{"id":6339,"date":"2016-11-27T14:02:21","date_gmt":"2016-11-27T12:02:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6339"},"modified":"2016-11-27T14:02:21","modified_gmt":"2016-11-27T12:02:21","slug":"eine-metal-begegnung-zwischen-botswana-und-deutschland-in-hamburgvon-dominik-irtenkauf27-11-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/11\/27\/eine-metal-begegnung-zwischen-botswana-und-deutschland-in-hamburgvon-dominik-irtenkauf27-11-2016\/","title":{"rendered":"Eine Metal-Begegnung zwischen Botswana und Deutschland in Hamburgvon Dominik Irtenkauf27.11.2016"},"content":{"rendered":"<p>Mode, nicht Religion<!--more--><\/p>\n<p>Hamburg, vor einigen Monaten: In der Kulturfabrik Kampnagel treten eine Black-Metal-Band aus Deutschland \u2013 ULTHA \u2013 und eine Death-Metal-Band aus Botswana \u2013 OVERTHRUST \u2013 auf. Der Soundcheck verspricht eine dichte Walze f\u00fcr den ULTHA-Auftritt. OVERTHRUST haben bereits am Tag zuvor ihren Soundcheck hinter sich gebracht. Eine Ver\u00e4nderung ist bei den Botswanern zu bemerken: Frontmann Tshomarelo Mosaka erweitert die L\u00e4nge der Ansprachen. Manchmal kippt die Aufmerksamkeitsspanne fast, aber nur fast.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Bandfoto-Europa-August-2016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6344\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Bandfoto-Europa-August-2016.jpg\" alt=\"overthrust-bandfoto-europa-august-2016\" width=\"800\" height=\"539\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Bandfoto-Europa-August-2016.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Bandfoto-Europa-August-2016-300x202.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Bandfoto-Europa-August-2016-768x517.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><em>Overthrust, August 2016, Z\u00fcrich (Copyright: Sascha Brosamer)<\/em><\/p>\n<p>Vulture Thrust (so Mosakas K\u00fcnstlername) und seine Band, so ist zu vermuten, m\u00f6chten nicht nur die Songs auf der B\u00fchne pr\u00e4sentieren. Die Leder-Outfits haben es schon nahegelegt, aber auf den deutschen B\u00fchnen wird es deutlich: It\u2019s a band on a mission. Metal aus Afrika steht nicht allein f\u00fcr die Band und ihr m\u00f6gliches Kompositionsgeschick. Es steht auch nicht f\u00fcr Botswana allein. OVERTHRUST repr\u00e4sentieren den ganzen Kontinent. Metal aus Afrika ist heute noch \u00dcberzeugungsarbeit. Das hat mehrere Gr\u00fcnde, wahrscheinlich auch ziemlich triviale: Was weit weg ist, das ist einem Gro\u00dfteil der Rezipienten \u00e4sthetisch zun\u00e4chst nicht besonders nah. Wenn es interessant sein k\u00f6nnte, dann als exotische Rohkost.<\/p>\n<p>ULTHA beginnen mit etwas Versp\u00e4tung. Die kleine Halle auf Kampnagel ist gut gef\u00fcllt. Kuttentr\u00e4ger stehen im Publikum, aber auch szenefremd gekleidete Zuschauer warten auf den ersten Schlag der K\u00f6lner Black-Metal-Band. ULTHA beginnen mit hohem Tempo. Die Nebelmaschine wirft ihre Produktion an, rotes Licht kleidet die f\u00fcnf Musiker in diffuse Atmo. Am Nachmittag beschwert sich noch der Azubi, dass die Band klare Vorstellungen \u00fcber ihre Lightshow h\u00e4tte. Er wollte sich ausprobieren. Keine Zeit f\u00fcr Experimente, wenn es um die visuelle Pr\u00e4sentation geht. Bei ULTHA muss der Eindruck passen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-kampnagel-konzert-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6347\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-kampnagel-konzert-1-1024x576.jpg\" alt=\"ultha-kampnagel-konzert-1\" width=\"695\" height=\"391\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-kampnagel-konzert-1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-kampnagel-konzert-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-kampnagel-konzert-1-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><em>Ultha in Hamburg, 17. August 2016 (Copyright: <span class=\"_5yl5\">Ancientspirit.de &#8211; Hage<\/span>)<\/em><\/p>\n<p>Der Black Metal von ULTHA beeindruckt mich. Er ist wie eine Wand, eine Wand, durch die man gehen kann. Die Gitarren errichten diese Dichte, die in den Konzertsaal schallt. Ich k\u00f6nnte jetzt ein paar Schritte vorw\u00e4rts gehen, die B\u00fchne erklimmen und st\u00fcnde mitten zwischen den Klangkreatoren. Entweder zwischen Chris und Ralf oder zwischen Chris und Ralph. Bassist\/Screamer und die zwei Gitarristen. Diese Sicht \u00fcberzeugt mich: Black Metal findet im Kopf statt. Ich entscheide vor der B\u00fchne, welche Musiker ich wahrnehme, welche Bilder dazu im Kopf entstehen. Dazu passen dann auch die existenziellen Themen, die ULTHA in ihren Texten verarbeiten. Bei der Performance jedoch sind die Schreie des S\u00e4ngers eher Instrument als Sprache. Sie f\u00fcgen sich in den musikalischen Eindruck.<\/p>\n<p>In diesem Moment h\u00f6re ich die hochfrequenten Gitarren, wie ich sie nenne. Tremolo-Picking, Tapping \u2013 also mit mehreren Fingern auf dem Gitarrenhals schnell \u00fcber die B\u00fcnde tippen. Black Metal hat dies perfektioniert. Iron Maiden begannen bereits in den 80ern damit, Sonic Youth praktizieren es in anderen Szenen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6346\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork-1014x1024.jpg\" alt=\"ultha-cover-artwork\" width=\"695\" height=\"702\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork-1014x1024.jpg 1014w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork-297x300.jpg 297w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork-768x776.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork.jpg 1188w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/ultha-cover-artwork-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der (k\u00fcnstliche) Nebel nimmt zu. ULTHA verschwindet und bleibt doch sichtbar. Es ist nicht nur Geschwindigkeit, Riffs bringen auch Groove in die Musik, aber gr\u00f6\u00dftenteils bleibt es abstrakt. Abstrakt in dem Sinne, dass die Band eine Vorstellung davon hat, wie ihre Musik auf der B\u00fchne klingen soll. Die Umsetzung ist st\u00f6rungsanf\u00e4llig. Sie ist dabei bem\u00fcht, den Eindruck der CD auch in der Performance zu erreichen. Durch die Art, wie ihre E-Gitarren gestimmt sind, durch die Art des verzerrten Gesangs, durch die Bpm-Zahl der Drumbeats lokalisieren sich ULTHA in einen Traditionsstrom ein. Zu diesem geh\u00f6ren mehr als die musikalischen Eigenschaften selbst. \u00dcber die ideengeschichtlichen Parameter wird noch gesprochen werden.<\/p>\n<p>OVERTHRUST legen los. Straighter Rhythmus, Growls, Drummer im Kapuzenpulli. Die Kapuze ist weit \u00fcber den Kopf gezogen. Verdeckt er sein Gesicht, eine besondere Form von Facepainting, um sich zu tarnen? Dann w\u00e4re es, nach den Outfit-Kriterien zu urteilen, Black Metal. Aber nein, sie spielen Rock\u2019n\u2019Roll (mit Growling), wie sie es in jedem Interview betonen. Der Rhythmus ist nie so schnell, dass man nicht mehr zu diesem Death Metal tanzen k\u00f6nnte. Es geht also zun\u00e4chst um den Spielspa\u00df. Das Publikum wippt mit. Es kommt Bewegung in die Kuttentr\u00e4ger. Heute Abend geht es aber um mehr. Es ist nicht nur Extreme Metal und die Musik als Universalsprache, Kommunikationsmittel ohne gro\u00dfe Worte. Metal aus Afrika ist \u00dcberzeugungsarbeit \u2013 rufen wir uns das ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die St\u00fccke klingen dabei jedoch wie ein Echo aus der Vergangenheit. Damals in den Neunzigern, als Chris Barnes noch Growls bei der Death-Metal-Institution Cannibal Corpse einsetzte. Vulture Thrust erkl\u00e4rt es im Interview: \u00bbWir stehen zu diesem Sound\u00ab. Das billige Equipment hinterl\u00e4sst seine Spuren \u2013 ich h\u00f6re das Bratzen der E-Gitarren, der Bass rumpelt noch dazu, die Drums fokussieren sich auf den Groove. Rhythmisch herrschen inzwischen in diesem Sektor andere Vorstellungen; das hat keine Wertigkeit, das hat sich in diese Richtung entwickelt. Abgesehen von Six Feet Under, dem neuen Projekt des Growlers Chris Barnes, wird bei den meisten Gruppen schlagzeugerisch auf schnelleres Tempo gesetzt. Zudem entsteht m\u00e4chtiger Druck auf der Bassdrum \u2013 manche Bands nutzen Trigger.<\/p>\n<p>OVERTHRUST spielen ihr komplettes Deb\u00fctalbum \u00bbDesecrated Deeds To Decease\u00ab (Eigenproduktion), die Songl\u00e4nge ist meist nicht l\u00e4nger als 3 Minuten. Ein ziemlicher Gegensatz zu ULTHA, die sich an die Sph\u00e4rentextur US-amerikanischer Black-Metal-Bands halten. W\u00e4hrend hier durch die langen und in sich repetitiven Kompositionen Trance entsteht und das wiederholte Mono-Riff zum Tr\u00e4umen einl\u00e4dt, bieten OVERTHRUST vergleichsweise \u203aknackige\u2039 Songs. Death Metal im alten Stil. Entertainment am sp\u00e4ten Abend. Moshpit, Headbanging, die speziellen T\u00e4nze der Metalfans.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6343\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record.jpg\" alt=\"overthrust-debut-record\" width=\"500\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record.jpg 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/overthrust-debut-record-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Deutsche Welle hat den Stil der botswanischen Band richtig wiedergegeben: Death Metal. Aber muss der Hinweis auf die \u00bbbesonders martialische Art des Death Metal\u00ab (Zitat aus dem Beitrag) sein? Das ist ein Spiel mit der heftigen Symbolik. Totensch\u00e4del, Blut, Morgenstern, Keule, H\u00f6hle und bald schon befinden wir uns in der Unterwelt. Ein anderes Interview (beim Deutschlandfunk) zeigt eine andere Dimension: die Bandmitglieder Vulture und Spencer Thrust, beide berichten von dem Kontakt zu Geistern. Hier \u00f6ffnet sich ein Bedeutungsraum. An diesem nimmt auch Hubert Fichte Teil. In <em>Lazarus und die Waschmaschine<\/em> (S. 281) geht er auf den Einfluss afrikanischer Religionen in Brasilien, aber nicht nur dort, auch auf Haiti, ein:<\/p>\n<p>\u00bbDie afroamerikanische Kultur gleicht einer barocken Fuge.<br \/>\nThemen, Riten umschlingen sich, verschlingen \u2013 synkopisch \u2013 sich, verkehren sich, werden umgekehrt, beschleunigt, verlangsamt, scheinen sich zusammenhanglos zu \u00fcberlagern, zu widersprechen \u2013 Teile ganz fremd zueinander.<br \/>\nMan verliert sie aus den Augen, vergi\u00dft sie, bekommt sie nicht in den Blick.<br \/>\nUnd doch ein Gro\u00dfes, Ganzes, das man nur versteht, wenn man mit Pein jedes Teil erfahren hat und den \u00dcberblick \u00fcber Gesellschaften, Kontinente, Epochen zur\u00fcckgewinnt.\u00ab<\/p>\n<p>Das Interesse an den afroamerikanischen Hybridformen lie\u00dfe sich auf Musik \u00fcbertragen; Death Metal als Geistergesang. Chanting nennt man es in der Ritualistik; da \u00fcberschneidet sich die Popularkultur in Form von Horrorfilmen und eine in Botswana anzutreffende spiritualistische Weltsicht. Vermutlich verarbeiten OVERTHRUST in ihren Texten diese Erlebnisse. \u00bbEs gibt zu Hause in Botswana einen Ort nahe des Flusses, an dem etwas Ungew\u00f6hnliches geschah. Das war so um 1997 oder 1998. Wir sahen damals eine Flamme, und aus ihr entstieg eine Figur in Wei\u00df. Als wir uns ihr n\u00e4herten, verschwand sie. Aus einiger Entfernung erkannten wir, dass es ein verborgener Geist war, zu dem wir nicht reden konnten\u00ab. (So erz\u00e4hlt Vulture Thrust zwei Tage nach dem Konzert in Hamburg.)<\/p>\n<p>Spencer Thrust f\u00fchrt im Radiointerview aus, wie die Hexerei ein virulentes Thema in Botswana ist. Durchaus gef\u00e4hrlich. Die junge Generation verliere jedoch den Glauben an solch ein animistisches Weltbild. Geister treten in dieser Altersklasse in den\u00a0 entsprechenden Genreprodukten auf: der Film \u00bbGrudge\u00ab zum Beispiel, mit besonders bleichen M\u00e4dchen, Japanese-Horror \u2013 etwas ziemlich Allt\u00e4gliches, Bekanntes. M\u00e4dchen im Teenageralter, sie werden zu Wesen aus dem Jenseits. Wir sehen die niedlichen vertrauten Gesichter, sind beruhigt, dann im n\u00e4chsten Moment \u2013 schnappen sie zu. W\u00fcrden wir jetzt bestimmen, dass Black und Death Metal ebenfalls erschrecken m\u00fcssten, dann w\u00e4re die Performance am heutigen Abend dichter, brutaler, tighter, d.h. das\u00a0 Zusammenspiel funktionierte ohne viele Unterbrechungen. Dann w\u00e4re es m\u00f6glich, den Verstand zu verlieren, w\u00e4hrend man im Publikum steht. Da dies jedoch ein Wunschalptraum bleibt, liegt der Kern woanders begraben. Egal, in welchem Kontext Extreme Metal auftaucht, es bleibt Musik. Und bleibt dadurch weniger erschreckend. So gesehen ist Horror-Metal vorausschaubarer als ein Horror-Film. Liegt es am Rhythmus?<\/p>\n<p>Eine andere Hybridform, die bei der Band aus Botswana zur Anwendung kommt, sind die bereits erw\u00e4hnten Leder-Outfits. Sie erinnern an eine Mischung aus Spaghetti-Western und \u00bbMad Max\u00ab-Filmen. Die Outfits unterst\u00fctzen den Community-Gedanken in der kleinen Metalszene von Botswana. Als biographischer Hintergrund spielt h\u00e4ufig die Arbeit als Rinderz\u00fcchter. Sowohl Musiker als auch Fans kleiden sich auf diese Weise. Der Community-Gedanke macht sich auch in Hamburg bemerkbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Karlsruhe-Konzert-August-2016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6345\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Karlsruhe-Konzert-August-2016.jpg\" alt=\"overthrust-karlsruhe-konzert-august-2016\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Karlsruhe-Konzert-August-2016.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Karlsruhe-Konzert-August-2016-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/11\/Overthrust-Karlsruhe-Konzert-August-2016-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><em>Overthrust, Konzert in Karlsruhe, P8, August 2016, (Copyright: Sascha Brosamer)<\/em><\/p>\n<p>Im Unterschied zu ULTHA war OVERTHRUST der soziale Gestus wichtiger, so schien es. Die L\u00e4nge der Ansagen, die Publikumsinteraktion in dem improvisierten St\u00fcck \u00bbOverthrust\u00ab (das vor allem aus dem Growlen des Bandnamens mit Unterst\u00fctzung von Bassgitarre und Drums besteht), die Botswana-Flagge als diplomatisches Zeichen der Metal-Community des Landes. So kann \u00bbBotswana\u00ab in Verbindung mit Metalmusik zum Brandmark oder zumindest zum Auszeichnungsmerkmal werden. Das wachsende Interesse weist in diese Richtung. Die Clickzahl des auf YouTube geposteten Deb\u00fctalbums vervielfachte sich deutlich nach dem Auftritt in Wacken. Die Zeit wird zeigen, ob die Band ihren Oldschool-Death-Metal mit mehr Lokalkolorit versehen wird. Bei einer Band wie Sepultura aus Brasilien zeitigte das bereits gro\u00dfe Erfolge, was die Popularit\u00e4t und Verkaufszahlen anging. Ein neueres Beispiel w\u00e4ren Orphaned Land aus Israel.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Das Reden \u00fcber den Rock\u2019n\u2019Roll, das Lebensgef\u00fchl in der Metal-Faszination, macht in Wacken und in Hamburg deutlich, dass hier die Musik entscheidet. Das verbindet OVERTHRUST neben den Leder-Outfits mit Mot\u00f6rheads verstorbenem Frontmann Lemmy Kilmister<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>: Musik h\u00f6ren, Musik spielen, \u00fcber Musik reden, Bier, Whisky oder Schnaps trinken, sch\u00f6ne Augen machen, eine gute Zeit haben, die Superheldenkleidung schneidern und die frohe Botschaft des Metal-Evangeliums verbreiten. Spencer Thrust unterstreicht im Interview mit der Deutschen Welle: \u00bbEs geht beim Metal um Mode, nicht um Religion\u00ab.<\/p>\n<p>Eine Black-Metal-Band w\u00fcrde diese Aussage nicht unbedingt unterst\u00fctzen. Denn es gibt gen\u00fcgend Projekte, die Satan in den Fokus r\u00fccken, die mystische Traktate studieren, die dem Anti-Gott n\u00e4her kommen m\u00f6chten, die immer noch Blasphemien ausspeien, um die Andersgl\u00e4ubigen zu provozieren, die aber vielleicht einfach aus der lyrischen Gewaltspirale der Metalmusik nicht mehr entkommen. So von wegen: harte Musik fordert harte Texte. Harter Inhalt sind dann Gewaltphantasien, Machtgel\u00fcste, Hasstiraden, \u00dcberleben in Eis und Frost, epische Schlachten aus der nordischen oder sonstigen Mythologien.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Metal ist keine zeitlose Musikform, wenn auch das Festhalten an der Tradition das manchmal insinuiert. Wer Metallica in den 1980ern geh\u00f6rt hat, wird heute die Achtzigeralben der Band auch mit der Zeit dazwischen h\u00f6ren. Im Jahr 2016 wird die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und siehe da: In St. Pauli wird in der Nacht nach dem Kulturkontaktkonzert Metallica auf Wunsch mancher Ultha-Mitglieder gespielt. Die Jungs von OVERTHRUST vergn\u00fcgen sich derweil bei Onkel Otto, einer illustren Kneipe, in Begleitung von finnischen Black-Metal-Musikern. Dort ert\u00f6nt wohl Schlager und z\u00fcnftiger Hardrock. Wie sich Konstellationen verschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Letztlich bewegen sich Musiker in ihren eigenen Weltblasen. Wenn sie auch Soundcheck machen, ihre Instrumente stimmen, die Konzerte spielen, sich unters Publikum mischen, Merchandise verkaufen, Cateringprodukte essen und trinken. Sie sind in sich, und viel Energie kostet es, zwei Kultursph\u00e4ren an einen Tisch zu bringen. Vielleicht war der Zeitrahmen zu klein? H\u00e4tten ULTHA schon am Montag nach Hamburg kommen k\u00f6nnen? Nein. Berufliche Verpflichtungen.<\/p>\n<p>F\u00fcr OVERTHRUST war es Urlaub im Metal-Land. Sie hatten alle Zeit der Welt. Bei der R\u00fcckkehr wurden sie vom Tourismusminister Tshekedi Khama empfangen. Auf dem Facebook-Profil findet man ein entsprechendes Foto. Vom Kulturminister des Landes haben sie die bereits erw\u00e4hnte Flagge als \u203aBotschafter\u2039 ihres Landes zur Anwendung \u00fcberreicht bekommen. Das Land scheint auf kulturellen Export zu setzen. Auch ein wenig massenradiotauglicher Stil wie Death Metal scheint f\u00fcr Botswanas Regierung eine nennenswerte Unterst\u00fctzung der Au\u00dfenwerbung f\u00fcr botswanische Kultur zu sein. Dies zeigt wiederum eine Integration in globale Vermarktungsabl\u00e4ufe.<\/p>\n<p>Wie diese \u203aeurop\u00e4ische Erfahrung\u2039 wirklich in Botswanas Metalszene wirken wird, l\u00e4sst sich erst vor Ort erkunden. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass dies n\u00e4chstes Jahr angegangen wird. Es bleibt ein blinder Fleck bestehen: mit den Instrumenten teilen diese beide Kulturen bereits eine gemeinsame Sprache. Einerseits liefern die Realien einen deutlichen Beweis daf\u00fcr: Death und Black Metal lassen sich als Sound und Kultur beschreiben. Andererseits scheint diese Feststellung romantisierend, wenn nicht sogar idealisierend. Im musikjournalistischen Tageswerk wird diese Imagination kolportiert \u2013 sichtbar an Slogans wie \u00bbMetal is language you can understand all around the world\u00ab und \u00e4hnlichem, was den Popforscher jedoch auf Distanz gehen lassen sollte.<\/p>\n<p>Ein Anfang ist es, nachzuzeichnen, wie die Soundscape zwischen Death Metal aus Botswana und Black Metal aus Deutschland w\u00e4chst. Vielleicht war diese Konstellation nur an einem Ort \u2013 einer \u201eKulturfabrik\u201c \u2013 m\u00f6glich, der der Szene fremd ist? Weil sich erst da die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten aufl\u00f6sen und den Blick auf die Abh\u00e4ngigkeiten freigeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. den <a title=\"artikel kahn-harris\" href=\"http:\/\/www.vice.com\/en_uk\/read\/atlas-hoods-botswanas-cowboy-metalheads\/page\/0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> von Keith Kahn-Harris, einem Musiksoziologen aus dem UK f\u00fcr das Vice-Magazin, in dem er die folgende Wendung entwirft: \u201ewill do a Sepultura\u201c, womit er den nicht unbedingt kommerziellen, aber vor allem konzeptionellen Durchbruch einer Extreme-Metal-Band aus Botswana meint.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Diese Verbindung zu der Ikone nicht nur der Metalmusik wurde auch durch ein Radiointerview der BBC mit Overthrust-Bandleader Tshomarelo Mosaka unterstrichen. Auf dem Soundcloud-Profil der Band ist dieses Interview zu h\u00f6ren. F\u00fcr die Band ist Lemmy ein Vorbild, f\u00fcr den Rock\u2019n\u2019Roll-Lebensstil einzustehen. Auch wenn die Musik von Overthrust aggressiver klingt, so verdankt sie Mot\u00f6rhead die Inspiration, an der Musik, dem Konzept und der eigenen Popularit\u00e4t zu arbeiten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Zu der Thematik finden sich inzwischen mehrere Abhandlungen. Eine erste Einf\u00fchrung in die Ideenwelt des Black Metals biete ich hier: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/34\/34237\/1.html\">http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/34\/34237\/1.html<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Barske, Sven: Afro-Metal auf Kampnagel. \u00bbWir reden \u00fcber Geister und Hexerei\u00ab (10.08.2016), unter: <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/afro-metal-auf-kampnagel-wir-reden-ueber-geister-und-hexerei.2177.de.html?dram:article_id=362716\">http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/afro-metal-auf-kampnagel-wir-reden-ueber-geister-und-hexerei.2177.de.html?dram:article_id=362716<\/a>.<\/p>\n<p>Hubert: Lazarus und die Waschmaschine. Kleine Einf\u00fchrung in die afroamerikanische Kultur, Frankfurt am Main: Fischer.<\/p>\n<p>Scheller, J\u00f6rg: Vom Schrei zur Schreischule: Heavy Metal als Paradessenz. In: Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab (Hg.): Metal Matters. Heavy Metal als Kultur und Welt, S. 279-289, M\u00fcnster et al. 2011: LIT-Verlag.<\/p>\n<p>St\u00fcbner-Lankuttis, Mikko: Heavy Metal aus Botswana (12.08.2016), Deutsche Welle-Nachrichten, unter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vvYMC2L1UvU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vvYMC2L1UvU<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mode, nicht Religion<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-6339","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6339"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6339\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}