlungen wiederfindet. Zahlreichen gesellschaftlichen Hindernissen zum Trotz gelingt es den Protagonisten, mit ihrer Musik wirtschaftlichen Erfolg zu erreichen.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung eines Aufstiegs gegen Widerst\u00e4nde l\u00e4sst sich, im Einklang mit fr\u00fcheren Arbeiten, als Aktualisierungsversuch hegemonialer M\u00e4nnlichkeit deuten (Seeliger 2013). Es ist wohl der spezifischen Ausdrucksform \u201aAutobiografie\u2018 zuzuschreiben, dass die K\u00fcnstler, anders als in den Rapsongs, bei der Erz\u00e4hlung ihrer Lebensgeschichte eine andere Perspektive einnehmen. Reduziert um die aggressive Stilistik des Rap erscheinen die vier Sprecher viel weniger konfrontativ und vereinzelt, sondern als eingebunden in vielf\u00e4ltige soziale Zusammenh\u00e4nge. Die Stilisierung des eigenen Aufstiegs zum erfolgreichen biografischen Projekt gewinnt so eine weitere Bedeutungskomponente. Denn indem neben der individuellen Durchsetzungsf\u00e4higkeit auch die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde beschrieben werden, die die Durchsetzungsf\u00e4higkeit erst erforderlich machen, gewinnen die Erz\u00e4hlungen ein genuin politisches Moment. Die systematische Versperrung der M\u00f6glichkeit zu sozialem Aufstieg stellt ganz offensichtlich einen Widerspruch gegen\u00fcber dem liberalen Grundgedanken wirtschaftlicher Chancengerechtigkeit dar.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung \u201aunten gegen oben\u2018 oder \u201aarm gegen reich\u2018 l\u00e4sst sich im Sinne einer politischen Soziologie sozialer Ungleichheit am besten als Klassenkampf erfassen. Zwar wird dieser durch die Protagonisten nicht unbedingt kollektivistisch gef\u00fchrt \u2013 schlie\u00dflich geht es um individuelle Aufstiege und nicht um gemeinsame Interessenvertretung aller Angeh\u00f6rigen einer spezifischen Gruppe. Der anhaltende Bezug auf Klasse und Migrationserfahrung (au\u00dfer im Fall von Fler) bedingt die anhaltende Identifikation derjenigen sozialen Zugeh\u00f6rigkeiten, die den Zugang zu sozialer Teilhabe (durch Bildung, Reichtum, Anerkennung, etc.) innerhalb der Sozialstruktur determinieren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich Rosas (2016: 374) Diagnose, die Popkultur sei \u201e\u00fcberwiegend unpolitisch geworden\u201c zumindest in Frage stellen. Wenn mit Gangstarap das seit Jahren erfolgreichste Sub-Genre der deutschen HipHop-Kultur als Ort der Auseinandersetzung um soziale Teilhabe verstanden werden kann, k\u00f6nnen wir dann wirklich von einer unpolitischen Popkultur sprechen?<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Als \u201eVerweigerung von Kommunikation\u201c (Siebel 2015: 365) blockiert soziale Exklusion \u201ejede M\u00f6glichkeit, die Verunsicherung durch den Fremden zur produktiven Irritation werden zu lassen.\u201c Der Krisendiskurs, der die Auffassungen \u00fcber migrantische M\u00e4nnlichkeiten und Delinquenz seit einigen Jahrzehnten (und zuletzt in zunehmendem Ma\u00dfe) pr\u00e4gt, wird unter genau diesen Bedingungen des Ausschlusses gef\u00fchrt. Verstehen wir diesen Diskurs mit Spivak (1995) als Form der \u201eepistemischen Gewalt\u201c, welche die Anliegen der von den Rappern repr\u00e4sentierten Bev\u00f6lkerungsgruppe strukturell delegitimiert (\u201eDie passen hier nicht rein! \/ sind hier nur zu Gast!\/sollen sich mal eine anst\u00e4ndige Arbeit suchen!\u201c, usw. usf.), lassen sich Ausdrucksformen wie die Autobiografien der vier Rapper m\u00f6glicherweise als \u201eepistemische Gegenmacht\u201c verstehen.<\/p>\n<p>Verstehen wir den \u201eKampf um die \u00f6ffentliche Deutung literarischer Texte\u201c mit D\u00f6rner und Vogt (2013: 305) als \u201eBestandteil eines Kampfes um kulturelle Vorherrschaft\u201c, wird sich in der \u00f6ffentlichen Rezeption dieser Biografien entscheiden, inwiefern diese dazu beitragen, die stilisierten Lebensgeschichten (auch) als Forderung nach sozialer Teilhabe erkennbar werden zu lassen. Inwiefern die mitunter rei\u00dferische, h\u00e4ufig auch potenziell regressive (weil machistisch-misogyne, homophobe, individualistisch-materialistische, etc.) Darstellungsweise zu einer \u201eDurchbrechung des verdinglichten Bewusstseins\u201c (Adorno 1973: 292) beitragen kann, ist nicht gesagt. Dass die Gangstarapper, um \u00fcberhaupt geh\u00f6rt zu werden, immer schon an den Skandaldiskurs anschlie\u00dfen m\u00fcssen, birgt das Risiko, dass sie im \u00f6ffentlichen Bewusstsein von den stigmatisierenden Zuschreibungen keinerlei Abstand nehmen k\u00f6nnen, selbst wenn sie wollten. Wenn Angeh\u00f6rige subalterner Gruppen, dies zeigt die Analyse der vier B\u00fccher deutlich, statt ihre traditionellen, d.h. bereits diskursiv vor-stigmatisierten Ausdrucksformen zu nutzen, sich pl\u00f6tzlich alternativer (und in diesem Fall mit der Autobiografie sogar bourgeoiser) Medien bedienen, kann dies jedoch durchaus Neuordnung der entsprechenden Diskurse nach sich ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr wertvolle Hinweise danke ich Carolin Amlinger.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Yildiz (2007: 38) bezeichnet diese subjektiven Selbstverst\u00e4ndlichkeiten auch als \u201eethnisches Alltagswissen, das st\u00e4ndig reproduziert und best\u00e4tigt wird.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00c4hnlich erkennt auch Herbert Blumer (2013: 141) die Entstehung sozialer Probleme als \u201eResultat eines Prozesses kollektiver Definition\u201c. Gesellschaftliche Missst\u00e4nde erscheinen aus dieser Sicht also keineswegs als objektiv gegeben, sondern entstehen als Gegenstand sozialer Konstruktion.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zus\u00e4tzlich zu Klasse, Ethnizit\u00e4t und Geschlecht r\u00fcckt hier die Kategorie K\u00f6rper ins Zentrum des Interesses.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Oder zumindest insofern nicht, als dass sie nicht selbst arm bleiben m\u00f6chten. Inwiefern die Konsequenz einer solchen (geteilten) Ungleichheitserfahrung eine kollektive Klassenpolitische Mobilisierung bedeutet, stellt sich aus Sicht der verschiedenen Genrevertreter h\u00f6chst unterschiedlich dar.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> F\u00fcr Ausnahmen in Form einer \u201eweiblichen Empowerment\u201c siehe Gosmann und Seeliger (2013).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zur Kultivierung solcher Idealbilder siehe die Arbeiten zum Business Punk von Seeliger (2011).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Entsprechend verstanden und bezeichneten die Protagonisten dieses Ansatzes ihre Theorie auch als eine \u201eKritische Theorie\u201c. In Bezug auf Rap-Musik siehe hierzu \u2013 positiv \u2013 Behrens (2004) und \u2013 negativ \u2013 Seeliger (2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Diese (potenziell emanzipatorische) Kraft der Popul\u00e4rkultur ist in der politischen (Revolutions-)Theorie keineswegs unbeachtet geblieben. Besonders deutlich zeigt sich dies im Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Politisierung der Literatur, wie es Wladimir Iljitsch Lenin (1905: 13f) \u00e4u\u00dfert: \u201eNieder mit den parteilosen Literaten! Nieder mit den literarischen \u00dcbermenschen! Die literarische T\u00e4tigkeit muss zu einem Teil der allgemeinen proletarischen Sache, zu einem \u201aR\u00e4dchen und Schr\u00e4ubchen\u2019 des einen einheitlichen, gro\u00dfen sozialdemokratischen Mechanismus werden, der von dem ganzen politisch bewussten Vortrupp der ganzen Arbeiterklasse in Bewegung gesetzt wird.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Wie Bushido in seinem zweiten Buch (2013: 171) schreibt, best\u00e4tigt ihm sogar seine Ehefrau, \u201edass deutsche Typen in der Pubert\u00e4t stecken geblieben sind.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Entweder, so hei\u00dft es dort weiter, \u201edu h\u00e4ltst das Schiff \u00fcber Wasser\u201c oder \u201edu \u00f6ffnest dich vollkommen und kannst hundertprozentig davon ausgehen, dass deine Freundin oder Frau eines Tages zur Hure wird, ein Messer tief in dein Herz sticht und ganz langsam darin herumstochert\u201c (ebd.: 127). Zu diesem Zeitpunkt (d.h. bevor er ein paar Jahre nach Erscheinen seines Buches die Schwester Sarah Connors\u00b4 heiratet) ist nur die eigene Mutter in Ordnung. Und daher hat er sich auch ihren Namen \u201aLuise Maria\u2018 auf den rechten Unterarm t\u00e4towiert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Man kann sie allerdings nie erreichen, denn etwas besser geht immer.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Man erinnere sich auch an sein 2015 ver\u00f6ffentlichtes Album unter dem Titel \u201eKeiner kommt klar mit mir\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Wer kriegt nach der vierten abgebrochenen Ausbildung eigentlich noch einen Ausbildungsplatz?<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u201eEr grinste schief und trat mit dem rechten Fu\u00df gegen einen Stein, der mich treffsicher am Schienbein traf\u201c (Massiv 2012: 103).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Als er noch klein ist, freundet sich der junge Massiv etwa mit einer Ratte an, die bei ihnen in der Wohnung lebt. Mit Hilfe von K\u00e4sekr\u00fcmeln bringt er der Ratte Kunstst\u00fccke bei. Als der Vater dies mitbekommt, t\u00f6tet er die Ratte mit den Worten \u201eHier wird nichts verschenkt\u201c (Massiv 2012: 37).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Dass die objektiven Geschehnisse in den jeweiligen Lebensl\u00e4ufen nicht dazu geh\u00f6ren spiegelt sich am anschaulichsten in der Selbstdarstellung Xatars, der immer wieder mit dem (vermeintlichen) Erfolg seines Goldraubes kokettiert. Das funktioniert besonders gut, weil eben nicht klar ist, ob er das Gold (oder einen Gegenwert, den er im Zuge eines Verkaufs erzielt haben k\u00f6nnte) noch besitzt oder nicht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Und selbst wenn das nicht der Fall w\u00e4re: W\u00e4re eine Popkultur ohne explizite Referenzen an soziale Ungleichheit, wie sie sich etwa in den Songs von Rappern wie Crow findet, nicht auch zumindest in dem Sinne politisch, dass ihre Schwerpunktsetzung die bestehende Ordnung stillschweigend rechtfertigen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1973): \u00c4sthetische Theorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/p>\n<p>Baasner, Rainer (1996): Literatursoziologie. In: Baasner, Rainer; Zens, Maria (Hg.): Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einf\u00fchrung. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 201-207<\/p>\n<p>Behrens, Roger (2004): Adornos Rap. Quelle: http:\/\/txt.rogerbehrens.net\/Rap.pdf<\/p>\n<p>Blumer, Herbert (2013): Soziale Probleme als kollektives Verhalten. In: Ders: Symbolischer Interaktionismus. Aufs\u00e4tze zu einer Wissenschaft der Interpretation.Berlin: Suhrkamp, 141-155<\/p>\n<p>Bourdieu, Pierre; Wacquant, Lo\u00efc J. D. (2006): Reflexive Anthropologie. Frankfurt a.M: Suhrkamp<\/p>\n<p>Bushido (2008): Bushido. M\u00fcnchen: Riva Verlag<\/p>\n<p>Bushido (2013): Auch wir sind Deutschland. Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht. M\u00fcnchen: Riva<\/p>\n<p>Connell, Robert W. (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von M\u00e4nnlichkei\u00adten. Wiesbaden: VS<\/p>\n<p>Crenshaw, Kimberle (1993): Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence Against Women of Color. In: Stanford Law Review 43, 1241-1299<\/p>\n<p>Degele, Nina; Winker, Gabriele (2009): Intersektionalit\u00e4t. 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Bonn: Bouvier<\/p>\n<p>Go\u00dfmann, Malte; Seeliger, Martin (2013): \u201eIhr habt alle Angst, denn ich kann euch blo\u00dfstellen!\u201c Weibliches Empowerment und m\u00e4nnliche Verunsicherung im Gangstarap. In: Pop-Zeitschrift 2<\/p>\n<p>Ha, Kein Nghi (2005): Hype um Hybridit\u00e4t. Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Sp\u00e4tkapitalismus. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Haftbefehl (2016): Hayat. M\u00fcnchen: Riva<\/p>\n<p>Hall, Stuart (1994): Alte und neue Identit\u00e4ten, alte und neue Ethnizit\u00e4ten. In: Ders. Rassismus und kulturelle Identit\u00e4t. Hamburg: Argument, 66-88<\/p>\n<p>Hall, Stuart (1994): Neue Ethnizit\u00e4ten. In: Ders. Rassismus und kulturelle Identit\u00e4t. Hamburg: Argument, 15-26<\/p>\n<p>Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (1988): Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente. M\u00fcnchen: Fischer<\/p>\n<p>Klinger, Cornelia et al. (Hg.) (2007): Achsen der Ungleichheit. Vom Verh\u00e4ltnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizit\u00e4t. Frankfurt a.M.: Campus<\/p>\n<p>Leenen, Rainer; Grosch, Harald (2009): Migrantenjugendliche in deutschsprachigen Medien. In: Ottersbach, Markus; Zitzmann, Thomas (Hg.): Jugendliche im Abseits. Zur Situation in franz\u00f6sischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren. Wiesbaden: VS, 215-241<\/p>\n<p>Lenin, Wladimir Iljitsch (1905): Parteiorganisation und Parteiliteratur. In: Ders. Werke. Band 10. Berlin: Dietz, 29-34<\/p>\n<p>Liebold, Renate (2010): BIOS, Jg. 23 (20 10 ), Heft 2 \u00a9 Verlag Barbara Budrich Autobiographien der Wirtschaftselite: Selbstbild und Selbstinszenierungsformen. In Bios 23 (2), 280-297<\/p>\n<p>Mannitz, Sabine (2006): Die verkannte Integration. Eine Langzeitstudie unter Heranwachsenden aus Immigrantenfamilien. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Massiv (2012): So lange mein Herz schl\u00e4gt. K\u00f6ln: Bastei L\u00fcbbe<\/p>\n<p>Neckel, Sighard (2006): Gewinner \u2013 Verlierer. In: Lessenich, Stephan; Nullmeier, Frank (Hg.): Deutschland. Eine gespaltene Gesellschaft. Bonn: Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, 351-371<\/p>\n<p>Ders. (2008): Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft. Frankfurt a.M.: Campus<\/p>\n<p>Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp<\/p>\n<p>Scharenberg, Albert (2001): Der diskursive Aufstand der schwarzen \u201aUnterklassen\u2018. Hip Hop als Protest gegen materielle und symbolische Gewalt. In: Wei\u00df, Anja et al. (Hg.): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 243-269<\/p>\n<p>Seeliger, Martin (2011): \u201eWe like to close the bar at four in the morning and be at the office a few hours later.\u201c \u2013 Eine intersektionelle Analyse des \u2018Business-Punk- Magazins unter Aspekten hegemonialer M\u00e4nnlichkeit. In: Kn\u00fcttel, Katharina; Seeliger, Martin (Hg.): Intersektionalit\u00e4t und Kulturindustrie. Bielefeld: Transcript.<\/p>\n<p>Seeliger, Martin (2012): Kulturelle Repr\u00e4sentation sozialer Ungleichheit. Eine vergleichende Betrachtung von Polit- und Gangstarap. In: Dietrich, Marc; Seeliger, Martin (Hg.): Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beitr\u00e4ge zu einem Pop-Ph\u00e4nomen. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Seeliger, Martin (2013): Deutscher Gangstarap. Zwischen Affirmation und Empowerment. Berlin: Posth<\/p>\n<p>Seeliger, Martin (2016): Deutschsprachiger Rap und Politik. In: Dietrich, Marc (Hg.): Rap im 21. Jahrhundert. Eine (Sub-)Kultur im Wandel. Bielefeld: Transcript<\/p>\n<p>Seeliger Martin; Kn\u00fcttel, Katharina (2010): \u201eIhr habt alle reiche Eltern, also sagt nicht, \u201aDeutschland hat kein Ghetto!\u2018\u201c Zur symbolischen Konstruktion von Anerkennung im Spannungsfeld zwischen Subkultur und Mehrheitsgesellschaft. In: Prokla 160 (3)<\/p>\n<p>Siebel, Walter (2015): Die Kultur der Stadt. Berlin: Suhrkamp<\/p>\n<p>Spivak, Gayatri Chakravorty (1995): Can the Subaltern Speak? In: Ashcroft, Bill et al. (eds.): The Post-Colonial Studies Reader. London\/New York: Routledge, pp. 24-28<\/p>\n<p>Xatar (2015): Alles oder Nix: Bei uns sagt man, die Welt geh\u00f6rt dir. M\u00fcnchen: Riva<\/p>\n<p>Yildiz, Erol (2007): Migration bewegt die Gesellschaft : von der hegemonialen Normalit\u00e4t zur Alltagspraxis in der Migrationsgesellschaft. In: Figatowski, Bartholom\u00e4us et al. (Hg.): The Making of Migration: Repr\u00e4sentationen &#8211; Erfahrungen &#8211; Analysen. M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot, 33-45<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorabdruck mit freundlicher Erlaubnis des <a title=\"website transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Transcript<\/a> Verlags.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufstiegserz\u00e4hlungen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[265,401,763,995,1093,1482,1799,2564],"class_list":["post-6309","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-autobiografien","tag-bushido","tag-fler","tag-hiphop","tag-intersektionalitaet","tag-massiv","tag-politik","tag-xatas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6309"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6309\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}